kuhlewampe.net

im 7. Jahr
Herzlich Willkommen bei kuhlewampe.net. Ein Kultur-Literatur-Gesellschaftskritik-Blog im WWW
Gründer und Herausgeber: Dr. rer. pol. Christian G. Pätzold, Berlin
Kurator für Gesellschaftskritik: Dr. phil. Hans-Albert Wulf, Berlin
Wenn Ihr hier veröffentlichen wollt, schreibt bitte an: post(at)dr-paetzold.info
Kuhle Wampe ist ein Film von Bert Brecht, Slátan Dudow und Hanns Eisler aus dem Jahr 1932.


2021/03/08

Für keltische Feinschmecker:

Der Ort Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch in Wales
ist sehr schwierig auszusprechen


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2021/03/05

Zum 150. Geburtstag von Rosa Luxemburg
Geboren in Zamość/Kaiserreich Russland am 5. März 1871 -
ermordet in Berlin am 15. Januar 1919

Dr. Hans-Albert Wulf
"Die beiden letzten Männer der deutschen Sozialdemokratie!"


rosa
Rosa Luxemburg


Rosa Luxemburg wurde am 5. März vor 150 Jahren geboren. Gestorben ist sie am 15. Januar 1919. Erschlagen von Mördern einer rechtsradikalen Kampftruppe. Rosa Luxemburgs Leben war ein einziger Kampf. Symptomatisch hierfür ist die Kontroverse um den Massenstreik als revolutionärem Kampfmittel. In dieser Frage grenzte sich Rosa von verschiedenen Fronten ab. Zum einen von den Anarchisten, die ohne jede Rücksicht auf die jeweils aktuellen politischen Rahmenbedingungen gleichsam in einem amateurhaften Blindlingsdrauflos von hier auf heute politische Massenstreiks zum Sturze der bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung proklamierten.

Der diametrale Gegenpart zu einer solchen Revolutionsromantik waren die mit der SPD verbundenen deutschen Gewerkschaften, die ihre Aufgabe darauf beschränkten, die ökonomische Lage ihrer Mitglieder mit begrenzten Streiks zu verbessern. Mit politischen Streiks könnten sie ihre gesellschaftliche Stellung und Machtposition aufs Spiel setzen, so fürchteten sie.

Mit dem Begriff Massenstreik im Sinne von Rosa Luxemburg ist kein einfacher ökonomischer Streik gemeint, sondern eine möglichst flächendeckende Arbeitsniederlegung mit einer offensiven politischen Zielsetzung. Vorbild hierfür waren für Rosa Luxemburg und die Genossen des linken Flügels der SPD die Massenstreiks in der russischen Revolution 1905. In der deutschen Sozialdemokratie gab es zur gleichen Zeit auf dem Parteitag 1905 in Jena immerhin ein kleines Zugeständnis. Hier wurde ein Antrag verabschiedet, der den Massenstreik als defensives Kampfmittel bei politischen Angriffen der Herrschenden befürwortete. Aber dies hieß noch lange nicht, dass der Massenstreik als revolutionäres, also offensives Kampfmittel akzeptiert wurde. Doch auch dieser Beschluss wurde bereits ein Jahr später auf dem Reichsparteitag der SPD 1906 in Mannheim dahingehend aufgeweicht, dass Massenstreiks grundsätzlich nur mit der Zustimmung der Gewerkschaften stattfinden durften. Und so gaben die Gewerkschaften den reformistischen Ton in der deutschen Arbeiterbewegung an. An offensive politische Streiks wie in Russland 1905 war damit nicht mehr zu denken. Der von Rosa Luxemburg repräsentierte linke Flügel der SPD geriet damit immer mehr in die Defensive und die Mehrheits-SPD machte immer mehr mit dem bestehenden kapitalistischen System ihren Frieden und diese opportunistische Grundhaltung fand bekanntlich einen Höhepunkt 1914 mit der Bewilligung der Kriegskredite zur Finanzierung des 1. Weltkrieges durch die SPD.

Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und die anderen Akteure des linken Flügels der SPD waren angewidert von solch einer reformistischen und revisionistischen Politik und hierzu gibt es eine kleine Geschichte: Rosa Luxemburg und Clara Zetkin befanden sich einmal auf einer Tagung der SPD-Führung. Und da sie die pflaumenweichen Reden ihrer SPD-Mannen nicht mehr anhören wollten, gingen sie hinaus und machten einen Spaziergang. Drinnen habe man sich, so hieß es nach ihrer Rückkehr, Sorgen gemacht, wo sie denn wohl geblieben seien und ob ihnen möglicherweise etwas zugestoßen sei. Man habe schon gewitzelt, was dann wohl auf ihrem Grabstein geschrieben stehen würde. Darauf erwiderte Rosa : "Warum nicht einfach: Hier ruhen die beiden letzten Männer der deutschen Sozialdemokratie!"

© Dr. Hans-Albert Wulf, März 2021.


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2021/03/02

Markus Richard Seifert
Arbeiten im Home Office


Als er mal wieder arbeitslos war (und da er keine Ausbildung hatte, war er das immer mal wieder), wurde ihm von seinem zuständigen Jobcenter (dem früheren Arbeitsamt) ein Zusatzjob angeboten, eine so genannte oder auch MAE-Stelle mit seit 2019 ZWEI €uro pro Stunde und 6 Stunden pro Tag. Aber was ist eine MAE? MAE bedeutet Mehraufwand, besagt also, dass ein Berufstätiger Mehraufwand hat, zum Beispiel für eine Monatskarte für seinen Weg zur Arbeit. Was ist also ein MAE-ler?? Ganz einfach gesagt - ein berufstätiger Arbeitsloser! Genau so wie ein so genannter "Aufstocker".

Und zwar im Rathaus Schöneberg zu Berlin. Dort gab es nämlich eine Dauer-Ausstellung mit dem Titel WIR WAREN NACHBARN, wo ausgewählte Biographien von jüdischen Mitbürgern dokumentiert wurden, die während der Zeit der NS-Diktatur verfolgt worden waren. Prominente wie der Physiker Albert Einstein oder Walter Benjamin waren dort friedlich vereint mit vielen so genannten "kleinen Leuten" aus dem Volke, die auch jüdische Leute gewesen sind. Und da der Tresen (mit einem kleinen Büchertisch) schon mit drei Mitarbeitenden besetzt war, so erhielt er eine Stelle im so genannten Home Office, durch Recherche-Arbeiten dieser Ausstellung von zu Hause aus zu dienen. Übrigens nicht, weil er den CORONA-Virus gehabt hätte, der damals (man schrieb übrigens das Jahr 2020) weltweit sein Unwesen trieb. Deshalb bestimmt nicht!

So war also seine Wohnung sein Büro und Arbeitsplatz geworden! Kurz war sein Weg zur Arbeit, nämlich vom Schlafzimmer einmal über den Flur in sein Wohnzimmer, was nun auch sein Arbeitszimmer geworden ist. Natürlich hatte er auch offizielle Arbeitszeiten, die er auf einem Arbeitszeit-Nachweis zu dokumentieren hatte, inklusive seiner täglichen Tätigkeiten. Und ebenso natürlich war es, dass er diese Zeiten nicht immer einhielt, sondern "Gleitzeit" arbeitete, denn das merkte ja doch keiner. Allerdings - arbeiten musste er wirklich, weil Ergebnisse abverlangt wurden.

Zuerst bekam er den Auftrag, im Internet den Roman »Das Mädchen von Lagosta« herauszusuchen. Dieser war allerdings nicht als Buch, sondern nur als Fortsetzungsroman in der Zeitung "Innsbrucker Nachrichten" erschienen (1931/1932). Autorin war eine gewisse Dora Sophie Kellner, Ex-Frau von Walter Benjamin. Weitere Aufgaben folgten. Seine Aufträge erhielt er in der Regel per Telefon.

Nebenbei bemerkt war sein juristischer Arbeitgeber (sprich: Beschäftigungsträger) jener Verein mit Namen Kulturring e.V., für den er schon einmal in der Zeit von 2009 bis Januar 2013 in einer sozialen Bücher-Stube mit Namen Medien-Freund gearbeitet hatte. Und offiziell war er dem Medien-Freund Schöneberg als "Heimarbeiter" zugeteilt worden, wo er am Monatsende seinen Arbeitszeitnachweis abzugeben hatte.

Hatte es Vorteile, im Home Office zu arbeiten? Ja, durchaus, denn ein Teil des Mehraufwandes (MAE) fiel dadurch weg - so zum Beispiel das Waschen und Rasieren oder die Monatskarte, die er für seinen Weg zur Arbeit in dieser Zeit eigentlich gar nicht brauchte. Und die Nachteile?? Ja freilich, er benutzte seinen privaten Computer und nutze ihn ab dabei. Denn ein Arbeitgeber spart durchaus dadurch, dass er seine Mitarbeiter zu Hause arbeiten lässt. Aber andererseits hat ein home-office-worker einige Freiheiten mehr, die er nicht hätte, wenn seine Vorgesetzten im Nebenzimmer säßen! Und auch ein Telefon-Kontakt garantiert natürlich keine vollständige Kontrolle. Allerdings - ein Arbeitgeber stellt normalerweise die "Produktionsmittel" zur Verfügung, aber er benutzte seinen ganz privaten PC für diese Arbeit.

Ist das Model "Home Office" neu - vielleicht sogar ein Kind der aktuellen "Corona-Krise"?? Nein, durchaus nicht. Ein besonders bekanntes Beispiel waren die Schlesischen Weber, also die so genannten Hausweber, über die schon der Dichter Heinrich Heine ein Gedicht und der Dramatiker Gerhart Hauptmann ein Theaterstück geschrieben haben. Und sogar der Reiseschriftsteller Karl May, welcher in diesem Milieu der Hausweber aufgewachsen ist, hat einen Schmugglerkrimi mit dem Titel »Das Buschgespenst« über das Elend der Hausweber, die Heimarbeiter waren, geschrieben. Wobei ich die Frage, ob das Produktionsmittel eines Webstuhls nun das Eigentum des Arbeitgebers ("Verleger") war oder seines Auftragsarbeiters bisher leider noch nicht zu klären vermocht habe. Kurz gesagt: Ein Heimarbeiter ist ein Mensch, bei dem das Wohnzimmer zu seiner Arbeitsstätte wird.

© Markus Richard Seifert, März 2021.


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2021/02/28

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2021/02/26

"Glauben und Wissen verhalten sich wie die zwei Schalen einer Waage:
in dem Maße, als die eine steigt, sinkt die andere."


Arthur Schopenhauer (1788-1860)
Aphorismen zur Lebensweisheit


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2021/02/23


ingocesaro01


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2021/02/20

Rudolph Bauer
Schimpf und Schande


schmähworte lauten dieser tage
asylant und armutsplage
lämmerschächter pazifist
dealer roma terrorist

oben auf den rufmordlisten
auch das schimpfwort kommunisten
rote socke roter zeck
autonomer bullenschreck

gleichzusetzen pädophilen
grundschullehrern und senilen
rentnern omas und dementen
die in pflegeheimen enden

ein drohwort ist antisemit
genutzt vor allem und damit
kritik verstummt und schweigt
wenn sie auf die regierung zeigt

die palästinas land besetzt
gegen die muslime hetzt
hochgerüstet bibelfest
todesstreifen bauen lässt

schmach gilt auch dem flüchtlingsheer
das man jagt mit tötungsdrohnen
orbitalen kampfspionen
und ersäuft im mittelmeer

diese flüchtlingsexistenzen
an europas frontex-grenzen
fliehen vor den killerwaffen
die sich solche dort beschaffen

welche mit den reichen ländern
handel treiben statt zu ändern
die strukturen wo sie leben
statt den armen brot zu geben

© Prof. Dr. Rudolph Bauer, Februar 2021.

Das Gedicht ist mit Erlaubnis des Autors dem Buch entnommen:
Rudolph Bauer: Zur Unzeit, gegeigt. Politische Lyrik und Bildmontagen.
Hamburg 2020. tredition. ISBN 978-3-347-06297-9.


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2021/02/17

Baum des Jahres 2021: Ilex

von Dr. Christian G. Pätzold


ilex1
Ilex aquifolium (Europäische Stechpalme).
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, Dezember 2020 in Berlin.


Im vorigen Jahr war die Robinie der Baum des Jahres in Deutschland. Seht bitte den Artikel vom 2020/06/02 auf kuhlewampe.net. Der Baum des Jahres 2021 ist die Ilex, ein Strauch oder Baum, über den sich viel erzählen lässt. Das fängt schon bei ihrem Namen an. Die Ilex ist ein lateinischer Name, und da bei den alten Römern alle Bäume weiblich waren, bevorzuge ich die weibliche Namensform. Im Deutschen kann man aber auch der Ilex sagen. Überhaupt gibt es bei der Ilex weibliche und männliche Bäume. Natürlich haben nur die weiblichen Bäume rote Früchte. Die Ilex wird im Deutschen auch Stechpalme genannt, was irreführend ist, da ihre Blätter zwar teilweise Stacheln haben, die Ilex ist aber keine Palme. Palmen überleben keinen Frost, daher wachsen in Deutschland keine Palmen, jedenfalls nicht an stark frostigen Orten. An Stelle der biblischen Palmwedel verwendete man früher zu Ostern immergrüne Ilexzweige und so entstand der Name Stechpalme. Es gibt noch zahlreiche weitere Namen für die Ilex: Hülse, englisch Holly (siehe Hollywood), Hülsdorn, Dören, in Österreich auch Schradler.

Da die Ilex immergrün ist, kann sie auch im Winter bei frostfreiem Wetter ihre Photosynthese aufrechterhalten. Dieser Vorteil zeigt sich auch darin, dass die Ilex sehr schattentolerant ist und auch unter hohen Laubbäumen wächst, wo sie im Sommer kaum Licht bekommt. Wenn die Laubbäume im Winter ihre Blätter abgeworfen haben, kann die Ilex mit der Photosynthese beginnen. Die Ilex ist auch sehr schnittverträglich, das heißt sie überlebt es meist sehr gut, wenn man ein paar Zweige abschneidet.

In Berlin und Brandenburg ist die Ilex nicht heimisch, da es ihr hier zu kalt und zu trocken ist. Trotzdem wurde sie oft in Vorgärten angepflanzt und entwickelt sich dort sehr gut. Lieblingsbiotope der Ilex sind Irland und England mit einem milden und feuchten atlantischen Klima. Es lohnt sich, eine weibliche und eine männliche Ilex anzupflanzen, wenn man den Platz hat. Dann kann man sich an schönen immergrünen Bäumen mit auffälligen roten Früchten erfreuen, besonders in der Winterzeit. Die Zweige sind auch eine beliebte Weihnachtsdekoration, besonders in England und den USA.

Die europäische Ilex aquifolium ist nur eine Art von etwa 600 Arten in der botanischen Gattung Ilex. Interessant ist zum Beispiel auch Ilex paraguariensis, aus deren geschnittenen und getrockneten Blättern das argentinische Nationalgetränk Mate hergestellt wird. Mate-Tee enthält Koffein und ist inzwischen auch in Deutschland zu einem Modegetränk geworden.

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Stechpalme
https://www.baum-des-jahres.de/stechpalme/


ilex2
Heterophyllie bei Ilex aquifolium.
Quelle Wikimedia Commons.


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2021/02/14

Für die Ohren und den Kopf

Domenico Scarlatti (1685-1757)
Cembalo Sonata K 119

3 Minuten 5 Sekunden. Recorded by John Sankey. Quelle: Wikimedia Commons
(Bitte mit Kopfhörer hören für vollen Klang)





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2021/02/11


punkte


Statt Hartz IV, Armut, Existenzangst und Schikane
Für freie Menschen ! Nie mehr Sklaven des Jobcenters !

Für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) von 1.300 Euro
im Monat für Alle (Stand 2021)

Es ist schon alles von Ökonomen durchgerechnet und finanzierbar.


punkte


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2021/02/08

Markus Richard Seifert
Erlebnis einer Lesung

(Angeregt durch das Gedicht »Sozusagen in der Fremde« von Erich Kästner)


Nein, dieses war KEIN Publikum.
Jedenfalls NICHT FÜR MICH.
Sie saßen alle so schrecklich stumm
... und waren höchstens höflich.

KEIN Beifall und KEIN Kommentar.
Ihm war, als sei GAR KEINER DA.
Doch war er umgeben von Leuten,
deren Schweigen schwer zu deuten.

Doch - manchmal gab es ein bisschen Applaus
... so mit der Hand auf den Tisch.
Der hörte dann aber bald wieder auf
... und war wohl meist höflich.

Und neben mir, da hat einer gesessen
... den hab' ich von früher gekannt.
Den fragte ich, ob er mich vergessen
... und reichte ihm die Hand.

Er sagte nein - natürlich nicht.
Er erinnere sich - durchaus an mich.
Doch weil ihm dies selbstverständlich schien
... BEGRÜSSTE er - MICH NICHT
(So hat er ZU MIR GESAGT)

Da ging ich fort von diesem Tisch,
vom Publikum, das mich NICHT SAH.
Ging fort und WEINTE BITTERLICH
über Zuhörer, die mir NICHT NAH
(Ich hätte sogar Kritik ertragen,
aber nicht - dieses Schweigen)

© Markus Richard Seifert, Februar 2021.

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2021/02/05

art kicksuch
blaues brauen


artkicksuch01
© Art Kicksuch, Februar 2021.


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2021/02/02

Wolfgang Weber
Lesung im Supermarkt

zunächst die Urfassung 2011, dann ein update 2012, schließlich der Versuch einer
Rekonstruktion des in der Textbar Vorgetragenen


halloren1
Hallorenkugeln. Quelle: Wikimedia Commons.


1) Urfassung

Sonnabend Abend / gehe zur Lesung / weiß gar nicht / ob sie überhaupt / stattfindet / oder ob noch / Sommerpause / oder Herbstpause / ist

der Rollladen / an der Eingangstür / ist heruntergezogen / keiner ist da / nicht einer

also gut, dann mache ich / etwas ganz anderes / und gehe / wieder nachhause / komme / vielleicht / nächste Woche wieder / vielleicht ist dann die Lesung

auf dem Weg nachhause / ist ein Supermarkt / ich gehe / also / mit meinen beiden Manuskripten / in den Markt / und biete meine Dienste als / frei schwebender / frei schaffender / frei schwimmender / frei denkender / Autor an

mit anderen Worten / ich / biete eine freiwillige / Autorenlesung an / also / für mich ist sie freiwillig

alle müssen zuhören / die im Supermarkt sind / denn ich habe ein Megaphon dabei / keiner entkommt / mir

die Schlangen / an den Kassen / sind lang / außergewöhnlich lang / und / ich / habe nur ganze / zwei Texte dabei

wie / ich / höre / sind mehrere Mitarbeiter / des Marktes / krank / und die kurzfristig angerufenen Aushilfen / hätten noch eingearbeitet werden / müssen und sollen

also / was mache / ich / jetzt / werde / ich / langsamer / variiere / ich / beim zweiten Vorlesen / oder improvisiere / ich / und erfinde aus dem Stegreif / die Geschichte eines Autors / der zu einer regelmäßig stattfindenden Lesebühne / zu Fuß anreiste / diese aber verschlossen vorfand / wegen Sommerpause / obwohl vor kurzem / Herbstanfang war / dieser Autor / wollte nicht / schnurstracks / unverrichteter Dinge / nach Hause gehen / sondern ging spontan / in den nächsten Supermarkt / sprach zum Personal / und den anwesenden Kunden:

ich / bin / Euer / Autor / und lese jetzt / aus meinem / riesengroßen Werk / zwei kleine Kostproben / also / engagiert / mich / meine / Gage sei / ein Schlemmerfilet / ich / lese solange noch / ein Kunde im Laden ist

meine / beiden Texte / 10 Minuten in der S-Bahn und Der Sprinter / wechseln sich ab / mit diesem Text / Lesung im Supermarkt / durch die ständige Wiederholung / immer weiter perfektioniert / optimiert

wie sieht es aus? / die Kunden flüchten doch nicht etwa / vor / meiner / Lesung im Supermarkt / aus dem Supermarkt / besser wäre es / sie flüchteten / erst nach der Lesung / mit ihren Waren / ich / gehe mal davon aus, dass sie diese / ordnungsgemäß / bezahlt haben / oder / waren die Leute / an der Kasse / bei der für sie / ach so interessanten Lesung / eingeschlafen / & haben alles & alle / durchgehen lassen / ganz ohne Treueherzen

wer weiß / ich / habe bei der Lesung / nicht / darauf / geachtet / ich / hatte ja / schon genug / damit zu tun / alleine / einen ganzen Abend / zu bestreiten

mein / Mitstreiter / hatte sich nämlich / beizeiten / aus dem Staub / gemacht / halt / ein Schnitzer im Plot / der Mitstreiter / taucht / hier an dieser Stelle / erstmals auf / er war trotzdem mit dabei / ich / habe ihn nur nicht erwähnt / also er hatte sich aus dem Staub gemacht / das sagte ich schon / wenn ich etwas zweimal sage / ist es mir wichtig

im übrigen / finde / ich / meine / Texte / besser / als die seinigen / umgekehrt / war / er / von / meinen / Texten / weniger angetan / als von seinen / aber das ist normal

was wäre das / für ein Auftritt geworden / an Kasse eins / ich / an Kasse zwei / er / erst gleichzeitig / im Chor / mit zwei verschiedenen Texten / später im Wechsel

gerade ruft / eine weitere Autorin aus / ich geh mal schnell nachhause / Texte holen / Schnitzer Nummer zwei / die Autorin taucht hier aus dem Nichts auf / sie / war die ganze Zeit im Lager versteckt / sie / kommt schnell wieder / mit einem von ihr geschriebenen Buch / aus dem / sie / nun vorliest / wir / sind gerettet / sie / liest und liest und liest / dann wieder ich und ich und ich / danach er und er und er / er / ist gerade / zurückgekehrt / manche sehen / ihn zum ersten Mal

der Umsatz steigt / es spricht sich im Kiez herum / immer mehr Kunden kommen / die Schlangen werden lang und länger / fast wie bei der MOMA-Ausstellung / spontan wird beschlossen / wir machen die ganze Nacht durch / sowohl / Marktleitung / als auch / Autoren / sagen das

ich / eile gegen Mitternacht / nachhause / ich schreibe dies mehrere Tage später / ebenfalls gegen Mitternacht / ich eile also nachhause / und bringe Nachschub zum Lesen mit

noch eine spontane Entscheidung / der Marktleitung nämlich / wir machen das / jetzt einmal im Monat sonnabends / und ein richtiges Honorar / gibt es dann auch / große Freude bei den drei Autoren / sie er und ich / wir laden jetzt / jedes Mal / ein bis zwei Gäste ein

Musik gibt es auch / das reicht von / heavy metal / über / speed folk / über / crossover / über / freie Improvisation / über / psychedelic-art-krautrock / über / singer songwriter / bis / independent rock / und beatboxing Yoshi / & Alexander on guitar / aber nicht alles an einem Abend

es spricht sich herum / nach einem halben Jahr / kommen so viele Neugierige / dass der Supermarkt es sich neuerdings leisten kann / 5 € Eintritt für die Lesung zu verlangen / Geld stinkt nicht / dafür gibt es einen Sechserträger Bier / pro Person

die anderen Lesungen / im Umkreis von einer Stunde Fahrzeit / mit der BVG oder S-Bahn / haben deutlich weniger Zulauf als früher / oder sie wählen gleich / wenn sie schlau sind / einen anderen Wochentag

das Spektrum der Texte / ist sehr breit / es geht um / das Lesen / das Schreiben / das Wandern / das Reisen / um Autoren / und vieles andere mehr

der Andrang der Autoren / die hier lesen wollen / ist derart groß / dass wir eine Warteliste einführen müssen / jeder Gast darf eine halbe Stunde beanspruchen / schließlich ist es ein langer Abend / bis 4 Uhr nachts / wilde Zeiten im *.* (Sternpunktstern) / dem Autor / ich / ist der Laden bekannt

ich / glaube / die Straßenbahn / fährt die ganze Nacht lang / sowieso / nicht extra für uns / in jedem zweiten Zug sind Reklameflächen gemietet / für die Lesung im Supermarkt / so dass immer wieder Neulinge / dazu kommen / die sich an der Kraft des Wortes berauschen / und auch an den erwähnten sixpacks / danach fahren sie mit der Straßenbahn / wieder zurück / und müssen vielleicht / noch irgendwo umsteigen / aber das ist eine andere Geschichte

manche / kommen auch immer wieder / die Stammgäste / die sind / uns / besonders lieb / eben weil sie bekannte Gesichter sind / weil sie bekannte Ohren haben / die aber nicht nur das altvertraute brauchen / sondern sich / immer wieder auf etwas neues / ungewohntes / frisches / freuen / sonst wäre es ihnen langweilig / aber / er sie und ich / brauchen das auch / nicht nur die Dauerbrenner / etwas neues, überraschendes / muss jeden Abend dabei sein

wer hier im Supermarkt / lesen kann / ohne Anlage, ohne Technik und all den Schnickschnack / der schafft es überall

oder international gesagt / if you can make it in New York / you can make it anywhere (Frank Sinatra)

es gab anfangs nur das Megaphon / das aber die Texte stark verfremdet / und deshalb nur selten eingesetzt werden kann / der Sound ist einfach zu knarzig

als alles finanziell gut lief / haben wir High End Technik eingesetzt / aber nicht gekauft / nur gemietet / wir / sind ja nicht verrückt / die Firma heißt übrigens / rentaloudspeaker.com

das Ordnungsamt / hat dem Supermarkt / den Einsatz von Dixi-Toiletten / verordnet / die Toiletten stehen draußen / es werden tatsächlich Wartenummern ausgegeben / die Geräte dafür sind Leihgabe des Arbeitsamtes / wenn es einer eilig hat / werden Nummern getauscht

jetzt wo der Laden so gut läuft / müssen die Autoren / sie ich und er / ihre Honorare auch ordnungsgemäß versteuern / leider bleibt dann / nicht so viel über / von der an sich großzügigen Gage

die Reihe läuft noch weiter / den Autoren geht es gut / sie freuen sich / über die Aufmerksamkeit des Publikums / das immer zahlreicher erscheint / darf man das Kult nennen ?

die Autoren bereiten sich schon / auf die nächste Runde / in vier Wochen vor / wenn es wieder heißt / Lesung im Supermarkt

übrigens gehört / diese Bühne / der Bewegung / Occupy Penny / an / daher hat sich diese Bühne den Namen / Süpermercado Occupado / gegeben

Location Scouts / suchen für Film oder Fernsehen / Orte, die z.B. für / Lesebühnen geeignet sind / und darüber hinaus für Dreharbeiten

ein Film könnte / z.B. die Geburt einer neuen Lesebühne schildern / & die Intrigen / hinter den Kulissen / der nächste Coup ist es / eine real existierende Lesebühne in einen Film einzubauen / die Filmhonorare sind üppig oder waren es einmal / schließlich sind die Autoren / auf der Lesebühne / die Hauptpersonen / gleich nach dem Publikum

eine weitere Aufgabe für Location Scouts / ist es / einen Waschsalon zu finden / oder einen Ort zum Waschsalon umzubauen / der als Kulisse für eine Lesebühne im Film dienen soll

bis zur nächsten Lesung im Supermarkt Süpermercado Occupado / sie er & ich

2) update 01/2012

der von der Lesebühne / Süpermercado Occupado / besetzte Supermarkt / war wegen Umbau vor kurzem eine Woche lang geschlossen

die Nutzung als Lesebühne / ging offenbar dem Supermarkt an die Substanz

im Augenblick ist es noch unklar / ob die Lesebühne / Süpermercado Occupado / dort weitermachen kann / oder ob sie wie so viele Bühnen / sich einen neuen Ort suchen muss / aber den Namen mitnimmt

so oder so

bis bald / sie er und ich

3) partielle Rekonstruktion für die Textbar 08/2020: Lesung in der Kaufhalle

gehe zur Lesung / weiß nicht / ob sie überhaupt stattfindet / es ist ein Versuch / das erfolgreiche Modell aus dem Wedding / Lesung im Supermarkt / zu exportieren als Lesung in der Kaufhalle

gehe in die Kaufhalle / biete meine Dienste an / alle müssen mir zuhören / ob sie wollen oder nicht / ich habe ein Mikro dabei / niemand entkommt mir

lange Schlangen an den Kassen / und ich habe nur zwei Texte in der Tasche / einen im Handy / mehrere Mitarbeiter erkrankt / Aushilfen mäßig motiviert

also was tun / ich werde langsamer / was mir schwerfällt / variiere und improvisiere / aus dem Stegreif / die Geschichte eines Autors / der in der Kaufhalle lesen / soll will oder muss / mit der S Bahn angereist zur Welttournee / Endstation Ahrensfelde / trotzdem in Berlin

also sprach er / der weitgereiste Autor / aus seinem riesengroßen Werk / zwei klitzekleine Kostproben / seine Gage sei ein Broiler / er wurde an der Kasse platziert / und las im Wechsel mit / einer überraschend aufgetauchten Dichterin aus der Textbar

der andere Mitstreiter hatte sich nicht aus dem Staub gemacht / er war gar nicht erst erschienen / Schwund ist immer

auch hier stieg der Umsatz / in der Kaufhalle / bei jeder wöchentlichen Wiederholung / immer wieder sonntags / Honorar in Naturalien / Hallorenkugeln und Köstritzer Schwarzbier

Musik die Titelmelodie vom Sandmännchen / ja wir nehmen Eintritt / der Andrang von Publikum und lesen wollenden Autoren ist riesengroß / viele nehmen weite Wege auf sich / es lohnt sich

wer hier in der Kaufhalle lesen kann / ohne Anlage und Technik / der schafft es überall / if you can make it in New York / you can make it anywhere (Frank Sinatra)

der oder die kann sogar in der Textbar lesen

etwa so könnte es gewesen sein

© Wolfgang Weber, Februar 2021.

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2021/01/31

vorschau02

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2021/01/27

Für die Ohren und den Kopf

Arcangelo Corelli (1653-1713)
1 Satz aus einer Triosonata

1 Minute 34 Sekunden. Quelle: Wikimedia Commons
(Bitte mit Kopfhörer hören für vollen Klang)





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2021/01/24

Pieter Bruegel der Ältere (1525-1569)
Die Jäger im Schnee, 1565


bruegel
Pieter Bruegel der Ältere (1525-1569)
Die Jäger im Schnee, 1565. 117 x 162 cm. Kunsthistorisches Museum Wien.
Quelle: Wikimedia Commons
Eine gute und ausführliche Beschreibung des Winterbildes gibt es bei Wikipedia.
Heutzutage sind die Winter wegen des Klimawandels nicht mehr so weiß.
Bruegels Bild war das erste große Winterbild in der europäischen Kunstgeschichte.


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2021/01/21

Der Beginn der modernen Ökologie-Bewegung vor 50 Jahren

von Dr. Christian G. Pätzold


erde
Erde
Quelle: Wikimedia Commons


Die alte Ökologiebewegung entstand in Deutschland um 1900. Sie wurde auch Lebensreformbewegung oder Jugendbewegung genannt. Sie wollte der ungesunden Industriegesellschaft etwas Natürliches entgegensetzen. Zum Beispiel wurde im Mai 1893 in Oranienburg nördlich von Berlin die Siedlungsgenossenschaft Obstbaukolonie Eden gegründet. Damit sollten Ideen der Lebensreform wie Bodenreform, Siedlungsbewegung, Vegetarismus, Antialkoholismus, Naturheilverfahren und Arbeit in der Natur in die Praxis umgesetzt werden. Ziel war eine naturnahe Lebensgestaltung. In der Obstbaukolonie Eden wurde vor allem Obst angebaut, aus dem Obstsäfte gepresst wurden. Die Lebensreformer sahen sich mehrheitlich auf einem Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, der manchmal als liberaler Sozialismus bezeichnet wurde. In reduzierter Form existiert die Obstbaukolonie Eden noch heute.

Wie schön wäre die deutsche Geschichte gelaufen, wenn man der Lebensreform gefolgt wäre. Stattdessen kamen Wilhelminischer Militarismus, Weltkrieg I, Kapitalismus, Faschismus, Weltkrieg II und wieder Kapitalismus.

Um 1970 wurde allmählich klar, dass die Revolution von 1968 gegen die autoritäre Spießergesellschaft der Nazigeneration und gegen ihr kapitalistisches Wirtschaftssystem mehr oder weniger gescheitert war. Die revolutionären Kräfte waren einfach zu schwach gewesen, zumal die ArbeiterInnen auf der Seite der Kapitalisten standen. Aber zu Beginn der 1970er Jahre kam ein neues spannendes Thema in den Fokus: Der Umweltschutz. Vielen war klar, dass der Kapitalismus auf der Ausbeutung und Zerstörung der Natur beruhte und dass die Erde bald ruiniert wäre, wenn das Wirtschaftswachstum so weiter gegen würde. Die Themen Umweltschutz und Ökologie waren ideal, um den Kapitalismus zu kritisieren und seinen Zusammenbruch vorherzusagen. Die Ausbeutung der Natur war übrigens schon Karl Marx und Friedrich Engels zur Mitte des 19. Jahrhunderts ganz klar. Nur gab es damals noch verhältnismäßig viel Natur. Daher legten sie ihren Fokus auf die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

1971 wurde Friends of the Earth (FoE) gegründet, eine internationale Umweltschutzorganisation mit Ortsgruppen in vielen Ländern. In Deutschland ist der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die lokale Organisation. Ebenfalls 1971 wurde Greenpeace in Vancouver/Canada gegründet, ursprünglich als Protest gegen Atombombentests in Alaska. Es kamen viele Kampagnen hinzu, etwa gegen den Walfang, gegen die Überfischung der Meere, gegen die globale Erderwärmung, gegen die Atomenergie oder gegen Gentechnik.

1972 erschien dann das epochale Buch »Die Grenzen des Wachstums« von Dennis Meadows und weiterer Autoren. Im Untertitel: Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Vielleicht war es das wichtigste Buch des ganzen 20. Jahrhunderts. In dem Buch wurde ganz klar gemacht, dass ein Wirtschaftssystem, das auf ständigem Wachstum beruht, nicht dauerhaft sein kann, weil die Ressourcen der Erde begrenzt sind. Der Verbrauch der Bodenschätze und natürlichen Ressourcen steigt an, der produzierte Müll wird immer mehr, die Anzahl der Weltbevölkerung steigt exponentiell, und wird bald 10 Milliarden Menschen umfassen. Ein exponentielles Wachstum in einem begrenzten Ökosystem führt aber unweigerlich zum Zusammenbruch. Diese zentrale Botschaft wird bis heute von den verantwortlichen Politkern ignoriert, die ständig das Mantra des Wirtschaftswachstums und der Produktionssteigerung singen. Sie müssen die Fakten und die Wissenschaft ignorieren, damit ihr Weltbild nicht kollabiert. Sie diffamierten Dennis Meadows als Weltuntergangsapostel und Nostradamus unserer Zeit.

Das gute Leben geht nicht darum, immer mehr zu produzieren und immer mehr Profit anzuhäufen. Das ist eine Messi-Mentalität. Es geht darum, ökologisch gute, dauerhafte Dinge zu produzieren, die die Menschen brauchen.

Das waren die Ausgangspunkte der modernen Ökologiebewegung vor 50 Jahren, der sich damals viele junge Leute anschlossen. Zuerst entstand die internationale Anti-Atomkraft-Bewegung, die in den 1970er und 1980er Jahren viele Protestaktionen gegen den Bau und Betrieb von Atomkraftwerken durchführte, in Deutschland zum Beispiel in Gorleben und Brokdorf mit Massendemonstrationen. 1986 ereignete sich die Atomkatastrophe von Tschernobyl in der Ukraine, bei der viele Menschen starben und große Landstriche radioaktiv verstrahlt wurden.

Das Thema Ökologie war in Deutschland stark genug, dass sich daraus um 1980 herum eine ganz neue Partei entwickeln konnte: Die Grünen. Was folgte dann? Die politischen Grünen haben sich bis heute 40 Jahre lang gehalten, teilweise als Koalitionspartner von SPD und CDU mit stark abgespeckter Agenda. Heute ist es für die Grünen ein Erfolg, wenn sie einen Fahrradweg durchsetzen können. Aber es gab auch positivere Entwicklungen, so entstanden beispielsweise ganze Ökodörfer in Deutschland.

In den 1990er Jahren wurden die Begriffe Nachhaltigkeit und Sustainability zu internationalen Schlagwörtern, in der Folge der großen Umweltkonferenz in Rio de Janeiro im Jahr 1992. Nachhaltigkeit besagt nichts weiter als die Wahrheit, dass nur eine Kreislaufwirtschaft, die die Natur erhält, dauerhaft funktionieren kann. Aber das wollten viele Akteure in Politik und Wirtschaft nicht hören. In den 2000er Jahren entwickelte sich dann die Klimadebatte, die vor einer Überhitzung der Erde warnte. Durch die Erdüberhitzung ist das Leben auf der Erde direkt bedroht. Auch das wollten viele nicht hören. Die Reaktion der Klimawandelleugner war: Alles bestreiten, die Wissenschaft ignorieren, so weiter machen wie bisher, nach uns die Sintflut. Hinzu kam ein gigantischer Angriff auf die Biodiversität mit der Vernichtung der Wälder in Brasilien, Indonesien oder Indien. Dadurch sterben viele Pflanzenarten und Tierarten aus. Zu wenige Menschen machen sich Gedanken über den Planeten Erde. Und zu wenige Menschen haben einen Plan, wie die Erde in 200 Jahren aussehen soll.

Das war so ungefähr die Geschichte unserer Generation in den letzten 50 Jahren. Heute gibt es eine neue junge Generation, die uns Hoffnung machen kann. Angefangen mit Greta Thunberg in Stockholm hat Fridays For Future die Bewegung neu gestaltet. Eine weitere Bewegung ist Extinction Rebellion. Ökologie Reloaded, um die Erde zu retten.

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2021/01/18

Rudolph Bauer
Deutsches Narrativ

nach dem kaiserreich
und dem weltkrieg
kurzzeitig die räte
weimarer republik
dann hitler

ordnungsfanatischer aufstieg
der kleinbürger
an der seite von mordgenerälen
die freikorps
dann hitler

der wolf homo homini
lupus frei gegeben
zum abschuss
tötungslager
weltkrieg zwo

das reich kapituliert
durch berlin eine mauer
bis ein teil zerfiel
wieder vereint
im vorkrieg erneut

© Prof. Dr. Rudolph Bauer, Januar 2021.

Das Gedicht ist mit Erlaubnis des Autors dem Buch entnommen:
Rudolph Bauer: Zur Unzeit, gegeigt. Politische Lyrik und Bildmontagen.
Hamburg 2020. tredition. ISBN 978-3-347-06297-9.


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2021/01/14

Buchtipp: »Erst im Nachhinein«
Eine neue Internationale Haiku-Anthologie aus Kronach
Herausgegeben von Ingo Cesaro


haikus


Ingo Cesaro hat im Oktober 2020 eine neue Haiku-Anthologie herausgegeben: »Erst im Nachhinein«. Es geht in einem weiten Sinn um Erinnerungen. Man findet dort fast alles, was es zum Thema Erinnern zu sagen gibt. Erinnerungen an die Kriegszeit, die Sommerzeit, die Kindheit, die Jugendzeit, die Maikäfer, die goldenen Zeiten, an Damals. Über die Gedichtform der Haikus war schon in dem Artikel vom 2020/10/17 berichtet worden.

Die Haikus des Buches wurden wieder aufwändig im Handsatz gesetzt und im Buchdruck auf Werkdruckpapier im Japanblock gedruckt. Alles wurde in Narbenkarton mit Durchstichbindung gebunden. Die nummerierte und signierte Auflage liegt bei 400 Exemplaren. Die Bücher können unter folgender Adresse bestellt werden:

NEUE CRANACH PRESSE KRONACH, Joseph-Haydn-Straße 4, D 96317 Kronach.
Mail: ingocesaro@gmx.de.

Das Buch enthält insgesamt 348 Haikus. Hier folgen einige Haikus des Buches als Beispiele:

Fund im Tagebuch
zwischen vergilbten Seiten
gepresste Blüten

Vera Simlinger, Wien/Austria


Der Weide entlang
leuchten in meinen Träumen
Sumpfdotterblumen

Ingrid Töbermann, Berlin


Was war, wird nie mehr
Kommen - Wirklich? Geschichte
Wiederholt sich oft

Bernhard Schauder, Gräfelfing


Erinnerungen -
kostbare Schätze, vor dem
Vergessen bewahrt.

Dieter Klawan, Ahrensberg


Die Erinnerung
Trügt, dank einer Gauklerin
Namens Nostalgie.

Friedrich Ach, Nürnberg


alter Apfelbaum -
Knospe für Knospe wieder
kommt meine Kindheit

Dorota Pyra, Danzig/Polen
Deutsche Fassung: Malgorzata Ploszewska


Äpfel aufgereiht
auf dem Obstlagerboden
Düfte der Kindheit

Reinhard Lehmitz, Rostock


Ich erinnere
mich, als ich alles konnte
und jetzt kaum etwas

Zoran Nikolic Mali, Dakus/Serbien
Deutsche Fassung: Dragan J. Ristic


Erst im Nachhinein
wird die vergangene Zeit
zur guten alten

Norbert Autenrieth, Cadolzburg


Im Winter Honig
zum Frühstück. Ich denke der
Bienen im Sommer.

Artur Kolditz, Bolanden

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2021/01/11

Wolfgang Weber
Opa und die Tiere

(TextBar Thema: Kleine Fische)


frettchen
Kaninchenjagd mit Frettchen. Quelle: Wikimedia Commons.


Fische? Da fällt mir mein Opa ein, er war Tierarzt mit Leib und Seele, hatte in den Dreißigern eines der ersten Autos und auch eines der ersten Telefone auf dem Land zwischen Halle und Eisleben. Er brauchte das Auto, um zu den großen Tieren zu kommen, die seine Patienten waren, Kühe und Pferde etwa. Meine Mutter, die älteste von den fünf Kindern, begleitete ihn oft bei diesen Fahrten. Meine Oma telefonierte ihm oft hinterher, um ihm weitere Fälle anzukündigen. Er war oft lange unterwegs und sehr hilfsbereit.

Studiert hatte er dafür Veterinärmedizin, nämlich in der großen Stadt Berlin und auch in Hannover. Da seine Altersvorsorge als selbständiger Mediziner in der DDR nichts wert war, zog er um und arbeitete schweren Herzens am Schlachthof in der Stadt Gera, um wenigstens noch etwas für seinen Lebensabend zu erarbeiten.

Dort in Gera besuchten meine Mutter, meine Schwester und ich, regelmäßig meine Großeltern. Später, nach den Ostverträgen, kam dann mein Vater (Lehrer) auch mit nach Thüringen. Auf dem Dachboden gab es viele Bücher aus alten Zeiten. Im Wohnzimmer auf einem Tisch lag ein Atlas von Haack, als Handatlas benannt, dieser war riesengroß und schwer. Jedes Mal, wenn ich in Gera war, schaute ich hinein, Reisen mit dem Finger auf der Landkarte, auch die thematischen Landkarten fand ich hochinteressant, Industrie, Landwirtschaft, Bewaldung, Bevölkerungsdichte und mehr.

Tiere gab es auch, ein rundes oder ovales Bassin mit Goldfischen draußen im Garten, einen großen Hund, Brieftauben, Kaninchen. Das Haus liegt am Hang, denn Gera befindet sich inmitten eines ausgedehnten Talkessels. Ging man an der Straßenseite hinein, befand man sich im Parterre, Vorratsräume mit vielen vielen Gläsern voll des Eingemachten, verschlossen mit Gummiringen, vakuumdicht, eingeweckt, eingekocht: Marmelade, Obst, Gemüse.

Kam man von oben, also von der Rückseite, ging man zuvor draußen eine Treppe nach oben, die sich zwischen dem Haus und der Garage befand. Ich glaube, die Garage wurde erst später gebaut, denn sie befindet sich ganz am Rand des Grundstücks und war nur für wahre Fahrkünstler erreichbar. Kam man also von oben in dieses Haus am Hang, dann waren die Wohnräume, ebenfalls, im Parterre, die Vorratsräume von hier aus gesehen im Keller wie auch die Waschküche.

Im oberen Parterre waren die Wohnräume, dort waren auch mehrere große Aquarien, mit Pflanzen, Kies und Fischen natürlich, Opa verweilte oft vor den Guppys und Schwertfischen und beobachtete sie. Den Fischen und all den anderen Tieren ging es gut, mein Großvater war ja Tierarzt. Treppen, viele steile Treppen, drinnen und draußen, gar nicht so einfach für Oma mit ihren Beinen. Noch weiter oben dann der Dachboden, auf dem Weg dahin die Zimmer meines Cousins und meiner Cousine, zusammen mit meinem Onkel und meiner Tante waren sie nach Gera gezogen, um bei meiner Oma zu sein und sie nach Opas Tod zu unterstützen.

Wie sagte mein Cousin immer beim Kartenspiel: Bube Dame König As, ei so macht das Leben Spaß. Es gab einen Kachelofen in der Stube mit einem Fach, in dem man Bratäpfel schmoren lassen oder Wasser erwärmen oder auch sich den Rücken wärmen lassen konnte. Einmal sprach ein Nachbar mit uns und sagte: Ach diese Ähnlichkeit. Gefragt: Mit wem denn? Das wusste er nicht. Jemand anders sagte: Da kommt der Porsche. Nämlich der Bursche. Gera liegt in Thüringen. Mein Onkel sprach von Guck und Horch. Wisst Ihr, was er meinte. Ich schon.

Gab es auf dem Grundstück noch andere Tiere außer: Fische draußen und in den Aquarien, außer dem großen Hund, den Tauben und Kaninchen, gab es noch mehr? Am Ort der Landtierpraxis war der große Hund in der Tat fast immer ein Schäferhund, bestätigt meine Mutter. Die Dackel, die mein Onkel züchtete, waren jedenfalls im Zwinger. Beim vierten Wurf mussten alle Welpen Namen mit D bekommen. Meine Schwester sagt: Nein, einen Schäferhund gab es nicht, aber natürlich die Dackel. Der Zwinger wurde offenbar für diese erbaut. Also war der große Hund in Gera doch eher eine Dackel, wie sagt man, Dackelfamilie womöglich.

Aber vielleicht hatte mein Onkel, der ja auch Jäger war, ein Frettchen, sagt meine Schwester. Im Lexikon lese ich: Albinoform des Europäischen Iltis, wird in Europa hauptsächlich zur Kaninchenjagd eingesetzt, hmmm. Ich rufe noch mal meine Mutter an, ja, sagt sie, ihr Bruder hatte ein Frettchen, sie hat nur nicht daran gedacht, es war in einem kleinen Käfig, ähnlich wie für Kaninchen.

Update: Meine Mutter hat mit meiner Cousine gesprochen. Also: Zuerst war tatsächlich ein Schäferhund in dem Zwinger, danach wünschte sich mein Cousin einen Dackel, der dort im Zwinger lebte, und schließlich fing mein Onkel an, Dackel zu züchten.

Ja, mein Opa war Tierfreund, Großtierpraxis in den Dreißigern auf dem Land, dann Schlachthof in der Bezirkshauptstadt Gera, auch große Tiere, bestimmt hat es ihm widerstrebt, dort zu arbeiten. Kleine und etwas größere Fische draußen im Bassin und drinnen in den Aquarien, zur eigenen Freude und zur Freude aller, die dort wohnten oder zu Besuch kamen. Silberfische hoffentlich nicht. Mir kamen die Aquarien als Jugendlicher sehr groß vor, was Mutter mir bestätigt. Kleine Fische, große Aquarien.

© Wolfgang Weber, Januar 2021.

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2021/01/08

Tagebuch 1973, Teil 47: Varanasi / Sarnath

Dr. Christian G. Pätzold


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Löwenkapitell von König Ashoka, Sandstein, um 250 vor unserer Zeit.
Im Sarnath-Museum bei Varanasi. Das Kapitell ist das National-Emblem von Indien.
Quelle: Wikimedia Commons. Author: Chrisi1964.


14. Oktober 1973, Varanasi/Sarnath, Sonntag

Ich habe eine Busrundfahrt mitgemacht zur archäologischen Stätte Sarnath, die etwas außerhalb von Varanasi liegt. Dort habe ich den Platz gesehen, an dem Buddha (Siddhartha Gautama) seine erste Predigt über die Vier edlen Wahrheiten an seine Jünger gehalten hat. Das war um 500 vor unserer Zeitrechnung. Ich habe auch das archäologische Sarnath-Museum besucht, das zahlreiche buddhistische Skulpturen aus der Zeit von König Ashoka um 250 vor unserer Zeitrechnung beherbergt, die in Sarnath ausgegraben wurden. Es handelte sich also um ein archäologisches Museum, das sich direkt am Fundort befindet. König Ashoka beherrschte damals fast ganz Indien und hat die Ausbreitung des Buddhismus sehr gefördert.
Das berühmteste Ausstellungsstück im Sarnath-Museum ist das Löwenkapitell von König Ashoka, das das Nationalemblem von Indien ist. Es besteht aus 4 Löwen, die in die 4 Himmelsrichtungen blicken und die Ausbreitung des Buddhismus in alle Richtungen symbolisieren sollen. Darunter sind 4 Tiere abgebildet: Büffel, Pferd, Löwe und Elefant, die bestimmte Tugenden symbolisieren sollen. Außerdem ist ein Rad mit 24 Speichen zu sehen, das für die 24 Inkarnationen von Buddha stehen soll. Den unteren Teil des Kapitells bildet eine Lotosblume. Der Buddhismus hat sich von Nord-Indien aus besonders nach China, Japan und nach Südostasien ausgebreitet. Ich habe in Sarnath etliche tibetische Mönche gesehen, die wahrscheinlich mit dem Dalai Lama aus Tibet nach Indien geflüchtet waren und jetzt hier lebten.
Weitere Attraktionen in Sarnath waren eine Stupa mit Swastikaornamenten, außerdem ein neu erbauter buddhistischer Tempel mit einem goldenen Buddha und Fresken eines japanischen buddhistischen Malers. Auch habe ich den Abkömmling des Baums (eine Pappel-Feige) gesehen, unter dem Buddha in Bodhgaya erleuchtet wurde.

In Varanasi wimmelte es nur so von Religionen und Ideologien. Es gab Hindus, Buddhisten, Moslems, Christen, Jainisten, Hippies, nackte Asketen, Fakire, Kommunisten, um nur einige zu nennen. Und ich als Materialist mitten drin. Jeder konnte in dem allgemeinen Chaos, das irgendwie funktionierte, glauben, was er wollte. Die Jainisten waren besonders originell, überzeugte Vegetarier. Ihre Ethik bestand darin, keinem Lebewesen Leid anzutun. Daher trugen einige von ihnen einen Mundschutz, damit sie nicht versehentlich eine Fliege verschluckten. Andere fegten vor ihren Schritten den Fußboden, damit sie nicht aus Versehen eine Ameise erdrückten. Sie aßen auch kein Gemüse, das unter der Erde wuchs, wie Zwiebeln oder Kartoffeln.

Heute fiel in Varanasi mal wieder, wie jeden Tag, der Strom aus. Es gab einen Streik der Elektrizitätsarbeiter, mit Unbrauchbarmachen von Leitungen, dem Brand ganzer Stationen. Ich habe heute auch 2 Elefanten gesehen. Hammer und Sichel sah man oft an den Hauswänden. Die Leute lebten in großem Elend, das war klar, zumindest nach europäischen Maßstäben.

15. Oktober 1973, Varanasi - Sewapuri, Montag

Heute sind wir von Varanasi aus mit einem Personenzug eine ¾ Stunde nach dem Dorf Sewapuri gefahren. Zuerst wollte man am Bahnhof nicht glauben, dass wir dahin fahren wollten, und als wir ankamen zweifelte man ebenfalls, dass wir richtig ausgestiegen waren. Anscheinend waren dort noch nie Ausländer angekommen. Sewapuri war ein Dorf, in dem es ein Gandhi Ashram gab, das heißt eine Art Musterdorf, das nach den Ideen von Mahatma Gandhi, dem Begründer des modernen Indien, betrieben wurde. Mr. Dubey, der aus dieser Gegend kam, hatte uns den Tipp mit dem Dorf gegeben, nachdem wir ihm gesagt hatten, dass wir auch gerne etwas vom indischen Landleben kennen lernen wollten. Vom Bahnhof aus hat man uns zum Gandhi Ashram geschickt, das 1946 gegründet wurde. Die Arbeitslosigkeit der Landbevölkerung sollte durch Kleinindustrie ausgerottet werden, das heißt durch viel Handarbeit. Es war die Ansicht von Gandhi, dass jeder Inder seinen eigenen Webstuhl haben sollte. Außerdem war es das Ziel, das Analphabetentum auszurotten.

Der Manager des Gandhi Ashram hat uns ein Zimmer zur Verfügung gestellt und uns noch abends herumgeführt. Einige Angestellte des Ashrams kamen aus den Nachbardörfern. Sie hatten sogar eine Highschool für Mädchen. Abends haben alle in der Versammlungshalle gebetet. Das Abendessen war schlicht: Es bestand aus Brot, Reis, Erbsenpaps und Kartoffeln, dazu gab es Wasser. Dieses Essen gab es dreimal am Tag, was schon ein Luxus war und unerreichbar für normale Dörfler. Die Leute im Ashram aßen nur vegetarisch und rauchten nicht. Weibliche Kühe waren für sie heilig und wurden nicht gegessen. Die Milchabgabe lag bei 2 bis 5 Liter pro Tag, wenn sie Milch gaben. Ziegen und Hühnchen wurden allerdings von einigen Dörflern, besonders der niedrigen Kasten, gegessen. "Killing of cows is prohibited in India."

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2021.

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Briefmarke: Mahatma Gandhi.

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2021/01/05

Tagebuch 1973, Teil 46: Varanasi (Uttar Pradesh)

Dr. Christian G. Pätzold


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Lord Krishna als Butterdieb.


12. Oktober 1973, Agra - Varanasi, Freitag

Über Nacht sind wir im völlig überfüllten Zug von Agra nach Varanasi gefahren. Mitten in der Nacht mussten wir umsteigen, wodurch wir, nachdem wir uns im ersten Teil der Reise einen Platz organisiert hatten, auch mit Hilfe der Inder, in ein schon völlig überfülltes Abteil kamen. Man konnte kaum stehen. Überhaupt waren die Züge in Indien meistens überfüllt.
Um 1 Uhr morgens hat ein Moslem vor meinen Füßen im Zug gebetet, nachdem er mit einem Kompass Mekka ausgemacht hatte, Mützchen aufgesetzt, Tuch auf dem schmalen Zugflur ausgebreitet und sich die Hände gewaschen. Er war etwa 25 Jahre alt. In Nord-Indien gab es viele Moslems. In den Zügen gab es Extra-Abteile für Moslemfrauen, die völlig verschleiert dort von ihren Männern hingebracht wurden.

Tee wurde auf den Bahnhöfen in kleinen Wegwerfschalen aus Ton für 25 Paisas (etwa 5 Pfennig) verkauft. Der Tee auf den Stationen wurde durch lautes Ausrufen angeboten, das fast so klang wie Glockenläuten. "Tschaiii, tschaiii" in vielen verschiedenen Tonlagen. Auch zahlreiche Speisen wurden angeboten und in die Zugabteile gebracht. Ich war mir aber nicht so sicher, ob der Tee und die Speisen gesundheitlich ganz unbedenklich waren.
Der Zug hielt an den Bahnhöfen von Etawah, Kanpur, Fatehpur, Allahabad und Mughal Sarai. Mughal Sarai war der Bahnhof für Varanasi, das am anderen Ufer des Ganges liegt. Varanasi am Fluss Ganges im Bundesstaat Uttar Pradesh wird auch Benares genannt. Varanasi ist die heiligste Stadt des Hinduismus. Wer den Hinduismus kennen lernen möchte, sollte nach Varanasi kommen.

In Mughal Sarai haben wir ein Taxi bekommen und sind für 2 Rupees die 15 Kilometer über den Ganges nach Varanasi gefahren. Mehrere Leute teilten sich das Taxi. In Varanasi haben wir das Hotel Chandra für 20 Rupees das Zimmer pro Nacht gefunden.

13. Oktober 1973, Varanasi (Benares), Sonnabend

Ich habe in der Zeitung gelesen, dass im September in Rajasthan 2 Witwenverbrennungen in Anwesenheit und unter Applaus von Tausenden von Leuten stattgefunden haben. Es gab keine Verhaftungen. Das war auch so eine traditionelle indische Unsitte, dass man die lebendigen Witwen verbrannte, wenn ihre Männer gestorben waren.

Gegen Abend sind wir für 2 Rupees mit einem Boot auf dem Ganges gefahren, zu den berühmten Plätzen, an denen die Leichen auf dem Ganges verbrannt wurden. Die Frauenleichen waren in rote Tücher gekleidet, die Männerleichen in weiße Tücher. Die Verbrennung kostete 40 Rupees (etwa 10 DM). Vielleicht galt die Verbrennung auf dem heiligen Ganges als besonders günstig für das nächste Leben. Die Gegend an den Verbrennungsplätzen erschien mir aber nicht besonders schön, die Häuser am Ganges waren dreckig etc. Auch war es für die Umwelt wahrscheinlich nicht besonders günstig, die Asche der Toten in den Ganges zu kippen.

Abends hörten wir von irgendwoher Musik, und als wir hinliefen, um zu sehen, was da los war, gerieten wir auf eine Hochzeit, in die wir sofort integriert wurden. Eine Hochzeit kostete den Brautvater in der Mittelschicht 10.000 bis 30.000 Rupees für das Fest, die Ausstattung und den Haushalt (etwa 5.000 DM). Die Hochzeit war arrangiert, zwei Häuser wurden gemietet, außerdem eine Kapelle und 6 Lichtträger. Der Bräutigam und seine Verwandten zogen von seinem Haus zum Brauthaus, der Bräutigam auf einem Pferd sitzend. Zwischendurch wurde Halt gemacht, um zu tanzen. Die Kapelle spielte dazu „We shall overcome“ und andere westliche Hymnen. Auch wir sollten mittanzen und alle waren begeistert, als wir es taten. Am Haus der Braut sangen die beiden Parteien abwechselnd in Anwesenheit des Gurus und beteten dann, der Guru mit Geldscheinen in den Händen. Wir bekamen Jasmingebinde um den Hals, waren somit echte Blumenkinder, und durften beim Hochzeitsessen mitessen. Nach der Sitte durften die Brautverwandten nicht mitessen, sondern mussten die anderen bedienen. Der Vater der Braut stöhnte, weil er so viele Töchter hatte, was sehr teuer war. (Daher gab es in Indien die Unsitte, Mädchen als Babys zu töten, um die Kosten für die Aussteuer zu sparen).

Eine Hindukaste der Milchmelker machte schon den ganzen Tag (insgesamt wollten sie wohl 3 Tage aushalten) über Lautsprecher Hare Krishna Hare Rama Musik und schmiss mit Rauchbomben, direkt gegenüber vom Hotel. Der Manager des Hotels war Christ und hatte überhaupt kein Verständnis und starke Kopfschmerzen. Ein Hotelangestellter sagte uns, dass die Schuhmacher auch eine schöne Band hätten und kifften.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2021.

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2021/01/01

Danke dass ihr kuhlewampe.net besucht !
Thank you for staying with us !


Das Jahr 2020 hat sich sehr speziell entwickelt. Vor einem Jahr begannen die 20er Jahre schon nicht gut. Im Januar lag eine diffuse düstere Stimmung in der Luft, die Menschen in Berlin erschienen mir hypernervös und aggressiv zu sein. Wahrscheinlich hatten sich viele etwas für das neue Jahr oder das neue Jahrzehnt vorgenommen und wollten es jetzt am besten sofort realisieren. Ich dachte daran, dass die Erdüberhitzung zuschlagen würde. Tatsächlich war es ein sehr milder Winter, der erste Winter in Berlin ohne Schnee. Aber dann kam es noch schlimmer. Im März kam plötzlich das Corona-Virus.
Das InfoRadio in Berlin hatte zwar schon im Dezember 2019 ein neues Virus gemeldet, das in Wuhan in China aufgetaucht war. Aber für mich war nicht absehbar, dass sich das Virus so schnell weltweit ausbreiten würde, dass so viele Menschen sterben würden und dass die Weltwirtschaft einen tiefen Einbruch erleben würde. Die ersten beiden Corona-Toten in Deutschland gab es in Nordrhein-Westfalen am 9. März 2020. Dann kam der erste Corona-Lockdown, in dem fast alle Läden und die Schulen geschlossen wurden.

Durch die Ausgangssperre war die Stadt im März und April plötzlich ruhig und wie eingefroren. Autos fuhren nur spärlich. Das Radfahren war angenehm. Die Hektik vom Januar war einer Schläfrigkeit gewichen. Alle mussten ihre Planungen für das neue Jahr auf Eis legen. Sogar sämtliche Gottesdienste wurden von der CDU verboten, was man vorher kaum für möglich gehalten hätte. Viele Selbständige hatten kein Einkommen mehr und mussten von ihren Reserven leben. Der Mietendeckel war zum Glück noch ziemlich knapp vor Covid-19 (Corona Virus Disease 2019) vom Berliner Abgeordnetenhaus im Februar beschlossen worden. Daher war wenigstens nicht mit Mieterhöhungen zu rechnen, eine Seuche weniger.
Während das Corona-Virus in der analogen Welt wütete, war die digitale Welt ziemlich unbeeindruckt, denn Fledermausviren interessieren sich nicht für Bits and Bytes. Durch die Pandemie hat das Internet im Corona-Jahr eine zusätzliche Wichtigkeit erhalten. Viele Menschen mussten im Homeoffice online arbeiten. Und viele waren zu Hause in Quarantäne und haben sich die langweilige Zeit im weltweiten Netz vertrieben. Es gab viele neue Streaming-Angebote in den Mediatheken, auch kulturell interessante Sachen, nicht nur kommerziellen Müll. Es wird geschätzt, dass gegenwärtig etwa die Hälfte der Menschen auf der Welt einen Zugang zum Internet hat. Das wären über 3 Milliarden Menschen. Alle die Deutsch lesen können, können auch kuhlewampe.net im Internet frei betrachten und studieren. Das ist doch schon ein großes potentielles Publikum.

Aufgrund von Corona sind kulturelle Live-Veranstaltungen in Berlin so gut wie komplett ausgefallen. Auch die Museen mussten schließen. Viele kreative Menschen haben finanziell erheblich gelitten. Auch wichtige Demos wurden abgesagt, wie die 1. Mai Demo, der Karneval der Kulturen und der Christopher Street Day. Die Klimakrise, die Wohnungskrise, die Armutskrise waren plötzlich verschwunden. Es gab nur noch die Coronakrise.
Die großen Privatunternehmen und der Markt, die heiligen Kühe des Neoliberalismus, wurden plötzlich mit vielen Milliarden Euro vom Staat subventioniert und vor der Pleite gerettet. Der Klimaverseucher Lufthansa zum Beispiel erhielt 9 Milliarden Euro vom Bundesfinanzminister, obwohl das ganze Unternehmen nur 4 Milliarden Euro wert ist. Auch Luftverseucher TUI erhielt etliche Milliarden und so weiter. Die kapitalistischen Politiker, die immer das Loblied des freien Marktes und der schwarzen Null gesungen hatten, als sie etwas für die Armen tun sollten, wollten mit aller Macht verhindern, dass ihr morscher Kapitalismus krachend zusammenbricht. Die zusätzlichen Staatsschulden muss dann die Bevölkerung mit ihren Steuern und mit Inflation zurückzahlen.

Im Sommer legte das Virus eine kleine Verschnaufpause ein, aber Ende August nach den Sommerferien begann die 2. Welle. Viele Urlauber hatten das Virus aus dem Urlaub mit nach Deutschland gebracht. Die Zahl der Infizierten stieg exponentiell. Die Arbeitslosenzahlen und die "Kurzarbeiter"-Zahlen erreichten ebenfalls astronomische Höhen. Finanziert wurde das Programm zur Stabilisierung des Hamsterradsystems durch die Gelddruckpresse, die Tag und Nacht auf Hochdruck lief.
Jetzt an Neujahr 2021 scheint ein Ende der Pandemie in ein paar Monaten absehbar zu sein, denn es ist gelungen, einige Impfstoffe gegen das Virus zu entwickeln.

kuhlewampe.net ist jetzt im 7. Jahr und da wurde wie immer im Januar der Bildhintergrund neu tapeziert. An Stelle der Wildrosen vom letzten Jahr seht ihr nun das Gemälde »Il Quarto Stato« von Giuseppe Pellizza da Volpedo (1868-1907) aus dem Jahr 1901.

Ich möchte allen Kreativen danken, die im schwierigen Jahr 2020 so viel zu kuhlewampe.net beigetragen haben:
Prof. Dr. Rudolph Bauer, Luke Sonnenglanz, Ingo Cesaro, Manfred Gill, Dr. Jörg Später, Dr. Hans-Albert Wulf, Markus Richard Seifert, Wolfgang Weber, Dr. Rudolf Stumberger, Ella Gondek, Sabine Rahe, Peter Hahn & Jürgen Stich, Dr. Karin Krautschick, Art Kicksuch und Jenny Schon.

Nach wie vor würde sich kuhlewampe.net über eure Kommentare im Kommentarfeld sehr freuen. Die AutorInnen und KünstlerInnen brauchen ja immer etwas Feedback zum Überleben.
Bleibt weiter gesund!

Dr. Christian G. Pätzold.


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