kuhlewampe.net

im 8. Jahr
Herzlich Willkommen bei kuhlewampe.net. Ein Kultur-Literatur-Gesellschaftskritik-Blog im WWW
Gründer und Herausgeber: Dr. rer. pol. Christian G. Pätzold, Berlin
Kurator für Gesellschaftskritik: Dr. phil. Hans-Albert Wulf, Berlin
Wenn Ihr hier veröffentlichen wollt, schreibt bitte an: post(at)dr-paetzold.info
Kuhle Wampe ist ein Film von Bert Brecht, Slátan Dudow und Hanns Eisler aus dem Jahr 1932.


2022/01/18

Reinhild Paarmann
Die Schutzflehenden
(Die Schutzbefohlenen)

nach Aischylos und Elfriede Jelinek


Schuldlos schuldig als Flüchtling,
Häuptling, Däumling, die ling, ling, lings.
"Ich bin kein Flüchtling",
sagt eine Kroatin.
"Ich bin ich!
Wie heißt die weibliche Form von Flüchtling?
Woher kommst du,
wurde ich gefragt.
Aus dem Schoß meiner Mutter!
Ich will nicht immer Flüchtling spielen.
Duldung, was ist das?
Wer duldet wen?"
Anna Netrebko singt,
Störgeräusche für die Pause.

Flüchtlingshelfer werden zu Schleppern,
der vielsprachige Chor,
fünfzig Töchter des Danaos flohen aus Ägypten,
das Mittelmeer wird jetzt zum zweiten Toten Meer,
angeknabberte Leichen,
ein kleiner Junge an Land gespült,
Lastwagen geöffnet,
70 Tote darin,
mir fallen die Autos der Nazis ein,
in denen Juden vergast wurden,
Asylantenheime brennen,
wir lassen die Brandstifter ein
wie bei Max Frisch in Biedermann und die Brandstifter.
Streiten darüber, ob wir ein Einwanderungsland sind,
beruhigen unser Gewissen mit Kleiderspenden.
"Wir wollen kein Mitleid,
nur unser Recht!
Ihr habt uns zerstört mit euren Waffenlieferungen
und der kolonialen Ausbeutung!"
Wer befiehlt den Schutz?
Ich lege einen Link an. Ausländer.
Ja, wir sind alle aus Ländern.

"Du sollst im Schweiße
deines Angesichts einkaufen",
sagt der Kapitalisten-Gott.

Die jungen Leute Algeriens begehen
kollektiven Selbstmord,
sagt Boualem Sansal, der Schriftsteller,
denn entweder gelänge die Flucht
oder die Fische hätten zusätzlich Futter.
Ich stelle mir vor,
wie sie 2084 so groß werden,
dass man auf ihren Rücken
über das Mittelmeer laufen kann.

© Reinhild Paarmann, Januar 2022.
www.Reinhild-Paarmann.de

Das Gedicht ist mit Erlaubnis der Autorin dem Buch entnommen:
Lyrik-AG des VS Berlin (Herausgeberin): Ihre Papiere bitte! Gedichte zur Zeit.
Berlin 2020. Hirnkost Verlag.


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2022/01/15

Hagebutten


hagebutten
Fotografiert von Anonyma im Oktober.


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2022/01/11

Wolfgang Weber
Die Konferenz

Textetisch 02.06.2021 Thema Quintessenz


konferenz


Das Thema der Konferenz in Koblenz, hoch oben über der Konfluenz von Rhein und Mosel, war ein höchst komplexes.

Nichts weniger als die Quadratur diverser Kreise, Scheiben, Globen, Planeten, Monde und Trabanten sollte hier versucht werden, also ein äußerst ambitioniertes Unterfangen.

Es wurde ein Spagat von philosophisch-abstrakten, aber auch alltagstauglich-konkreten Fragestellungen versucht, teilweise mit beachtlichem Erfolg.

Eine Tour de Horizon beabsichtigte, Anregungen nachzugehen, kreuz und quer, in assoziativ-sprunghafter Herangehensweise wie:
• Transparenz und Konsequenz unter Beachtung der Tendenz zur Ambivalenz der Sentenz von der Vermeidung des allzu Offensichtlichen
• Differenzanalyse von Koexistenz, Opulenz und Abstinenz
• Interdependenz oder Äquivalenz von Resistenz und Delinquenz

Kurz gesagt, es ging um den Begriff der Quintessenz, der summa summarum alles bis dahin und auch in Zukunft Gedachten, Gesagten, Erwogenen, Verworfenen und wieder Aufgegriffenen.

Die legendäre, sagenumwobene Tagung fand im Lenz jenes fernen Jahres statt, unter essentieller Assistenz von Kreszentia, besser bekannt als Zenzi.

Sie war, das muss leider so deutlich gesagt werden, berüchtigt wegen ihrer furchteinflößenden Tendenz zur Nutzung ihrer grandiosen Intelligenz bis zur letzten Konsequenz.

Manche sagten ihr auch unangenehme Impertinenz und Indolenz gegenüber Prominenz und Aszendenz nach, im Rückblick erscheint das jedoch als üble Nachrede.

Ihren Familiennamen kannte niemand, es sei denn Lorenz. Da versagt nach so vielen Jahrzehnten jegliche Reminiszenz. Böse Zungen glauben gar an Demenz.

Dieser Lorenz war der Butler, der die Konferenz zusammenhielt. Er stammte aus Bludenz und beeindruckte die versammelte Luminiszenz durch enorme physische und geistige Präsenz.

Er besaß eine Lizenz für Konferenzorganisation, ausgestellt damals schon von Egon Krenz, ja der Mann hatte, wenigstens für kurze Zeit, seine Fans.

Bereits zu dieser Frühzeit der technischen Entwicklung besaß Krenz eine Lizenz für eine Frequenz im noch nicht erfundenen Fernsehen, ausgestattet mit höchster Fluoreszenz.

Manche glaubten nicht an die Existenz dieser Lizenz von Krenz. Wie auch immer, der omnipräsente Lorenz sorgte für höchste Effizienz der Konferenz.

Der fulminante Erfolg dieser auch als Rhein-Mosel-Treffen bekannten Konferenz inspirierte viele Jahre später womöglich zur Gründung des als Kultusministerkonferenz bekannten Gremiums.

Jedenfalls, wenn man der Sentenz vertrauen kann, die ein Stenz aus Lienz namens Vinzenz in Umlauf brachte: Koblenz als Blaupause für Think Tanks.

Es kamen Delegierte angereist im Benz, Ford Model T, natürlich schwarz, und anderen edlen Gefährten aus Florenz, Kamenz, Erkelenz, Bregenz und einer bis heute geheimgehaltenen Residenz. Darunter zahlreiche Prominenz und Hunde jeglicher Provenienz.

Anwesend waren einige Magnifizenzen und Exzellenzen, graue Eminenzen aus Graudenz(en). Manche gaben spontan Audienzen, es gab keine Grenzen.

Selfies wurden damals auch gemacht, lange bevor das Wort erfunden. Bevorzugt in Form von Zeichnungen und Skizzen, denn das Entwickeln von Filmen dauerte damals noch viel zu lange.

Was sie besprachen, war von höchster Stringenz und Selbstreferenz, gepaart mit Eloquenz von höchster Präsenz und Kongruenz.

Die Differenz zwischen Ambivalenz und Dependenz, gegenübergestellt der Aszendenz der Kompetenz war Ausgangspunkt für eine virulente, wenngleich inkohärente Kontroverse voller immanenter Spannung gepaart mit inhärenter Dekadenz.

In den Pausen dieser hochdurchgeistigten Konferenz strömten die Influenzer jener Zeit, Koryphäen allesamt der wichtigsten einflussreichen Disziplinen dieser Epoche, die hier versammelt waren, in den neben dem Auditorium gelegenen Salon.

Dort gingen manche in aller Seelenruhe ihrer Korrespondenz nach. Andere umlagerten den transparenten Flügel und verfolgten gebannt die Improvisationen eines absoluten Tastenvirtuosen über Themen und Begriffe, die die Gäste des Salons ihm zuriefen. Seine ausufernden Kadenzen sorgten so manches Mal dafür, dass die Pause der Konferenz länger andauerte als eigentlich vorgesehen.

Mit Hilfe einer Zeitmaschine gelang einigen der Sprung in ein viel späteres Jahrzehnt, so dass es ihnen möglich war, eines der Konzerte einer Band namens Quintessence zu erleben, deren Musik zwischen Progressive Rock, indischen Klängen und Esoterik oszillierte.

Die ausgedehnten suitenartigen Stücke dieser Gruppe machten ihre Musik bei aller Differenz durchaus der rhapsodischen Art des Salonlöwen am Flügel vergleichbar.

Die Zeitreisenden kehrten erst mit großer Verspätung in den ehrwürdigen Saal zurück, wo alle anderen schon lange auf ihren Plätzen saßen.

Sie schlichen auf Zehenspitzen herein, hatten aber im Grunde nicht viel verpasst, denn der Doyen der Konferenz war noch immer bei seinem allerersten in Thomas-Mannesker Manier verschachtelten endlosen Satz.

Von großer Bedeutung für den Erfolg dieser Konferenz war der geballte Sachverstand der Experten für Jurisprudenz, Independenz, Latenz, Resilienz, Kongruenz, Konfluenz, Konsistenz, Adoleszenz, Delinquenz und Koinzidenz, mit einem Wort: Quintessenz.

Betrachtet durchs Glas der Reagenz hatten einige Teilnehmer einen gewissen Hang zur Korpulenz bei aller Effizienz und Fluoreszenz, verstärkt durch die Speisen beim opulenten Büffet. Die meisten hatten eine Präferenz für Hausmannskost aus deutschen Landen, angereichert durch exotische Einsprengsel.

Am Katzentisch saßen diejenigen, die kein reguläres Ticket zur Beobachtung der Konferenz ergattern konnten, auf unbequemen eigentlich schon ausrangierten Sitzgelegenheiten.

Blickkontakt mit dem Podium der Experten gab es hier nicht, nicht einmal mit einem Fernrohr.

Hier ging es hoch her, große Anteilnahme an den auf der Konferenz verhandelten Themen, die Koinzidenz von Vehemenz und Inkohärenz der Aussprache führte oft zu erregten Diskussionen am Katzentisch.

Hier saßen auch die zahlreichen Hunde in der Runde inmitten der Rotunde. Die Underdogs vom Katzentisch hielten auch begierig Ausschau nach Programmheften und anderen Memorabilia, die im Auditorium oft achtlos liegengelassen wurden, und schenkten ihnen oft mehr Beachtung als diejenigen, die sie mal erworben hatten.

Manche fragen sich, wer jener Pianist gewesen mit dem einnehmenden Wesen.

Die einen sagen, Vinzenz Xavier Reuchlin, auch bekannt als VX Reuchl, Schlossherr an der Mosel auf Schloß Reuchlin unweit von Koblenz.

Andere meinen, sie sei extra für das Event von weither angereist, keine geringere als Lydia Erna Victoria Quintessentia Transzendenzia, ihres Zeichens Klaviervirtuosin aus dem Baltikum. Aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen wurde sie dazu genötigt, in Männerkleidung zu erscheinen.

Wie auch immer, die Quintessenz von der Geschicht: Traue niemandem nicht, auch wenn er noch so vollmundig spricht.

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Addendum 10/2021: Es gibt keinen historischen Kontext zu dieser (vollkommen fiktiven) Konferenz. Während des Schreibens las ich: Kazuo Ishiguro, Was am Ende des Tages übrig blieb. Butler und Konferenzen darin haben nichts mit meinem Text zu tun.

© Wolfgang Weber, Januar 2022.

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2022/01/07

Tagebuch 1973, Teil 55: Hyderabad/Indien

von Dr. Christian G. Pätzold


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Häufig in Indien auf dem Land anzutreffen: Der Pfau (Pavo cristatus).
Die Pfaue haben einen zutraulichen Charakter, ähnlich wie Hühner.
Foto von Amanda Grobe. Quelle. Wikimedia Commons.


1. November 1973, Aurangabad - Hyderabad, Donnerstag

Tagsüber waren wir noch in Aurangabad. Morgens hatten wir ein Gespräch mit dem Manager des Holiday Camp über seine Lage. Er sagte uns, dass er 700 Rupees im Monat verdiene und davon mit Frau und Kind nur schlecht leben könne. Eine 1-Zimmerwohnung mit Küche und Bad koste im Neubau 200 Rupees im Monat. Die Lehrer in der Highschool verdienten 300 Rupees. Seine Frau wollte jetzt dafür noch ein Examen machen. Das Durchschnittseinkommen dürfte in Indien eher bei 70 Rupees im Monat gelegen haben, was 60 Pfennig am Tag entsprach.

Die Männer in Indien, mit denen wir uns unterhielten, haben uns meist sofort gesagt, wie viel oder öfter wie wenig sie verdienten. Die niedrigen Einkommen und der geringe Lebensstandard waren ein großes Problem in Indien. Oft reichte das Geld nicht für eine ausreichende Ernährung. Den Frauen in Indien ging es wahrscheinlich noch schlechter.

Über Nacht sind wir mit dem Zug 3. Klasse im 2-Tier-Sleeper die 560 Kilometer von Aurangabad nach Hyderabad gefahren, was 13,50 Rupees (etwa 4 DM) gekostet hat. Das war die indische Großstadt Hyderabad, auch in Pakistan gibt es eine große Stadt namens Hyderabad. Im indischen Hyderabad sprach man überwiegend die dravidische Sprache Telugu.

2. November 1973, Hyderabad, Freitag

Wir hatten jetzt Nord-Indien verlassen und waren in Süd-Indien angekommen. Die Grenze zwischen Nord-Indien und Süd-Indien verläuft etwa parallel zur Sprachengrenze. In Nord-Indien sprechen die Menschen indoeuropäische Sprachen, wie zum Beispiel Hindi, Bengali, Gujarati oder Marathi. In Süd-Indien dagegen sprechen die Menschen dravidische Sprachen, wie zum Beispiel Telugu, Tamil, Kannada oder Malayalam. Damit hatte ich jetzt zum ersten Mal auf meiner Weltreise die indoeuropäische Sprachenwelt verlassen. Bisher hatte ich es mit Sprachen zu tun, die für einen Europäer einigermaßen vertraut klangen. Aber in Süd-Indien klangen die Sprachen schon ziemlich exotisch. Das war aber kein Problem. Zum Glück war Englisch in ganz Indien die Lingua Franca, das war ein Relikt der englischen Kolonialherrschaft, so dass ich mich mit den Gebildeten überall unterhalten konnte. Mit Englisch bin ich Anfang der 1970er Jahre fast auf der ganzen Welt klar gekommen und konnte kommunizieren. Nur in Mittelamerika und Südamerika habe ich noch etwas Spanisch und Portugiesisch gelernt. Das war für mich nicht schwierig, da ich von der Schule schon Lateinkenntnisse hatte.

In Hyderabad sind wir vom Bahnhof von einem Rikshawala zur India Tourism Development Corporation gefahren worden und haben danach im Tourist Hotel ein Zimmer für 14 Rupees bekommen. Ich habe ein Comic-Strip-Buch über Mahatma Gandhis Leben gelesen, das ich mir angeschafft hatte. In den Restaurants arbeiteten viele Kinder. 1 Glas Tee kostete 25 bis 30 Paise (8 Pfennig), Kaffee 40 bis 60 Paise (10 Pfennig). In Hyderabad gab es eine Wasserrationierung, das heißt nur 2x am Tag gab es Wasser, da in den vergangenen 2 Jahren eine große Dürre herrschte, so dass die Wasserreserven zur Neige gingen.

3. November 1973, Hyderabad, Sonnabend

Die Benzinpreise stiegen gerade um 1 Rupie pro Liter und die Motorrikshawalas wollten alle 50 Paise mehr haben. Ich habe eine Stadtrundfahrt mitgemacht und habe die Osmania University von außen gesehen. Dann bin ich die 480 Stufen zum historischen Golconda Fort hoch- und runtergestiegen, ohne etwas nennenswert Interessantes entdeckt zu haben. Meine Reisepartnerin hatte inzwischen eine Lehrerin von einem College kennen gelernt, die wir abends besuchten. Anwesend waren neben der Lehrerin ihre Mutter und ihre beiden Schwestern. Sie hatten köstliches Essen für uns alle zubereitet. Die Lehrerin wollte gerne ins Ausland und erzählte, dass das Leben für Frauen in Indien sehr eingeschränkt sei. So durften sich Frauen zum Beispiel nicht mit fremden Männern unterhalten.

In Hyderabad und im gesamten Bundesstaat gab es gerade eine Präsidentenherrschaft, der Ausnahmezustand war erklärt, es gab Unruhen. Die Menschen wollten eine Aufspaltung des Bundesstaates in Telangana im Norden (inklusive Hyderabad) und Andhra Pradesh im Süden. Das hing wohl auch mit der Sprache zusammen. Die Andhras im Süden sprachen reines Telugu, während die Telanganas im Norden Telugu mit starkem Urdueinschlag sprachen, weil dort viele Moslems lebten.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2022.


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2022/01/04

Tagebuch 1973, Teil 54: Aurangabad

von Dr. Christian G. Pätzold


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Der Kailash Tempel in den Ellora Caves nahe Aurangabad/Indien.
Fotografiert von Vyacheslav Argenberg. Quelle: Wikimedia Commons.


29. Oktober 1973, Bombay - Aurangabad, Montag

Tagsüber waren wir noch in Bombay. Morgens sind wir zur Streikversammlung der Seidenarbeiter in Goregaon, einem Vorort von Bombay, gefahren. Dort befanden sich auch andere Industrieunternehmen. Die Streikenden waren interessiert, etwas über die Situation der Arbeitenden in Deutschland zu erfahren, und so habe ich etwas über die Arbeitsbedingungen und Streiks in Deutschland berichtet. Es wurde gefragt, ob es in Deutschland überhaupt einen unterschiedlichen Lebensstandard von Arbeitern und Unternehmern gäbe. Das deutete darauf hin, dass sie die Lebensumstände der Arbeiter:innen in Deutschland wahrscheinlich eher für paradiesisch hielten. Das war aber nicht der Fall: Ende der 1960er Jahre hatte es in West-Deutschland eine große Wirtschaftskrise mit vielen Arbeitslosen gegeben.

Hier in Bombay gab die Gewerkschaft keine finanzielle Streikunterstützung an die Arbeiter, nur politische Hilfe. Die Gewerkschaft ließ fast alle Entscheidungen bei den Arbeitern. Zum Schluss haben sie Parolen gesagt und uns die Fabrik von außen gezeigt, mit einem Pappunternehmer vor dem Tor. In der Fabrik stand ein Lastwagen mit Polizisten. Mit Streikbrechern wurde privat abgerechnet. Hier war kein Hauch von Gandhis Non-Violence zu spüren. Das monatliche Existenzminimum wurde von der Regierung auf 180 Rupees für Arbeiter bezeichnet, was etwa 50 DM entsprach.

Mit dem Reisebus sind wir über Nacht die etwa 360 Kilometer nach Aurangabad gefahren. Dadurch hatten wir schon mal die Übernachtungskosten für eine Nacht gespart. Außerdem war nachts weniger Verkehr auf den Landstraßen. Der Moghul-Herrscher Aurangzeb (1618-1707) benannte die Stadt nach sich Aurangabad und machte sie zu seinem Regierungssitz. Von dort beherrschte Aurangzeb fast ganz Indien. Aurangzeb war ein Sohn von Shah Jahan, der das Taj Mahal in Agra bauen ließ, seine Mutter war Mumtaz Mahal. Er war ein gläubiger Moslem, der den Koran auswendig wusste. Bevor er an die Macht kam, hatte er allerdings vorsichtshalber seine sämtlichen Brüder töten lassen und seinen Vater ins Gefängnis gesperrt.

30. Oktober 1973, Aurangabad, Dienstag

In Aurangabad haben wir im Government Holiday Camp ein Zimmer für 15 Rupees bekommen. Dann sind wir mit dem Bus zu den berühmten Ajanta Caves (Die Höhlen von Ajanta) gefahren, die etwa 100 Kilometer von Aurangabad entfernt liegen. Dort sind 29 alte und große buddhistische Tempelhöhlen in den Fels gehauen, in denen Wandmalereien und Buddhaskulpturen zu sehen sind, die teilweise über 2.000 Jahre alt sind. Die buddhistischen Mönche wohnten damals auch in den Höhlen. Ich muss zugeben, dass die Kunstwerke wegen ihres Alters und ihrer Qualität schon erstaunlich sind. Die alten Germanen haben vor 2.000 Jahren noch keine Götterbilder aus dem Fels herausgehauen. Aber letztlich haben mich die Kunstwerke doch nicht sehr interessiert. Diese Kunstwerke sind wahrscheinlich eher etwas für Buddhist:innen und für spezialisierte Kunsthistoriker:innen.

Bei den Ajanta Caves haben wir uns mit einer US-Amerikanerin unterhalten, außerdem mit einem argentinisch-österreichischen Pärchen, das mit seinem BMW durch Indien fuhr. Am Abend sind wir im vollen Bus nach Aurangabad zurückgefahren. Wir hatten noch ein Gespräch mit einem indischen Bauunternehmer, der sagte, dass er in Deutschland gearbeitet habe. Er erzählte uns, dass ihm das Leben vermiest werde, weil er keinen Stahl und keinen Zement bekomme. Er wolle aber trotzdem in Indien bleiben, weil es sein Heimatland sei. Außerdem hörten wir noch, dass die Roteltourleute, die wir schon aus der Sowjetunion kannten, etwa 10x im Jahr im Holiday Camp auftauchten. Die Stadt Aurangabad war also ein etabliertes Touristenziel in Indien.

31. Oktober 1973, Aurangabad, Mittwoch

Ich habe das Bibi-Ka-Maqbara-Mausoleum in Aurangabad besichtigt, das eine verkleinerte Kopie des Taj Mahal in Agra ist. Es soll von Aurangzeb oder seinem Sohn in Auftrag gegeben worden sein. Das Bibi-Ka-Maqbara-Mausoleum soll etwa 700.000 Rupien gekostet haben, während das Taj Mahal in Agra etwa 35 Millionen Rupien verschlungen haben soll. Das Taj Mahal wäre dann 50mal teurer gewesen und ich bin eigentlich der Ansicht, dass das Taj Mahal auch 50mal schöner ist als das Bibi-Ka-Maqbara-Mausoleum. Das wäre ein Argument dafür, dass es sich nicht lohnt, in der Architektur zu sparen.

Anschließend sind wir zu den ebenfalls sehr berühmten Ellora Caves (Die Höhlen von Ellora) gefahren, die etwa 30 Kilometer von Aurangabad entfernt lagen. Es handelte sich um an die 30 öffentlich zugängliche buddhistische, hinduistische und jainistische Höhlentempel, die in das Felsmassiv hineingehauen wurden. Sie stammten aus dem 5. bis 11. Jahrhundert unserer Zeitrechnung und enthielten aus dem Fels gehauene Skulpturen und Wandmalereien.

Besonders berühmt ist der Tempel Nr. 16, der Kailash Tempel, ein großer Shiva-Tempel, der nicht in den Fels hineingehauen wurde, sondern von oben aus dem Fels herausgehauen wurde. Er ist mit vielen Skulpturen und Reliefs geschmückt. (Der Berg Kailash im Himalaja (Tibet) ist 6.600 Meter hoch und gilt den Hindus als Wohnsitz des Gottes Shiva und seines Gefolges.) Der Touristenführer hat uns eine erotische Darstellung gezeigt, die anscheinend bei den Touristen sehr beliebt war. Tatsächlich gilt der Kailash Tempel als die größte monolithische Felsbearbeitung der Welt. Ich muss zugeben, dass es sich wahrscheinlich um sehr bedeutende Kunstwerke handelte, aber mir haben sie nicht besonders viel gesagt. Das lag vielleicht daran, dass ich mich nicht sehr für Religionen und Götter interessierte.

Im höllisch teuren Touristenrestaurant habe ich eine Tomatensuppe für 3,50 Rupees gegessen, obwohl das Kilo Tomaten allgemein nur 50 Paisas kostete. Die hohen Preise waren wohl dadurch bedingt, dass ich hier an einem internationalen Tourismus-Hotspot war.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2022.

Zum Taj Mahal in Agra seht bitte auch die Tagebuchnotizen vom 2020/10/08 und 2020/10/11 auf kuhlewampe.net.


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2022/01/01

Willkommen zum neuen Jahr mit kuhlewampe.net !

von Dr. Christian G. Pätzold


Das Coronavirus-Jahr 2020 war ein Jahr der Angst. Alle hatten Angst, auf der Intensivstation zu landen und dort jämmerlich zu versterben. Denn es gab keine Medizin gegen das Virus. Auch das vergangene Jahr 2021 stand in der ersten Hälfte ganz im Griff der Pandemie, da zu Beginn nur wenig Impfstoff vorhanden war. Dann kam der Sommer und das Virus hatten weniger Verbreitungsmöglichkeiten. Insgesamt sind in Deutschland bisher weit über 100.000 Menschen an oder mit dem Virus gestorben. Besonders betroffen waren auch Menschen im Kulturbereich, die 1½ Jahre nicht arbeiten durften und keine Einnahmen erwirtschafteten, da die Kultur in den Lockdown geschickt worden war. Sehr viele Menschen haben ihre ohnehin prekären Jobs im Kulturbereich ganz verloren.

Die Pandemie hat auch kuhlewampe.net zu spüren bekommen, denn es gab kaum Ausstellungen oder Aufführungen, über die wir berichten konnten. Wir haben die Leere mit anderen Beiträgen überbrückt. Im Netz gab es mit der Zeit immer mehr kulturelle und künstlerische Livestreams und Videos. Auch persönliche Treffen mit Menschen waren oft nicht möglich. Viele kulturelle Initiativen und Locations haben die Pandemie nicht überlebt. Aber glücklicherweise hat kuhlewampe.net dank des Einsatzes der kreativen Mitschreiber:innen zusammengehalten.

Es war auch schwierig, mit Menschen zu sprechen, die eine FFP-2-Maske auf hatten. Erstens wurde die Sprache durch die Maske undeutlich und vernuschelt, und zweitens konnte man die Mimik des Gesichtes nicht mehr erkennen. Das war alles sehr unbefriedigend. Inklusive zermürbenden Gesprächen mit Impfgegner:innen. Man kann die Regierung für vieles kritisieren, aber man sollte sie richtig kritisieren, und nicht falsch, indem einem Wissenschaft und Wahrheit egal sind. Im Moment rollt die 4. Delta-Welle und die 5. Omikron-Welle der Coronapandemie und es ist nicht absehbar, wann die Live-Kultur wieder auflebt, vielleicht erst in 2 Jahren, sagen die Virolog:innen.

Das Hintergrundbild von kuhlewampe.net hat sich wie jedes Jahr im Januar gewandelt. Im vergangenen Jahr war das Gemälde »Il Quarto Stato« von Giuseppe Pellizza da Volpedo zu sehen. In diesem Jahr blüht dort die Felsenbirne (Amelanchier lamarckii) aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae): Die Felsenbirne hat das ganze Jahr über viel zu bieten. Im Frühjahr ist sie übersät mit hunderten feinen weißen Blüten. Im Sommer hat sie süße leckere Früchte. Im Herbst hat sie ein leuchtend rotes, spektakuläres Herbstlaub. Und selbst im Winter erfreut sie uns durch ihren grazilen Aufbau.

Ich möchte allen Kreativen sehr danken, die im vergangenen Jahr etwas zu kuhlewampe.net beigetragen haben: Wolfgang Weber, Ingo Cesaro, Prof. Dr. Rudolph Bauer, Markus Richard Seifert, Dr. Hans-Albert Wulf, Ella Gondek, Dr. Wolfgang Endler, Dr. Rudolf Stumberger, Andreas Wehr, Sabine Rahe und Reinhild Paarmann. Bleibt gesund !.


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