kuhlewampe.net

im 7. Jahr
Herzlich Willkommen bei kuhlewampe.net. Ein Kultur-Literatur-Gesellschaftskritik-Blog im WWW
Gründer und Herausgeber: Dr. rer. pol. Christian G. Pätzold, Berlin
Kurator für Gesellschaftskritik: Dr. phil. Hans-Albert Wulf, Berlin
Wenn Ihr hier veröffentlichen wollt, schreibt bitte an: post(at)dr-paetzold.info
Kuhle Wampe ist ein Film von Bert Brecht, Slátan Dudow und Hanns Eisler aus dem Jahr 1932.


2021/06/23


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Hier noch eine aktuelle Meldung der »jungen Welt« vom 2. 6. 2021:
"Phoenix. Im US-Bundesstaat Arizona sollen zum Tod verurteilte Häftlinge künftig mit Zyklon B hingerichtet werden. Dafür wurde extra eine 1946 gebaute Gaskammer wieder in Betrieb genommen. Das schrieben mehrere deutsche Medien am Dienstag. Zuerst hatte am Freitag der britische Guardian darüber berichtet, der im Besitz von Dokumenten der zuständigen US-Behörde ist. Das Gas Zyklon B wurde in den Vernichtungslagern der Nazis eingesetzt."


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2021/06/20

Sonnige Grüße zum Mittsommer !


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Die Sommersonnenwende kann man mit den Steinen von Stonehenge/England beobachten.
Quelle: Wikimedia Commons.


Als Mittsommer wird nicht etwa die Mitte des Sommers bezeichnet, wie man denken könnte, sondern der Sommeranfang am 20. Juni. Der Mittsommertag ist der Tag, an dem die Sonne am höchsten über dem Horizont steht. Es ist also der Tag der Sommersonnenwende. Schon lange hat dieser Tag die Menschen in Europa fasziniert und daher gab es auch Feste und Feiern, zum Teil mit Feuern.

Dr. Christian G. Pätzold.

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2021/06/18

"Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug."

Epikur aus Samos, 341-271 vuZ.
Altgriechischer Öko-Theoretiker


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Büste von Epikur, Pergamon Museum Berlin.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2021/06/15

Berliner Mietendeckel

Mietenwahnsinn und Verdrängungskrieg herrschen in Berlin.
Die Abschaffung des Berliner Mietendeckels durch das Bundesverfassungsgericht ist ein Schlag ins Gesicht für alle Mieterinnen und Mieter.
Was ist die Demokratie in Berlin wert, wenn die gewählten Abgeordneten nicht mal einen Mietendeckel beschließen dürfen?
Die Mieten sind mit ehrlicher Arbeit oft nicht mehr zu bezahlen.
Wann werden wir endlich in Frieden leben können?


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2021/06/12

Eine neue Greta Thunberg Statue
an der University of Winchester/England
gestaltet von Christine Charlesworth


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2021/06/08

Buchtipp #3
Washington Irving: »Erzählungen von der Alhambra«

von Dr. Christian G. Pätzold


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Washington Irving: Erzählungen von der Alhambra
Köln 2017. Anaconda Verlag. 367 Seiten.

Hier mal ein Buchtipp, der etwas in die Ferne schweift, sowohl räumlich als auch zeitlich. Das romantische Buch »The Alhambra« von 1832 des amerikanischen Autors Washington Irving (1783-1859) handelt vom Palast der Alhambra in Granada, einer sehr schönen Stadt in Andalusien im Süden Spaniens. Und es erzählt Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit, als die Mauren in Andalusien herrschten. Das war von 711 bis 1492, also fast 8 Jahrhunderte. Die muslimischen Krieger landeten am 30. April 711 in Gibraltar. Und am 2. Januar 1492 wurde Granada von Emir Muhammad XII. an die Katholischen Könige übergeben. Die Geschichten von der Alhambra gehen also weit ins Mittelalter zurück, es sind sagenhafte Geschichten geschrieben im Stil von »Tausendundeine Nacht«.

Um 1830 war die Zeit der Romantik in der Literatur. Die romantischen Schriftsteller waren sehr vom europäischen Mittelalter fasziniert. Das Wort Romantik taucht bei Irving selbst auf. Natürlich fehlt auch die romantische Mondnacht in den Patios der Alhambra bei Irving nicht. Die Erzählungen des Buches haben Titel wie "Die Alhambra im Mondlicht", "Erinnerungen an Boabdil" oder "Sage von den drei schönen Prinzessinnen". Vielleicht hat Washington Irving die Herrschaft der Mauren etwas romantisch verklärt. Aber immerhin konnten die Juden zur Zeit der Mauren einigermaßen friedlich in Andalusien leben. Nach der spanischen Reconquista Andalusiens begann der Terror der katholischen Kirche und der Inquisition. Die Juden wurden sämtlich aus Spanien vertrieben, wenn sie nicht zum Christentum übertraten.

Al-Hambra ist Arabisch und bedeutet "die Rote", wahrscheinlich wegen der leicht rötlichen Farbe der Mauern der Palastburg. Einige Teile des Palastes sind weltberühmt, wie der Löwenhof (Patio de los Leones) oder der benachbarte Garten des Generalife. Die Alhambra ist seit 1984 Weltkulturerbe. Noch ein Tipp für Reisende: Man sollte die Alhambra im Januar besuchen, dann bleibt man von nervenden Touristenströmen verschont und hat die Alhambra fast für sich allein. So kann man die wundervolle maurische Handwerkskunst und Architektur der Alhambra gründlich studieren.

Im Buchumschlagstext heißt es:

"Die Alhambra ist das berühmteste Bauwerk Südspaniens und die einstige Stadtburg der letzten maurischen Herrscher in Al-Andalus. Vier Monate lang lebte dort 1829 der amerikanische Schriftsteller Washington Irving und beschrieb in berauschenden Farben das Land, die Stadt und den Palast, erzählte vom Leben seiner Bewohner, von ihren Geheimnissen und den Legenden vergangener Zeiten. Er schuf ein reiches und bezauberndes Porträt, das zur Wiederentdeckung und Restaurierung der damals schon verfallenden Burg und heute attraktivsten Sehenswürdigkeit Andalusiens wesentlich beitrug."

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2021/06/05

Buchtipp #2
Rudolf Stumberger: »Wir Nicht-Erben«

von Dr. Christian G. Pätzold


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Rudolf Stumberger: Wir Nicht-Erben. Kleiner Ratgeber zum Umgang mit tabuisierten Gefühlen
Aschaffenburg 2020. Alibri Verlag. 128 Seiten.
ISBN 978-3-86569-329-7.

Dr. Rudolf Stumberger, Soziologe in München, hat ein neues Buch geschrieben: Über das Nicht-Erben, Sozialneid, Neiddebatte, Gefühle und alles was damit zusammenhängt. Vielleicht ist die Stadt München mit ihren protzenden Neureichen und ihren recht teuren Eigentumswohnungen besonders geeignet, eine Studie über dieses Thema zu verfassen. Bücher über das Erben erscheinen zahlreich, Bücher über das Nicht-Erben dagegen kaum. Daher kann man das Buch als etwas Besonderes bezeichnen, das eine Wissenslücke füllt.

Das Buch bietet eine anschauliche und gut geschriebene Geschichte des Erbens und Nicht-Erbens in Deutschland in den letzten 100 Jahren. In erster Linie handelt es sich um ein soziologisches Essay, aber die Psychologie spielt eine mindestens ebenso wichtige Rolle. Vom Nicht-Erben kommt man schnell zum ideologischen Kampfbegriff des "Sozialneids" und von dort zu einer Psychologie der Gefühle und zu möglichen Reaktionen auf die Gefühle. Von den Gefühlen gelangt Dr. Stumberger schließlich zu einer interessanten Analyse der Wandlungen des Zeitgeistes oder Zeitgefühls in Deutschland in den letzten 120 Jahren.

Dr. Stumberger schreibt: "Neid hingegen ist ein schillernder Begriff, der wissenschaftlich kaum zu greifen ist. Als "Sozialneid" dient er als ideologischer Kampfbegriff zur Diffamierung von Ungerechtigkeitsempfindungen und zur Legitimierung von leistungslosen Vermögen und Einkommen." Das Buch enthält Fotos des Autors sowie ein Literaturverzeichnis.

Im Buchumschlagstext heißt es:

"Eine größere Erbschaft verändert nicht nur das Leben des Erben, indem sie diesem neue Möglichkeiten der Lebensgestaltung erschließt, sondern wirkt auch auf das soziale Umfeld. Als leistungsloses Vermögen provoziert es bei Nicht-Erben das Gefühl sozialer Ungerechtigkeit, was dann gerne als "Sozialneid" denunziert wird. Letztlich trägt das Erben zur fortschreitenden Spaltung der Gesellschaft bei.

Wir Nicht-Erben thematisiert diesen Sachverhalt und die dabei auftretenden "illegitimen Gefühle" der Nicht-Erben. Der Autor untersucht, wie durch das Erben soziale Ungleichheit über Generationen hinweg jeweils neu produziert wird, was unter dem Begriff des "Neuen Erbens" im Nachkriegsdeutschland zu verstehen ist und welche Vorschläge zur Lösung des gesamtgesellschaftlichen Problems existieren. Und das Buch thematisiert die Frage, ob Selbsthilfe-Gruppen für Nicht-Erben sinnvoll sind."

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2021/06/02

Buchtipp #1
Victor Klemperer: »Licht und Schatten«

von Dr. Christian G. Pätzold


klemperer


Victor Klemperer: Licht und Schatten. Kinotagebuch 1929-1945
Berlin 2020. Aufbau Verlag. 363 Seiten.

Victor Klemperer (1881-1960) ist besonders durch sein Buch »LTI« (Lingua Tertii Imperii) über die Sprache des Dritten Reiches bekannt. Dieses Buch hatte er 1947 aus seinen Tagebuchaufzeichnungen zusammengestellt und im Aufbau Verlag herausgegeben. Ebenfalls aus den Tagebuchaufzeichnungen wurde jetzt das Buch »Licht und Schatten« über Klemperers Bemerkungen zu Filmen der beginnenden Tonfilmära zusammengestellt.

Der neue Tonfilm, zunächst in Schwarz-Weiß, hat Ende der 1920er Jahre viele Intellektuelle in Deutschland als neues Massenmedium fasziniert. Zu nennen ist auch Siegfried Kracauer, dessen Filmkritiken der Zeit in der »Frankfurter Zeitung« publiziert wurden. Während Kracauers Kritiken für die Öffentlichkeit geschrieben wurden, sind Klemperers Tagebuchnotizen privater, vermischt mit hellsichtigen Bemerkungen zum Geschehen der Zeit. Klemperer entging als Jude nur knapp dem Holocaust. Zu nennen in der Reihe der Filmbegeisterten ist auch Bert Brecht mit seinem Tonfilm »Kuhle Wampe« von 1932.

Der Aufbau Verlag schreibt zur Entstehung des Buches:

"Erstmals vollständig gedruckt: Victor Klemperers Tagebuchnotizen über seine Kinobesuche zu Beginn der Tonfilm-Ära. Von Anfang an erlebt der Cineast mit, wie die technische Neuerung 1929 in Deutschland Einzug hält. Nicht selten geht er mehrmals pro Woche ins Kino. Zunächst kritisch, lässt er sich schon bald von den neuen Möglichkeiten mitreißen. Von den Nationalsozialisten aber wird das Medium immer weiter vereinnahmt, Klemperer schließlich durch das Kinoverbot für "Nichtarier" 1938 ganz aus den Lichtspielhäusern verbannt. Doch nicht einmal das kann ihn fernhalten. Das leidenschaftliche Bekenntnis eines Kinomanen, der uns den Tonfilm als Spiegel deutscher Geschichte mit allen Licht- und Schattenseiten vorführt."

Zu Klemperers Biografie schreibt der Aufbau Verlag:

"Victor Klemperer wurde 1881 in Landsberg/Warthe als neuntes Kind eines Rabbiners geboren. 1890 übersiedelte die Familie nach Berlin, wo der Vater zweiter Prediger einer Reformgemeinde wurde. Nach dem Besuch verschiedener Gymnasien, unterbrochen durch eine Kaufmannslehre, studierte Klemperer von 1902 bis 1905 Philosophie, Romanistik und Germanistik in München, Genf, Paris, Berlin. Bis er 1912 das Studium in München wieder aufnahm, lebte er in Berlin als Journalist und Schriftsteller. 1912 konvertierte er zum Protestantismus. 1913 Promotion, 1914 bei Karl Vossler Habilitation. 1914/15 Lektor an der Universität Neapel. Hier entstand eine zweibändige Montesquieu-Studie. Als Kriegsfreiwilliger zunächst an der Front, dann als Zensor im Buchprüfungsamt in Kowno und Leipzig. 1919 o. a. Professor an der Universität München. 1920 erhielt er ein Lehramt für Romanistik an der Technischen Hochschule in Dresden, aus dem er 1935 wegen seiner jüdischen Herkunft entlassen wurde. 1938 begann Klemperer mit der Niederschrift seiner Lebensgeschichte "Curriculum vitae". 1940 Zwangseinweisung in ein Dresdener Judenhaus. Nach seiner Flucht aus Dresden im Februar 1945 kehrte Klemperer im Juni aus Bayern nach Dresden zurück. Im November wurde er zum ordentlichen Professor an der Technischen Universität Dresden ernannt. Eintritt in die KPD. 1947 erschien seine Sprach-Analyse des Dritten Reiches, "LTI" (Lingua Tertii Imperii), im Aufbau-Verlag. Von 1947 bis 1960 lehrte Klemperer an den Universitäten Greifswald, Halle und Berlin. 1950 Abgeordneter des Kulturbundes in der Volkskammer der DDR. 1952 Nationalpreis III. Klasse. 1953 wurde er Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Victor Klemperer starb 1960 in Dresden."

Zu Victor Klemperer seht bitte auch die Artikel vom 2018/04/27, 2018/05/28 und vom 2018/06/27 auf kuhlewampe.net.

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2021/05/31

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2021/05/28

Qi Baishi (1864-1957)
Zikade


qibaishi
Quelle: Wikimedia Commons.


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2021/05/24


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2021/05/21

Ingo Cesaro
Künstler Notgeld zum ARTerhalt

Endlich ein Aufruf zum Gelddrucken


coronanotgeld


Seit dem 20. März 2020 zwang der Lockdown Kulturschaffende dazu, nur noch von Einkünften zu träumen. Höchste Zeit auf die Tradition des Notgeldes zurückzugreifen.
Bei Cesaros Einsatz der Handnudel auf Ausstellungen wurde er immer wieder gefragt, ob es möglich wäre, auf dieser Druckpresse auch Geldscheine zu drucken. Natürlich unmöglich.
Oliver Heß aus Coburg hatte die Idee, Geldscheine für 10, 20, 50, 100, 200 und 500 zu gestalten, allerdings ohne Angabe einer Währung. Cesaro beteiligte sich mit "Coronahilfe", "Corona-Notgeld" und "Corona-Nothilfe" im Wert von jeweils 10 an dieser Aktion.

www.ingo-cesaro.de

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2021/05/18

Einbetonierte Cadillacs von Wolf Vostell

von Dr. Christian G. Pätzold


cadillacs
Wolf Vostell: Einbetonierte Cadillacs auf dem Rathenauplatz in Berlin Halensee.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, April 2021.


Auf kuhlewampe.net wurde in den vergangenen Jahren schon öfter über außergewöhnliche Plastiken im Stadtbild von Berlin berichtet, zuletzt zum Beispiel über den »Looping« von Ursula Sax (2020/12/02 auf kuhlewampe.net), auch anlässlich der Feier 750 Jahre Berlin im Jahr 1987 entworfen. Zu diesen besonderen Kunstwerken gehört sicher auch die Plastik, die sich am westlichen Ende des Kurfürstendamms befindet, im Ortsteil Halensee. Dort auf dem Rathenauplatz steht ein bemerkenswertes Etwas, das den ungewöhnlichen Titel "Zwei Beton-Cadillacs in Form der nackten Maja" trägt. Das Etwas aus dem Jahr 1987 stammt von Wolf Vostell (1932-1998), dem vielleicht wichtigsten Berliner Künstler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die nackte Maja ist ein Gemälde von Francisco Goya, das im Prado in Madrid hängt. Man kann sie natürlich auch im Internet bewundern.

Die Skulptur von Vostell war Teil des Skulpturenboulevards zur 750-Jahr-Feier Berlins. Der Skulpturenboulevard reichte vom Rathenauplatz bis zum Wittenbergplatz und umfasste 7 Skulpturen, von denen drei noch heute stehen. Vostell wollte den "24-stündigen Tanz der Autofahrer ums Goldene Kalb" entlarven. Die erbosten Autofahrer stellten daraufhin einen Trabi auf den benachbarten Grünstreifen. Heute steht der Trabi nicht mehr da, die Cadillacs aber sind geblieben.

Der Name Rathenauplatz ist eigentlich hochgestapelt. Denn der Platz ist nicht mehr als eine vom Verkehr umtoste Insel. Auch das ist noch zu poetisch ausgedrückt. Wenn man sich mit Autoabgasen und Feinstaub benebeln möchte, dann ist das der richtige Ort. Vostell wollte uns mit dieser Realität konfrontieren und die Frage stellen: Warum? Beziehungsweise: Warum nicht? Vostells Plastik ist eine Erinnerung an unsere Steuermilliarden, die für Betonpisten ausgegeben wurden. Sie ist eine Kritik an einer selbst verschuldeten Umwelt, die den Menschen schadet. Es ist wichtig, dass Vostell dieser kritische Blick auf die Realität gelang. Viele Künstler reden von Gesellschaftskritik, aber nur wenige bekommen sie auch wirklich hin. Wolf Vostell war einer der Wenigen. Vostells Kunst ist eine, die sich mit der Gegenwart des 20. Jahrhunderts auseinandersetzte, und das war gar nicht so oft zu finden, wie man denkt. Entsprechend heftig waren die Reaktionen der Autofetischisten. Es ist ein kleines Wunder, dass diese wichtige Plastik heute noch steht.

Die starke Wirkung der Plastik kommt auch durch den Widerspruch zwischen den eigentlich mobilen Autos und dem starren Beton zustande. Cadillacs waren das traditionelle Status-Symbol der amerikanischen Manager. Hier sind sie aus dem Verkehr gezogen, der Kapitalismus ist zum einbetonierten Museumsstück geworden. Seit den 1960er Jahren gelang es Vostell immer wieder, mit Bildern zu provozieren und zu schockieren. So verwendete er beispielsweise die Fotomontage ähnlich wie Robert Rauschenberg. Er war an Kunstströmungen wie der Décollage, dem Nouveau Réalisme, den Happenings und der Fluxus-Bewegung beteiligt. Mit allen diesen Verfahren wollte er das Bewusstsein für eine kritische Betrachtung der Realität schärfen. Zu seinen Weggefährten zählten Joseph Beuys und Nam June Paik.

Daher ist der Rathenauplatz an der Stadtautobahn genau der richtige Ort für die Betoncadillacs, um einmal nachzudenken. Obwohl, man könnte sie auch auf den Viktoria-Luise-Platz stellen.

Literatur:
Mercedes Vostell: »Vostell - Ein Leben lang. Eine Werkbiographie«, Berlin/Kassel 2012.


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2021/05/14

Zum 250. Geburtstag von Robert Owen
Newtown/Wales 14. Mai 1771 - Newtown 17. November 1858

von Dr. Christian G. Pätzold


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Robert Owen nach einem Ölgemälde von William Henry Brooke, 1834.
Quelle: Wikimedia Commons.


Robert Owen war ein britischer Unternehmer und Frühsozialist, der für die Geschichte des Sozialismus von großer Bedeutung war. Im Jahr 1800 wurde er Miteigentümer der Baumwollspinnerei seines Schwiegervaters im schottischen New Lanark in der Nähe von Glasgow. Er wandelte das Unternehmen in eine Musterfabrik um, indem er die Wohnverhältnisse und die Arbeitsbedingungen der Arbeiter verbesserte und einen Kindergarten und eine Schule für die Arbeiterkinder einrichtete. Seine Pläne zur Verbesserung der Lage der Arbeiter und der Gesellschaft im Allgemeinen legte er in seiner ersten Schrift »A New View of Society«, London 1812, dar. Er setzte sich für ein Verbot der Kinderarbeit, für kürzere Arbeitszeiten und für staatliche Unterstützung für die Arbeitslosen ein. Außerdem entwickelte er Pläne zu Selbsthilfeorganisationen der Arbeiter, wie Genossenschaften, Konsumvereine bis zu Gemeinschaftssiedlungen.

Im Jahr 1825 ging er nach Amerika, um die kommunistische Genossenschaft New Harmony in Indiana zu leiten, die er von dem deutschen Pietisten Johann Georg Rapp gekauft hatte. Das Modell in New Harmony scheiterte jedoch schon 1828 an Meinungsverschiedenheiten zwischen den Teilnehmern. 1829 kehrte er nach England zurück. In Amerika hat sich in der folgenden Zeit gezeigt, dass nur die Kommunen einen längeren Bestand hatten, die einen starken ideologischen Zusammenhalt besaßen, insbesondere die religiös fundierten Kommunen wie die Mennoniten und die Amischen.

In London und Birmingham entwickelte er 1832 den Plan einer Arbeitsbörse, bei der Produkte auf Grundlage der zu ihrer Herstellung notwendigen Arbeitszeit getauscht wurden. Auch dieser Versuch scheiterte schon 1834 und musste wieder aufgegeben werden.

In der ökonomischen Theoriegeschichte wird Robert Owen (zusammen mit William Thompson, 1775-1833, Thomas Hodgskin, 1787-1869, und John Francis Bray, 1809-1897) zu den Ricardianischen Sozialisten gezählt, die sich auf die Arbeitswertlehre des englischen Ökonomen David Ricardo (1772-1823) beriefen. Um die Ausbeutung der Arbeiter zu umgehen, setzten sie sich für die Einrichtung von Arbeitstauschbörsen ein. Unter Ausschaltung des Geldes sollten in den Arbeitsbörsen gleiche Arbeitsquanten gegeneinander getauscht werden. Owen musste erfahren, dass es sehr schwierig bis unmöglich ist, eine Parallel-Währung neben dem offiziellen staatlichen Geld zu etablieren. Das funktioniert eigentlich nur vorübergehend lokal als Not-Geld während einer Hyperinflation wie 1923 in Deutschland. Auch wenn die praktischen Versuche der Ricardianischen Sozialisten scheiterten, so war doch ihre Kritik des Kapitalismus später von großem Einfluss auf Karl Marx.

Die Bedeutung von Robert Owen besteht auch darin, dass seine Ideen zur Gründung von Produktivgenossenschaften führten. Durch Arbeitergenossenschaften sollte das kapitalistische System überwunden und in ein sozialistisches System verwandelt werden. Er soll auch um 1835 das Wort Sozialismus geprägt haben. Für alle Menschen, die heute in Genossenschaften arbeiten, ist der 250. Geburtstag von Robert Owen ein großer Feiertag.

Wenn man an Robert Owen denkt, dann sollte man auch seine zeitgenössischen französischen Geistesverwandten Charles Fourier und Saint-Simon nennen.

Zu seinen Büchern zählen:
A New View of Society, London 1812.
Observations on the Effect of the Manufactoring System, London 1817.
The Book of the New Moral World, London 1842.
The Life of Robert Owen written by himself, London 1857.


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2021/05/12

Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys
Krefeld 12. Mai 1921 - Düsseldorf 23. Januar 1986


beuys
Joseph Beuys: La rivoluzione siamo Noi.
Das Bild von Beuys ist durch das diesjährige Hintergrundbild von kuhlewampe.net inspiriert:
Il Quarto Stato von Giuseppe Pellizza da Volpedo.


Zu Joseph Beuys seht bitte auch die Artikel:
"Das Kapital (1980) im Hamburger Bahnhof" (2016/07/23),
"Beuys. Ein Dokumentarfilm von Andres Veiel" (2017/06/25) und
"7.000 Eichen in Kassel" (2017/08/17) auf kuhlewampe.net.


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2021/05/10

Heinrich Kley (1863-1945)
Die Kruppschen Teufel, 1911-1914, Detail


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Das Ölgemälde »Die Kruppschen Teufel« von Heinrich Kley befindet sich laut Wikipedia
im Westfälischen Landesmuseum für Industriekultur in der Henrichshütte in Hattingen.


Es waren einst vier junge Teufel, die lebten frohgemut und guter Dinge vor sich hin. Da sie sich aber zum Ärger der anderen Höllenbewohner oft sehr lümmelhaft aufführten und auch sonst etwas absonderliche Ansichten über die Welt vertraten, wurde es den anderen Insassen irgendwann zu bunt und sie schmissen die vier Rüpel aus der Hölle. Und nun irrten die Vier verloren und schlechtgelaunt durch die Lande und wussten nichts mit sich anzufangen. Es fehlte ihnen die warme und wohlige Atmosphäre der Hölle; stattdessen standen sie nun draußen im Regen und froren. Da kam ihnen ein Ritter auf einem klapprigen Gaul entgegen. Und den fragten sie, ob er nicht eine Hölle für sie wüsste. Der Ritter wies nach Norden und verschwand dann wortlos. Also marschierten sie hoffnungsfroh gen Norden und erreichten nach einigen Tagen die Stadt Essen. Und hier kamen sie zu einer riesigen Fabrikhalle der Firma Krupp, in der es ohrenbetäubend krachte und wilde Flammen emporloderten. Die vier Teufel waren begeistert. Endlich! Hier hatten sie ihre Hölle auf Erden. Monströs machten sie sich in der Kruppschen Höllenhalle breit, betranken sich und hinderten die Menschen am arbeiten.

© Dr. Hans-Albert Wulf, Mai 2021.


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2021/05/07

Markus Richard Seifert
Mein Urgroßvater, das Berliner Lehrer-Verzeichnis und ich


nawrotzki
Friedrich Nawrocki


Zukunft ist Herkunft, sagte mal jemand zu mir. Und genauso sehe ich das auch. Mütterlicherseits komme ich aus einer Berliner Lehrerfamilie, die ursprünglich in den ehemaligen deutschen Ostgebieten zwar nicht begütert, aber immerhin doch beheimatet gewesen ist. Sie hießen Nawrocki, was soviel wie "Heimkehr" bedeuten soll. Der Vater meines Urgroßvaters war dort Dorfschulmeister in Groß Kruschin im Landkreis Stuhm, Provinz West-Preußen. Wie viele Bildungsbürger waren sie vom Westen geprägt. Und so kam und geschah es, dass sie zuerst Preußen und dann Deutsche geworden sind.

1905 zog mein Urgroßvater Friedrich Nawrocki (1864-1948) zusammen mit seinem Bruder Karl nach Berlin. Dort war er nun nicht mehr ein einfacher Dorfschulmeister, sondern wurde Volksschulrektor (Schule mit 8 Klassen). Aus dem Osten kommend siedelte er sich im Osten der damaligen Reichshauptstadt an, nämlich im Berliner Bezirk Pankow, Ortsteil Französisch Buchholz, um genau zu sein. Da die Berliner seinen Namen penetrant falsch aussprachen, ließ er dessen Schreibweise ändern und nannte sich fortan Nawrotzki. Er begründete die Tradition unserer Lehrerfamilie, denn immerhin sind zwei seiner Söhne auch Lehrer geworden. Sein ältester Sohn Walter wurde Realschulrektor. Und sein drittgeborener Sohn mit Namen Edgar ("Exchen") wählte als Zweitberuf ebenfalls den eines Realschullehrers, nachdem er vorher bis 1945 Abteilungsleiter bei IG Farben gewesen war. Aber auch in der nächsten Generation setzte sich der Schuldienst fort: Zwar wurde sein jüngster Sohn nicht Lehrer, sondern Drogist. Aber dessen Sohn wiederum - Jürgen mit Namen - wurde schließlich Oberstudiendirektor, also Rektor an einem Gymnasium.

Sogar ein Photo habe ich von meinem Urgroßvater Friedrich Nawrotzki, welcher laut eigener Aussage Pantheist gewesen sein soll - also ein Mensch, für den nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen ein Teil der göttlichen Schöpfung sind. Streng und ein bisschen "fernhinsinnend" (frei nach Friedrich Dürrenmatt) blickt er darauf in die Weite, vielleicht gerade den langen Weg seines Lebens überdenkend. Er war ein strenger Mann. Einmal, als sein jüngster Sohn Günther bei Tisch zu reden wagte, gab er ihm eine Ohrfeige, dass der Junge sich unter dem Tisch wieder fand. Außerdem besaß er eine Gartenlaube, denn er gehörte noch zu jenen Lehrern, zu deren Ausbildung die Obstbaumzucht gehörte. Übrigens war er nicht nur der Vater seiner Söhne, sondern in der Schule auch noch ihr Lehrer - ein Lehrer allerdings, der zu seinen Söhnen wahrscheinlich besonders streng gewesen ist.

In dem BERLINER LEHRER-VERZEICHNIS von 1929, das ohne mein Zutun im Jahre 2020 in meine Hände fiel, habe ich über diesen Mann den folgenden Eintrag gefunden: Nawrotzki, Fritz - Buchholz, Pasewalker Straße Nr. 113 - geboren am 10.10.1864 - Seminarort: Löbau - Abgangsjahr: 1885, Ruhestandsjahr: 1924.

© Markus Richard Seifert, Mai 2021.


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2021/05/04

Wolfgang Weber
Stürz den Becher


stoertebeker
Claas Störtebeker Denkmal von Hansjörg Wagner in Hamburg
auf dem Großen Grasbrook, dem vermuteten Hinrichtungsort.
Quelle: Wikimedia Commons. Fotografiert von Palauenc05.


"Störtebeker und Gödecke Micheel
de roveden beide to gliken deel
to water un ok to lande" (3)
Störtebeker und Gödeke Michels raubten zu gleichen Teilen, zu Wasser und zu Land. Die Likedeler, Gleichteiler oder Vitalienbrüder, waren eine Gruppe von Seefahrern. Einer ihrer Anführer war Störtebe(c)ker, Vorname: Klaus, Klaas oder Claas, auch bekannt als Nikolaus Storzenbecher, stürz den Becher. Unklar auch seine Herkunft, geboren in Wismar, vielleicht auch bei Verden (Aller), jedenfalls im Jahr 1360.

"Vor 600 Jahren ward er geboren
Ein großer Pirat zu sein
Er war stolz und stark und hatte Mut
Und er wurde ein zweiter Robin Hood." (4)
Großer Pirat zu sein, war seine Bestimmung. Er war stolz, stark, mutig wie Robin Hood im Sherwood Forest, für die Armen, gegen die Reichen. Störtebeker sein Name, stürz den Becher. Wir, seine Brüder, besegeln das ganze Meer, von Helgoland bis Rügen. Hier und jetzt, stürz den Becher. Alle wissen um unser Tun, dreist, selten schlecht, Piraten sind wir. Schiffe heißen nach ihm "Störtebeker": Fisch- und Ausflugsdampfer, Motor- und Schulboote und -schiffe sowie ein Versuchsboot der Bundesmarine.

Wie auch bei Till Eulenspiegel sind seine genauen Lebensumstände ungeklärt, wie er hieß, wie sich sein Name schrieb, ob er wirklich der war, für den man ihn hielt, vieles ungewiss, so bilden sich Legenden und Mythen. Becher trank er mit einem einzigen großen Schluck aus, Störtebeker eben, stürz den Becher, immerhin vier Liter, so sagt man.
"Störtebecker sprach sich allzuhand:
Die Wester-See ist mir wohlbekannt
viel Geld will ich uns holen;
die reichen Kaufleut von Hamburg
sollen uns das Gelag bezahlen." (2)

Festspiele mit seinem Namen gibt es zwei. Das eine auf Rügen, Jahr für Jahr, in Ralswiek, zum 25. Mal im Jahr 2017. Der "Nordkurier" meldete kurz zuvor: Sturz vom Esel, die Festspiele müssen ohne "den bekannten Schauspieler Volker Zack Michalowski" auskommen, der hat sich den linken Arm gebrochen. Nun, ich las seinen Namen damals zum allerersten Mal, er hätte einen sächselnden Bettelmönch spielen sollen. Ersetzt wurde er durch Philipp Richter aus Dresden. Alle drei Jahre findet eine plattdeutsche Version in Marienhafe im Störtebeker Land, Kreis Aurich statt, in Ostfriesland also, nicht weit von Emden entfernt.

Am 22. April 1401 war’s, Störtebeker strandete mit seinen Mannen vor Helgoland, stürz den Becher, und ward festgenommen mitsamt seinen Gefährten. Auf der "Bunten Kuh" aus Flandern wurden sie nach Hamburg gebracht, alle dreiundsiebzig, enthauptet von Henker Rosenfeld. Der Legende nach hätte er gerne noch mehr enthauptet, darunter den versammelten Rat der Stadt Hamburg. Daraufhin wurde der Henker ebenfalls geköpft. An diesem Tag verlor Störtebeker seinen Kampf, seinen Kopf, seine Leute, sein Leben, stürz den Becher.
"Jeder weiß von unseren Taten
Sie sind dreist und selten schlecht
Denn wir sind Piraten
Und das ist unser gutes Recht" (5)
"Haifisch" hieß sein Schiff, stets bereit für die große Fahrt. Störtebeker unvergessen bis zum heutigen Tag. Auf dein Wohl, stürz den Becher!

Quellen:
1) Wikipedia Artikel: "Klaus Störtebeker"
2) Volkslied: "Störtebecker-Lied (Störtebecker und Gödeke Michael)"
3) Achim Reichel 1977: "Das Störtebecker Lied" (plattdeutsche Kurzfassung von 2)
4) Slime 1983: "Störtebeker"
5) In Extremo 2016: "Störtebeker"

© Wolfgang Weber, Mai 2021.


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2021/05/01

Sonnige Grüße zum 1. Mai !


erstermai

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2021/04/30

vorschau05

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2021/04/29

Dr. Wolfgang Endler
Als Beleg für eine überraschend positive Sichtweise
hier (m)ein Aphorismus aus der Rubrik
Prima Klima von Lima bis Fukushima
Aphoristische AssoZiationen von Algenpest bis Zyklon


Unerwartete
Chance

Klimaveränderung
ist keine Katastrophe
schafft sie doch
mehr Raum
für Rufer
in der
Wüste

© Dr. Wolfgang Endler, April 2021.
www.wolfgang-endler.de


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2021/04/27

500. Todestag von Fernão de Magalhães

von Dr. Christian G. Pätzold


victoria
Magellans Schiff Victoria, das die erste Erdumseglung 1519-1522 schaffte.
Quelle: Wikimedia Commons.


Fernão de Magalhães oder Ferdinand Magellan auf Deutsch war ein portugiesischer Seefahrer, der um 1480 in Sabrosa bei Vila Real in Nord-Portugal geboren wurde. Gestorben ist er vor genau 500 Jahren am 27. April 1521 im Kampf mit Eingeborenen auf der Philippineninsel Mactan bei Cebu. In die Geschichtsbücher ist er als Entdecker der Magellan-Straße an der Südspitze Süd-Amerikas eingegangen, und als der Seefahrer, der die erste Erdumseglung begann, auch wenn er das Ende nicht selbst erlebte. Die erste Weltumseglung dauerte zwei Jahre, elf Monate und zwei Wochen vom 20.9.1519 bis 6.9.1522.

Magellan sollte im Auftrag des spanischen Königs Karl V. den Westweg nach Asien finden, wobei es besonders um den Weg zu den Gewürzinseln der Molukken ging, da sich mit Gewürznelken ein großer Gewinn in Europa machen ließ. Den Ostweg zu den Molukken hatten die Portugiesen für sich monopolisiert. Am 20. September 1519 verließ Magellan mit fünf Schiffen und 237 Mann Besatzung den Hafen von Sanlúcar de Barrameda. Im Januar 1520 stellte er fest, dass der Rio de La Plata keine Durchfahrt zum Pazifik ist, sondern nur eine Flussmündung. Bei der Weiterfahrt entlang der Ostküste Patagoniens entdeckte er im Oktober 1520 die Magellan-Straße zwischen dem Südende Süd-Amerikas und Feuerland. Den anschließenden Ozean, in den er am 8. November 1520 unter Kanonendonner einsegelte, nannte er Stiller Ozean (Mar pacifico), da er auf der Überfahrt von drei Monaten keinen Sturm erlebte.

Am 16. März 1521 erreichten er und seine Mannschaft als erste Europäer die Philippinen, die den östlichsten Punkt des arabischen Handelsbereichs bildeten. Bei dem Versuch, das Christentum mit Gewalt bei den Eingeborenen einzuführen, kam Magellan am 27. April 1521 im Kampf mit den Eingeborenen auf den Philippinen ums Leben. Er hätte sich besser um die Gewürznelken kümmern sollen und nicht so sehr um die Ausbreitung des Christentums. Aber die Konquistadoren sollten nicht nur Gewürze und Edelmetalle nach Europa holen, sondern auch die Heiden missionieren, denn die katholische Kirche war damals sehr mächtig und wollte Erfolgsmeldungen.

Über Magellans Tod ist bei Wikipedia zu lesen:
"Nachdem sie die dringend benötigten Vorräte aufgenommen hatte, segelte Magellans Flotte weiter zu den Philippinen und erreichte am 16. März 1521 die Insel Homonhon. Zu dieser Zeit waren noch 150 Seeleute am Leben. Mit Hilfe seines Sklaven Enrique als Dolmetscher konnte Magellan mit dem Fürsten von Limasawa, Raja Kolambu, Geschenke austauschen. Kolambu geleitete die Spanier auf die Insel Cebu, wo es ihnen gelang, den Fürsten von Cebu, Raja Humabon, und viele seiner Untertanen zum Christentum zu bekehren. Auch Cebu unterwarf sich dem König von Spanien. Der Häuptling Lapu-Lapu auf der Nachbarinsel Mactan lehnte jedoch eine spanische Oberherrschaft und Missionierung ab. Daraufhin versuchte Magellan, Lapu-Lapu und sein Dorf militärisch zu unterwerfen.
Doch der Angriff am 27. April 1521 auf Mactan scheiterte: Die Spanier wurden trotz ihrer Feuerwaffen von den Einheimischen noch am Ufer zurückgedrängt und hatten mehrere Gefallene zu beklagen. Auch Magellan kam ums Leben. Den Berichten seines Chronisten Antonio Pigafetta zufolge kämpfte er noch im Wasser stehend als einer der letzten, um den Rückzug seiner Leute zu decken. Ein vergifteter Pfeil habe seinen Oberschenkel durchbohrt; kurz darauf sei er von zwei Lanzenstößen niedergestreckt worden, wobei einer ihn im Gesicht, der andere unter dem rechten Arm verwundete.
Bald nach dem misslungenen Angriff auf Mactan sagte der Fürst von Cebu sich vom Christentum los und lockte die Europäer in eine Falle. 35 von ihnen kamen ums Leben. Die übrigen konnten knapp entkommen, doch waren sie nun so wenige, dass sie die Concepción versenkten und die Überlebenden auf die Trinidad und Victoria verteilten."

Unter der Leitung von Juan Sebastián de Elcano wurde die Fahrt zu den Molukken fortgesetzt, die der Ursprung der in Europa so sehr begehrten Gewürze waren. Dort handelten sie von den Eingeborenen einige Gewürze ein. Danach durchquerten sie den Indischen Ozean, fuhren um das Kap der Guten Hoffnung und kamen am 6. September 1922 wieder in Spanien an. Von den ursprünglichen 237 Männern kamen mit der Victoria nur noch 18 kranke und ausgemergelte Seeleute in Spanien an, die die vollständige Erdumseglung geschafft hatten. Unter den ersten 18 Weltumrundern war auch ein Deutscher, Hans aus Aachen.

Durch die erste Erdumseglung in der Geschichte war zum ersten Mal praktisch nachgewiesen worden, dass die Erde eine Kugel ist. Die Bedeutung der Entdeckungen von Magellans Expedition ist in eine Reihe mit denen von Christoph Kolumbus und Vasco da Gama zu stellen. Eine Beschreibung der Fahrt ist von dem mitreisenden Italiener Antonio Pigafetta überliefert: »Primo viaggio intorno al globo«.

Magellans Expedition brauchte für die Erdumseglung fast 3 Jahre. Heute 500 Jahre später haben die High-Tech-Segler der Vendée Globe 2020/21 die Erdumseglung non-stop in 80 Tagen geschafft. Ist das Fortschritt?


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2021/04/24

Rudolph Bauer: Ibiza, 1994


ibiza
Acryl auf Pressplatte. 70 x 100 cm.
© Prof. Dr. Rudolph Bauer, April 2021.
www.rudolph-bauer.de


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2021/04/21

Dr. Hans-Albert Wulf
Der Teufel auf der Couch


Der Teufel war nervlich stark mitgenommen. Der Stadttrubel mit all den neurotischen Menschen war ihm gewaltig aufs Gemüt gegangen. All diese Hektik mit ihren griesgrämigen Leuten bekam ihm überhaupt nicht. Vielleicht aber passte er auch nicht richtig in diese Welt. Mit Sicherheit war er eine Art teuflischer Stadtneurotiker und er suchte deshalb einen Therapeuten auf, um sich helfen zu lassen.

Psychotherapeuten sollte man immer reinen Wein einschenken. Und zunächst musste er sich vorstellen und seinen Namen sagen. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Also kurz und gut: "Ich bin der Teufel." Der Psychotherapeut lehnte sich in seinem Sessel zurück und schmunzelte. Schon wieder solch einer. Kürzlich hatte ich einen Napoleon und davor den Papst. Und jetzt also den Teufel höchstpersönlich. Da könne er leider nicht helfen. Das sei ihm eine Nummer zu groß, zumal er sich mit schizophrenen Phänomenen nicht besonders gut auskenne und er auch eine solche Therapie bei der Krankenkasse nicht abrechnen könne. So behauptete er jedenfalls. Er könne ihm aber gerne einen kompetenten Kollegen in der St. Hedwig-Psychiatrie empfehlen. Der könne ihm sicherlich seinen Teufelswahn nachhaltig austreiben.

Der Teufel war einigermaßen deprimiert, bedankte sich für den Rat, der ihm allerdings überhaupt nicht weiterhalf. Er ist nun mal selbst der Teufel. Und es hatte deshalb überhaupt keinen Sinn, ihm den Teufel austreiben zu wollen. Also ging er zu einem Psychoanalytiker in der St. Hedwig-Psychiatrie und der bat ihn, sich zunächst auf die Couch zu legen und sich an seine Kindheit zu erinnern. "Erzählen sie mir von Ihrer Mutter." Der Teufel lag geschlagene 10 Minuten schweigend auf der Couch und dann holte er tief Luft. "Meine Mutter habe ich nie gekannt. Gott, mein Vater, hatte sie kurz nach meiner Geburt ins Abseits befördert. Sie wurde von ihm verstoßen, weil sie sich sonst möglicherweise als unliebsame Konkurrenz zu Gottes männlichem Alleinvertretungs- anspruch hätte aufschwingen können."

Der Therapeut hörte sich den Sermon des Teufels an, seufzte und verabschiedete nach 45 Minuten seinen Patienten. Im Sessel sitzend dachte er über seinen neuen etwas komplizierten Fall nach. Ödipus war ja hier wohl nicht im Spiel. Die Familienaufstellung hatte hier offensichtlich eine andere Struktur. Da war zum einen der machtbesessene Gott, der Chef von allen, gegen den keiner ankam. Zum anderen waren hier des Teufels Brüder, die Erzengel, die sich immer mal wieder in einem heillosen Konkurrenzkampf verhedderten. Allen voran der machtlüsterne Erzengel Michael, der mehr noch als die anderen bestrebt war, bei Gott die erste Geige zu spielen. Er war ein durch und durch opportunistischer und intriganter Kerl. Gott hätte ihn längst aus dem himmlischen Machtzentrum verbannen sollen. Aber Gott selbst war ja selbst bekanntlich schon lange auf dem absteigenden Ast. Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche hatte ihn sogar ohne Umschweife für tot erklärt. Doch wie auch immer, er war schon lange nicht mehr der allmächtige Herrscher der Welt, sondern hatte sich in einen inkontinenten, triefenden Greis verwandelt. Und auch wenn er noch auf seinem Thron im Zentrum der himmlischen Gefilde saß, so tanzten doch die Erzengel auf seiner Nase herum und bestimmten die himmlische Agenda.

In der nächsten Therapiesitzung bat der Psychotherapeut den Teufel, sich wieder auf die Couch zu legen und den Traum seiner letzten Nacht zu erzählen. Der Teufel versenkte sich und grübelte eine Weile. Er habe sich in einem finsteren Gebäude befunden, in dessen Mitte eine steile Wendeltreppe nach unten führte. Und er sei dann wie von einem inneren Sog getrieben diese Treppe hinunter gestiegen. Gottseidank gab es ein Geländer, an dem er Halt fand. Ohne dieses Geländer, so erzählte er weiter, wäre er unweigerlich sofort in die Tiefe hinabgestürzt. Doch so konnte er Schritt für Schritt hinuntersteigen. Und mit jedem Schritt hinunter wurde es immer heißer, so dass er beschloss, umzukehren. Doch dann sei er erwacht und froh, dass dieser bedrohliche Gang in die Tiefe nur ein Traum war.

Was ihm denn dazu einfalle, wollte der Psychotherapeut wissen. Das sei in seinem Fall doch vollkommen klar, erwiderte der Teufel, dass es die Hölle war, in der sich die sündigen Insassen für ewige Zeiten in der glühenden Hitze quälen mussten. Der Therapeut betätigte sich als gelernter Maieutiker oder Geburtshelfer und zog dem Teufel aus der Nase, was er gerne hören wollte. Die Hölle, so der Psychotherapeut, sei sicherlich ein Bild für sein Unbewusstes. Und dort hinab steige er mit Hilfe des therapeutischen Geländers. "Das ist doch Blödsinn" entgegnete der Teufel aufgebracht. "Das hat mit meinem Unbewussten nichts zu tun. Das ist schlicht die Hölle und sonst nichts. Und überhaupt, was soll denn das Unbewusste eigentlich sein. Mein Traum über diese drohende Horrorvision hat ausschließlich mit der Hölle zu tun. Und zwar nicht mit irgendeiner Hölle, sondern der speziellen Hölle, welche der Generalsekretär Gottes, der sog. Erzengel Michael, der Oberbürokrat, für ihn reserviert habe. Doch das habe ich gerade noch verhindern können, indem ich bei meinem Himmelssturz nicht in der Hölle, sondern im Nördlinger Ries in Süddeutschland gelandet bin. Die Machtbasis des Erzengels Michael, so fuhr er fort, wurde immer größer. Aber wir anderen Erzengel haben zunächst gar nicht richtig bemerkt, wie er sich immer mehr an Gott herangewanzt hatte. Schließlich hat er sich zum Kommissar für ideologische Abweichungen aller Art aufgeschwungen. Und um mich zu entmachten, hat er mich als Anführer aller Renegaten im Himmel und auf Erden diffamiert. Ein ausgesprochen anmaßender und machtlüsterner Kerl. Allein sein Name ist schon eine einzige Provokation. Michael heißt im Hebräischen "Wer ist wie Gott"? Donnerwetter! Eine Nummer kleiner ging es wohl nicht?!"

Der Teufel wandte sich wieder an den Therapeuten. "Ihr Seelenklempner mit eurem psychologischen Kauderwelsch geht mir sowieso gründlich auf die Nerven. Immer kommt ihr mit eurem blöden Ödipuskomplex. Ich aber hatte nie ein Problem mit meinem Vater Gott. Und meine Mutter ist mir nicht einmal bekannt, für die ich wie einst Ödipus meinen Vater hätte umbringen können. Wie wäre es aber z.B. mit einem Bruderkomplex? Ach ja, den Geschwisterkomplex gibt es ja bei euch auch irgendwo. Aber so richtig erforscht ist er in der Psychoanalyse wohl noch nicht. Außerdem trifft dieser Komplex bekanntlich auf mich nicht zu. Denn zu meinen anderen Brüdern Uriel und Gabriel habe ich ja kein schlechtes Verhältnis." Behauptete er. "Nur der Machtbolzen Michael ist mein Problem."

All diese konfusen Reden des Teufels begannen den Psychotherapeuten zu langweilen. Außerdem sah er die Gefahr, dass der Teufel sein Psychotherapiekonzept durcheinander bringen könnte und deshalb legte er ihm nahe, die Therapie zu beenden. Das werde er auch tun, polterte der Teufel beleidigt los, und zwar auf der Stelle. Und er stürzte hinaus und ließ nur seinen Schwefelgeruch im Zimmer des Therapeuten zurück.

© Dr. Hans-Albert Wulf, April 2021.


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2021/04/18

Wolfgang Weber
Auf den Spuren der Steine

(Textetisch: Lapidarium)


zille
Heinrich Zille steht August Kraus Modell für die Büste des Ritters Wedigo von Plotho
in der Puppenallee, um 1900.


Dies vorab, damit diese lateinischen Brocken gleich aus dem Weg geräumt sind:

Lapis, Stein, Plural lapides
Lapislazuli, blauer Stein
lapidarius, in Stein gehauen
lapidar, lakonisch, einsilbig, kurz und bündig, wuchtig, kraftvoll
Lapidarium, Haus der Steine, Steinsammlung

Nun kann es losgehen, mit Geistesblitzen und Assoziationen. Wo und wie fange ich an?

Da war doch mal irgendwo in Kreuzberg ein Lapidarium am Landwehrkanal, ich meine genau einmal war ich da, vielleicht noch maximal ein zweites Mal, es gab ein experimentelles Kulturprogramm, lang lang ist’s her. Ganz bestimmt ohne Lang Lang, den berühmten Pianisten aus China. Ich erinnere mich dunkel an Flöten, bestimmt waren Percussion und Klavier, gesprochene oder gesungene oder rezitierte Texte dabei. Aber ich erinnere mich nicht daran, wann genau das war. Sag mir quando, sag mir wann.

Dies war das allererste Pumpwerk für Abwasser in Berlin, erbaut im Jahre 1876. Baudenkmal ist dieses Gebäude seit 1977. Der Berliner Senat verwahrte an diesem Ort von 1978 bis 2009 alte Steine, nämlich so genannte Denk- und Standmale.

Sie kamen zum Beispiel von der Schlossbrücke, der Siegesallee, aus dem Tiergarten. Am originalen Standort verblieben Repliken (etwas banaler gesagt: Stellvertreter oder Platzhalter). Die acht Figuren der Schlossbrücke kehrten 1981 dorthin zurück. Diejenigen der Siegesallee sind inzwischen in einer Dauerausstellung der Zitadelle Spandau untergekommen: Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler.

Hier am Halleschen Ufer 78 ist jetzt der Hauptsitz der Firma Boros GmbH aus Wuppertal, Agentur für Kommunikation, benannt nach ihrem Gründer Christian Boros, der auch Kunstsammler ist. Wenn ich richtig informiert bin, ist es jetzt eher ein Ort für geladene Gäste.

Bereits 2003 hatte Boros den Luftschutzbunker Albrechtstraße / Ecke Reinhardtstraße gekauft, der zuvor unter dem Namen Bunker ein angesagter Technoclub war, dort legten DJs der Richtungen Gabba, Hardtrance, House, Breakbeat auf.

Der Lapidarien gibt es viele, in Berlin und andernorts. Ein weiteres befindet sich im Prenzlauer Berg nördlich des Senefelder Platzes am Jüdischen Friedhof, Schönhauser Allee 23 bis 25. Im Jahr 2005 eröffnet, bietet es 64 Grabmalen Unterschlupf, deren ursprüngliche Standorte nicht mehr zuzuordnen waren, Opfer von Verfolgung durch Nazis und von Kriegswirren. Folgerichtig ist dieses Lapidarium als Teil der Friedhofsmauer konzipiert. Ein Besuch ist nur mit vorheriger Genehmigung der Jüdischen Gemeinde möglich.

Dann ist da noch der Steinplatz in Charlottenburg, ein gutes Programmkino war dort ansässig. Benannt nach dem Freiherrn Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein, kurz Freiherr vom Stein, Staatsmann und Reformer in Preußen. Rudi Dutschke lernte im Café Steinplatz seine spätere Frau Gretchen Klotz kennen. Das war 1964. Ein Lapidarium wird man vergeblich suchen.

Neben der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße befindet sich jedoch tatsächlich eines. Lapidarien müssen nicht ausschließlich lapidar sein. Dieses bietet nicht nur Steine, nämlich Beton-Fundamente, sondern auch Stacheldraht und Grenzpfähle, alles aus der Zeit der deutschen Teilung.

Im Köllnischen Park neben dem Märkischen Museum werden im Lapidarium und auch im Park Steine von nicht mehr existenten Gebäuden präsentiert: Etwa vom alten Berliner Rathaus in der Spandauer Straße.

Oder die Sandsteinskulptur von Herkules, auch bekannt als Herakles, im Kampf mit dem Nemeischen Löwen. Dieser unverwundbare Löwe aus der griechischen Mythologie fiel Menschen und Tiere an. Die erste der zwölf Arbeiten des Herakles bestand darin, das Fell dieses Löwen zu erbeuten.

Der Fussballtrainer Otto Rehhagel bekam in seiner griechischen Zeit, 2001 bis 2010 den Spitznamen Rehakles verpasst. Offenbar weil ihm übermenschliche Kräfte zugeschrieben wurden. Superman in Hellas.

Es fehlt nur noch der Sprung zum Ende des Textes: ganz lapidar: Ende.

© Wolfgang Weber, April 2021.


rudi
Rudi Dutschke und Gretchen Klotz.


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2021/04/15

Früchte der Lampionblume


lampionblume
Blütenkelche und Früchte der Lampionblume im Dezember.
Fotografiert von © Ella Gondek.


Die Lampionblume (Physalis alkekengi) gehört zur botanischen Gattung der Blasenkirschen (Physalis) in der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae). Sie ist in vielen Gärten zu finden und breitet sich durch ihre unterirdischen Rhizome aus. Der Name Lampionblume kommt von den wie Lampions aussehenden Blütenkelchen, die die Früchte enthalten. Die Blütenkelche sind zuerst grün und im Herbst leuchtend orange gefärbt. Im Winter werden die Blütenkelche zu filigranen Netzen, in denen sich die roten kugeligen Früchte befinden. Die Früchte sind nicht essbar. Aber die Blütenkelche mit den Früchten ergeben dekorative Trockenblumen, wenn man Ikebana in der Wohnung mag. Es gibt auch eine Verwandte der Lampionblume, die Kapstachelbeere oder Andenbeere (Physalis peruviana), deren Früchte essbar sind und in Supermärkten angeboten werden.

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2021/04/12

Markus Richard Seifert
Ein Blasenstein schreibt Geschichte


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Kaiser Napoleon III. von Frankreich (1808-1873).
Nach ihm und seinem Onkel Napoleon I. ist die Regierungsform des Bonapartismus benannt.
Gemälde von Adolphe Yvon, 1868. The Walters Art Museum, Baltimore/Maryland/USA.
Quelle: Wikimedia Commons.


Der 1.September 1870: Eine Schlacht bei Sedan im deutsch-französischen Kriege, die mit einer französischen Niederlage endet und bei der sogar Kaiser Napoleon III. in Gefangenschaft gerät. Wodurch kam es dazu? Etwa durch das Genie des Generals von Moltke, der den Schlachtplan entworfen hatte? Oder durch die politische Kunst eines Otto von Bismarck, des späteren Reichsgründerkanzlers? Oder durch das preußische Zündnadelgewehr ("Dreyse")? Auch das nicht, denn das französische Chassepotgewehr war durchaus eine ebenbürtige Waffe in damaliger Zeit. Wodurch also dann?

Durch einen Blasenstein, den Kaiser Napoleon der Dritte (der Neffe des kühnen Korsen Napoleon Bonaparte) schon viel zu lange in seinem Körper getragen hat. Denn dieser schwächte ihn und das Morphium, das er gegen die Schmerzen einnehmen musste, tat ein Übriges, denn es betäubte ihn ganz offensichtlich. Jeder einfache Soldat wäre mit einer solchen Krankheit ins Krankenrevier gekommen. Aber ein Kaiser, der ist doch unersetzlich! Oder etwa nicht??

Felix Schlagintweit (1868-1950), eigentlich gar kein Historiker, sondern "nur" ein urologischer Mediziner, hat diese Zusammenhänge in seinem biographischen Roman »Kaiser Napoleon III., Lulu und Eugenie« sehr einfühlsam beschrieben. Auch die Steinoperation, an der der Kaiser dann im englischen Exil gestorben ist. Ein medizinischer Eingriff, vorgenommen von dem Leibarzt der Königin Victoria, einem gewissen Sir William "Willi" Gull, von dem das ebenso unbestätigte wie auch unwiderlegte Gerücht umging, er sei im Jahre 1888 "Jack the Ripper" gewesen. Übrigens war noch ein anderer Arzt an dieser Operation beteiligt, nämlich Sir Henry Thompson, der angeblich dafür verantwortlich gewesen sein soll, dass die Narkose mittels Chloroform (warum denn nicht Äther?) wohl etwas überdosiert gewesen ist.

Allerdings war schon 1859 in der Schlacht bei Solferino verschiedentlich bemerkt worden, dass Napoleon III. im Gegensatz zu seinem großen Onkel und Vorbild kein Feldherrentalent hatte. Er selbst soll über sich gesagt haben: "Ich regiere ein Land wie ein kluger Kaufmann!" Es war übrigens jener Krieg, in dem der Schweizer Henri Dunant das Rote Kreuz gegründet hat. Ein Blasenstein schrieb Geschichte? Vielleicht.

© Markus Richard Seifert, April 2021.

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2021/04/09

Zum indischen Kastensystem

von Dr. Christian G. Pätzold


Das Wort Kaste stammt von dem portugiesischen Wort casta für Geschlecht oder Rasse. Als die Portugiesen im frühen 16. Jahrhundert auf dem Seeweg nach Indien kamen, um den lukrativen Gewürzhandel in ihre Hand zu bringen, kannten sie das System der Heirat innerhalb der eigenen gesellschaftlichen Schicht von ihren eigenen portugiesischen Adelsgeschlechtern. Sie haben daher das Wort casta verwendet, im Indischen heißen die Kasten Varnas. Die ursprüngliche Bedeutung von Varna ist Farbe, da den 4 Hauptkasten Farben zugeordnet sind, den Brahmanen zum Beispiel die Farbe Weiß, den Shudras die Farbe Schwarz. Die Engländer haben dann das Wort casta von den Portugiesen als cast übernommen, das im Deutschen zu Kaste wurde. Das indische Kastensystem besteht aus 4 Hauptkasten (Varnas): Die Brahmanen (Priesterkaste), die Kshatriyas (Kriegerkaste), die Vaishyas (Händlerkaste) und die Shudras (Arbeiterkaste).

Das indische Kastensystem, in dem die einzelnen Menschen und ihre Nachkommen in verschiedene soziale Gruppen und Berufe eingeteilt werden, erscheint den heutigen Europäern vielleicht seltsam. Im Kastensystem haben die einzelnen Menschen qua Geburt einen höheren oder niedrigeren Status. In Europa wird heute jeder Mensch der Theorie nach als gleichberechtigt angesehen und er kann das machen und arbeiten, was er will. Aber vor 1.000 Jahren gab es im mittelalterlichen Europa ein System namens Ständeordnung, das ganz ähnlich wie das indische Kastensystem funktionierte. Die Menschen waren damals in die Stände des Klerus, des Adels und der Bauern und sonstigen Arbeiter eingeteilt. Die einzelnen Menschen und ihre Nachkommen wurden in einen Stand und Beruf (Zünfte) hineingeboren und mussten dort ihr Leben lang bleiben. Diese Ständeordnung findet sich zum Beispiel in einem Text von Adalberon, Bischof von Loan in Frankreich, um das Jahr 1000. Er spricht dort von den Ständen des Klerus (oratores), des Adels (bellatores) und der Bauern (laboratores).

Dieses mittelalterliche Ständesystem des Ancien Regime wurde erst mit den bürgerlichen Revolutionen seit dem 18. Jahrhundert in Europa abgeschafft. Daher ist das indische Kastensystem vielleicht auch eine gesellschaftliche Organisationsform, die sich mit der modernen Entwicklung allmählich auflösen wird.

Worin besteht der Zusammenhang zwischen indischem Hinduismus und indischem Kastensystem? Das Kastensystem ist eine jahrhundertealte gesellschaftliche Organisationsform, die jeden Menschen in eine der 4 Hauptkasten und in die niedrigste Gruppe der Unberührbaren, die unterhalb des Kastensystems steht, einteilt. Die oberste Kaste bilden die Priester oder Brahmanen. Unterhalb des Kastensystems stehen die Unberührbaren, im Englischen Untouchables genannt, im Indischen Dalits. Die Dalits umfassen etwa ¼ der heutigen indischen Bevölkerung und müssen die unbeliebtesten Arbeiten ausführen. Die Hauptkasten wiederum sind in hunderte von Unterkasten unterteilt. Damit ergibt sich eine komplette Rangordnung der einzelnen Menschen.

Der Hinduismus dagegen ist eine Religion, die sich hauptsächlich mit der Geschichte der Götter beschäftigt. Der Hinduismus hat jedoch nie die Berechtigung des Kastensystems in Zweifel gezogen. Da die übergroße Mehrheit der Inder sowohl Anhänger des Hinduismus als auch des Kastensystems sind, kann man durchaus von einem hinduistischen Kastensystem sprechen. Die Gesellschaftsordnung des Kastensystems und die Religion des Hinduismus sind einfach sehr eng miteinander verwoben. Das unterscheidet den Hinduismus grundsätzlich vom Christentum und vom Islam, in denen die einzelnen Gläubigen eher als gleichberechtigt angesehen werden können.

Nach Aussage von Wikipedia befindet sich die älteste Erwähnung des indischen Kastensystems in dem hinduistischen Text Rigveda. Damit ist man in einer Zeit vor 4.000 Jahren. Danach ist das Kastensystem in Nord-Indien entstanden, indem 3 gesellschaftliche Gruppen voneinander unterschieden wurden: Die Priester, die Krieger, und das gemeine Volk. Es handelte sich also um dieselben Kasten, die auch in der mittelalterlichen europäischen Ständeordnung unterschieden wurden.

Mit der Zeit wurde es üblich, dass diese 3 Gruppen nur untereinander heirateten und dass sich der Status der Gruppe verfestigte. Außerdem fächerten sich die Kasten in Indien immer mehr auf in zahlreiche Untergruppen. Im Radio habe ich gehört, dass heute noch 95 % der Inder innerhalb der eigenen Kaste heiraten sollen. Das Kastendenken scheint noch sehr stark verwurzelt zu sein.

Das indische Kastensystem ist erstens eine ethnische Differenzierung (eingewanderte Arier versus Ureinwohner), zweitens eine soziologische Differenzierung (höherer oder niedrigerer Status in der Gesellschaft), drittens eine ökonomische Differenzierung (Berufszugehörigkeit qua Abstammung, ökonomische Privilegien) und viertens eine religiöse Differenzierung.

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2021/04/05

Tagebuch 1973, Teil 49: Sewapuri / Gajepur

von Dr. Christian G. Pätzold


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Häuser und Vieh einer reichen Familie im Dorf Gajepur bei Sewapuri in Nord-Indien.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, 17. Oktober 1973.


17. Oktober 1973, Sewapuri/Gajepur, Mittwoch

Der rasante Bevölkerungsanstieg war ein großes Thema in Indien. Wir sind zur Family Planning Beratungsstelle in der Nähe gegangen und haben mit einem Arzt gesprochen. Er sagte uns, dass von den 62 Familien im Dorf Ghosila 15 Familien die öffentliche Familienplanung nutzten, die anderen würden Verhütungsspray oder Kondome im offenen Markt kaufen. Von der Familienplanung gab es keine Anti-Baby-Pillen, es wurden nur Spiralen oder die Sterilisation angeboten. Kondome wurden kostenlos ausgegeben. Der Arzt meinte, die Familienplanung gehe nur langsam voran.

Wir erfuhren, dass im November/Dezember 1973 ein Pockenausrottungsprogramm in Uttar Pradesh geplant ist, bei dem 1 Woche nach Fällen gesucht wird, anschließend wird 3 Wochen lang geimpft, danach wieder 1 Woche Suche nach Fällen und so weiter. Andere Epidemien waren aktuell Windpocken (chickenpox), Cholera, Pest (plague) und Malaria. Auch Lepra war weit verbreitet.

Wir haben noch ein weiteres Dorf in der Nähe besucht, Gajepur. Die Familien dort umfassten jeweils 5 bis 20 Mitglieder. Auch dort haben wir eine Statistik der Kastenzugehörigkeit erhalten. Daraus war ersichtlich, dass in dem Dorf überwiegend Brahmanenfamilien lebten.

14 Brahmanenfamilien (upper cast)
1 Shopkeeperfamilie (Ladenbesitzer, middle cast)
1 Blacksmithfamilie (Schmied, lower cast)
4 Washermen (Wäscher, lower cast)
5 Kunby cast (Landarbeiter, lower cast)
= 25 Familien-Häuser.

In der Bibliothek des Gandhi Ashrams hing jeweils 1 Bild von Lenin und Engels an der Wand, als einzige Europäer, neben Bildern von Mahatma Gandhi und anderen indischen Persönlichkeiten. Es hat mich gefreut, ein Bild von Friedrich Engels im hintersten indischen Dorf zu sehen. Und zwar nicht aus nationalistischen Gründen, weil Engels ein Deutscher war, sondern wegen der großen Verdienste von Engels für den Fortschritt der Menschheit.

Der Manager des Shri Gandhi Ashrams in Sewapuri, Mr. Ram Suremanrai, hat uns sehr bei unserem Besuch dort geholfen.

Postscriptum zur Bevölkerungsentwicklung in Indien, April 2021:

Um die Armut der Bevölkerung zu mildern, gab es damals in den 1970er Jahren in Indien eine staatlich geförderte Familienplanung (Family Planning). Die Zahl der Kinder pro Familie sollte reduziert werden, um mit der Schaffung von Arbeitsplätzen und Infrastruktur hinterher zu kommen. Tatsächlich war es nicht selten, dass eine Familie 5 oder 10 oder noch mehr Kinder hatte. 1973 hatte Indien etwa 600 Millionen Einwohner. Heute 50 Jahre später hat Indien etwa 1.400 Millionen Einwohner. Das ist mehr als eine Verdoppelung der Einwohnerzahl in 50 Jahren. Im Vergleich dazu ist in Deutschland die Bevölkerungszahl in den letzten 50 Jahren nahezu gleich geblieben. 1973 hatte Deutschland (BRD und DDR) etwa 77 Millionen Einwohner, heute etwa 83 Millionen Einwohner.

Der Bevölkerungsanstieg in Indien führte dazu, dass in Indien viel mehr Menschen auf einem Quadratkilometer leben als in Deutschland. Im Jahr 2020 gab es in Deutschland 233 Einwohner pro Quadratkilometer, in Indien 407 Einwohner pro Quadratkilometer. Die hohe Bevölkerungsdichte in Indien führt zu einem hohen Stress auf das Ökosystem. Die Luftverschmutzung in den indischen Millionenstädten durch Industrieabgase und Verkehr ist ja weltbekannt. Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass die indische Politik der Familienplanung zur Stabilisierung der Bevölkerung krachend gescheitert ist. Man muss sich Sorgen machen, dass die wunderschöne indische Natur mit ihren wilden Elefanten, wilden Tigern, wilden Löwen und wilden Panzernashörnern bald verschwinden könnte. Es gibt zwar Naturschutzgebiete in Indien, aber die sind nur sehr klein.

Im Vergleich mit dem indischen Family Planning war die 1-Kind-Politik der Volksrepublik China seit 1980 etwas erfolgreicher. 1973 hatte China etwa 880 Millionen Bewohner, heute etwa 1.400 Millionen Bewohner. Um die Bevölkerungszahl in China zu stabilisieren, wurde im Jahr 2015 die 1-Kind-Politik von der 2-Kind-Politik abgelöst. Seit 2020 gilt sogar die 3-Kind-Politik.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2021.

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2021/04/02

Tagebuch 1973, Teil 48: Sewapuri / Ghosila

Dr. Christian G. Pätzold


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Dorflandschaft in Nord-Indien bei Varanasi. Reisanbau, Zuckerrohranbau.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, 16. Oktober 1973.


16. Oktober 1973, Sewapuri/Ghosila, Dienstag

Wir haben das Dorf Ghosila besucht, ein Nachbardorf von Sewapuri. Die Hauptprodukte dort waren Reis und Zuckerrohr. Das Zuckerrohr wurde in einer Presse zermalmt, der heraustretende Sirup wurde gekocht, getrocknet, geknetet und war dann haltbar und galt als gesundheitsfördernd. Viele Familien hatten ein Gemeinschaftshaus mit einer Frau als Oberhaupt, wo die Vorräte gelagert und die Speisen zubereitet wurden, daneben ein kleineres Haus, in dem die Männer schliefen. Geheiratet wurde außerhalb des Dorfes nur mit Einwilligung der Eltern. Der Ehemann ging ins Dorf seiner Frau und holte sie in sein Dorf. Früher war der Ehemann vielleicht nach Mutterrecht im Dorf, in der Gens der Ehefrau verblieben.

Irgendwie sind wir auf das Kastensystem zu sprechen gekommen. Es stellte sich heraus, dass der Dorfvorsteher, der uns herum führte, genau Bescheid wusste, wer zu welcher Kaste gehörte. Das Kastensystem schien sehr lebendig zu sein. Von ihm erhielten wir die folgende Statistik, die zeigte, dass in dem Dorf Ghosila mehrheitlich die Kriegerkaste der Kshatriyas lebte:

The cast of village Ghosila:
1) Brahmans 5 families
2) Kshatriyas 35 families
3) Lower Cast and Untouchables
A) Raja Bhar (Agriculture laborers, Landless) 5 families
B) Carpenters 5 families
C) Harijans (Leather workers mainly) 12 families
Total: 62 families
Total population of Ghosila proper is 560 persons.
(Anmerkungen:
Raja Bhar sind ein Stamm von Ureinwohnern, die schon vor der Einwanderung der Arier dort lebten.
Harijans (Kinder Gottes, von Mahatma Gandhi so genannt) wurden auch Unberührbare (engl. Untouchables) genannt. Sie selbst nennen sich Dalits. In der indischen Verwaltungssprache auch Scheduled Tribes genannt. Ethnisch handelt es sich um indische Ureinwohner. In der Kastenrangordnung stehen sie unter den 4 traditionellen Kasten.)

In der indischen Tradition gibt es eine Rangordnung mit 4 Kasten (Varnas), die man kennen muss, um in der indischen Gesellschaftsordnung durchzublicken:
1) Brahmanen: Die oberste Kaste der Priester, Gelehrten, Lehrer, Beamten und Philosophen. Sie haben den höchsten Status und das höchste Ansehen. Viele Leute, die wir kennen lernten, waren Brahmanen, sie hatten bessere Posten, sprachen auch Englisch, und hatten mehr Bildung genossen. Premierministerin Indira Gandhi kam aus der Brahmanen-Kaste. Von der Abstammung her sind sie am nächsten mit den eingewanderten Ariern verwandt.
2) Kshatriyas: Die traditionelle Kriegerkaste und Kaste der Herrscher und Könige ist die höhere Kaste.
3) Vaishyas: Die traditionelle Händlerkaste wird auch als mittlere Kaste bezeichnet. Mahatma Gandhi stammte aus der Vaishya-Kaste.
4) Shudras: Die niedrigste Kaste im Kastensystem bilden Menschen, die meist Handwerker oder Landlose sind.

Wasserbüffel und kastrierte Bullen nutzte man zur Feldarbeit, Kühe waren heilig und wurden nur zum Milchgeben genutzt. Reiche Familien hatten ein Pferd, ein Kamel für den Transport von Lasten, außerdem Ziegen, Schafe, Hühner, einen Fischteich. In einer Familie wurden Steckdosenkeramikeinsätze produziert. Es gab eine Grundschule, und einen kleinen Laden mit Bidys (Beedi, indische Zigaretten), Salz, Zucker, Seife, Gewürzen, Korn. (Die Bidys stehen hier an erster Stelle, weil ich sie auch gern in großen Mengen geraucht habe). Jedes Dorf hatte einen gewählten Präsidenten. Streitigkeiten wurden von der Dorfversammlung geregelt. Erst wenn es dort keine Klärung gab, wurde die staatliche Judikative eingeschaltet.

Die Familien platzten vor Leuten, überall wurde angebaut, aber das Land gab nicht mehr Arbeit her. Manche Söhne waren als Taxifahrer in Bombay unterwegs, durften aber ihre Frauen auf Anordnung des Familienoberhaupts nicht mitnehmen, damit die ganze Familie unterstützt wurde. 1 Brunnen wurde von 3 bis 4 Familien genutzt, offene Brunnen. Die Tempel wurden täglich oder an Festtagen besucht. Kunstdünger war dieses Jahr nicht erhältlich. Elektrizität war vorhanden und lief. Es gab eine Getreidemühle und eine Ölmühle. Die Harijans lebten im Dorf getrennt von den anderen Bewohnern, man durfte nicht mit ihnen essen oder sie heiraten. Die Brahmanenfrauen arbeiteten nicht auf dem Feld, nur im Haus. Soviel zum Dorf Ghosila.

Zurück im Shri Gandhi Ashram haben wir noch die Kleinindustrie besichtigt: Es gab eine Papiermühle für Dokumentenpapier, Büttenpapier. Außerdem eine Schuh-Sandalen-Produktion. Eine Holzspinnmaschinen-Unit. Eine Weberei-Unit für Baumwolle mit zirka 20 Webstühlen. Außerhalb des Gandhi Ashrams gab es ebenfalls Kleinindustrie, eine Töpferei für Tassen, eine Obst- und Gemüsekonservenfabrik, zum Beispiel Tomatensaft. Es gab eine Stoffdruckerei und Stofffärberei. Eine Seifenproduktions-Unit. Eine Tischlerei. Eine Streichholzherstellung. Das Einkommen der Arbeiter lag bei 3 bis 5 Rupees am Tag (etwa 1 DM), die Manager verdienten 200 Rupees im Monat, andere Festangestellte 100 bis 150 Rupees. In der Streichholzfabrik arbeiteten die Kinder im Stücklohn. In der Weberei wurden gerade Leute aus Assam ausgebildet. Ich habe das vielfältige Bemühen gesehen, durch verschiedene Kleinproduktionen und Handwerk für die Dorfbewohner Arbeit und Einkommen zu schaffen. Die armen Dorfbewohner brauchten wirklich jede Paisa. Es gab viele Menschen und man sah die allgegenwärtige Suche nach Verdienstmöglichkeiten im Land am Ganges.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2021.

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2021/03/31

vorschau04

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2021/03/29

Heinrich Heine, 1797-1856
Weberlied, 1844


Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!


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2021/03/26


ingocesaro02


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2021/03/23

Online Schmökern: 20 Jahre Wikipedia

von Dr. Christian G. Pätzold


wikipedia
Quelle: Wikimedia Commons


Vor ein paar Jahren erschien eine kleine Folge "Online Schmökern" auf kuhlewampe.net. Es ging darum, auf interessante Webseiten aufmerksam zu machen, in deren Archiven man fast endlos schmökern und stöbern kann. Damals erschienen Hinweise auf Illustrierte Magazine der 1920er Jahre, auf das Archiv mit den Tagebüchern von Erich Mühsam, die von Jörg Sundermeier herausgegeben wurden, sowie auf das Archiv der »Weltbühne« aus der Weimarer Zeit, alles Open Access.

Diese Folge möchte ich jetzt fortsetzen mit einer Empfehlung von Wikipedia, der freien Enzyklopädie, von manchen auch als das 8. Weltwunder bezeichnet. Wikipedia bietet nicht nur fast unendlichen, frei zugänglichen Stoff zum Schmökern und Dazulernen, sondern hat dieser Tage auch 20. Geburtstag. Denn die englische Wikipedia wurde am 15. Januar 2001 online gestellt, die deutsche Wikipedia folgte nur wenig später im März. Einer ihrer Mitgründer ist der bekannte Jimmy Wales. Wikipedia ist nichtkommerziell und finanziert sich durch Spenden. Die Wikipedia gibt es, Stand Januar 2021, in 306 Sprachen. Die größte Wikipedia ist die englische Wikipedia mit 6,2 Millionen Artikeln! Die deutsche Wikipedia steht an 4. Stelle mit 2,5 Millionen Artikeln! Das reicht, um ein Leben lang mit kostenlosem Schmökern zu verbringen. Danke an Jimmy Wales und an die vielen tausende AutorInnen!

Die Wikipedia wird von der Wikimedia Foundation mit Sitz in San Francisco/California betrieben. Die Besonderheit von Wikipedia ist, dass alle Menschen an der Enzyklopädie mitarbeiten und Artikel von ihrem Rechner aus schreiben und publizieren können. Dadurch fließt das Wissen von Tausenden von Menschen ein. Na gut, manche Artikel sind sprachlich und stilistisch vielleicht etwas holprig, aber das kann man ja noch verbessern.

Als Beispiel für den Nutzen und die Wissensfülle der Wikipedia kann ich den Baum des Jahres 2021, die Ilex, anführen, über die im Februar auf kuhlewampe.net berichtet wurde. Wenn man bei Google "ilex wiki" eingibt, erhält man gleich als ersten Treffer den Wikipedia-Artikel über die botanische Gattung Ilex. Dort erfährt man, dass die Ilex zur Familie der Stechpalmengewächse (Aquifoliaceae) gehört und dass es 600 Arten Ilex gibt. Man findet dort auch viele weitere Informationen, zahlreiche Links zu weiteren Artikeln und gute Fotos. Wenn man sich für die Europäische Ilex (Ilex aquifolium L.) interessiert, kann man den entsprechenden Link anklicken.

Ich habe in den letzten Jahren oft unter anderem nach einzelnen Pflanzenarten bei Wikipedia gesucht und bin fast immer fündig geworden. Trotzdem gibt es noch tausende Pflanzenarten, die noch keinen eigenen Wikipedia-Artikel haben. Für engagierte Botaniker gibt es also noch viel zu tun. Viele Artikel können noch geschrieben werden. Aber natürlich wird das Artikelschreiben immer komplizierter, denn die einfachen Artikel wurden schon geschrieben.

So umfangreich wie die Botanik sind auch viele weitere Wissensgebiete in der Wikipedia vertreten, zum Beispiel die Geschichte, die Kunstgeschichte, die Geographie, die Politik, die Soziologie, die Ökonomie oder Biographien. Ich habe in den vergangenen 20 Jahren auch oft in diesen Wissensgebieten Artikel gelesen. Und auch schon mal 5 Euro an Wikipedia gespendet, denn ein paar Kosten für die Technik fallen ja immer an.

Es ist schön zu sehen, dass heute das gesamte Wissen der Welt allmählich für alle Menschen kostenlos in der Cyber Galaxis gesammelt und zur Verfügung gestellt wird. Wie schwierig und zeitaufwändig war es früher im Gutenberg-Zeitalter, an Wissen zu kommen. Oft brauchte man einen ganzen Tag, um an eine klitzekleine Information zu kommen. Man musste zu Bibliotheken zu den Öffnungszeiten gehen, womöglich eine Benutzungsgebühr bezahlen und dann hoffen, dass man das richtige Buch mit der gesuchten Information auch findet. Wenn man heute etwas wissen möchte, dann lohnt es sich sehr, in der Wikipedia zu schmökern.

Das Wort Wikipedia ist zusammengesetzt aus dem hawaiischen Wort wiki schnell und dem Wort Enzyklopädie. Wikipedia bedeutet also schnelle Information.


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2021/03/20


Heute ist Frühlingsanfang !


primavera
Sandro Botticelli (1445-1510), La Primavera, um 1482.
Detail: Flora, Chloris und Zephyr.
Firenze, Galleria degli Uffizi.


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2021/03/18

Ausrufung der Pariser Commune vor 150 Jahren

von Dr. Christian G. Pätzold


Vor genau 150 Jahren, am 18. März 1871, wurde die Pariser Commune (La Commune de Paris) von den Arbeitern ausgerufen. Mit diesem Namen wurde der revolutionäre Pariser Stadtrat bezeichnet, der die französische Hauptstadt nach sozialistischen Grundsätzen verwaltete. Die Pariser Commune bestand vom 18. März 1871 bis zum 28. Mai 1871 (72 Tage), als sie von konterrevolutionären französischen Regierungstruppen in der Blutwoche des Mai besiegt wurde. Damals starben in den Straßenkämpfen etwa 20.000 KommunardInnen.

Die Zeit für die Commune war zunächst günstig, denn es war gegen Ende des deutsch-französischen Krieges 1870/71, als die bürgerliche französische Regierung in Versailles schwach war und die deutschen Truppen keine Lust hatten, Paris zu stürmen, weil sie hohe Verluste befürchteten. Im Mai aber waren sich die vorherigen Feinde, die französische Regierung und die deutsche Regierung, einig, dass man die Sozialisten in Paris auf jeden Fall ausrotten müsse. Bismarck war dabei sehr hilfreich. Er erlaubte die Vergrößerung der französischen Regierungstruppen und entließ französische Kriegsgefangene.

Die Pariser Commune spielt in der Geschichte des Sozialismus eine große Rolle. Sie war das Vorbild für das Rätesystem und für die spätere Sowjetunion, die von 1917 bis 1990 (72 Jahre) existierte. Für Karl Marx war die Pariser Commune die erste sozialistische Revolution, er schrieb darüber das Buch »Der Bürgerkrieg in Frankreich«. Berühmte sozialistische Dekrete der Commune waren die Annullierung aller Mietrückstände, ein Nachtbackverbot zum Schutz der Arbeiter in den Bäckereien, die Konfiszierung von kirchlichem Ordensbesitz, die Trennung von Kirche und Staat, die Abrufbarkeit von Beamten, die Emanzipation der Frauen. Fabriken, die von Unternehmern stillgelegt worden waren, sollten von in Kooperativgenossenschaften zusammengeschlossenen Arbeitern fortgeführt werden.

Das Rätesystem der Pariser Commune ist das klassische sozialistische Regierungssystem, bei dem die Macht von Vertretern der Arbeiter ausgeübt wird. Dadurch soll der Sozialismus durchgesetzt werden. So wurden zum Beispiel in der Oktoberrevolution von 1917 in Russland Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte eingerichtet, die auf Russisch Sowjets genannt wurden. Daher stammt auch die Forderung der Kommunistischen Parteien: Alle Macht den Räten! Aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und der deutschen Novemberrevolution stammt auch die deutsche Institution der Betriebsräte, die allerdings nur noch ein ganz schwaches Gespenst der wirklichen Räte sind und nicht mehr viel zu sagen haben.

Eine Gedenkstätte für die ermordeten Kommunarden ist der große Friedhof Père Lachaise im Osten von Paris. Dort befindet sich der Mur des Fédérés, an dem 147 Kommunarden am 28. Mai 1871 erschossen wurden. Zum Gedenken an die Pariser Kommune und an die Märzrevolution von 1848 veranstalteten die Arbeiter im Deutschen Kaiserreich an jedem 18. März eine Märzfeier. Bei der Märzfeier wurde eine Gedenkrede gehalten und Arbeiterlieder wurden gesungen. In Berlin gibt es noch den Platz des 18. März am Brandenburger Tor und die Straße der Pariser Kommune im Bezirk Friedrichshain, die an die Revolutionen vom 18. März 1848 in Berlin und vom 18. März 1871 in Paris erinnern. Im ostberliner Bezirk Friedrichshain war 1971 das neue Gebäude des »Neuen Deutschland«, der Parteizeitung der SED, gebaut worden. Entsprechend sollte auch die Straße einen sozialistischen Namen haben und so kam man zum 100. Jahrestag auf Straße der Pariser Kommune. Davor hieß die Straße Fruchtstraße, da dort ursprünglich Landwirtschaft betrieben wurde.


parisercommune
Briefmarke DDR 1971.


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2021/03/14


Forsythienfrühling


fruehling
Forsythienblüte fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold


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2021/03/11


10 Jahre Fukushima/Japan


fukushima1
11. März 2011
Kernschmelzen in 3 Reaktorblöcken des Atomkraftwerks Fukushima in Japan
nach einem schweren Erdbeben und einem Tsunami.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2021/03/08

Für keltische Feinschmecker:

Der Ort Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch in Wales
ist sehr schwierig auszusprechen


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2021/03/05

Zum 150. Geburtstag von Rosa Luxemburg
Geboren in Zamość/Kaiserreich Russland am 5. März 1871 -
ermordet in Berlin am 15. Januar 1919

Dr. Hans-Albert Wulf
"Die beiden letzten Männer der deutschen Sozialdemokratie!"


rosa
Rosa Luxemburg


Rosa Luxemburg wurde am 5. März vor 150 Jahren geboren. Gestorben ist sie am 15. Januar 1919. Erschlagen von Mördern einer rechtsradikalen Kampftruppe. Rosa Luxemburgs Leben war ein einziger Kampf. Symptomatisch hierfür ist die Kontroverse um den Massenstreik als revolutionärem Kampfmittel. In dieser Frage grenzte sich Rosa von verschiedenen Fronten ab. Zum einen von den Anarchisten, die ohne jede Rücksicht auf die jeweils aktuellen politischen Rahmenbedingungen gleichsam in einem amateurhaften Blindlingsdrauflos von hier auf heute politische Massenstreiks zum Sturze der bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung proklamierten.

Der diametrale Gegenpart zu einer solchen Revolutionsromantik waren die mit der SPD verbundenen deutschen Gewerkschaften, die ihre Aufgabe darauf beschränkten, die ökonomische Lage ihrer Mitglieder mit begrenzten Streiks zu verbessern. Mit politischen Streiks könnten sie ihre gesellschaftliche Stellung und Machtposition aufs Spiel setzen, so fürchteten sie.

Mit dem Begriff Massenstreik im Sinne von Rosa Luxemburg ist kein einfacher ökonomischer Streik gemeint, sondern eine möglichst flächendeckende Arbeitsniederlegung mit einer offensiven politischen Zielsetzung. Vorbild hierfür waren für Rosa Luxemburg und die Genossen des linken Flügels der SPD die Massenstreiks in der russischen Revolution 1905. In der deutschen Sozialdemokratie gab es zur gleichen Zeit auf dem Parteitag 1905 in Jena immerhin ein kleines Zugeständnis. Hier wurde ein Antrag verabschiedet, der den Massenstreik als defensives Kampfmittel bei politischen Angriffen der Herrschenden befürwortete. Aber dies hieß noch lange nicht, dass der Massenstreik als revolutionäres, also offensives Kampfmittel akzeptiert wurde. Doch auch dieser Beschluss wurde bereits ein Jahr später auf dem Reichsparteitag der SPD 1906 in Mannheim dahingehend aufgeweicht, dass Massenstreiks grundsätzlich nur mit der Zustimmung der Gewerkschaften stattfinden durften. Und so gaben die Gewerkschaften den reformistischen Ton in der deutschen Arbeiterbewegung an. An offensive politische Streiks wie in Russland 1905 war damit nicht mehr zu denken. Der von Rosa Luxemburg repräsentierte linke Flügel der SPD geriet damit immer mehr in die Defensive und die Mehrheits-SPD machte immer mehr mit dem bestehenden kapitalistischen System ihren Frieden und diese opportunistische Grundhaltung fand bekanntlich einen Höhepunkt 1914 mit der Bewilligung der Kriegskredite zur Finanzierung des 1. Weltkrieges durch die SPD.

Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und die anderen Akteure des linken Flügels der SPD waren angewidert von solch einer reformistischen und revisionistischen Politik und hierzu gibt es eine kleine Geschichte: Rosa Luxemburg und Clara Zetkin befanden sich einmal auf einer Tagung der SPD-Führung. Und da sie die pflaumenweichen Reden ihrer SPD-Mannen nicht mehr anhören wollten, gingen sie hinaus und machten einen Spaziergang. Drinnen habe man sich, so hieß es nach ihrer Rückkehr, Sorgen gemacht, wo sie denn wohl geblieben seien und ob ihnen möglicherweise etwas zugestoßen sei. Man habe schon gewitzelt, was dann wohl auf ihrem Grabstein geschrieben stehen würde. Darauf erwiderte Rosa : "Warum nicht einfach: Hier ruhen die beiden letzten Männer der deutschen Sozialdemokratie!"

© Dr. Hans-Albert Wulf, März 2021.


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2021/03/02

Markus Richard Seifert
Arbeiten im Home Office


Als er mal wieder arbeitslos war (und da er keine Ausbildung hatte, war er das immer mal wieder), wurde ihm von seinem zuständigen Jobcenter (dem früheren Arbeitsamt) ein Zusatzjob angeboten, eine so genannte oder auch MAE-Stelle mit seit 2019 ZWEI €uro pro Stunde und 6 Stunden pro Tag. Aber was ist eine MAE? MAE bedeutet Mehraufwand, besagt also, dass ein Berufstätiger Mehraufwand hat, zum Beispiel für eine Monatskarte für seinen Weg zur Arbeit. Was ist also ein MAE-ler?? Ganz einfach gesagt - ein berufstätiger Arbeitsloser! Genau so wie ein so genannter "Aufstocker".

Und zwar im Rathaus Schöneberg zu Berlin. Dort gab es nämlich eine Dauer-Ausstellung mit dem Titel WIR WAREN NACHBARN, wo ausgewählte Biographien von jüdischen Mitbürgern dokumentiert wurden, die während der Zeit der NS-Diktatur verfolgt worden waren. Prominente wie der Physiker Albert Einstein oder Walter Benjamin waren dort friedlich vereint mit vielen so genannten "kleinen Leuten" aus dem Volke, die auch jüdische Leute gewesen sind. Und da der Tresen (mit einem kleinen Büchertisch) schon mit drei Mitarbeitenden besetzt war, so erhielt er eine Stelle im so genannten Home Office, durch Recherche-Arbeiten dieser Ausstellung von zu Hause aus zu dienen. Übrigens nicht, weil er den CORONA-Virus gehabt hätte, der damals (man schrieb übrigens das Jahr 2020) weltweit sein Unwesen trieb. Deshalb bestimmt nicht!

So war also seine Wohnung sein Büro und Arbeitsplatz geworden! Kurz war sein Weg zur Arbeit, nämlich vom Schlafzimmer einmal über den Flur in sein Wohnzimmer, was nun auch sein Arbeitszimmer geworden ist. Natürlich hatte er auch offizielle Arbeitszeiten, die er auf einem Arbeitszeit-Nachweis zu dokumentieren hatte, inklusive seiner täglichen Tätigkeiten. Und ebenso natürlich war es, dass er diese Zeiten nicht immer einhielt, sondern "Gleitzeit" arbeitete, denn das merkte ja doch keiner. Allerdings - arbeiten musste er wirklich, weil Ergebnisse abverlangt wurden.

Zuerst bekam er den Auftrag, im Internet den Roman »Das Mädchen von Lagosta« herauszusuchen. Dieser war allerdings nicht als Buch, sondern nur als Fortsetzungsroman in der Zeitung "Innsbrucker Nachrichten" erschienen (1931/1932). Autorin war eine gewisse Dora Sophie Kellner, Ex-Frau von Walter Benjamin. Weitere Aufgaben folgten. Seine Aufträge erhielt er in der Regel per Telefon.

Nebenbei bemerkt war sein juristischer Arbeitgeber (sprich: Beschäftigungsträger) jener Verein mit Namen Kulturring e.V., für den er schon einmal in der Zeit von 2009 bis Januar 2013 in einer sozialen Bücher-Stube mit Namen Medien-Freund gearbeitet hatte. Und offiziell war er dem Medien-Freund Schöneberg als "Heimarbeiter" zugeteilt worden, wo er am Monatsende seinen Arbeitszeitnachweis abzugeben hatte.

Hatte es Vorteile, im Home Office zu arbeiten? Ja, durchaus, denn ein Teil des Mehraufwandes (MAE) fiel dadurch weg - so zum Beispiel das Waschen und Rasieren oder die Monatskarte, die er für seinen Weg zur Arbeit in dieser Zeit eigentlich gar nicht brauchte. Und die Nachteile?? Ja freilich, er benutzte seinen privaten Computer und nutze ihn ab dabei. Denn ein Arbeitgeber spart durchaus dadurch, dass er seine Mitarbeiter zu Hause arbeiten lässt. Aber andererseits hat ein home-office-worker einige Freiheiten mehr, die er nicht hätte, wenn seine Vorgesetzten im Nebenzimmer säßen! Und auch ein Telefon-Kontakt garantiert natürlich keine vollständige Kontrolle. Allerdings - ein Arbeitgeber stellt normalerweise die "Produktionsmittel" zur Verfügung, aber er benutzte seinen ganz privaten PC für diese Arbeit.

Ist das Model "Home Office" neu - vielleicht sogar ein Kind der aktuellen "Corona-Krise"?? Nein, durchaus nicht. Ein besonders bekanntes Beispiel waren die Schlesischen Weber, also die so genannten Hausweber, über die schon der Dichter Heinrich Heine ein Gedicht und der Dramatiker Gerhart Hauptmann ein Theaterstück geschrieben haben. Und sogar der Reiseschriftsteller Karl May, welcher in diesem Milieu der Hausweber aufgewachsen ist, hat einen Schmugglerkrimi mit dem Titel »Das Buschgespenst« über das Elend der Hausweber, die Heimarbeiter waren, geschrieben. Wobei ich die Frage, ob das Produktionsmittel eines Webstuhls nun das Eigentum des Arbeitgebers ("Verleger") war oder seines Auftragsarbeiters bisher leider noch nicht zu klären vermocht habe. Kurz gesagt: Ein Heimarbeiter ist ein Mensch, bei dem das Wohnzimmer zu seiner Arbeitsstätte wird.

© Markus Richard Seifert, März 2021.


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2021/02/28

vorschau03

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2021/02/26

"Glauben und Wissen verhalten sich wie die zwei Schalen einer Waage:
in dem Maße, als die eine steigt, sinkt die andere."


Arthur Schopenhauer (1788-1860)
Aphorismen zur Lebensweisheit


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2021/02/23


ingocesaro01


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2021/02/20

Rudolph Bauer
Schimpf und Schande


schmähworte lauten dieser tage
asylant und armutsplage
lämmerschächter pazifist
dealer roma terrorist

oben auf den rufmordlisten
auch das schimpfwort kommunisten
rote socke roter zeck
autonomer bullenschreck

gleichzusetzen pädophilen
grundschullehrern und senilen
rentnern omas und dementen
die in pflegeheimen enden

ein drohwort ist antisemit
genutzt vor allem und damit
kritik verstummt und schweigt
wenn sie auf die regierung zeigt

die palästinas land besetzt
gegen die muslime hetzt
hochgerüstet bibelfest
todesstreifen bauen lässt

schmach gilt auch dem flüchtlingsheer
das man jagt mit tötungsdrohnen
orbitalen kampfspionen
und ersäuft im mittelmeer

diese flüchtlingsexistenzen
an europas frontex-grenzen
fliehen vor den killerwaffen
die sich solche dort beschaffen

welche mit den reichen ländern
handel treiben statt zu ändern
die strukturen wo sie leben
statt den armen brot zu geben

© Prof. Dr. Rudolph Bauer, Februar 2021.

Das Gedicht ist mit Erlaubnis des Autors dem Buch entnommen:
Rudolph Bauer: Zur Unzeit, gegeigt. Politische Lyrik und Bildmontagen.
Hamburg 2020. tredition. ISBN 978-3-347-06297-9.


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2021/02/17

Baum des Jahres 2021: Ilex

von Dr. Christian G. Pätzold


ilex1
Ilex aquifolium (Europäische Stechpalme).
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, Dezember 2020 in Berlin.


Im vorigen Jahr war die Robinie der Baum des Jahres in Deutschland. Seht bitte den Artikel vom 2020/06/02 auf kuhlewampe.net. Der Baum des Jahres 2021 ist die Ilex, ein Strauch oder Baum, über den sich viel erzählen lässt. Das fängt schon bei ihrem Namen an. Die Ilex ist ein lateinischer Name, und da bei den alten Römern alle Bäume weiblich waren, bevorzuge ich die weibliche Namensform. Im Deutschen kann man aber auch der Ilex sagen. Überhaupt gibt es bei der Ilex weibliche und männliche Bäume. Natürlich haben nur die weiblichen Bäume rote Früchte. Die Ilex wird im Deutschen auch Stechpalme genannt, was irreführend ist, da ihre Blätter zwar teilweise Stacheln haben, die Ilex ist aber keine Palme. Palmen überleben keinen Frost, daher wachsen in Deutschland keine Palmen, jedenfalls nicht an stark frostigen Orten. An Stelle der biblischen Palmwedel verwendete man früher zu Ostern immergrüne Ilexzweige und so entstand der Name Stechpalme. Es gibt noch zahlreiche weitere Namen für die Ilex: Hülse, englisch Holly (siehe Hollywood), Hülsdorn, Dören, in Österreich auch Schradler.

Da die Ilex immergrün ist, kann sie auch im Winter bei frostfreiem Wetter ihre Photosynthese aufrechterhalten. Dieser Vorteil zeigt sich auch darin, dass die Ilex sehr schattentolerant ist und auch unter hohen Laubbäumen wächst, wo sie im Sommer kaum Licht bekommt. Wenn die Laubbäume im Winter ihre Blätter abgeworfen haben, kann die Ilex mit der Photosynthese beginnen. Die Ilex ist auch sehr schnittverträglich, das heißt sie überlebt es meist sehr gut, wenn man ein paar Zweige abschneidet.

In Berlin und Brandenburg ist die Ilex nicht heimisch, da es ihr hier zu kalt und zu trocken ist. Trotzdem wurde sie oft in Vorgärten angepflanzt und entwickelt sich dort sehr gut. Lieblingsbiotope der Ilex sind Irland und England mit einem milden und feuchten atlantischen Klima. Es lohnt sich, eine weibliche und eine männliche Ilex anzupflanzen, wenn man den Platz hat. Dann kann man sich an schönen immergrünen Bäumen mit auffälligen roten Früchten erfreuen, besonders in der Winterzeit. Die Zweige sind auch eine beliebte Weihnachtsdekoration, besonders in England und den USA.

Die europäische Ilex aquifolium ist nur eine Art von etwa 600 Arten in der botanischen Gattung Ilex. Interessant ist zum Beispiel auch Ilex paraguariensis, aus deren geschnittenen und getrockneten Blättern das argentinische Nationalgetränk Mate hergestellt wird. Mate-Tee enthält Koffein und ist inzwischen auch in Deutschland zu einem Modegetränk geworden.

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Stechpalme
https://www.baum-des-jahres.de/stechpalme/


ilex2
Heterophyllie bei Ilex aquifolium.
Quelle Wikimedia Commons.


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2021/02/14

Für die Ohren und den Kopf

Domenico Scarlatti (1685-1757)
Cembalo Sonata K 119

3 Minuten 5 Sekunden. Recorded by John Sankey. Quelle: Wikimedia Commons
(Bitte mit Kopfhörer hören für vollen Klang)





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2021/02/11


punkte


Statt Hartz IV, Armut, Existenzangst und Schikane
Für freie Menschen ! Nie mehr Sklaven des Jobcenters !

Für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) von 1.300 Euro
im Monat für Alle (Stand 2021)

Es ist schon alles von Ökonomen durchgerechnet und finanzierbar.


punkte


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2021/02/08

Markus Richard Seifert
Erlebnis einer Lesung

(Angeregt durch das Gedicht »Sozusagen in der Fremde« von Erich Kästner)


Nein, dieses war KEIN Publikum.
Jedenfalls NICHT FÜR MICH.
Sie saßen alle so schrecklich stumm
... und waren höchstens höflich.

KEIN Beifall und KEIN Kommentar.
Ihm war, als sei GAR KEINER DA.
Doch war er umgeben von Leuten,
deren Schweigen schwer zu deuten.

Doch - manchmal gab es ein bisschen Applaus
... so mit der Hand auf den Tisch.
Der hörte dann aber bald wieder auf
... und war wohl meist höflich.

Und neben mir, da hat einer gesessen
... den hab' ich von früher gekannt.
Den fragte ich, ob er mich vergessen
... und reichte ihm die Hand.

Er sagte nein - natürlich nicht.
Er erinnere sich - durchaus an mich.
Doch weil ihm dies selbstverständlich schien
... BEGRÜSSTE er - MICH NICHT
(So hat er ZU MIR GESAGT)

Da ging ich fort von diesem Tisch,
vom Publikum, das mich NICHT SAH.
Ging fort und WEINTE BITTERLICH
über Zuhörer, die mir NICHT NAH
(Ich hätte sogar Kritik ertragen,
aber nicht - dieses Schweigen)

© Markus Richard Seifert, Februar 2021.

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2021/02/05

art kicksuch
blaues brauen


artkicksuch01
© Art Kicksuch, Februar 2021.


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2021/02/02

Wolfgang Weber
Lesung im Supermarkt

zunächst die Urfassung 2011, dann ein update 2012, schließlich der Versuch einer
Rekonstruktion des in der Textbar Vorgetragenen


halloren1
Hallorenkugeln. Quelle: Wikimedia Commons.


1) Urfassung

Sonnabend Abend / gehe zur Lesung / weiß gar nicht / ob sie überhaupt / stattfindet / oder ob noch / Sommerpause / oder Herbstpause / ist

der Rollladen / an der Eingangstür / ist heruntergezogen / keiner ist da / nicht einer

also gut, dann mache ich / etwas ganz anderes / und gehe / wieder nachhause / komme / vielleicht / nächste Woche wieder / vielleicht ist dann die Lesung

auf dem Weg nachhause / ist ein Supermarkt / ich gehe / also / mit meinen beiden Manuskripten / in den Markt / und biete meine Dienste als / frei schwebender / frei schaffender / frei schwimmender / frei denkender / Autor an

mit anderen Worten / ich / biete eine freiwillige / Autorenlesung an / also / für mich ist sie freiwillig

alle müssen zuhören / die im Supermarkt sind / denn ich habe ein Megaphon dabei / keiner entkommt / mir

die Schlangen / an den Kassen / sind lang / außergewöhnlich lang / und / ich / habe nur ganze / zwei Texte dabei

wie / ich / höre / sind mehrere Mitarbeiter / des Marktes / krank / und die kurzfristig angerufenen Aushilfen / hätten noch eingearbeitet werden / müssen und sollen

also / was mache / ich / jetzt / werde / ich / langsamer / variiere / ich / beim zweiten Vorlesen / oder improvisiere / ich / und erfinde aus dem Stegreif / die Geschichte eines Autors / der zu einer regelmäßig stattfindenden Lesebühne / zu Fuß anreiste / diese aber verschlossen vorfand / wegen Sommerpause / obwohl vor kurzem / Herbstanfang war / dieser Autor / wollte nicht / schnurstracks / unverrichteter Dinge / nach Hause gehen / sondern ging spontan / in den nächsten Supermarkt / sprach zum Personal / und den anwesenden Kunden:

ich / bin / Euer / Autor / und lese jetzt / aus meinem / riesengroßen Werk / zwei kleine Kostproben / also / engagiert / mich / meine / Gage sei / ein Schlemmerfilet / ich / lese solange noch / ein Kunde im Laden ist

meine / beiden Texte / 10 Minuten in der S-Bahn und Der Sprinter / wechseln sich ab / mit diesem Text / Lesung im Supermarkt / durch die ständige Wiederholung / immer weiter perfektioniert / optimiert

wie sieht es aus? / die Kunden flüchten doch nicht etwa / vor / meiner / Lesung im Supermarkt / aus dem Supermarkt / besser wäre es / sie flüchteten / erst nach der Lesung / mit ihren Waren / ich / gehe mal davon aus, dass sie diese / ordnungsgemäß / bezahlt haben / oder / waren die Leute / an der Kasse / bei der für sie / ach so interessanten Lesung / eingeschlafen / & haben alles & alle / durchgehen lassen / ganz ohne Treueherzen

wer weiß / ich / habe bei der Lesung / nicht / darauf / geachtet / ich / hatte ja / schon genug / damit zu tun / alleine / einen ganzen Abend / zu bestreiten

mein / Mitstreiter / hatte sich nämlich / beizeiten / aus dem Staub / gemacht / halt / ein Schnitzer im Plot / der Mitstreiter / taucht / hier an dieser Stelle / erstmals auf / er war trotzdem mit dabei / ich / habe ihn nur nicht erwähnt / also er hatte sich aus dem Staub gemacht / das sagte ich schon / wenn ich etwas zweimal sage / ist es mir wichtig

im übrigen / finde / ich / meine / Texte / besser / als die seinigen / umgekehrt / war / er / von / meinen / Texten / weniger angetan / als von seinen / aber das ist normal

was wäre das / für ein Auftritt geworden / an Kasse eins / ich / an Kasse zwei / er / erst gleichzeitig / im Chor / mit zwei verschiedenen Texten / später im Wechsel

gerade ruft / eine weitere Autorin aus / ich geh mal schnell nachhause / Texte holen / Schnitzer Nummer zwei / die Autorin taucht hier aus dem Nichts auf / sie / war die ganze Zeit im Lager versteckt / sie / kommt schnell wieder / mit einem von ihr geschriebenen Buch / aus dem / sie / nun vorliest / wir / sind gerettet / sie / liest und liest und liest / dann wieder ich und ich und ich / danach er und er und er / er / ist gerade / zurückgekehrt / manche sehen / ihn zum ersten Mal

der Umsatz steigt / es spricht sich im Kiez herum / immer mehr Kunden kommen / die Schlangen werden lang und länger / fast wie bei der MOMA-Ausstellung / spontan wird beschlossen / wir machen die ganze Nacht durch / sowohl / Marktleitung / als auch / Autoren / sagen das

ich / eile gegen Mitternacht / nachhause / ich schreibe dies mehrere Tage später / ebenfalls gegen Mitternacht / ich eile also nachhause / und bringe Nachschub zum Lesen mit

noch eine spontane Entscheidung / der Marktleitung nämlich / wir machen das / jetzt einmal im Monat sonnabends / und ein richtiges Honorar / gibt es dann auch / große Freude bei den drei Autoren / sie er und ich / wir laden jetzt / jedes Mal / ein bis zwei Gäste ein

Musik gibt es auch / das reicht von / heavy metal / über / speed folk / über / crossover / über / freie Improvisation / über / psychedelic-art-krautrock / über / singer songwriter / bis / independent rock / und beatboxing Yoshi / & Alexander on guitar / aber nicht alles an einem Abend

es spricht sich herum / nach einem halben Jahr / kommen so viele Neugierige / dass der Supermarkt es sich neuerdings leisten kann / 5 € Eintritt für die Lesung zu verlangen / Geld stinkt nicht / dafür gibt es einen Sechserträger Bier / pro Person

die anderen Lesungen / im Umkreis von einer Stunde Fahrzeit / mit der BVG oder S-Bahn / haben deutlich weniger Zulauf als früher / oder sie wählen gleich / wenn sie schlau sind / einen anderen Wochentag

das Spektrum der Texte / ist sehr breit / es geht um / das Lesen / das Schreiben / das Wandern / das Reisen / um Autoren / und vieles andere mehr

der Andrang der Autoren / die hier lesen wollen / ist derart groß / dass wir eine Warteliste einführen müssen / jeder Gast darf eine halbe Stunde beanspruchen / schließlich ist es ein langer Abend / bis 4 Uhr nachts / wilde Zeiten im *.* (Sternpunktstern) / dem Autor / ich / ist der Laden bekannt

ich / glaube / die Straßenbahn / fährt die ganze Nacht lang / sowieso / nicht extra für uns / in jedem zweiten Zug sind Reklameflächen gemietet / für die Lesung im Supermarkt / so dass immer wieder Neulinge / dazu kommen / die sich an der Kraft des Wortes berauschen / und auch an den erwähnten sixpacks / danach fahren sie mit der Straßenbahn / wieder zurück / und müssen vielleicht / noch irgendwo umsteigen / aber das ist eine andere Geschichte

manche / kommen auch immer wieder / die Stammgäste / die sind / uns / besonders lieb / eben weil sie bekannte Gesichter sind / weil sie bekannte Ohren haben / die aber nicht nur das altvertraute brauchen / sondern sich / immer wieder auf etwas neues / ungewohntes / frisches / freuen / sonst wäre es ihnen langweilig / aber / er sie und ich / brauchen das auch / nicht nur die Dauerbrenner / etwas neues, überraschendes / muss jeden Abend dabei sein

wer hier im Supermarkt / lesen kann / ohne Anlage, ohne Technik und all den Schnickschnack / der schafft es überall

oder international gesagt / if you can make it in New York / you can make it anywhere (Frank Sinatra)

es gab anfangs nur das Megaphon / das aber die Texte stark verfremdet / und deshalb nur selten eingesetzt werden kann / der Sound ist einfach zu knarzig

als alles finanziell gut lief / haben wir High End Technik eingesetzt / aber nicht gekauft / nur gemietet / wir / sind ja nicht verrückt / die Firma heißt übrigens / rentaloudspeaker.com

das Ordnungsamt / hat dem Supermarkt / den Einsatz von Dixi-Toiletten / verordnet / die Toiletten stehen draußen / es werden tatsächlich Wartenummern ausgegeben / die Geräte dafür sind Leihgabe des Arbeitsamtes / wenn es einer eilig hat / werden Nummern getauscht

jetzt wo der Laden so gut läuft / müssen die Autoren / sie ich und er / ihre Honorare auch ordnungsgemäß versteuern / leider bleibt dann / nicht so viel über / von der an sich großzügigen Gage

die Reihe läuft noch weiter / den Autoren geht es gut / sie freuen sich / über die Aufmerksamkeit des Publikums / das immer zahlreicher erscheint / darf man das Kult nennen ?

die Autoren bereiten sich schon / auf die nächste Runde / in vier Wochen vor / wenn es wieder heißt / Lesung im Supermarkt

übrigens gehört / diese Bühne / der Bewegung / Occupy Penny / an / daher hat sich diese Bühne den Namen / Süpermercado Occupado / gegeben

Location Scouts / suchen für Film oder Fernsehen / Orte, die z.B. für / Lesebühnen geeignet sind / und darüber hinaus für Dreharbeiten

ein Film könnte / z.B. die Geburt einer neuen Lesebühne schildern / & die Intrigen / hinter den Kulissen / der nächste Coup ist es / eine real existierende Lesebühne in einen Film einzubauen / die Filmhonorare sind üppig oder waren es einmal / schließlich sind die Autoren / auf der Lesebühne / die Hauptpersonen / gleich nach dem Publikum

eine weitere Aufgabe für Location Scouts / ist es / einen Waschsalon zu finden / oder einen Ort zum Waschsalon umzubauen / der als Kulisse für eine Lesebühne im Film dienen soll

bis zur nächsten Lesung im Supermarkt Süpermercado Occupado / sie er & ich

2) update 01/2012

der von der Lesebühne / Süpermercado Occupado / besetzte Supermarkt / war wegen Umbau vor kurzem eine Woche lang geschlossen

die Nutzung als Lesebühne / ging offenbar dem Supermarkt an die Substanz

im Augenblick ist es noch unklar / ob die Lesebühne / Süpermercado Occupado / dort weitermachen kann / oder ob sie wie so viele Bühnen / sich einen neuen Ort suchen muss / aber den Namen mitnimmt

so oder so

bis bald / sie er und ich

3) partielle Rekonstruktion für die Textbar 08/2020: Lesung in der Kaufhalle

gehe zur Lesung / weiß nicht / ob sie überhaupt stattfindet / es ist ein Versuch / das erfolgreiche Modell aus dem Wedding / Lesung im Supermarkt / zu exportieren als Lesung in der Kaufhalle

gehe in die Kaufhalle / biete meine Dienste an / alle müssen mir zuhören / ob sie wollen oder nicht / ich habe ein Mikro dabei / niemand entkommt mir

lange Schlangen an den Kassen / und ich habe nur zwei Texte in der Tasche / einen im Handy / mehrere Mitarbeiter erkrankt / Aushilfen mäßig motiviert

also was tun / ich werde langsamer / was mir schwerfällt / variiere und improvisiere / aus dem Stegreif / die Geschichte eines Autors / der in der Kaufhalle lesen / soll will oder muss / mit der S Bahn angereist zur Welttournee / Endstation Ahrensfelde / trotzdem in Berlin

also sprach er / der weitgereiste Autor / aus seinem riesengroßen Werk / zwei klitzekleine Kostproben / seine Gage sei ein Broiler / er wurde an der Kasse platziert / und las im Wechsel mit / einer überraschend aufgetauchten Dichterin aus der Textbar

der andere Mitstreiter hatte sich nicht aus dem Staub gemacht / er war gar nicht erst erschienen / Schwund ist immer

auch hier stieg der Umsatz / in der Kaufhalle / bei jeder wöchentlichen Wiederholung / immer wieder sonntags / Honorar in Naturalien / Hallorenkugeln und Köstritzer Schwarzbier

Musik die Titelmelodie vom Sandmännchen / ja wir nehmen Eintritt / der Andrang von Publikum und lesen wollenden Autoren ist riesengroß / viele nehmen weite Wege auf sich / es lohnt sich

wer hier in der Kaufhalle lesen kann / ohne Anlage und Technik / der schafft es überall / if you can make it in New York / you can make it anywhere (Frank Sinatra)

der oder die kann sogar in der Textbar lesen

etwa so könnte es gewesen sein

© Wolfgang Weber, Februar 2021.

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2021/01/31

vorschau02

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2021/01/27

Für die Ohren und den Kopf

Arcangelo Corelli (1653-1713)
1 Satz aus einer Triosonata

1 Minute 34 Sekunden. Quelle: Wikimedia Commons
(Bitte mit Kopfhörer hören für vollen Klang)





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2021/01/24

Pieter Bruegel der Ältere (1525-1569)
Die Jäger im Schnee, 1565


bruegel
Pieter Bruegel der Ältere (1525-1569)
Die Jäger im Schnee, 1565. 117 x 162 cm. Kunsthistorisches Museum Wien.
Quelle: Wikimedia Commons
Eine gute und ausführliche Beschreibung des Winterbildes gibt es bei Wikipedia.
Heutzutage sind die Winter wegen des Klimawandels nicht mehr so weiß.
Bruegels Bild war das erste große Winterbild in der europäischen Kunstgeschichte.


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2021/01/21

Der Beginn der modernen Ökologie-Bewegung vor 50 Jahren

von Dr. Christian G. Pätzold


erde
Erde
Quelle: Wikimedia Commons


Die alte Ökologiebewegung entstand in Deutschland um 1900. Sie wurde auch Lebensreformbewegung oder Jugendbewegung genannt. Sie wollte der ungesunden Industriegesellschaft etwas Natürliches entgegensetzen. Zum Beispiel wurde im Mai 1893 in Oranienburg nördlich von Berlin die Siedlungsgenossenschaft Obstbaukolonie Eden gegründet. Damit sollten Ideen der Lebensreform wie Bodenreform, Siedlungsbewegung, Vegetarismus, Antialkoholismus, Naturheilverfahren und Arbeit in der Natur in die Praxis umgesetzt werden. Ziel war eine naturnahe Lebensgestaltung. In der Obstbaukolonie Eden wurde vor allem Obst angebaut, aus dem Obstsäfte gepresst wurden. Die Lebensreformer sahen sich mehrheitlich auf einem Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, der manchmal als liberaler Sozialismus bezeichnet wurde. In reduzierter Form existiert die Obstbaukolonie Eden noch heute.

Wie schön wäre die deutsche Geschichte gelaufen, wenn man der Lebensreform gefolgt wäre. Stattdessen kamen Wilhelminischer Militarismus, Weltkrieg I, Kapitalismus, Faschismus, Weltkrieg II und wieder Kapitalismus.

Um 1970 wurde allmählich klar, dass die Revolution von 1968 gegen die autoritäre Spießergesellschaft der Nazigeneration und gegen ihr kapitalistisches Wirtschaftssystem mehr oder weniger gescheitert war. Die revolutionären Kräfte waren einfach zu schwach gewesen, zumal die ArbeiterInnen auf der Seite der Kapitalisten standen. Aber zu Beginn der 1970er Jahre kam ein neues spannendes Thema in den Fokus: Der Umweltschutz. Vielen war klar, dass der Kapitalismus auf der Ausbeutung und Zerstörung der Natur beruhte und dass die Erde bald ruiniert wäre, wenn das Wirtschaftswachstum so weiter gegen würde. Die Themen Umweltschutz und Ökologie waren ideal, um den Kapitalismus zu kritisieren und seinen Zusammenbruch vorherzusagen. Die Ausbeutung der Natur war übrigens schon Karl Marx und Friedrich Engels zur Mitte des 19. Jahrhunderts ganz klar. Nur gab es damals noch verhältnismäßig viel Natur. Daher legten sie ihren Fokus auf die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

1971 wurde Friends of the Earth (FoE) gegründet, eine internationale Umweltschutzorganisation mit Ortsgruppen in vielen Ländern. In Deutschland ist der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die lokale Organisation. Ebenfalls 1971 wurde Greenpeace in Vancouver/Canada gegründet, ursprünglich als Protest gegen Atombombentests in Alaska. Es kamen viele Kampagnen hinzu, etwa gegen den Walfang, gegen die Überfischung der Meere, gegen die globale Erderwärmung, gegen die Atomenergie oder gegen Gentechnik.

1972 erschien dann das epochale Buch »Die Grenzen des Wachstums« von Dennis Meadows und weiterer Autoren. Im Untertitel: Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Vielleicht war es das wichtigste Buch des ganzen 20. Jahrhunderts. In dem Buch wurde ganz klar gemacht, dass ein Wirtschaftssystem, das auf ständigem Wachstum beruht, nicht dauerhaft sein kann, weil die Ressourcen der Erde begrenzt sind. Der Verbrauch der Bodenschätze und natürlichen Ressourcen steigt an, der produzierte Müll wird immer mehr, die Anzahl der Weltbevölkerung steigt exponentiell, und wird bald 10 Milliarden Menschen umfassen. Ein exponentielles Wachstum in einem begrenzten Ökosystem führt aber unweigerlich zum Zusammenbruch. Diese zentrale Botschaft wird bis heute von den verantwortlichen Politkern ignoriert, die ständig das Mantra des Wirtschaftswachstums und der Produktionssteigerung singen. Sie müssen die Fakten und die Wissenschaft ignorieren, damit ihr Weltbild nicht kollabiert. Sie diffamierten Dennis Meadows als Weltuntergangsapostel und Nostradamus unserer Zeit.

Das gute Leben geht nicht darum, immer mehr zu produzieren und immer mehr Profit anzuhäufen. Das ist eine Messi-Mentalität. Es geht darum, ökologisch gute, dauerhafte Dinge zu produzieren, die die Menschen brauchen.

Das waren die Ausgangspunkte der modernen Ökologiebewegung vor 50 Jahren, der sich damals viele junge Leute anschlossen. Zuerst entstand die internationale Anti-Atomkraft-Bewegung, die in den 1970er und 1980er Jahren viele Protestaktionen gegen den Bau und Betrieb von Atomkraftwerken durchführte, in Deutschland zum Beispiel in Gorleben und Brokdorf mit Massendemonstrationen. 1986 ereignete sich die Atomkatastrophe von Tschernobyl in der Ukraine, bei der viele Menschen starben und große Landstriche radioaktiv verstrahlt wurden.

Das Thema Ökologie war in Deutschland stark genug, dass sich daraus um 1980 herum eine ganz neue Partei entwickeln konnte: Die Grünen. Was folgte dann? Die politischen Grünen haben sich bis heute 40 Jahre lang gehalten, teilweise als Koalitionspartner von SPD und CDU mit stark abgespeckter Agenda. Heute ist es für die Grünen ein Erfolg, wenn sie einen Fahrradweg durchsetzen können. Aber es gab auch positivere Entwicklungen, so entstanden beispielsweise ganze Ökodörfer in Deutschland.

In den 1990er Jahren wurden die Begriffe Nachhaltigkeit und Sustainability zu internationalen Schlagwörtern, in der Folge der großen Umweltkonferenz in Rio de Janeiro im Jahr 1992. Nachhaltigkeit besagt nichts weiter als die Wahrheit, dass nur eine Kreislaufwirtschaft, die die Natur erhält, dauerhaft funktionieren kann. Aber das wollten viele Akteure in Politik und Wirtschaft nicht hören. In den 2000er Jahren entwickelte sich dann die Klimadebatte, die vor einer Überhitzung der Erde warnte. Durch die Erdüberhitzung ist das Leben auf der Erde direkt bedroht. Auch das wollten viele nicht hören. Die Reaktion der Klimawandelleugner war: Alles bestreiten, die Wissenschaft ignorieren, so weiter machen wie bisher, nach uns die Sintflut. Hinzu kam ein gigantischer Angriff auf die Biodiversität mit der Vernichtung der Wälder in Brasilien, Indonesien oder Indien. Dadurch sterben viele Pflanzenarten und Tierarten aus. Zu wenige Menschen machen sich Gedanken über den Planeten Erde. Und zu wenige Menschen haben einen Plan, wie die Erde in 200 Jahren aussehen soll.

Das war so ungefähr die Geschichte unserer Generation in den letzten 50 Jahren. Heute gibt es eine neue junge Generation, die uns Hoffnung machen kann. Angefangen mit Greta Thunberg in Stockholm hat Fridays For Future die Bewegung neu gestaltet. Eine weitere Bewegung ist Extinction Rebellion. Ökologie Reloaded, um die Erde zu retten.

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2021/01/18

Rudolph Bauer
Deutsches Narrativ

nach dem kaiserreich
und dem weltkrieg
kurzzeitig die räte
weimarer republik
dann hitler

ordnungsfanatischer aufstieg
der kleinbürger
an der seite von mordgenerälen
die freikorps
dann hitler

der wolf homo homini
lupus frei gegeben
zum abschuss
tötungslager
weltkrieg zwo

das reich kapituliert
durch berlin eine mauer
bis ein teil zerfiel
wieder vereint
im vorkrieg erneut

© Prof. Dr. Rudolph Bauer, Januar 2021.

Das Gedicht ist mit Erlaubnis des Autors dem Buch entnommen:
Rudolph Bauer: Zur Unzeit, gegeigt. Politische Lyrik und Bildmontagen.
Hamburg 2020. tredition. ISBN 978-3-347-06297-9.


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2021/01/14

Buchtipp: »Erst im Nachhinein«
Eine neue Internationale Haiku-Anthologie aus Kronach
Herausgegeben von Ingo Cesaro


haikus


Ingo Cesaro hat im Oktober 2020 eine neue Haiku-Anthologie herausgegeben: »Erst im Nachhinein«. Es geht in einem weiten Sinn um Erinnerungen. Man findet dort fast alles, was es zum Thema Erinnern zu sagen gibt. Erinnerungen an die Kriegszeit, die Sommerzeit, die Kindheit, die Jugendzeit, die Maikäfer, die goldenen Zeiten, an Damals. Über die Gedichtform der Haikus war schon in dem Artikel vom 2020/10/17 berichtet worden.

Die Haikus des Buches wurden wieder aufwändig im Handsatz gesetzt und im Buchdruck auf Werkdruckpapier im Japanblock gedruckt. Alles wurde in Narbenkarton mit Durchstichbindung gebunden. Die nummerierte und signierte Auflage liegt bei 400 Exemplaren. Die Bücher können unter folgender Adresse bestellt werden:

NEUE CRANACH PRESSE KRONACH, Joseph-Haydn-Straße 4, D 96317 Kronach.
Mail: ingocesaro@gmx.de.

Das Buch enthält insgesamt 348 Haikus. Hier folgen einige Haikus des Buches als Beispiele:

Fund im Tagebuch
zwischen vergilbten Seiten
gepresste Blüten

Vera Simlinger, Wien/Austria


Der Weide entlang
leuchten in meinen Träumen
Sumpfdotterblumen

Ingrid Töbermann, Berlin


Was war, wird nie mehr
Kommen - Wirklich? Geschichte
Wiederholt sich oft

Bernhard Schauder, Gräfelfing


Erinnerungen -
kostbare Schätze, vor dem
Vergessen bewahrt.

Dieter Klawan, Ahrensberg


Die Erinnerung
Trügt, dank einer Gauklerin
Namens Nostalgie.

Friedrich Ach, Nürnberg


alter Apfelbaum -
Knospe für Knospe wieder
kommt meine Kindheit

Dorota Pyra, Danzig/Polen
Deutsche Fassung: Malgorzata Ploszewska


Äpfel aufgereiht
auf dem Obstlagerboden
Düfte der Kindheit

Reinhard Lehmitz, Rostock


Ich erinnere
mich, als ich alles konnte
und jetzt kaum etwas

Zoran Nikolic Mali, Dakus/Serbien
Deutsche Fassung: Dragan J. Ristic


Erst im Nachhinein
wird die vergangene Zeit
zur guten alten

Norbert Autenrieth, Cadolzburg


Im Winter Honig
zum Frühstück. Ich denke der
Bienen im Sommer.

Artur Kolditz, Bolanden

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2021/01/11

Wolfgang Weber
Opa und die Tiere

(TextBar Thema: Kleine Fische)


frettchen
Kaninchenjagd mit Frettchen. Quelle: Wikimedia Commons.


Fische? Da fällt mir mein Opa ein, er war Tierarzt mit Leib und Seele, hatte in den Dreißigern eines der ersten Autos und auch eines der ersten Telefone auf dem Land zwischen Halle und Eisleben. Er brauchte das Auto, um zu den großen Tieren zu kommen, die seine Patienten waren, Kühe und Pferde etwa. Meine Mutter, die älteste von den fünf Kindern, begleitete ihn oft bei diesen Fahrten. Meine Oma telefonierte ihm oft hinterher, um ihm weitere Fälle anzukündigen. Er war oft lange unterwegs und sehr hilfsbereit.

Studiert hatte er dafür Veterinärmedizin, nämlich in der großen Stadt Berlin und auch in Hannover. Da seine Altersvorsorge als selbständiger Mediziner in der DDR nichts wert war, zog er um und arbeitete schweren Herzens am Schlachthof in der Stadt Gera, um wenigstens noch etwas für seinen Lebensabend zu erarbeiten.

Dort in Gera besuchten meine Mutter, meine Schwester und ich, regelmäßig meine Großeltern. Später, nach den Ostverträgen, kam dann mein Vater (Lehrer) auch mit nach Thüringen. Auf dem Dachboden gab es viele Bücher aus alten Zeiten. Im Wohnzimmer auf einem Tisch lag ein Atlas von Haack, als Handatlas benannt, dieser war riesengroß und schwer. Jedes Mal, wenn ich in Gera war, schaute ich hinein, Reisen mit dem Finger auf der Landkarte, auch die thematischen Landkarten fand ich hochinteressant, Industrie, Landwirtschaft, Bewaldung, Bevölkerungsdichte und mehr.

Tiere gab es auch, ein rundes oder ovales Bassin mit Goldfischen draußen im Garten, einen großen Hund, Brieftauben, Kaninchen. Das Haus liegt am Hang, denn Gera befindet sich inmitten eines ausgedehnten Talkessels. Ging man an der Straßenseite hinein, befand man sich im Parterre, Vorratsräume mit vielen vielen Gläsern voll des Eingemachten, verschlossen mit Gummiringen, vakuumdicht, eingeweckt, eingekocht: Marmelade, Obst, Gemüse.

Kam man von oben, also von der Rückseite, ging man zuvor draußen eine Treppe nach oben, die sich zwischen dem Haus und der Garage befand. Ich glaube, die Garage wurde erst später gebaut, denn sie befindet sich ganz am Rand des Grundstücks und war nur für wahre Fahrkünstler erreichbar. Kam man also von oben in dieses Haus am Hang, dann waren die Wohnräume, ebenfalls, im Parterre, die Vorratsräume von hier aus gesehen im Keller wie auch die Waschküche.

Im oberen Parterre waren die Wohnräume, dort waren auch mehrere große Aquarien, mit Pflanzen, Kies und Fischen natürlich, Opa verweilte oft vor den Guppys und Schwertfischen und beobachtete sie. Den Fischen und all den anderen Tieren ging es gut, mein Großvater war ja Tierarzt. Treppen, viele steile Treppen, drinnen und draußen, gar nicht so einfach für Oma mit ihren Beinen. Noch weiter oben dann der Dachboden, auf dem Weg dahin die Zimmer meines Cousins und meiner Cousine, zusammen mit meinem Onkel und meiner Tante waren sie nach Gera gezogen, um bei meiner Oma zu sein und sie nach Opas Tod zu unterstützen.

Wie sagte mein Cousin immer beim Kartenspiel: Bube Dame König As, ei so macht das Leben Spaß. Es gab einen Kachelofen in der Stube mit einem Fach, in dem man Bratäpfel schmoren lassen oder Wasser erwärmen oder auch sich den Rücken wärmen lassen konnte. Einmal sprach ein Nachbar mit uns und sagte: Ach diese Ähnlichkeit. Gefragt: Mit wem denn? Das wusste er nicht. Jemand anders sagte: Da kommt der Porsche. Nämlich der Bursche. Gera liegt in Thüringen. Mein Onkel sprach von Guck und Horch. Wisst Ihr, was er meinte. Ich schon.

Gab es auf dem Grundstück noch andere Tiere außer: Fische draußen und in den Aquarien, außer dem großen Hund, den Tauben und Kaninchen, gab es noch mehr? Am Ort der Landtierpraxis war der große Hund in der Tat fast immer ein Schäferhund, bestätigt meine Mutter. Die Dackel, die mein Onkel züchtete, waren jedenfalls im Zwinger. Beim vierten Wurf mussten alle Welpen Namen mit D bekommen. Meine Schwester sagt: Nein, einen Schäferhund gab es nicht, aber natürlich die Dackel. Der Zwinger wurde offenbar für diese erbaut. Also war der große Hund in Gera doch eher eine Dackel, wie sagt man, Dackelfamilie womöglich.

Aber vielleicht hatte mein Onkel, der ja auch Jäger war, ein Frettchen, sagt meine Schwester. Im Lexikon lese ich: Albinoform des Europäischen Iltis, wird in Europa hauptsächlich zur Kaninchenjagd eingesetzt, hmmm. Ich rufe noch mal meine Mutter an, ja, sagt sie, ihr Bruder hatte ein Frettchen, sie hat nur nicht daran gedacht, es war in einem kleinen Käfig, ähnlich wie für Kaninchen.

Update: Meine Mutter hat mit meiner Cousine gesprochen. Also: Zuerst war tatsächlich ein Schäferhund in dem Zwinger, danach wünschte sich mein Cousin einen Dackel, der dort im Zwinger lebte, und schließlich fing mein Onkel an, Dackel zu züchten.

Ja, mein Opa war Tierfreund, Großtierpraxis in den Dreißigern auf dem Land, dann Schlachthof in der Bezirkshauptstadt Gera, auch große Tiere, bestimmt hat es ihm widerstrebt, dort zu arbeiten. Kleine und etwas größere Fische draußen im Bassin und drinnen in den Aquarien, zur eigenen Freude und zur Freude aller, die dort wohnten oder zu Besuch kamen. Silberfische hoffentlich nicht. Mir kamen die Aquarien als Jugendlicher sehr groß vor, was Mutter mir bestätigt. Kleine Fische, große Aquarien.

© Wolfgang Weber, Januar 2021.

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2021/01/08

Tagebuch 1973, Teil 47: Varanasi / Sarnath

Dr. Christian G. Pätzold


wr02-loewenkapitell
Löwenkapitell von König Ashoka, Sandstein, um 250 vor unserer Zeit.
Im Sarnath-Museum bei Varanasi. Das Kapitell ist das National-Emblem von Indien.
Quelle: Wikimedia Commons. Author: Chrisi1964.


14. Oktober 1973, Varanasi/Sarnath, Sonntag

Ich habe eine Busrundfahrt mitgemacht zur archäologischen Stätte Sarnath, die etwas außerhalb von Varanasi liegt. Dort habe ich den Platz gesehen, an dem Buddha (Siddhartha Gautama) seine erste Predigt über die Vier edlen Wahrheiten an seine Jünger gehalten hat. Das war um 500 vor unserer Zeitrechnung. Ich habe auch das archäologische Sarnath-Museum besucht, das zahlreiche buddhistische Skulpturen aus der Zeit von König Ashoka um 250 vor unserer Zeitrechnung beherbergt, die in Sarnath ausgegraben wurden. Es handelte sich also um ein archäologisches Museum, das sich direkt am Fundort befindet. König Ashoka beherrschte damals fast ganz Indien und hat die Ausbreitung des Buddhismus sehr gefördert.
Das berühmteste Ausstellungsstück im Sarnath-Museum ist das Löwenkapitell von König Ashoka, das das Nationalemblem von Indien ist. Es besteht aus 4 Löwen, die in die 4 Himmelsrichtungen blicken und die Ausbreitung des Buddhismus in alle Richtungen symbolisieren sollen. Darunter sind 4 Tiere abgebildet: Büffel, Pferd, Löwe und Elefant, die bestimmte Tugenden symbolisieren sollen. Außerdem ist ein Rad mit 24 Speichen zu sehen, das für die 24 Inkarnationen von Buddha stehen soll. Den unteren Teil des Kapitells bildet eine Lotosblume. Der Buddhismus hat sich von Nord-Indien aus besonders nach China, Japan und nach Südostasien ausgebreitet. Ich habe in Sarnath etliche tibetische Mönche gesehen, die wahrscheinlich mit dem Dalai Lama aus Tibet nach Indien geflüchtet waren und jetzt hier lebten.
Weitere Attraktionen in Sarnath waren eine Stupa mit Swastikaornamenten, außerdem ein neu erbauter buddhistischer Tempel mit einem goldenen Buddha und Fresken eines japanischen buddhistischen Malers. Auch habe ich den Abkömmling des Baums (eine Pappel-Feige) gesehen, unter dem Buddha in Bodhgaya erleuchtet wurde.

In Varanasi wimmelte es nur so von Religionen und Ideologien. Es gab Hindus, Buddhisten, Moslems, Christen, Jainisten, Hippies, nackte Asketen, Fakire, Kommunisten, um nur einige zu nennen. Und ich als Materialist mitten drin. Jeder konnte in dem allgemeinen Chaos, das irgendwie funktionierte, glauben, was er wollte. Die Jainisten waren besonders originell, überzeugte Vegetarier. Ihre Ethik bestand darin, keinem Lebewesen Leid anzutun. Daher trugen einige von ihnen einen Mundschutz, damit sie nicht versehentlich eine Fliege verschluckten. Andere fegten vor ihren Schritten den Fußboden, damit sie nicht aus Versehen eine Ameise erdrückten. Sie aßen auch kein Gemüse, das unter der Erde wuchs, wie Zwiebeln oder Kartoffeln.

Heute fiel in Varanasi mal wieder, wie jeden Tag, der Strom aus. Es gab einen Streik der Elektrizitätsarbeiter, mit Unbrauchbarmachen von Leitungen, dem Brand ganzer Stationen. Ich habe heute auch 2 Elefanten gesehen. Hammer und Sichel sah man oft an den Hauswänden. Die Leute lebten in großem Elend, das war klar, zumindest nach europäischen Maßstäben.

15. Oktober 1973, Varanasi - Sewapuri, Montag

Heute sind wir von Varanasi aus mit einem Personenzug eine ¾ Stunde nach dem Dorf Sewapuri gefahren. Zuerst wollte man am Bahnhof nicht glauben, dass wir dahin fahren wollten, und als wir ankamen zweifelte man ebenfalls, dass wir richtig ausgestiegen waren. Anscheinend waren dort noch nie Ausländer angekommen. Sewapuri war ein Dorf, in dem es ein Gandhi Ashram gab, das heißt eine Art Musterdorf, das nach den Ideen von Mahatma Gandhi, dem Begründer des modernen Indien, betrieben wurde. Mr. Dubey, der aus dieser Gegend kam, hatte uns den Tipp mit dem Dorf gegeben, nachdem wir ihm gesagt hatten, dass wir auch gerne etwas vom indischen Landleben kennen lernen wollten. Vom Bahnhof aus hat man uns zum Gandhi Ashram geschickt, das 1946 gegründet wurde. Die Arbeitslosigkeit der Landbevölkerung sollte durch Kleinindustrie ausgerottet werden, das heißt durch viel Handarbeit. Es war die Ansicht von Gandhi, dass jeder Inder seinen eigenen Webstuhl haben sollte. Außerdem war es das Ziel, das Analphabetentum auszurotten.

Der Manager des Gandhi Ashram hat uns ein Zimmer zur Verfügung gestellt und uns noch abends herumgeführt. Einige Angestellte des Ashrams kamen aus den Nachbardörfern. Sie hatten sogar eine Highschool für Mädchen. Abends haben alle in der Versammlungshalle gebetet. Das Abendessen war schlicht: Es bestand aus Brot, Reis, Erbsenpaps und Kartoffeln, dazu gab es Wasser. Dieses Essen gab es dreimal am Tag, was schon ein Luxus war und unerreichbar für normale Dörfler. Die Leute im Ashram aßen nur vegetarisch und rauchten nicht. Weibliche Kühe waren für sie heilig und wurden nicht gegessen. Die Milchabgabe lag bei 2 bis 5 Liter pro Tag, wenn sie Milch gaben. Ziegen und Hühnchen wurden allerdings von einigen Dörflern, besonders der niedrigen Kasten, gegessen. "Killing of cows is prohibited in India."

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2021.

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Briefmarke: Mahatma Gandhi.

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2021/01/05

Tagebuch 1973, Teil 46: Varanasi (Uttar Pradesh)

Dr. Christian G. Pätzold


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Lord Krishna als Butterdieb.


12. Oktober 1973, Agra - Varanasi, Freitag

Über Nacht sind wir im völlig überfüllten Zug von Agra nach Varanasi gefahren. Mitten in der Nacht mussten wir umsteigen, wodurch wir, nachdem wir uns im ersten Teil der Reise einen Platz organisiert hatten, auch mit Hilfe der Inder, in ein schon völlig überfülltes Abteil kamen. Man konnte kaum stehen. Überhaupt waren die Züge in Indien meistens überfüllt.
Um 1 Uhr morgens hat ein Moslem vor meinen Füßen im Zug gebetet, nachdem er mit einem Kompass Mekka ausgemacht hatte, Mützchen aufgesetzt, Tuch auf dem schmalen Zugflur ausgebreitet und sich die Hände gewaschen. Er war etwa 25 Jahre alt. In Nord-Indien gab es viele Moslems. In den Zügen gab es Extra-Abteile für Moslemfrauen, die völlig verschleiert dort von ihren Männern hingebracht wurden.

Tee wurde auf den Bahnhöfen in kleinen Wegwerfschalen aus Ton für 25 Paisas (etwa 5 Pfennig) verkauft. Der Tee auf den Stationen wurde durch lautes Ausrufen angeboten, das fast so klang wie Glockenläuten. "Tschaiii, tschaiii" in vielen verschiedenen Tonlagen. Auch zahlreiche Speisen wurden angeboten und in die Zugabteile gebracht. Ich war mir aber nicht so sicher, ob der Tee und die Speisen gesundheitlich ganz unbedenklich waren.
Der Zug hielt an den Bahnhöfen von Etawah, Kanpur, Fatehpur, Allahabad und Mughal Sarai. Mughal Sarai war der Bahnhof für Varanasi, das am anderen Ufer des Ganges liegt. Varanasi am Fluss Ganges im Bundesstaat Uttar Pradesh wird auch Benares genannt. Varanasi ist die heiligste Stadt des Hinduismus. Wer den Hinduismus kennen lernen möchte, sollte nach Varanasi kommen.

In Mughal Sarai haben wir ein Taxi bekommen und sind für 2 Rupees die 15 Kilometer über den Ganges nach Varanasi gefahren. Mehrere Leute teilten sich das Taxi. In Varanasi haben wir das Hotel Chandra für 20 Rupees das Zimmer pro Nacht gefunden.

13. Oktober 1973, Varanasi (Benares), Sonnabend

Ich habe in der Zeitung gelesen, dass im September in Rajasthan 2 Witwenverbrennungen in Anwesenheit und unter Applaus von Tausenden von Leuten stattgefunden haben. Es gab keine Verhaftungen. Das war auch so eine traditionelle indische Unsitte, dass man die lebendigen Witwen verbrannte, wenn ihre Männer gestorben waren.

Gegen Abend sind wir für 2 Rupees mit einem Boot auf dem Ganges gefahren, zu den berühmten Plätzen, an denen die Leichen auf dem Ganges verbrannt wurden. Die Frauenleichen waren in rote Tücher gekleidet, die Männerleichen in weiße Tücher. Die Verbrennung kostete 40 Rupees (etwa 10 DM). Vielleicht galt die Verbrennung auf dem heiligen Ganges als besonders günstig für das nächste Leben. Die Gegend an den Verbrennungsplätzen erschien mir aber nicht besonders schön, die Häuser am Ganges waren dreckig etc. Auch war es für die Umwelt wahrscheinlich nicht besonders günstig, die Asche der Toten in den Ganges zu kippen.

Abends hörten wir von irgendwoher Musik, und als wir hinliefen, um zu sehen, was da los war, gerieten wir auf eine Hochzeit, in die wir sofort integriert wurden. Eine Hochzeit kostete den Brautvater in der Mittelschicht 10.000 bis 30.000 Rupees für das Fest, die Ausstattung und den Haushalt (etwa 5.000 DM). Die Hochzeit war arrangiert, zwei Häuser wurden gemietet, außerdem eine Kapelle und 6 Lichtträger. Der Bräutigam und seine Verwandten zogen von seinem Haus zum Brauthaus, der Bräutigam auf einem Pferd sitzend. Zwischendurch wurde Halt gemacht, um zu tanzen. Die Kapelle spielte dazu „We shall overcome“ und andere westliche Hymnen. Auch wir sollten mittanzen und alle waren begeistert, als wir es taten. Am Haus der Braut sangen die beiden Parteien abwechselnd in Anwesenheit des Gurus und beteten dann, der Guru mit Geldscheinen in den Händen. Wir bekamen Jasmingebinde um den Hals, waren somit echte Blumenkinder, und durften beim Hochzeitsessen mitessen. Nach der Sitte durften die Brautverwandten nicht mitessen, sondern mussten die anderen bedienen. Der Vater der Braut stöhnte, weil er so viele Töchter hatte, was sehr teuer war. (Daher gab es in Indien die Unsitte, Mädchen als Babys zu töten, um die Kosten für die Aussteuer zu sparen).

Eine Hindukaste der Milchmelker machte schon den ganzen Tag (insgesamt wollten sie wohl 3 Tage aushalten) über Lautsprecher Hare Krishna Hare Rama Musik und schmiss mit Rauchbomben, direkt gegenüber vom Hotel. Der Manager des Hotels war Christ und hatte überhaupt kein Verständnis und starke Kopfschmerzen. Ein Hotelangestellter sagte uns, dass die Schuhmacher auch eine schöne Band hätten und kifften.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2021.

Zum Anfang

2021/01/01

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Das Jahr 2020 hat sich sehr speziell entwickelt. Vor einem Jahr begannen die 20er Jahre schon nicht gut. Im Januar lag eine diffuse düstere Stimmung in der Luft, die Menschen in Berlin erschienen mir hypernervös und aggressiv zu sein. Wahrscheinlich hatten sich viele etwas für das neue Jahr oder das neue Jahrzehnt vorgenommen und wollten es jetzt am besten sofort realisieren. Ich dachte daran, dass die Erdüberhitzung zuschlagen würde. Tatsächlich war es ein sehr milder Winter, der erste Winter in Berlin ohne Schnee. Aber dann kam es noch schlimmer. Im März kam plötzlich das Corona-Virus.
Das InfoRadio in Berlin hatte zwar schon im Dezember 2019 ein neues Virus gemeldet, das in Wuhan in China aufgetaucht war. Aber für mich war nicht absehbar, dass sich das Virus so schnell weltweit ausbreiten würde, dass so viele Menschen sterben würden und dass die Weltwirtschaft einen tiefen Einbruch erleben würde. Die ersten beiden Corona-Toten in Deutschland gab es in Nordrhein-Westfalen am 9. März 2020. Dann kam der erste Corona-Lockdown, in dem fast alle Läden und die Schulen geschlossen wurden.

Durch die Ausgangssperre war die Stadt im März und April plötzlich ruhig und wie eingefroren. Autos fuhren nur spärlich. Das Radfahren war angenehm. Die Hektik vom Januar war einer Schläfrigkeit gewichen. Alle mussten ihre Planungen für das neue Jahr auf Eis legen. Sogar sämtliche Gottesdienste wurden von der CDU verboten, was man vorher kaum für möglich gehalten hätte. Viele Selbständige hatten kein Einkommen mehr und mussten von ihren Reserven leben. Der Mietendeckel war zum Glück noch ziemlich knapp vor Covid-19 (Corona Virus Disease 2019) vom Berliner Abgeordnetenhaus im Februar beschlossen worden. Daher war wenigstens nicht mit Mieterhöhungen zu rechnen, eine Seuche weniger.
Während das Corona-Virus in der analogen Welt wütete, war die digitale Welt ziemlich unbeeindruckt, denn Fledermausviren interessieren sich nicht für Bits and Bytes. Durch die Pandemie hat das Internet im Corona-Jahr eine zusätzliche Wichtigkeit erhalten. Viele Menschen mussten im Homeoffice online arbeiten. Und viele waren zu Hause in Quarantäne und haben sich die langweilige Zeit im weltweiten Netz vertrieben. Es gab viele neue Streaming-Angebote in den Mediatheken, auch kulturell interessante Sachen, nicht nur kommerziellen Müll. Es wird geschätzt, dass gegenwärtig etwa die Hälfte der Menschen auf der Welt einen Zugang zum Internet hat. Das wären über 3 Milliarden Menschen. Alle die Deutsch lesen können, können auch kuhlewampe.net im Internet frei betrachten und studieren. Das ist doch schon ein großes potentielles Publikum.

Aufgrund von Corona sind kulturelle Live-Veranstaltungen in Berlin so gut wie komplett ausgefallen. Auch die Museen mussten schließen. Viele kreative Menschen haben finanziell erheblich gelitten. Auch wichtige Demos wurden abgesagt, wie die 1. Mai Demo, der Karneval der Kulturen und der Christopher Street Day. Die Klimakrise, die Wohnungskrise, die Armutskrise waren plötzlich verschwunden. Es gab nur noch die Coronakrise.
Die großen Privatunternehmen und der Markt, die heiligen Kühe des Neoliberalismus, wurden plötzlich mit vielen Milliarden Euro vom Staat subventioniert und vor der Pleite gerettet. Der Klimaverseucher Lufthansa zum Beispiel erhielt 9 Milliarden Euro vom Bundesfinanzminister, obwohl das ganze Unternehmen nur 4 Milliarden Euro wert ist. Auch Luftverseucher TUI erhielt etliche Milliarden und so weiter. Die kapitalistischen Politiker, die immer das Loblied des freien Marktes und der schwarzen Null gesungen hatten, als sie etwas für die Armen tun sollten, wollten mit aller Macht verhindern, dass ihr morscher Kapitalismus krachend zusammenbricht. Die zusätzlichen Staatsschulden muss dann die Bevölkerung mit ihren Steuern und mit Inflation zurückzahlen.

Im Sommer legte das Virus eine kleine Verschnaufpause ein, aber Ende August nach den Sommerferien begann die 2. Welle. Viele Urlauber hatten das Virus aus dem Urlaub mit nach Deutschland gebracht. Die Zahl der Infizierten stieg exponentiell. Die Arbeitslosenzahlen und die "Kurzarbeiter"-Zahlen erreichten ebenfalls astronomische Höhen. Finanziert wurde das Programm zur Stabilisierung des Hamsterradsystems durch die Gelddruckpresse, die Tag und Nacht auf Hochdruck lief.
Jetzt an Neujahr 2021 scheint ein Ende der Pandemie in ein paar Monaten absehbar zu sein, denn es ist gelungen, einige Impfstoffe gegen das Virus zu entwickeln.

kuhlewampe.net ist jetzt im 7. Jahr und da wurde wie immer im Januar der Bildhintergrund neu tapeziert. An Stelle der Wildrosen vom letzten Jahr seht ihr nun das Gemälde »Il Quarto Stato« von Giuseppe Pellizza da Volpedo (1868-1907) aus dem Jahr 1901.

Ich möchte allen Kreativen danken, die im schwierigen Jahr 2020 so viel zu kuhlewampe.net beigetragen haben:
Prof. Dr. Rudolph Bauer, Luke Sonnenglanz, Ingo Cesaro, Manfred Gill, Dr. Jörg Später, Dr. Hans-Albert Wulf, Markus Richard Seifert, Wolfgang Weber, Dr. Rudolf Stumberger, Ella Gondek, Sabine Rahe, Peter Hahn & Jürgen Stich, Dr. Karin Krautschick, Art Kicksuch und Jenny Schon.

Nach wie vor würde sich kuhlewampe.net über eure Kommentare im Kommentarfeld sehr freuen. Die AutorInnen und KünstlerInnen brauchen ja immer etwas Feedback zum Überleben.
Bleibt weiter gesund!

Dr. Christian G. Pätzold.


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