kuhlewampe.net

5. Jahrgang
Herzlich Willkommen bei kuhlewampe.net. Ein Kultur-Literatur-Gesellschaftskritik-Blog im WWW
Gründer und Herausgeber: Dr. rer. pol. Christian G. Pätzold, Berlin
Kurator für Gesellschaftskritik: Dr. phil. Hans-Albert Wulf, Berlin
Wenn Ihr hier veröffentlichen wollt, schreibt bitte an: post(at)dr-paetzold.info
Kuhle Wampe ist ein Film von Bert Brecht, Slátan Dudow und Hanns Eisler aus dem Jahr 1932.


2019/06/18

Dr. Hans-Albert Wulf
Bibliomania I

spitzweg
Carl Spitzweg (1808-1885): Der Bücherwurm, um 1850.
49,5 x 26,8 cm. Öl auf Leinwand.
Quelle: Wikimedia Commons.

Bücher nisten gern in der staubtrockenen Welt der Forscher und Gelehrten. Spitzweg hat dies mit dem Bild des Geistesmenschen auf der Bibliotheksleiter eindrucksvoll illustriert. Es sind oftmals jene verträumten Wissensschaufler, denen der Alltag restlos abhanden gekommen ist. Die sich nur um das fortwährende Nachschaufeln in ihre Wissensspeicher kümmern. Die an die Tür ihrer Studierstube Warnschilder anbringen. "Bitte nicht stören" oder "Eintritt verboten". Ein berühmter Gelehrter hatte ein Holzbein. Und wenn er von seiner Familie nicht behelligt werden wollte, schnallte er kurzerhand seine Prothese ab und stellte sie draußen vor die Tür. Seine Frau und seine Kinder wussten dann Bescheid.
Meist sind Gelehrte friedfertige Menschen, sie können sich aber auch ausgesprochen übellaunig und kratzbürstig aufführen, wenn sie z.B. in ihrer Bibliothek ein bestimmtes Buch nicht finden und so ihre geistige Nahrungsaufnahme gestört wird. Da können sich tausend andere wohlschmeckende Bände zum Verzehr anbieten. Aber nein, es muss ausgerechnet jenes Buch sein, das sich tückisch versteckt hat und nicht finden lassen will.

Was sind Bibliophile, was sind Bibliomane?

Um dies zu beantworten, muss man zunächst klären, welchen Wert bzw. welche Bedeutung Bücher haben können.

1. Da ist zunächst einmal ganz prosaisch der materielle Wert, also der Tauschwert von Büchern. Dieses Motiv treibt all jene, die früh morgens unter den Büchertischen der Trödelmärkte mit iPad, Laptop oder Smartphone hocken und vor dem Kauf den Wert von Büchern herausfinden möchten. Andere kaufen spontan und stürzen dann nach Hause, weil sie hoffen, ein so genanntes Schnäppchen gemacht zu haben. Es geht hier also in erster Linie ums Geld. Es trifft aber auch auf all jene zu, die sich eine Art Privatbibliothek als Kapitalanlage zusammenkaufen. Und ums Geld geht es auch bei einer zweiten Spezies. Gemeint sind hier solche, die nur nach Geldscheinen suchen, die gelegentlich in den Büchern zwischen den Seiten zu finden sind. Ich selbst habe einmal im fünfbändigen Brockhaus sage und schreibe 460 Euro gefunden Und das hat mich dann in eine Art Geldbuchfieber versetzt und ich habe daraufhin alle Bücher vom Trödelmarkt nach Geldscheinen durchgeblättert. Gerade Lexika scheinen für die Geldaufbewahrung besonders beliebt zu sein. Und in der Tat, nach stundenlangem Blättern habe ich dann noch mal einen früheren Hundertmarkschein gefunden, den ich bei der Bank eintauschen konnte.

2. Ganz im Mittelpunkt der Bücherliebe von Forschern dürfte jedoch der intellektuelle Gebrauchswert von Büchern stehen. Mithilfe von Büchern werden die individuellen Wissensspeicher aufgefüllt und neu geordnet. Und wenn man sich genügend anstrengt, gelingt es auch gelegentlich, den im Hirn gespeicherten Informationswust in die geordnet-lineare Form eines Buches zu fädeln.

3. Bücher können aber auch jenseits ihres unmittelbaren Nutzens der Persönlichkeitspflege und der Außendarstellung dienen. Ich kannte einen, der hatte in seiner BMW-Limousine gut sichtbar hinten am Rückfenster, dort wo sonst die kleinen mit dem Kopf wackelnden Hunde sitzen, ein Exemplar des »Ulysses« von James Joyce liegen. Aber auch sonst werden gerne Bücher gekauft in der Hoffnung, dass die in ihnen enthaltende Klugheit und Weisheit in den Kopf ihrer Besitzer gleichsam hinüberschwappt. Menschen von Rang, die sich in der Öffentlichkeit einen gewissen Namen gemacht haben, lassen sich gerne mit einer Bücherwand im Rücken ablichten. Und Politiker beschäftigen bekanntlich gerne Ghostwriter, um ein Buch mit ihren maßgeblichen Erinnerungen und Ansichten auf den Buchmarkt zu schwämmen.
Bei alldem haben die Bücherwand oder gar die Bibliothek eine doppelte Funktion: Sie gleicht einerseits einer intellektuellen Rüstung, und andererseits fungiert sie als Organverlängerung oder gar Organersatz des Kopfes.

4. Nicht zu unterschätzen ist die Aura von Büchern: Bereits mit einer Erstausgabe gerät man in die erhabene Sphäre eines berühmten Autors und wenn das betreffende Exemplar obendrein vom Autor signiert oder gar mit einer Widmung geadelt ist, so bildet sich bei jedem Bibliophilen oder Bibliomanen eine Gänsehaut.

Aber welches genau sind die Motive der Bibliophilen und der Bibliomanen? Sie könnten ja auch Briefmarken sammeln. Aber warum denn in Gottes Namen Bücher! Briefmarken erfordern doch eine viel einfachere Lagerhaltung. Und der Wert einer besonderen Briefmarke kann es mit einer Erstausgabe durchaus aufnehmen. Wer z.B. die berühmte "Blaue Mauritius" besitzt, kann sie (fast) gegen die Erstausgabe der Gutenbergbibel von 1454 eintauschen.
Eines haben Briefmarken und Bücher allerdings gemeinsam: zur Anbahnung amouröser Liebschaften eignen sie sich beide nicht - weder Bücher noch Briefmarken. Ich spreche aus Erfahrung. Als ich einmal mit dem zweibändigen Standardwerk über den »Bösen Blick« von Siegfried Seligmann Eindruck schinden wollte, hat sie mich nur scheel angesehen und ist dann wortlos gegangen - für immer.
Wer ist nun bibliophil und wer ist biblioman? Eine eindeutige Zuordnung ist nicht möglich. Es sind fließende Übergänge, wobei die Wandlung eines Bibliophilen zu einem Bibliomanen häufiger vorkommen dürfte als der umgekehrte Weg.
Der idealtypische Bibliophile, das ist der wohl situierte Studienrat, der seine Neuerwerbung genüsslich abends bei einem Glas Rotwein zelebriert. Wenn möglich sollte es eine gebundene Ausgabe sein, für die er gerne etwas mehr bezahlt. Ansonsten ist ihm die äußere Form nicht so wichtig. Er sammelt beispielsweise die Ausgabe der Werke von Walter Mehring und es fehlt ihm noch die »Chronik der Lustbarkeiten«, die er nach längerem Suchen in einem Antiquariat gefunden hat.
Der Bibliomane achtet vor allem darauf, ob das begehrte Buch wertvoll und kostbar ist. Handelt es sich möglicherweise um eine Erstausgabe? Wie ist der Einband beschaffen? Am besten ist wohl Saffianleder. Der Bibliomane sammelt, aber was ihn vom Bibliophilen unterscheidet, das ist seine Maßlosigkeit. Er ist ein "Buchtrinker". Da er es längst aufgegeben hat, die erworbenen Bücher zu lesen, kauft er nun auf "Teufelkommraus". Wie wäre es denn mit der Erstausgabe von Musils »Mann ohne Eigenschaften«? Sehr selten und entsprechend teuer. Oder mit einer Erstausgabe der Schriften des Barockpredigers Abraham a Sancta Clara? Reichen hierfür 1.200 Euro? Bücher zu kaufen, ist ja heute denkbar einfach. Man braucht nicht mehr mühevoll auf klapprigen Leitern durch die Regale von staubigen Antiquariaten zu stöbern. Man bestellt heute ganz einfach und bequem online z.B. beim Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher (ZVAB) oder - wenn man keine Skrupel hat - direkt bei Amazon. (kleiner Wermutstropfen: Auch ZVAB ist inzwischen von der Krake Amazon verschluckt worden.)
Ähnlich wie beim Alkoholiker gerät das Leben des Bibliomanen peu à peu aus den Fugen. Denn weder Alkoholkonsum noch die Büchersucht kennen Grenzen. Der Inhalt der Bücher ist dabei völlig gleichgültig. Und dies führt so manchen Bibliomanen auf die schiefe Bahn. Er verschuldet sich und beginnt Bücher zu stehlen und im Extremfall versteigt er sich gar zu Morden, um mit dem geraubten Geld seinem Bücherwahn neue Nahrung zu geben. Mit gut situierter Bücherlust hat all dies nichts mehr zu tun, sondern man blickt in schwindelnde Abgründe.

© Dr. Hans-Albert Wulf, Juni 2019.

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2019/06/15

cesaro1

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2019/06/13

Verlängerte Frühlingsblüte von SKWB

skwb
Social Knit Work Berlin hat ein neues Kunstwerk erschaffen,
auf dem Schillerplatz in Berlin Friedenau.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, April 2019.

Seht bitte auch die Fotos:
Baumschmuck vom 2016/01/10 und
Public Chair vom 2016/11/05 auf kuhlewampe.net.

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2019/06/12

Im Herzen des Multikulti
Blick auf den und vom Kreuzberg in Berlin
(66 Meter über dem Meeresspiegel)

Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, April 2019.

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Das Denkmal für die Befreiungskriege (1821) von Baumeister Schinkel und weiterer Künstler
auf dem Kreuzberg.

kreuzberg2
Ziemlich zugewachsener Blick vom Kreuberg Richtung Norden auf Berlin Mitte.

kreuzberg3
Meinungsäußerungen auf dem Kreuzberg (in schlechtem Englisch).

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2019/06/09

Zum Ergebnis der Europawahl am 26. Mai 2019

Dr. Christian G. Pätzold

Eigentlich war die Europawahl am 26. Mai 2019 nicht ganz so wichtig, denn das Europäische Parlament darf nur ziemlich wenig entscheiden und ist mehr ein Debattierclub. Die wichtigen Entscheidungen in Europa werden im Ministerrat der EU getroffen, unterstützt von tausenden LobbyistInnen. Die Bedeutung der Wahl lag mehr in dem Einblick, den man in die politische Stimmung bei den europäischen WählerInnen bekommen konnte. Das Ergebnis der Wahl war, dass sich das Europaparlament zu einem politischen Flickenteppich entwickelt hat, der deutlich rechter orientiert ist.
Dass das Europaparlament kein so großes politisches Gewicht hat, machte es für die WählerInnen möglich, mehr nach persönlichem Geschmack zu wählen und nicht so sehr nach taktischen Überlegungen für das kleinere Übel zu stimmen. Da es außerdem bei der Europawahl keine 5-Prozent-Hürde gibt, hatten auch kleine Parteien eine Chance auf einen Sitz im Europaparlament. So erreichten in Deutschland 7 kleine Parteien insgesamt 9 Sitze. In Deutschland standen immerhin 40 Parteien auf dem Wahlzettel, so dass für fast jeden Geschmack etwas dabei war. Daher kann man das Ergebnis der Europawahl als ehrlicher betrachten als die Wahlergebnisse üblicher Wahlen, da die WählerInnen mehr nach ihren wirklichen Einstellungen abstimmen konnten.
Im Vorfeld der Europawahl war vor allem ein Rechtsruck bei den WählerInnen befürchtet worden. Zu den Rechtspopulisten und Rechtsextremen werden solche Parteien gerechnet wie: AfD, Lega, 5 Stelle, FPÖ, Rassemblement National, Brexit Party, etc. Im alten Europaparlament hatten die Rechtspopulisten und Rechtsextremen 80 Sitze von 751 Sitzen, das waren 10,7 %. Im neuen Europaparlament haben die Rechtspopulisten und Rechtsextremen 112 Sitze von 751 Sitzen erreicht, das sind 14,9 %. Der Rechtsruck ist also nicht so stark ausgefallen, wie man gedacht hatte. In einzelnen Ländern und Regionen ist die Entwicklung allerdings düster. Die Rechten haben vor allem in Italien, Frankreich und England gewonnen, außerdem in den östlichen Teilen Polens und Deutschlands. In Brandenburg und Sachsen wurde die AfD zur stärksten Partei.
Die Konstellation im neuen Europaparlament ist von 5 größeren Blöcken geprägt: Konservative, Sozialdemokraten, Rechte, Liberale und Grüne. Das Machtkartell aus Konservativen und Sozialdemokraten aus dem alten Europaparlament ist gebrochen worden. Dort hatten sie zusammen noch die absolute Mehrheit und konnten alles unter sich auskungeln. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Dadurch entsteht insgesamt ein kontroverseres Bild. Auch bei den deutschen Wählern haben CDU/CSU und SPD ihre absolute Mehrheit verloren. Die SPD-Parteivorsitzende ist bereits Anfang Juni zurückgetreten.
Die Linke spielt im neuen Europaparlament so gut wie keine Rolle mehr und hat auch Abgeordnete verloren. Europa findet ohne die Linke statt. Oder anders gesagt: Europa ist nicht links. Dabei hatte sich die Linke so sehr für die Europäische Union eingesetzt. Aber ihr Wahlkampf für ein "soziales Europa" war den WählerInnen vielleicht zu sehr wischiwaschi. Was die Linke konkret wollte, hat man nicht so richtig verstanden.
Dann habe ich mir die Frage gestellt: Wie viele Diäten bekommt eigentlich ein deutscher Europaabgeordneter? Es sind etwa 10.000 Euro im Monat. Dazu kommen aber noch tausende von Euro für sonstige Nebenkosten. Bei 751 Abgeordneten kommt da eine hübsche Summe zusammen, die die europäischen Steuerzahler berappen müssen.

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2019/06/05

Oskar Schlemmer: Die Bauhaustreppe in Dessau, 1932

bauhaus2schlemmer
Öl auf Leinwand. 162,3 x 114,3 cm.
Zum 100. Jubiläum des Bauhaus. Quelle: Wikimedia Commons.

Zu sehen ist die berühmte Treppe im Hauptgebäude des Bauhaus in Dessau, von Walter Gropius entworfen. Im Hintergrund ist die große Glasfassade des Gebäudes sichtbar. Die jungen Studentinnen mit manierierten Taillen und modernen Bauhausfrisuren der 1920er Jahre scheinen sich tänzelnd auf der Treppe zu bewegen. Die Person oben links steht sogar auf der Zehenspitze. Ja, am Bauhaus gab es auch Studentinnen. Die Lehrkräfte waren allerdings fast nur Männer. Bei den Farben des Bildes überwiegen Blau und Weiß, mit einem großen Ausrufezeichen in Rot in der Bildmitte, was kein Zufall ist. Der Bauhausmeister Oskar Schlemmer (1888-1943) ist besonders durch sein originelles Triadisches Ballett von 1922 bekannt, das noch in neuerer Zeit aufgeführt wurde.
Schlemmers Hauptwerk von 1932 versprüht einen Hauch von Neuer Sachlichkeit, auch wenn das Bild zur Klassischen Moderne gezählt wird. Oskar Schlemmer war von 1920 bis 1929 Meister am Bauhaus. Das Bild stammt aus einer Zeit, als das Bauhaus schon vor den Nazis aus Dessau flüchten musste, und ist eine Erinnerung an schöne Tage. Jugendliches Aufstreben ist der überwiegende Eindruck des Bildes. Das Bild gehört seit 1933 dem Museum of Modern Art in New York City. Für die Nazis war Oskar Schlemmer ein "Entarteter Künstler", seine Werke wurden von ihnen gezielt vernichtet. Da war es ein Glücksfall, dass es das Bild ins Exil nach New York geschafft hat.
Das Bild »Bauhaustreppe« von Oskar Schlemmer wirft einige Fragen auf. Die Darstellung der Bauhaustreppe entspricht nicht der tatsächlichen Treppe im Bauhaus. (Seht bitte die Fotos der Bauhaustreppe auf kuhlewampe.net vom 2019/04/15). Hat Schlemmer die Treppe aus dem Gedächtnis "falsch" gemalt oder mit Absicht anders dargestellt? Auf dem Bild sind 9 Personen vorhanden, teilweise nur mit einzelnen Körperteilen. Auf der linken Bildseite befinden sich 5 Personen in einem Halbkreis. Auf der rechten Seite 4 Personen. Dadurch gibt das Bild einen sehr belebten Eindruck eines lebendigen Hochschulbetriebes. Keine der Personen ist mit dem vollständigen Körper dargestellt. In der Bildmitte rechts außen ist eine Person vor der Glasfassade zu erkennen. Das kann nicht sein, da sich dort der Luftraum vor dem Gebäude befindet. Auch bin ich mir nicht sicher, ob man auf Zehenspitzen gesund und munter die Treppe herunter kommt.

Dr. Christian G. Pätzold.

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2019/06/02

Haikus von Rudolph Bauer:
Politikerschelte

parteien werben
wir sollen zur urne gehn
blindes vertrauen

dass wir vergessen
was sie versprachen denken
abgeordnete

bereit zum beschluss
von freihandelsverträgen
die sie nicht kennen

steuerschlupflöcher
gibt es für die konzerne
für arbeiter nicht

der dieselskandal
der asthmatiker krank macht
wird ausgesessen

lasst waffen sprechen
das morden nimmt kein ende
jetzt auch die bienen

© Prof. Dr. Rudolph Bauer, Juni 2019.

Die Haikus sind mit Erlaubnis des Autors dem Buch entnommen:
Rudolph Bauer/Thomas Metscher: Aus gegebenem Anlass. Gedichte und Essay. Hamburg 2018. tredition.

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2019/05/31

vorschau06

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2019/05/28

14 thesen zur politischen lyrik

dr. christian g. pätzold


1 politische lyrik ist ein kleines literarisches spezialgebiet.

2 politische lyrik, die niemanden beißt, ist keine politische lyrik.

3 heinrich heine und bertolt brecht waren die größten politischen lyriker in deutschland. in anderen ländern gab es auch wichtige politische dichter.

4 politische lyrik braucht sich nicht zu reimen.

5 satirische politische lyrik ist die beste politische lyrik.

6 liebeslyrik, naturlyrik, sprachspiellyrik und konkrete poesie haben auch ihre berechtigung, aber die politische lyrik ist doch meist von größerer wichtigkeit.

7 politische lyrik wird heute meist mit kleinen buchstaben geschrieben.

8 die wichtigsten themen der politischen lyrik sind krieg und frieden, unterdrückung und freiheit, ausbeutung und gerechtigkeit sowie kapitalismuskritik.

9 es gibt nicht nur progressive politische lyrik, sondern leider auch reaktionäre politische lyrik.

10 aphorismen sind nahe verwandte der politischen lyrik.

11 haikus sind wegen ihrer kürze und konkretheit eine besonders ansprechende form der poesie.

12 politische dichter sind gleichzeitig meist denker.

13 die welt darf nicht nur beschrieben werden, sondern sie muss verändert werden.

14 keine lyrik ist auch keine lösung.

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2019/05/24

»Aus gegebenem Anlass« von Rudolph Bauer

Dr. Christian G. Pätzold

bauer


In den zurückliegenden dreißig Jahren hatte es die politische Lyrik in Deutschland nicht leicht. Nachdem Erich Fried 1988 gestorben war, verfiel die politische Lyrik in Westdeutschland in ein Schlummerdasein. Das wurde noch vertieft durch das Aus der DDR 1990, denn dort gab es immerhin noch politische Lyrik. Sie war sogar angesehen und in den Volkseigenen Betrieben gab es Zirkel Schreibender ArbeiterInnen. Dann wurde die Industrie in Ostdeutschland entsorgt und mit ihr die politische Lyrik. In den 90er und Nuller Jahren grassierte der neoliberale Wahn und an fortschrittliche Lyrik war kaum zu denken. Angesichts dieser Vorgeschichte ist es erfreulich zu sehen, dass jetzt wieder politische Lyrik aufblüht, zum Beispiel mit dem schön gestalteten Buch »Aus gegebenem Anlass« von Rudolph Bauer.
Rudolph Bauer ist Politikwissenschaftler. Er war Professor an der Universität Bremen. Gleichzeitig ist er ein erfahrener Lyriker, der schon mehrere Gedichtbände veröffentlicht hat. Daher kann man einiges von ihm lernen. Zum Beispiel über den spielerischen Einsatz verschiedener Gedichtformen. Der Autor verwendet Haikus, Aphorismen, Distichen und Sonette. Auch Sprachspielerisches bis zum Poetry Slam. Auch der Rückblick in die Geschichte kommt häufig vor. Dabei muss man bedenken, dass sich politische Lyrik grundsätzlich von politischer Essayistik unterscheidet. Lyrik ist verknappt und kondensiert, während die Essayistik alle Aspekte eines Themas in Sätzen und Absätzen ausführlich ausleuchtet. Bei der Lyrik müssen die LeserInnen noch intensiver mitdenken, haben aber auch mehr Freiheit zu assoziieren.
Speziell politische Lyrik ist ein schwieriges Gebiet der Lyrik, weil der Autor bzw. die Autorin Stellung beziehen und damit automatisch ins Schussfeld der politischen Auseinandersetzung geraten. Daher sind die meisten LyrikerInnen viel zu ängstlich für politische Lyrik, besonders für linke politische Lyrik. Heute fragt man sich wieder, wann die Nazis in Deutschland die Wahlen gewinnen und an die Macht kommen, und wann man als Dichter wieder ins KZ gesperrt und gefoltert wird. Ein politischer Dichter zu sein ist in Deutschland bekanntlich lebensgefährlich. Politische Lyrik ist nur was für Mutige. Die Angsthasen schreiben lieber Naturlyrik oder Liebeslyrik. Wem es in der Küche zu heiß ist, sollte nicht Koch werden. Das gilt übrigens noch mehr für VerlegerInnen. Die haben die German Angst und Selbstzensur schon so verinnerlicht, dass sie politische Lyrik meiden wie der Teufel das Weihwasser.
Bei Rudolph Bauer trifft man auf echte politische Lyrik, die nicht weichgespült ist. Thematisch ist das Buch sehr vielfältig, geht aber immer vom Denken der Friedensbewegung aus. Das Schwergewicht liegt auf Gedichten gegen den Krieg und gegen die Rüstung und Waffenexporte. Dem Buch voran gestellt ist ein Zitat von Bert Brecht aus der "Rede für den Frieden" von 1952:
"Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden."
In diesen Worten von Brecht kann man schon den scheinbaren Widerspruch erkennen: Man muss unfriedlich sein, um den Frieden zu erreichen.
Mehr am Rande werden weitere heiße Eisen wie die Geflüchteten, der Verfassungsschutz, Europa, Israel und der Islam angesprochen. Aber diese Themen haben letztlich auch etwas mit Krieg und Frieden zu tun. Etwas aus dem Rahmen fällt das Gedicht über den indischen Elefantengott Ganesha, bei dem man an die friedlichen Dickhäuter denken muss, die leider vom Aussterben bedroht sind, weil sie wegen ihres Elfenbeins abgeschossen werden. Eine weitere Gruppe bilden Gedichte auf Dichtergenossen.
Der Autor ist Kriegsgegner. Bundeswehrwerbung in Schulen ist ihm ein Graus. Gegen Ende das Buches findet sich noch ein Aufruf von Rudolph Bauer:

"schriftsteller/innen versagt nicht
steht auf und rebelliert
gegen die nazis verzagt nicht
schreibt an gegen sie unbeirrt"

Den Abschluss des Buches bildet ein literaturgeschichtlicher Essay von Thomas Metscher über politische Lyrik. Summa Summarum: Ein interessantes Buch mit vielen Anregungen, vielleicht sogar ein Meilenstein der friedensbewegten Dichtung.

Der Autor liest aus dem Buch in folgenden Youtube-Videos:
https://www.youtube.com/watch?v=WR-TSB6-dlg (Dauer: 9'18'').
https://youtu.be/Fnd0ijizOCw (7'18'').

Rudolph Bauer/Thomas Metscher: Aus gegebenem Anlass. Gedichte und Essay. Hamburg 2018. tredition. 194 Seiten.
ISBN 978-3-7469-7155-1.

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2019/05/22

Song for Brexiteers and Profiteers

Wolfgang Weber

E: exit / yes / exit / no
D: exit / ja / exit / nein
E: brexit / yes / brexit / no
D: brexit / ja / brexit / nein
E: flexit / yes / flexit / no
D: flexit / ja / flexit / nein
E: brexit / yes / brexit / no
D: brexit / ja / brexit / nein

E: should I stay / Theresa or May / should I go
D: wollt Ihr bleiben / Theresa oder May / wollt Ihr raus
THE CLASH

E: way in / way out
D: herein / heraus

E: no way out
D: kein ausweg

E: deal / no deal / ideal
D: abkommen / kein abkommen / ideal
E: no big deal
D: kein großes ding

E: brexit / grexit
D: brexit / grexit
E: EU-exit / no brexit
D: EU verlassen / kein brexit

E: don’t go away / in the month of / Theresa May
D: geht nicht weg / im monat der / Theresa May

E: how does it feel / with a heart / like railroad steel
D: was für ein gefühl ist das / mit einem herzen / aus stahl wie eine bahntrasse

E: BRRRRR-exit / no BRRRRR-exit
D: BRRRRR-exit / austritt / kein BRRRRR-exit

E: deal / no (i)deal
D: abkommen / kein abkommen / nicht ideal

E: everybody now / trying to make it real / compared to what
D: und nun alle / versucht es Euch vorzustellen / bringt es zusammen
E: everybody now / trying to make it real / compared to what

© Wolfgang Weber, Mai 2019.

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2019/05/21

freiheit

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2019/05/18

Rettet die Insekten:
Der Marienkäfer

Ella Gondek

marienkaefer
Fotografiert von © Ella Gondek.

Auf meine Hand kam angeflogen
ein süßes, kleines Käferlein,
mit wunderschönen roten Flügeln
und darauf sieben Pünktelein.

Es krabbelte auf meiner Hand
bis an der Finger höchste Spitzen
und blieb dort ganz vertraut und brav
für kurze Zeit auch ruhig sitzen.

Ich sah es an sehr liebevoll
und fühlt’ mich hin zu ihm gezogen.
Doch plötzlich, wie von Geisterhand,
ist es schnell davon geflogen.

Es flog weiter in die große Welt,
um andern Menschen Freud’ zu bringen.
Für mich war es Glückseligkeit,
sich zu erfreu’n an kleinen Dingen.

Copyright by Eleonore Gondek, Mai 2019.

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2019/05/15

Dieser arme Homosaxone

Peter Hahn & Jürgen Stich

kurthiller
Kurt Hiller, gezeichnet von Emil Stumpp, 1924.
Quelle: Wikimedia Commons.

Inhaltsleerer konnte die Gedenktafel an der Hähnelstraße Nr. 9 (in Berlin Friedenau) nicht formuliert werden:
"Hier wohnte von 1921-1934 Kurt Hiller. 17.8.1885-1.10.1972. Der expressionistische Schriftsteller emigrierte 1934 nach erlittener KZ-Haft. Er kehrte 1955 nach Deutschland zurück. Von 1969 bis zu seinem Tod war er Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg."
Hiller war ein wortmächtiger, streitbarer und nach allem, was aus seiner Biografie und seinem literarischen Werk herauszulesen ist, ein einsamer Mensch. Nach dem Motto "Der ist der stärkste Mann der Welt, der ganz allein steht!" focht er lebenslang für eine gerechte Gesellschaft, überraschte immer wieder mit undogmatischen Analysen und Urteilen. Damit machte er sich viele Feinde. "Der humanitäre Aktivismus, so Thomas Mann, den Hiller aus den Wurzeln seiner Sexualität zieht, ist mir fremd, oft widerwärtig." Kurt Hiller hatte seine Homosexualität nicht bloß bedacht und beschrieben, sondern auch gelebt.
Bereits 1908 vertrat er in »Das Recht über sich selbst« die Ansicht, dass gleichgeschlechtliche Liebe zu Unrecht strafrechtlich verfolgt werde. Mit »§ 175: Die Schmach des Jahrhunderts!«, 1922 erschienen, meint er, wie Hiller 1969 in seine Autobiografie »Leben gegen die Zeit« mitteilt, nicht nur die Sache: Ich meinte mich und die Sache.
"Je ferner mir leibliche Berührung des Jünglings, den ich liebte, lag, desto wilder brodelte in mir ein an keine bestimmte Person geknüpftes animalisches Begehren. Nicht, dass ich mit Bedacht mich zwang, beides auseinanderzuhalten; nein, ein Etwas oberhalb meiner Willensvorgänge zwang mich ohne mein Zutun dazu und fast außerhalb meiner Beobachtung und Selbsterkenntnis. Ich erlegte mir kein Gesetz auf, sondern ich gehorchte einem Gesetz in mir ohne das Gefühl eines Gehorchens. Als ich begonnen hatte, zu ahnen, was mit mir los sei, erfuhr ich (durch wen oder was, habe ich vergessen), dass gewisse Stellen im Tiergarten an seinem Rande sich nachts als zwar stockdunkel, aber bevölkert erweisen, bevölkert von Menschen, unter denen mit einiger Vorsicht mal Ausschau zu halten (doch Ausschau ging wegen der Dunkelheit kaum!) mir reizvoll schien. Eines Tages im Oktober unternahm ichs. Im Tiergartenstück zwischen Lennéstraße und Brandenburger Tor. Da teils vom Nachthimmel teils von den Laternen der angrenzenden beiden Straßen her ein paar Lichtstrahlen ins Düster der Büsche gelangten, vermochte man die Umrisse und Antlitze der dort Wandelnden oder auf Bänken Wartenden halbwegs zu erkennen. Auf einer Bank setzte ich mich neben einen Mann, der, ein bis zwei Jahrfünfte älter als ich, schnittig und drahtig wirkte und in dessen Gesicht kein Zug mich abstieß. Ein Gespräch entwickelte sich; ich fragte ihn vor allem, ob er Muskeln hätte. Statt zu antworten, hielt er mir seinen Oberarm hin. Ich prüfte; der Bizeps war geräumig, gewölbt und wie aus Stahl. Wohin nun? Er bot seine Wohnung an. Weiß nicht mehr, wo sie lag. Sie war sehr klein und sehr sauber. Als er sich entkleidete, kam ein toll trainierter Körper zum Vorschein, bedeckt mit Tätowierungen. Die mochte ich nicht, doch die Skulptur seines Rumpfs und seiner Gliedmaßen erzeugte in mir unerhört viel mehr Lust als die Tätowierung Unlust. Wechselseitige Masturbation stand weder damals noch später je auf meinem Programm. So wenig wie Analsachen, Oralsachen. Wir legten uns ins Bett und umarmten einander; und kaum hatte ich meinen zu weichen Körper an seinen prachtvoll harten gepresst, als 'es geschehen war'. Ob oder wann bei ihm, entglitt meinem Gedächtnis. Als wir uns wieder angezogen hatten, verlangte er höflich einen geringen Preis. Ich zahlte ihn, und wir sahen uns niemals wieder."
Menschlich, allzumenschlich. Der kluge Kopf hätte wissen müssen, dass solcherart Bekenntnisse eine Frage des Geschmacks und nicht jedermanns Sache sind.
Selbst Siegfried Jacobsohn, der Herausgeber der unabhängigen politischen Wochenschrift »Die Weltbühne«, klagte in einem Brief an Kurt Tucholsky vom 8. März 1926:
"Ich fürchte, dass es mit mir und Kurtchen Hiller nicht mehr lange währen wird. Es ist nicht zu sagen, was dieser arme Homosaxone sich an Hysterie, Verfolgungswahn, Eitelkeit, Empfindlichkeit, Anmaßung und Geschmacklosigkeit brieflich leistet. Mir ist kein Redakteur bekannt, der sich das so lange gefallen ließe wie ich Engel an Sanftmut und Geduld. Aber eines Tages wird sie wohl auch mir reißen. Bet für mich!"
Kurt Hiller war von 1915 bis 1918 und von 1924 bis 1933 regelmäßiger Mitarbeiter der »Weltbühne«. Insgesamt schrieb er in all den Jahren 167 Beiträge. Jacobsohn schätzte seine Texte. Auseinandersetzungen gab es immer wieder. Nahm es Jacobsohn im November 1917 locker hin, dass Hiller ihn zum Feuilletonistenpack zählte, das sämtliche Amüsierpremieren würdigt, weil sie gesellschaftliche Begebenheiten sind, so kam es im Dezember 1918 vollends zum Zerwürfnis, als Jacobsohn in der Rubrik Antworten seinen Austritt aus Hillers Aktivisten-Verein Rat geistiger Arbeiter begründete und zu dem Schluss kam: "Eine Arbeitsgemeinschaft ist unmöglich."
Im März 1924 druckte Jacobsohn erstmals wieder einen Text von Hiller. Das der erneuten Mitarbeit vorausgegangene Gespräch charakterisierte Hiller 1969 im Rückblick:
"Gegen Ende Februar fand die Begegnung in seiner Redaktion statt. Wir unterhielten uns etwa drei Stunden lang. Über das meiste, was er mir sagte, war ich platt. Seine Polemik gegen mich aus 1918 erwähnte weder er noch ich; und er ließ mich auf eine verhaltene, mich ehrende Art wissen, dass er über die Wiederaufnahme meiner Mitarbeit froh sei. Mindestens so froh war ich. Mich zu identifizieren mit der Weltbühne vermochte ich indessen nie."

© Peter Hahn & Jürgen Stich, Mai 2019.

Der Artikel ist mit Erlaubnis der Autoren dem Buch entnommen:
Peter Hahn & Jürgen Stich: Friedenau. Geschichte & Geschichten. Oase Verlag Badenweiler 2015.
ISBN 978-3-88922-107-0.

Die Webseite von Peter Hahn & Jürgen Stich ist: www.friedenau-aktuell.de.

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2019/05/12

Rudolph Bauer
Novemberrevolution 1918

die matrosen in kiel wilhelmshaven stade und emden
weigerten sich auszulaufen
mit den kriegsschiffen in den nassen den sicheren tod

die soldaten im feld an der front in schützengräben
weigerten sich zu fallen
in glitschigem matsch aus blut urin und gedärmen

die arbeiter in den fabriken fleißig am fließband
weigerten sich herzustellen
waffen und kriegsgeräte statt töpfe und pfannen

die arbeiter auf den werften und an der drehbank
weigerten sich schiffe
zu bauen und kanonen zu bohren aus kruppstahl

ihre schuftenden hungrigen frauen hinter der front
weigerten sich zu gebären
neue soldaten und neue mädchen für neue soldaten

in den dörfern die bauern auf äckern feldern und wiesen
verweigerten abzuliefern
die ernte die rinder und schweine die knechte fürs heer

matrosen soldaten arbeiter frauen die bauern das volk
statt fortzusetzen befohlenes
morden jubelten laut lang lebe der frieden die freiheit

matrosen soldaten arbeiter frauen die bauern das volk
verjagten den deutschen kaiser könig von preußen
verschonten sträflich jedoch generale richter und chefs

matrosen soldaten arbeiter frauen die bauern das volk
vertrauten den noskes
die die revolte begrüßten um sie dann niederzumetzeln

© Prof. Dr. Rudolph Bauer, Mai 2019.

Das Gedicht ist mit Erlaubnis des Autors und des Verlages dem Buch entnommen:
Schlafende Hunde VI - Politische Lyrik. Herausgegeben von Thomas Bachmann, verlag am park in der edition ost, Berlin 2019.

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2019/05/09

László Moholy-Nagy: Komposition Z VIII, 1924

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Zum 100. Jubiläum des Bauhaus. Quelle: Wikimedia Commons.

Zu sehen ist eine geometrische Komposition im Stil des sowjetischen Konstruktivismus. Man kann auch die suprematistischen Kompositionen vergleichen, die Kasimir Malewitsch 10 Jahre früher gemalt hat. Das Bild besteht ausschließlich aus verschieden farbigen Rechtecken und Kreisen, die eine Architekturlandschaft darzustellen scheinen. Moholy-Nagy (1895-1946) war ein wichtiger Bauhausmeister in den Jahren von 1923 bis 1928 und seine Komposition entspricht ganz der geometrischen Philosophie des Bauhaus. Bei den Farben überwiegen Schwarz und verschiedene Rottöne.
Dr. Christian G. Pätzold.

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2019/05/06

Ingo Cesaro
Da kommt Bewegung auf

in einer bayerischen Landesbehörde
zwischen einzelnen Abteilungen
kommt Bewegung auf
ein interner Wettbewerb
um das wertvollste Kreuz
um Eindruck zu schinden
ganz nach oben

einer der Abteilungsleiter
fragte unerwartet
beim berühmten Bildhauer an
im Vordergrund steht
vorausgesetzt
eine außergewöhnliche Ausführung
Material und Preis nebensächlich

deutet gleichzeitig an
dass Folgeaufträge
nicht ausgeschlossen
würden sich
auch andere Abteilungsleiter
beim Landesherrn
ja was wohl

und andere Behörden
müssten dann ebenfalls
in den sauren Apfel beißen
wohl oder übel nachziehen
um Nachteile
vor allem für sich
auszuschließen.

© Ingo Cesaro, Mai 2019.

Das Gedicht ist mit Erlaubnis des Autors und des Verlages dem Buch entnommen:
Schlafende Hunde VI - Politische Lyrik. Herausgegeben von Thomas Bachmann, verlag am park in der edition ost, Berlin 2019.

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2019/05/03

Zum 100. Geburtstag von Pete Seeger

Dr. Christian G. Pätzold

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Pete Seeger mit seinem Banjo, Auftritt in New York 2011 im Alter von 92 Jahren.
Quelle: Wikimedia Commons.

Pete Seeger (1919-2014) war ein sozialistischer Protestsänger in den USA, der in den 1960er Jahren international berühmt wurde. Er wurde am 3. Mai 1919 in New York City geboren. Sein Vater und seine Mutter waren Musiker, so dass er von klein auf mit Musik aufwuchs. Schon mit 22 Jahren sang er vor großem Publikum und mit 92 Jahren immer noch. Er gehörte zu den erstaunlichen Menschen, die 70 Jahre lang dasselbe mit Erfolg gemacht haben, ohne Exkursion in einen anderen Beruf oder in ein anderes Betätigungsfeld. In einem früheren Artikel auf kuhlewampe.net habe ich über Rosa von Praunheim geschrieben, der auch in seinem ganzen Leben nur Dokumentarfilme gedreht hat, und das mit Erfolg. Vielleicht kann man solche Menschen lineare Menschen nennen, denn sie machen von frühester Jugend bis ins späte Alter nur eine bestimmte Sache. Ich bin dagegen eher ein Zick-Zack-Mensch, der mal das eine und mal das andere gemacht hat, aus Gründen der bunten Abwechslung, und alles mit wenig bis keinem Erfolg. Daher faszinieren mich solche linearen Menschen bis zu einem bestimmten Punkt.
Pete Seeger brauchte nur seine Stimme und sein Banjo oder seine Gitarre. Er hat so viele bekannte politische Songs und Gewerkschaftslieder geschrieben und gesungen, darunter bspw. »Where Have All the Flowers Gone« als Anti-Kriegslied, »We Shall Overcome« für die Bürgerrechtsbewegung der Afro-Amerikaner, »If I Had a Hammer«, »Turn! Turn! Turn!«, »This Land is Your Land«, »Joe Hill«, »Kumbaya«, »Guantanamera«, »Down by the Riverside«, »We Shall Not Be Moved«. Er sang auch Lieder seines Freundes Woody Guthrie, mit dem er als Hobo durch die USA getrampt war, um die heimische Folk Music kennen zu lernen. Seine Lieder wiederum wurden von solchen Größen wie Bob Dylan oder Joan Baez übernommen.
Wegen seiner Nähe zur Kommunistischen Partei der USA wurde er seit den 1950er Jahren von der US-Regierung stark verfolgt. Während der Hexenjagd auf Linke in der McCarthy-Ära wurde er 1955 vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe gezerrt, ins Gefängnis gesperrt und auf die Schwarze Liste gesetzt. Die US-Medien boykottierten ihn über 15 Jahre lang. Die US-Regierung hatte mächtig Angst vor seinen Liedern.
Während des Kalten Krieges ist er mehrmals in der Sowjetunion aufgetreten und auch in Ost-Berlin, DDR, in den Jahren 1967 und 1986. Reisen in den Ostblock haben sich damals nur wenige US-Amerikaner getraut. Die Arbeiterbewegung, die Bürgerrechtsbewegung, die Friedensbewegung, die Umweltbewegung haben ihm viel zu verdanken. Heute noch kann man ihn bei Youtube singen hören.

© Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2019.

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2019/05/01

Beste Grüße zum 1. Mai von kuhlewampe.net !

Vor 100 Jahren wurde der 1. Mai gesetzlicher Feiertag in Deutschland.

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Giuseppe Pellizza da Volpedo (1868-1907): Il Quarto Stato (Der Vierte Stand),
Ausschnitt, 1901. Quelle: Wikimedia Commons.

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2019/04/30

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2019/04/27

pazifik

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2019/04/24

Dr. Hans Albert Wulf
Die Buchmenschen

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Wir überqueren am südlichen Stadtrand mit dem Boot einen kleinen Fluss und folgen dann den Gleisen einer stillgelegten Eisenbahn hinein in einen Birkenwald. Dort stoßen wir auf eine kleine Siedlung aus Bauwagen, Holzhütten und alten Eisenbahnwaggons und es eröffnet sich uns hier ein eigenartiges Bild. Wir sehen Menschen im Wald auf- und abgehen, mit einem aufgeschlagenen Buch in der Hand. Und jeder von ihnen ist vertieft und liest in seinem Buch oder deklamiert daraus. Haben wir es hier mit einem Wochenendkurs zur Übung im schnellen und rationellen Lesen zu tun? Oder sind es Schauspieler, die in ruhiger Abgeschiedenheit ihre Theaterrollen auswendig lernen wollen? Nichts dergleichen. Es handelt sich hier um eine Szene aus einem Science-Fiction-Film, in den wir hineingesprungen sind. Wir fassen uns ein Herz und fragen einen der umherwandelnden Rezitatoren nach dem tieferen Sinn dieses Bücherwandelns. Und der antwortet uns in freundlichem Ton, dass sich jeder dieser eigentümlichen Menschen einem bestimmten Werk der Weltliteratur verschrieben habe. Der eine widmet sich dem »Don Quijote« des spanischen Dichters Cervantes, ein anderer hat sich die Dramen von Shakespeare vorgenommen. Dahinten, dort wo die Eichen stehen, deklamiert eine ältere Dame aus dem »Prozess« von Franz Kafka. Aber auch neuere Literatur ist hier vertreten, z.B. »Zazie in der Metro« von Raymond Queneau oder Jean Paul Sartres »Das Sein und das Nichts«. Jeder und jede von diesen Waldwandlern liest nicht nur das betreffende Buch, sondern lernt es auswendig und stellt so gleichsam die Verkörperung dieses Buches dar. Man nennt sie deshalb auch die "Buchmenschen". Wenn wir einen von ihnen nach seinem Namen fragen, so antwortet er: "Ich bin der Staat von Platon", oder eine andere: "Ich bin die Odyssee von Homer". Und wenn einer von den Buchmenschen im Sterben liegt, wie dieser alte Mann da drüben in dem Lehnstuhl vor der Hütte, so spricht er seinem Neffen oder Enkel das Buch vor, damit der es auswendig lernt und es so für die Nachwelt bewahrt wird.
Diese Geschichte stammt aus dem Film »Fahrenheit 451« von François Truffaut und führt uns in eine Gesellschaft, in welcher der Besitz und die Verbreitung von Büchern generell verboten sind. Und deshalb müssen sie verbrannt werden. Und dies gilt auch hier draußen in der Abgeschiedenheit des Waldes bei den Buchmenschen. So befiehlt es das Gesetz einer bücherfeindlichen totalitären Gesellschaft. Eine Horrorvorstellung für jeden Buchliebhaber und Büchersammler, die an grauenvolle Episoden unserer eigenen Geschichte erinnert.
Fahrenheit 451 ist offensichtlich die Temperatur, bei welcher Papier brennt. Daher der Filmtitel. Der Film von 1966 beruht auf einem Roman des amerikanischen Schriftstellers Ray Bradbury von 1953.
Er beginnt dramatisch: Ein junger Mann erhält einen Anruf, stürmt Hals über Kopf aus dem Haus und sucht das Weite. Und dies war keine Sekunde zu früh; denn vor seiner Haustür ist bereits ein futuristisch gestylter Feuerwehrwagen mit zehnköpfiger Besatzung vorgefahren. Die Feuerwehr hat in dieser Gesellschaft allerdings nicht die Aufgabe, Brände zu löschen. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, Bücher aufzuspüren und sie zu verbrennen. Die Nazis verbrannten 1933 ja bekanntlich Bücher, die Ihnen politisch zu links, liberal oder jüdisch waren. In dem Film von Truffaut werden dagegen ausnahmslos alle Bücher, derer die Feuerwehr habhaft werden kann, verbrannt. Bücher gelten in dieser Gesellschaft als Bedrohung. Zum einen schadeten sie dem seelischen Gleichgewicht der Menschen, sie könnten unkontrollierbare Emotionen wecken. Derartige Warnungen vor zu schweren Romanen habe ich mir selbst gelegentlich von einer früheren Freundin anhören müssen. Ich solle sie besser meiden, da sie ja nur Depressionen verursachen würden.
Und zum zweiten, so heißt es, gefährdeten Bücher die gesellschaftliche Gleichheit. Glücklich könne man in dieser Gesellschaft nur sein, wenn alle gleich sind. Keiner soll sich über den anderen erheben können, und sei es auch nur durch eine elitäre Buchlektüre. Immer bestehe die Gefahr, dass einer, der beispielsweise die »Nikomachische Ethik« von Aristoteles gelesen hat, sich für klüger als andere hält. Bücher beunruhigten die Menschen und machten sie asozial. Generell können Bücher, so heißt es, widerständig sein und subversive Gedanken nähren. Und dies ist zweifellos zu allen Zeiten der Hauptgrund für all diese Bücherverbote und Bücherverbrennungsaktionen.
Die Besatzung des Feuerwehrautos ist ein eingespieltes Team. Nachdem sie sich zu der Wohnung Zutritt verschafft haben, machen sie sich auf die Suche nach versteckten Büchern und sie wissen, wo sie zu suchen haben. In Lampenschirmen, im Fernseher oder auch im Toaströster. Die Bücher werden nach draußen geschafft und dann mit einem Flammenwerfer in Brand gesetzt und eingeäschert. Unter den Feuerwehrleuten ist derjenige privilegiert, der diesen Vorgang ausführen darf. Und dies ist hier der Feuerwehrmann Guy Montag, mitreißend gespielt von Oskar Werner. Montag soll befördert werden. Er ist einer, auf den man sich verlassen kann und der seine Arbeit gerne erledigt und mit seinem Leben zufrieden ist. Zu Hause, in seinem Einfamilienflachdachhäuschen erwartet ihn seine Ehefrau Linda (Julie Christie), die mit ihrem Leben vor der interaktiven Bildwand und den Tranquilizern, die sie pausenlos in sich hineinschluckt, vielleicht noch zufriedener ist als ihr Ehemann. Als Truffaut den Film im Jahr 1966 gedreht hat, gab es in Deutschland noch nicht einmal das Farbfernsehen. Von einer Fernsehbildwand ganz zu schweigen. Seit einigen Jahren kann man sie aber zu einem erschwinglichen Preis kaufen und sie sind gelegentlich fast so groß wie eine Wohnzimmerwand. Interaktiv sind sie heute zwar noch nicht, aber das kommt demnächst.
In der Schwebebahn, mit der er zur Arbeit fährt, trifft Montag auf eine junge Lehrerin, (ebenfalls gespielt von Julie Christie), die ihn nach seinem Beruf, nach all den Gründen für die staatlich verordneten Bücherverbrennungsaktionen interviewt und ihn schließlich fragt, ob er denn glücklich sei. Sie selbst sei, so berichtet sie, vom Schuldienst suspendiert worden, weil sie in all ihrem Alltagsverhalten und ihren Ansichten als Outcast und subversives Element gilt. Montag gerät nach solchen wiederkehrenden Treffen in der Schwebebahn mit der suspendierten Lehrerin, die aus einer anderen Welt zu stammen scheint, ins Grübeln und wird neugierig. Heimlich steckt er bei einem Feuerwehreinsatz ein Buch in seine Tasche. Es folgen weitere Bücher, die er in seiner Wohnung versteckt. Und peu à peu wird er zu einem Dissidenten, der unbeachtet von seiner Frau nachts ein Buch nach dem anderen verschlingt.
Als die Feuerwehr einen Brandeinsatz in der umfangreichen Privatbibliothek einer älteren Frau durchführt, erfährt Montag sein Damaskus. Die Frau steht würdevoll und selbstbewusst inmitten tausender Bücher. Der Captain fordert sie mehrfach auf und befiehlt ihr, das Haus zu verlassen, da es mitsamt all den Büchern niedergebrannt werden solle. Die Besitzerin der Bibliothek weigert sich zu gehen und es endet damit, dass sie schließlich mit all ihren Büchern verbrennt. Was soll man auch in einer Gesellschaft leben, in der es keine Bücher mehr gibt?
Wäre ein Bücherverbot bei uns denkbar? Ich glaube eher nicht. Es könnte aber sein, dass die Bücher irgendwann auf friedlichem Wege peu à peu aussterben. Dann, wenn keiner mehr Bücher lesen mag und nur noch auf sein Smartphone oder den Fernseher starrt.
Im Jahre 1993 war "Multimedia" das Wort des Jahres und Jahr für Jahr wird pünktlich zur Frankfurter Buchmesse in kulturpessimistischer Attitüde der Untergang der Gutenberggalaxis prophezeit. Doch hiervon kann einstweilen noch keine Rede sein. Nach wie vor prägen Bücher unsere Kulturlandschaft. Gelegentlich treffe ich allerdings auch alte Bekannte, die sich rühmen, dass es ihnen gelungen sei, ihre Wohnung komplett bücherfrei zu halten. Stattdessen favorisieren sie nun E-Books. Allerdings ist deren Verbreitung, wie man neuerdings hört, bei uns ins Stocken geraten. Ein Argument gegen sie lautet, dass sie zu technisch und zu steril seien. So muss man bei ihnen z.B. auf den oftmals betörenden Geruch von Büchern verzichten. Ihre Apologeten dagegen rühmen an ihnen, dass man auf ihnen tausend Bücher im Volltext speichern und überall mit hinnehmen könne. Aber wer benötigt schon tausend Bücher auf Reisen?
Als Montag nachmittags nach Hause kommt, sitzen da im Wohnzimmer seine Frau Linda und ihre Freundinnen, die mal wieder eine jener interaktiven Fun Shows auf der Bildwand ansehen. Es kommt zum Eklat: Montag stürmt mit einem Buch in der Hand hinein und liest den Frauen ganz gegen deren Willen daraus vor. Damit hat er sich ganz offen als ein Dissident aus der verbotenen Bücherwelt enttarnt. Seine Frau Linda verlässt ihn daraufhin und denunziert ihn bei der Polizei.
Als Montag kurz darauf beim Captain seine Kündigung einreicht, befiehlt der ihm, noch zu einem allerletzten Einsatz mitzufahren. Und, wie könnte es anders sein, das Feuerwehrauto fährt in sein Wohngebiet und hält direkt vor seinem Haus. Drinnen finden die Feuerwehrleute sehr rasch all die von Montag versteckten Bücher und werfen sie auf einen Haufen. Montag wird die "Ehre" zuteil, die Verbrennungsaktion seiner Bücher selbst durchzuführen. Zum Entsetzen der Umstehenden richtet er aber den Flammenwerfer auf die Wohnungseinrichtung und dann auf den Captain, der in den Flammen verbrennt.
Montag flieht und auf abenteuerliche Weise entkommt er den fliegenden Suchkommandos, die auf ihn angesetzt sind. Schließlich gelingt es ihm, mit einem kleinen Boot den Fluss zu überqueren und zu den Buchmenschen zu gelangen. Dort wird er mit offenen Armen empfangen. Er hat sich vor seiner Flucht ein Buch eingesteckt und bald sieht man ihn durch den Wald schreiten und es auswendig lernen. Es sind die Erzählungen von Edgar Allan Poe und daraus rezitiert er gerade den Satz: "Ich werde von einer Geschichte berichten, die voller Grauen ist."

© Dr. Hans Albert Wulf, April 2019.

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2019/04/21

Tagebuch 1973, Teil 32: Herat (Afghanistan)

Dr. Christian G. Pätzold

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Beim Obsthändler in Herat
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, September 1973.

14. September 1973, Herat, Feitag

Vormittags haben wir die Familie von Mohammed S. besucht und dort gegessen. Der Vater ließ ein Haus bauen und die Arbeiter verdienten 500 Afghani im Monat, Kost und Logis frei. Wahrscheinlich waren sie nicht verheiratet, da das sehr teuer war, viele Leute konnten es sich nicht leisten. Sie hatten außerdem einen verwilderten Wachhund, der von keinem Essen annahm und jeden anfiel, außer den Vater von Mohammed S. Sie vertrauten dem Hund mehr als den Soldaten, die jetzt immer nach dem Umsturz in den Straßen Patrouille liefen.
Im Haus lebten zirka 15 Menschen in zirka 10 Räumen, also ein richtiger Großfamilienhaushalt. Mohammed S. sagte, dass ständig Probleme mit irgendjemandem auftreten und dass man keine vernünftige Unterhaltung führen könne. Oft gäbe es Zank und Streit, aber man dürfe sich nicht zurückziehen, sonst wären sie beleidigt. Da er das nicht aushalten könne, bleibe sein Laden immer bis 11 Uhr abends geöffnet, obwohl gar keine Kunden mehr kämen. Er hielt viele Kinder für "crazy, always fighting". Viele Familien lebten mit fünf bis zehn Kindern in einem Raum. Sein Baby, es soll das einzige bleiben, war krank. Vielleicht war das Baby mit Pulvermilch gefüttert worden, und das Wasser zum Anrühren war nicht richtig abgekocht worden, was hier häufiger vorkam. Mohammed S. war schon mit dem Baby beim Arzt, aber es wurde nicht wesentlich besser. Wir wollten morgen mit ihm zu einem anderen Arzt gehen. Mohammed S. waren die Kräuter des Manns aus den Bergen und die Medizin der afghanischen Ärzte gleich dubios, womit er wahrscheinlich recht hatte.
Dann haben wir das Busticket für morgen von Herat nach Kabul für 180 Afghani bei einer ziemlich klapprigen Busgesellschaft gekauft. Die Quaderi-Busgesellschaft wollte 240 Afghani.
Mohammed S. hatte für seine Frau zirka 50.000 Afghani bezahlt, für die Feier, für Haushaltsgegenstände und Kleider. Sie kannten sich schon seit ihrer Kindheit und wurden wohl von den Eltern füreinander bestimmt. Die Frauen in Afghanistan waren übrigens auf der Straße voll verschleiert, das heißt sie hatten nur ein kleines Stoffgitter vor den Augen, um etwas sehen zu können. Das war ein deutlicher Unterschied zum Iran. Im Iran hatten viele Frauen einen Chador, aber das Gesicht war oft frei. Afghanistan schien deutlich islamistischer und traditioneller zu sein als der Iran.
Mohammed S. sprach Englisch, das hatte er von den Touristen und Hippies, seinen Hauptkunden gelernt. Man sah bei ihm ganz deutlich, dass die alten feudalen Familienstrukturen dem jungen Bürger nicht mehr so richtig passten. Das Bürgertum war aber nur eine sehr kleine Schicht, hauptsächlich in der handwerklichen Produktion mit wenigen Abeitern. Seine Familie hatte zwei Wasserquellen, den Hausbrunnen mit schmutzigem Wasser und einen öffentlichen Wasserhahn außerhalb des Hauses. Reiche Leute gingen zwei bis dreimal in der Woche ins Badehaus. Die Medikamente waren überwiegend aus Deutschland und der Schweiz, die Ärzte waren alle im Ausland ausgebildet. Mohammed S. sagte, die Leute gingen nur zum Arzt, wenn sie sterbenskrank seien. Rezepte kosteten eine Menge Geld. Vor drei Jahren bei der Choleraepidemie waren viele Leute gestorben, danach gab es eine Impfkampagne. Alle Leute in Herat hätten Flöhe im Haus.

Rückblick April 2019:

Damals in den 1970er Jahren wurden die Länder der Erde oft nach dem Wohlstandsniveau in 1. Welt, 2. Welt und 3. Welt eingeteilt. Das war eine recht grobe Einteilung, die aber eine ungefähre Einschätzung ermöglichte. Mit Afghanistan hatte ich zum ersten Mal ein Land betreten, das eindeutig zur 3. Welt gehörte. Vorher war ich in der Sowjetunion gewesen und die erschien mir eindeutig modern zu sein und zur 1. Welt zu gehören. Danach war ich im Iran, den ich damals zur 2. Welt gerechnet hätte. Im Iran gab es zwar einen kleinen Kreis von Menschen, die modern und im Wohlstand lebten, aber die große Masse der Bevölkerung lebte noch sehr traditionell und in relativer Armut. In Afghanistan war mein überwiegender Eindruck, dass die moderne Welt des 20. Jahrhunderts in diesem Land noch nicht angekommen war. Die Bevölkerung war überwiegend sehr arm, hatte oft Hunger, wurde oft von Krankheiten und Epidemien geplagt und es war kaum wirksame Hilfe in Aussicht. Das Land erschien mir wüst und ausgetrocknet, in dem fast nur Mohn zur Opiumproduktion wuchs. Was sollte man in so einem Land machen? Als Logischstes wäre mir erschienen, so schnell wie möglich aus diesem Land zu flüchten. Aber die Bevölkerung war zu arm, zu schwach und zu ungebildet, um zu flüchten. Wenigstens damals.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2019.

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2019/04/18

Tagebuch 1973, Teil 31: Herat (Afghanistan)

Dr. Christian G. Pätzold

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Blick aus dem Hotelfenster in Herat.
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, September 1973.

13. September 1973, Herat, Donnerstag

Am Morgen sind wir mit vielen anderen Wartenden zuerst zur afghanischen Zollkontrolle gegangen, wo alles durcheinander ging. Es lagen Formulare aus. Da kein Beamter anwesend war, wollten wir Touristen, die ja an ordentliches Formularausfüllen gewöhnt waren, die Prozedur etwas beschleunigen. Wir füllten also die Papiere aus, vier Stück pro Person sagte das Gerücht. Plötzlich tauchte ein Beamter auf, sah die ausgefüllten Formulare und flippte völlig aus. Erstens hätten nur die ein Formular auszufüllen, die einreisten, und zweitens seien schon Formulare nummeriert, die der Reihe nach ausgefüllt werden müssten. Er schrie und tobte, drohte, uns alle noch einen Tag hier mitten in der afghanischen Wüste sitzen zu lassen, und schmiss uns dann erstmal aus seinem Büro raus.
Jetzt kam uns allerdings unsere halb angefangene Busfahrt von gestern Abend zu Hilfe. Unser Fahrer stand schon startbereit und wartete auf seine Fahrgäste. Das half und brachte den Zollbeamten auf Trapp. Jetzt hatten wir nur noch den Passbeamten zu überwinden. Dieser war wie alle anderen Beamten in ziemlich abgewetzte Kleider gekleidet, und wenn man jetzt an die strengen Bedingungen dachte, die an die Erlangung eines Visums für Afghanistan von der Botschaft geknüpft wurden, dann hätte wahrscheinlich keiner der Beamten diese Bedingungen erfüllt. Der Passbeamte musterte kritisch meinen Haarschnitt, aber die Länge meiner Haare war dann doch noch irgendwie für die neue Republik Afghanistan passabel. Zu guter Letzt musste auch noch ein Gesundheitsbeamter seinen Stempel auf das Impfzeugnis machen. Alles ging durcheinander, die Beamten argumentierten wild mit den Hippies, die doch bloß über Afghanistan nach Indien und Nepal wollten. Es war nichts für schwache Nerven.
Derselbe Bus von gestern fuhr uns von der Grenze zur Stadt Herat. Unterwegs hatten wir eine Reifenpanne. Alle Leute tranken aus einer alten Ölbüchse Wasser aus einem etwas schmutzig aussehenden Fluss, was für uns sehr gefährlich gewesen wäre. In Herat angekommen brachte uns der Busfahrer gleich ins nächste Hotel, wo wieder die meisten Hippies und auch ich und meine Reisepartnerin hängen blieben. Das Bett kostete 30 Afghani im Zwei-Bett-Zimmer mit öffentlicher Duschbenutzung. Der Wechselkurs war 1 DM zu 21 ½ Afghani. Eine Melone von zirka 2 Kilo kostete 5 Afghani. Herat soll von Alexander dem Großen auf den Überresten einer älteren Siedlung gegründet worden sein. Später soll die Stadt von den Truppen Dschingis-Khans und Tamerlans verwüstet worden sein.
Wir gingen auf der Hauptstraße Herats spazieren, in der sich viele kleine Läden befanden. In der Mitte des Hauptplatzes stand ein Polizist, der bemüht mit seiner Hand in die Richtung wackelte, in die das Auto fahren wollte, wenn überhaupt mal eins vorbei kam. Ich sah einen alten Bus mit der Aufschrift "Spare bei der Kreissparkasse Schleswig", eine Aufforderung, der ich leider im Moment nicht nachkommen konnte. In einem Laden habe ich Geld gewechselt.
Wir gingen dann zu der Adresse eines Pelzladens, die wir von einem Freund hatten. Diese Anlaufadresse war sehr gut. Überhaupt ist es auf Reisen von großem Vorteil, wenn man Anlaufadressen in den Städten hat, die man besuchen möchte. Dadurch lernt man Menschen kennen und man kann Hilfe bekommen. Daher hatte ich auf meiner Weltreise zahlreiche Adressen von Freunden in verschiedenen Städten in einem besonderen Adressbuch gesammelt. Der Chef des Pelzladens in Herat hieß Mohammed S., war in seinen Zwanzigern, sehr nett und in der Blüte seiner Jahre. Wir haben uns mit ihm angefreundet. Mit 30, sagte er, sei man hier alt, mit 50 sei man hier bereits sehr alt. Er und seine Mitarbeiter fertigten im Laden mit Werkstatt die langen Schaffell-Ledermäntel, die bei westlichen Hippies sehr beliebt waren. Außerdem stellten sie Taschen und alle möglichen Dinge aus Leder her. Daher hatte er Erfahrung mit westlichen Kunden und kannte deren Lebensstil.
Seine Pelze (Luchs, Fuchs, Wolf, Katze, Schafe) bekam er von den Leuten in den Bergen, die die Tiere schossen und von Zeit zu Zeit zur Stadt zogen und dann etwas außerhalb in Zelten wohnten. Mohammed S. sagte, sie benutzten überwiegend russische Gewehre und Pistolen. Ein Fuchsfell verkaufte er für 500 Afghani. Er sagte, die Tiere würden immer weniger, weil so viel geschossen würde. Vor zwei Jahren hätte es in Afghanistan noch 15 Millionen Schafe gegeben, jetzt nur noch 2 Millionen, weil alle in den Iran geschmuggelt würden. Dort gäbe es einen höheren Fleischpreis, weil Fleischknappheit herrschte. Die Regierung habe nicht genug Soldaten für die Grenzkontrolle. Vor zwei Jahren seien hier viele Leute im Winter in den Straßen verhungert und erfroren, die Leute aus den Bergen seien sehr arm. Es sei gleichzeitig die Cholera ausgebrochen und Menschen und Tiere seien wie die Fliegen gestorben.
Während wir im Laden saßen und uns unterhielten kam ein Mann von den Bergstämmen herein und bot Kräuter und Wurzeln für den Magen mit seltsamen Namen zum Kauf an. Er sah wild und Furcht einflößend aus, aber unser Freund, der quasi auf einer höheren sozialen Ebene und Kulturstufe lebte, machte sich über ihn lustig wie über ein kleines Kind, aber nicht auf die böse Art, sondern mit Humor. Ständig kamen Bettler in den Laden und sie bekamen auch kleine Münzen. Die Unterstützung der Armen durch die Bessergestellten ist eine Pflicht im Islam, und ein Mann würde sofort in einen schlechten Ruf kommen, wenn er den Bettlern nichts geben würde. Es kam auch eine Zwergin in den Laden und wollte Geld. Sie haben mit ihr gescherzt.
Die jüngeren Brüder vom Chef arbeiteten im Laden und fertigten Taschen oder Mäntel. Eine Nähmaschine stand im Laden, außerdem ein Telefon, ein Wecker, Stühle, Tisch, 3 Glühbirnen, die nur abends Strom bekamen. Die Brüder saßen auf dem Boden und hatten graue Kleidung an, der Chef saß auf dem Stuhl und hatte weiße Kleidung an. Sie aßen billiges mitgebrachtes, er teures Essen, das von nebenan in den Laden gebracht wurde.
Abends gingen wir ins "Theater Herat". Es gab zwei Theater und ein Kino, in dem ein Hindufilm gezeigt wurde. Mohammed S. ging öfter ins Kino als ins Theater, da das Kino abwechslungsreicher und raffinierter sei. Ins Theater gehe er zirka einmal im Monat. Das Theater ist mehr Volksbelustigung und Tingeltangel, eine Art Vaudeville, wie es auch in Europa und Nordamerika vor einigen Jahrzehnten beliebt war. Als Zuschauer waren nur Männer anwesend, etwa 100, die manchmal an einem Tag nichts essen sollen und die 50 Afghani fürs Theater ausgeben, da sie alle in eine der Schauspielmädchen verliebt seien. Da die Leute dafür ihr ganzes Geld ausgeben und eigentlich so ein Theater gegen die Religion sei, habe die neue Regierung das Theater in Kabul geschlossen, sagte unser Freund.
Das Theater-Ensemble bestand aus vier Frauen und vier Männern. Die Frauen sollten angeblich für die Liebe käuflich sein, und zwar für 2.000 Afghani pro Nacht, wie ich ohne Probleme herausbekam. Man könne die Schauspielerinnen auch, wenn man reich sei, zum Tanzen bei den zahlreichen Festen und Familienfeiern quasi mieten. Mohammed S. sagte, dass ein Freund ihm die Hübsche angeboten habe, der Freund wollte bezahlen. Mohammed S. war nämlich sehr angesehen und der Freund wollte ihm eine Freude machen, aber er habe geantwortet: "We don’t need, we have wife", in stolzem Ton, denn es war hier ziemlich teuer, sich zu verheiraten und eine Familie zu ernähren. Er kicherte über die Verliebtheit der anderen Männer im Theater und überhaupt amüsierten sich alle köstlich. Er sagte, dass arme Mädchen lieber betteln gingen als im Theater aufzutreten, wegen die Identifizierung Schauspielerin - Prostituierte.
Die Show war für westliche Verhältnisse unglaublich. Die Mädchen standen linkisch und steif auf der Bühne in zerdrückten Kleidern, fingerten sich an den Händen herum und kicherten. Zuerst haben sie getanzt und gehüpft. Die Beliebteste war sich ihrer Beliebtheit genau bewusst, tat aber trotzdem sehr schüchtern. Dann haben sie ein Stück mit dem Titel "Love and Buy" in drei Akten gespielt, wobei Vater und Sohn sich auf dieselbe Frau versteift hatten. Das war ein großes Problem in dieser Gegend: Statt den Sohn zu verheiraten, heiratete der Vater noch mal eine viel jüngere Frau. Der Vater schoss den Sohn an, kam aber durch diese Tat zur Besinnung. Die Starschauspielerin sagte auf der Bühne zu dem alten Mann: "Liebe kann man nicht für Geld kaufen", woraufhin der ganze Saal laut klatschte. Nach diesem Ausgang haben die Schauspielerinnen noch in ein pfeifendes Mikrofon gesungen. Mohammed S. sagte, die eine Frau sei noch gefährlicher als die anderen, obwohl sie so harmlos wirke, sie habe schon mehrere Männer auf dem Gewissen, die nicht nett genug zu ihr waren.
Wir sind dann mit dem Pferdekutschetaxi zum Hotel gefahren für 10 Afghani. Mohammed S. hat für uns das beste Pferd ausgesucht, er war ein Kenner. Im Hotel war ein Schild aufgehängt: "Haschisch rauchen strengstens verboten", aber wenn irgendeine Tür aufging, roch man es sofort. Im Laden vor dem Hotel bot mir ein Händler Haschisch und Opium zum Kauf an.
Und das war mein erster Tag in Afghanistan.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2019.

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2019/04/15

Impressionen aus dem Bauhaus in Dessau

Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, Mai 1995.

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2019/04/12

100 Jahre Bauhaus

Dr. Christian G. Pätzold

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Bauhaus-Logo von Oskar Schlemmer, 1922.

Das Staatliche Bauhaus in Weimar wurde am 12. April 1919 gegründet. Direktor wurde der Architekt Walter Gropius (1883-1969), der der Schule den Namen gab. Vorläufer des Bauhauses war die Großherzoglich-sächsische Hochschule für Bildende Kunst, die von Henry van de Velde geleitet wurde. Weimar ist ein kleines thüringisches Städtchen, das vor allem für die Zeit der Klassik mit Goethe und Schiller bekannt ist, die dort lebten. Im Zentrum des Bauhauses stand die Architektenausbildung. Aber das Bauhaus war nicht nur eine Architektenschule, sondern strahlte aufgrund ihrer herausragenden Künstler auf alle Künste aus.
Das Bauhaus musste 1925 von Weimar nach Dessau umziehen, und 1932 von Dessau nach Berlin. Das Bauhaus war ständig auf der Flucht vor den Nazis, erst aus Weimar vertrieben, dann aus Dessau, und schließlich auch aus Berlin. Volle Unterstützung hatte das Bauhaus nur von Seiten der KPD.
Alle 3 Städte, Weimar, Dessau und Berlin, bekommen in der nächsten Zeit ein neues Bauhaus-Museum, denn man hat die große Bedeutung des Bauhauses erkannt. Das Bauhaus bestand nur 14 Jahre zwischen 1919 und 1933, als es von den Nazis vernichtet wurde. Aber in dieser kurzen Zeit wurde das Bauhaus zur wichtigsten Hochschule für Architektur, Kunst und Design im 20. Jahrhundert weltweit und entwickelte die Ästhetik der klassischen Moderne, das heißt unserer Zeit. Die Nazis verscheuchten die Bauhauslehrer ins Exil, denn das Bauhaus war eine den Kommunisten nahe stehende Hochschule. Mit den emigrierten Bauhauslehrern breitete sich das Bauhaus auf der ganzen Welt aus. Daher wurde der Bauhausstil auch der Internationale Stil genannt.
Das Bauhaus wurde von den Architekten Walter Gropius (1919-1928), Hannes Meyer (1928-1930) und Ludwig Mies van der Rohe (1930-1933) geleitet. Alle drei waren großartige Baumeister, die großartige Bauwerke entworfen und realisiert haben. Ich war in Bauwerken von allen dreien und habe mich dort sehr wohl gefühlt. Das wollte ich nur in aller Kürze anmerken, obwohl man zu Bauwerken dieser drei Baumeister in Wirklichkeit viel mehr sagen müsste.
Der berühmte Bauhausstil besteht zu 30 % aus Deutschem Werkbund (Ornamentlosigkeit und Schlichtheit der Formen), zu 30 % aus niederländischem De Stijl (Kubik und Reduktion auf die Grundfarben) und zu 30 % aus sowjetischem Konstruktivismus (Geometrie und Gegenstandslosigkeit). Wenn man etwas sieht, weiß man sofort, ob es Bauhaus ist oder nicht. Natürlich, man kann auch überleben, ohne zu wissen, was Bauhaus und was Ästhetik ist. Aber umgekehrt ist das Leben so viel interessanter.
Grundsätze des Bauhauses waren die Zusammenführung von Kunst und Handwerk sowie die radikale Vereinfachung, am deutlichsten sichtbar an der Abschaffung des Ornaments. Häuser wurden auf einen einfachen Kubus reduziert, mit dem charakteristischen Flachdach. Wahrscheinlich war diese revolutionäre Vereinfachung nur möglich, weil die alte verschnörkelte Welt des 19. Jahrhunderts 1918 krachend zusammengebrochen war. Ornamente und Verzierungen wurden im Bauhaus abgelehnt, alles musste einfach sein. Die 2 Hauptgrundsätze waren: Less is more (Weniger ist mehr) und Form follows function (Die Form folgt der Funktion). Diese beiden Grundsätze haben die Ästhetik der Moderne auf der ganzen Welt geprägt. In allen Städten der Welt trifft man heute auf moderne Häuser, die auf die Grundsätze des Bauhauses zurückzuführen sind. Manche Bauten sind gut gelungen, andere Bauwerke sind dagegen eher hässliche Klötze.
Über das Bauhaus sind so viele Bücher geschrieben worden und auf dem Markt zu haben, dass ich nur empfehlen kann, sich das eine oder andere Buch anzuschaffen, um mehr Details über das Bauhaus zu erfahren. Es ist auch spannend, sich mit den Bauhauslehrern näher zu beschäftigen, denn sie waren alle erstklassige Künstler. Einige Namen: Walter Gropius, Lyonel Feininger, Josef Albers, László Moholy-Nagy, Georg Muche, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Hannes Meyer, Ludwig Mies van der Rohe.
In den 1980er und 1990er Jahren schien es für eine Weile so, als würde die Bauhaus-Moderne von der Post-Moderne verdrängt werden. Die neuen Bauten wurden immer bewegter, schräger und verzierter. Aber das scheint eine vorübergehende Mode gewesen zu sein. Heute sind die meisten Bauwerke wieder deutlich dem Bauhaus verpflichtet, so dass man das Bauhaus immer noch als die vorherrschende Ästhetik unserer Zeit bezeichnen kann. Auch in Berlin gibt es eine ganze Menge interessanter Bauwerke, die in der direkten Tradition des Bauhauses stehen. Es lohnt sich, sie genau anzuschauen. Mehr brauche ich nicht zu sagen, nur noch: Ein erfolgreiches Jubiläum für alle, die im Geist des Bauhaus weitermachen, und Less is more!
Noch eine kleine Anmerkung: Bitte das Bauhaus nicht verwechseln mit der Baumarktkette "Bauhaus".

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2019.

Zum Bauhaus seht bitte auch:
"100 Jahre De Stijl" vom 2017/06/16 auf kuhlewampe.net.
"Die ADGB-Bundesschule in Bernau" vom 2017/09/05 auf kuhlewampe.net.
"Von Arts and Crafts zum Bauhaus" vom 2019/03/22 auf kuhlewampe.net.

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2019/04/10

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Zum 100. Todestag von Emiliano Zapata

Dr. Christian G. Pätzold

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Emiliano Zapata. Quelle: Wikimedia Commons.

Emiliano Zapata Salazar (1879-1919) war der Anführer der Armee des Südens während der Mexikanischen Revolution von 1910 bis 1920. Sein Mitkämpfer als Anführer der Armee des Nordens war Pancho Villa. Gemeinsam eroberten sie die Hauptstadt Mexiko und stürzten 1911 den Diktator Porfirio Diaz, der nach Paris flüchtete. Die armen Bauern Mexikos hatten sich erhoben, weil die Großgrundbesitzer ihnen ihr Land weggenommen hatten, so dass für sie keine Lebensmöglichkeit mehr bestand. Emiliano Zapata war zwar ein erfolgreicher Revolutionär im Guerillakrieg, aber er hatte kein Talent darin, Mexiko als Präsident zu führen. Daher kehrte er in seinen Heimatstaat Morelos zurück. Das war seine große Tragik. Am 10. April 1919 wurde er in Chinameca, Morelos in einen Hinterhalt gelockt und von feindlichen Militärs erschossen. Die Lage während der Mexikanischen Revolution war insgesamt sehr unübersichtlich mit zahlreichen militärischen Machthabern auf lokaler Ebene.
Von Zapata sind zahlreiche Aussprüche überliefert, bspw. "¡Tierra y Libertad!" (Land und Freiheit!) oder "¡Es mejor morir de pie que vivir toda una vida de rodillas!" (Besser aufrecht sterben als ein Leben lang auf den Knien leben!). Die Zapatisten waren die eigentlichen Sozialrevolutionäre während der Mexikanischen Revolution. Sie hatten anarchistische Ideen, vertraten einen indigenen Kollektivismus und libertären Sozialismus.
In Europa wurde Zapata besonders durch den Film »Viva Zapata!« von 1952 mit Marlon Brando als Emiliano Zapata in der Hauptrolle bekannt. Den Film kann man kostenlos im Internet bei YouTube anschauen. (Noch, denn wenn demnächst Upload-Filter eingesetzt werden, dann könnte es mit dem kostenlosen Kulturgut im Internet ein Ende haben). Den Bruder von Emiliano Zapata spielte Anthony Quinn. Das Drehbuch zum Film schrieb der berühmte Schriftsteller John Steinbeck. Die Regie führte Elia Kazan. »Viva Zapata!« ist ein großartiger Film und ein echter Hollywood-Klassiker der Filmgeschichte.
Im Jahr 1994 erfuhr man auch in Deutschland durch die Medien vom Aufstand der indigenen Zapatistischen Befreiungsfront (Ejército Zapatista de Liberación Nacional, EZLN, Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung), die im Süden Mexikos, im Bundesstaat Chiapas aktiv wurde. Das war eine Überraschung, denn nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks hatte man nicht mit einer neuen sozialistischen Bewegung gerechnet. Heute gibt es die Zapatisten in Chiapas immer noch. Sie setzen sich für bäuerliche Selbstverwaltung und für die Rechte der indigenen Bevölkerung ein. Eine ihrer Losungen ist: "Zapata vive, la lucha sigue!" (Zapata lebt, der Kampf geht weiter!)

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2019.

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2019/04/07

Vor 100 Jahren: Die Räterepublik in München
Gustav Landauer als Volkskommissar

von Dr. Rudolf Stumberger, München

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Gustav Landauer. Quelle: Wikimedia Commons.

In der Nacht zum 7. April 1919 fällt im Wittelsbacher Palais durch den Zentralrat die Entscheidung, die Räterepublik auszurufen. Diese "erste Räterepublik" wird sechs Tage Bestand haben, bis am 13: April nach einem Putschversuch der auf Seiten der Regierung Hoffmann stehenden Republikanischen Garde die "zweite Räterepublik" unter spartakistischer Herrschaft beginnt. In diesen sechs Tagen wird der Schriftsteller Ernst Toller zum Vorsitzenden des "Rats der Volksbeauftragten" bestimmt, Gustav Landauer wird zum "Volksbeauftragten für Volksaufklärung", übernimmt also das Ressort des Kultusministers. "Läßt man mir ein paar Wochen Zeit, so hoffe ich, etwas zu leisten; aber leicht möglich, daß es nur ein paar Tage sind, und dann war es ein Traum", schreibt er an seinen Weggefährten Fritz Mauthner. (1) Am 7. April weht über der Münchner Universität eine rote Fahne, ein Revolutionäre Hochschulrat übernimmt die Geschäfte. Zusammen mit dem Kultusministerium unter Landauer soll die Universität umgewandelt und der dort herrschende Geist vertrieben werden. Denn die Professoren und Studenten gelten eher als reaktionär denn als revolutionär. Der Revolutionäre Hochschulrat will die Universitätsverfassung aufheben, einen "Revolutionären Senat" bilden und die Professorenstellen neu besetzen. Landauer stellt dafür als Volksbeauftragter eine Vollmacht aus: "Der revolutionäre Hochschulrat hat bis auf weiteres das alleinige Recht, in Sachen der Universität und Technischen Hochschule alle Maßnahmen zur Verwaltung und Umgestaltung zu treffen. Gezeichnet: Vollzugsrat der Arbeiterräte Bayerns, Wittelsbacher Palais, Briennerstr. 50 I, T. 24375." (2)
In der für den 8. April angesetzten Vollversammlung der Studierenden werden diese Vorschläge aber abgelehnt, die Räteanhänger niedergeschrien und Flugblätter der Hoffmann-Regierung verteilt. Schließlich verfügt Landauer am 9. April, die Universität am 13. April zu schließen und das Semester zu beenden.
Für die Schulbildung will Landauer grundlegende Veränderungen. Vom 7. bis zum 13. Lebensjahr soll es eine Einheitsschule geben, die Prügelstrafe verboten und das Zölibat für Lehrerinnen aufgehoben werden. Die Schule soll von einer Disziplinierungsanstalt zu einer Einrichtung werden, in der ein freier Geist herrschen soll. Kunst und Kultur sollen auch dem Proletariat zugänglich gemacht werden, neue Museen werden geplant. Innerhalb der Räteregierung spricht er sich gegen Maßnahmen zur Bekämpfung der Konterrevolution aus. Die bürgerliche Presse hingegen stilisiert ihn zu einem Schreckensgespenst: Er wolle auch die Frauen "vergemeinschaften". So heißt es im Berliner Tagblatt vom 13. April (etwas verfrüht, da der "Palmsonntagsputsch" der hoffmanntreuen Truppen niedergeschlagen wird): "Zu ihrem Sturz hat die Münchener Räteregierung durch ihre Verfügungen und ihre innere Spaltung selbst das meiste beigetragen. Noch in der dem Sturz vorangehenden Nacht hatte eine kommunistische Versammlung nach einem Referat Dr. Landauers die Enteignung aller Wohnungen und die Kommunalisierung der Frauen, einschließlich der Ehefrauen, zum Beschluß erhoben." (3) In einem Brief vom 27. Februar 1919 thematisiert Landauer diese Hetze: "Antworten kann ich Ihnen nicht eigentlich. Ich lese nämlich in, zwischen Ihren Zeilen, daß Sie zu einem unangenehmen Mischprodukt reden; einmal zu dem wirklichen Landauer, der ich bin und als den Sie mich kennen, und dann zu dem Zeitungslandauer, der wirklich ein ekelhafter Kerl ist und den ich nicht mit der Feuerzange anrühren möchte. Ich kann Sie nur bitten, die Trennung vorzunehmen, am besten durch mein Mittel: Zeitungen nicht zu lesen." (4) Landauer wird nach dem Einmarsch der Weißen Truppen auch aufgrund dieser Hetze umgebracht.
Am 12. April spricht Landauer zum letzten Mal auf der Sitzung des Revolutionären Zentralrates als Volksbeauftragter und gibt dort seiner Hoffnung Ausdruck, dass seine Maßnahmen bleibende Spuren im Lande hinterlassen mögen. Als nach dem Palmsonntagsputsch am 13. April die Spartakisten die Macht übernehmen, bietet er noch einmal seine weitere Mitarbeit an, doch man legt keinen Wert darauf. Landauer zieht sich aus der Politik zurück nach Großhadern in das Haus der Witwe Eisners. Am 14. April schreibt Landauer aus Großhadern nach Krumbach: "Ich bin weiter in guter Sicherheit und Freiheit, von der ich Euch gestern schrieb. Gestern soll in München gekämpft worden sein, die Räterepublik scheint die Oberhand behalten zu haben." (5) Landauer meint die Kämpfe am Palmsonntag, als die hoffmanntreue Republikanische Schutztruppe von bewaffneten Arbeitern und Soldaten zurückgeschlagen wurde. Der Brief endet: "Und nun küsse ich Euch, liebe Landauer- und Eisnerkinder." Am 15. April sendet Landauer sein letztes Telegramm an seine Töchter, unterschrieben mit "Papa".

Der Mord in Stadelheim

Warum Landauer nach dem Ende der Ersten Räterepublik weiter in München blieb und sich nicht in Sicherheit brachte, ist unklar. Zu dieser Zeit wohnte er im Hause der Witwe Kurt Eisners in Großhadern und hatte sich aus der Politik zurückgezogen. Beim Einmarsch der württembergischen Freikorps im Westen von München wurde er am 1. Mai 1919 von einem Denunzianten verraten, am Schreibtisch verhaftet und zunächst in das Gefängnis Starnberg gebracht. Am nächsten Tag wurde er nach Stadelheim überführt, dort erwartete ihn die auch durch die Propaganda der Hoffmann-Regierung aufgeputschte Soldateska. Er wurde zu Boden geschlagen, von mehreren Kugeln durchsiebt und schließlich zu Tode getreten. Niemand musste sich später für diesen grausamen Mord vor Gericht verantworten.

Fußnoten:
(1) Martin Buber: Gustav Landauer. Sein Lebensgang in Briefen. Zweiter Band. Frankfurt am Main 1929, S. 414.
(2) Vgl. Ulrich Linse: Gustav Landauer und die Revolutionszeit 1918/19. Berlin 1974, S. 223.
(3) Vgl. ebenda, S. 249.
(4) Martin Buber: Gustav Landauer. Sein Lebensgang in Briefen. Zweiter Band. Frankfurt am Main 1929, S. 385 f.
(5) Ebenda, S. 417 f.

© Dr. Rudolf Stumberger, April 2019.

Der Artikel ist mit freundlicher Genehmigung des Autors dem Buch entnommen:
Rudolf Stumberger: Das Raubtier und der rote Matrose. Fake-News, Orte und Ideologien der Revolution und Räterepublik in München 1918/19. Aschaffenburg 2018. Alibri Verlag.
ISBN 978-3-86569-289-4.

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2019/04/04

Online Schmökern: Zum 101. Geburtstag der »Weltbühne«
In Memoriam Siegfried Jacobsohn, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky

Dr. Christian G. Pätzold

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Quelle: Wikimedia Commons.

Das war ein schönes, kritisches, ironisches, investigatives Wochenblatt damals. Roter Umschlag, DIN A5, keine Bilder, nur Texte, deren Länge den heutigen Twitterlesern enorm vorkommen muss. Am 4. April 1918 erschien die »Die Weltbühne« zum ersten Mal in Berlin. Ihr Vorläufer hieß »Schaubühne« und erschien schon seit 1905, zu Beginn als reine Theaterzeitschrift. Der Herausgeber der "Wochenschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft", wie es im Untertitel hieß, war Siegfried Jacobsohn (1881-1926). Nach dem plötzlichen Tod von Jacobsohn führte Carl von Ossietzky (1889-1938) das Magazin weiter, bis im März 1933 die Nazis die Weltbühne in Deutschland verboten. Danach erschien sie noch bis 1939 in Wien, Prag und zuletzt in Paris. Umtriebigster Autor der Weltbühne war Kurt Tucholsky, der dort bekanntlich gleich unter 5 Namen veröffentlichte: Kurt Tucholsky, Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Peter Panter und Kaspar Hauser. Noch heute ist besonders sein Satz "Satire darf Alles!" ein Fels für kritische Geister.
Auch weitere bekannte Intellektuelle der Weimarer Zeit gehörten zu den Autoren: Erich Mühsam, Erich Kästner, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, Ernst Toller, Kurt Hiller und viele weitere. Daher war die Weltbühne die liebste Lektüre der linken undogmatischen Intellektuellen während der Weimarer Republik. Die Weltbühne war damals recht einflussreich in der linken Intelligentsia und ist heute eine Legende. Aber die Weltbühne war sicher nicht so einflussreich, dass sie mit ihrer Kritik die Weimarer Republik zu Fall gebracht hat, wie einige behauptet haben. Die Weimarer Republik wurde von den rechten deutschen Wählern zu Fall gebracht, die Adolf Hitler und die Nazis gewählt haben.
Ossietzky wurde im Februar 1933 auf Betreiben der Nazis verhaftet und im KZ gefoltert. 1936 erhielt er den Friedensnobelpreis für seinen Einsatz als Pazifist. Er starb 1938 an den Folgen der Misshandlungen. Schon in der Weimarer Republik war Ossietzky als Herausgeber der Weltbühne mit Prozessen überzogen und ins Gefängnis gesperrt worden, etwa wegen Tucholskys berühmtem Satz aus dem Jahr 1931: "Soldaten sind Mörder". Man denkt dabei bspw. an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919 durch rechte Soldaten. Jetzt schreiben wir das Jahr 2019 und Soldaten dürfen noch immer Werbung für das Militär an Berliner Schulen machen, um Deutschland am Hindukusch zu verteidigen. In Wirklichkeit reicht Deutschland aber nur bis zur wesentlich kleineren Zugspitze, wie man mit einem Blick auf die Landkarte leicht feststellen kann.
Heute kann man die Weltbühne der Weimarer Zeit online kostenlos im Internet lesen, ins Netz gestellt vom "Internet Archive". Das ist doch ein schöner Fortschritt, den das Internet gebracht hat. Wie schwierig und zeitaufwändig war es früher, in den Bibliotheken an Texte zu kommen! Dabei sind viele Beiträge der Weltbühne auch heute noch durchaus aktuell. Die Bundesrepublik Deutschland ist ja in Vielem ein zweiter Aufguss der Weimarer Republik. Dadurch ergeben sich viele Parallelen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien »Die Weltbühne« ab 1946 wieder in Ost-Berlin (später DDR), bis 1993. Nachfolger ab 1997 waren die Zeitschriften »Ossietzky« und »Das Blättchen«, auch im DIN-A5-Format mit rotem Umschlag und ohne Bilder gestaltet. Die Zweiwochenschrift »Ossietzky« wurde 1997 von Eckart Spoo gegründet und erscheint immer noch mit der Redaktion in Berlin. Die Zweiwochenschrift »Das Blättchen« mit gleicher Aufmachung erschien ebenfalls in Berlin, bis September 2009 gedruckt, seitdem nur noch online, als PDF oder E-Book.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2019.

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2019/04/03

Rudolph Bauer
Aufstehen

die welt gerät aus den fugen im streit
liegen die herrscher europas banken
konzernchefs und bürokraten
geben den gellenden ton an

von deutschem boden gehen erneut
kriege aus weltweit medien
politik und gesellschaft
driften nach rechts

öffentlich schreiend die not und die grätze
in den vorstädten verkommen schulen
altenpflege brücken infrastruktur
krank ist die gesundheit

wohnungsnot und das elend der kinder
herrschen verrohung ängste die furcht
vor fremden fressen die seelen
gleichgültig und hartz IV

zum konsummoloch wird die gesellschaft
untermalt und bunt übertüncht
sind ungleich und tödlich
zuständ wie jene in rom

sieh da den verstörenden teppich aus jux
desinformation entertainment
terror facebook und lügen
propaganda und fußball

die privatisierung kennt keine grenzen
zur ware wird nunmehr alles selbst
wissenschaft kunst und kultur
geplündert wie der planet

aus jeder lebensfaser werden profite
gepresst und geschlagen immer
noch reicher werden die reichen
überheblich und kalt

im luxus maßlos und ohne verpflichtung
fürs ganze das volk ihre stiftungen
dienen der pflege des image retten
gewinne vor steuern

reiten den staat fest im karminroten sattel
scheren sich einen dreck die zügel
gestrafft geben sie sporen dem volk
lassen es tanzen

© Prof Dr. Rudolph Bauer, April 2019.

Das Gedicht ist mit Erlaubnis des Autors und des Verlages dem Buch entnommen:
Schlafende Hunde VI - Politische Lyrik. Herausgegeben von Thomas Bachmann, verlag am park in der edition ost, Berlin 2019.

Prof. Dr. Rudolph Bauer, geboren 1939 in Amberg, lebt in Bremen. Politikwissenschaftler, Schriftsteller, Bildender Künstler.
Zuletzt erschienen: Beiträge in »Unsere Antwort. Die AfD und wir. Schriftsteller*innen und der Rechtspopulismus«, hrsgg. Von Klaus Farin, Berlin 2018.
»Aus gegebenem Anlass«, Politische Gedichte mit einem literaturwissenschaftlichen Essay von Thomas Metscher, Hamburg 2018.

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2019/04/01

Ingo Cesaro
Beifang

wir können nicht mehr
mit unseren Schleppnetzen fischen
erklärte der alte Seemann
auf dem Fischdampfer
gerade in den Hafen eingelaufen
sehen sie
vier tote Geflüchtete im Netz
bei dieser Ausfahrt
sehen sie dort
wo sonst der Fang auf Eis

und anschließend
die Bürokratie
sogar Vernehmungen
wenn wir es verkraftet hätten
wäre es klüger gewesen
sie als Beifang
wie den anderen Beifang auch
wieder zurück ins Meer zu werfen
aber keiner von uns
hat es übers Herz gebracht.

© Ingo Cesaro, April 2019.

Das Gedicht ist mit Erlaubnis des Autors und des Verlages dem Buch entnommen:
Schlafende Hunde VI - Politische Lyrik. Herausgegeben von Thomas Bachmann, verlag am park in der edition ost, Berlin 2019.

Ingo Cesaro, geboren 1941 in Kronach, lebt dort seit 1975 als Schriftsteller, Herausgeber, Handpressendrucker und Galerist, über 200 Einzelveröffentlichungen, Mitarbeit an über 500 Anthologien und Herausgeber von über 150 bibliophilen Editionen, teilweise mit Originalgrafik. Betreibt die NEUE CRANACH PRESSE KRONACH. Zusammenarbeit mit Malern, Grafikern, Komponisten und Musikern, organisiert Kunst- und Literaturprojekte.

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2019/03/31

vorschau04

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2019/03/28

bauhaus imaginista im Haus der Kulturen der Welt (HKW)
Die globale Rezeption einer Kunstschule bis heute
Große Ausstellung bis 10. Juni 2019

Kuratoren: Dr. Marion von Osten und Dr. Grant Watson
Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin Tiergarten
Täglich (außer Di) 11-19h, Montags Eintritt frei
hkw.de/imaginista

bauhaushkw
University of Ife in Ile-Ife, Osun, Nigeria. Späte 1960er Jahre.
Architekten: Arieh Sharon, Eldar Sharon und Harlod Rubin.
© Arieh Sharon Digital Archive.

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2019/03/25

Für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) von 1.200 Euro im Monat für Alle !
(Stand 2019)

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2019/03/22

Von Arts and Crafts zum Bauhaus
Von William Morris zu Walter Gropius
Ausstellung im Bröhan Museum Berlin bis 5. Mai 2019

Dr. Christian G. Pätzold

broehan1moholy
László Moholy-Nagy: Zwischen Himmel und Erde, 1923, Collage.
Zu sehen in der Ausstellung im Bröhan Museum.

Das 100. Gründungsjubiläum des Bauhauses naht. Das Bauhaus war eine Kunsthochschule, die für die Geschichte der Kunst, der Architektur und des Designs im 20. Jahrhundert weltweit von größter Bedeutung war. Die Nazis haben das Bauhaus 1933 in Berlin vernichtet. Da ist es schön zu sehen, dass das Bröhan Museum in Berlin Charlottenburg eine wissenschaftlich auf hohem Niveau stehende Ausstellung realisieren kann, die von Dr. Tobias Hoffmann und Dr. Anna Grosskopf kuratiert wurde. Es muss viel Mühe und Begeisterung darin stecken, eine so große Ausstellung zustande zu bringen.
Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den Vorläufern des Bauhauses, während für das Bauhaus selbst 3 Ausstellungsräume zur Verfügung stehen. Die betrachtete Zeitspanne ist 1851 (Weltausstellung in London) bis 1933 (Zerstörung des Bauhauses durch die Nazis, denn das Bauhaus war eine mehr oder weniger kommunistische Hochschule, von den Nazis als "Kirche des Marxismus" bezeichnet), ein Zeitraum von 82 Jahren, in denen viel passiert ist: Japonismus, Glasgow School, Jugendstil (Art Nouveau), Wiener Werkstätte, Deutscher Werkbund, De Stijl, Expressionismus, Kubismus, DaDa. Die ganze Entwicklung fokussierte sich im Bauhaus. Das Bauhaus hat die Ästhetik unserer Zeit geschaffen, der Moderne, die jetzt schon 100 Jahre anhält.
So etwas wie eine Blaupause für die Ausstellung im Bröhan Museum ist das Buch von Nikolaus Pevsner: »Pioneers of Modern Design. From William Morris to Walter Gropius«, das 1949 in New York erschien. Das Buch ist ein Klassiker der Kunstgeschichtsschreibung und daher ist die Entwicklung vom Arts and Crafts Movement zum Bauhaus den KunsthistorikerInnen auch gut bekannt. Das Bröhan Museum hat da nichts großartig Neues entdeckt. Das große Verdienst der Ausstellung im Bröhan Museum liegt darin, dass die Entwicklung der ästhetischen Theorie und Praxis im 20 Jahrhundert auch einer jungen Generation vermittelt wird (hoffentlich kommen auch Jugendliche und Schulklassen ins Museum, denn hier können sie wirklich das Sehen lernen) und dass wirklich tolle Ausstellungsstücke die künstlerischen Positionen greifbar machen.
Der eigentliche Kern der Entwicklung liegt zwischen 1861, als William Morris seine Kunsthandwerksfirma Morris & Co. gründete, und 1919, als Walter Gropius das Bauhaus in Weimar eröffnete. Das war eine chronologisch relativ kurze Spanne, in der aber gesellschaftlich und ästhetisch viel passiert ist. Auf den ersten Blick ist der Zusammenhang zwischen den Blümchentapeten von William Morris und den geometrischen Kuben von Walter Gropius nicht erkennbar. Man muss bedenken, dass Morris im Viktorianischen Zeitalter des Britischen Empire lebte, während Gropius das Bauhaus nach dem Ersten Weltkrieg eröffnete, als die alte Monarchie in Deutschland krachend zusammengebrochen war. Das waren ganz unterschiedliche gesellschaftliche Bedingungen.
Gemeinsam war Morris und Gropius die Denkweise und Philosophie. Sie waren beide kommunistische Künstler, Morris war ein Begründer des Sozialismus in England, Gropius engagierte sich in der Novemberrevolution. Sie wollten das Handwerk und die Kunst vereinigen, wie der Name Arts and Crafts (Künste und Handwerke) schon sagt. Diese Kommunistische Denke durchzog ihr ganzes Werk. Der bürgerliche Künstler dagegen wollte sich so weit wie möglich elitär vom "primitiven" Handwerker abheben.
Wenn man die Philosophie von Morris und Gropius auf die Ästhetik beschränkt, greift man daher viel zu kurz (was eine Gefahr bei reinen Kunstausstellungen ist, die die gesellschaftlichen und ökonomischen Implikationen ausblenden). Morris war nicht nur ein ästhetischer Denker, sondern ein Kapitalismuskritiker, ein Umweltschützer und ökologischer Denker, ein Kunsthandwerker und Erfinder einer kommunistischen Utopie (in seinem Buch »News from Nowhere« von 1890). Als ich vor etwas über 30 Jahren die ästhetischen Essays von William Morris ins Deutsche übersetzte und herausgab (William Morris: Kunst und die Schönheit der Erde, Stattbuch Verlag Berlin 1986), wurde mir klar, dass seine Gedanken hoch aktuell sind. Über 100 Jahre später ruiniert der Kapitalismus immer noch die Erde. Nur mit dem Unterschied, dass es jetzt allmählich so richtig gefährlich wird.
William Morris war ein Befürworter des Handwerks und ein scharfer Kritiker der Industrie, die seiner Ansicht nach mit ihrer Naturzerstörung und Umweltverschmutzung die Schönheit Englands ruinierte. Diese Position ist noch heute nachvollziehbar, wenn man bspw. an die heutige Kritik der industrialisierten Landwirtschaft denkt, durch die die ländlichen Gebiete schwer geschädigt werden. Im Bauhaus dagegen entwickelte sich eine etwas geänderte Einstellung zur Industrie. Es wäre spannend, den Diskurs über die Industrie genauer zu untersuchen. Es war das Dilemma von Morris, dass er für den Luxusbedarf statt für den Volksbedarf produziert hat, was er selbst verfluchte.
Das moderne Bauen, das im Bauhaus entwickelt wurde, breitete sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über die ganze Welt aus. Und nur wenige Jahre nach der Schließung des Bauhauses wurden die Ideen von der industriellen Möbelfertigung von dem Schweden Ingvar Kamprad von IKEA umgesetzt, der damit Milliarden verdient hat. Heute werden in Weimar, Dessau und Berlin große Bauhaus-Museen neu gebaut. Daher wird man wohl auch in den kommenden Jahren einiges vom Bauhaus hören. Kuhle-Wampe-LeserInnen brauchen nicht so lange zu warten: Schon im nächsten Monat wird es Weiteres über die Philosophie des Bauhauses zu lesen geben.

Von Arts and Crafts zum Bauhaus. Kunst und Design - eine neue Einheit!
Ausstellung bis 5. Mai 2019.
Bröhan-Museum. Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus, Berlin
Schloßstraße 1a, 14059 Berlin Charlottenburg
Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr
Am 1. Mittwoch im Monat Freier Eintritt
Zur Ausstellung im Bröhan Museum ist ein umfangreicher Katalog im Wienand Verlag, Köln erschienen.

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2019/03/20

Der Frühling beginnt heute !

fruehlingsanfang
Frühlings-Krokusse (Crocus vernus),
fotografiert von © Ella Gondek am 15. Februar 2019.

Der Frühlingsanfang fällt auf der Nordhalbkugel der Erde auf den 19., 20. oder 21. März. Das ist der astronomische Frühlingsanfang, der auch Tag- und Nacht-Gleiche (Äquinoktium) genannt wird, weil an diesem Datum der Tag und die Nacht gleich lang sind. Das hängt mit der Konstellation im Sonnensystem zusammen, ist aber schwierig zu erklären. Danach werden die Tage länger und die Nächte kürzer bis zum Mittsommer, das ist das Datum, an dem der Tag am längsten ist und die Nacht am kürzesten. Der Mittsommer oder die Sommersonnenwende am 20., 21. oder 22. Juni sind in vielen Ländern ein Anlass für Feste und Feiern. An diesem Tag erreicht die Sonne ihren höchsten Stand über dem Horizont.
Der meteorologische Frühlingsanfang ist aus Gründen der Statistik bereits am 1. März, so dass sich die 3 Frühlingsmonate März, April und Mai ergeben.
Der phänologische Frühlingsanfang, der sich an der Blüte der Schneeglöckchen orientiert, liegt noch früher im Februar. Durch die Überhitzung der Erdatmosphäre könnten allerdings die Schneeglöckchen in den nächsten Jahren noch früher blühen. In diesem Winter gab es in Berlin so gut wie keinen Schnee. Das ist der erste Winter ohne Schnee seit ich denken kann, und das ist schon eine sehr lange Zeit. Ich kenne Gärtner, die in Berlin schon Feigenbäume und Palmen anpflanzen. Ich vermute, dass das ein deutliches Zeichen für den gefährlichen Klimawandel ist.
Dr. Christian G. Pätzold.

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2019/03/17

Dr. Hans-Albert Wulf
Rosa Luxemburg und die Stasi

rosaplastik
Rosa Luxemburg, Kopf eines unbekannten Plastikers.
Fotografiert von © Dr. Hans-Albert Wulf, Februar 2019.

Vor ein paar Jahren bin ich in Berlin-Kreuzberg in einen Trödelladen geraten, um mal wieder ein bisschen herumzustöbern und herumzukramen. Als ich in das hintere Zimmer des Ladens trat, bot sich mir ein faszinierender Anblick. Auf einem Schrank standen die Gipsbüsten fast der gesamten sozialistischen und kommunistischen Ahnengalerie. Marx und Engels mehrfach, Lenin und auch die späteren wie z.B. Wilhelm Pieck und Ernst Thälmann. Und es fehlte natürlich auch nicht Rosa Luxemburg, in die ich im sozialistischen Sinne immer schon etwas verliebt war und die ich immer schon aufs höchste sozialistische Podest gestellt hatte. Eine Marxbüste hatte ich schon unmittelbar nach der Annexion der DDR 1989 gekauft.
Mit dem Trödelhändler wurde ich nach einigem Feilschen über den Preis der Rosa Luxemburg-Büste handelseinig. Er wollte 60 DM haben. Ich bezahlte schließlich aber nur 50 DM, weil die Büste etwas beschädigt war. Ein Teil von Rosas Nasenspitze war abgeschlagen und fehlte. Der Händler bot mir an, bei der Ausbesserung dieser Blessur zu helfen. Und so rückte ich am nächsten Tag mit Gips und Farbe an, um Rosas Nase zu reparieren.
Ich war mit dem Fahrrad gekommen und so stellte sich das Problem, wie ich Rosa nach Hause transportieren könne. Die Büste ist immerhin mehr als 50 cm hoch und mächtig schwer. Versuche, sie auf den Gepäckträger meines Fahrrads zu klemmen, misslangen gründlich. Aber der Trödelhändler hatte eine Lösung. Er könne mir für den Rosatransport eine große Ledertasche verkaufen, die er hervorkramte. Eine in der Tat sehr voluminöse Tasche und gar nicht zu vergleichen mit unseren gewöhnlichen Aktentaschen. Zudem wunderte ich mich zunächst über die vielen Schlösser. Der Trödelhändler belehrte mich, dass es sich um eine Stasitasche handele, für die er nochmal 50 DM haben wolle, und die ich nach einigem Murren denn auch zahlte. Und so habe ich doch tatsächlich die Rosa in einer Stasitasche nach Hause transportiert. Jahre später wurde bei mir eingebrochen und die Stasitasche wurde zum Abtransport der Beute mitgeklaut. Die Rosa haben sie aber gottseidank stehengelassen.

© Dr. Hans-Albert Wulf, März 2019.

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2019/03/15

Egon Erwin Kisch
Wat koofe ick mir for een Groschen?

kisch
Volksspeisehalle, Neue Schönhauser Straße, Berlin Mitte.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, September 2014.

In der Volksspeisehalle in der Schönhauser Allee trank ich eine Tasse Kaffee um zehn Pfennig und aß dazu einen Napfkuchen um den gleichen Preis. Drüben an der Wand, mit Kreide auf ein schwarzes Brett geschrieben, war die Speisekarte; aus ihr ersah ich, daß man für eine Tasse Milch, Kakao, Apfelwein oder Brühe, für eine Flasche Selterswasser, für zwei Zehntel Malz- oder Lagerbier, für eine mit Butter oder Schmalz gestrichene Stulle, für vier gewöhnliche Schrippen, für einen Blech- oder einen Napfkuchen nicht mehr und nicht weniger als zehn Pfennig zu zahlen hat. Noch reicher sehen die Genüsse aus, die sich einer vergönnen kann, der über zwei Groschen verfügt: eine Schale Weißbier, eine Pulle Brauselimonade, eine belegte Stulle, einen sauren Hering, einen marinierten Fisch, eine Portion Kartoffelsalat, ein Paar Würstchen oder ein Stück Wurst.
Um zu erfahren, ob man auch andere als alimentäre Werte um zehn Pfennig erwerben könne, rief ich eines der spielenden Gören zu mir, gab ihm einen Groschen und wollte ... der Kleine war schon mit der Schnelligkeit eines Rodelschlittens davongerast, bevor ich ihn etwas fragen konnte. Ich sprach einen anderen Jungen an und stellte ihm, das Geldstück in der Hand behaltend, die Gewissensfrage: "Was tust du mit diesen zehn Pfennig, wenn ich sie dir gebe?" - Der Knirps machte eine abwehrende Geste. "Nee, so doof bin ick nich - dann jehm Se mir den Jroschen doch nich!" - Ich gab mein Ehrenwort. - "Ick jehe in Kintopp." Auf meinen Wunsch zeigte er mir sogleich des Kino, wo der Eintritt zehn Pfennig kostet, der teuerste Platz fünfzig Pfennig. Mein kleiner Führer verschwand mit dem Groschen in der Eingangstüre, auf der eine große Tafel besagte: Jugendlichen unter sechzehn Jahren ist der Eintritt verboten!
Ein kleines Mädchen, das ich fragte, machte mir die Mitteilung, daß sie für meinen Groschen - auch ins Kino gehen wolle. Da mir die statistische Feststellung, wie viel Kinder Berlins eine Münze zum Besuch des Films anlegen würden, doch etwas zu kostspielig schien, stellte ich den Versuch ein, mir auf dem Wege einer Umfrage das Material zur Verwendungsmöglichkeit von zehn Pfennig zu verschaffen.
Ich war in einer Gegend, in der der Geschäftsbetrieb viel mehr von den Finanzverhältnissen des Käufers abhängig ist als von dessen Bedarf. Diesem Umstande ist durch die Preisangabe in den mit tausenderlei Dingen vollgepfropften Schaufenstern Rechnung getragen. In den Papierwarenhandlungen sind keine Schreibhefte, Stahlfedern, Bleistifte oder dergleichen ausgestellt. Luxusdinge des täglichen Gebrauchs werden angepriesen: die entzückenden Künstlerkarten, welche keifende Schwiegermütter, wimmernde Pantoffelhelden und zahnlose alte Jungfern zeigen, kosten nur zehn Pfennig; der anonyme Absender braucht nur - mit verstellter Handschrift - die Adresse daraufzuschreiben ... Um den gleichen Preis ist auch die hundertsechzehnte Lieferung des für unsere Jugend bestimmten Werkes "Huronen und Delawaren oder Das Zweite Gesicht oder Die Verfolgung rund um die Erde" zu haben, unter dessen vierfarbigem Titelbild die edlen Worte stehen: "Als Wilhelm Mut aus dem Blockhause heraustrat, sah er zehn Indianer in feindseliger Haltung vor sich stehen." Für zehn Pfennig habe ich das Heft einer Pfadfinder-Bücherei erstanden, verlockt durch die bunte Umschlagzeichnung, deren Text lautete: "Durch das Krachen des Donners, das Brüllen der Wogen, das Heulen des Sturmes tönte Horst Krafts gellender Ruf: Pfadfinder, zu mir! Wir werden zusammen sterben, wenn wir sterben müssen!" Dieses Büchlein habe ich gelesen und kann sagen: Wenn Büchern wirklich ein erzieherischer Wert zukommt, dann ist dieses Werk vortrefflich geeignet, Knaben zu Idioten zu erziehen.
Auf billige Art können sich Mädchen der Peripherie mit aller raffinierten Eleganz umgeben: eine Madeira-Hemdpasse, eine Büchse wohlriechenden Cachous, eine Phiole!!! Allerfeinstes Pariser Ideal-Parfum!!! (die sechs Ausrufungszeichen sind Original) und ein Gummiabsatz kosten je einen Groschen. Schwerer ist es, ein Gentleman zu sein. Zwar kosten ein Stehkragen, drei Hemdknöpfe oder einmal Schnurrbartstutzen denselben Betrag, aber schon für ein Paar Manschetten, ein Stück Prima Mandelseife mit zwei Ausrufungszeichen, eine Nagelfeile, eine Pomadenstange oder einmal Rasieren muß man die doppelte Taxe entrichten, für Haarschneiden und Bartausziehen sogar fünfundzwanzig, Kräuseln der Haare dreißig Pfennig.
Die Lust zum Heiraten wird gewiß dadurch wachgerufen oder wenigstens verstärkt werden, daß man um zehn Pfennig einen vergoldeten Ehering beziehen kann, eine Säuglingsklapper von der gleichen Wohlfeilheit, zwei Zinnsoldaten oder ein Schilderhäuschen. Mit einer Autohupe für Kinder oder fünf Knallerbsen kann man Krach machen, der mit einem Groschen gewiß nicht überbezahlt ist. Weiter: ein (etwas verbogener) Alpakalöffel, der Band einer verschrotteten Leihbibliothek "nach Eugen Sue bearbeitet von Wilhelm Eichelkogel", eine garantiert echte Haarlemer Hyazinthenzwiebel, ein achtel Pfund Kieler Sprotten, ein Stück Bruchschokolade, ein Umschlag mit Puderpapier, zwei Harzer Käse, Vanilleplätzchen und ein Kartoffelpuffer, alles bloß für zehn Pfennig.
Im Bagno-Museum auf dem Rummelplatz Ecke Lietzmannstraße-Neue Königstraße ist sogar ein Lustmord für einen Groschen zu sehen. In die Geldstücköffnung des Automaten wirft man zwei Sechser ein und dreht die Kurbel. Erstes Bild: Eine schlafende Dame. - Zweites Bild: Ein Mörder nähert sich mit gezücktem Messer. (Mörder nähern sich nämlich immer mit gezücktem Messer.) - Drittes Bild: Der Mörder nähert sich noch näher mit noch gezückterem Messer. - Viertes Bild: Der Mörder sticht der entsetzt erwachenden Dame das gezückte Messer in das Herz. - Fünftes Bild: Die Dame liegt tot neben zwei roten Tintenklecksen auf dem Boden, und der Mörder entfernt sich mit gezücktem, blutigrotem Messer. (Mörder entfernen sich nämlich immer mit gezücktem, blutigrotem Messer.)
Das alles koofe ick mir for een Groschen.

Die Reportage stammt aus dem Buch:
Egon Erwin Kisch: Der rasende Reporter, Berlin 1924.

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2019/03/12

30 Jahre World Wide Web (WWW)

Dr. Christian G. Pätzold

www
Das World Wide Web. Quelle: Wikimedia Commons.

Das World Wide Web wurde vor genau 30 Jahren, am 12. März 1989, gestartet. Damals wurde das Konzept des weltweiten Austauschs von wissenschaftlichen Dokumenten von dem britischen Physiker Tim Berners-Lee am Forschungszentrum CERN nahe Genf/Schweiz vorgestellt. Durch den Austausch der wissenschaftlichen Dokumente sollten die Informationen quasi verflochten werden, so dass sich der Name Web oder auf Deutsch Netz ergab.
Das WWW besteht heute aus sehr vielen Webseiten, die über das Internet als technischer Struktur weltweit abrufbar sind. WWW und Internet sind also nicht dasselbe, werden aber meist synonym verwendet. Wenn man sich im weltweiten Netz der Webseiten umsieht, wird das auch Surfen im Internet genannt. Das WWW kann von jedem mit Informationen gefüllt werden und jeder kann dort Informationen abrufen. Potenziell ist dadurch jeder Mensch mit jedem Menschen verbunden, also ist das WWW eine die Menschheit verbindende Einrichtung.
Zum Beispiel ist www.kuhlewampe.net eine Webseite im WWW, die von Menschen gefüllt werden kann und von Menschen weltweit gelesen werden kann. Das ist doch eine schöne Sache. Dabei können nicht nur Texte verschickt werden, sondern auch Bilder, Töne (Musik) und Videos (Filme), wodurch die Information noch anschaulicher wird. Insgesamt besteht das WWW also inzwischen nach 30 Jahren aus einer riesigen Menge von Dokumenten in hunderten von Sprachen, die jeder nutzen kann. Man kann dort so viele Bücher lesen, die gar nicht alle in einen privaten Bücherschrank passen würden. Daher braucht man heute nicht mehr so viele Bücher zu kaufen wie vor 30 Jahren, was erhebliche Kosten spart. Ich schaffe mir nur noch dann Bücher an, wenn ich in den Büchern etwas anstreichen möchte oder Notizen machen möchte. Zum Nachsehen von Informationen ist das WWW, und dort zum Beispiel die Webseiten von Wikipedia, sehr ergiebig. Das Gutenberg-Zeitalter ist vorbei. Wir leben heute weitgehend im Cyberspace.
Im WWW kann man vieles erfahren. Das reicht vom aktuellen Wetterbericht, den aktuellen Nachrichten bis zum Ansehen alter Filme. Und das alles kostenlos.
Wie bei allen guten Sachen kommen auch bald schlechte Menschen angeschlichen, die kommerziell profitieren wollen oder kriminell veranlagt sind oder die Fake News verbreiten oder die Freude daran haben, Spammails zu verschicken, oder die einfach nur eine Klatsche haben. Für diese Typen war das World Wide Web nicht gedacht. Sie sind wie gefräßige Motten, die zum Licht flattern. Wenn man das WWW nutzt, muss man daher leider heute auch berücksichtigen, dass es haufenweise bösartige Individuen gibt. Man kommt nicht darum herum, sich immer bei jeder Webseite zu fragen, wer dahinter steckt, und ob man etwas mit diesem Individuum zu tun haben möchte.
Wenn alles gut läuft und sich die Menschheit nicht mit Atomraketen und durch die Klimakatastrophe vernichtet hat, dann könnte in 30 weiteren Jahren das gesamte Wissen der Menschheit im WWW für jeden zugänglich sein. Das wäre schon echt cool.

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2019/03/10

Fridays For Future und Schulstreik
Greta Thunberg und die Rettung des Klimas unterstützen !

gretathunberg
Greta Thunberg. Quelle: Wikimedia Commons.

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2019/03/08

Der Internationale Frauentag ist Feiertag

frauentag
Vorkämpferinnen der Frauenbewegung: Clara Zetkin (links) mit Rosa Luxemburg, 1910.
Quelle: Wikimedia Commons.

Gerade wurde 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland gleichberechtigterweise gefeiert. Und nun ist seit diesem Jahr der 8. März, der Internationale Frauentag, der 10. Feiertag in Berlin. Berlin wollte einen 10. Feiertag, weil es im Vergleich mit den anderen Bundesländern die wenigsten Feiertage hatte. SPD, die Grünen und Die Linke waren sich bald einig, dass der Weltfrauentag ein guter Feiertag wäre, um die Gleichstellung zu fördern. Und so ist Berlin bisher das einzige deutsche Bundesland, in dem der Weltfrauentag ein Feiertag ist. Daran merkt man, dass Berlin doch etwas anders tickt als der Rest von Deutschland. Vietnam, Kuba, Russland und 23 weitere Länder sind als leuchtende Beispiele vorangegangen und hatten schon den Frauentag als Feiertag.
Zum Glück wurde der 10. Feiertag nicht noch ein weiterer religiöser Tag. Die Kirchen wollten natürlich einen religiösen Feiertag, haben ihn aber nicht bekommen, was auch seltsam gewesen wäre, da die Mehrheit der Bevölkerung in Berlin nicht religiös ist. Die Ekklesiastiker schäumten vor Wut. Am meisten wurmt sie, dass sie nicht wissen, was sie am Internationalen Frauentag mit ihren Gläubigen feiern sollen. Für die katholischen Kleriker ist die Frau an sich nicht gleichberechtigt, sondern eher in dienenden Funktionen in der Kirche tätig. Die Protestanten andererseits lehnen von jeher die Madonnenanbetung ab. Daher können die Kirchen mit dem Frauentag überhaupt nichts anfangen und stehen vor einem Rätsel.
Aber der 8. Mai, das Ende des Faschismus, hätte mir auch als Feiertag gefallen, weil dann das Wetter besser ist. Immerhin ist der 8. Mai im nächsten Jahr einmalig ein Feiertag in Berlin, zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus.
Die Idee des Internationalen Frauenkampftages wurde 1910 auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen von Clara Zetkin auf die Tagesordnung gesetzt. Clara Zetkin war damals noch Mitglied der SPD, später der KPD. Die Hauptforderungen der Frauen waren das Frauenwahlrecht, die Gleichberechtigung, die Emanzipation der Arbeiterinnen und nach 1914 während des Ersten Weltkriegs die Forderung nach einem Ende des Krieges. Der Weltfrauentag ist also ein vollständig sozialistischer Kampftag. Der 8. März als festes Datum entstand aber erst 1921 in Moskau.
Bei Wikipedia heißt es zum Datum 8. März:

"1917 war aber auch aus einem anderen Grund ein entscheidendes Jahr. Am 8. März 1917 - nach dem damals in Russland verwendeten julianischen Kalender der 23. Februar - streikten in Petrograd die Bewohnerinnen der armen Stadtviertel auf der Wyborger Seite. Arbeiterinnen, die Ehefrauen von Soldaten und erstmals auch Bäuerinnen gingen gemeinsam auf die Straße und lösten so die Februarrevolution aus. Zu Ehren der Rolle der Frauen in der Revolution wurde auf der Zweiten Internationalen Konferenz kommunistischer Frauen 1921 in Moskau auf Vorschlag der bulgarischen Delegation der 8. März als internationaler Gedenktag eingeführt. Nach anderer Darstellung war es nach Aufforderung von Alexandra Kollontai und anderen Vorkämpferinnen Lenin, der in diesem Jahr, 1921, den 8. März zum "Internationalen Frauentag" erklärte. Über den Ursprung des Internationalen Frauentages am 8. März gibt es verschiedene Theorien und Deutungen."

Heutzutage haben allerdings viele Frauen wenig zum Feiern am 8. März, angesichts der verbreiteten Armut und der prekären Lebensverhältnisse besonders bei Frauen. Für sie dürfte der 8. März eher ein Protesttag als ein Feiertag sein. Die Linke hat schon eine Demo angekündigt. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass auch ein Männertag und ein Kindertag als zusätzliche Feiertage eingeführt werden sollten, möglicherweise alternativ als Ersatz für Ostern oder Weihnachten.
Dr. Christian G. Pätzold.

Jenny Schon feiert am 8. März den Frauentag mit Gedichten über Frauen im Terzo Mondo, 20 Uhr, Grolmanstraße 28, in Berlin Charlottenburg. Engagierte Lyrik für Menschenrechte, Gedichte für politische und literarische Frauen: Else Lasker Schüler, Janis Joplin, Annette Droste-Hülshoff, Karoline von Günderode, Juliette Greco. Dazu ein Text zu Mete Fontane (Fontane-Jahr).

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2019/03/05

art kicksuch

ueberschreitendes

© art kicksuch, märz 2019.

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2019/03/02

Kurt Tucholsky
Das Lied vom Kompromiß, März 1919

Manche tanzen manchmal wohl ein Tänzchen
immer um den heißen Brei herum,
kleine Schweine mit dem Ringelschwänzchen,
Bullen mit erschrecklichem Gebrumm.
Freundlich schaun die Schwarzen und die Roten,
die sich früher feindlich oft bedrohten.
Jeder wartet, wer zuerst es wagt,
bis der eine zu dem andern sagt:
»Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits - und andrerseits -
so ein Ding hat manchen Reiz ...
Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß:
Schließen wir nen kleinen Kompromiß!«

Seit November klingt nun dies Gavottchen.
Früher tanzte man die Carmagnole.
Doch Germania, das Erzkokottchen,
wünscht, dass diesen Tanz der Teufel hol.
Rechts wird ganz wie früher lang gefackelt,
links kommt Papa Ebert angewackelt.
Wasch den Pelz, doch mache mich nicht naß!
Und man sagt: »Du, Ebert, weißt du was:
Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits - und andrerseits -
so ein Ding hat manchen Reiz ...
Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß:
Schließen wir nen kleinen Kompromiß!«

Seit November tanzt man Menuettchen,
wo man schlagen, brennen, stürzen sollt.
Heiter liegt der Bürger in dem Bettchen,
die Regierung säuselt gar zu hold.
Sind die alten Herrn auch rot bebändert,
deshalb hat sich nichts bei uns geändert.
Kommts, dass Ebert hin nach Holland geht,
spricht er dort zu einer Majestät:
»Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits - und andrerseits -
So ein Ding hat manchen Reiz ...«

Und durch Deutschland geht ein tiefer Riß.
Dafür gibt es keinen Kompromiß!

Kaspar Hauser in: Die Weltbühne, 13.03.1919, Nr. 12, S. 297.

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2019/02/28

vorschau03

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2019/02/26

Eine Neuheit bei kuhlewampe.net: Links

Bei Kuhle Wampe gibt es jetzt Links zu einigen Webseiten der MitschreiberInnen.
Sie sind über die Schaltfläche "Links" im Kopf dieser Seite erreichbar.
Dadurch braucht ihr nicht mehr die Namen der MitschreiberInnen bei Google einzugeben.
Ein kleiner Klick genügt und schon seid ihr auf der gewünschten Webseite.
Bequemer geht es wirklich nicht.

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2019/02/23

Dr. Hans-Albert Wulf
Don Quijote oder die Tragikomik des Lesens

donquijote
Honoré Daumier (1808-1879): Don Quijote und Sancho Pansa.
Quelle: Wikimedia Commons.

Don Quijote ist der Dreh- und Angelpunkt all der folgenden Geschichten und Episoden über Büchernarren, Stubengelehrte und Wortakrobaten. Er ist der erste, der sich strikt geweigert hat, zwischen der schnöden Alltagswelt und der Bücherwelt einen Unterschied zu machen. In der traditionellen Literatur wird ja bekanntlich meist geschildert, was sich an bemerkenswerten Dingen in der realen Welt so alles zugetragen hat. Bei Don Quijote ist es umgekehrt. Er trägt die Begebnisse all der Romane, die er in sich hineingefressen hat, ins reale Leben hinaus. Und so wird die Realität genötigt, sich nach all den Romanen zu richten, die er gelesen hat.
Der Roman des Miguel de Cervantes aus dem Ende des 16. Jahrhunderts ist eine Persiflage auf die damals grassierende Flut von Abenteurer- und Ritterromanen. Er stellt eine frühe Form der Medienkritik dar, wie sie sich dann im 18. Jahrhundert als Kritik an der Lesesucht artikulieren sollte und in der gegenwärtigen Diskussion über virtuelle Welten und das Verschwinden der Wirklichkeit einen Höhepunkt findet. Ein berühmter Beitrag hierzu ist der Film "Willkommen Mr. Chance" mit Peter Sellers, in dem der Titelheld die Realität mit dem Fernsehen verwechselt und mit der TV-Fernsteuerung in der Hand durch die Welt irrt.
Don Quijote gilt als einer der prominentesten Büchernarren der Literaturgeschichte. Zunächst ist nicht viel Bemerkenswertes über ihn zu berichten. Er war ein etwa 50jähriger spanischer Landedelmann, der auf seinem bescheidenen Gut ein ereignisloses Leben führte, so wie viele andere auch. Indes er frönte einer Leidenschaft, die seinem Leben die Würze gab: Er hatte ein Faible für Ritter- und Abenteurerromane, für die er sein ganzes Geld ausgab, und die er mit allergrößter Gier und Inbrunst verschlang. Da wird von den kühnen Taten heldenhafter und unbesiegbarer Ritter berichtet wie z.B. von Amadis von Gallien oder Roland dem Rasenden. Und mächtige und unbezwingbare Riesen, Drachen und andere Ungeheuer treiben ihr Unwesen. Aber auch die Liebe hat hier ihren Platz und sie ist die Triebfeder für all den ritterlichen Heldenmut. Das Muster ist immer das Gleiche. Der Ritter verehrt und vergöttert ein schönes und liebreizendes Burgfräulein oder eine Prinzessin, derenthalben er all seine Großtaten vollbringt. Nur so kann er ihre Gunst erringen. Und so begeistert sich Don Quijote an Sätzen wie: "Der Sinn des Widersinns, den Ihr meinen Sinnen antut, schwächt meinen Sinn dergestalt, dass ein richtiger Sinn darin liegt, wenn ich über Eure Schönheit Klage führe." Und ebenso, wenn er las: "...die hohen Himmel Eurer Göttlichkeit, die Euch in göttlicher Weise bei den Sternen festigen und Euch zur Verdienerin des Verdienstes machen, das Eure hohe Würde verdient." Man sieht, auch er war schon ein Freund wortakrobatischer Verrücktheiten.
Nachdem Don Quijote durch solch irrwitzige Lektüre das Gehirn vertrocknet war, fasst er einen kühnen Entschluss. Er will selbst hinausziehen und das Leben eines fahrenden Ritters führen. Begleitet wird er von seinem Diener Sancho Pansa, einem Bauern von nebenan. Die beiden sind in jeder Hinsicht das Gegenteil voneinander. Don Quijote lang und dürr und Sancho Pansa klein und dick. Don Quijote der vom Bücherwahn infizierte Phantast und auf der anderen Seite der pragmatische und bodenständige Sancho, der, wie man so sagt, mit beiden Beinen im Leben steht. Warum lässt er sich aber von Don Quijote beschwatzen, bei all dessen Abenteuern mitzumachen? Manche meinen, er sei als Diener seines Herrn mit Geld bezahlt worden. Das kann jedoch nicht richtig sein: Denn Sancho war ja kein Diener, sondern der Knappe des Ritters von der traurigen Gestalt und Knappen erhalten für ihre Dienste ja grundsätzlich kein Geld. Warum hat sich Sancho dann auf diese irrwitzigen Abenteuer eingelassen. Ganz zweifellos will er sich aus seinem faden und mühseligen Dasein als armer Ackermann und Familienvater auf und davon stehlen. Mit Ritter- und Abenteurerromanen hat er im Unterschied zu seinem neuen Herrn allerdings nichts, aber auch gar nichts im Sinn.
Heimlich ziehen die beiden ohne Abschied von ihren Angehörigen nachts auf und davon. Sancho lässt seine Kinder Kinder sein und um gar nicht erst ein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Familie aufkommen zu lassen, glaubt er geschwind den Versprechungen Don Quijotes, dass er dereinst nach gloriosen Siegen über allerhand Feinde zum Statthalter oder gar König einer Insel befördert werde. Und dann würden ja seine holde Ehefrau, die er gerade schmählich verlassen hat, zur Königin und seine Kinder zu Prinzen gekürt. Glaubt Sancho diese Versprechen Don Quijotes nun eigentlich wirklich? Einerseits hat er einen klaren Alltagsblick. Windmühlen sind für ihn Windmühlen und keine Riesen, auf der anderen Seite baut er sich gerne ein alltagsflüchtiges Wolkenkuckucksheim. Und dies lässt ihn seinem Herrn in die verrücktesten Abenteuer folgen.
Doch hören wir, wie der fahrende Ritter seinen Knappen Sancho Pansa belehrt: "Wie ist möglich, dass du während der ganzen Zeit, seit du an meiner Seite bist, nicht begriffen hast, dass alles, was mit fahrenden Rittern vorgeht, wie Hirngespinste, Albernheit und Unsinn aussieht und in allem stets verkehrt ist? Und nicht etwa, weil es wirklich so ist, sondern weil mit unsereinem beständig ein Schwarm von Zauberern umherzieht, die alles, was uns betrifft, verwechseln und vertauschen und nach ihrem Belieben umwandeln, je nachdem sie Lust haben, uns zu begünstigen oder uns zugrunde zu richten. So kommt es, dass, was dir wie eine Barbierschüssel aussieht, mir als der Helm Mambrins erscheint, und einem anderen wird es wieder als was andres erscheinen."
Don Quijote reitet mit Sancho Pansa durch die Sierra Nevada und in dieser felsigen Einöde verkündet er, dass er in Bälde eines seiner allergrößten Bravourstücke zu vollbringen gedenke. Was hatte er nicht schon alles an ruhmreichen Heldentaten gemeistert. Der Kampf mit den Riesen, von dem Spötter später behauptet hatten, es seien nicht Riesen sondern schnöde Windmühlen gewesen, mit denen sich Don Quijote da eingelassen hatte. Oder die Geschichte von dem anstürmenden feindlichen Heer, das sich arglistigerweise als Schafherde getarnt hatte und in dem er ein Blutbad angerichtet hatte. All diese Großtaten und noch einige mehr vollführte der Ritter mit dem Ziel, den Ungerechtigkeiten der Welt mutig entgegenzutreten, Waisen zu beschützen, Jungfrauen aus der Gefangenschaft von Unholden zu erlösen und zu Unrecht gefangene Menschen von ihren Fesseln zu befreien. Doch bei alldem ging es um das übergeordnete Ziel, von seiner abgöttisch Geliebten einen Fingerzeig der Gunst zu erhaschen.
Sie ritten eine Weile weiter und als die beiden zu einem Hain kamen, machte Don Quijote halt, stieg ab und richtete an seinen Schildknappen sinngemäß folgende Rede: "Hier Freund Sancho will ich rasten, um mich ganz meinem Schmerz hinzugeben, der Schmerz darüber, dass mich meine Herrin, die huldselige und schöne Dulcinea von Toboso, nicht erhört und schnöde meine Liebe missachtet." Beim Liebesschmerz allein solle es hierbei aber nicht bleiben. Nein, er habe etwas viel größeres vor, nämlich über der Untreue seiner Gebieterin verrückt zu werden und seinen Verstand zu verlieren. Sancho gibt seinem Herrn zu bedenken, dass er doch überhaupt keinen Hinweis darauf habe, dass Dulcinea mit irgendeinem Mohren ein gemeinsames Mittagsschläfchen gehalten habe. In der Tat, da habe er recht, entgegnet Don Quijote seinem Knappen. Aber gerade dies, dass er ja von gar keiner Untreue Dulcineas wisse, mache seine Unternehmung umso pikanter. "Denn die rechte Probe ist, ohne Anlass wahnsinnig zu sein, damit meine Geliebte denken muss: wenn das am grünen Holze geschieht, was soll’s erst am dürren werden!"
Und hierbei kommen nun die Früchte seiner Ritter- und Abenteurerlektüre voll zur Geltung. Don Quijote hat zwei große Vorbilder, denen er auf seinen Ritterabenteuerfahrten nachfolgt: Roland den Rasenden und Amadis von Gallien. Es stellte sich für ihn die Frage, welchen er denn nachahmen solle. Orlando furioso ist, wie der Name schon sagt, die wilde Lesart. Als dieser erfuhr, dass seine Geliebte Angelika "mit Medor Schändliches begangen hatte", wurde er darüber toll und in seinem Liebesschmerz entwurzelte er Bäume, trübte Quellen und erschlug Hirten. Er metzelte ganze Schafherden nieder, setzte Hütten in Brand, riss Häuser nieder "und tausend andere und unerhörte Streiche, die ewigen Gedächtnisses und Ruhmes würdig sind". Er seinerseits, fuhr Don Quijote fort, betrachte all diese Taten des rasenden Rolands zwar mit größtem Respekt, wolle sie jedoch hier nicht umsetzen. Grundsätzlich ziehe er aber die Variante des Amadis von Gallien vor, der nur "tränenreiche und empfindsame" Dinge tat. Don Quijote verzichtet auf die umweltzerstörenden Eskapaden des Orlando und legt lieber an sich selbst Hand an. Dies beginnt damit, dass er zum Leidwesen seines Knappen Sancho sich bis aufs Hemd auszieht, Purzelbäume schlägt, dann gegen die härtesten Felsen rennt und sich selbst überbietet in all seinen Verrücktheiten.
Was auch immer er tat, und was von Cervantes in seinem 1.200seitigen Roman berichtet wird: In alldem befolgte Don Quijote gewissenhaft die Regieanweisungen der von ihm durchgeschmökerten Ritterromane.

© Dr. Hans-Albert Wulf, Februar 2019.

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2019/02/20

Georg Herwegh
Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, 1863

You are many, they are few.
(Eurer sind viele, ihrer sind wenige.)

Bet und arbeit! ruft die Welt,
Bete kurz! denn Zeit ist Geld.
An die Türe pocht die Not -
Bete kurz! denn Zeit ist Brot.

Und du ackerst, und du säst,
Und du nietest, und du nähst,
Und du hämmerst, und du spinnst -
Sag, o Volk, was du gewinnst!

Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Überflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn.

Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?

Alles ist dein Werk! o sprich,
Alles, aber nichts für dich!
Und von allem nur allein,
Die du schmiedst, die Kette, dein?

Kette, die den Leib umstrickt,
Die dem Geist die Flügel knickt,
Die am Fuß des Kindes schon
Klirrt - o Volk, das ist dein Lohn.

Was ihr hebt ans Sonnenlicht,
Schätze sind es für den Wicht,
Was ihr webt, es ist der Fluch
Für euch selbst - ins bunte Tuch.

Was ihr baut, kein schützend Dach
Hat's für euch und kein Gemach;
Was ihr kleidet und beschuht,
Tritt auf euch voll Übermut.

Menschenbienen, die Natur,
Gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?

Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.

Deiner Dränger Schar erblaßt,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke lehnst den Pflug,
Wenn du rufst: Es ist genug!

Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!

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2019/02/17

Freier Eintritt in Staatliche Museen

Dr. Christian G. Pätzold

Der linke Kultursenator von Berlin äußerte vor kurzem eine scheinbar revolutionäre Idee: Ein Tag im Monat kostenloser Eintritt in alle staatlichen Museen. Das hört sich erstmal gut an, hat aber schon so einen langen Bart und ist uralt. Schon seit ewigen Zeiten gibt es Museen, die einen Tag mit kostenlosem Eintritt anbieten. Gegenwärtig hat bspw. das Bröhan-Museum in Berlin Charlottenburg einen kostenlosen Tag im Monat. Das ist auch nur gerecht, denn die Bevölkerung hat schon Unsummen für den Bau, die Sammlungen und den Unterhalt der Museen bezahlt.
In Wirklichkeit ist nur ein kostenloser Tag im Monat recht mickrig und wenig großzügig. Warum nicht 1 kostenloser Tag pro Woche? Das ist doch wohl das kulturelle Minimum. Aber dass es nach über 2 Jahren linker Kulturpolitik noch immer keinen einzigen kostenlosen Tag in vielen staatlichen Museen gibt, zeigt doch, dass in der Berliner Kulturpolitik vieles schief läuft. Das bedeutet, dass die ärmere Bevölkerung de facto seit Jahren von den Museen ausgeschlossen wurde, denn die Eintrittspreise sind happig. Und dieses Aussperren der ärmeren Bevölkerung aus der Kultur ist unmoralisch, sehr schade und verstößt gegen die Menschenwürde.
Gleichzeitig werden Millionensummen von der Berliner Kulturverwaltung fehlgeleitet, wie in dem Beitrag vom 2018/12/11 auf kuhlewampe.net nachgewiesen wurde.

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2019/02/14

Der Mensch und seine Arbeit

Markus Richard Seifert

Von dem Menschen und seiner Arbeit soll hier die Rede sein. Doch da ich in diesem Zusammenhang nur Deutschland kenne, schränke ich den Titel auch schon ein und schreibe "Die Menschen in Deutschland und ihre Arbeit". Was also hat "der Deutsche" für ein Verhältnis zu seiner Arbeit? Der Deutsche, und das ist hierzulande leider schon Tradition, hat meiner Beobachtung nach ein eher verkrampftes Verhältnis zu seiner Arbeit oder zu der Arbeit an sich. Denn schon ein altes deutsches Sprichwort sagt uns: "Müßiggang ist aller Laster Anfang". Soll heißen: Wer zu viel Freizeit hat, der oder die kommt eher auf so genannte "dumme Gedanken", jedenfalls eher als jemand, der viel ZU TUN hat.
Das bringt uns zu der Frage, was denn eigentlich Arbeit ist und wie dieser Begriff definiert werden kann oder sollte? Was also ist ARBEIT? Muss es unbedingt eine BEZAHLTE Tätigkeit sein, die uns unseren Lebensunterhalt sichert? Oder gibt es auch eine Arbeit, die nicht nur einen so genannten MARKTWERT, sondern auch einen GESELLSCHAFTLICHEN oder MORALISCHEN oder KULTURELLEN Wert für sich beanspruchen kann? Und darf ARBEIT eigentlich SPASS machen oder wäre das dann "nicht erwachsen"? Und was ist zum Beispiel die Arbeit eines Schriftstellers wert? Oder anders gefragt: Ist sie nur dann etwas wert, wenn er mit seinen Büchern Geld verdient - genug Geld, um sich davon zu ernähren?
Und was ist mit der unbezahlten, aber gesellschaftlich oder auch moralisch wertvollen Arbeit - Mütter, die Kinder erziehen ohne berufstätig zu sein oder Kinder, die ihre Mütter pflegen auch ohne berufstätig sein zu können? Ist das etwa KEINE Arbeit? Früher war HAUSFRAU und MUTTER ein anerkannter Beruf - heute etwa nicht mehr? Oder die PFLEGE von Angehörigen: Fünf Jahre blieb ich zu Hause, um nacheinander zu Hause meine kranken Eltern zu betreuen, stand in dieser Zeit dem so genannten oder auch Ersten Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung - war das vielleicht ein Fehler? Geld vom Staat haben wir in dieser Zeit KEINES bekommen, so viel steht fest.
Und das Ehrenamt, dessen Tätigkeiten auch jenseits des Ersten Arbeitsmarktes stattfinden? Oder ein Mensch, der oder die in einer Sozialen Bücherstube arbeitet, wo naturgemäß KEIN Geld verdient werden kann - ARBEITET DER ETWA NICHT, nur weil er dadurch KEIN Geld verdient? Kurzum: Der Begriff der Arbeit ist sehr relativ, wenn wir ihn nicht mit den unzureichenden Maßstäben des Arbeitsamtes messen wollen. Aber immer noch hinterfragen viel zu wenige Menschen diese einseitige Definition!
Mit einem Wort: Das kapitalistische System, das eigentlich schon seit der und durch die Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 widerlegt worden ist, ist vergleichbar mit dem alten Kinderspiel "Reise nach Jerusalem", wo bekanntlich immer EIN STUHL ZUWENIG da ist, was aber offensichtlich die MIT STUHL NICHT ZU STÖREN SCHEINT, die da glauben, daß die OHNE daran SELBER SCHULD sind.
Aber inzwischen kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Die AUTOMATISIERUNG und/oder DIGITALISIERUNG: Dann nämlich, wenn immer mehr ROBOTER unsere Arbeit übernehmen, wird es auch für fleißige und arbeitswillige Menschen nicht mehr ganz selbstverständlich sein, ARBEIT zu haben und Arbeit zu finden. Und dann wird das BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN eingeführt werden müssen, ob wir es nun wollen oder nicht. Aber viele unserer PUHLITIKER haben ganz offensichtlich Angst vor einem Bedingungslosen Grundeinkommen, denn ein Volk ohne den Druck des so genannten Arbeitsmarktes ist wie eine Schulklasse, die KEINE ANGST mehr vor schlechten Noten haben muss, weil die Noten nämlich abgeschafft worden sind, "man" kann so ein Volk viel weniger zum Gehorsam bringen.

© Markus Richard Seifert, Februar 2019.

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2019/02/11

Sozialistischer Realismus in Ost-Berlin, Teil 5
Will Lammert: Jüdische Opfer des Faschismus, 1956

juedischeopfer
Will Lammert: Jüdische Opfer des Faschismus, 1956.
Vor dem Alten Jüdischen Friedhof in der Großen Hamburger Straße in Berlin Mitte.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, Dezember 2018.

Die Figurengruppe »Jüdische Opfer des Faschismus« wurde 1956 von Will Lammert für das Konzentrationslager Ravensbrück in Fürstenberg/Havel im Norden des Bundeslandes Brandenburg geschaffen. Im Konzentrationslager Ravensbrück waren vor allem Frauen mit ihren Kindern eingesperrt. Daher sind in der Bronzegruppe Frauen und Kinder dargestellt. Die Gruppe wurde aber erst 1985 vor dem Alten Jüdischen Friedhof im Scheunenviertel in Berlin Mitte, in der Großen Hamburger Straße, aufgestellt, das heißt im damaligen Ost-Berlin in der DDR. Sie war das erste Denkmal für die jüdischen Opfer des Faschismus, das in Berlin bestand.
Dieser alte Friedhof nahe beim Hackeschen Markt ist ein sehr alter Begräbnisplatz der jüdischen Gemeinde aus dem 18. Jahrhundert, der von den Nazis verwüstet wurde. Daher ist dort heute auf dem Friedhof fast nichts mehr zu sehen außer Efeu. Es ist noch der rekonstruierte Grabstein des Berliner Aufklärers Moses Mendelssohn (1729-1786) aufgestellt. Jüdische Begräbnisstätten werden aus religiösen Gründen grundsätzlich nicht überbaut, im Gegensatz zu christlichen Friedhöfen. Daher existiert der Alte Jüdische Friedhof noch heute.
Die Bronzegruppe der jüdischen Opfer vor dem Eingang zum Friedhof besteht aus 13 Personen mit kahl geschorenen Köpfen und ausgemergelten Körpern, was besonders auffällt. Wenn man das Denkmal mit dem großen Holocaust Mahnmal von Peter Eisenman am Brandenburger Tor vergleicht, das 2005 eröffnet wurde, dann ist das kleine Denkmal von Will Lammert doch viel eindrücklicher und menschlicher.
Will Lammert (1892-1957) überlebte den Ersten Weltkrieg verwundet und war in den Weimarer Jahren ein viel beschäftigter Bildhauer. 1932 trat er in die KPD ein. 1933 musste er mit seiner jüdischen Frau aus Deutschland flüchten und überlebte den Zweiten Weltkrieg im Exil in der Sowjetunion. Die Nazis hatten inzwischen fast alle seine bildhauerischen Werke in Deutschland zerstört, denn für sie war er ein entarteter jüdisch versippter Kunstbolschewist. 1951 konnte er aus der Sowjetunion in die DDR übersiedeln.

Dr. Christian G. Pätzold.

Teil 1 von »Sozialistischer Realismus in Ost-Berlin« erschien am 2018/03/25 auf kuhlewampe.net.
Teil 2 erschien am 2018/06/12.
Teil 3 erschien am 2018/08/14.
Teil 4 erschien am 2018/10/17.

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2019/02/08

Der Liebesperlenstrauch

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Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, Dezember 2018.

Der Liebesperlenstrauch (Callicarpa giraldii) hat tolle purpurne Früchte, die für Menschen leider giftig sind. Der Strauch wird auch Chinesische Schönfrucht genannt und kommt aus dem mittleren China, wächst aber auch in Deutschland sehr gut. Er gehört zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Seine Früchte sind im Winter sehr auffällig, denn Purpur ist eine Farbe, die in der Pflanzenwelt nicht so häufig vorkommt.
Dr. Christian G. Pätzold.

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2019/02/05

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© art kicksuch, februar 2019.

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2019/02/02

Beim Pecha Kucha im Haus für Poesie

Dr. Christian G. Pätzold

Ende November, es ist kalt, Nieselregen. Um 5 ist es schon stockdunkel. Die U-Bahn zur Eberswalder Straße ist proppenvoll von Einheimischen und Touristen, die am Freitagabend in der Stadt unterwegs sind. Die Blumenhändlerin hat schöne große Mistelkugeln vor ihrem Laden aufgehängt. In der Kulturbrauerei ist der Weihnachtsmarkt mit Glühwein schon voll im Gange. Am Ständer mit den Flyern informiere ich mich über das Berliner Kulturangebot. Der Veranstaltungsraum des Hauses für Poesie ist eine helle, weiß gestrichene Fabriketage im Erdgeschoss, die glücklicherweise geheizt ist. Die Bar hat ein kleines Sortiment an kalten Getränken. Die 50 Stühle für die Besucher sind schon aufgestellt.
Heute gibt es einen Pecha-Kucha-Abend im Haus für Poesie in Berlin Prenzlauer Berg. Hä? Einige werden sich vielleicht fragen, was das ist? Pecha Kucha, gesprochen "petscha kutscha", ist ein Vortragsformat von 20 mal 20 Sekunden, so dass die Vortragenden jeweils insgesamt 6 Minuten und 40 Sekunden sprechen. Während des Vortrags werden nacheinander 20 Bilder auf eine Leinwand geworfen. Dadurch hat man nicht nur etwas zum Zuhören, sondern auch etwas zum Anschauen, was die Vorträge sehr lebendig und informativ macht. Insgesamt ergibt sich beim Pecha Kucha eine kurzweilige Präsentation von Themen.
Pecha Kucha ist ein lautmalendes Wort und kommt aus Japan. Es bedeutet Stimmengewirr oder wirres Geplauder. Die Vortragstechnik wurde erstmals 2003 in Tokio verwendet. Bei einer Pecha Kucha Night gibt es mehrere Vorträge hintereinander, meist um die 10. Für ein Pecha Kucha braucht man ein zusätzliches technisches Equipment: Einen Laptop, einen Beamer und eine Leinwand, auf die die 20 Bilder geworfen werden. Auf der Leinwand läuft auch ein Sekundenzeiger, der anzeigt, wie viel Zeit noch verbleibt.
Mein Pecha-Kucha-Abend hatte den Titel "Kritik der Kritik". 10 PoesiekritikerInnen haben ihre Kritik verschiedener LyrikerInnen vorgetragen. Ich wusste gar nicht, dass es so viele junge LyrikkritikerInnen in Berlin gibt. Das ganze war sehr abwechslungsreich. Ich habe aber festgestellt, dass auch das Vortragen eine Kunst ist, die sich vom reinen Kritisieren unterscheidet. Die Kritik der KritikerInnen war sehr gelungen, aber ihr Vortrag war noch nicht so spannend, wie ich ihn bspw. bei professionellen Poetry SlammerInnen gesehen habe. Das Pecha-Kucha-Format eignet sich jedenfalls sehr gut als Einstieg in eine anschließende Diskussion.

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2019/01/31

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2019/01/28

IM KOPF DER SPRACHE
BERICHTE AUS DER SPRACHWERKSTATT VON DR. KARIN KRAUTSCHICK
JOHAN HUIZINGA, TEIL 2
»HOMO LUDENS. VOM URSPRUNG DER KULTUR IM SPIEL« (1938)

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Daniel Chodowiecki: Vergnügungen der Kinder. Quelle: Wikimedia Commons.

Es sind jene Regeln, die j e d e s Spiel kennzeichnen und auf die der holländische Historiker und Philosoph Johan Huizinga bereits 1938 in seiner Abhandlung, dem Klassiker »Homo Ludens«, lateinisch für "Der spielende Mensch", explizit verwies, als er das Spiel als ein grundlegendes Element unserer Kultur verstand. Dieses einflussreiche Buch ist uns auch heute noch wohl bekannt, nicht allein wegen seines beeindruckenden programmatischen Titels. Folgende Grundparameter werden impliziert, wenn Huizinga das Spiel als "freie Handlung" bezeichnet: Abgeschlossenheit, Begrenztheit, ohne Notwendigkeit und Nutzen, Spannungselement, Wiederholbarkeit und die Spielregeln als Grundvoraussetzung - in einen grundlegend unveränderlichen Rahmen gesetzt, innerhalb dessen ein neuer Entfaltungsraum, jedoch keineswegs ein uneingeschränkter, sondern im Gegenteil ein bereits definierter Handlungsspielraum, festgelegt wird.
So wird Spiel von ihm definiert und mit diesem Kompass macht er sich auf den Weg in die Kulturgeschichte, in der er sich, wie wir bereits seit Teil 1 wissen, sehr gut auskennt. Das von ihm gesichtete reichhaltige Quellenmaterial erbrachte den "Beweis", "daß alle Kultur im Spiel ihren Ursprung hat. Seine Ausführungen legen es nahe, sich einmal Gedanken zu machen über die verschiedenen Formen des Spiels, ihre Bedeutung und ihre geschichtliche Entwicklung." (1)
"Spielender Wetteifer, älter als die Kultur selbst, erfüllte von jeher das Leben und brachte die Formen der archaischen Kultur wie Hefe zum Wachsen. Der Kult entfaltete sich in heiligem Spiel... Kultur in ihren ursprünglichen Phasen wird gespielt. Sie entspringt nicht aus Spiel, wie eine lebende Frucht sich von ihrem Mutterleibe löst, sie entfaltet sich in Spiel und als Spiel." (2)
Verhandelt wird, inwieweit bestimmte Kulturerscheinungen wie das Rechtswesen, Krieg, Wetteifer, Wissen, Philosophie oder Kunst diesen Spielcharakter aufweisen und für welchen Bereich dieser nicht mehr gilt, z. B. macht er bei Kriegen wesentliche Abstriche, auch wenn dieser im Agonalen, einem Kennzeichen des Spielhaften, wurzelt.
Enorm aufschlussreich sind die Kapitel über Dichtung und das poetische Spiel/en. (3)
Alles in allem ein Plädoyer für das Spiel und dessen Implikationen, besonders angesichts der Nazi-Okkupation in Holland, die Huizinga am eigenen Leib zu spüren bekommt, denn er muss 1942 als 70-Jähriger sogar einige Zeit ins KZ wegen angeblich nazifeindlicher Schriften. Gegen Ende seines Lebens eher ernüchtert über diese Auswüchse, konnte er trotzdem auf ein beachtliches Werk zurückblicken. "Huizinga gilt heute unbestritten als einer der größten Kulturhistoriker der Neuzeit, als geistiger Nachfahre Jacob Burckhardts... An Burckhardt erinnert auch die starke künstlerische Komponente in seinem Wesen,... die sich in seinem Werk in einer geglückten Synthese von Kultur- und Kunstgeschichte ausgeprägt hat." (4)
Mit dem Gefühl, dem "eigentlichen" Leben zu entfliehen, wird man Huizingas Spielbegriff nicht gerecht, eher damit, sich in diesen Handlungsrahmen zu begeben, in einen Kunstraum, dieser ist jedoch stets in Relation von Ästhetik und Komplexität zu dem selbst anberaumten Zeitkontinuum zu setzen. (5)
In Teil 3 wird es explizit um Huizingas Untersuchungen zur Dichtung und Poesie gehen und im 4. und letzten Teil werde ich mich mit seiner Schrift »Erasmus und Luther. Europäischer Humanismus und Reformation« beschäftigen, auf die ich selber schon gespannt bin.

Fußnoten:
(1) Johan Huizinga: Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel, Hamburg 1956, Rowohlt, S. 205, Nachwort.
(2) Ebenda S.166/167 weiter: "Die Dichtkunst wurde im Spiel geboren und erhielt immerfort aus Spielformen ihre beste Nahrung. Musik und Tanz waren reines Spiel. Weisheit und Wissen fanden ihren Ausdruck im Wort in geweihten Wettspielen. Das Recht ging aus den Gepflogenheiten eines sozialen Spiels hervor. Die Regulierung des Streits mit den Waffen, die Konventionen des adligen Lebens waren auf Spielformen aufgebaut."
(3) Auf das Kapitel 7 "Spiel und Dichtung" werde ich in Teil 3 der Serie zu Johan Huizinga eingehen.
(4) Ebenda S. 208, Nachwort.
(5) Eben jene Dialektik von Einschränkung und Offenheit ist es auch, die das Spiel für die zeitgenössische Kunst interessant zu machen scheint. Entscheidend wird die Festlegung des Handlungsfeldes. Wie beim Anagramm z.B. sind die Grundregeln simpel, aber effektiv angelegt.

© Dr. Karin Krautschick, Januar 2019.

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2019/01/26

"Kunst kommt von können, nicht von wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen."

Karl Valentin

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2019/01/23

»Von der Dicken Berta zur Roten Rosa«
Ein wenig bekanntes Rosa-Luxemburg-Denkmal auf dem Spichernplatz

rosaspichernplatz
Igael Tumarkin: Von der Dicken Berta zur Roten Rosa, 1984.
Auf dem Spichernplatz in Berlin Wilmersdorf.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, November 2018.

Auf dem Spichernplatz in Berlin Wilmersdorf steht seit 1984 das Rosa-Luxemburg-Denkmal des israelischen politischen Plastikers Igael Tumarkin, der 1933 in Dresden geboren wurde. Der Titel des Denkmals lautet »Von der Dicken Berta zur Roten Rosa«. Das Denkmal wird leicht übersehen, denn es ist nicht besonders groß, steht nicht auf einem Sockel, und wird auch noch halb von der Vegetation der Mittelinsel verdeckt. Daher ist dieses Denkmal wirklich ein Geheimtipp für Eingeweihte.
Das Denkmal besteht aus 2 Teilen aus Stahl: Einem Gefährt auf Gleisen, das nur entfernt an die tatsächliche Dicke Berta des 1. Weltkriegs erinnert, und aus dem Profilkopf von Rosa Luxemburg. Die Dicke Bertha oder Dicke Berta war der Spitzname eines bekannten deutschen Geschützes im 1. Weltkrieg, das vom Rüstungskonzern Krupp gebaut wurde. Sie war ein Mörser, auch Minenwerfer oder Granatwerfer genannt, und konnte mehrere Kilometer weit schießen. Der Ursprung des Namens Dicke Bertha ist nicht bekannt, aber Bertha war vor 100 Jahren ein beliebter weiblicher Vorname.
Der 1. Weltkrieg und das Schicksal Rosa Luxemburgs waren eng miteinander verbunden. Die sozialistische Revolutionärin Rosa Luxemburg hat sich immer gegen Nationalismus, Militarismus und den imperialistischen Krieg ausgesprochen. Dafür wurde sie von der kaiserlichen Justiz ins Gefängnis gesperrt. Das Denkmal macht diesen Zusammenhang sichtbar, indem der Kopf von Rosa Luxemburg quasi als Barriere vor das Geschütz gestellt ist. Übrigens hat auch der Name des Spichernplatzes in Berlin Wilmersdorf einen militaristischen Hintergrund. Die Schlacht bei Spichern in Lothringen ereignete sich am 6. August 1870 während des Deutsch-Französischen Krieges.
Aber warum steht ein Denkmal für Rosa Luxemburg im bürgerlichen Wilmersdorf, wo man es nicht erwartet? Zum einen wurde Rosa Luxemburg in Wilmersdorf gefangen genommen, kurz bevor sie am 15. Januar 1919 ermordet wurde. Zum anderen hatte Wilmersdorf für Jahrzehnte eine engagierte Kommunale Galerie, die sich sehr für Plastiken im öffentlichen Raum einsetzte. Das sind so meine Vermutungen. Zum 100. Todestag von Rosa wurde das Denkmal renoviert und neu angestrichen. Rosa kommt sehr schön in altrosa Farbe zur Geltung. Aber etwas stört mich: Das Denkmal scheint irgendwie im Erdboden zu versinken. Meiner Meinung nach müsste das ganze Denkmal auf einen Sockel gestellt werden, der etwa 1 Meter hoch sein müsste.
Dr. Christian G. Pätzold.

Zu Rosa Luxemburgs Haltung zum Ersten Weltkrieg seht bitte auch den Artikel "100 Jahre Junius-Broschüre von Dr. Rosa Luxemburg", der am 2016/06/21 auf kuhlewampe.net erschienen ist.

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2019/01/20

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© art kicksuch, januar 2019.

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2019/01/17

Das Personenregister ist aktualisiert !

Das Personenregister ist auf den neuesten Stand gebracht und umfasst jetzt die Jahre 2015 bis 2018.
Es ist über die Schaltfläche "Personen" im Kopf dieser Seite erreichbar.
Dadurch könnt ihr jetzt noch mehr Artikel von und über Personen leichter finden.
Die Artikel sind über die Schaltfläche "Archive" im Kopf dieser Seite einsehbar.
Viel Spaß beim Suchen und Finden!

Vor einem Jahr wurde das Kommentarfeld auf kuhlewampe.net eingerichtet, das über die Schaltfläche "Kommentare" im Kopf dieser Seite erreichbar ist.
Es sind zwar einige Kommentare eingetrudelt, aber es könnten noch mehr sein, um den Blog noch lebendiger zu machen.
Eure Kommentare sind daher weiterhin sehr willkommen!
Dr. Christian G. Pätzold.

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2019/01/14

Die Ermordung von Rosa und Karl vor 100 Jahren

liebknecht
Käthe Kollwitz: Gedenkblatt für Karl Liebknecht, 1920, Holzschnitt.

Während des Spartakusaufstandes im Januar 1919 in Berlin wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die Gründer der KPD, von Soldaten unter dem Oberbefehl des SPDlers Gustav Noske ermordet. An jenem 15. Januar 1919 befanden sich Rosa und Karl im Versteck der Wohnung des Kaufmanns Marcusson in der Mannheimer Straße 43, heute 27, in Wilmersdorf, nahe des Fehrbelliner Platzes. Dort wurden sie aufgespürt, verhaftet und im Auto zum Hotel Eden in der Budapester Straße gebracht. Das Hotel Eden befand sich gegenüber dem Zoo-Aquarium.
Im Hotel Eden wurden Rosa und Karl von den Soldaten misshandelt und gefoltert. Karl Liebknecht wurde anschließend zum Neuen See im Tiergarten gebracht und dort erschossen. Rosa Luxemburg wurde in den Landwehrkanal geworfen. An beiden Orten gibt es heute Denkmäler, die zu ihrem Todestag von Demonstranten besucht werden.
Heute sind Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Friedhof Berlin Friedrichsfelde begraben. An jedem zweiten Sonntag im Januar findet seit Jahren die große Liebknecht-Luxemburg-Demonstration zur Gedenkstätte der Sozialisten statt, in diesem Jahr war das der 13. Januar 2019. Zum 100. Jahrestag fiel die Demonstration trotz Regens besonders groß und beeindruckend aus, es waren tausende Teilnehmende, jung und alt, mit roten Nelken auf der Straße, um an Rosa und Karl zu erinnern. Am Todestag, dem 15. Januar 2019, findet eine weitere Liebknecht-Luxemburg-Demo vom Olof-Palme-Platz zu den Gedenkorten im Berliner Tiergarten statt.
Dr. Christian G. Pätzold.

Seht bitte auch den Artikel "Die Demo zu den Gräbern von Rosa und Karl" vom 2017/01/20 auf kuhlewampe.net.

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2019/01/10

Das Rathaus der Freien und Hansestadt Hamburg

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Das Rathaus der Freien und Hansestadt Hamburg, Detail.
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, April 2018.

Nachdem auf Kuhle Wampe bereits die Rathäuser von Rostock, Kursk, Breslau, Kassel und Bernau gezeigt wurden, folgt nun für Architekturliebhaber das Rathaus der Freien und Hansestadt Hamburg, das der Sitz von Bürgerschaft (Parlament) und Senat (Landesregierung) ist. Das Rathaus ist ein prachtvoller Bau im Stil der Neo-Renaissance, der zwischen 1886 und 1897 errichtet wurde. Der Turm ist 112 Meter hoch, weswegen er auf das Foto oben nicht ganz gepasst hat. Das Rathaus ist 111 Meter breit. Es wurde zu großen Teilen aus dem Sandstein des Elbsandsteingebirges in Sachsen gebaut.
Als freie Bürger wollten sich die Hamburger an den Republiken der Renaissance orientieren, und nicht an den Stilen der Gotik oder des Barock. Denn die Hamburger Bürger des 19. Jahrhunderts waren noch von deutschen feudalistischen Monarchien umgeben. Zur Zeit der Renaissance im 16. Jahrhundert erlebte das Bürgertum in Deutschland einen gesellschaftlichen Aufstieg, so dass seine Stellung gegenüber dem Adel verbessert wurde. Hamburg war seit alten Zeiten eine Freie Reichsstadt.
Dr. Christian G. Pätzold.

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2019/01/07

Tagebuch 1973, Teil 30: Zur afghanischen Grenze

Dr. Christian G. Pätzold

mashad
Heiliges Mausoleum von Hazrat Imam Reza in Mashad.
Im Jahr 817 wurde Imam Reza, ein Nachkomme Mohammeds, in Mashad vergiftet. Seine Grabmoschee ist seitdem, wie die ganze Stadt, ein schiitisches Heiligtum.
Quelle: Wikimedia Commons. Foto von 2005. Die schwarz umhüllten Menschen sind Frauen.
Das war auch schon zu Schahzeiten so.

12. September 1973, Fahrt zur afghanischen Grenze, Mittwoch

Mashad ist die Hauptstadt der persischen Provinz Khorasan. Ganz nahe liegen die Turkmenische Sozialistische Sowjetrepublik sowie Afghanistan. Viele schiitische Pilger kamen zum heiligen Schrein von Emam Reza im Zentrum von Mashad.
Wir sind am Morgen zum Türkishändler gegangen, der angeboten hatte, eine Moscheebesichtigung zu organisieren. Wir gingen zur Moschee und unser Führer knöpfte jemandem einen Chador ab. Mit dem Chador verhüllt konnte meine Reisepartnerin in die Moschee. Ich durfte als Ungläubiger nicht rein, da man mich nicht unter einem Chador verhüllen konnte. Ich fand des etwas unlogisch, denn meine Reisepartnerin war ja auch eine Ungläubige. Aber Logik und Religion haben nicht unbedingt etwas miteinander zu tun. Unter dem Chador soll es übrigens entsetzlich heiß gewesen sein.
Anschließend habe ich ein Päckchen nach Deutschland für 50 Rial per Einschreiben abgeschickt. Der Zoll war gleich im Postamt, vermutlich wegen der Edelsteine, aber es gab nur unsere Stadtpläne anzukucken (die übrigens angekommen sind und die ich immer noch habe). Neben den Moscheebesichtigungen und dem Türkisverkauf gab es in Mashad noch den Teppichverkauf als dritten Wirtschaftszweig.
Um 14 Uhr sind wir mit dem Bus zur Grenze abgefahren. Er war bis jetzt der schmutzigste und engste Bus auf meiner Reise. In dieser Gegend gab es viele Menschen mit mongolischen Gesichtszügen, wahrscheinlich Turkmenen oder Usbeken. Um 19 Uhr abends kamen wir an der iranischen Grenze an. Alle Reisenden wurden ohne Schwierigkeiten beim iranischen Zoll abgefertigt. Aber auf der afghanischen Seite erlebten wir einige Überraschungen. Erstens waren in unserem Bus zwei Schweden, denen man nicht gesagt hatte, dass sie ein afghanisches Visum brauchen, die aber schon aus dem Iran herausgestempelt waren. Sie standen jetzt praktisch im Niemandsland der Wüste und ich weiß nicht, was mit ihnen passiert ist. Dann standen wir auf der afghanischen Seite mitten in der Wüste. Ein Reisender sagte, hoffentlich kommt ein Auto, er hätte schon stundenlang vergeblich auf ein Fahrzeug gewartet. Aber dann erschien doch ein Minibus, um uns, wie wir meinten, nach Herat zu bringen. Der übliche Fahrpreis war uns bekannt, aber der Fahrer verlangte das Doppelte. Wir sagten, wir hätten kein afghanisches Geld, da hielt er mit dem Bus mitten in der Wüste und drohte damit, uns rauszuschmeißen. Wir einigten uns schließlich darauf, dass wir bei nächster Gelegenheit Geld wechseln und ihn bezahlen würden. Nach kurzer Fahrt hielt der Bus aber schon wieder.
Hier war also die afghanische Grenze. Wie sich aber herausstellte, war sie schon geschlossen, denn es war schon nach sieben Uhr abends. Wir waren leicht sauer aber es blieb uns nichts anderes übrig, als die Dienste eines so genannten Hotels in Anspruch zu nehmen, das sich der armen Gestrandeten erbarmte, aber in Wirklichkeit wohl eher abfing und abschröpfte. Die Zustände an der afghanischen Grenze waren schon recht abenteuerlich und korrupt.
Auf einer lausigen Terrasse saßen noch andere Reisende und stopften irgendwelches Essen in sich hinein. Man erzählte, dass kurz hinter der Grenze ein Mercedes stehe, dessen Besitzer wegen Rauschgiftschmuggels im Gefängnis sitze. Ich habe Geld in einer Bankstelle gewechselt, die abenteuerlichste Wechselstelle, die ich bis dahin gesehen hatte. Immerhin hing ein Foto vom neuen Präsidenten an der Wand. Mit Kugelschreiber geschrieben hing ein Zettel am Tresor: "Welcome to Republic of Afghanistan". Afghanistan war jetzt eine Republik. Der Wechselkurs war natürlich getürkt: 1 DM zu 20 Afghani. Das Bett im 4-Bett-Zimmer kostete 20 Afghani nach Verhandeln. Zum Abendessen hatte ich Reis mit Bulette für 15 Afghani, die Teekanne mit drei Gläsern kostete 3 Afghani. Wir haben grünen Tee getrunken, gemäß der Maxime: "Abwarten und Tee trinken".
Ein Afghane, der Geld mit dem Autohandel nach Afghanistan machte, sagte, dass der neue Präsident, Mohammed Daoud Khan, ein Vetter von dem alten König sei, und dass er die Macht übernommen habe, als der König zur Kur in Italien weilte. Er habe den Putsch mit vierzig Mann durchgeführt. Er sagte, der Präsident wolle etwas verbessern, Korruption und Kriminalität bekämpfen. Man könne jetzt keinen mehr gegen Geld aus dem Gefängnis holen. Der alte König habe das ganze Geld eingesackt und wahrscheinlich ins Ausland geschafft.
Ich fürchtete nachts, dass Ratten oder ähnlich angenehme Wüstenbewohner im Zimmer herumkrauchen würden, in dem es kein elektrisches Licht gab. Um 11 Uhr abends ging an der Grenze das Licht aus. Es ist nichts passiert.

Ausgaben im Iran pro Person für 16 Tage (28. August bis 12. September 1973):
40,- DM Fahrtkosten, 60,- DM Übernachtung, 100,- DM Essen und Sonstiges = 200,- DM.

Rückblick Januar 2019:

Ich hatte jetzt also das Kaiserreich Persien verlassen, ein Land mit vielen freundlichen Menschen, mit köstlichen Pistazienkernen und Granatäpfeln, mit wunderschönen und geheimnisvollen Perserteppichen. Am meisten bewundert habe ich in Persien die bunten Basare, die Teppichknüpfkunst und die persische Architektur in Isfahan. Der Gegensatz und der Widerspruch zwischen islamistischer Tradition der Massen einerseits und bemühter Modernität der Staatsführung andererseits waren sehr groß. Die Perserkatze kommt übrigens nicht aus Persien, sondern stammt von der russischen Hauskatze ab. Nachdem die Ayatollahs 1979 die Macht in Persien übernommen hatten, war ein Reisen in Persien kaum noch möglich. Jetzt im Jahr 2019 herrschen die Ayatollahs zwar immer noch, aber man hört immer öfter, dass wieder westliche Touristen durch Persien reisen.
Hier noch eine orientalische Schauergeschichte aus einem Reiseführer: Im Jahre 1794 kam Aga Mohammad Qajar nach Kerman und ließ dort die Augen von 20.000 Einwohnern herausreißen, weil diese Städter seinem Widersacher Schutz geboten hatten. Außerdem ließ er weitere 20.000 in die Sklaverei verkaufen. Die Augen, also 40.000, soll dieser Potentat übrigens eigenhändig gezählt haben, was mir allerdings, wegen der damit verbundenen Mühe, wenig wahrscheinlich vorkommt.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2019.

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jubilaeum500

2019/01/05

Tagebuch 1973, Teil 29: Mashad

Dr. Christian G. Pätzold

11. September 1973, Mashad, Dienstag

Am Morgen, bei Sonnenaufgang, hielt unser Reisebus an einem Gewässer (wir sind über Nacht gefahren). Die persischen Mitreisenden haben sich im Fluss gewaschen, haben ihre Gebetsteppiche in den Straßenstaub gelegt und in Richtung Mecca gebetet. Ich war froh, dass ich als Ungläubiger nicht 5 Mal am Tag beten musste. Wahrscheinlich waren auch Pilger nach Mashad im Bus, denn Mashad ist eine heilige Stadt, manche waren aus Kermanshah.
Um 9 Uhr vormittags sind wir in Mashad angekommen. Ein Student, der wie Cliff Richard aussah, hat uns zum Seraye Golshan Mosque Circle gefahren. Dort haben ich Geld getauscht. Wir wurden von einem Verkäufer einer "Türkisfabrik" angesprochen, der uns in seinen Laden abgeschleppt hat. Es gab hellblaue und hellgrüne Türkise, die hier in der Gegend gewonnen wurden. In Afghanistan sollte es dann billiges Silber zum Fassen geben. Der Türkisverkäufer war ein hundertprozentiger Händler, er kaufte und verkaufte auch Gold. Auf meiner Reise um die Welt wurden mir an verschiedenen Orten verschiedene Edelsteine angeboten. Ich habe aber nie Edelsteine gekauft, weder Türkise in Mashad, noch Rubine in Agra in Indien, noch Amethyste oder Topase in Ouro Preto in Brasilien. Teilweise war es mir dubios, denn ich hatte damals keine Ahnung von Edelsteinen und wäre daher auf Fälschungen reingefallen. Und andererseits war es mir einfach zu umständlich, auf der Reise auch noch auf Edelsteine aufpassen zu müssen.
Wir sind zur Khavartour-Bus-Gesellschaft gefahren, der Bus kostete 70 Rial nach Taybad und 100 Rial bis zur afghanischen Grenze. Wir haben einen Platz im Camping für 30 R bekommen, Laken kostete 10 R mehr, Vierbettzelt.

Rückblick Januar 2019: Der 11. September 1973: Der Tod von Salvador Allende in Santiago de Chile.

Der 11. September 1973 brachte mit dem Tod von Salvador Allende ein welthistorisches Ereignis. Von dem Militärputsch in Chile habe ich einige Tage später durch die Presse in Afghanistan erfahren. Anführer des Putsches war General Augusto Pinochet. Salvador Allende befand sich im Präsidentenpalast La Moneda in Santiago de Chile. Während des Ansturmes der Putschisten soll er sich dort selbst getötet haben (laut Wikipedia), was aber immer wieder bezweifelt wurde und was auch ich für sehr unwahrscheinlich halte. Wahrscheinlicher ist, dass Salvador Allende von den Putschisten erschossen wurde. Mit dem Tod von Salvador Allende endeten die Regierung der Unidad Popular und der Sozialismus in Chile. General Augusto Pinochet blieb von 1973 bis 1990 in Chile an der Macht.
Der Militärputsch in Chile war von den USA massiv unterstützt worden, denn Allende war ein Marxist und Freund der Sowjetunion. Die USA sahen durch ihn ihren Einfluss in Süd-Amerika schwinden. Als ich von dem Putsch hörte, hatte ich diesen Ausgang schon irgendwie befürchtet. Ich hatte schon den Eindruck gehabt, dass die Regierung in Chile zu schwach war. Außerdem schien sie sich zu weigern, die Arbeiter zu bewaffnen als Gegengewicht zum Militär, so dass sie schließlich unter dem Druck des Militärs stürzen musste.
Viele Chilenen wurden damals vom Militär ermordet und viele mussten ins Ausland fliehen. In den späten 1970er Jahren und in den 1980er Jahren hatte ich chilenische Freunde, die in West-Berlin lebten. Sie waren über Rumänien nach West-Berlin geflüchtet.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2019.

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2019/01/03

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Film »Kuhle Wampe« mit Ernst Busch und Hertha Thiele,
Berlin 1932.

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2019/01/01

Willkommen zum 5. Jahrgang!

Dr. Christian G. Pätzold

Dank der Kreativität der AutorInnen von kuhlewampe.net gab es im vergangenen Jahr 2018 noch mehr Text zum Lesen als in 2017. Gleichzeitig ist auch die Anzahl der Besuche bei Kuhle Wampe erheblich gestiegen. In 2018 registrierte Kuhle Wampe insgesamt 70.541 Besuche (Visits). Das ist doch schon eine schöne Anzahl, wenn man bedenkt, dass sich Kuhle Wampe über Mundpropaganda verbreitet hat. Na ja, Teenagerinnen, die Make-Up-Videos auf YouTube posten, haben manchmal 73.000 Follower. Man muss bescheiden sein. Seht bitte auch den Artikel "Was ist ein Blog?", der am 2018/11/12 auf Kuhle Wampe erschienen ist.
Das abgelaufene Jahr stand sehr im Zeichen wichtiger Gedenktage: 200. Geburtstag von Karl Marx im Mai, 120. Geburtstag von Bertolt Brecht, 100. Jahrestag der Novemberrevolution, und 50 Jahre 1968. Viele Beteiligte an 68 sind inzwischen gestorben. Im letzten Mai sind Elmar Altvater und Dieter Kunzelmann gestorben und Kuhle Wampe hat an sie erinnert. In 10 Jahren zum 60. Jubiläum werden wohl nur noch sehr wenige Zeitzeugen vorhanden sein. Die Beiträge des vergangenen Jahres sind über die Schaltfläche "Archive" im Kopf dieser Seite erreichbar.
Im letzten Jahr gab es auch als eine Neuheit auf Kuhle Wampe das Kommentarfeld, das über die Schaltfläche "Kommentare" im Kopf dieser Seite erreichbar ist. Es trafen zwar ein paar Kommentare ein, aber als Autor wünscht man sich ja meist etwas mehr Resonanz. Daher würde ich mich freuen, wenn ihr als LeserInnen auch mal einen Kommentar im Kommentarfeld abschicken würdet. Dann schläft die Kommentarseite hoffentlich nicht ein.
In diesem Jahr ist schon als wichtiges Thema das 100. Jubiläum des Bauhauses im April absehbar. Dann wird es um Designgeschichte, Architekturgeschichte und ästhetisch-politische Fragen gehen. Auch die Umstürze im November vor 30 Jahren in der DDR und in der Sowjetunion werden berücksichtigt werden. Und auch das World Wide Web gibt es seit 30 Jahren, eine schöne Erfindung, durch die kuhlewampe.net auf der ganzen Welt gelesen werden kann.
Ein Tipp für Alle, die den Film Kuhle Wampe von 1932 noch nicht gesehen haben: Ihr könnt ihn bequem bei YouTube im Internet anschauen. Einfach im Suchfeld "Kuhle Wampe" eingeben! Der Film dauert 1 Stunde und 8 Minuten. Aufgrund der Zensurmaßnahmen des damaligen Staates sind allerdings leider einige Szenen verloren gegangen.
Ihr habt wahrscheinlich schon gemerkt, dass das Hintergrundbild verändert ist. An der Stelle des tropischen Baumfarns vom letzten Jahr befindet sich jetzt eine orange blühende Azalee, die ich im Mai im Botanischen Garten Berlin Dahlem fotografiert habe. Die Azaleen halten auch das deutsche Klima aus und können im Freiland überleben. Azaleen und Rhododendren gehören zur Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae), sie sind auch als Alpenrosen bekannt. Die Azaleen verlieren im Winter ihre Blätter, die Rhododendren nicht. Sie lieben einen feuchten Boden. Azaleen und Rhododendren sind als Gartenpflanzen sehr beliebt, da sie wunderschöne Blüten in vielen Farben haben, gelb, orange, rot, blau, weiß etc. Teilweise haben sie auch attraktive Blätter.
Ich freue mich, wieder allen danken zu können, die im vergangenen Jahr einen lebendigen Blog pro bono publico möglich gemacht haben:
art kicksuch, Dr. Karin Krautschick, Ferry van Dongen, Dr. Wolfgang Endler, Dr. Hans-Albert Wulf, Georg Lutz, Manfred Gill, Anna Gerstlacher, Jenny Schon, Peter Hahn, Jürgen Stich, Ella Gondek, Kathrin von Loh, Yini Tao, Dr. Jörg Später, Karl Martin Hölzer/Carlos, Cornelia Becker und Dr. Rudolf Stumberger. Ich wünsche allen ein erfolgreiches 2019!

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