kuhlewampe.net

im 6. Jahr
Herzlich Willkommen bei kuhlewampe.net. Ein Kultur-Literatur-Gesellschaftskritik-Blog im WWW
Gründer und Herausgeber: Dr. rer. pol. Christian G. Pätzold, Berlin
Kurator für Gesellschaftskritik: Dr. phil. Hans-Albert Wulf, Berlin
Wenn Ihr hier veröffentlichen wollt, schreibt bitte an: post(at)dr-paetzold.info
Kuhle Wampe ist ein Film von Bert Brecht, Slátan Dudow und Hanns Eisler aus dem Jahr 1932.


2020/01/28

Friedrich Pollock

von Dr. Jörg Später, Freiburg


Um 1930 herum traten sie, so erinnerte sich der junge Theodor Wiesengrund Adorno, als das verschworene "Freundespaar Lenin und Trotzkij" auf, Max Horkheimer und Friedrich Pollock, beides Unternehmersöhne um die 35 Jahre alt, die gegen das System rebellierten, das ihre Familien wohlhabend gemacht und ihnen, als deutsche Juden, den sozialen Aufstieg ermöglicht hatte. Pollock stammte aus Freiburg, wo sein Großvater Salomon das "Damenkonfektionsgeschäft S. Pollock" in der Eisenstraße 6 eröffnet hatte. Nach dessen Tod 1899 übernahm Friedrichs Vater Julius den Laden. Als die Familie 1914 nach Stuttgart übersiedelte, verkaufte er das Geschäft an seine Angestellte Adele Rüdenberg, die 1935 von den Nazis zum Verkauf gezwungen wurde und sich 1939 das Leben nahm.
Pollock und Horkheimer lebten seit Beginn der 1920er Jahre zusammen in Kronberg im Taunus in einer Wohngemeinschaft, waren Teilnehmer an der legendären "Ersten Marxistischen Arbeitswoche" am Pfingstwochenende 1923 in Jena mit Karl Korsch und Georg Lukács, zudem an der Gründung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung beteiligt. Während die Weimarer Republik nun ihre Dämmerung erlebte, wurde Horkheimer Direktor des ersten marxistischen Forschungsinstituts in Deutschland, und zwar als Nachfolger des schwer erkrankten Carl Grünberg, den sein Assistent Pollock zuvor interimsmäßig vertreten hatte.

Nach der Flucht vor den Nazis wurde Pollock neben Horkheimer geschäftsführender Direktor des zuvor evakuierten Instituts und versuchte, "das Goldschiff behutsam an allen bedrohlichen Klippen" vorbei zu lotsen, wie der argwöhnische Siegfried Kracauer kommentierte. Was nicht immer gelang, denn Pollock verspekulierte in New York einen großen Teil des von Hermanus Weil gestifteten Institutsvermögens. Aber nicht nur viel Geld, sondern auch der kämpferische Marxismus blieb angesichts der Erfahrungen von Flucht, Krieg und nicht zuletzt des Judenmords auf der Stecke. Pollock kehrte mit Horkheimer 1950 nach Frankfurt zurück, wo sie das Institut in der Senckenberganlage wiedereröffneten, und zog sich ein knappes Jahrzehnt später mit dem Freund ins Tessin zurück, wo er 1970 starb. Immer stand Pollock im Schatten Horkheimers, der ihm zusammen mit Adorno die »Dialektik der Aufklärung« gewidmet hatte - beteiligt war Pollock an dem Buch eben nicht, außer natürlich als betroffener Zeitzeuge in Sachen beschädigter Lebenserfahrung.
Doch der Ökonom mit politischem Hintergrund war nicht nur Geschäftsführer, sondern selbst Wissenschaftler. 1923 reichte er seine Dissertation zum Marx’schen Geldbegriff an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt am Main ein. Sie stand unter der Prämisse, dass die politische Ökonomie die einzige "universale Grundwissenschaft" sei, weil die "Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens" aller Kultur und allen Denkens vorausgehe. Die Differenz von Wesen und Erscheinung, verdinglicht im Phänomen des Geldes, das die Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse verschleiere, war für Pollock der Ausgangspunkt kritischer Wissenschaft, zeitgleich und ähnlich wie bei anderen materialistischen Ideologiekritikern wie Korsch und Lukács. In dieser Zeit bildete sich im deutschen Sprachraum das heraus, was man später den "westlichen Marxismus" (Maurice Merleau-Ponty) nennen sollte.

Jetzt werden Pollocks Schriften geborgen. Philipp Lenhard, wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München hat diese Aufgabe in Angriff genommen. Er selbst wird 2019 im Jüdischen Verlag, der zu Suhrkamp gehört, eine Biographie des Schattendenkers der "kritischen Theorie" veröffentlichen. Die Gesammelten Schriften, die im kleinen und linken Freiburger ça-ira-Verlag ohne großes Mäzenatentum erscheinen, sind auf sechs Bände angelegt, von denen der erste nun erschienen ist, nämlich die "Marxistischen Schriften" aus jenen 1920er Jahren, in denen das Freundespaar sogar die Aufmerksamkeit des Frankfurter Polizeipräsidenten auf sich zog, der sie einwandfrei als Kommunisten identifizierte. Zu dem Band gehört neben der erwähnten Dissertation auch eine Streitschrift gegen Werner Sombart, der einem faschistischen Ständestaat das Wort redend nicht nur die Grundlagen des Marxismus attackiert, sondern auch die Juden zu Hauptakteuren des Kapitalismus stilisiert hatte. Lenhard meint, die Sombart-Kritik von 1926 könne man als die erste faschismustheoretische Studie des Instituts lesen.
Die bekannteren Texte Pollocks über die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion, seine Habilitationsschrift von 1929, und seine Analyse des Nationalsozialismus als "Staatskapitalismus" von 1941, die für einen fruchtbaren wie aufschlussreichen Streit vor allem mit Franz L. Neumann sorgte, werden in den Bänden zwei (Planwirtschaft und Krise) und drei (Nationalsozialismus und Antisemitismus) aufgenommen werden. Der vierte Band umfasst die Schriften nach 1945 des Frankfurter Professors für Volkswirtschaftslehre und Soziologie zur Automation, der fünfte Vermischtes und der sechste - für Historiker der sicherlich spannendste - eine ausgewählte Korrespondenz.
Pollock galt vielen als "die graue Eminenz" des Instituts für Sozialforschung. Nun wird ein, wenn auch kleiner, Scheinwerfer auf ihn gerichtet, der ihn als Autor zeigt, was erst verstehen lässt, warum er ein kongenialer Partner Horkheimers werden konnte. Noch gespannter aber darf man auf die Biographie über diesen besonderen Zeitzeugen sein, der Auskunft über die Ursprünge des westlichen Marxismus, die Vertreibung der jüdischen Intelligenz aus Deutschland, ihr Wirken im Exilland Amerika und die Rückkehr ins Haus der Henker geben wird. Dann auch wird vielleicht das Rätsel gelöst werden, wer von den beiden Freunden einst Lenin war und wer Trotzkij.

© Dr. Jörg Später, Januar 2020.

Anmerkung: Die von Philipp Lenhard verfasste Biographie Pollocks ist inzwischen erschienen.

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2020/01/27

Holocaustgedenktag
International Holocaust Remembrance Day

Heute ist der 75. Jahrestag. Der 27. Januar ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust (des Nazi-Völkermords, im Hebräischen Shoa genannt), Er wurde von den Vereinten Nationen eingeführt, um an den Holocaust und an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 zu erinnern. Bei dem in Polen gelegenen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau handelte es sich um das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalfaschismus. Etwa 1,1 Millionen Menschen wurden hier von deutschen Nazis in Gaskammern ermordet. Insgesamt fielen über 5,6 Millionen Menschen, die meisten Juden, aber auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, politisch Andersdenkende und andere Verfolgte der NS-Diktatur, dem Holocaust zum Opfer. Erinnerung an die Gräuel der Nazis und an die aktuellen Gefahren des wieder erstarkenden Faschismus.


Bilder aus dem KZ Ravensbrück

Fotografiert von Manfred Gill

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Fritz Cremer: Müttergruppe im KZ Ravensbrück.
3 Frauen tragen eine zusammengebrochene 4. Frau.
Am Weg vom Bahnhof zum Lager, wo die Angekommenen unter den Augen der Anwohner
durch Fürstenberg/Havel getrieben und gestoßen wurden.

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2020/01/25

"All the world's a stage,
And all the men and women merely players.
They have their exits and their entrances,
And one man in his time plays many parts."

William Shakespeare, As You Like It.


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2020/01/22

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2020/01/19

Häuser, fotografiert von Luke Sonnenglanz


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2020/01/16

Tagebuch 1973, Teil 38: Taxila

Dr. Christian G. Pätzold

taxila
Buddhistische Füße in Taxila. Quelle. Wikimedia Commons.


24. September 1973, Taxila, Montag

Am Morgen sind meine Reisepartnerin, unsere neuen pakistanischen Freunde und ich mit dem Bus nach Taxila gefahren. Das Touristenbüro in Taxila konnte uns mehrere Prospekte geben. Wir haben dann eine Pferdekutsche für 15 Rupees für den ganzen Tag gemietet, der Kutscher wollte uns zu allen interessanten archäologischen Stätten fahren, die über ein größeres Areal verteilt sind. Taxila liegt etwa 30 Kilometer nordwestlich von Rawalpindi entfernt. Taxila war die Hauptstadt des großen Reiches Gandhara im Nordwesten von Pakistan, das von etwa 500 vor unserer Zeitrechnung bis etwa 500 nach unserer Zeitrechnung bestand. Die Stadt war nicht nur ein Handelszentrum, sondern hatte damals auch eine berühmte Universität. Die archäologischen Überreste der Stadt wurden im 20. Jahrhundert teilweise ausgegraben.
Alexander der Große nahm die Stadt im Jahr 326 v.u.Z. kampflos ein, aber die Herrschaft der Griechen endete schon 317 v.u.Z. Die Beziehungen zu Griechenland dauerten aber länger an. Zahlreiche Kulturen, die griechische, die buddhistische, die zarathustranische sind sich hier begegnet. Taxila war der historische Hotspot, an dem die antike europäische Kultur, die chinesische Kultur und die indische Kultur vor 2.000 Jahren aufeinander trafen. Die Ruinen liegen in einer pastoralen Landschaft, Trockengras mit mittelhohen, Schatten spendenden Bäumen.
Wir sind zuerst zu den Resten von zwei buddhistischen Klöstern mit Stupas gefahren. Stupas sind kegelförmige Grabstätten, relativ hohe Bauwerke, die zur Aufnahme von Reliquien Buddhas oder von Buddhas Asche dienten oder die einfach nur ein kultisches Denkmal darstellten. In Burma heißen die Stupas Pagoden. Die Form der Stupas hat sich aus der von Grabhügeln entwickelt. Die Stupas von Taxila gehören zu den ältesten, sie stammen aus der Zeit Ashokas aus dem dritten Jahrhundert v.u.Z. Der indische König Ashoka (304-232 v.u.Z.) bekannte sich nach großen Eroberungszügen zum Buddhismus und förderte dessen Ausbreitung durch das Entsenden von Missionaren.

Mr. Muhammad R. und sein Freund, die uns auf diesem Ausflug nach Taxila begleiteten, haben dann Essen besorgt und wir haben ein Picknick in der wunderschönen Landschaft veranstaltet. Der Wächter an der Stupa bei Mohra Muradu hat uns Wasser gegeben und den Brunnen gezeigt. Dann haben wir noch einen zoroastrischen Tempel gesehen, der griechische ionische Säulen hatte. Auch die Buddhafiguren, die in großer Anzahl gefunden wurden, sind durch die griechische antike Kunst beeinflusst. Von Taxila gelangte die Idee der griechisch beeinflussten Buddhafigur bis nach China und Japan. Es waren auch Hakenkreuzsymbole, Swastikas auf Schmuck, Fußbodenfliesen, Siegelringen und Münzen zu sehen.

Wir sind mit dem Zug nach Rawalpindi zurückgefahren. Im Punjab wird Punjabi und Urdu gesprochen, mit vielen englischen Wörtern dazwischen, was einigen Leuten nicht passt, denn sie wenden sich gegen allen englischen Einfluss und wollen stattdessen zum reinen Islam zurückkehren. Wir waren im Bazar, in dem wir im Teeladen noch Medizin gegen Mückenstiche gekauft haben. Außerdem haben wir Süßigkeiten gekostet. Wir haben auch die Spezialität Betel (Pan) gekostet, ein Blatt mit Kräutern, Samen, Ketchup oder so ähnlich zum Kauen und Ausspucken, was hier und in Indien sehr beliebt ist, weswegen überall rote Flecken auf dem Fußboden zu sehen sind. Die Leute im Bazar haben uns wieder als Attraktion umringt und waren sehr kontaktfreudig. Es war ein guter Tag.

Postskriptum Januar 2020:
Die archäologischen Stätten von Taxila sind seit 1980 Weltkulturerbe der UNESCO. Taxila lag geografisch günstig an der historischen Fernhandelsstraße Grand Trunk Road nach Indien und an der Seidenstraße nach China. Die Stadt Taxila wurde bereits in den indischen Epen Ramayana und Mahabharata erwähnt. Die gegenseitige gedankliche Bereicherung der Menschen lebte weiter in den Jahrhunderten, auch wenn die Stadt, in der das alles passiert war, längst nur noch aus ruinösen Steinen bestand.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2020.

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2020/01/12

Tagebuch 1973, Teil 37: Von Peshawar nach Rawalpindi

Dr. Christian G. Pätzold


22. September 1973, Peshawar - Rawalpindi, Sonnabend

Wir sind zur Bank marschiert und haben 30,- DM 1:4 gewechselt und haben die soldatenbewachte Bank wieder verlassen. Angesichts der Armut werden Banken hier anscheinend oft überfallen. Auch bei der Bank sind die jungen Männer wieder nahezu ausgeflippt angesichts meiner Reisepartnerin, da sie unverschleierte Frauen nicht gewöhnt sind. Nach erbittertem Handeln hat uns eine Pferdekutsche für 2 Rupees zum Bahnhof befördert, wo wir nach Ausfüllen etlicher Formulare zwei Studententickets 1. Klasse für 24 Rupees nach Rawalpindi bekommen haben.
Im Zug gab es vier Klassen sowie abgetrennte Frauenabteile. In der 1. Klasse gab es keine Glasfenster, nur Holzbretter zum Hochschieben, dafür aber zwei Ventilatoren und es war leer. Der Zug war ein Bummelzug und brauchte für die 160 Meilen von Peshawar nach Rawalpindi über 6 Stunden. Wenn er schneller gefahren wäre, wäre er wahrscheinlich bei diesem Schienennetz entgleist. An den Bahnhöfen unterwegs wurde unser Fenster von dichten Männertrauben umringt, die gafften. Hier bekam man den pakistanischen Islam ganz schön zu spüren. Die jungen Männer litten wahrscheinlich sehr unter dem Kontaktverbot mit Frauen. Außerdem waren viele von ihnen arbeitslos und hatten den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als auf der Straße nach etwas Interessantem Ausschau zu halten. Und ausländische Touristen waren etwas Besonderes für sie.
Ein pakistanischer Student, der im Zug arbeitete, hat uns zu sich in Rawalpindi eingeladen. Nach einigem Suchen haben wir in Rawalpindi ein gutes Zimmer für 27 Rupees pro Tag gefunden.

23. September 1973, Rawalpindi, Sonntag

Am Vormittag haben wir uns im Khamran-Hotel etwas erholt. Nachmittags sind wir mit einem klapprigen Bus für 50 Paisas zur Satellite Town, einem neuen Wohnbezirk mit Privathäusern, gefahren, um unseren neuen Freund Mr. Muhammad R. zu besuchen, den wir gestern im Zug kennen gelernt hatten. Sein Vater arbeitete als Bahnbeamter bei den Pakistan Western Railways. Die Familie schien relativ wohlhabend zu sein, besaß westliche Plüschmöbel und hatte ein Bild von Mr. Muhammad Ali Jinnah (1876-1948), dem Gründer von Pakistan, an der Wand des Wohnzimmers hängen. M. A. Jinnah, dessen Mausoleum sich in Karachi befindet, wurde auch als Größter Führer (Quaid-e Azam) und Vater der Nation (Baba-e Qaum) bezeichnet. Pakistan war vor der Unabhängigkeit im Jahr 1947 wie ganz Indien eine englische Kolonie.
Bei unserem Gespräch waren keine Frauen anwesend außer meiner Reisepartnerin, aber Männer kamen öfters herein, unter anderem Mr. Riaz A., der ein Degree in Politik und Ökonomie hatte, aber seit zwei Jahren keine Arbeit fand, wie viele Leute hier, oder Mr. Kazim N., Handelsreporter bei der Daily New Times, der gleich wissen wollte, ob wir Touristen sind. Die Alternative wären unsere Freunde, die Blumenkinder, gewesen. Er war beruhigt, dass wir Touristen waren. Denn die Hippies interessierten sich ja nicht für das islamische Pakistan, sondern wollten nur schnell durchreisen ins hinduistische Indien. Er wollte auch wissen, in welchem Hotel wir wohnten.
Unser neuer Freund Mr. Muhammad R. war recht schick mit einem Playboytouch. Er hatte das Government Intermediate College besucht, war Captain vom Hockeyteam und bester Sprecher in Englisch und Urdu etc. Er hatte schon gehört, dass in Europa mehr "sex-freedom and coeducation" existieren, und wir haben ihm auch gesagt, dass uns die Situation der Frauen hier im Islam ziemlich stört. Dann haben wir noch versucht, dem Ökonomen zu erklären, dass die Volkswirtschaft ohne Frauen nicht stark zu machen sei. China baute eine Textilfabrik bei Taxila, Deutschland einen Wasserdamm, aber er wusste nichts über die Bedingungen.
Dann kamen wir auf die Situation zwischen West-Pakistan und Ost-Pakistan zu sprechen. Nach der Unabhängigkeit 1947 bestand Pakistan aus 2 Teilen: West-Pakistan im Westen von Indien gelegen und Ost-Pakistan im Osten von Indien. Ost-Pakistan erreichte 1971 mit dem Namen Bangladesch seine Unabhängigkeit. Die Forderungen von Mr. Mujibur Rahman, dem Führer in Ost-Pakistan (Bangladesch), nach zwei Währungen, getrenntem Handel und zwei Armeen wurden dadurch unterstützt, dass zirka 25 Familien das ganze Land ausgeplündert und ihr Geld ins Ausland geschafft hatten. Mr. Zulfikar Ali Bhutto, der Führer in West-Pakistan, schob jetzt die ganze ökonomische Misere auf sie und hatte ihnen ein Ultimatum gestellt, ihr Geld wieder aus Europa und Amerika abzuziehen und nach Pakistan zu bringen. Das haben sie natürlich nicht getan, sondern lebten weiter in Pakistan und scheffelten Geld, weil Herr Bhutto nichts gegen sie unternahm, wie der Ökonom feststellte.
Mr. Muhammad R. begründete die Zusammensetzung der ehemaligen pakistanischen Armee fast ausschließlich mit Westpakistanis mit dem Größenunterschied zwischen Punjabis und Bengalis von angeblich 8 Inches (das wären 20 Zentimeter), was wohl nicht stimmt, und der größeren Tapferkeit der Punjabis. "Die Punjabis sind so tapfer, dass sie die ganze Welt besiegen können." Ich hatte den Eindruck, dass die Punjabis ein recht starkes Selbstwertgefühl hatten.
Mr. Mujibur Rahman hatte auch gefordert, dass Bengali Nationalsprache in Pakistan wird, was vor 1971 nicht der Fall war, obwohl die Bengalis in der Mehrheit waren. Alles deutete auf eine Unterdrückung von Ost-Pakistan durch westpakistanische Kapitalisten und Militärs hin. Die Unabhängigkeit von Bangladesch wurde von Mr. Muhammad R. als indisch-sowjetisch-amerikanisches Komplott zur Umzingelung Chinas hingestellt. Begründung von Mr. Muhammad R. für die Teilung des indischen Subkontinents 1947: "Für die Inder sind die Kühe Götter und wir essen sie."
West-Pakistan hatte vier Provinzen: 1 Punjab, Hauptstadt Lahore. 2 Sind, Hauptstadt Karachi. 3 N.W.F.P. (North Western Frontier Province), Hauptstadt Peshawar. 4 Baluchistan, Hauptstadt Quetta.
Wir bekamen noch einen kurzen Überblick über die politische Geschichte Pakistans seit der Unabhängigkeit 1947. Bis 1973 hatte Pakistan zahlreiche Premierminister, deren häufiger Wechsel ein Indiz für die insgesamt recht instabile Situation des Landes war.

Hier folgt ein Postskriptum, das ich Ende 1988 geschrieben habe:
Der damalige (September 1973) Premierminister Zulfikar Ali Bhutto wurde von seinem Nachfolger General Mohammed Zia-ul-Haq 1979 gehängt. General Zia-ul-Haq seinerseits, der wieder stark den Islam gefördert und die Sharia eingeführt hatte, ist im August 1988 bei einem Bombenanschlag mit seinem Flugzeug abgestürzt und umgekommen. Im Moment (Oktober 1988) sind die Verhältnisse in Pakistan verworren. Gerade bringen sich in Karachi die Sindis und die Moslems aus Indien gegenseitig um. Im Nachhinein erscheint mir Pakistan als ein Land, dessen Menschen besonders nervös und frustriert waren.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2020.

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2020/01/09

Zum 70. Geburtstag von Rio Reiser
West-Berlin 9.1.1950 - Fresenhagen/Nordfriesland 20.8.1996

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Ende der 1960er Jahre war ich der Ansicht, dass moderne Musik und deutsche Texte unmöglich zusammen passen. Es war die Zeit der Beatles und der Rolling Stones und zahlreicher weiterer englischer Musikgruppen, die die englische Sprache so wunderbar in Musik umsetzten. Im westberliner Radio spielte man bald nur noch englische Songs. Deutsche Schlager hörte ich kaum noch, die waren nur etwas für Hinterwäldler, Unterbelichtete und ewig Gestrige. Doch dann geschah 1970 ein kleines Wunder. Die Band »Ton Steine Scherben« wurde in West-Berlin gegründet und ihr Texter und Sänger Rio Reiser schaffte es, die deutsche Sprache und die moderne Rock-Musik zusammenzubringen. Kaum jemand sonst hat das damals geschafft, vielleicht noch in Ansätzen etwas später Udo Lindenberg, aber der bewegte sich in einer etwas anderen politischen Welt. Noch später in den 80er Jahren kamen dann die Neue Deutsche Welle und noch einige andere talentierte deutschsprachige SängerInnen.
Man sagt, es gibt Sängerinnen und Sänger, die das Telefonbuch vorsingen können, und sie klingen trotzdem fantastisch. Rio Reiser hatte so eine Telefonbuchstimme, eine existentialistische Stimme.
Bei den zahlreichen anarchoiden Demos der 1970er und 1980er Jahre in West-Berlin waren die Songs von »Ton Steine Scherben« der konstante Soundtrack, der über Lautsprecher gesendet zur aufgeheizten Stimmung der Hausbesetzerkämpfe passte. Hier sind die Titel einiger sehr berühmter Songs, die sich auf ihren ersten beiden Langspielplatten finden:

Macht kaputt was euch kaputt macht!
Die letzte Schlacht gewinnen wir!
Keine Macht für Niemand!
Rauch-Haus-Song (Hausbesetzer-Hymne)
Ich will nicht werden was mein Alter ist!
Der Kampf geht weiter!
Allein machen sie dich ein!
Schritt für Schritt ins Paradies.

Diese programmatischen Songs von Rio Reiser vom Anfang der 1970er Jahre haben einen doch psychisch etwas aufgerichtet. Sie können noch heute bei YouTube im Internet angehört werden. Der Bandname »Ton Steine Scherben« soll von Heinrich Schliemann stammen. Schliemann soll, als er Troja entdeckt hatte, gesagt haben: "Alles was ich fand waren Ton, Steine, Scherben."
Rio Reiser wurde am 9. Januar 1950 in West-Berlin geboren. Sein richtiger Name war Ralph Christian Möbius. Den Künstlernamen Reiser hat er dem Roman »Anton Reiser« (1785) von Karl Philipp Moritz entlehnt.
Die Zeit der Band »Ton Steine Scherben« reichte von 1970 bis 1985. Danach machte Rio Reiser solo Musik und träumte davon, König von Deutschland zu werden. Er starb am 20. August 1996 auf seinem Bauernhof in Fresenhagen in Nordfriesland. Das sollte man anmerken, dass er schon 1975 von Westberlin aufs Land geflüchtet war. Damals begann die Ökobewegung und viele haben sich überlegt, aufs Land umzuziehen, um der Natur näher zu kommen. Auch er ist nicht in die DDR umgezogen, sondern nach Nordfriesland. Und seine Hausbesetzerzeit reichte nur von 70 bis 75.
Die Erinnerung an Westberlin und Kreuzberg in den 1970er Jahren kommt mit der Musik zurück. Ja Ja Ja, War gar nicht schlecht. Na ja, 68 war toller. Vergessene verrückte vergraute Mauerstadt der 70er. Die Reichen hatten schon ihr ganzes Geld nach Westdeutschland transferiert oder waren wenn möglich selbst nach Westdeutschland geflüchtet. Viele Mietshäuser standen leer und verfielen und wurden besetzt. In Ostberlin auf der anderen Seite der Mauer existierte der ebenfalls recht graue real existierende Sozialismus, ein anderer Kosmos, der schon bröckelte, als man Wolf Biermann hinauswarf.
Rio Reiser ist mit seiner Homosexualität immer offen umgegangen, auch das war ein Fortschritt der 70er Jahre. Dazu kann ich aber nichts sagen, weil ich nicht in der westberliner Schwulenszene unterwegs war.
Kurz vor dem Ende der DDR hat er es dann doch noch nach Ost-Berlin (Hauptstadt der DDR) geschafft. Anfang Oktober 1988 durfte Rio Reiser in der Werner-Seelenbinder-Halle 2 Konzerte singen, das war schon erstaunlich. An 2 Abenden kamen insgesamt 12.000 Besucher, Rio Reiser bekam 20.000 Westmark für die Auftritte. Die FDJ-Leitung wollte die ostberliner Jugendlichen durch Westbands bei Laune halten. Er sang auch das Lied "Der Traum ist aus", in dem es um ein Land geht, wie er es sich erträumt:

"Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiß es wirklich nicht.
Ich weiß nur eins, da bin ich sicher.
Dieses Land ist es nicht! Dieses Land ist es nicht!."

Das Publikum jubelte, aber das DDR-Jugendradio DT 64 hat das Lied aus der Übertragung herausgeschnitten. Den Song "Keine Macht für Niemand" durfte er von vorneherein nicht in Ost-Berlin singen, das war vereinbart.
Obwohl er der DDR 1988 mächtig einen vor den Bug geschossen hatte, ist Rio Reiser 1990 in die PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) eingetreten, die Nachfolgepartei der SED. Auch das war erstaunlich für einen Anarchisten. Das Ergebnis war, dass er daraufhin vom vereintdeutschen Radio boykottiert wurde.
Der Heinrichplatz an der Oranienstraße in Berlin Kreuzberg soll demnächst in Rio-Reiser-Platz umbenannt werden. Eigentlich ist es etwas schade, dass der historische Heinrichplatz verschwindet, wo dort so viel passiert ist. Aber ich finde Rio-Reiser-Platz auch nicht schlecht, zumal dort seine Songs so oft gespielt wurden. Es gibt noch viele Leute, die sich an die Musik von Rio Reiser erinnern.

Dr. Christian G. Pätzold.

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2020/01/07

Stillleben mit Kaffeekochern

stillleben
Der Kaffee kommt auch nicht von hier.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold.

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2020/01/04

Rudolph Bauer
Peace for Future: Klotzen statt Kleckern

Zum Großteil verantwortlich für Umweltverbrechen und Klimaschäden sind das Militär, die Armeen weltweit, Militärtransporte und Manöver, Rüstungswahnsinn und Waffenproduktion, die Kriege, die sog. Terrorbekämpfung und der Export von militärischen Mordgeräten. Ganz zu schweigen vom drohenden Einsatz der Atomwaffen - auch in Deutschland (20 Atombomben lagern in Büchel) und ausgehend von Deutschland!

Das Militär der USA ist beim Erdölverbrauch weltweiter Spitzenreiter. Es verbraucht pro Tag 48 Millionen Liter Öl. (Süddeutsche Zeitung vom 22. August 2019) Laut der amerikanischen Umweltjournalistin Johanna Peace ist die US-Armee für 80 Prozent beim amerikanischen Energieverbrauch verantwortlich. Dem CIA-Factbook zufolge verbrauchen nur 35 von 210 Ländern der Welt täglich mehr Öl als der Umweltvergifter Pentagon.
Allein in der Bundesrepublik sind 35.000 US-Soldaten in Kasernen stationiert. Für sie hat die deutsche Bundesregierung in den vergangenen sieben Jahren 243 Millionen Euro Steuergelder ausgegeben. Weitere 480 Millionen Euro wurden 2012 bis 2019 für militärische Baumaßnahmen der Nato, fast ausschließlich für die USA, verplant.
Mit ihrem Kriegsgerät und Manövern tragen die hier stationierten US-Militärs bei zur Landschaftszerstörung und Bodenvergiftung der Truppenübungsplätze. Die Air Base Ramstein bei Kaiserlautern ist die Flugleitzentrale für völkerrechtswidrige Drohneneinsätze. Sie ist europäische Drehscheibe für Fracht- und Truppentransporte der USA.
Wissenschaftler machen das US-Militär für den Klimawandel mitverantwortlich. Steve Kretzmann, Direktor der Organisation "Oil Change International", hat errechnet, dass amerikanische Streitkräfte während des Irakkrieges allein im Zeitraum 2003 bis 2007 an die 141 Millionen metrischer Tonnen an CO2 freigesetzt haben.
Die Stahlproduktion und die Herstellung von Beton bzw. Zement bedingen hohe CO2-Emissionen. Veit Noll berichtet in der Zeitschrift »Ossietzky« am 24. August 2019: "Für Krieg und Militär benötigt man 'besten' Stahl auch für Panzer, gepanzerte Fahrzeuge und Über- und Unterwasserschiffe. Für Start- und Landebahnen benötigt man Beton. Auch militärische Deckungen werden als Betonbunker gefertigt." In den Ausbau betonierter Verkehrswege nach Osteuropa werde neuerdings massiv investiert. "Der Transport des Militärs und dessen Ausrüstung in die Welt ist nicht CO2-neutral."
Für Greta Thunberg sind Kriege diejenigen Aktionen, welche die Umwelt am meisten zerstören. Sie vergiften die Luft, die Gewässer und den Boden, erst recht, wenn abgereichertes Uran eingesetzt wird. Kriege zerstören die Ressourcen und fügen den Menschen selbst unvorstellbares Leid zu. Das ist nicht erst in 30 oder 50 Jahren der Fall, sondern schon jetzt, aktuell. Die Armeen der USA und der NATO - die Bundeswehr einbezogen - sind die größten CO2-Erzeuger der Welt.
Jonathan Schell sowie die Herausgeber Paul J. Crutzen und Jürgen Hahn warnen seit den 1980er Jahren vor den Auswirkungen eines Atomkrieges auf Klima und globale Umwelt ("Schwarzer Himmel"), wobei Milliarden Menschen ums Leben kommen und viele Pflanzen- und Tierarten aussterben werden.
Der Arzt Dr. Lars Pohlmeier, Vorstandsmitglied der deutschen IPPNW, warnt eindrücklich vor der nuklearen Eskalation: Nach Erkenntnissen von Klimatologen hätte auch ein 'begrenzter' Atomkrieg - etwa zwischen Indien und Pakistan, oder seitens der israelischen Armee gegen den Iran - verheerende globale Folgen. Aufgrund der klimatischen Veränderung käme es zu ausbleibenden Ernten, und bis zu 2 Milliarden Menschen wären vom Hunger bedroht.

Was dagegen hilft, ist nicht Kleckern, sondern Klotzen.

Für Frieden, Abrüstung, Umweltschutz und Klimarettung - aber sofort! Es ist sonst zu spät.

Dieser Text erschien ursprünglich als Flugblatt des Bremer Friedensforums.

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2020/01/01

Willkommen in den ereignisreichen 20er Jahren !

Dr. Christian G. Pätzold

Vielleicht werden sich die Leute ja wieder so gedankenlos amüsieren wie damals in den Roaring Twenties vor 100 Jahren. Und dann kam der 2. Weltkrieg. Diesmal kommt der Klimakollaps. Es ist doch ganz egal, ob Deutschland irgendwelche Klimaziele einhält oder nicht. China, die USA, Russland, Indien, Indonesien, Brasilien, Australien etc. werden in den 20er Jahren so viele Abgase in die Atmosphäre pusten, dass es für den Zusammenbruch vieler Ökosysteme ausreicht. Das kleine Deutschland mit 1 % der Weltbevölkerung ist da ziemlich irrelevant. Aber trotzdem sollte man nicht aufgeben. Man kann zumindest ein gutes Beispiel abgeben und alles tun, was man kann. Auch wenn die Erfolgsaussichten minimal sind. Außerdem ist Europa als ganzes beim Treibhauseffekt durchaus von Gewicht. Man sollte auch mit dem Kulturbloggen weitermachen, denn etwas Freude braucht man ja auch noch.
kuhlewampe.net hat sich in den vergangenen 5 Jahren gut entwickelt und immer neue BesucherInnen verzeichnet und neue AutorInnen gewonnen, die mit facettenreichen Texten und Fotos weitere Kunstaspekte geöffnet haben. Im Jahr 2019 stand das 100. Jubiläum des Bauhaus, und damit Design und Architektur, sehr im Vordergrund. In diesem Jahr ist schon der 200. Geburtstag von Friedrich Engels im November als Highlight absehbar. Das wird ein politischer und ideengeschichtlicher Schwerpunkt. Wir sollten den immer größer werdenden Cyberspace nicht den Geschäftemachern und den Kriminellen überlassen, die unsere Daten stehlen und uns mit Fake-News überschwemmen wollen. Vielmehr sollten wir den Cyberspace mit Kultur, Kunst, Wissen und Bildung füllen, indem wir Texte, Bilder, Töne und Filme ins Netz stellen. Der Cyberspace ist eine komplett neue Welt, die im Entstehen ist, zusätzlich zur realen Welt.
Die Optik von kuhlewampe.net hat sich wieder etwas verändert. An der Stelle der Azaleenblüten vom letzten Jahr finden sich in diesem Jahr weiße Wildrosen im Mai als Hintergrundbild.
Ich möchte allen Kreativen danken, die kuhlewampe.net in 2019 so einzigartig gemacht haben: Jenny Schon, Art Kicksuch, Dr. Karin Krautschick, Markus Richard Seifert, Dr. Hans-Albert Wulf, Ella Gondek, Ingo Cesaro, Prof. Dr. Rudolph Bauer, Dr. Rudolf Stumberger, Peter Hahn & Jürgen Stich, Wolfgang Weber, Anna Gerstlacher, Sabine Rahe, Luke Sonnenglanz und Achim Mogge. Ich wünsche Allen erfolgreiche 20er Jahre! Bleibt wach und kritisch.

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