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Kurator für Gesellschaftskritik: Dr. phil. Hans-Albert Wulf, Berlin
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Kuhle Wampe ist ein Film von Bert Brecht, Slátan Dudow und Hanns Eisler aus dem Jahr 1932.


2023/02/02


Black History Month in Berlin

von Dr. Christian G. Pätzold


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Aufruf zur Schutztruppe in Südwestafrika.
Quelle: Wikimedia Commons.


Der Black History Month (BHM) oder der Monat der Geschichte und Kultur der Afrikaner:innen entstand zuerst in den USA in den 1920er Jahren und findet traditionell im Februar statt. Damals wurde die Geschichte der Afro-Amerikaner von der Mehrheitsgesellschaft in den USA verdrängt und ignoriert. Von der Geschichte des Sklavenhandels und der Sklavenarbeit der Afrikaner:innen auf den Plantagen der Süd-Staaten wollte man nichts mehr hören. Um dieser Verdrängung entgegen zu wirken, entstand der Black History Month, der inzwischen auch in anderen Teilen der Welt stattfindet, auch in Berlin.

Aber was hat afrikanische Geschichte mit Berlin zu tun? Tatsächlich gibt es auch in Berlin viel afro-deutsche Geschichte, die aber nicht allen Berliner:innen so bewusst ist. Ein Beispiel ist die Mohrenstraße in Berlin Mitte in der Nähe des Brandenburger Tors. Dort wohnten im 18. Jahrhundert die "Mohren", so wurden die Afrikaner damals genannt. Im Feudalismus war es Mode, einen Mohren als Hausdiener zu haben, denn die waren exotisch und selten. Wenn man einen Mohren hatte, war das ein Luxus und ein Statussymbol. Heute ist die Mohrenstraße einigen Leuten peinlich und die Straße sollte eigentlich schon längst umbenannt werden. Der U-Bahnhof dort sollte in Glinkastraße umbenannt werden, aber es ist nichts passiert. (Seht bitte auch den Artikel "Kein Mohr namens Glinka" vom 2020/10/14 auf kuhlewampe.net).

Anfang Dezember 2022 sind die Lüderitzstraße und der Nachtigalplatz im Afrikanischen Viertel vom Wedding, die an deutsche Kolonisatoren erinnerten, umbenannt worden. Die Lüderitzstraße wurde in Cornelius-Fredericks-Straße umbenannt: Cornelius Fredericks war ein Anführer des militärischen Widerstands gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia. Der Nachtigalplatz wurde in Manga-Bell-Platz umbenannt: Rudolf Duala Manga Bell wurde 1914 als Anführer des Widerstands gegen die deutsche Kolonialmacht in Kamerun hingerichtet. Und diese Umbenennungen sollen erst der Anfang sein. Auch in Berlin Dahlem gibt es noch Straßennamen mit Bezug zur deutschen Kolonialherrschaft.

Ein anderes Kapitel sind die berühmten Benin-Bronzen. (Seht dazu bitte den 2021/07/15 auf kuhlewampe.net) Sie betreffen die kulturelle Ausbeutung Afrikas. Mehrere Tausende wertvolle Bronzen wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts von englischen Kolonialtruppen aus dem Königspalast in Benin geraubt und anschließend auf dem Kunstmarkt meistbietend verkauft. So kamen auch einige hundert Benin-Bronzen in den Besitz deutscher Museen. In jüngster Zeit hat man sich geschämt und ein paar Bronzen an Nigeria zurückgegeben. Aber der Großteil der Berliner Benin-Bronzen befindet sich immer noch im Besitz des Berliner Ethnologischen Museums und wird im Kaiserschloss in Berlin Mitte präsentiert, offensichtlich eine Verhöhnung aller Afrikaner:innen. Erst beraubte man die Afrikaner:innen ihrer kulturellen Identität und heute schmückt man sich mit den geraubten afrikanischen Kunstschätzen in demselben potemkinschen Kaiserschloss, von dem die Verbrechen der Kolonialzeit ausgingen. Wir haben jetzt das Jahr 2023 und die Politiker:innen sprechen immer noch von "preußischem Kulturbesitz", als ob das alles dem König von Preußen und nicht den Afrikaner:innen gehören würde.

Die Berliner Verbindungen mit Afrika reichen schon weit zurück, denn auch die brandenburgisch-preußischen Herrscher betrieben einen lukrativen Sklavenhandel mit Afrikaner:innen nach Amerika. Die brandenburgischen Kurfürsten beteiligten sich seit den 1680er Jahren am transatlantischen Sklavenhandel und verschifften etwa 30.000 Sklaven nach Amerika. 1683 wurde die brandenburgische Kolonie Groß-Friedrichsburg an der westafrikanischen Goldküste gegründet. Die Erlebnisse eines Augenzeugen, Johann Peter Oettinger, der einen Sklaventransport von Westafrika nach Amerika begleitete, sind überliefert:

"Die angekauften Sklaven mussten zu 20 und 30 niederknien. Die rechte Schulter derselben wurde mit Palmöl bestrichen und mittels eines Stempels, der die Initialen CABC (Churfürstlich Afrikanisch-Brandenburgische Compagnie) trug, gebrannt... Waren etwa 50 oder 100 Sklaven beisammen, so wurden sie zu zweien und dreien zusammengekoppelt und unter Eskorte an die Küsten getrieben... Am 4. April war endlich das Schiff mit 738 Sklaven beiderlei Geschlechts beladen... Doch welch ein Schauer überkam mich beim Betreten der Räume, in denen die unglücklichen Opfer untergebracht, beim Einatmen der schrecklichen Atmosphäre, in der dieselben zu leben gezwungen waren. Paarweise an den Füßen zusammengeschlossen, lagen oder saßen sie reihenweise nebeneinander..."

Die Hauptzeit des deutschen Kolonialismus in Afrika lag im Kaiserreich zwischen 1871 und 1918. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts verübten die deutschen Truppen den bekannten Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch-Südwest-Afrika. Es sollen 70.000 Menschen getötet worden sein. Es gab auch den Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika. Nachdem das deutsche Kaiserreich 1918 den Ersten Weltkrieg verloren hatte, war der deutsche Kolonialspuk in Afrika und Asien glücklicherweise vorbei. Sämtliche Kolonien wurden Deutschland weggenommen. Andere europäische Staaten blieben weiter Kolonialmächte in Afrika.

Aber der Kolonialismus war nicht plötzlich in den 1960er Jahren beendet, als viele afrikanische Länder ihre politische Unabhängigkeit erkämpft hatten. Auch heute ist es eine moderne Form des Kolonialismus, wenn europäische Staaten bspw. ihren Müll nach Afrika exportieren. Und die deutsche Regierung hat heute sogar Truppen in Afrika, in Mali stationiert, die mit den dortigen Militärputschisten kooperieren. Afrika ist auch besonders schwer betroffen vom Klimawandel, und den hat bekanntlich nicht Afrika verursacht.

Heute leben Menschen aus allen afrikanischen Ländern in Berlin, weswegen sich Berlin schon den Titel "Weltstadt Berlin" zugelegt hat. (Früherer Name: Welthauptstadt Germania) Die Afrikaner haben hier allerdings oft nur einen prekären Aufenthaltsstatus, der "Duldung" genannt wird. Die Berliner Verwaltung duldet oder erduldet die Afrikaner, wohl oder übel, weil sie sie nicht los wird.

Über weitere Verbindungen zwischen Afrika und Berlin sowie über die Geschichte der Afrikaner:innen informiert gelegentlich in Ausstellungen und Veranstaltungen das Farafina Afrika Haus Berlin in der Bochumer Straße 25 in Berlin Moabit. Vereinsvorsitzender vom Farafina Afrika Haus ist Herr Oumar Diallo.


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2023/01/31


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2023/01/28


Vor 75 Jahren:
Mahatma Gandhi wurde erschossen


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Mahatma Gandhi mit Noakhali Hut beim Spinnen im Birla House,
New Delhi, November 1947.
Quelle: Wikimedia Commons.


Mahatma Gandhi kam 1869 in Porbandar im indischen Staat Gujarat zu Welt. Am 30. Januar 1948 wurde er in New Delhi von einem fanatischen Hindu-Nationalisten mit drei Schüssen in die Brust erschossen, der der Meinung war, dass Gandhi den Muslims zu sehr entgegen gekommen war. Gandhi war ein indischer Rechtsanwalt und Freiheitskämpfer für die Unabhängigkeit Indiens vom British Empire. Gandhi und seine Mitstreiter waren erfolgreich, Indien wurde im August 1947 ein unabhängiger Staat. Erster Ministerpräsident Indiens wurde sein Mitkämpfer Jawaharlal Nehru.

Gandhi war das religiöse Denken fremd. Für ihn sollten alle Menschen gleichberechtigt sein, egal welcher Religion oder Nicht-Religion. Gandhi war weder ein fanatischer Hindu noch ein fanatischer Nationalist. Hinduismus, Christentum, Islam, Buddhismus, Judentum waren ihm ziemlich egal. Er interessierte sich vorrangig für Politik, seine politischen Ziele bestanden in der Selbstbestimmung und Gleichberechtigung aller Menschen. In seiner Vorstellung sollte Indien eine säkulare Republik sein.

Grundsätze von Gandhis politischem Kampf gegen die englische Kolonialherrschaft waren Ziviler Ungehorsam (Civil Disobedience) und Gewaltlosigkeit (Non-Violence) und Nichtzusammenarbeit (Non-Cooperation). Diese Grundsätze hatte er vor allem von Henry David Thoreau übernommen. Er organisierte Massenboykotte, Protestmärsche und Steuerverweigerungen. Seine Satyagraha-Kampagnen bestanden im gezielten Übertreten ungerechter Gesetze der Engländer. Satyagraha bedeutet Festhalten an der Wahrheit. Mit seinen Kampagnen strebte er die Selbstregierung (Swaraj) an. Die Kampagnen der Nichtzusammenarbeit beinhalteten den Verzicht auf Orden und Ehrentitel, die Aufgabe der Praxen der Rechtsanwälte, den Auszug der Schüler und Studenten aus den Schulen und Colleges, den Boykott von Wahlen, Grundsteuerverweigerung, Aufkündigung des Dienstes in der britisch-indischen Armee und den Boykott britischer Waren. Dafür wurde er wiederholt von den Engländern ins Gefängnis gesteckt.

Die heutigen Urenkel von Mahatma Gandhi heißen »Aufstand der Letzten Generation« und kleben sich auf Straßen, Autobahnen und Landebahnen von Flugzeugen fest oder werfen Kartoffelbrei auf Gemälde. Durch diese Aktionen des gewaltlosen Zivilen Ungehorsams wollen sie die Politiker zwingen, etwas gegen die menschengemachte Klimakatastrophe zu tun. Die Reaktion der Ewiggestrigen ist, die Aktivisten ins Gefängnis zu sperren, damit wieder freie Fahrt für freie Bürger herrscht. Das haben wir alles schon vor 100 Jahren in Indien gesehen oder vor 60 Jahren bei Martin Luther King. Aber hoffentlich werden die wunderbaren Menschen der Letzten Generation bald genau so erfolgreich sein, wie es Mahatma Gandhi damals war.

Dr. Christian G. Pätzold.


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2023/01/25


Greta Thunberg ist 20
geboren am 3. Januar 2003 in Stockholm/Schweden


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Greta Thunberg beim Glastonbury Festival, Juni 2022.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2023/01/21


Reinhild Paarmann
14 x nichts passiert oder Sie lebt noch


Da war es wieder: Das Gefühl, nicht mehr weiter zu wissen. Die Angst schnürt den Hals zu. Der trockene Mund. Die Sehnsucht, sich ins schwarze Nichts zu werfen. Die Sogwirkung des Nichts.

Wie damals, als sie 17 war und sich aufhängte. An einer Hundeleine. Von René, ihrem Freund, wurde sie abgeknüpft. Unerträglich die Situation zu Hause. Die Mutter, die sich mit Benzin übergossen hatte, weil die ältere Tochter Helene das Haus verließ. Sie wurde gerettet und lag lange Zeit im Koma, erst einmal keine Erinnerung, der Mann vergriff sich an Katharina. Nein, Katharina, sei ehrlich, dies war der Grund, warum sich deine Mutter anzündete. Du machtest eine Bäckerlehre. Und warst schwanger. Nur von wem, stellte sich die Frage. Da tauchte die Mutter aus ihrer Black Box wieder auf. Sie sollte in die Psychiatrie, so wollte es ihr Mann. Da verstummte sie und durfte bleiben. Seitdem sitzt sie am Wohnzimmertisch und dreht mit einem Apparat sich selbst ihre Zigaretten. Sie kann nicht mehr laufen.

Der Vater schimpft mit Katharina. Er ist arbeitslos.

Morbus Crohn, die Diagnose für beide Schwestern. Eine tödliche Krankheit. Auf das Leben scheißen, bis die Eingeweide herauskommen. Katharina war dick wie ihre Mutter. Das ist vorbei. So dünn, dass es schon wieder gefährlich ist. Ist es nicht egal, woran man stirbt? Die Schwester trennt sich vom Erzeuger ihrer Tochter, oder war es umgekehrt? Katharina gebar einen Sohn. Der mögliche Vater René, ein Bosnier, lebt mit ihr zusammen, raucht selbstvergessen seine Haschischwasserpfeife. Schließt den Sohn Tomasz ein. Schweben im Raum, auch für Katharina eine Versuchung.

Vergessen. "Besorg‘ doch noch ein bisschen Haschisch!", bettelt sie René an. Haschisch macht geil.

René verprügelt sie. Warum? Es ist ihm so danach. So viel Hass ist in ihm. Als Zeuge Jehovas aufgewachsen, musste er immer seine Aggressionen unterdrücken. Wenn andere Kinder Weihnachten feierten, war bei ihm Alltag, am Geburtstag bekam er keine Geschenke. Seine erste Frau hat er verprügelt, auch die beiden gemeinsamen Kinder. Kontaktsperre. Er soll für die Kinder zahlen. Das kann er aber nicht. Er ist nicht geschieden und kann deshalb Katharina nicht heiraten, müsste sich in Bosnien scheiden lassen. Das kostet Geld. Katharina, die sich gegen die Schläge wehrt, kehrt zu ihren Eltern und der Schwester zurück. Sie trennt sich wieder von ihm. Er holt sie zurück. Ja, das kann er gut. Immer wieder.

Katharina steht auf dem Fensterbrett ihrer Küche im 8. Stock in der Dieselstraße. Sie schreit: "Ich springe!"

Katharina ist wieder schwanger. Sie hat etwas von einem One-Night-Stand erzählt, als René und sie sich einmal gestritten hatten. Aber vielleicht ist das Kind von René. Wieder die Ungewissheit. Er hat sie verprügelt.

Tomasz schaut mit großen Augen die Mutter an. Nach dem Vater ist er jedenfalls nicht gekommen. Welchen Vater? René stellt eine Ähnlichkeit mit seinem Großvater fest. Erkennt das Kind als sein eigenes an. Kein Kontakt zu seinen Eltern. Sie mischen sich immer in die Beziehung ein. Auch Katharinas Eltern. Er hat ihr verboten, mit ihnen oder der Schwester zu sprechen.

Die Nachbarin, eine Türkin, hört den Schrei von Katharina. Sie bummert gegen die Wohnungstür, weil die Klingel abgestellt ist. Niemand öffnet. Tomasz schreit wie so oft. Dann, in ihre Wohnung zurückgekehrt, sieht sie Katharina auf dem Fensterbrett der Küche stehen. Sie redet lange auf sie ein. Bis Katharina runter kommt. Die Nachbarin versteht sie. Auch ihr Mann kann sie in die Raserei treiben. Aber sie hat sechs Kinder. Nie würde sie sich umbringen.

Katharina weint, weint, weint, bis sie trocken wie ein leerer Weinschlauch ist. René hüllt sie in den Haschischrauch seiner Wasserpfeife. Todesähnlicher Schlaf.

"Das Kind sieht genauso aus wie dein Großvater", stellt die Mutter fest, als Katharina nach einer weiteren Trennung zu ihren Eltern zieht.
"Auweia, wenn das dein Mann sieht, bekommst du Ärger."

Die Geschichte mit dem Franzosen in der Disco, dessen Namen sie angeblich vergessen hat, und der sie vielleicht schwängerte, zieht nicht mehr so. Katharina, was hast du an jenem Abend gemacht? Unterdessen starb der Großvater. René hat nach der Versöhnung Fotos vom Großvater gesehen.

Er tobt. Verprügelt seine Frau. Sie trennen sich. Katharina läuft zu ihm zurück wie ein treuer Hund.

Der Onkel bringt sich um. Er hat als Kellner gearbeitet und war Homo. Vielleicht wurde er ermordet. Katharina schaudert. Würde René sie töten? Er rastet leicht aus, wenn er wütend wird, wie neulich, als er einen Fahrgast im Bus zusammenschlug. Wieder eine Vorstrafe mehr wegen Körperverletzung. Einige Verurteilungen hat er wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Und immer kein Geld. Katharina hungert, die Kinder auch, René kauft sein Haschisch. Er ist erstaunlich korpulent. Ein Gesicht wie Balzac. Stiernackig.

Katharina dagegen abgemagert mit langen, blonden, glanzlosen Locken. Aber doch eine unbändige Kraft in sich. Des Widerstandes, Schreiens und Tobens. Wenn er die Möbel zertrümmerte, schlug sie ihn. Dann wieder zusammenbrechen und weinen, weinen, weinen. Im Wohnzimmer sitzen, nicht aufhören können, die Kinder daneben mit fragenden Augen. "Warum weinst du, Mama?" Sie kann es ihnen nicht erklären. Es sind die Nebenwirkungen der Medikamente, die sie wegen ihrer Morbus-Crohn-Erkrankung nimmt. Sie wandelt in einem tiefen Tal der Depressionen.

Und dann wieder die rauschenden Feste, die René veranstaltet mit viel Alkohol und Haschisch. Tanzen, tanzen, tanzen, bis zum Umfallen, alles dreht sich, die Musik hämmert im Resonanzboden des 9-stöckigen Hauses. Fenster auf, frische Luft. Das Fitness-Rad steht unter dem Fenster im Flur. Die Kinder klettern gern darauf herum.

René bringt die Kinder in einen Kindergarten. Katharina zankt sich mit den Erzieherinnen dort. Die Windeln von Boris, dem jüngeren Sohn, sind verschwunden. Sie hat nicht so viel Geld, neue zu kaufen. Kein Geld für die Kindertagesstätten-Gebühren. Abmelden.

Tomasz bohrt große Löcher in eine Wand seines Kinderzimmers, wenn er mit seinem Bruder vom Vater eingesperrt wird. Der will seine Ruhe haben, wenn er an seiner Haschischpfeife zieht. Tomasz reißt die Plastikscheuerleiste ab, wirft die Lampe um, hängt sich an die Gardinen. Wirft sich in das niedrige Holz-Bett seines Bruders, bis es zerbricht, löst Boris die Windeln und verschmiert den Kot im Zimmer. Bis die Kinder wieder raus dürfen.

René bringt die Kinder in eine andere Kindertagesstätte, während er seine Frau einschließt. Sie soll nicht woanders so dussliges Zeug erzählen. Der Leiter will ihn sprechen, weil er so viel mit Tomasz schimpft. Nein, doch nicht mit ihm! Er will nicht.

"Wo warst du an jenem Abend, als Boris gezeugt wurde?"

"Er könnte vielleicht von dir sein. Du solltest auch für ihn das Sorgerecht bekommen, wenn mal was mit mir passiert..."
Heulen, heulen, heulen.

"Nein, niemals sollst du das Sorgerecht für ihn bekommen, du bist immer so gemein zu mir!" Kein Geld. Völlig abhängig von René. Um alles betteln müssen. Doch, er ist wieder lieb zu ihr. So bezahlt sie die Strafe, die er sonst im Gefängnis hätte absitzen müssen. Dadurch entstehen Mietschulden. René beginnt eine Ausbildung über das Arbeitsamt im Computerbereich. Ja, er ist nicht dumm. Er kauft sich von Katharinas Sozialhilfe einen Computer und macht an diesem Hausaufgaben. Bis sie sich wieder streiten. Sie hat kein Geld mehr. Trennt sich von ihm. "Du musst gehen!", schreit sie hysterisch. "Es ist meine Wohnung. Ich schmeiße dich raus! Ich ertrage dich nicht länger!" Sie rennt zu ihrer Schwester, die im gleichen Haus wohnt. Sie gehen zum Schlüsseldienst und lassen ein neues Schloss an der Wohnungstür anbringen. Den Computer verkauft Katharina. Hat Angst vor René und bleibt mit den Kindern bei der Schwester. Die hat geheiratet. Der Mann wird sie schützen. Ohne Begleitung verlässt sie nicht die Wohnung.

René steht vor der verschlossenen Tür. Schon ist Katharina wieder bei ihm. Der Vater hat doch das Recht, seine Kinder zu sehen? Falls es seine sind. René hat kein Geld für einen Vaterschaftstest. Nun werden Pläne geschmiedet. Eine Vier-Zimmer-Wohnung soll in einer anderen Straße angemietet werden. - Katharina muss raus aus ihrer Umgebung. Sie hat so viele schlechte Erfahrungen durch ihren Kiez. Dort ist sie groß geworden. Da leben ihre Eltern. Das Sozialamt spielt nicht mit. Umzug: alle fünf Jahre. So lange lebt das Paar noch nicht in der Wohnung.

Welche Versöhnung ist es? Die 14.? Katharina kann sie nicht mehr zählen. Nebel im Kopf. Sie will nicht darüber nachdenken. René schaut Pornos im Wohnzimmer, Tomasz linst rüber von der Couch her, sich schlafend stellend. Boris liegt im Kinderzimmer auf einem Sitzelement, das ihm nun als Bett dient. Mittagschlaf.
"Das ist nicht gut für Tomasz", sagt Katharina. "Dann schließ' ich ihn eben im Kinderzimmer ein", erklärt René und trägt seinen Sohn zum Bruder. Tomasz schreit. Er weckt damit Boris, der in das Geheule einfällt. Tomasz hämmert mit einem großen Legostein an eine Wand. Der Putz bröckelt. Schon ein paar Mal haben die Eltern die Löcher zugegipst.

Die Polizei klingelt unten an der Haustür. Sie ist nicht zu hören. Bekannte der Schwester haben die Polizei alarmiert. Helene traut sich nicht mehr, die Familie zu denunzieren. René hat ihr gedroht. Alle anderen sind am Drama seiner Beziehung zu Katharina schuld. Darum darf sie zu niemandem Kontakt haben.

"Meine Frau ist weg", berichtet René an der Tür von Helene. "Ganz viel Blut", flüstern die Kinder. René hat Schweiß im Gesicht, Entzugserscheinungen, seine Hände sind nass. Fleischige, die sich nach Helene recken. Sie soll ihn "scharf" gemacht haben, erzählte Katharina einmal ihren Eltern, als sie sich von ihrem Mann trennte und bei der Schwester ein paar Tage schlief. "Nur im Höschen lief sie rum." René berichtete seinen Eltern, Katharina wäre eifersüchtig geworden. "Sie sagte, sie komme nie wieder. Ich habe kein Geld mehr." Helene borgt ihm etwas. Auch René lieh ihr schon mal Geld, das er bis heute nicht zurückzahlte. Deshalb hatten sie sich gestritten. Bevor René eine Vermisstenanzeige aufgeben kann, ist seine Frau wieder da. Wie ein Bumerang. Sie kann ohne René nicht leben. Oder waren die Kinder der Grund? Ruhe.

Geschirr wird massenweise zerschlagen. Die türkische Nachbarin ist einiges gewöhnt von der Familie nebenan. Aber das sind neue Töne. Sie klingelt an der Wohnungstür. Nur Geschrei und Poltern von Geschirr. Sie ruft die Polizei. Diese klopft an die Tür, brüllt: "Hier ist die Polizei! Wenn Sie nicht sofort die Tür öffnen, schlagen wir sie ein!"
René öffnet. Katharina konnte nicht die Polizei rufen. Das Telefon ist nicht bezahlt. Und René würde ihr das auch nie erlauben. Sie hat am Sonnabend 20 Tabletten ihres Mittels gegen Morbus Crohn geschluckt, um sich umzubringen. Sie sagte es René. Dieser lachte nur. Da schloss sie sich in das kleine Zimmer ein und legte sich auf die Kindercouch. Sie schlief. Und wachte nach vielen Stunden auf. Warum war sie nicht tot? Sie taumelte zur Tür, schloss auf. Großen Durst. Irgendetwas muss passieren!

Sie öffnet den Küchenschrank. Fegt alles Porzellan aus den Fächern, bis es auf dem grauen PVC-Fußboden zerschellt. "Bist du verrückt?" René springt auf sie zu, schlägt, reißt ihr die Kleider vom Leib, vergewaltigt sie. Die Kinder schauen erschrocken zu. Sie weint und schluchzt, willenlos, gebrochen. "Du bist nichts ohne mich, du kannst ohne mich nicht leben!", brüllt er sie an, triumphierend. Sie fühlt sich wie ein Häufchen Dreck. Ohnmacht. Sie kann ihm nicht entrinnen. Unendlichkeit des Schmerzes.

Katharina zur Polizei: "Bringen Sie mich bitte in ein Krankenhaus. Ich habe vor zwei Tagen einen Selbstmordversuch gemacht." Glasklar ist sie im Kopf. Wie wenn Scherben die Gehirnmasse durchtrennen. Die Polizeibeamtinnen nehmen sie mit. Im Krankenhaus ruft sie die Polizei an: "Bringen Sie die Kinder in ein Heim. Ihr Vater ist gewalttätig. Er hat sie schon mal geschlagen." Die Polizei fährt die Kinder von zu Hause fort.

Katharina entlässt sich nach wenigen Stunden selbst aus der Psychiatrie, nein, aus der Krise, darauf legt sie viel Wert. Sie war doch nicht in der Psychiatrie! Ihre Haare lässt sie sich abschneiden und rot färben. Niemals wieder soll René sie am Haarschopf packen und hinter sich herziehen. Ihre Gesichtshaut ist nach einigen Tagen durch die Psychopharmaka picklig geworden. Ihre Eltern pflegen sie. Ihre Hände zittern so, dass sie diese festhalten muss, um den Antrag auf Heimunterbringung der Kinder zu unterschreiben. Nun will sie sich endgültig von René trennen. Das Sozialamt verlangt von ihr, dass sie ihn wegen Körperverletzung und Vergewaltigung anzeigt. Das macht sie. Eine Bannmeile wird gegen den Täter verhängt. Die Frauenärztin, die die Verletzungen dokumentieren sollte nach dem Geheiß der Polizei, hat keinen Fotoapparat. Die Bilder, die Helene schießt, sind untauglich. Der Vater fotografiert sie mit bloßem Unterleib, die blauen Flecke an den Oberschenkeln, ja, wie damals. Katharina rennt zum Klo und scheißt, scheißt, scheißt, der Körper rebelliert. Ihr Geist ist durcheinander. Sie weint.

Bei der Gerichtsverhandlung sitzen sie sich gegenüber. Katharina und René. Er schaut sie an: "Ich liebe dich doch immer noch, komm' zu mir zurück!" Er hat Tränen in den Augen. Wenn er verurteilt wird, kann es sein, dass er abgeschoben wird.

"Was soll mit dem Hund werden? Ich lebe in einem Wohnheim. Da kann ich ihn nicht mitnehmen."

Die Kinder haben René längst verraten, wo sich die Mutter aufhält.

Die Miet- und Bewag-Schulden werden übernommen. Katharina lebt wieder in ihrer Wohnung. Ihr Arzt hat seine Praxis in der Straße, in der ihr Mann wohnt. Er übergibt ihr den Hund, den großen, mit den treuen Augen, der so gern an den Hintern von Frauen schnüffelt und seine feuchte Nase zwischen ihre Beine bohrt. Während Tomasz und Boris im Heim "ficken" spielen.

Sie besucht René. Ja, sie liebt ihn auch noch. Sie ist so allein. Der Hund kann sie nur kurz trösten. Ihre Eltern wollen dauernd, dass sie ihnen hilft. Ihr Vater arbeitet nun auf dem Bau. Der dicke Bruder hat auch eine Beschäftigungs-Maßnahme erhalten. Mit seinen 20 Jahren möchte er ausziehen. Sie soll beim Renovieren helfen. Die Schwester und der Schwager, die das machen wollten, haben den Kontakt abgebrochen. Auch Katharina hat die Beziehung beendet. Helene hat zu ihr gesagt: "Wenn du noch einmal zu anderen Leuten sagst, dass mein Mann in Russland im Gefängnis saß, zeige ich dem Jugendamt die Fotos von deiner Wohnung, die ich für dich machen sollte, nachdem du dich mit deinem Mann geprügelt hattest. Weißt du noch, wie sie da aussah? Du wolltest ihn bei der Polizei anzeigen. Aber du warst es genauso. Das hätte ich gesagt. Dann bekommst du die Kinder nie wieder!"

Zwei Monate konnten Katharina und René ihr Geheimnis bewahren, dass sie wieder zusammen waren.

"Ich bringe den Hund in das Tierheim. Ich kann kein Futter mehr kaufen", erklärt Katharina ihren Eltern und ist um 23:30 Uhr noch immer nicht zurück. Der Vater macht sich Sorgen und will eine Vermisstenanzeige aufgeben. Der Polizist schmunzelt nur: "Wissen Sie denn nicht, dass der Partner Ihrer Tochter sich schon längst wieder bei ihrer Wohnung angemeldet hat?"

Der Vater informiert das Jugendamt, denn eine Osterbeurlaubung der Kinder zu ihrer Mutter komme doch nun nicht mehr infrage! Die Rechtsanwälte von René und Katharina wetzen weiter ihre Messer. Sie wissen das noch nicht. "Einer Beurlaubung von Tomasz und Boris zu ihrer Mutter stimme ich nur zu, wenn die Kinder ebenfalls die gleiche Zeit bei ihrem Vater verbringen dürfen."

Was sollen die Scheingefechte? Oder hat Katharinas Vater seine Tochter nur denunziert, um sich zu rächen, weil sie seinen sexuellen Missbrauch an ihr publik machen wollte? Oder war es der Großvater?

Am Freitag steht Katharina im Heim und will die Kinder abholen. Urlaubssperre.

Der Gutachter von B. sorgt dafür, dass dem Vater die Kinder zugesprochen werden. Sie ziehen zu ihm und der Mutter nach Treptow. Dies war ein Fall, den Frau Wegner am Anfang ihres Dienstes im Regionalen Sozialpädagogischen Dienst hatte. Sie erinnert sich daran, wie sie mit ihrem Chef in das Kinderheim Girlitzweg ging. Im Krisenzimmer waren die Tapeten teilweise abgerissen. Das machen Kinder, wenn sie wütend sind. Bei dem Besuch waren Tomasz, Boris und der Gutachter zu sprechen. Der Gutachter war vaterfreundlich wie auch der Teamleiter von Frau Wegner. Bei diesem Gutachter machte Frau Wegner später ihre Verfahrensbeistandsschafts-Ausbildung. Er zog zwei Töchter allein auf. Bei seiner Empfehlung, die Kinder aus dem Heim zu ihren Eltern zu entlassen, hatte Frau Wegner "Bauschmerzen", aber was konnte sie gegen eine gerichtliche Entscheidung machen? Als Sozialarbeiterin kann man dagegen vorgehen, aber wenn der Chef und der Gutachter sich anders ausgesprochen haben, hat man da keine Chance. Das Gericht entscheidet meistens nach der Empfehlung des Gutachters.

Frau Wegner kann sich gut daran erinnern, als sie einmal einen angekündigten Hausbesuch in der Familie machte, um die Familienhelferin vorzustellen. "Nein, das geht jetzt nicht. Wir müssen erst zum Rathaus Neukölln, Geld holen. Wir haben nichts mehr zu essen."

Frau Wegner kaufte bei "Aldi" eine Tüte mit Lebensmittel ein. So konnte die Hilfekonferenz doch noch stattfinden.

Einmal wollte die Familie um 19 Uhr in die Sonnenallee zu einem Gespräch in die Dienststelle kommen. Frau Wegner kam extra von zu Hause noch einmal ins Amt. Die Familie erschien nicht und sagte auch nicht ab.


© Reinhild Paarmann, Januar 2023.

Die Geschichte ist mit Erlaubnis der Autorin dem Buch entnommen:
Reinhild Paarmann: Der Storymaker und andere Neuköllner Geschichten.
Stolzalpe/Österreich 2021, Wolfgang Hager Verlag.


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2023/01/18


Otto Pankok (1893-1966):
Das Sinti-Mädchen Ehra


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Die Statue befindet sich im Gut Esselt in Hünxe-Drevenack, im dortigen Otto-Pankok-Museum.
Foto von © Dagmar Sinn, November 2022.


Bei Wikipedia heißt es zu der Statue:

"Otto Pankok beschäftigte sich ab den 1930er Jahren ausführlich mit dem Thema Zigeuner und schuf zahlreiche Bilder von Sinti- und Romakindern. Eines seiner Modelle war das Mädchen Ehra. Ehra wurde während des Dritten Reiches im Düsseldorfer Lager am Höherweg in Lierenfeld interniert, wo die rund 200 Düsseldorfer Sinti und Roma festgehalten wurden. Sie wurde 1940 in ein KZ deportiert... Ehra, die von Pankok immer wieder abgebildet worden war, starb Jahrzehnte nach ihrer KZ-Haft."

Seht bitte auch das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma vom 2022/10/22 auf kuhlewampe.net.


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2023/01/15


Wolfgang Weber
The grill's gone now

Textetisch 07.09.2022, Thema Extrawurst


Extrawurst, Sonderbehandlung, extra groß, extra stark, Privileg, Vorzugsbehandlung, ein Solist am Mikro, featuring guest star wer auch immer, bekommt eine Extrawurst gebraten, für den großen Hunger, früher, vielleicht in manchen Gegenden heute noch, für den Herrn im Haus, großer Appetit. Es ist eine Wurst mehr, eine größere, vielleicht ist die Extrawurst sogar vegan, so paradox das auch erscheint.

Gibt es sie noch, die Grillwalker? Sie haben ein Metallgestell um den Hals, in dem Würstchen erwärmt werden, schwer zu tragen, heiß noch dazu. Eine Frühform des Kapitalismus, womöglich sind diese Herren, Damen habe ich bis jetzt nicht mit diesem laufenden Grill gesehen, formell eigenständige Unternehmer. Ich würde es eher Pseudo-Unternehmer nennen, Unternehmen mit einer einzigen Person.

Besonders weit verbreitet sind / waren diese Grills auf Beinen, womöglich gab es sogar Rollen, dann wäre das ganze nicht ganz so frühkapitalistisch-ausbeuterisch, besonders häufig in Touristengegenden wie Alex, Unter den Linden. Tourist & Grillwalker sehen sich womöglich nur ein einziges Mal & nie wieder.

Wenn solch ein Areal abgegrast ist, soweit Grill & Walker grasen können auf Asphalt, zieht der Walker mitsamt Grill ein paar Ecken weiter & findet dort neue Touristen & auch Berliner, die sich eine Extrawurst gönnen, die sie oft im Gehen vertilgen. Denn Berliner & Touristen haben es immer eilig, da mag Mostrich oder Senf noch so sehr zu Boden tropfen oder gar auf deren Kleidung.

The grill's gone now ist eine Berliner Version von B.B. King's The thrill is gone.


© Wolfgang Weber, Januar 2023.


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2023/01/12


Tagebuch 1973, Teil 63: Colombo/Sri Lanka

von Dr. Christian G. Pätzold


srilanka
Karte von Sri Lanka. Quelle: Botschaft von Sri Lanka.


2. Dezember 1973, Colombo, Sonntag

Sri Lanka ist weltberühmt für seinen Zimt und für seinen Tee, aber wir wurden durch unsere Kontaktadressen in Colombo zunächst in die aktuelle politische Situation hineingezogen. Morgens haben wir das buddhistische Leben kennen gelernt, mit dem Verteilen von Speisen an die Mönche und dem Singen von buddhistischen Gesängen. Die tropische Vegetation war hier sehr üppig. Auch in Sri Lanka wie in Indien konnten die gebildeten Leute alle Englisch, so dass wir uns gut unterhalten konnten. Das war noch eine Nachwirkung der englischen Kolonialherrschaft.

Nach dem Frühstück sind wir zur Adresse von H. de Silva gegangen, die wir in Indien erhalten hatten. Es war anscheinend eine Familie von Burghern. H. de Silva hat uns in der jüngeren Ceylonesischen Geschichte unterrichtet. Später im Hotel hat uns auch der Besitzer, ein ehemaliger Staatsdiener, über die jüngere Geschichte von Ceylon erzählt.


3. Dezember 1973, Colombo, Montag

Mittags sind wir zur Ceylonese Mercantile Union (CMU) gegangen und hatten ein Gespräch mit dem Generalsekretär Bala Tampoe. Bala Tampoe (1922-2014) war ein Rechtsanwalt, ein berühmter eloquenter Redner, ein Gewerkschaftsführer und der Vorsitzende der sri-lankischen Sektion der 4. Internationale. Die 4. Internationale war der internationale Zusammenschluss der Trotzkisten. Wir sprachen mit Bala Tampoe über die aktuelle politische Situation in Sri Lanka, über seine Gewerkschaft und seine Reiseerlebnisse. Er erzählte uns von einem Erlebnis mit Henry Kissingers Hausmädchen, die Pointe der Geschichte habe ich leider inzwischen vergessen. Die CMU war eine White-Collar-Worker Gewerkschaft, in der hauptsächlich Büroarbeiter in den Banken und im Export in Colombo organisiert waren. Bala Tampoe bezifferte die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder auf etwa 35.000. Wir kamen auf die Insurrection von 1971 zu sprechen und er berichtete uns von Vergewaltigungen und Massakern nach der Insurrection und hat uns Beweisfotos gezeigt.

Bala Tampoe besaß einen Volkswagen Baujahr 1963, der jährlich im Wert stieg. Denn in Sri Lanka gab es einen Importstopp für Autos, wegen Devisenmangels. In Sri Lanka selbst gab es keine Produktion von Autos. Er war sauer, dass er nicht von der Sowjetunion oder von der Volksrepublik China eingeladen wurde, obwohl seine Gewerkschaft bedeutend sei. Aber das war ja kein Wunder. Weder Moskau noch Peking wollten etwas mit einem Trotzkisten zu tun haben. Bei den Akademikern und den Politikern gab es so eine Stufenleiter der Wichtigkeit. Je öfter man ins Ausland eingeladen wurde, desto wichtiger war man im eigenen Land. Für Morgen hat uns Bala Tampoe zu dem Gerichtsprozess gegen Rohana Wijeweera und andere Anführer der Insurrection von 1971 eingeladen, da er dort zwei Angeklagte verteidigte.


4. Dezember 1973, Colombo, Dienstag

Morgens sind wir zur Criminal Justice Commission gegangen, einem Gericht, das speziell für den Prozess gegen die Anführer des Jugendaufstandes von 1971 eingerichtet worden war. Den Leadern wurde gerade der Prozess gemacht, alles musste ins Englische übersetzt werden, da 2 Richter kein Sinhala sondern nur Englisch verstanden. Das war natürlich gut für uns, da wir auch kein Sinhala sprachen. Rohana Wijeweera (1943-1989) war der Hauptangeklagte und lehnte die Verantwortung für den Jugendaufstand der JVP (People's Liberation Front) ab bzw. auch die Mitwisserschaft, da der Aufstand im April 1971 stattfand, er und andere Führer aber schon im Februar 1971 verhaftet worden waren und im Gefängnis saßen. Die Richter forderten von Rohana Wijeweera, dass er seine Schuld an der Insurrection zugebe und boten an, dass sie dann die Mitläufer frei lassen würden. Zum Ende des Prozesstages gab es dann noch eine Auseinandersetzung über die Frage, wie viele Sprachen Rohana Wijeweera spreche. Die Anklage behauptete, Wijeweera hätte gesagt, dass er 5 Sprachen spreche, und die Leute hätten ihm deswegen als Leader geglaubt. In Wirklichkeit könne er aber nur Russisch und Sinhala und etwas Englisch sprechen. Übrigens sind wir beim Eintritt ins Gericht nicht untersucht worden, auch nicht unsere Taschen. Das zeigte, dass die Sicherheitslage als entspannt eingeschätzt wurde.

Nachmittags hatten wir ein Gespräch mit Mr. Nagalingam Shanmugathasan (1920-1993), dem Anführer der Ceylon Communist Party (Peking Wing) (CCP). Er war 2x in die Volksrepublik China eingeladen worden und hatte während der Kulturrevolution dort auch vor Rotgardisten gesprochen. In unserem Gespräch sah er die chinesische Politik vordringlich als Staatspolitik und Machtpolitik, um den Einfluss der Sowjetunion in Asien zurückzudrängen. Rohana Wijeweera bezeichnete er als sowjetischen Agenten, der die maoistische Bewegung in Ceylon zerschlagen sollte, die in den 1960er Jahren an Anhang gewann. Er sagte, es sei ein Fehler gewesen, Wijeweera in die Partei aufzunehmen. (Rohana Wijeweera war vor der Gründung seiner JVP Mitglied der CCP Pekingflügel). Im Zimmer von Nagalingam Shanmugathasan hingen große Fotos von ihm mit Mao Tse-tung und mit Enver Hoxha, und es standen zahlreiche Andenkenmitbringsel aus China im Raum.


© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2023.


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2023/01/09


Historischer Überblick Ceylon/Sri Lanka seit der Unabhängigkeit


1948: 4. Februar: Unabhängigkeit Ceylons vom British Empire.
Die United National Party (UNP), die eine nach England ausgerichtete Politik verfolgte, bildete die Regierung.

1952: Mr. S.W.R.D. Bandaranaike (1899-1959) gründete eine eigene Partei, die Sri Lanka Freedom Party (SLFP), die eine singhalesisch buddhistisch nationalistisch sozialistisch ausgerichtete Politik verfolgte.

1956: Die People’s United Front (SLFP mit 3 weiteren Parteien) siegte bei der Wahl, Mr. S.W.R.D. Bandaranaike wurde Premierminister.

1959: September: Mr. S.W.R.D. Bandaranaike wurde ermordet, angeblich steckten reiche Leute dahinter, da es Sozialisierungen gab.

1960: Die SLFP gewann die Wahl unter Mrs. Sirimavo Bandaranaike, der Frau von Mr. S.W.R.D. Bandaranaike. Sie wurde die weltweit erste Frau als Premierministerin. Sie war Premierministerin bis 1964, und erneut ab 1970.

1961: Spaltung in der KP Ceylon in einen Moskauflügel und einen Pekingflügel.

1964: Dezember: Die UNP gewann die Wahl.

1970: Mai: Wahlsieg der United Front: Mrs. Bandaranaike bildet das United Front Government mit SLFP, LSSP (Lanka Sama Samaja Party, Lanka Socialist Party, Trotzkisten) und CPSL (Communist Party of Sri Lanka, KP Moskauflügel).

August: Erste Großkundgebung der People’s Liberation Front (JVP, Janatha Vimukthi Peramuna) unter Führung von Rohana Wijeweera (geb. 1943) in Galle Face. 15.000 junge Leute waren da. Rohana Wijeweera war ein marxistisch-leninistischer Revolutionär und der Gründer der JVP, aber kein erklärter Maoist. Er war wahrscheinlich so etwa wie eine Mischung aus Che Guevara und Rudi Dutschke. Er hatte Kontakte nach Nord-Korea.

1971: 27. Februar: Letztes Treffen der JVP, Verhaftung der Führer.
5. April: Jugendaufstand der JVP (Insurrection), der durch Truppen niedergeschlagen wurde.

1972: Änderung des Namens des Landes von Ceylon zu Sri Lanka.


In Sri Lanka gab es 7 Bevölkerungsgruppen:

Die Singhalesen: Die Bevölkerungsmehrheit. Traditionell Buddhisten, einige Katholiken. Sie sprechen Sinhala. Sie kamen vor etwa 2.500 Jahren aus Nord-Indien nach Sri Lanka. 2012 gab es 15,2 Millionen Singhalesen, das waren 74,9 % der Bevölkerung von Sri Lanka. Singh bedeutet auf Nord-Indisch Löwe. Daher ist auf der sri-lankischen Nationalflagge auch ein Löwe abgebildet, obwohl es in Sri Lanka gar keine Löwen gibt, im Unterschied zu Nord-Indien.

Die Sri-Lanka Tamilen: Die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe. Sie leben vor allem im Norden und Osten von Sri Lanka. Traditionell Hindus, einige Katholiken. Sie sprechen Tamil.

Die Indischen Tamilen: Im Zentrum des Landes. Sie wurden aus Indien von den Engländern als Teeplantagenarbeiter nach Sri Lanka gebracht. Sie sind traditionell Hindus.

Die Moors: Muslime.

Die Malays: Malaiisch sprechende Muslime.

Die Burghers: Nachfahren von Niederländern und Portugiesen. Traditionell Christen. Die Niederländer und die Portugiesen hatten vor den Engländern Handelsniederlassungen in Colombo. Exportartikel waren Gewürze, vor allem Zimt.

Die Veddas: Die Ureinwohner Sri Lankas, traditionell Jäger und Sammler. 2002 gab es noch etwa 2.500 Veddas. Man kann daher sagen, dass die Veddas fast ausgestorben sind. Sie haben sich weitgehend mit den benachbarten Singhalesen und Tamilen vermischt.


Übersichten zusammengestellt von Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2023.


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2023/01/05


Tagebuch 1973, Teil 62: Madras IV - Colombo

von Dr. Christian G. Pätzold


26. November 1973, Madras, Montag

Ich saß weiter in Madras fest und habe auf die Verlängerung meines Reisepasses durch das deutsche Konsulat gewartet. Um meinen Gesundheitszustand abzuchecken, wollte ich noch mal eine Untersuchung auf Amöben oder Bakterien machen lassen, obwohl ich keine Symptome hatte. In dem Government Hospital waren schlimme Zustände, viele Kranke lagen in den Gängen und warteten auf Behandlung. Mir schien es widersprüchlich, einerseits gab es viele ausgebildete medizinische Kräfte, die arbeitslos waren, andererseits gab es in den Krankenhäusern zu wenig Personal. Ich wurde von einem Angestellten zu einem Laboratorium geschickt, das aber eine Bruchbude war.


27. November 1973, Madras, Dienstag

Ich habe Herrn Kopp im Deutschen Konsulat angerufen, aber die Erlaubnis aus Deutschland für die Passverlängerung war noch nicht da. Um die Stimmung etwas aufzuheitern, habe ich tamilische Kuchen und Süßigkeiten gekauft. Im Hotel New Victoria habe ich Geld gewechselt, zum Kurs von 1 DM zu 2,85 Rupees. Ich brauchte ja Rupees, um das Flugticket von Madras nach Colombo und Singapore zu bezahlen.


28. November 1973, Madras, Mittwoch

Heute waren wir im Fort St. George, eine historische Befestigungsanlage der Engländer, die im Zentrum von Madras am Meer liegt. Das Fort war ursprünglich von der East India Company als Stützpunkt angelegt worden, um mit Indien Handel zu treiben.


29. November 1973, Madras, Donnerstag

Heute wurde mein Reisepass vom Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Madras für 5 Jahre verlängert. Endlich. Ich musste eine Gebühr von 9 Rupees zahlen.


30. November 1973, Madras, Freitag

Morgens habe ich das Flugticket Madras - Colombo - Singapore für 1.365,- Rupees bei BOAC (British Overseas Airways Corporation) gekauft. Wir sind zum Flughafen gefahren und haben versucht, auf den Air Ceylon Flug zu kommen. Das Flugzeug war aber schon voll, der Manager hat uns den Flug für morgen versprochen. Außerdem streikte das Indian Airlines Personal, so dass viele Flüge ausfielen.


1. Dezember 1973, Madras - Colombo, Sonnabend

Am Morgen erhielten wir im Air Ceylon Office das ok für unseren Flug nach Colombo. Mit der Bahn sind wir zum Flugplatz Meenambakkam gefahren. Die Ausreise aus Indien war problemlos. Wir waren 2 Monate lang kreuz und quer durch Indien gereist und hatten eine Menge erlebt. Als Fazit kann ich sagen, dass sich eine Reise nach Indien lohnt, da man dort immer viel Neues dazu lernt. Als tropisches Land hat Indien schon mal ein ganz anderes Klima und eine andere Flora und Fauna als Deutschland. Außerdem hat Indien eine Jahrtausende alte kulturelle Geschichte, die ganz anders verlaufen ist als in Europa. Der Flug von Madras nach Colombo hat nur 1½ Stunden gedauert. Auch Sri Lanka gehört geografisch zum Indischen Subkontinent und ähnelt in Vielem Indien.

Am Bandaranaike International Airport in Colombo gab es keinerlei Zollkontrolle. Nur unsere Impfausweise wurden kontrolliert, wegen Cholera in Jaffna. Colombo war die Hauptstadt von Sri Lanka. Der Name Colombo bedeutet auf Singhalesisch (oder Sinhala) Hafen. Im Park Rest Guest House haben wir ein Zimmer mit Bad für 15 Rupees gefunden. Der offizielle Wechselkurs war 1 DM = 4 Rupees. Das Hotel wurde von einer buddhistischen Familie betrieben. Alternativ hätte die Jugendherberge 5 Rupees pro Bett gekostet, wobei Männer und Frauen getrennt untergebracht wurden.


Ausgaben in Indien vom 1. Oktober 1973 bis 1. Dezember 1973 (62 Tage)
750 DM (davon 30 DM Arztkosten)
Durchschnitt: 12 DM pro Tag.
Flugticket Madras - Colombo - Singapore: 460 DM (ca. 175 US-Dollar).


Postskriptum zur Situation in Sri Lanka in den letzten 50 Jahren, Januar 2023

Sri Lanka ist eine wunderschöne tropische Insel, die leider in den letzten 50 Jahren einige Krisen erlebt hat. Eigentlich müssten die Menschen im Wohlstand leben, denn die üppige Natur bietet alle Nahrungsmittel für die Einwohner. Aber ein großes Problem war, dass auf der Insel 2 Völker leben, die Tamilen im Norden und die Singhalesen im Süden. Die Tamilen wollten die Unabhängigkeit und ihren eigenen Staat, während die Singhalesen die Herrschaft über die ganze Insel für sich beanspruchten. So kam es zu einem jahrelangen mörderischen Krieg (1983-2009), der die Insel zu einer Hölle machte.

Zusätzlich ist es der Staatsführung nicht gelungen, die wirtschaftlichen Probleme in den Griff zu bekommen. Dabei spielte vielleicht auch der wachsende Bevölkerungsdruck eine Rolle. Die Auslandsverschuldung Sri Lankas stieg immer mehr, bis das Land Pleite war. Es kam zu starken Preissteigerungen und zu Volksaufständen. Und so befindet sich Sri Lanka heute in einer kritischen Situation, die man den Menschen Sri Lankas wirklich nicht wünschen kann.

Das Problem der 2 Völker auf einer relativ kleinen Insel bleibt bestehen. Das hat auch auf anderen Inseln zu Kriegen geführt. Zum Beispiel auf Zypern, wo Türken im Norden und Griechen im Süden leben. Oder in Irland, wo Briten im Norden und Iren im Süden leben.


Postskriptum zu den Namen Ceylon/Sri Lanka, Januar 2023

Sri Lanka hieß bis 1972 offiziell Ceylon. Ceylon war der historische Name der englischen Kolonialherren für die Insel. Nach 1972 setzte sich der neue Name Sri Lanka immer mehr durch.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2023.


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2023/01/01


Das Kriegsjahr 2022

von Dr. Christian G. Pätzold


Das vergangene Jahr 2022 war schon das 3. Coronavirus-Pandemie-Jahr, mit 50.000 Corona-Toten in Deutschland. Das waren im Schnitt 1.000 Tote jede Woche. Aber 50.000 Tote scheinen viele Menschen nicht besonders beunruhigt zu haben. Im Gegenteil, ständig wurden Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen gefordert. Wenn es 500.000 Tote gewesen wären, wäre die Reaktion der Bevölkerung wahrscheinlich anders gewesen. Auch in der Volksrepublik China war die Regierung nach Protesten der Bevölkerung gezwungen, die Null-Covid-Politik aufzugeben und die Maßnahmen zu lockern. Jedenfalls atmete die Deutsche Rentenversicherung auf. 50.000 Rentner:innen weniger in der Rentenkasse. Dadurch und durch die hohe Inflation hat die Rentenversicherung einen schönen Milliardenüberschuss im Jahr 2022 erwirtschaftet.

Und als ob Corona nicht schon schlimm genug war, kam im Februar auch noch der Krieg in der Ukraine hinzu. Am 24. Februar 2022 marschierte die russische Armee in der Ukraine ein. Der Krieg wurde als "Militärische Spezialoperation" bezeichnet und durfte in Russland nicht Krieg genannt werden, denn man wollte im Kreml nicht als offizieller Kriegstreiber dastehen. Russland drohte mit dem Einsatz von Atomraketen. Das größte Atomkraftwerk Europas in Saporischschja stand im März in der Gefahr, in die Luft zu fliegen. Der russische Präsident Wladimir Putin wollte mit seinen Panzern in 4 Tagen in Kiew sein, ist dann aber bald vor der ukrainischen Hauptstadt gestoppt worden. Auf einen verlustreichen Häuserkampf in Kiew wollte er sich nicht einlassen. Er hatte wohl auch das Talent des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj unterschätzt, der Hilfsappelle an die ganze Welt sendete.

Die Stadt Mariupol am Asowschen Meer wurde von russischen Bomben auf den Erdboden reduziert. Putin rühmte sich sehr dafür, dass er das Asowsche Meer zu einem Binnenmeer der Russischen Föderation gemacht hat. Dann kamen Berichte von Massakern an Zivilisten beim Rückzug der russischen Armee nahe Kiew. Die USA haben an die 40 Milliarden Dollar für Militärausrüstung für die Ukraine gezahlt, und später noch mehr. Und die Ukraine hatte viel mehr Soldaten als die russische Armee. Die deutsche Bundesregierung hat sich im April immer tiefer in den Krieg hineinziehen lassen, durch Waffenlieferungen, auch von schweren Waffen wie Panzer-Haubitzen, an die Ukraine.

Die Gaslieferungen an Deutschland wurden von der russischen Regierung immer mehr gedrosselt. Über die Gas-Pipeline Nordstream 1 flossen nur noch 20 % der Kapazität. Die Gas-Pipeline Nordstream 2 wurde von der deutschen Regierung nicht in Betrieb genommen, als Sanktion gegen Russland. Es drohte ein sehr kalter Winter in Deutschland. Im Sommer war dann etwas Flaute im Kriegsgeschehen. Aber im August wurde das Atomkraftwerk Saporischschja beschossen, das von russischen Truppen besetzt war. Das AKW Saporischschja ist das größte AKW Europas mit 6 Reaktorblöcken. Es drohte eine Atomkatastrophe, die ganz Europa radioaktiv verstrahlen konnte.

Im September gab es dann einen Vormarsch der ukrainischen Truppen im Nordosten im Gebiet Charkiw. Ende September folgte die Mobilmachung von 300.000 Soldaten in Russland, da man nicht genug Soldaten an der Front hatte. Außerdem veranstaltete Russland Referenden in den Gebieten Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson für den Anschluss an Russland. Erwartungsgemäß stimmten 99 % für den Anschluss. Die 4 Gebiete wurden von Putin offiziell mit großem Pomp annektiert.

Ab Mitte September kam überhaupt kein Erdgas mehr aus Russland nach Deutschland. Die Strompreise und die Gaspreise in Deutschland schossen in immer absurdere Höhen. Zusätzlich sollte von der Bundesregierung im Oktober eine Gasbeschaffungsumlage eingeführt werden, die die Gaspreise weiter erhöht hätte. Dieses Vorhaben wurde wieder gestrichen, aus Angst vor Protesten in der Bevölkerung und vor einem heißen Herbst. Viele Menschen wussten nicht mehr, wie sie ihre Energierechnungen bezahlen sollten, zumal auch die Lebensmittel immer teurer wurden. Die Inflationsrate in Deutschland erreichte im September 10 % gegenüber dem Vorjahresmonat, 11% im Oktober Das war die höchste Inflation seit dem Ende des 2. Weltkriegs.

Innerhalb der deutschen Linken bestand die vorherrschende Meinung, dass es sich bei dem autokratisch-kapitalistischen Russland um einen imperialistischen Staat mit Großmachtambitionen handele. Die Ukraine wurde als Vasall des US-Imperialismus und seiner westeuropäischen Satelliten gesehen. Entsprechend wurde der Ukraine-Krieg als Krieg zwischen 2 Räubern, zwischen 2 imperialistischen Mächten gesehen. Trotzdem gab es innerhalb der deutschen Linken auch spitzfindige Diskussionen um den Imperialismus-Begriff. Einige Linke betrachteten die Russische Föderation sogar als einen Teil des "Globalen Südens", obwohl Russland ziemlich nahe am Nordpol liegt und ein Hochtechnologieland ist.

Ab Oktober hat die russische Armee dann gezielt die ukrainische Infrastruktur zerbombt, besonders das Stromnetz, die Wasserversorgung und die Wärmeversorgung. Vielleicht war beabsichtigt, Arbeitskräfte mit der Reparatur der Netze zu binden, die dann nicht an der Front kämpfen konnten. Vielleicht sollten auch angesichts des bevorstehenden Winters und der Kälte die Ukrainer zur Flucht nach West-Europa getrieben werden, um Druck auf die EU zu machen.

Im November musste sich die russische Armee aus der Stadt Cherson auf das Ostufer des Dnepr (ukrainisch Dnipro) zurückziehen, weil der Druck der ukrainischen Armee zu stark wurde. Ende November hat die ukrainische Regierung die Bevölkerung dazu aufgerufen, das Land zu verlassen, da die Stromversorgung, die Wärmeversorgung und die Wasserversorgung nicht mehr gewährleistet werden konnten.

Am 17. Dezember wurde das erste Flüssiggas-Terminal (LNG) Deutschlands in Wilhelmshaven in Betrieb genommen, um das fehlende russische Gas zu ersetzen. Für Strom, Gas und Fernwärme wurden Preisdeckel für Verbraucher von der Bundesregierung eingerichtet. So viel zum Kriegsgeschehen im vergangenen Jahr 2022 und es ist kein Ende des Krieges absehbar.

Wie jedes Jahr im Januar hat sich wieder das Hintergrundbild von kuhlewampe.net geändert. An der Stelle der munteren Blüten der Felsenbirne vom vergangenen Jahr, die uns alle erfreuten, sind jetzt Edelsteine in weißem Marmor zu sehen, die vom Taj Mahal in Agra in Indien stammen. An islamischen Gebäuden dürfen keine Menschen dargestellt werden. Daher findet man dort als Schmuck oft florale Motive und geometrische Muster.

Ich möchte allen Kreativen sehr danken, die im vergangenen Jahr so viel zu kuhlewampe.net beigetragen haben: Wolfgang Weber, Reinhild Paarmann, Sabine-Simmin Rahe, Ella Gondek, Karl-Heinz Wiezorrek, Dagmar Sinn, Dr. Karin Krautschick, Dr. Wolfgang Endler, Dr. Hans-Albert Wulf, Anke Sabrowski und Horst Felix Palmer.


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