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Kuhle Wampe ist ein Film von Bert Brecht, Slátan Dudow und Hanns Eisler aus dem Jahr 1932.


2020/02/17

Free Julian Assange Now !


assange
Bildmontage von Rudolph Bauer
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2020/02/14

Dr. Hans-Albert Wulf
Faul: Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft
Teil II


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Franz von Lenbach: Der rote Schirm, 1859. Quelle: Wikimedia Commons.


Was ist Faulheit?

Ob jemand ein Müßiggänger ist, das lasse sich wie bei einer Uhr ablesen: "Die Hände verhalten sich zur Seele, wie der Zeiger einer Uhr zum inwendigen Uhrwerke; dieser deutet auswendig an, wie viel es inwendig geschlagen hat. Steht der Zeiger still, so steht auch das Uhrwerk still. Auf gleiche Weise verraten müßige Hände eine verdorbene, tote Seele." (Thomas Wiser: Vollständiges Lexikon für Prediger und Katecheten, Bd.13, Regensburg 1858, S.391) Der radikale Faule hat demnach nur ein einziges Motto: "Wer Arbeit kennt, und danach rennt, und sich nicht drückt, der ist verrückt."
Das absolute Nichtstun erfährt noch eine Steigerung in den sog. Faulheitswettbewerben, die in der neuzeitlichen Literatur immer wieder auftauchen. Am Beginn dieses Kapitels habe ich ein solches Kuriosum vorgestellt. Wer der Faulste ist, wird zum König ernannt. In seinem "Lob des Müßiggangs" zitiert Bertrand Russell eine weitere Variante: Es lagen einst zwölf Bettler müßig in der Sonne und dösten vor sich hin. Da kam ein Reisender vorbei und sprach sie an:"Wer von euch der Faulste ist, dem schenke ich einen Gulden." Sofort sprangen elf der Bettler auf und streckten dem spendablen Passanten die Hand entgegen. Nur einer blieb reglos in der Sonne liegen und - wie konnte es anders sein - er bekam den Gulden geschenkt.
Faulheit, Müßiggang, Trägheit, Nachlässigkeit, Nichtstun, Schläfrigkeit. Diese Begriffe werden in ihrer geschichtlichen Entwicklung nicht trennscharf verwendet. Im Mittelalter war das Wort Trägheit verbreitet und entstammt dem Kampf der Mönche gegen die Todsünde der Acedia. Faulheit ist das Schimpfwort, das den Diskurs im 16. und 17. Jahrhundert beherrscht. Es ist unmittelbar auf Arbeit bezogen; wer nicht arbeitet, ist faul. Demgegenüber ist das Wort Müßiggang sehr viel weiter gefasst und wird geradezu inflationär für alle nur denkbaren Abweichungen vom "normalen" Verhalten gebraucht.

"Der Hang zur Ruhe ohne vorhergehende Arbeit ist Faulheit." konstatiert der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) (Kant, Werke Bd. VII, Berlin 1917, S.276). Dies ist freilich nur eine dürre und karge Definition. Kants Kollege, der Philosoph Christian Thomasius (1655-1728) hatte bereits 100 Jahre zuvor eine differenziertere Sichtweise. Er unterscheidet zwischen grobem und subtilem Müßiggang. Der grobe Müßiggang bedarf keiner weiteren Erklärung; es ist das offenkundige faule Nichtstun, die Vernachlässigung der verordneten Pflichten. Hier ein Beispiel: Helbling steht im Büro an seinem Schreibpult und die Arbeit ödet ihn wieder einmal unsäglich an. Die Zeit will einfach nicht vergehen. "Er bemüht sich, zu versuchen, ob es ihm möglich sei, den Gedanken zu fassen, dass er jetzt arbeiten müsse." (Robert Walser: Ein Vormittag. In: Fritz Kochers Aufsätze. Genf und Hamburg 1972, S. 219) Um Zeit zu schinden, verschwindet er auf der Toilette, wo er volle zwölf Minuten zubringt. Währenddessen stürzen die Kollegen an sein Pult, um zu sehen, was er denn nun in der letzten Stunde geschafft hat. Und mit Verblüffung stellen sie fest, dass da nicht mehr als drei Zahlen stehen - sowie eine Vierte im Ansatz! Komplizierter verhält es sich mit dem subtilen Müßiggang, der sich vordergründig fleißig gibt und äußerlich vom Arbeitseifer nicht zu unterscheiden ist. Thomasius gibt ein Beispiel: Ein Bauernknecht drischt fleißig auf der Tenne zusammen mit einer Magd Korn. Das tut er aber nur mit dem Hintergedanken, nach vollbrachter Arbeit die Magd im Heu zu verführen.
Mit solchen Definitionsklaubereien und Feinheiten gibt sich der Volksmund erst gar nicht ab, sondern geht drastisch zu Werke: Der Müßiggänger ist lebendig tot. Er ist ein Leimsieder, Trödelphilipp, Murmeltier, Bärenhäuter, Drückeberger, Pflastertreter, Asphaltspucker, Schlafhaube, Tagedieb. Der Müßiggang ist der Amboss, auf dem alle Sünden geschmiedet werden. Er ist eine Angel des Teufels, womit er die Seele des Menschen fängt. Er ist ein Kopfkissen und Polster des höllischen Geistes. Er ist ein lebendiges Grab des Menschen. Er ist ein Dieb und Räuber des himmlischen Groschens. Der Müßiggang ist ein Verführer der Jugend, ein Verschwender der Zeit, ein schädlicher Schlaf der Wachenden, ein Gift allen menschlichen Seelen, der angenehmste Gast der Hölle, ein weiches Kissen des Teufels, eine sanfte Lagerstätte von allem Übel. Er ist ein Urheber der Diebstähle und Morde, ein Zündstoff der Unzucht, ein Lockvogel der fleischlichen Begierden, ein Lehrer aller Leichtfertigkeiten, eine Schwindgrube aller bösen Gedanken und ungeziemenden Gelüste. Er ist der Tugend Stiefvater, des Teufels Faulbett, der Rost eines ehrlichen Gemüts, das Unkraut eines unbesäten Ackers, die Hauptstadt des Unheils, ein Lehrmeister alles Bösen und der Höllen Pfandschilling.

Kehren wir zur Wissenschaft zurück. Der Philosoph Peter Sloterdijk definiert Faulheit und Müßiggang als "Passivitätskompetenz". Aber auch dieser launige Begriff hilft nicht weiter; denn Müßiggang resp. Faulheit müssen ja nicht notwendig durch Passivität geprägt sein. Passiv ist, wer das, was er tun soll, unterlässt. Das faule Kind, das nicht lernen will, Dienstboten, die keine Lust zum Arbeiten haben, oder Menschen, die schlicht ihre Zeit vertrödeln. Müßiggang kann sich aber auch ausgesprochen aktiv geben. Extrem ist dies beim geschäftigen Müßiggang, beim frommen Müßiggang mit seinen übertriebenen Betorgien oder dem allseits umtriebigen wollüstigen Müßiggänger der Fall.
Mit der Frage, was genau Faulheit ist und welche Ursachen sie hat, haben sich auch die Psychologie und Pädagogik intensiv befasst. Dabei geht es meist um die Ursachen und Formen von Trägheit und Faulheit bei Schulkindern. Ein Dauerbrenner durch die Jahrhunderte. Ein kleines Taschenbuch aus den 1980er Jahren trägt den Titel "Faulheit ist heilbar" und suggeriert damit, dass es sich um eine Krankheit handele. Wenn ein Kind vom Lehrer öffentlich als faul bezeichnet wird, so kann dies sein berufliches Fortkommen nachhaltig beeinträchtigen. Vor einigen Jahren war in einer Berliner Boulevardzeitung als riesige Balkenüberschrift zu lesen: "Faul! Hartherziges Lehrer-Wort auf dem Zeugnis belastet berufliche Zukunft."
Dass ein Fauler bestraft wird, ist in einer Arbeitsgesellschaft nicht verwunderlich. Gibt es aber auch den umgekehrten Fall, dass ein arbeitsamer Mensch mit dem Gesetz in Konflikt geraten kann? Dies ist der Fall, wenn z.B. ein Gelehrter am Sonntag bei offenem Fenster forscht. Die Juristen sind hier sofort zur Stelle und verweisen auf die einschlägigen Paragraphen des Feiertagsrechts. Danach macht sich strafbar, wer öffentlich sichtbar am Sonntag arbeitet. So ist es jedenfalls in einem Buch über das Feiertagsrecht von 1929 zu lesen. (Otto Nass: Das Recht der Feiertagsheiligung, Berlin 1929, S.40) Dabei ist es nicht einfach - das geben die Juristen auch zu -, einem Gelehrten am Fenster den Gesetzesbruch nachzuweisen. Welches sind die Indizien? Vielleicht Schweiß auf der Stirn? Wie soll man aber folgenden Fall beurteilen? Es steht einer mit seiner Geige auf der Straße und hat einen Hut für Spenden vor sich hingestellt. Soweit so gut. Er leistet mit seinem Violinspiel eine öffentliche Dienstleistung, die er sich mit Spenden belohnen lässt. Was aber, wenn er gar nicht richtig spielen kann? Wenn er sich fortwährend verspielt? Dann handelt es sich, - so haben es die Juristen geregelt - um keine Dienstleistung, sondern schlicht um Faulheit und Bettelei. (vgl. S. 149).

Müßiggang ist mithin kein absoluter Begriff. Was als Müßiggang oder Faulheit kritisiert wird, hängt von den jeweils vorherrschenden Formen der Arbeit ab. So wurde z.B. in einer Gesellschaft, die von körperlicher Arbeit geprägt war, der Büromensch schnell zum Faulenzer, da sein Arbeiten ja nicht unmittelbar sichtbar ist. (S.186) Wer ist ein Müßiggänger? Der Angler, der bequem auf seinem Anglerstuhl sitzt? Die Katze, die vor einem Mauseloch lauert und auf ihre Beute wartet? Wie steht es überhaupt mit dem Warten? Ist es Müßiggang, wenn jemand in einer Einkaufsschlange steht oder im Wartezimmer eines Arztes sitzt? Gibt es jemanden, der gar nichts tut?
Worin besteht der Unterschied zwischen der Muße und dem Müßiggang. Vor einiger Zeit (2011) brachte der "Spiegel" hierzu eine Titelgeschichte und warf beide Begriffe heillos durcheinander. In der Tat, beide können sich äußerlich aufs Haar gleichen. Der Augenschein kann keinen Unterschied zwischen beiden, Muße und Müßiggang, erkennen. Und doch sind es grundverschiedene Welten. Der Müßiggänger verrichtet nicht das, was er tun soll. Er flieht seine Pflichten, um sich anderweitig die Zeit zu vertreiben, oder faul in der Ecke zu sitzen. Dagegen steht derjenige, der sich der Muße hingibt, unter keinerlei Zwang. Er tut, wozu er Lust und Laune hat. Für ihn gibt es keine äußere Instanz, die mahnend an irgendwelche Arbeitspflichten erinnert. In seiner historisch klassischen Form verweist der Begriff Muße insofern auf ein bestimmtes gesellschaftliches Verhältnis. Auf die Existenz einer privilegierten Klasse, die jenseits des lästigen Alltagskrams und frei von entfremdeter Arbeit tun und lassen kann, was sie will, ohne dabei zu verhungern oder bestraft zu werden. Heute wird das "altmodische Wort Muße" (Habermas) meist etwas unscharf und ungenau durch den Begriff Freizeit ersetzt; ungenau deshalb, weil Freizeit zwar Inseln der Muße ermöglicht, sie aber nicht automatisch zur Folge hat. Der seit etwa 150 Jahren wachsende Bereich der Freizeit hat die fremdbestimmte Arbeit zwar nicht beseitigt, schafft aber immerhin Voraussetzungen für Phasen selbstbestimmten Lebens.

© Dr. Hans-Albert Wulf, Februar 2020.

Der Text ist dem Buch entnommen:
Hans-Albert Wulf: FAUL! Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft, Norderstedt 2016.
ISBN 978-3-7392-0225-9.

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2020/02/11

Dr. Hans-Albert Wulf
Faul: Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft
Teil I


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Franz von Lenbach: Italienerknaben, 1859. Quelle: Wikimedia Commons.


Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Als er im Sterben lag, rief er sie zu sich und sprach: "Wer von euch der Faulste ist, soll mein Nachfolger werden." Da sprach der Älteste: "So gehört das Königsreich mir. Denn wenn ich schlafen will und es fällt mir ein Tropfen ins Auge, so bin ich zu faul, das Auge zu schließen." "Da bin ich doch noch viel fauler", entgegnete der Zweite. "Wenn ich am Ofen sitze und verbrenne mir dabei die Füße, so bin ich zu faul, sie zurückzuziehen." Darauf der Dritte: "Das ist doch noch gar nichts. Wenn ich aufgehängt werden sollte und hätte den Strick schon um den Hals und man gäbe mir ein Messer, um den Strick zu zerschneiden, so wäre ich dazu zu faul und würde mich lieber aufhängen lassen." Als der König dies hörte, sprach er: "Du bist der Faulste und sollst König werden." Und auch in dem berühmten Märchen vom Schlaraffenland tragen die Faulpelze den Sieg davon. "Jede Stunde Schlafen bringt dort ein Silberstück ein und jedes Mal Gähnen ein Goldstück. Wer gern arbeitet, der wird aus dem Schlaraffenland vertrieben. Aber wer nichts kann, nur schlafen, essen, trinken, tanzen und spielen, der wird zum Grafen ernannt. Und der Faulste wird König im Schlaraffenland."
Dass die Faulen belohnt werden, gibt es freilich nur im Märchen und in der verkehrten Welt des Schlaraffenlandes. In unserer arbeitsamen Gesellschaft steht Faulheit nicht eben hoch im Kurs. "Wer arbeiten will, der findet immer Arbeit. Und wer keine Arbeit hat, ist selbst dran schuld und nur zu faul." Generell wird unterstellt, dass Arbeitslose keine Lust zum Arbeiten haben und deshalb wird ein ganzes Arsenal an Maßnahmen aufgefahren, um Druck auszuüben. Das reicht von Kürzungen des Arbeitslosengeldes, wenn man z.B. eine Vorladung zum Jobcenter versäumt hat, bis hin zum Zwang, irgendwelche oftmals völlig sinnlosen Arbeiten zu verrichten. Und immer wieder bricht über die "HartzIV-Faulpelze" ein Mediengewitter unter der Anführung der Bild-Zeitung herein. Von einer "HartzIV-Sauerei" ist die Rede. "Stoppt die Drückeberger!" "Noch nie wurde so viel geschummelt!" So die seitenfüllenden Schlagzeilen der Bild-Zeitung. (11.04.2012) Und wenn die Arbeitslosen erst einmal als Müßiggänger abgestempelt worden sind, so ist es nicht mehr weit, sie als "Müßiggängster" zu diffamieren. "Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft" verkündete der frühere Bundeskanzler Schröder 2001 in einem Interview mit der Bild-Zeitung. (05.04.2001) Dass es sich lediglich um eine verschwindende Zahl von Arbeitslosen handelt, die sich nicht korrekt verhalten, wird dabei unter den Teppich gekehrt. Und auch bei diesen handelte es sich meist nur um Terminversäumnisse bei Vorladungen zu den Jobcentern. Die Debatten über faule Arbeitslose und die Verschärfung der Sanktionen folgen bestimmten politischen Konjunkturen. Das hat jedenfalls eine Forschungsgruppe am Wissenschaftszentrum Berlin herausgefunden. "Immer wenn Regierungen ein bis zwei Jahre vor der Wahl stehen und die Konjunktur lahmt, wird die Alarmglocke 'Faulheitsverdacht!' geläutet, auch wenn es keine objektiven Anhaltspunkte dafür gibt, dass die Arbeitslosen fauler geworden sind." (Frank Oschmiansky u.a., "Faule Arbeitslose?", in: WZB-Mitteilungen, Heft 93, September 2001)
All diese Vorschriften und Zwangsmittel haben eine lange Tradition. Bereits im 18. Jahrhundert wurde die staatliche Unterstützung von Arbeitslosen mit abschreckenden Repressalien verbunden. "Die Notdürftigen, die der Staat unterhält, müssen ein schlechteres und beschwerlicheres Leben führen als der große tagelöhnerische Haufen, der nicht dürftig ist; denn sonst würde sich niemand scheuen, bald oder spät dem Staat zur Last zu fallen. Überdies muss die Zucht der vom Staat unterhaltenen Armen, insonderheit für Faulheit und Verschwendung sehr strenge und also ihre Freiheit fast militärisch eingeschränkt sein, damit der die Freiheit und das Wohlleben liebende Mensch einen Abscheu vor der Notwendigkeit der Staatshilfe behalte." (Johann Bernhard Basedow, Anschläge zu Armen-Anstalten wider die Unordnung der Bettelei, Dessau 1772, S.34f.)
Gegen das gesellschaftliche Arbeitsdiktat sind in den letzten Jahren immer wieder Bücher und Aufsätze erschienen, die das "Lob der Faulheit" anstimmen oder die "Kunst des Müßiggangs" verkünden. Meist geht es dabei um die Frage, wie man der Alltagshektik, dieser allgegenwärtigen Sisyphos-Falle, entrinnen und wie man die Faulheit und den Müßiggang von ihrem schlechten Ruf befreien kann. Mit meinem Buch knüpfe ich an diese Diskussion an, allerdings aus einer anderen, bisher eher vernachlässigten Perspektive: Mir geht es um das Problem, wie dieser epidemische Arbeits- und Geschwindigkeitswahn, der in unserer Gesellschaft mittlerweile fast alle Lebensbereiche durchdrungen hat, in die Welt gekommen ist und wie er sich ausgebreitet hat.
Ich werde die Wurzeln und Traditionen der verschiedenen Faulheitsverbote in unserer Kultur beleuchten und darstellen, mit welchen Druckmitteln und Strafen der Faulheit und dem Müßiggang in den verschiedenen Epochen unserer abendländischen Gesellschaft zu Leibe gerückt wurde. Zumal seit der frühen Neuzeit werden Faulheit und Müßiggang zu universellen Kampfbegriffen. Sie entwickeln sich zu Chiffren einer negativen Didaktik, die den Teufel an die Wand malt, um ihn besser bekämpfen zu können.
Es geht mir darum zu dokumentieren, wie der Kampf gegen Trägheit, Faulheit und Müßiggang als wichtiges Instrument eingesetzt wurde (und wird), um den heutigen disziplinierten und angepassten Menschen zu modellieren. Bei alldem soll der Streifzug durch die Vorgeschichte und Geschichte der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft mit all ihren Faulheitsverboten dazu verhelfen, den Blick für ihre Überwindung zu schärfen.

Der Zwang zum Selbstzwang

In seinem Werk über den »Prozess der Zivilisation« hat der Soziologe Norbert Elias diesen gesellschaftlichen Wandel eindrucksvoll dargestellt. Er beschreibt "die Verwandlung der gesellschaftlichen Fremdzwänge in Selbstzwänge, in eine automatische, zur selbstverständlichen Gewohnheit gewordene Triebregulierung und Affektzurückhaltung." (Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation, Frankfurt am Main 1978, S. 343) Dies ist ein Prozess, der mit viel Zwang, Widerständen und großen Schmerzen über die welthistorische Bühne gegangen ist.
Eine wichtige Bedeutung spielte hierbei die Verinnerlichung der Zeitdisziplin. Denn die Differenzierung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung seit der Neuzeit konnte nur funktionieren, wenn die einzelnen Handlungsketten zeitlich exakt aufeinander abgestimmt wurden. Dies bedeutete, dass die innere Uhr des Menschen auf ökonomische Erfordernisse umgestellt werden musste. Waren bislang die Arbeitsabläufe von der Natur bestimmt, so tritt nun mit der Ausbreitung der kapitalistischen Ökonomie ein neues Zeitreglement an ihre Stelle. Der äußere Zwang der Fabriksirene wird Schritt für Schritt durch Elemente des Selbstzwangs ergänzt und schließlich auch ersetzt. Begünstigt und forciert wurde dieser Wandel durch die Uhrenentwicklung. An die Stelle der Fabriksirene tritt der häusliche Wecker, der gleichsam als Prothese des Selbstzwangs dient.
Bei den Selbstzwängen unterscheidet Elias zwei Varianten: 1. Die bewusste Selbstkontrolle; hierzu gehört auch das Gewissen, welches gleichsam als Buchhalter der Seele fortwährend Ist- und Sollwert des eigenen Verhaltens abgleicht und gegebenenfalls Korrekturen anmahnt. 2. Eine unbewusst arbeitende "Selbstkontrollapparatur", bei der die gesellschaftlichen Regeln und Verhaltensweisen in Fleisch und Blut übergegangen sind und sich so unwillkürlich wie ein Wimpernschlag zu automatisch funktionierenden Gewohnheiten herausbilden.
Im Laufe der Geschichte haben sich diese "Selbstkontrollapparaturen" immer mehr verfeinert und perfektioniert. In einem 1930 erschienenen Buch mit dem Titel »Sich selbst rationalisieren« wird dem Selbstzwang mit dramatischen Worten eine geradezu existentielle Bedeutung beigemessen: "Sich selbst nicht gehorchen, das ist eine Schande, das ist ein schleichendes Gift, das zermürbt Charakter und Willen sowie Energie, Ausdauer und Selbstachtung wie eine versteckte, unerkannte, schleichende, tückische Krankheit, die den Körper langsam zerstört." (Grossmann, S. 159) Und in einem kürzlich (11. April 2015) erschienenen Artikel der "Wirtschaftswoche" nehmen die Gymnastikübungen des Selbstzwangs geradezu groteske Züge an: "Auch die intelligente Führung der eigenen Person macht die gute Führungskraft aus. Heißt konkret: Sie handelt im Optimalfall stets bewusst, formt die Persönlichkeit und zahlt so auf die 'Marke Ich' ein."

© Dr. Hans-Albert Wulf, Februar 2020.

Der Text ist dem Buch entnommen:
Hans-Albert Wulf: FAUL! Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft, Norderstedt 2016.
ISBN 978-3-7392-0225-9.

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2020/02/07

Erinnerung an Hatun Sürücü
West-Berlin 17.1.1982 - West-Berlin 7.2.2005


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Vor 15 Jahren, am 7. Februar 2005, wurde Hatun Sürücü von einem ihrer Brüder in Berlin Tempelhof (Oberlandstraße Ecke Oberlandgarten) durch 3 Kopfschüsse ermordet. Es war ein so genannter Ehrenmord, begründet damit, dass sie sich nicht an die Vorschriften ihrer Familie halten würde und ein selbständiges freies Leben führen wollte. Hatun Sürücü war eine türkeistämmige Deutsche kurdischer Herkunft, die in Berlin geboren wurde und in Berlin Kreuzberg aufgewachsen war. Mit 16 Jahren wurde sie von ihren Eltern mit ihrem Cousin in Istanbul zwangsverheiratet. 1999 kam sie allein nach Berlin zurück, wo sie ihren Sohn zur Welt brachte, das Kopftuch ablegte und eine Lehre als Elektroinstallateurin machte. Mehrmals hatte Hatun Sürücü der Polizei von Morddrohungen gegen sich berichtet, hatte aber keinen Schutz erhalten. In Berlin Neukölln erinnert die Hatun-Sürücü-Brücke an sie.

Dr. Christian G. Pätzold, Quelle Wikipedia.


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Gedenktafel für Hatun Sürücü. Oberlandstraße Ecke Oberlandgarten in Berlin Tempelhof.

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2020/02/05

Hannes Wader, Volkssänger
Ein Sänger, der nicht stumm zu boykottieren war

Dr. Christian G. Pätzold


Für uns alte 68er (wir sind inzwischen alle schon alt beziehungsweise uralt) war der deutsche Volkssänger Hannes Wader eine große Unterstützung. Seine Arbeiterkampflieder haben uns Kraft gegeben. Er war ein echter Genosse mit einer phantastischen Stimme, kräftig und klar. Seine Lieder wurden so populär, dass sie sogar später im Musikunterricht der Schulen gesungen wurden. Seit den 1970er Jahren war ich ein Fan von Hannes Wader, ohne ihn live erlebt zu haben. Ich besaß nur eine Platte von ihm, sein Album "Volkssänger" von 1975. Obwohl sich Hannes Wader selbst Volkssänger nannte, sollte man ihn vielleicht besser einen Folk Singer nennen, denn Volk klingt so völkisch und nationalistisch, was er bestimmt nicht ist.
Das Terrain ist vermint, denn das Wort "Volk" wurde in der deutschen Sprache in sehr unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Da gab es die rechte faschistische Verwendung, in der "Volk" eine bestimmte ethnische und biologische Gemeinschaft bezeichnete, in Abgrenzung zu anderen Menschen, wie etwa in "Volksgemeinschaft" oder "Völkischer Beobachter". Und es gab die linke sozialistische Verwendung, in der "Volk" die breite Masse der Menschen bezeichnete im Gegensatz zu einer herrschenden Oberschicht, wie etwa in "Volksrepublik". Diese letztere Verwendung von Volk war überhaupt nicht nationalistisch gemeint. Hannes Wader war ein Volkssänger in diesem internationalistischen Sinn.
Hannes Wader wurde 1942 bei Bielefeld geboren. Sein erster Auftritt war 1966 beim Folkfestival auf der Burg Waldeck. 1968 war er im West-Berlin der Studentenbewegung und dort in der Liedermacherszene aktiv. Seit herauskam, dass Gudrun Ensslin von der Baader-Meinhof-Gruppe 1972 in seiner Hamburger Wohnung lebte, wurde er von Fernsehen und Funk boykottiert. 1977 trat er dann in die DKP (Deutsche Kommunistische Partei) ein, worauf sein Name in den westlichen Medien nicht einmal mehr erwähnt werden durfte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der DDR trat er 1991 wieder aus der DKP aus.
Eine Mitgliedschaft in der DKP haben sich damals nicht viele getraut. Denn Kommunisten waren in der BRD mit einem Berufsverbot belegt. Viele Linke hielten den sowjetischen Kommunismus auch für zu bürokratisch, so dass sie nichts mit der DKP zu tun haben wollten. Seit Hannes Wader aus der DKP ausgetreten ist, war er natürlich bei den DKP-Mitgliedern durchgefallen. Ja, die DKP gibt es immer noch. Aber für diese Altkommunisten zählten nur noch die Liedermacher Franz Josef Degenhardt (1931-2011) und Dieter Süverkrüp (geboren 1934), die in der Partei geblieben waren.
Ich wollte Hannes Wader dann doch noch im April 2015 live bei einem Konzert in Potsdam erleben. Nach so vielen Jahrzehnten war er mit seiner Gitarre immer noch auf Tour und auf den Bühnen, obwohl er im Juni 2012 schon 70 Jahre alt geworden ist. Leider war der Nikolaisaal in Potsdam mit 600 Plätzen schon frühzeitig ausverkauft, so dass ich keine Karte mehr bekommen habe.
Ich habe eine kleine Rechnung angestellt. Der Nikolaisaal in Potsdam hat über 600 Plätze. Und die Eintrittskarten kosteten 30 Euro. Das ergibt nach Adam Riese: Hannes Wader nimmt an einem Abend von 2 Stunden 18.000 Euro ein. Das ist schon ein ganz schönes Sümmchen für einen Volkssänger mit einer Gitarre unter dem Arm. Hannes Wader dürfte inzwischen eigentlich durch seine Tonträger und Auftritte Multimillionär geworden sein. Trotzdem würde ich ihn noch als Genossen bezeichnen, zumindest als Genosse Millionär.
Deutschland hat in den letzten 50 Jahrzehnten einige talentierte Barden gesehen wie Reinhard Mey, Konstantin Wecker oder Ingo Insterburg. Aber am höchsten schätze ich doch Hannes Wader wegen seiner politischen Stellungnahme, wegen seines Naturtalents und wegen seines Fleißes, denn er hat alle Arbeiterlieder gesungen und auf Platte aufgenommen. Er ist für mich der ultimative Folksinger in jeder Hinsicht.
Nachdem ich den Auftritt in Potsdam vermurkst hatte, hatte ich mir rechtzeitig eine Karte für seinen Auftritt in Rostock im Oktober 2015 besorgt. Da ich schon früh von Berlin mit dem Bus losgefahren war, konnte ich mir auch die schöne Hansestadt Rostock etwas ansehen. Denn ich war vorher noch nie in Rostock.
Der Veranstaltungsort in Rostock-Marienehe, die Moya Kulturbühne, war ein ziemlich hässlicher Bau in einer Art Gewerbegebiet. Aber innen war die Einrichtung schon besser und es gab im Konzertsaal eine Bar. Die Fans von Hannes Wader waren raumfüllend erschienen und überwiegend ältere Semester so um die 60. Ich habe in der ersten Reihe einen Platz erwischt.
Hannes Wader begann gleich mit seiner Erkennungsmelodie, seinem bekanntesten Lied »Heute hier, morgen dort«, von dem ich hier ein paar Zeilen zitieren möchte:

"Heute hier, morgen dort,
bin kaum da, muss ich fort,
hab mich niemals deswegen beklagt.
Hab es selbst so gewählt,
nie die Jahre gezählt,
nie nach gestern und morgen gefragt.

Manchmal träume ich schwer
Und dann denk ich, es wär
Zeit zu bleiben und nun
was ganz andres zu tun.

So vergeht Jahr um Jahr
Und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt,
wie es war."

Er hat schön von seiner Solidarität mit der Arbeiterklasse gesungen, aus der er selbst kommt. Er hat sogar auf Französisch, Englisch und Griechisch gesungen, wobei mich seine Aussprache nicht so ganz überzeugt hat. Von seinem großen Vorbild, dem Chansonnier und Anarchisten Georges Brassens (1921-1981), hat er »Les copains d’abord« (1965) gesungen.
Seine Stimme war noch immer unverwechselbar und stark. Er pickte auch noch ganz munter auf seinen Gitarren herum, die er nach jedem Lied auswechselte. Er hat das Lied vom Deserteur gesungen und ein Lied über Lampedusa. Es hat mich gefreut, dass Hannes Wader immer noch ein politischer Mensch ist. Und Carl Michael Bellman (1740-1795), den alten Schweden, berühmt für seine Sauf- und Liebeslieder, hat er auch gesungen. Auch das Volkslied »Die Gedanken sind frei« hat er angestimmt. Er hat jahrzehntelang Verschiedenes gesungen und er hat wirklich ein riesiges Repertoire.
Hannes Wader ist ein alter 68er und davon hat er auch gesungen, wie ihm vor dem Springer-Hochhaus in West-Berlin damals die Zähne von der Polizei ausgeschlagen wurden. Dann hat er noch verraten, dass er kurz vor seinem Tod in die NPD eintreten wird, damit ein Nazi stirbt, und nicht ein aufrechter Demokrat. Das war wieder typisch Wader. Zum Schluss hat er noch 3 Zugaben gegeben und zum Mitsingen »Sag mir wo die Blumen sind« angestimmt. Die Gäste meinten: "Es war ein schöner Abend".
Als Chansonnier oder Singer-Songwriter wird man natürlich mit solchen internationalen Größen wie Bob Dylan, Leonard Cohen, Pete Seeger oder Charles Aznavour verglichen. Ich finde, Hannes Wader brauchte sich da nicht zu verstecken. Er hat ein beeindruckendes Lebenswerk geschaffen. Am ehesten erinnert er mich wahrscheinlich an Joan Baez, die bis vor kurzem auch noch munter auf Tour um die Welt reiste.
Damals im Oktober 2015 kamen gerade die vielen syrischen Flüchtlinge am Rostocker Hauptbahnhof an. Rostock war für die Flüchtenden nur ein Zwischenstopp, sie wollten weiter mit der Fähre über die Ostsee nach Schweden. Ich habe dort die jungen deutschen Menschen gesehen, die als Freiwillige die Flüchtlinge mit Kleiderspenden, Schuhen und warmem Tee begrüßt haben, die ganze Nacht durch. Die Parole war: "Refugees Welcome".

Es gibt ein Buch von Hannes Wader, in dem er auch seine Lebensstationen beschreibt:
Hannes Wader Liederbuch, Herausgegeben von Beate Dapper, kunterbundedition, Mainz 2007 (4. Auflage).
Einige Platten, die ihn berühmt machten, waren:
1974 Plattdeutsche Lieder
1975 Volkssänger
1977 Hannes Wader singt Arbeiterlieder.

In den letzten 2 Jahren ist er nicht mehr auf Tour gegangen, sondern hat seine Autobiographie geschrieben, die jetzt veröffentlicht wurde:
Hannes Wader: Trotz alledem. Mein Leben, München 2019, 592 Seiten.

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2020/02/02

Das Zentrum für Politische Schönheit will die Asche von in Auschwitz ermordeten Juden vor dem Reichstagsgebäude in Berlin ausgestellt haben, an der Stelle, an der die bürgerlichen Parteien 1933 für das Ermächtigungsgesetz der Nazis gestimmt haben


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Aktion "Sucht nach uns!"
"Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann."
So wird der in Auschwitz ermordete Salmen Gradowski zitiert.

Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, 4. Dezember 2019.

Das Zentrum für Politische Schönheit wurde 2008 gegründet. Künstlerischer Leiter ist der Berliner Aktionskünstler Philipp Ruch.
Frühere Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit waren unter anderen:
Im Jahr 2012 die Aktion "Sarkophag Oberndorf": Ein Sarkophag aus Beton sollte nach dem Vorbild des Atomkraftwerks Tschernobyl über der "Todeszone" des Rüstungsunternehmens Heckler & Koch mit Sitz in Oberndorf am Neckar errichtet werden.
2016 die Aktion "Flüchtlinge fressen - Not und Spiele": Die geplante Verspeisung von Flüchtlingen durch Tiger in einem Käfig vor dem Maxim-Gorki-Theater in Berlin als Protest gegen das Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer.
Im Jahr 2017 folgte der Nachbau des Berliner Holocaust-Mahnmals vor dem Haus des thüringischen AFD-Chefs Björn Höcke in Bornhagen. Höcke hatte das Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" bezeichnet und "eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" gefordert.

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2020/01/31

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2020/01/28

Friedrich Pollock

von Dr. Jörg Später, Freiburg


Um 1930 herum traten sie, so erinnerte sich der junge Theodor Wiesengrund Adorno, als das verschworene "Freundespaar Lenin und Trotzkij" auf, Max Horkheimer und Friedrich Pollock, beides Unternehmersöhne um die 35 Jahre alt, die gegen das System rebellierten, das ihre Familien wohlhabend gemacht und ihnen, als deutsche Juden, den sozialen Aufstieg ermöglicht hatte. Pollock stammte aus Freiburg, wo sein Großvater Salomon das "Damenkonfektionsgeschäft S. Pollock" in der Eisenstraße 6 eröffnet hatte. Nach dessen Tod 1899 übernahm Friedrichs Vater Julius den Laden. Als die Familie 1914 nach Stuttgart übersiedelte, verkaufte er das Geschäft an seine Angestellte Adele Rüdenberg, die 1935 von den Nazis zum Verkauf gezwungen wurde und sich 1939 das Leben nahm.
Pollock und Horkheimer lebten seit Beginn der 1920er Jahre zusammen in Kronberg im Taunus in einer Wohngemeinschaft, waren Teilnehmer an der legendären "Ersten Marxistischen Arbeitswoche" am Pfingstwochenende 1923 in Jena mit Karl Korsch und Georg Lukács, zudem an der Gründung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung beteiligt. Während die Weimarer Republik nun ihre Dämmerung erlebte, wurde Horkheimer Direktor des ersten marxistischen Forschungsinstituts in Deutschland, und zwar als Nachfolger des schwer erkrankten Carl Grünberg, den sein Assistent Pollock zuvor interimsmäßig vertreten hatte.

Nach der Flucht vor den Nazis wurde Pollock neben Horkheimer geschäftsführender Direktor des zuvor evakuierten Instituts und versuchte, "das Goldschiff behutsam an allen bedrohlichen Klippen" vorbei zu lotsen, wie der argwöhnische Siegfried Kracauer kommentierte. Was nicht immer gelang, denn Pollock verspekulierte in New York einen großen Teil des von Hermanus Weil gestifteten Institutsvermögens. Aber nicht nur viel Geld, sondern auch der kämpferische Marxismus blieb angesichts der Erfahrungen von Flucht, Krieg und nicht zuletzt des Judenmords auf der Stecke. Pollock kehrte mit Horkheimer 1950 nach Frankfurt zurück, wo sie das Institut in der Senckenberganlage wiedereröffneten, und zog sich ein knappes Jahrzehnt später mit dem Freund ins Tessin zurück, wo er 1970 starb. Immer stand Pollock im Schatten Horkheimers, der ihm zusammen mit Adorno die »Dialektik der Aufklärung« gewidmet hatte - beteiligt war Pollock an dem Buch eben nicht, außer natürlich als betroffener Zeitzeuge in Sachen beschädigter Lebenserfahrung.
Doch der Ökonom mit politischem Hintergrund war nicht nur Geschäftsführer, sondern selbst Wissenschaftler. 1923 reichte er seine Dissertation zum Marx’schen Geldbegriff an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt am Main ein. Sie stand unter der Prämisse, dass die politische Ökonomie die einzige "universale Grundwissenschaft" sei, weil die "Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens" aller Kultur und allen Denkens vorausgehe. Die Differenz von Wesen und Erscheinung, verdinglicht im Phänomen des Geldes, das die Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse verschleiere, war für Pollock der Ausgangspunkt kritischer Wissenschaft, zeitgleich und ähnlich wie bei anderen materialistischen Ideologiekritikern wie Korsch und Lukács. In dieser Zeit bildete sich im deutschen Sprachraum das heraus, was man später den "westlichen Marxismus" (Maurice Merleau-Ponty) nennen sollte.

Jetzt werden Pollocks Schriften geborgen. Philipp Lenhard, wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München hat diese Aufgabe in Angriff genommen. Er selbst wird 2019 im Jüdischen Verlag, der zu Suhrkamp gehört, eine Biographie des Schattendenkers der "kritischen Theorie" veröffentlichen. Die Gesammelten Schriften, die im kleinen und linken Freiburger ça-ira-Verlag ohne großes Mäzenatentum erscheinen, sind auf sechs Bände angelegt, von denen der erste nun erschienen ist, nämlich die "Marxistischen Schriften" aus jenen 1920er Jahren, in denen das Freundespaar sogar die Aufmerksamkeit des Frankfurter Polizeipräsidenten auf sich zog, der sie einwandfrei als Kommunisten identifizierte. Zu dem Band gehört neben der erwähnten Dissertation auch eine Streitschrift gegen Werner Sombart, der einem faschistischen Ständestaat das Wort redend nicht nur die Grundlagen des Marxismus attackiert, sondern auch die Juden zu Hauptakteuren des Kapitalismus stilisiert hatte. Lenhard meint, die Sombart-Kritik von 1926 könne man als die erste faschismustheoretische Studie des Instituts lesen.
Die bekannteren Texte Pollocks über die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion, seine Habilitationsschrift von 1929, und seine Analyse des Nationalsozialismus als "Staatskapitalismus" von 1941, die für einen fruchtbaren wie aufschlussreichen Streit vor allem mit Franz L. Neumann sorgte, werden in den Bänden zwei (Planwirtschaft und Krise) und drei (Nationalsozialismus und Antisemitismus) aufgenommen werden. Der vierte Band umfasst die Schriften nach 1945 des Frankfurter Professors für Volkswirtschaftslehre und Soziologie zur Automation, der fünfte Vermischtes und der sechste - für Historiker der sicherlich spannendste - eine ausgewählte Korrespondenz.
Pollock galt vielen als "die graue Eminenz" des Instituts für Sozialforschung. Nun wird ein, wenn auch kleiner, Scheinwerfer auf ihn gerichtet, der ihn als Autor zeigt, was erst verstehen lässt, warum er ein kongenialer Partner Horkheimers werden konnte. Noch gespannter aber darf man auf die Biographie über diesen besonderen Zeitzeugen sein, der Auskunft über die Ursprünge des westlichen Marxismus, die Vertreibung der jüdischen Intelligenz aus Deutschland, ihr Wirken im Exilland Amerika und die Rückkehr ins Haus der Henker geben wird. Dann auch wird vielleicht das Rätsel gelöst werden, wer von den beiden Freunden einst Lenin war und wer Trotzkij.

© Dr. Jörg Später, Januar 2020.

Anmerkung: Die von Philipp Lenhard verfasste Biographie Pollocks ist inzwischen erschienen.

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2020/01/27

Holocaustgedenktag
International Holocaust Remembrance Day

Heute ist der 75. Jahrestag. Der 27. Januar ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust (des Nazi-Völkermords, im Hebräischen Shoa genannt), Er wurde von den Vereinten Nationen eingeführt, um an den Holocaust und an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 zu erinnern. Bei dem in Polen gelegenen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau handelte es sich um das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalfaschismus. Etwa 1,1 Millionen Menschen wurden hier von deutschen Nazis in Gaskammern ermordet. Insgesamt fielen über 5,6 Millionen Menschen, die meisten Juden, aber auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, politisch Andersdenkende und andere Verfolgte der NS-Diktatur, dem Holocaust zum Opfer. Erinnerung an die Gräuel der Nazis und an die aktuellen Gefahren des wieder erstarkenden Faschismus.


Bilder aus dem KZ Ravensbrück

Fotografiert von Manfred Gill

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Fritz Cremer: Müttergruppe im KZ Ravensbrück.
3 Frauen tragen eine zusammengebrochene 4. Frau.
Am Weg vom Bahnhof zum Lager, wo die Angekommenen unter den Augen der Anwohner
durch Fürstenberg/Havel getrieben und gestoßen wurden.

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2020/01/25

"All the world's a stage,
And all the men and women merely players.
They have their exits and their entrances,
And one man in his time plays many parts."

William Shakespeare, As You Like It.


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2020/01/22

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2020/01/19

Häuser, fotografiert von Luke Sonnenglanz


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2020/01/16

Tagebuch 1973, Teil 38: Taxila

Dr. Christian G. Pätzold

taxila
Buddhistische Füße in Taxila. Quelle. Wikimedia Commons.


24. September 1973, Taxila, Montag

Am Morgen sind meine Reisepartnerin, unsere neuen pakistanischen Freunde und ich mit dem Bus nach Taxila gefahren. Das Touristenbüro in Taxila konnte uns mehrere Prospekte geben. Wir haben dann eine Pferdekutsche für 15 Rupees für den ganzen Tag gemietet, der Kutscher wollte uns zu allen interessanten archäologischen Stätten fahren, die über ein größeres Areal verteilt sind. Taxila liegt etwa 30 Kilometer nordwestlich von Rawalpindi entfernt. Taxila war die Hauptstadt des großen Reiches Gandhara im Nordwesten von Pakistan, das von etwa 500 vor unserer Zeitrechnung bis etwa 500 nach unserer Zeitrechnung bestand. Die Stadt war nicht nur ein Handelszentrum, sondern hatte damals auch eine berühmte Universität. Die archäologischen Überreste der Stadt wurden im 20. Jahrhundert teilweise ausgegraben.
Alexander der Große nahm die Stadt im Jahr 326 v.u.Z. kampflos ein, aber die Herrschaft der Griechen endete schon 317 v.u.Z. Die Beziehungen zu Griechenland dauerten aber länger an. Zahlreiche Kulturen, die griechische, die buddhistische, die zarathustranische sind sich hier begegnet. Taxila war der historische Hotspot, an dem die antike europäische Kultur, die chinesische Kultur und die indische Kultur vor 2.000 Jahren aufeinander trafen. Die Ruinen liegen in einer pastoralen Landschaft, Trockengras mit mittelhohen, Schatten spendenden Bäumen.
Wir sind zuerst zu den Resten von zwei buddhistischen Klöstern mit Stupas gefahren. Stupas sind kegelförmige Grabstätten, relativ hohe Bauwerke, die zur Aufnahme von Reliquien Buddhas oder von Buddhas Asche dienten oder die einfach nur ein kultisches Denkmal darstellten. In Burma heißen die Stupas Pagoden. Die Form der Stupas hat sich aus der von Grabhügeln entwickelt. Die Stupas von Taxila gehören zu den ältesten, sie stammen aus der Zeit Ashokas aus dem dritten Jahrhundert v.u.Z. Der indische König Ashoka (304-232 v.u.Z.) bekannte sich nach großen Eroberungszügen zum Buddhismus und förderte dessen Ausbreitung durch das Entsenden von Missionaren.

Mr. Muhammad R. und sein Freund, die uns auf diesem Ausflug nach Taxila begleiteten, haben dann Essen besorgt und wir haben ein Picknick in der wunderschönen Landschaft veranstaltet. Der Wächter an der Stupa bei Mohra Muradu hat uns Wasser gegeben und den Brunnen gezeigt. Dann haben wir noch einen zoroastrischen Tempel gesehen, der griechische ionische Säulen hatte. Auch die Buddhafiguren, die in großer Anzahl gefunden wurden, sind durch die griechische antike Kunst beeinflusst. Von Taxila gelangte die Idee der griechisch beeinflussten Buddhafigur bis nach China und Japan. Es waren auch Hakenkreuzsymbole, Swastikas auf Schmuck, Fußbodenfliesen, Siegelringen und Münzen zu sehen.

Wir sind mit dem Zug nach Rawalpindi zurückgefahren. Im Punjab wird Punjabi und Urdu gesprochen, mit vielen englischen Wörtern dazwischen, was einigen Leuten nicht passt, denn sie wenden sich gegen allen englischen Einfluss und wollen stattdessen zum reinen Islam zurückkehren. Wir waren im Bazar, in dem wir im Teeladen noch Medizin gegen Mückenstiche gekauft haben. Außerdem haben wir Süßigkeiten gekostet. Wir haben auch die Spezialität Betel (Pan) gekostet, ein Blatt mit Kräutern, Samen, Ketchup oder so ähnlich zum Kauen und Ausspucken, was hier und in Indien sehr beliebt ist, weswegen überall rote Flecken auf dem Fußboden zu sehen sind. Die Leute im Bazar haben uns wieder als Attraktion umringt und waren sehr kontaktfreudig. Es war ein guter Tag.

Postskriptum Januar 2020:
Die archäologischen Stätten von Taxila sind seit 1980 Weltkulturerbe der UNESCO. Taxila lag geografisch günstig an der historischen Fernhandelsstraße Grand Trunk Road nach Indien und an der Seidenstraße nach China. Die Stadt Taxila wurde bereits in den indischen Epen Ramayana und Mahabharata erwähnt. Die gegenseitige gedankliche Bereicherung der Menschen lebte weiter in den Jahrhunderten, auch wenn die Stadt, in der das alles passiert war, längst nur noch aus ruinösen Steinen bestand.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2020.

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2020/01/12

Tagebuch 1973, Teil 37: Von Peshawar nach Rawalpindi

Dr. Christian G. Pätzold


22. September 1973, Peshawar - Rawalpindi, Sonnabend

Wir sind zur Bank marschiert und haben 30,- DM 1:4 gewechselt und haben die soldatenbewachte Bank wieder verlassen. Angesichts der Armut werden Banken hier anscheinend oft überfallen. Auch bei der Bank sind die jungen Männer wieder nahezu ausgeflippt angesichts meiner Reisepartnerin, da sie unverschleierte Frauen nicht gewöhnt sind. Nach erbittertem Handeln hat uns eine Pferdekutsche für 2 Rupees zum Bahnhof befördert, wo wir nach Ausfüllen etlicher Formulare zwei Studententickets 1. Klasse für 24 Rupees nach Rawalpindi bekommen haben.
Im Zug gab es vier Klassen sowie abgetrennte Frauenabteile. In der 1. Klasse gab es keine Glasfenster, nur Holzbretter zum Hochschieben, dafür aber zwei Ventilatoren und es war leer. Der Zug war ein Bummelzug und brauchte für die 160 Meilen von Peshawar nach Rawalpindi über 6 Stunden. Wenn er schneller gefahren wäre, wäre er wahrscheinlich bei diesem Schienennetz entgleist. An den Bahnhöfen unterwegs wurde unser Fenster von dichten Männertrauben umringt, die gafften. Hier bekam man den pakistanischen Islam ganz schön zu spüren. Die jungen Männer litten wahrscheinlich sehr unter dem Kontaktverbot mit Frauen. Außerdem waren viele von ihnen arbeitslos und hatten den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als auf der Straße nach etwas Interessantem Ausschau zu halten. Und ausländische Touristen waren etwas Besonderes für sie.
Ein pakistanischer Student, der im Zug arbeitete, hat uns zu sich in Rawalpindi eingeladen. Nach einigem Suchen haben wir in Rawalpindi ein gutes Zimmer für 27 Rupees pro Tag gefunden.

23. September 1973, Rawalpindi, Sonntag

Am Vormittag haben wir uns im Khamran-Hotel etwas erholt. Nachmittags sind wir mit einem klapprigen Bus für 50 Paisas zur Satellite Town, einem neuen Wohnbezirk mit Privathäusern, gefahren, um unseren neuen Freund Mr. Muhammad R. zu besuchen, den wir gestern im Zug kennen gelernt hatten. Sein Vater arbeitete als Bahnbeamter bei den Pakistan Western Railways. Die Familie schien relativ wohlhabend zu sein, besaß westliche Plüschmöbel und hatte ein Bild von Mr. Muhammad Ali Jinnah (1876-1948), dem Gründer von Pakistan, an der Wand des Wohnzimmers hängen. M. A. Jinnah, dessen Mausoleum sich in Karachi befindet, wurde auch als Größter Führer (Quaid-e Azam) und Vater der Nation (Baba-e Qaum) bezeichnet. Pakistan war vor der Unabhängigkeit im Jahr 1947 wie ganz Indien eine englische Kolonie.
Bei unserem Gespräch waren keine Frauen anwesend außer meiner Reisepartnerin, aber Männer kamen öfters herein, unter anderem Mr. Riaz A., der ein Degree in Politik und Ökonomie hatte, aber seit zwei Jahren keine Arbeit fand, wie viele Leute hier, oder Mr. Kazim N., Handelsreporter bei der Daily New Times, der gleich wissen wollte, ob wir Touristen sind. Die Alternative wären unsere Freunde, die Blumenkinder, gewesen. Er war beruhigt, dass wir Touristen waren. Denn die Hippies interessierten sich ja nicht für das islamische Pakistan, sondern wollten nur schnell durchreisen ins hinduistische Indien. Er wollte auch wissen, in welchem Hotel wir wohnten.
Unser neuer Freund Mr. Muhammad R. war recht schick mit einem Playboytouch. Er hatte das Government Intermediate College besucht, war Captain vom Hockeyteam und bester Sprecher in Englisch und Urdu etc. Er hatte schon gehört, dass in Europa mehr "sex-freedom and coeducation" existieren, und wir haben ihm auch gesagt, dass uns die Situation der Frauen hier im Islam ziemlich stört. Dann haben wir noch versucht, dem Ökonomen zu erklären, dass die Volkswirtschaft ohne Frauen nicht stark zu machen sei. China baute eine Textilfabrik bei Taxila, Deutschland einen Wasserdamm, aber er wusste nichts über die Bedingungen.
Dann kamen wir auf die Situation zwischen West-Pakistan und Ost-Pakistan zu sprechen. Nach der Unabhängigkeit 1947 bestand Pakistan aus 2 Teilen: West-Pakistan im Westen von Indien gelegen und Ost-Pakistan im Osten von Indien. Ost-Pakistan erreichte 1971 mit dem Namen Bangladesch seine Unabhängigkeit. Die Forderungen von Mr. Mujibur Rahman, dem Führer in Ost-Pakistan (Bangladesch), nach zwei Währungen, getrenntem Handel und zwei Armeen wurden dadurch unterstützt, dass zirka 25 Familien das ganze Land ausgeplündert und ihr Geld ins Ausland geschafft hatten. Mr. Zulfikar Ali Bhutto, der Führer in West-Pakistan, schob jetzt die ganze ökonomische Misere auf sie und hatte ihnen ein Ultimatum gestellt, ihr Geld wieder aus Europa und Amerika abzuziehen und nach Pakistan zu bringen. Das haben sie natürlich nicht getan, sondern lebten weiter in Pakistan und scheffelten Geld, weil Herr Bhutto nichts gegen sie unternahm, wie der Ökonom feststellte.
Mr. Muhammad R. begründete die Zusammensetzung der ehemaligen pakistanischen Armee fast ausschließlich mit Westpakistanis mit dem Größenunterschied zwischen Punjabis und Bengalis von angeblich 8 Inches (das wären 20 Zentimeter), was wohl nicht stimmt, und der größeren Tapferkeit der Punjabis. "Die Punjabis sind so tapfer, dass sie die ganze Welt besiegen können." Ich hatte den Eindruck, dass die Punjabis ein recht starkes Selbstwertgefühl hatten.
Mr. Mujibur Rahman hatte auch gefordert, dass Bengali Nationalsprache in Pakistan wird, was vor 1971 nicht der Fall war, obwohl die Bengalis in der Mehrheit waren. Alles deutete auf eine Unterdrückung von Ost-Pakistan durch westpakistanische Kapitalisten und Militärs hin. Die Unabhängigkeit von Bangladesch wurde von Mr. Muhammad R. als indisch-sowjetisch-amerikanisches Komplott zur Umzingelung Chinas hingestellt. Begründung von Mr. Muhammad R. für die Teilung des indischen Subkontinents 1947: "Für die Inder sind die Kühe Götter und wir essen sie."
West-Pakistan hatte vier Provinzen: 1 Punjab, Hauptstadt Lahore. 2 Sind, Hauptstadt Karachi. 3 N.W.F.P. (North Western Frontier Province), Hauptstadt Peshawar. 4 Baluchistan, Hauptstadt Quetta.
Wir bekamen noch einen kurzen Überblick über die politische Geschichte Pakistans seit der Unabhängigkeit 1947. Bis 1973 hatte Pakistan zahlreiche Premierminister, deren häufiger Wechsel ein Indiz für die insgesamt recht instabile Situation des Landes war.

Hier folgt ein Postskriptum, das ich Ende 1988 geschrieben habe:
Der damalige (September 1973) Premierminister Zulfikar Ali Bhutto wurde von seinem Nachfolger General Mohammed Zia-ul-Haq 1979 gehängt. General Zia-ul-Haq seinerseits, der wieder stark den Islam gefördert und die Sharia eingeführt hatte, ist im August 1988 bei einem Bombenanschlag mit seinem Flugzeug abgestürzt und umgekommen. Im Moment (Oktober 1988) sind die Verhältnisse in Pakistan verworren. Gerade bringen sich in Karachi die Sindis und die Moslems aus Indien gegenseitig um. Im Nachhinein erscheint mir Pakistan als ein Land, dessen Menschen besonders nervös und frustriert waren.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2020.

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2020/01/09

Zum 70. Geburtstag von Rio Reiser
West-Berlin 9.1.1950 - Fresenhagen/Nordfriesland 20.8.1996

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Ende der 1960er Jahre war ich der Ansicht, dass moderne Musik und deutsche Texte unmöglich zusammen passen. Es war die Zeit der Beatles und der Rolling Stones und zahlreicher weiterer englischer Musikgruppen, die die englische Sprache so wunderbar in Musik umsetzten. Im westberliner Radio spielte man bald nur noch englische Songs. Deutsche Schlager hörte ich kaum noch, die waren nur etwas für Hinterwäldler, Unterbelichtete und ewig Gestrige. Doch dann geschah 1970 ein kleines Wunder. Die Band »Ton Steine Scherben« wurde in West-Berlin gegründet und ihr Texter und Sänger Rio Reiser schaffte es, die deutsche Sprache und die moderne Rock-Musik zusammenzubringen. Kaum jemand sonst hat das damals geschafft, vielleicht noch in Ansätzen etwas später Udo Lindenberg, aber der bewegte sich in einer etwas anderen politischen Welt. Noch später in den 80er Jahren kamen dann die Neue Deutsche Welle und noch einige andere talentierte deutschsprachige SängerInnen.
Man sagt, es gibt Sängerinnen und Sänger, die das Telefonbuch vorsingen können, und sie klingen trotzdem fantastisch. Rio Reiser hatte so eine Telefonbuchstimme, eine existentialistische Stimme.
Bei den zahlreichen anarchoiden Demos der 1970er und 1980er Jahre in West-Berlin waren die Songs von »Ton Steine Scherben« der konstante Soundtrack, der über Lautsprecher gesendet zur aufgeheizten Stimmung der Hausbesetzerkämpfe passte. Hier sind die Titel einiger sehr berühmter Songs, die sich auf ihren ersten beiden Langspielplatten finden:

Macht kaputt was euch kaputt macht!
Die letzte Schlacht gewinnen wir!
Keine Macht für Niemand!
Rauch-Haus-Song (Hausbesetzer-Hymne)
Ich will nicht werden was mein Alter ist!
Der Kampf geht weiter!
Allein machen sie dich ein!
Schritt für Schritt ins Paradies.

Diese programmatischen Songs von Rio Reiser vom Anfang der 1970er Jahre haben einen doch psychisch etwas aufgerichtet. Sie können noch heute bei YouTube im Internet angehört werden. Der Bandname »Ton Steine Scherben« soll von Heinrich Schliemann stammen. Schliemann soll, als er Troja entdeckt hatte, gesagt haben: "Alles was ich fand waren Ton, Steine, Scherben."
Rio Reiser wurde am 9. Januar 1950 in West-Berlin geboren. Sein richtiger Name war Ralph Christian Möbius. Den Künstlernamen Reiser hat er dem Roman »Anton Reiser« (1785) von Karl Philipp Moritz entlehnt.
Die Zeit der Band »Ton Steine Scherben« reichte von 1970 bis 1985. Danach machte Rio Reiser solo Musik und träumte davon, König von Deutschland zu werden. Er starb am 20. August 1996 auf seinem Bauernhof in Fresenhagen in Nordfriesland. Das sollte man anmerken, dass er schon 1975 von Westberlin aufs Land geflüchtet war. Damals begann die Ökobewegung und viele haben sich überlegt, aufs Land umzuziehen, um der Natur näher zu kommen. Auch er ist nicht in die DDR umgezogen, sondern nach Nordfriesland. Und seine Hausbesetzerzeit reichte nur von 70 bis 75.
Die Erinnerung an Westberlin und Kreuzberg in den 1970er Jahren kommt mit der Musik zurück. Ja Ja Ja, War gar nicht schlecht. Na ja, 68 war toller. Vergessene verrückte vergraute Mauerstadt der 70er. Die Reichen hatten schon ihr ganzes Geld nach Westdeutschland transferiert oder waren wenn möglich selbst nach Westdeutschland geflüchtet. Viele Mietshäuser standen leer und verfielen und wurden besetzt. In Ostberlin auf der anderen Seite der Mauer existierte der ebenfalls recht graue real existierende Sozialismus, ein anderer Kosmos, der schon bröckelte, als man Wolf Biermann hinauswarf.
Rio Reiser ist mit seiner Homosexualität immer offen umgegangen, auch das war ein Fortschritt der 70er Jahre. Dazu kann ich aber nichts sagen, weil ich nicht in der westberliner Schwulenszene unterwegs war.
Kurz vor dem Ende der DDR hat er es dann doch noch nach Ost-Berlin (Hauptstadt der DDR) geschafft. Anfang Oktober 1988 durfte Rio Reiser in der Werner-Seelenbinder-Halle 2 Konzerte singen, das war schon erstaunlich. An 2 Abenden kamen insgesamt 12.000 Besucher, Rio Reiser bekam 20.000 Westmark für die Auftritte. Die FDJ-Leitung wollte die ostberliner Jugendlichen durch Westbands bei Laune halten. Er sang auch das Lied "Der Traum ist aus", in dem es um ein Land geht, wie er es sich erträumt:

"Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiß es wirklich nicht.
Ich weiß nur eins, da bin ich sicher.
Dieses Land ist es nicht! Dieses Land ist es nicht!."

Das Publikum jubelte, aber das DDR-Jugendradio DT 64 hat das Lied aus der Übertragung herausgeschnitten. Den Song "Keine Macht für Niemand" durfte er von vorneherein nicht in Ost-Berlin singen, das war vereinbart.
Obwohl er der DDR 1988 mächtig einen vor den Bug geschossen hatte, ist Rio Reiser 1990 in die PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) eingetreten, die Nachfolgepartei der SED. Auch das war erstaunlich für einen Anarchisten. Das Ergebnis war, dass er daraufhin vom vereintdeutschen Radio boykottiert wurde.
Der Heinrichplatz an der Oranienstraße in Berlin Kreuzberg soll demnächst in Rio-Reiser-Platz umbenannt werden. Eigentlich ist es etwas schade, dass der historische Heinrichplatz verschwindet, wo dort so viel passiert ist. Aber ich finde Rio-Reiser-Platz auch nicht schlecht, zumal dort seine Songs so oft gespielt wurden. Es gibt noch viele Leute, die sich an die Musik von Rio Reiser erinnern.

Dr. Christian G. Pätzold.

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2020/01/07

Stillleben mit Kaffeekochern

stillleben
Der Kaffee kommt auch nicht von hier.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold.

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2020/01/04

Rudolph Bauer
Peace for Future: Klotzen statt Kleckern

Zum Großteil verantwortlich für Umweltverbrechen und Klimaschäden sind das Militär, die Armeen weltweit, Militärtransporte und Manöver, Rüstungswahnsinn und Waffenproduktion, die Kriege, die sog. Terrorbekämpfung und der Export von militärischen Mordgeräten. Ganz zu schweigen vom drohenden Einsatz der Atomwaffen - auch in Deutschland (20 Atombomben lagern in Büchel) und ausgehend von Deutschland!

Das Militär der USA ist beim Erdölverbrauch weltweiter Spitzenreiter. Es verbraucht pro Tag 48 Millionen Liter Öl. (Süddeutsche Zeitung vom 22. August 2019) Laut der amerikanischen Umweltjournalistin Johanna Peace ist die US-Armee für 80 Prozent beim amerikanischen Energieverbrauch verantwortlich. Dem CIA-Factbook zufolge verbrauchen nur 35 von 210 Ländern der Welt täglich mehr Öl als der Umweltvergifter Pentagon.
Allein in der Bundesrepublik sind 35.000 US-Soldaten in Kasernen stationiert. Für sie hat die deutsche Bundesregierung in den vergangenen sieben Jahren 243 Millionen Euro Steuergelder ausgegeben. Weitere 480 Millionen Euro wurden 2012 bis 2019 für militärische Baumaßnahmen der Nato, fast ausschließlich für die USA, verplant.
Mit ihrem Kriegsgerät und Manövern tragen die hier stationierten US-Militärs bei zur Landschaftszerstörung und Bodenvergiftung der Truppenübungsplätze. Die Air Base Ramstein bei Kaiserlautern ist die Flugleitzentrale für völkerrechtswidrige Drohneneinsätze. Sie ist europäische Drehscheibe für Fracht- und Truppentransporte der USA.
Wissenschaftler machen das US-Militär für den Klimawandel mitverantwortlich. Steve Kretzmann, Direktor der Organisation "Oil Change International", hat errechnet, dass amerikanische Streitkräfte während des Irakkrieges allein im Zeitraum 2003 bis 2007 an die 141 Millionen metrischer Tonnen an CO2 freigesetzt haben.
Die Stahlproduktion und die Herstellung von Beton bzw. Zement bedingen hohe CO2-Emissionen. Veit Noll berichtet in der Zeitschrift »Ossietzky« am 24. August 2019: "Für Krieg und Militär benötigt man 'besten' Stahl auch für Panzer, gepanzerte Fahrzeuge und Über- und Unterwasserschiffe. Für Start- und Landebahnen benötigt man Beton. Auch militärische Deckungen werden als Betonbunker gefertigt." In den Ausbau betonierter Verkehrswege nach Osteuropa werde neuerdings massiv investiert. "Der Transport des Militärs und dessen Ausrüstung in die Welt ist nicht CO2-neutral."
Für Greta Thunberg sind Kriege diejenigen Aktionen, welche die Umwelt am meisten zerstören. Sie vergiften die Luft, die Gewässer und den Boden, erst recht, wenn abgereichertes Uran eingesetzt wird. Kriege zerstören die Ressourcen und fügen den Menschen selbst unvorstellbares Leid zu. Das ist nicht erst in 30 oder 50 Jahren der Fall, sondern schon jetzt, aktuell. Die Armeen der USA und der NATO - die Bundeswehr einbezogen - sind die größten CO2-Erzeuger der Welt.
Jonathan Schell sowie die Herausgeber Paul J. Crutzen und Jürgen Hahn warnen seit den 1980er Jahren vor den Auswirkungen eines Atomkrieges auf Klima und globale Umwelt ("Schwarzer Himmel"), wobei Milliarden Menschen ums Leben kommen und viele Pflanzen- und Tierarten aussterben werden.
Der Arzt Dr. Lars Pohlmeier, Vorstandsmitglied der deutschen IPPNW, warnt eindrücklich vor der nuklearen Eskalation: Nach Erkenntnissen von Klimatologen hätte auch ein 'begrenzter' Atomkrieg - etwa zwischen Indien und Pakistan, oder seitens der israelischen Armee gegen den Iran - verheerende globale Folgen. Aufgrund der klimatischen Veränderung käme es zu ausbleibenden Ernten, und bis zu 2 Milliarden Menschen wären vom Hunger bedroht.

Was dagegen hilft, ist nicht Kleckern, sondern Klotzen.

Für Frieden, Abrüstung, Umweltschutz und Klimarettung - aber sofort! Es ist sonst zu spät.

Dieser Text erschien ursprünglich als Flugblatt des Bremer Friedensforums.

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2020/01/01

Willkommen in den ereignisreichen 20er Jahren !

Dr. Christian G. Pätzold

Vielleicht werden sich die Leute ja wieder so gedankenlos amüsieren wie damals in den Roaring Twenties vor 100 Jahren. Und dann kam der 2. Weltkrieg. Diesmal kommt der Klimakollaps. Es ist doch ganz egal, ob Deutschland irgendwelche Klimaziele einhält oder nicht. China, die USA, Russland, Indien, Indonesien, Brasilien, Australien etc. werden in den 20er Jahren so viele Abgase in die Atmosphäre pusten, dass es für den Zusammenbruch vieler Ökosysteme ausreicht. Das kleine Deutschland mit 1 % der Weltbevölkerung ist da ziemlich irrelevant. Aber trotzdem sollte man nicht aufgeben. Man kann zumindest ein gutes Beispiel abgeben und alles tun, was man kann. Auch wenn die Erfolgsaussichten minimal sind. Außerdem ist Europa als ganzes beim Treibhauseffekt durchaus von Gewicht. Man sollte auch mit dem Kulturbloggen weitermachen, denn etwas Freude braucht man ja auch noch.
kuhlewampe.net hat sich in den vergangenen 5 Jahren gut entwickelt und immer neue BesucherInnen verzeichnet und neue AutorInnen gewonnen, die mit facettenreichen Texten und Fotos weitere Kunstaspekte geöffnet haben. Im Jahr 2019 stand das 100. Jubiläum des Bauhaus, und damit Design und Architektur, sehr im Vordergrund. In diesem Jahr ist schon der 200. Geburtstag von Friedrich Engels im November als Highlight absehbar. Das wird ein politischer und ideengeschichtlicher Schwerpunkt. Wir sollten den immer größer werdenden Cyberspace nicht den Geschäftemachern und den Kriminellen überlassen, die unsere Daten stehlen und uns mit Fake-News überschwemmen wollen. Vielmehr sollten wir den Cyberspace mit Kultur, Kunst, Wissen und Bildung füllen, indem wir Texte, Bilder, Töne und Filme ins Netz stellen. Der Cyberspace ist eine komplett neue Welt, die im Entstehen ist, zusätzlich zur realen Welt.
Die Optik von kuhlewampe.net hat sich wieder etwas verändert. An der Stelle der Azaleenblüten vom letzten Jahr finden sich in diesem Jahr weiße Wildrosen im Mai als Hintergrundbild.
Ich möchte allen Kreativen danken, die kuhlewampe.net in 2019 so einzigartig gemacht haben: Jenny Schon, Art Kicksuch, Dr. Karin Krautschick, Markus Richard Seifert, Dr. Hans-Albert Wulf, Ella Gondek, Ingo Cesaro, Prof. Dr. Rudolph Bauer, Dr. Rudolf Stumberger, Peter Hahn & Jürgen Stich, Wolfgang Weber, Anna Gerstlacher, Sabine Rahe, Luke Sonnenglanz und Achim Mogge. Ich wünsche Allen erfolgreiche 20er Jahre! Bleibt wach und kritisch.

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