kuhlewampe.net

4. Jahrgang
Herzlich Willkommen bei kuhlewampe.net. Ein Kultur-Literatur-Gesellschaftskritik-Blog im WWW
Gründer und Herausgeber: Dr. Christian G. Pätzold, Berlin
Wenn Ihr hier veröffentlichen wollt, schreibt bitte an: post(at)dr-paetzold.info
Eure Kommentare schickt bitte auch an: post(at)dr-paetzold.info
Kuhle Wampe ist ein Film von Bert Brecht, Slátan Dudow und Hanns Eisler aus dem Jahr 1932.


2018/01/18

1968 Teil 1

Dr. Christian G. Pätzold

68a
Fritz Teufel bei einer Demo gegen den Vietnamkrieg vor dem Amerika-Haus in West-Berlin im März 1968. Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold.

1968 jährt sich jetzt zum 50. Mal und das ist ein Anlass für einige Zeitgenossen und Zeitzeugen zurückzublicken. Ich war damals ein aktiver Beobachter der Studentenbewegung in West-Berlin. Im Sommer war ich in London und in Paris, so dass ich die Stimmung auch in diesen Zentren der Bewegung kennen lernen konnte. 1968 kann man aber nicht isoliert betrachten. Auch die Jahre 1967 und 1969 gehörten dazu. Als besondere Ereignisse fallen einem da der 2. Juni 1967 und der Tod von Benno Ohnesorg in West-Berlin ein, oder das Woodstock Music Festival im US-Bundesstaat New York im August 1969.
Im Folgenden möchte ich vor allem 2 Fragen behandeln: Was für eine Bewegung war 68 eigentlich? Und: Was hat vom 68er Geist bis heute fortgewirkt?

Was für eine Bewegung war 68?

Zunächst war 68 eine internationale Jugendbewegung. Die Zentren der Bewegung waren über verschiedene Länder verteilt: Flower Power in San Francisco, West-Berlin, Swinging London, Paris, Prag mit dem Frühling von 68, die Große Proletarische Kulturrevolution der Roten Garde in China. Die Beteiligten waren in ihren 20er Jahren, sie gehörten zur Generation, die nach dem 2. Weltkrieg aufgewachsen war. Damals gab es den Spruch: "Trau keinem über 30!" Und tatsächlich waren nur wenige ältere Menschen in der Bewegung vertreten. Das war in West-Deutschland besonders deutlich, weil hier die ältere Generation im Faschismus sozialisiert worden war oder dabei mitgemacht hatte.
68 war eigentlich nicht nur eine Bewegung, sondern bestand aus vielen Strömungen, aber in einer Richtung. Der Kern der Bewegung von 68 war das Streben nach Befreiung bei der jungen Generation. Daher wurden die alten Autoritäten der Eltern und der Professoren an den Universitäten angegriffen. Der brutale Krieg der USA in Vietnam, der mit dem Kampf gegen den Kommunismus begründet wurde, wurde abgelehnt. Die kapitalistische Konsumgesellschaft und die Profitorientierung wurden kritisch gesehen. Der Kampf der Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt wurde unterstützt. So gab es eine Menge Punkte, die man gemeinsam am herrschenden kapitalistischen System ablehnen konnte und gegen die man protestieren und demonstrieren konnte.
Ein wichtiges Merkmal der 68er Bewegung war ihre Vielfältigkeit. 68 war gleichzeitig eine Musikbewegung, eine Lebensgefühlsbewegung (sexuelle Befreiung), eine Hippiebewegung, eine Kunstbewegung, eine Studentenbewegung und eine außerparlamentarische Opposition (APO). Die englische Beatmusik hatte damals die ganze Jugend im Westen (und teilweise auch im Osten) begeistert. Aber es gab auch Folk Music und psychedelische Musik. Diese revolutionären Musikrichtungen waren der Soundtrack und der Rhythmus von 68. Musik lag immer in der Luft und wurde natürlich auf den Partys ständig gespielt. Das führte zu großen Musikfestivals, wie dem Monterey Pop Festival im Summer of Love in Kalifornien 1967 oder zu Woodstock 1969, auf denen die Musikstars der Zeit wie Jimi Hendrix, Joan Baez, The Who oder Janis Joplin sangen und spielten. Für viele junge Leute war die Musikbewegung das Wesentliche an 68. Politische Fragen haben diese jungen Leute kaum erreicht. Man kann sich mal die Charts von 1968 und von 2018 anhören. Das wäre ein interessanter Vergleich und wahrscheinlich würde man einen ganz anderen Beat feststellen.
Gleichzeitig war 68 eine Friedensbewegung, die sich besonders gegen den Vietnamkrieg richtete. Es war die Zeit der Napalmbomben, des My Lai Massakers und von Agent Orange. Besonders in den USA mussten sich die jungen Leute damit auseinandersetzen, weil sie Einberufungsbefehle bekamen. Viele verweigerten in den USA den Militärdienst und wanderten ins Gefängnis. Viele junge Männer kamen auch nach West-Berlin, weil es hier keinen Militärdienst gab. West-Berlin war eine besondere politische Einheit unter der Herrschaft der West-Alliierten, seit 1961 ein eingemauertes Biotop, umgeben vom realen Sozialismus. Die denkende Jugend hatte keine Lust auf militärischen Drill und auf Krieg.
Besonders pazifistisch waren die Hippies, die einen wichtigen Teil von 68 ausmachten, obwohl sie nicht als politisch bewusst oder gar sozialistisch angesehen wurden. Sie hatten einen Hang zu Landkommunen, zu Reisen nach Indien, zur Bewusstseinserweiterung durch Drogen, zu indischen Religionen und Praktiken. Die Hippiebewegung sollte später für die Ökologiebewegung wichtig werden. In West-Berlin spielte eine bunte Hippietruppe das Musical Hair. Die Abgrenzung der Jugend von den erwachsenen Spießern vollzog sich auch über die bunte Kleidung und die langen Haare. Jeder sah sofort am Äußeren, wer zu den Spießern und wer zu den Gammlern gehörte.
In meiner Erinnerung ist die Buntheit von 68 geblieben. Damals war alles sehr bunt, so knallbunt, wie man es sich heute in grauen Zeiten kaum noch vorstellen kann. Die Kleidung war bunt, die Architektur, die Malerei, die Möbel, die Wohnungen, alles. Das Plattencover von Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band war bunt. Die bunte US-amerikanische Pop-Art war auf ihrem Höhepunkt und ein wichtiger Teil des Gefühls von 68. Künstler wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg und Tom Wesselmann, um nur einige wenige zu nennen, inszenierten die Farbigkeit.
Neben den kulturellen Besonderheiten war die linke Politik ein wichtiger Aspekt von 68. Bewegungen der Emanzipation waren die Bürgerrechtsbewegung (Civil Rights Movement) in den USA, die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und die internationale Studentenbewegung.
Die Afroamerikaner in den USA wurden oft als Menschen zweiter Klasse behandelt, teilweise gelyncht und so entstand die Bürgerrechtsbewegung für gleiche Rechte. Ihr Anführer Martin Luther King jr. wurde im April 1968 in Memphis erschossen, die Bewegung radikalisierte sich, es entstanden die Black-Power-Bewegung und die Black Panthers.
Der Kolonialismus war 1968 schon weitgehend geschlagen. Es gab aber noch die Apatheid-Regime in Süd-Afrika und in Rhodesien, die Kolonialgebiete Portugals und den Neo-Kolonialismus der USA in Süd-Amerika. Dagegen kämpften die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt in Asien, Afrika und Lateinamerika. Zu einem Idol der 68er wurde der Guerillero Heroico Che Guevara, der 1967 mit seiner Guerillatruppe in Bolivien erschossen worden war.
Der bekannteste Teil von 68 in Deutschland war die politische Studentenbewegung, denn ihre Straßendemonstrationen waren am wirksamsten in der Öffentlichkeit. Sie richtete sich zunächst gegen die Alleinherrschaft der alten Professoren, der Ordinarien. Neue Studieninhalte und Studienmethoden sollten an der Universität erkämpft werden. Die Studenten forderten Mitbestimmung (Drittelparität). Ideologisch knüpfte die Studentenbewegung an den Marxismus der 1920er Jahre an. Herbert Marcuse war dabei mit seinen wichtigen Büchern der Vordenker. Er lehrte nicht nur in Kalifornien, sondern kam auch nach West-Berlin, um mit den Studenten zu diskutieren. Sehr viele Bücher wurden damals gelesen, natürlich vor allem die marxistischen und leninistischen Klassiker, die in hoher Auflage in Ost-Berlin, Moskau und Peking verlegt wurden. Es gab zahlreiche sozialistische Strömungen in der westdeutschen Studentenbewegung, Maoisten, Marxisten-Leninisten, Realsozialisten, Neue Linke, Trotzkisten, Anarchisten, Autonome, Spontis, Provos, Situationisten.
Zu den Büchern, die 68 in West-Berlin gelesen wurden, gehörten auch auffällig viele psychologische und psychoanalytische Schriften von Sigmund Freud, Erich Fromm und Wilhelm Reich. Besonderes Interesse fand die Massenpsychologie des Faschismus, um das Denken der älteren Generation zu verstehen.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2018.

Zum Anfang

2018/01/15

Aus einem Kästchen mit bezweifelbaren Zitaten

"Den Sozialismus in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf!"

"Wir wollen nicht ein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerei!"

"Vorwärts immer! Rückwärts nimmer!"

"Die Partei hat immer Recht!"

Liste wahrer Sätze

"Das Leben ist wie ein Vanilleeis. Isst du es auf, dann ist es weg. Isst du es nicht auf, dann ist es auch weg."

"Keine Lyrik ist auch keine Lösung."

"Die Dichter und Denker / Holt in Deutschland der Henker." Brecht.

"Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Adorno.

Zum Anfang

2018/01/13

art kicksuch

irrig

© art kicksuch, januar 2018.

Zum Anfang

2018/01/11

Eine Neuheit bei kuhlewampe.net:
Das Personenregister für die Jahre 2015, 2016 und 2017

Wenn man ein paar Jahre einen Blog schreibt, dann verliert man leicht den Überblick darüber, wer über wen wann etwas geschrieben hat. Um etwas Übersicht zu schaffen, gibt es jetzt ein neues zusätzliches Personenregister für die Jahre 2015, 2016 und 2017 auf Kuhle Wampe, das jährlich erweitert werden soll. Das Personenregister ist über die Schaltfläche "Personen" im Kopf dieser Seite erreichbar. Ich hoffe, dass es eine große Hilfe ist, wenn man Autoren und frühere Artikel über Personen sucht.
Dr. Christian G. Pätzold.

Zum Anfang

2018/01/09

Das alte Rathaus von Bernau bei Berlin

rathausbernau
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, August 2017.

Kuhle Wampe interessiert sich für historische Rathäuser. Nachdem hier bereits die Rathäuser von Rostock, Kursk, Breslau und Kassel gezeigt wurden, folgt nun das alte Rathaus der Stadt Bernau nordöstlich von Berlin, im Barnim im Bundesland Brandenburg gelegen. Es ist ein ganz bescheidenes Rathaus aus dem Jahr 1805, aus der Zeit des Klassizismus. Mit seinen 9 Achsen und 2 Geschossen strahlt es schnörkellose Solidität aus. Über der Eingangstür ist das Stadtwappen mit dem roten brandenburgischen Adler und dem schwarzen Bären vor einem Eichenbaum angebracht. Zur Verschönerung dienen die historischen Laternen und die Geranien.

Zum Anfang

2018/01/07

Tagebuch 1973, Teil 22: Teheran

Dr. Christian G. Pätzold

1. September 1973, Teheran, Sonnabend

Zuerst habe ich wieder in der Ferdowsi Street Geld getauscht, 1 DM : 28,50 Rial. Ferdowsi war ein berühmter persischer Dichter des 10. Jahrhunderts, der das Gedicht Shahnameh (Buch der Könige) verfasst hat. Dann sind wir zur afghanischen Botschaft (Sefarate Afghanistan) in der Nordstadt gefahren. Meine Reisepartnerin hatte sich ihre schicksten Kleider angezogen, was sehr geholfen hat. Das erste, was der Mann in der Botschaft sagte, war, dass ich meine Haare kürzer schneiden müsste. Ich sagte das gleich zu, daraufhin bekamen wir das Visum für Afghanistan innerhalb von zwei Minuten. Andere langhaarige Reisende hatte große Probleme. Einer, der sehr lange Haare und einen sehr langen Bart hatte, wollte sich auf keinen Fall von ihnen trennen. Er sagte, er sei ein bekannter Schriftsteller in den USA und sei auch an sein Aussehen gebunden, außerdem sei er schon mit Haaren hässlich aber ohne sei es einfach unmöglich. Der Botschaftsbeamte ließ sich aber gar nicht beeindrucken. Er sagte, er könne auch nichts für die Bestimmungen, in seinem Land herrsche eine Militärregierung und die wolle das so. Wegen unseres Visums sollten wir zuerst morgen wiederkommen, aber als wir darauf bestanden, dass der Weg zu weit sei, bekamen wir es sofort. Die anderen Reisenden sind gegangen und haben sich abspeisen lassen. Im Orient kann man verhandeln. Zwei Passbilder waren nötig für das Visum. An einen seriös aussehenden Schweizer hat der Konsul einen großen Afghanistanprospekt verteilt, an uns einen kleinen und an die anwesenden Hippies gar keinen Afghanistanprospekt. Das war ein fein abgestuftes, diplomatisches Fingerspitzengefühl verratendes Verfahren.
Danach haben wir die Busfahrkarten nach Isfahan für Montag 10:00 Uhr bei TBT gekauft und 150 Rial für das Ticket bezahlt. Anschließend waren wir teuer im Hotel essen, Spaghetti Bolognese 80 R, Bier 35 R.
Dann sind wir wieder angesprochen worden und wurden zu originellen athletischen Übungen gebracht, Eintritt preiswerte 20 R pro Person. Das Etablissement hieß 'Zoorkhaneh-e Jafari' (Athletic Exercises) in der Varzesh Street. Mit Hilfe von großen Holzkeulen wurde Gymnastik nach alter Tradition mit viel Zeremoniell gemacht. Es gab einen Trommler, der gleichzeitig sang, außerdem viel Weihrauch. Der Herr Jafari, dem das Etablissement gehörte, sollte der beste Gymnastiker im Iran sein. Zum Abschluss wurde ein Schahbild überreicht, nachdem Herr Jafari eine lange Rede gehalten hatte. Die Vorstellung dauerte eine Stunde. An den Übungen waren auch ein sehr alter Mann, ein kleiner Junge und ein Riese beteiligt. Zusammen mit der spärlichen Gymnastikbekleidung ergab das einen sehr pittoresken Anblick.
Danach sind wir im Citypark spazieren gegangen und haben Zeitung gelesen: Über den 10. Parteitag der KP China, den Zusammenschluss Ägypten - Libyen, über den saudiarabischen Scheich, der den Amerikanern mit einem Ölstop drohte. Die Zeitung brachte sehr interessante Nachrichten aus dem arabischen und dem asiatischen Raum, die man in Europa normalerweise nicht zu lesen bekommt. An englischsprachigen Zeitungen gab es 'Kayhan' und 'The Teheran Journal'. Ich habe Weintrauben für 10 R das Kilo gekauft.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2018.

Zum Anfang

2018/01/05

Tagebuch 1973, Teil 21: Teheran

Dr. Christian G. Pätzold

31. August 1973, Teheran, Freitag

Teheran liegt 1.190 Meter hoch und es gibt Klimaanlagen. Isfahan und Shiraz liegen sogar 1.500 Meter über dem Meeresspiegel. Je höher man kommt, desto kühler wird es. Die Augusthitze war noch erträglich.
Ich habe ein paar Postkarten nach Berlin abgeschickt, Porto 10 Rial. Wir sind zu Julia gefahren und dann zum Haus von Fleischermeister Josef. Er fuhr einen in Persien gepressten und montierten Wagen, der Motor kam aus England, Paykan 1725, von seinem Chef bezahlt. Er wohnte in einem 3-Zimmer-Haus in Bungalowbauweise etwas außerhalb der Stadt, mit Garten, großem Swimmingpool und einem Gärtner. Ein Taxiwagen kostet hier 25.000 Tuman, bei einem Umsatz von etwa 100 Tuman pro Tag, die Zulassung kostet 15.000 Tuman. Die persischen Familien haben in der Regel viele Kinder, so zwischen 5 und 10, sie lebten meist in einem Raum auf Teppichen ohne Möbel. Das Einkommen eines Arbeiters in der Wurstfabrik soll 400 Tuman monatlich betragen, das eines Vorarbeiters 700 Tuman, ein Bauarbeiter verdiente nur 200 Tuman = 60 DM. In der Wurstfabrik wurde 48 Stunden in der Woche gearbeitet, mit zwei Stunden Pause pro Tag. Während man krank war, konnte man drei Monate nicht gekündigt werden. Die Arbeitslosigkeit war relativ groß, aber Fachkräfte gab es kaum, da keiner sein Wissen weitergab. Eine Berufsausbildung gab es nur auf privater familiärer Ebene.
Die Straßenbäume in Teheran mussten künstlich jeden Tag bewässert werden. Für das Absägen von Bäumen bekam man zwei Jahre Gefängnis. Das Teheraner Gefängnis sollte überfüllt sein mit Menschen, die wegen Rauschgift-, Verkehrs- und Eigentumsdelikten und besonders politischen Delikten einsaßen. Josef erzählte, dass er dort einmal in einer 30 qm Zelle mit 42 bzw. 64 Leuten gehaust habe, nachts pro Mann eine halbe Decke, falls man überhaupt einen Platz zum Liegen fand. An das Teheraner Gefängnis wurde täglich eine Tonne Bullenfleisch geliefert. Ein deutscher Elektriker, der bei Michaeljan gearbeitet hatte, sollte in Mashad wegen 1,5 kg Rauschgift zwei Jahre lang sitzen und eine Geldstrafe bezahlen müssen.
Kommunistische Bombenanschläge kamen anscheinend öfter vor. Josef sagte, dass "sich der Schah noch fünf Jahre hält, weil die Leute immer kultivierter werden." Er erzählte, dass der Ministerpräsident vor zwei Jahren die Buspreise von 2 R auf 4 R erhöhen wollte. Als Busse angezündet und geschossen wurde hat der Schah, der wie immer, wenn es brenzlig wurde, gerade im Ausland war, von dort angerufen und die Beibehaltung der alten Preise angeordnet. Der Schah wäre nie zu sehen, seinen Palast habe er an seine Verwandten verschenkt und er habe sich einen neuen Palast außerhalb der Stadt bauen lassen, weil er vor Bombenanschlägen nicht sicher wäre, sagte Josef. Alles was passierte, ordneten der Schah oder seine Ratgeber an. Josef sagte, dass die Söhne aus reichen Familien sich nicht die Hände schmutzig machen wollten, obwohl sie gut für den Vater arbeiten oder lernen könnten. "Sie bekommen mit Achtzehn den Führerschein und einen Mercedes." Die Wurstfabrik 'Michaeljan Sausage and Meat’ hatte 100 Arbeiter und 80 Arbeiter in der Schweinemästerei. Heutzutage würden mehr Schweine in die Wurst getan, da es kaum Bullenfleisch gäbe. In fünf Jahren könnte die Kapazität von 3 auf 15 Tonnen Fleisch pro Tag gesteigert werden, wenn Fleisch zum Wurstmachen da wäre, sagte Josef. Er sagte, er fahre nie in die Südstadt, wie alle Ausländer. Er hat uns gerade zu unserem Hotel Amir Kabir gefahren und nicht weiter. Julia sagte, dass man in der Südstadt seine Lebens nicht sicher sei, zum Beispiel sei dort ein ausländischer Diplomat umgebracht worden.
Wir haben im Kettenrestaurant 'Moby Dick’ gegessen, sehr teuer aber supermodern und sauber. Zwischendurch mussten wir mal in einen gekühlten Raum wegen der starken Sommerhitze draußen.
Die Schauergeschichten über die Südstadt haben uns nicht davon abgehalten, trotzdem hinzufahren. Ein Student hat uns den Weg zum Bazar gezeigt. Er sagte, die Leute hier würden alle gern reisen, aber sie könnten nicht, weil es zu teuer wäre. Er sagte: "I admire you because of your travelling." Vor dem Eingang zur Moschee befand sich ein großer Bazar, das war der echte Orient. Kein einziger Europäer war zu sehen, keine Frau ohne Chador, dem Umhangtuch zum Bedecken der Figur. In die Moschee durften wir nicht rein, weil meine Reisepartnerin keinen Chador hatte. Wir wurden von einem deutsch sprechenden Menschen angesprochen. Die Leute waren sehr freundlich zu uns und diejenigen, die eine ausländische Sprache beherrschten, meist englisch, sprachen uns gerne an. Vielleicht wollten sie auch einfach mal ihr Englisch üben. Der Bazar um die Moschee war sehr attraktiv und flirrend. Wir haben eine Melone, die es hier in großen Mengen gibt, für 15 Rial gekauft und sind zum Amir Kabir Hotel zurückgefahren.

Postskriptum Januar 2018:
Fleischermeister Josef hat es tatsächlich exakt vorhergesehen. Fünf Jahre später musste der Schah vor der Islamischen Revolution des Ajatollah Chomeini aus Persien flüchten. Jetzt 40 Jahre später gibt es wieder neue Demonstrationen im Iran und man weiß nicht, ob daraus eine neue Revolution wird. Der Iran ist meines Erachtens heute ein Pulverfass mit Millionen von jungen Menschen ohne Arbeitsmöglichkeit und Zukunftsperspektive, die auch nicht aus dem islamischen Gottesstaat rauskommen können.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2018.

Zum Anfang

2018/01/03

Kuhle Wampe, 1932

kuhlewampe1

Zum Anfang

2018/01/01

Heute beginnt der 4. Jahrgang

Dr. Christian G. Pätzold

Ich wünsche allen Fans von Kuhle Wampe ein schönes neues Jahr 2018! Im vergangenen Jahr war Kuhle Wampe auf Expansionskurs, sowohl die Zahl der Beiträge als auch die Zahl der Bilder sind erheblich angestiegen. Es gab insgesamt 170 Beiträge. Mehr sind kaum zu schaffen. Die Zahl der Bilder müssen wir in 2018 etwas reduzieren, denn Bilder verlangsamen den Ladevorgang. Die Artikel auf Kuhle Wampe werden übrigens noch nicht von Robotern geschrieben, sondern von originalen Menschen.
Im vergangenen Jahr nutzten über 3 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt das Internet. Ich freue mich darüber, dass kuhlewampe.net ein Teil dieses internationalen Netzwerkes ist und einen kleinen Beitrag zur Information und Unterhaltung beisteuern kann. Bisher wird Kuhle Wampe hauptsächlich in Deutschland und in Österreich gelesen. Im ganzen Jahr 2017 registrierte kuhlewampe.net insgesamt 18.525 Besuche (Visits). Bitte empfehlt kuhlewampe.net bei euren Freundinnen und Freunden weiter! Die Beschäftigung mit kulturellen Themen ist immer eine Freude.
Den ganzen Film »Kuhle Wampe« von 1932 kann man übrigens bei YouTube im Internet anschauen. Das ist auch so eine positive Seite des Internets, dass man einige Filme kostenlos sehen kann. Der Film wurde dort schon über 58.000 mal aufgerufen. Sehr lohnenswert, denn der Film ist ein wichtiges avantgardistisches Kunstwerk des 20. Jahrhunderts.
Ein Ausblick auf das Jahr 2018: Im Januar wird es eine Neuheit auf Kuhle Wampe geben: Ein Personenregister für die Jahre 2015, 2016 und 2017. Das wird das Finden von Personen und von früheren Artikeln sehr erleichtern. Dann haben wir das 50. Jubiläum von 1968. Daher wird die Studentenbewegung von damals in einigen Beiträgen eine Rolle spielen, bspw. das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 auf dem westberliner Kurfürstendamm. Außerdem sind der 120. Geburtstag von Bertolt Brecht am 10. Februar und der 200. Geburtstag von Karl Marx am 5. Mai zu feiern. Insgesamt bleibt Kuhle Wampe weiterhin bei seiner Linie: Anything goes. Neue Autorinnen und Autoren und Fotografinnen und Fotografen sind herzlich willkommen! Außerdem arbeite ich daran, dass wir ein Kommentarfeld auf kuhlewampe.net bekommen. In der Zwischenzeit schreibt eure Kommentare bitte an post(at)dr-paetzold.info.
Wie immer im Januar wurde der Bildhintergrund von kuhlewampe.net umtapeziert. An der Stelle der selbstkletternden Jungfernrebe vom letzten Jahr befinden sich jetzt tropische Baumfarne, die ich im Botanischen Garten Berlin Dahlem fotografiert habe. Da sie nicht frosthart sind, wachsen sie im Gewächshaus.
Ich möchte allen sehr danken, die im letzten Jahr großzügig und gratis etwas zu Kuhle Wampe beigetragen haben: Ferry van Dongen, art kicksuch, Henrik Zoltan Dören, Olga Ramirez Oferil, Miro Wallner, Ella Gondek, Charlie, Karl-Martin Hölzer/Carlos, Dr. Karin Krautschick, Alia Krautschick, Brigitte Blaurock, Jenny Schon, Georg Lutz, Maria Anastasia Druckenthaner, Dr. Hans-Albert Wulf, Dr. Wolfgang Endler und Dr. Felizitas Hartwig. Es ist eine Freude, mit so kreativen Menschen zusammenzuwirken.

Zum Anfang