kuhlewampe.net

3. Jahrgang
Herzlich Willkommen bei kuhlewampe.net, Ihrem Kultur-Literatur-Gesellschaftskritik-Blog im WWW
Gründer und Herausgeber Dr. Christian G. Pätzold, Berlin
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Kuhle Wampe ist ein Film von Bert Brecht, Slátan Dudow und Hanns Eisler aus dem Jahr 1932.


2017/11/18

Tania, zum Achtzigsten...

Jenny Schon, Magistra Artium

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Tania Bunke 1964.
Quelle: Wikimedia Commons.

Als im Frühjahr 2016 die Rolling Stones, mittlerweile alte Herren, in Havanna vor einer halben Million Menschen ihr erstes Kuba-Konzert gaben, sangen viele Menschen mit, und es war noch einmal ein Hauch sechziger Jahre zu spüren, als wir jung waren und wir die Palastrevolution, wie es im ihrem Song Street Fighting Man heißt, probierten, zu mehr langte es bei den meisten von uns nicht.
Haydée Tamara Bunke Bíder allerdings, am 19. November 1937 in Buenos Aires, Argentinien, in einer deutschen Emigrantenfamilie geboren und in der DDR groß geworden, hatte in den sechziger Jahren Ernst gemacht. Sie wollte Revolution hautnah und nicht nur auf Plattencovern! Sie fühlte sich ihrem argentinischen Landsmann Ernesto Che Guevara verwandt. 1960 hatte sie den "Comandante" in Berlin kennen gelernt, während er bei der Führung der DDR für ein Wirtschaftsabkommen warb. Sie dolmetschte für ihn und hatte den Wunsch, nach Kuba zu gehen. In der Folge erlangte sie eine offizielle Einladung des staatlichen kubanischen Instituts für Völkerfreundschaft (ICAP) und im Mai 1961 war kurzfristig ein Platz im Flugzeug frei geworden, mit dem die Delegation des Nationalballetts von Prag aus zurück nach Kuba reiste.
Als Che nach Bolivien ging, folgte sie ihm. Tamara Bunke, als Revolutionärin Tania genannt, führte den französischen Philosophen Régis Jules Debray, der bei Louis Althusser studiert hatte, zu Che Guevara in den Guerilla-Krieg. Er wird darüber 1968 mit Fidel Castro ein Buch schreiben: Der lange Marsch. Wege der Revolution in Lateinamerika. Trikont-Verlag, München, und 1972 mit Salvador Allende, Der chilenische Weg. Luchterhand, Neuwied. Obwohl nach dem 2. Weltkrieg viele Länder ihre Freiheit erlangen konnten, waren immer noch in den sechziger Jahren viele Staaten unterjocht und in Abhängigkeit. Che Guevara spricht Anfang 1965 in Algier davon und klagt die UdSSR wegen mangelnder Unterstützung der Freiheitsbewegungen an. Auch Frantz Fanon, ein 1925 auf der von Frankreich kolonial beherrschten Karibikinsel Martinique geborener Autor, rechnet in seinem im Dezember 1961 erschienenen Buch Die Verdammten dieser Erde mit dem Kolonialismus ab. Dieses Buch wird ein zentraler Text der antikolonialen Linken in vielen Teilen der Welt. In den sechziger, siebziger Jahren war ich Buchhändlerin und habe massenweise diese Bücher verkauft.
Tania Bunke schreibt in ihr Tagebuch: Mein ganzes Leben habe ich dem Kampf um die Befreiung der Menschheit gewidmet. Viel mehr ist von ihr schriftlich nicht erhalten. Sie stirbt am 31. August 1967 in Vado del Yeso, Bolivien. Bunkes Leiche wurde sieben Tage später flussabwärts am Ufer gefunden und erhielt anschließend im Provinzhauptort Vallegrande in Anwesenheit des Staatspräsidenten René Barrientos Ortuño ein ehrenhaftes Begräbnis. Im September 1998 identifizierte ein zur Suche nach Spuren von Guevaras Guerillatruppe nach Bolivien entsandtes Expertenteam kubanischer Rechtsmediziner in Vallegrande die sterblichen Überreste von Tamara Bunke, gemeinsam mit denen weiterer Mitkämpfer. Mit dem Einverständnis ihrer Familie wurden diese anschließend nach Kuba überführt und im Dezember 1998 in der Gedenkstätte für Guevara und seine Guerilla in Santa Clara feierlich beigesetzt. Ihr heute leeres Grab in Vallegrande ist ein zentraler Anziehungspunkt für politisch motivierte Touristen auf den Spuren der Revolutionskämpfer um Guevara.
In der DDR trugen 242 Schulen, Jugendbrigaden und Kindergärten den Namen "Tamara Bunke". Aber wie die DDR Teil der Geschichte geworden ist, erinnern bei uns an Haydée Tamara Bunke Bíder auch nur noch ein Wikipedia-Eintrag und ein paar Zeitungsnotizen an sie. In ihrem Rucksack soll sich ein angefangener Brief befunden haben: Ich weiß nicht, was aus mir werden soll. Wahrscheinlich nichts. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie es ist, wenn man Courage hat. Ich bin ein Nichts. Ich bin nicht einmal mehr eine Frau, kein Mädchen, nur noch ein Kind. (Cordt Schnibben, Revolutionäre: Drei Leben in einer Haut. In: Der Spiegel vom 23. September 1996). Tania ahnte, die Teilnahme besonders von Frauen an dem Menschheitsprojekt Befreiung wird kleingeredet werden, wenn nicht ganz verschwiegen.

© Jenny Schon, November 2017. www.jennyschon.de.

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2017/11/16

Art Book Berlin 2017

Dr. Karin Krautschick, Mitautorin von kuhlewampe.net, hat mit Wolfgang Henne von der Neuen Deutschen Bodensatzbibliothek Leipzig ein neues Künstlerbuch »kwadrofilia« herausgebracht.
Es ist auf der Künstlerbuchmesse Art Book Berlin im Bethanien in Kreuzberg zu besichtigen.
Darüber hinaus können zahlreiche von Künstlern produzierte Bücher, Drucke und Editionen bestaunt werden, die einen Überblick über die aktuelle deutschlandweite Kunstdruckszene geben.

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2017/11/15

Unter Kiefern und Hibisken 14

Ella Gondek

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Parasolpilze fotografiert von © Ella Gondek, November 2017.

Im Moment gibt es nicht viel Neues aus dem Garten zu berichten. Es gibt viel Laub zu harken, das mit Sicherheit noch einige Wochen andauern wird, da es lange braucht, bis die Eichen ihre Blätter verlieren. Mache auch dieses Mal einige große Laubhaufen in der Hoffnung, dass vielleicht der eine oder andere Igel ein Winterplätzchen sucht.
Vor kurzem war ich im Birkenwäldchen gegenüber und habe dort einige Male hintereinander Parasolpilze gefunden. Manche hatten den Schirm schon offen, manche sahen formmäßig wie kleine Schopftintlinge aus. In einem meiner Pilzbücher habe ich gelesen, dass man die Stiele nicht verwenden soll, da sie ziemlich zäh und trocken sind. Aber man kann sie trocknen und mit der Kaffeemühle - falls man noch eine besitzt - zu Pilzpulver mahlen. Das habe ich auch gemacht. Die Schirme habe ich klein geschnitten und zum Trocknen zu den Maronen, Holzritterlingen und Steinpilzen, die ich auch gefunden hatte - allerdings woanders - gegeben. Es dürfte eine sehr interessante Pilzmischung geben. In Wildau gibt es einen Pilzexperten. Diesen habe ich aufgesucht, weil ich auch in meinem Garten ganz viele unterschiedliche Pilze gefunden habe. Einige waren giftig, andere nur bedingt genießbar.
So bald die ersten Nachtfröste gemeldet werden, muss ich die Gladiolen und Begonienzwiebeln ausbuddeln, da diese nicht winterhart sind. Bis zum Dezember-Bericht.

© Ella Gondek, November 2017.

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2017/11/13

IM KOPF DER SPRACHE
Berichte aus der Sprachwerkstatt von Dr. Karin Krautschick
Hansjörg Zauner, Teil 3
Was bleibt?

Wie einigen anderen und besonders österreichischen Autoren ließe sich auch Hansjörg Zauner eine ausgesprochene Verliebtheit in die Sprache mit nahtlosem Übergang in eine Hassliebe zu ebendieser bescheinigen. Bei ihm kam noch hinzu, dass diese Hingabe nicht aus einer Sucht nach Ruhm und Ehre bestanden haben muss, sondern aus einem von mir vermuteten Hang, sich von Kindheitstraumata zu heilen, wenn auch nur unbewusst (und damit umso wirksamer). Der gute alte Freud lässt grüßen.
Was bleibt uns also von diesem einmaligen literarischen Außenseiter namens Hansjörg Zauner? Zum Beispiel ein Zimmer, das ein sehr guter Freund von Zauner ihm zu Ehren bei sich in der Wohnung einrichtete - das Hansjörg-Zauner-Zimmer, und das noch zu seinen Lebzeiten. Er starb ja erst kürzlich, im Mai dieses Jahres. Zauner berichtete mir nämlich von diesem Zimmer, als wir uns auf seiner letzten Lesung im April in Berlin sahen. Vielleicht entsteht ja dort bald ein Museum ihm zu Ehren, wo all die "Reliquien" einen ihnen zugewiesenen Platz bekommen. Das wäre ihnen und ihm zu wünschen.
Wie schon seine Vorbilder Gertrude Stein und Reinhard Priessnitz, beeinflusste auch Hansjörg Zauner durch seinen unverkennbaren Stil die nächstfolgende Generation von Autoren. Er hatte einige Fans, die seine Spracharbeit sehr zu schätzen wussten und ebenso die Radikalität, mit der er vorging und der Sprache im wahrsten Sinne des Wortes zu Leibe rückte. Diese nächste Generation wird sich hoffentlich an ihm abarbeiten und seine Hinterlassenschaft zu schätzen wissen. Zahlreiche Publikationen in den Bereichen Dichtung, Prosa, Fotografie, Visuelle Poesie, Collagen, Montagen sowie zahlreiche Preise, darunter 1996 der begehrte Reinhard-Priessnitz-Preis und eine Fangemeinde, zu der auch ich zähle, bleiben.
Dank ihm gibt es in der Literatur diese typisch zaunersche, also einmalige poetische grenzsprengende Wahrnehmung und Spracharbeit, die alles Vorherige in den Schatten stellt. Sprachlich eigentlich Unmögliches wird in seinen Gedichten heraufbeschworen und zeigt die Grenzen unserer alltäglichen und somit reduzierten Anwendung und Erfahrung von Sprache an sich. In seiner Konsequenz geht er, wie ich finde, über Autoren wie Ernst Jandl, Friederike Mayröcker und andere experimentelle Autoren dieser und der nächsten Generation weit hinaus. Über jene nämlich, die sich immer noch im Vorhof der Sprache aufhalten, den Zauner längst verlassen hat, um sich ins Offene vor zu wagen, wo nur der willige Leser noch folgen mag und folgen kann. Hansjörg Zauner zeigte und zeigt den Weg in eine bis dato so nicht erschlossene Sprachwelt, wo in der "Wortzusammensetzung des Unvereinbaren, mit der nahezu schmerzhaften Vertauschung von Ursache und Wirkung" das "Maß einer gelebten Utopie" offen gelegt wird und "die Neubegründung der Beziehung von Gedanke und Wort, von sinnlich Wahrnehmbarem und abstrakt Unergründlichem" manifestiert wird. (Dr. Thomas Eder, Nachwort in: Seiltänzergerümpel Hansjörg Zauner, Baribal, Wien 2005)

© Dr. Karin Krautschick, November 2017. www.krautschick.de.

Hansjörg Zauner Teil 1 erschien am 2017/07/28 auf kuhlewampe.net, Hansjörg Zauner Teil 2 am 2017/08/28.

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2017/11/11

Impression von der documenta in Kassel:
Man Walking To The Sky
Jonathan Borofsky

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Jonathan Borofsky (geb. 1942), Man Walking To The Sky, 1992 (documenta IX). In Kassel auf dem Vorplatz des Kulturbahnhofs. Stahl. Höhe 25 Meter. Figur: Fiberglas, bemalt.
Die Skulptur ist in Kassel sehr beliebt und bis heute stehen geblieben. Der US-Künstler Jonathan Borofsky ist in den 1960er Jahren in New York mit der Pop-Art groß geworden.
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2017.

In Berlin kann man eine weitere spektakuläre Skulptur von Jonathan Borofsky bewundern: Den »Molecule Man« (1999), drei große durchlöcherte Figuren aus Aluminium, die in der Spree zwischen Elsenbrücke und Oberbaumbrücke stehen.

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2017/11/09

art kicksuch

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© art kicksuch, november 2017.

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2017/11/07

Vor 100 Jahren: Der Rote Oktober

Dr. Christian G. Pätzold

"Auf tausend Kriege kommen nicht zehn Revolutionen; so schwer ist der aufrechte Gang."
Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung.

Vor 100 Jahren tobte in Europa der Erste Weltkrieg. Die Völker hatten den Krieg nach drei Jahren ziemlich satt. Die Soldaten aller beteiligten Staaten hatten gemerkt, dass es nichts mehr zum Siegen gab, sondern dass es nur noch ums Sterben ging. Alle Soldaten, und besonders die russischen, wollten ein Ende des Krieges. Alle Völker hungerten und froren, und besonders das russische Volk. Alle Völker wollten ihre Monarchen loswerden, und besonders das russische Volk. Der Hungerwinter 1916/1917 hatte die Not der einfachen Menschen ins Unerträgliche gesteigert, was zu einer Revolutionsstimmung in Russland führte.
So kam es in Petrograd in Russland im Jahr 1917 zu zwei großen Revolutionen: Zur bürgerlichen Februarrevolution, in der der Zar abgesetzt und die Herrschaft des Adels beendet wurde und in der die Kerenski-Regierung vorübergehend an die Macht kam, und zur sozialistischen Oktoberrevolution, in der die Bolschewiki an die Macht kamen. Die Große Sozialistische Oktoberrevolution fand nach dem damals geltenden Julianischen Kalender am 25. Oktober 1917 statt, was nach dem heute geltenden Gregorianischen Kalender der 7. November 1917 war. Daher spricht man von der Oktoberrevolution, obwohl in der Sowjetunion der Jahrestag am 7. November mit einer großen Militärparade auf dem Roten Platz gefeiert wurde.

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Boris M. Kustodijew (1878-1927), Der Bolschewik, 1920. Quelle: Wikimedia Commons.

Hat der deutsche Kaiser die Bolschewiki finanziert, um den Krieg an der Ostfront zu beenden? Diese Frage ist letztlich nicht so wichtig, da das russische Volk die Revolution wollte. Ohne das russische Volk hätte die Revolution niemals erfolgreich sein können. Die Oktoberrevolution war die Hoffnung für Millionen von Menschen auf ein besseres Leben.
In der Revolution bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, die Sowjets, die die Macht übernahmen. "Alle Macht den Räten!" war eine Losung von Lenin. Mit der Revolution kam aber nicht der Frieden, sondern es flammte ein Bürgerkrieg in Russland auf, der sich bis zur Gründung der Sowjetunion im Jahr 1922 hinzog. Auch die Hoffnung auf die Weltrevolution des Proletariats erfüllte sich nicht. Die deutschen Arbeiter haben damals den Sozialismus verraten und sind dem Kaiser hinterhergelaufen. So musste der Sozialismus zunächst in einem Land aufgebaut werden. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 wurden weitere Länder sozialistisch, vor allem China und Länder in Ost-Europa.
In den 1940er Jahren musste die Sowjetunion unter der Leitung von Stalin den Angriff der deutschen Faschisten abwehren, denen es nicht gelang, Moskau einzunehmen. Die Faschisten wurden in Stalingrad gründlich geschlagen. Die Rote Armee befreite das Vernichtungslager Auschwitz und weitere Konzentrationslager. Schließlich nahm die Rote Armee Berlin ein, womit der Faschismus besiegt war.
Immerhin war mit der Sowjetunion ein Sechstel der Erde sozialistisch. Eine wichtige Folge der Revolution und des sozialistischen Lagers nach 1945 war, dass der Kolonialismus in der Dritten Welt zusammenbrach. Die Völker des Südens konnten mit der Hilfe der sozialistischen Länder ihre Unabhängigkeit erkämpfen. Das war ein schwerer Schlag für den kapitalistischen Imperialismus der USA, Frankreichs und Englands. Dass es heute 200 Staaten in den United Nations gibt, ist eine Folge der Oktoberrevolution.
Die Namen der Führer der Oktoberrevolution sind noch heute bekannt: Lenin, Stalin, Trotzki. Die Bolschewiki waren von Anfang an international. Lenin war Russe, Stalin war Georgier, Trotzki war Jude. Auch die Feministin und Sozialistin Alexandra Kollontai spielte eine führende Rolle in der Revolution. Sie hatte einen ukrainischen Vater und eine finnische Mutter. Ihre Ansichten werden noch heute diskutiert. Sie war die erste Ministerin der Welt.
Das Ende der Geschichte des Roten Oktober ist bekannt: 1990 brach der Sozialismus in der Sowjetunion und in Ost-Europa zusammen, weil er schon zu verknöchert und zu bürokratisch geworden war. Die Kommunistische Partei der Volksrepublik China führte eine kapitalistische Marktwirtschaft ein. Und auch Kuba und Vietnam mussten sich für kapitalistische Elemente öffnen.
Die Sowjetunion ist 1990 vor allem aus drei Faktoren zusammengebrochen: Erstens hat sich das Eine-Partei-System der KPdSU als zu starr erwiesen. Die politische Führung wurde immer älter und verkalkter, das Politbüro vergreiste immer mehr. Die Menschen in der Sowjetunion hatten keine Möglichkeit, die alten Männer abzuwählen und neu frische Kräfte zu wählen. Die Chinesen haben daraus gelernt und wechseln ihre politische Führung jetzt alle 10 Jahre aus.
Zweitens war das zentrale ökonomische Planungssystem zu starr und unflexibel. Kreativität, Innovation und schnelles Reagieren waren in der Volkswirtschaft nicht leicht möglich. Daher war die Versorgungslage der Bevölkerung schlecht, was zu Unzufriedenheit mit dem Kommunismus führte. Die Eigeninitiative hätte mehr gefördert werden müssen.
Und drittens bestand die Sowjetunion aus zahlreichen Nationen, die sich mehr oder weniger benachteiligt fühlten, was zu nationalistischen Spannungen führte. Insgesamt waren es wohl diese 3 Faktoren, die zum Implodieren der Sowjetunion führten. Und das bedeutete auch, dass der Sozialismus in Ost-Europa zusammenbrach, denn ohne die ökonomische und militärische Unterstützung der Sowjetunion waren die Ökonomien dieser Länder nicht überlebensfähig. Eine weitere Folge war, dass sich die Kommunistischen Parteien in West-Europa mehr oder weniger auflösten.
Was bleibt von der Oktoberrevolution? Auf jeden Fall eine ganze Menge Erkenntnisse, was funktioniert, was nicht funktioniert hat und wie man den Sozialismus besser machen kann. Bei vielen Menschen bleibt die leuchtende Hoffnung auf einen besseren Sozialismus.
Die Oktoberrevolution sollte in eine Weltrevolution und in einen kommunistischen Endzustand übergehen. Das wäre zwar nicht das Ende der Geschichte gewesen, aber es sollte ein Ende von Armut, Hunger, Ausbeutung der Natur und der Menschen, von Krieg sein. Aber von einem nachhaltigen kommunistischen Endzustand war und ist die Menschheit leider noch weit entfernt. Die Ideen des Kommunismus erreichten nur die Köpfe einer Minderheit, trotz Agitation und Propaganda. Daher wird es in der Zukunft zu neuen Revolutionen kommen, in denen das Denken der Menschen wieder einen kleinen Schritt vorwärts macht. Aber für die Geschichte des 20. Jahrhunderts war die Oktoberrevolution wohl die wichtigste Umwälzung der Gesellschaft.

© Dr. Christian G. Pätzold, November 2017.

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2017/11/04

Ein Sommerspaziergang durch Antwerpen

Ferry van Dongen

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Die Hoveniersstraat in Antwerpen. Fotografiert von © Ferry van Dongen, Juli 2017.

Hafenstädte haben immer einen besonderen Reiz. Die Nähe zum Meer, internationales Publikum, eine Tradition von Händlern und oft eine lange Historie. Antwerpen war einer der größten Häfen im 16. Jahrhundert. Die Geschichte spiegelt sich heute noch im Bild der Stadt wieder. Wir beginnen unseren Stadtspaziergang am Ufer der Schelde und gehen Richtung Norden, vorbei am modernen Museum aan de Strom, das die Stadtgeschichte, die Geschichte der Flamen und des Hafens dokumentiert. In diesem Viertel kann man die beginnende Gentrifizierung erkennen. Gleich um die Ecke liegt das Rotlichtviertel, und wir gehen weiter zur St. Paulus Kerk. Die Kirche gehörte zum Dominikanerkloster und ist voller Skulpturen. Flandern ist mehrheitlich katholisch im Gegensatz zu den Niederländern. Weiter geht es durch das Schippers Kwartier, am Geburtshaus von Peter Paul Rubens vorbei, zur Centraal Station. Der Bahnhof ist ein prächtiger Bau. Er ist über 100 Jahre alt und wurde komplett restauriert.
Verlässt man den Bahnhof in südlicher Richtung fallen einem sofort die vielen Juweliere auf. Kurz darauf kommt man in die Hoveniersstraat, das Zentrum des Diamantenhandels, für den Antwerpen so bekannt ist. Die Straße ist für den öffentlichen Autoverkehr gesperrt und videoüberwacht. 1981 gab es ein Attentat, 1994 einen Raubüberfall. Es ist eine ziemlich trostlose Fußgängerzone. Und es herrscht eine merkwürdige Stimmung. Viele jüdisch-orthodox gekleidete Männer und solche mit südasiatischem Aussehen laufen hin und her, stehen zusammen und unterhalten sich. Hier geht es wohl um viel Geld, das mit dem Diamantenhandel an einer der vier Börsen in diesem Viertel umgesetzt wird. Blutdiamanten wurden und werden hier wohl noch gehandelt. Dabei handelt es sich um Diamanten, die gegen Waffenlieferungen getauscht wurden und so zum Beispiel Kriege in Angola und Sierra Leone finanziert haben. Die Diamantenhändler geloben heute, dass sie genauer auf die Herkunftszertifikate achten. Aber es ist eine Selbstkontrolle, der man glaubt oder auch nicht.
Weiter geht es durch den Stadspark, eine friedliche Parkanlage, in der man viele jüdische und muslimische Familien spazieren sieht, zurück Richtung Zentrum. Durch die Nationalestraat, wo das Modemuseum und viele Modeboutiquen sind, geht es zum Grote Markt. Es ist der 11. Juli und hier wird das Feest van de Vlaamse Gemeenschap gefeiert. Am 11. Juli 1302 haben Flamen gegen französische Ritter gekämpft und gewonnen (Guldensporenslag). Damit wurde ihrer Meinung nach verhindert, dass Belgien zu Frankreich gehört. Auf der großen Bühne treten im ständigen Wechsel Musiker auf, denen eines gemeinsam ist: es wird auf Flämisch gesungen. Und gibt es einmal eine Darbietung ohne Gesang, kann man sich sicher sein, dass die Künstler aus Flandern sind. Spätestens jetzt fällt uns wieder ein, dass Antwerpens amtierender Bürgermeister Bart De Wever auch Parteivorsitzender der Nieuw-Vlaamse Alliantie (NVA) ist. Die separatistische NVA war bei den letzten Parlamentswahlen in Belgien stärkste Partei. Allein in Flandern erhielt sie 32,4 % der Stimmen. Die rechtsnationale Vlaamse Belang erhielt 5,8 % in Flandern. Beiden gemeinsam ist die Forderung nach Unabhängigkeit, besser gesagt, die Abtrennung der französischsprachigen Wallonie, die seit dem Niedergang des Bergbaus und der Industrie wirtschaftlich darbt. Beide Parteien geben offen kund, dass Flandern nicht weiter für die "arme" Wallonie zahlen will. Gepaart werden diese und weitere nationalistische Forderungen mit identitären Elementen wie der eigenen Geschichte, eigenen Sprache usw. Aber spätestens bei der eigenen Küche sollten die Nationalisten ins Grübeln kommen. Bei Pommes Frites, Miesmuscheln, einem gewöhnlichen Eintopfgericht und Bier mit Fruchtgeschmack freut man sich rasch auf andere Kulturen. Die Musikdarbietungen sind meist schmalzige Schlager und Folkloristisches. Das Fest ist gut besucht. Der Platz ist voll. Auf dem Fest laufen einige Teilnehmer mit schwarzen T-Shirts, auf denen in gelber Schrift das Bekenntnis zur Republiek Vlaanderen steht, mit dem Löwen als Wappentier. Was für eine braune Soße.
Kleiner Exkurs aus aktuellem Anlass: Am vergangenen Freitag (27. Oktober 2017) hat das katalanische Parlament für die Unabhängigkeit gestimmt. Auch die katalanischen Separatisten sehen sich als Finanzierer des Zentralstaats bzw. des armen Südens und betonen ihre eigene Geschichte und Sprache. In Katalonien haben auch linke Parteien wie die CUP (Candidatura de Unidad Popular), die ERC (Esquerra Republicana de Catalunya), aber auch der katalanische Zweig von Podemos dafür gestimmt und damit den bürgerlichen Separatisten erst Chancen Richtung einer Mehrheit ermöglicht. Das macht die Sache nicht besser. Neben antikapitalistischen Positionen haben diese linksnationalistischen Parteien stark identitäre Elemente und das ist mir immer suspekt. Diese Linken sind der Meinung, dass in einem eigenen katalanischen Staat mehr Spielraum, d.h. auch Geld für den sozialen Ausgleich, bleibt. Das wird mit Sicherheit ein böses Erwachen geben, sollte es soweit kommen. Denn auch in einem katalanischen Nationalstaat sind die sozialen und politischen Interessen sehr unterschiedlich und ich höre jetzt schon den Hinweis, dass Steuern und Abgaben gesenkt werden müssen, um in Europa wettbewerbsfähig zu sein. Zugleich ist es eine Entsolidarisierung mit den Linken Spaniens.

Lesetipps:
Der Soziologe Armando F. Steinko aus Madrid hat eine interessante Analyse in der Tageszeitung El Pais vom 30.09.2017 geschrieben. Katalonien: Die Linke und die Sezession.
Die Übersetzung findet sich in der November-Ausgabe der Zeitschrift Sozialismus. http://www.sozialismus.de/fileadmin/users/sozialismus/Leseproben/2017/Sozialismus_Heft_11-2017_L2_Steinko_Katalonien.pdf

Ulrike Herrmann "Im Namen des enttäuschten Volkes" in der taz vom 28.10.2017. Ulrike Herrmann analysiert die Erfolge der Separatisten vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Krisenentwicklung in Europa und sieht weniger das politisch-nationale Moment als entscheidend.

Die aktuelle Novemberausgabe der deutschen Ausgabe von Le Monde diplomatique enthält gleich drei lesenswerte Beiträge. Paul Dirkx analysiert die Strategie der rechtsnationalen N-VA (Belgiens unheimliche Separatisten) und Sébastien Gillard beschreibt den Aufschwung der Partei der Arbeit (PTB) v.a. in der Wallonie. Zudem findet man eine interessante Analyse von Sébastien Bauer über die verfassungsrechtlichen Versäumnisse in Spanien (Der katalanische Knoten).

© Ferry van Dongen, November 2017.

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2017/11/02

Urban Contemporary Art von Shepard Fairey

Dr. Christian G. Pätzold

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Shepard Fairey: Revolutionary Woman. Im Museum for Urban Contemporary Art, Bülowstraße 7, Berlin Schöneberg. Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, September 2017.

Shepard Fairey ist ein US-amerikanischer Urban Art Künstler, geboren 1970 in Charleston/South Carolina. Er lebt und arbeitet in Los Angeles/California. Das Bild »Revolutionary Woman« enthält eine Reihe von Anspielungen: Der rote Stern im Friedenszeichen ☮ links oben ist das Markenzeichen von Shepard Fairey. Das Friedenszeichen ☮ ist für Fairey als Pazifisten sehr wichtig und taucht in zahlreichen Arbeiten von ihm auf. Das Friedenszeichen ☮ gegen die atomare Aufrüstung war eigentlich ein Hippie-Zeichen der 1960er Jahre, wurde aber auch von den Punks in den 1980er Jahren übernommen. Darunter befindet sich das Wort OBEY, das nach Aussage von Fairey keine Bedeutung hat und die Betrachter lediglich zum Nachdenken bringen soll.
Der Hut der Frau ist eine Anspielung auf die Kopfbedeckung der vietnamesischen Reisbauern und der Vietkong-Kämpfer während des Vietnamkriegs. Die Kalaschnikow ist eine Anspielung auf die Sowjetunion. Und die Rose im Lauf des Gewehres ist eine Anspielung auf die portugiesische Nelkenrevolution von 1975, als das Volk rote Nelken in die Gewehrläufe der Soldaten steckte. Die zentrale Aussage des Bildes ist: Peace. Das Bild ist im ganzen graphisch sehr gut gearbeitet, nur die Finger der Frau sind erstaunlich ungeschickt gestaltet. Auf anderen Bildern von Fairey sieht das viel besser aus.
Shepard Fairey geht sehr sparsam und effektiv mit den Farben um. Die beige Farbe des Papiers verwendet er für die Hautpartien. Schwarz wird für die Konturen eingesetzt. Und die übrigen Flächen sind rot. Dadurch entsteht insgesamt ein starker plakativer Eindruck. Der Stil erinnert an die sowjetischen Revolutionsplakate von vor 100 Jahren.
Wenn die Street Art jetzt im Museum angekommen ist, also als Urban Art museal geworden ist, ist sie dann tot? Ich glaube es nicht. Es ist nur der friedliebende Shepard Fairey im Museum gelandet. Mehr nicht. Shepard Faireys Kunst liegt irgendwo zwischen subversiv-politischer Street Art und kommerzieller Urban Art, mit dem Potenzial, eine ganz große Nummer bei reichen Kunstsammlern zu werden, wenn sie das nicht schon ist. Aber bei ihm gibt es noch ein Fünkchen politischen Anspruch. Das muss man ihm positiv anrechnen.

Die Webseite von Shepard Fairey ist:
https://obeygiant.com

© Dr. Christian G. Pätzold, November 2017.

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2017/10/31

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2017/10/29

Der Hans Beimler Chor in der Werkstatt der Kulturen

Der Hans Beimler Chor Berlin gibt zwei Konzerte am Samstag 4. November 2017, 20 Uhr, und am Sonntag 5. November 2017, 15 Uhr,
in der Werkstatt der Kulturen, Wissmannstraße 32, in Berlin Neukölln.
Verkehrsverbindung: U Hermannplatz.
Leitung: Dr. Johannes C. Gall.

Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich
Programm

I. Teil: Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles
Money, Money
Die belebende Wirkung des Geldes
Ballade vom angenehmen Leben
Millionär
Konjunktur-Cha-Cha

II. Teil: Meine Freiheit muss noch lang nicht deine Freiheit sein
Meine Freiheit, deine Freiheit
Die Meisten
Wir sind so gemein
Lied vom Abbau
O Fallada, da du hangest!
Ballade von den Säckeschmeißern
Kapitalistenlied
Liturgie vom Hauch

III. Teil: Wir rühren an den Schlaf der Welt
Resolution
Die Straße dröhnt
Zeitmarsch
Lenin

IV. Teil: Das ist, was wir brauchen!
Talkin' 'bout a Revolution
Kohlen für Mike
An Stelle einer Grabrede
Bankenlied
Der zerrissene Rock
Auf den Straßen zu singen
Lob der Dialektik

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2017/10/27

Ereignisreiche Zeiten

Karl-Martin Hölzer / Carlos

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Foto © Kommune Waltershausen.

So viel ist geschehen und so komme ich erst jetzt wieder mal zum Schreiben. Eine Gruppe junger Menschen interessiert sich für uns, und wir hatten unseren ersten gemeinsamen Urlaub.
Bereits seit dem Frühjahr interessieren sich 2 junge Menschen für unsere Kommune und möchten am liebsten ihren kompletten Freundeskreis, der so groß wie unsere Gruppe ist, gleich mitbringen. Es ist eine große Chance und Herausforderung zugleich für uns! So wäre unser Wachstum auch gleichzeitig eine Verjüngungskur, was wohl auch von unseren Interessenten/innen so beabsichtigt ist. Da es sich bei den Interessierten um sehr kooperative Menschen handelt, die auch schon ein gutes Maß an Gruppenerfahrung und eine erfreuliche Sozialkompetenz gleich mitbringen, besteht auch von unserer Seite durchaus Interesse. Die schöne Aussicht auf solch ein schnelles Wachstum und so viele wunderbare neue Mitkommunardinnen täuscht allerdings nicht über die Komplexität des ganzen Prozesses des gemeinsamen Kennenlernens und Zusammenwachsens hinweg, da es schon in gewisser Hinsicht Ähnlichkeiten mit einer Neugründung hat.
Inzwischen hat die Gruppe der Interessierten ihre Prioritäten und zeitlichen Vorstellungen für einen möglichen Einstieg bzw. eine Probezeit in der KoWa konkretisiert, so dass aus dieser Gruppe wahrscheinlich 6 Erwachsene und 3 Kinder im nächsten Jahr zu uns kommen könnten, wenn ihre Entscheidungen für Schulwechsel, Arbeitsplatzverlust, Neuorientierung etc. gereift sind.
Für den weiteren Zusammenwachstumsprozess haben wir uns für ein gegenseitiges "Kümmern" entschieden. Das heißt, dass sich um jede Person der Neudazukommenden jeweils eine von uns kümmert (Ansprechpartner für Befindlichkeiten und diverse Fragen ist) und umgekehrt ebenso. Neben dem Kennenlernprozess mit den Leuten aus dem Freundeskreis führen wir allerdings auch unsere davon unabhängigen Kennlernprozesse mittels unserer Kommuneseminare wie auch alle anderen Arbeiten weiter fort. So hat auch das letzte Kommuneseminar eine sehr positive Resonanz bei den Teilnehmenden gehabt und neue Interessierte hervorgebracht.
Das Kennenlernen anderer "neuer" Weggefährtinnen hält uns aber (inspiriert durch unsere Supervision) nicht davon ab, uns selbst auch mal neu kennenzulernen, nämlich zur Abwechslung und zum ersten Mal im gemeinsamen Urlaub. Ein kleiner Teil der Gruppe entschied sich fürs in aller Ruhe zu Hause bleiben und hat so das Haus gehütet und uns bei unserer Wiederankunft mit einem frisch geputzten Haus und warmem Essen wieder begrüßt. Wir Urlauber/innen haben uns von den sinnlichen Genüssen der herbstlichen Provence verwöhnen und neu inspirieren lassen.

Der Artikel erschien zuerst am 11. Oktober 2017 auf www.kommune-kowa.de, das ist die Kommune Waltershausen in Thüringen. Mit freundlicher Genehmigung von Carlos übernommen.

© Karl-Martin Hölzer / Carlos, Oktober 2017.

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2017/10/26

1-ladung zu Text & Musik am 2. November 2017

Witzels Worttransport präsentiert Hans-Albert Wulf am Sachbuch (FAUL!), Nils Haack an der Trompete, Wolfgang Endler am Gedankenblitz (von anregend bis zarkastisch) und Herbert Witzel am Moderationspult (mit Gitarre).

Am Donnerstag, 2. November 2017, 20:00 h, Warthe-Mahl, Warthestraße 48, in Berlin Neukölln.
Nahe S und U Hermannstraße oder U Leinestraße.
Eintritt frei, Hutspende erbeten.

Ein Büchertisch aller Autoren wird für euch gedeckt sein - warum zu Weihnachten Drohnen schenken, wenn´s doch so schöne Bücher gibt !?!
Dr. Wolfgang Endler.

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2017/10/24

Herzkasper: "Stillgestanden!"

Dr. Wolfgang Endler, Berlin

Ein Freitag wie viele andere. Sitze auf der Schulbank, Geschichtsunterricht bei Herrn P. Es klingelt, wir stehen auf. Da kommt der Direktor ins Klassenzimmer, der in unserer 9. Klasse Staatsbürgerkunde gibt. Aber wir haben doch jetzt Sport? Unser Erstaunen währt nicht lange. Er sagt nur knapp: "Traurige Nachricht, Herr S. musste ins Krankenhaus - Herzinfarkt. Der Sportunterricht muss leider ausfallen. Nach der 5. Stunde gibt’s dann planmäßig Chemie." Unterrichtsfrei, eigentlich Grund zum Jubeln. Aber die meisten sind offenkundig traurig. Herr S. ist auch bei den Schülern beliebt, die keine Sportskanonen sind. Er versucht jeden zu fördern, ohne ihn aber zu überfordern.
Verlasse nachdenklich das Gebäude unserer Polytechnischen Oberschule. Das alte Haus mit den mächtigen Natursteinquadern liegt genau gegenüber dem Friedrichshagener Friedhof. Hatten die Architekten damals irgendeinen Hintergedanken, als sie den Haupteingang der Schule vis-à-vis vom Friedhofstor setzten? Keine Ahnung, warum ich mir jetzt Gräber anschaue. Zuerst alte, dann einige frische. Kränze mit Schleifen, bunte oder auch vertrocknende Blumen. Gehe meist mit gesenktem Kopf. Habe kein Zeitgefühl. Wie lange bin ich schon unterwegs? Stutze, als ich keine Grabsteine mehr bemerke. Stattdessen kleine Holzkreuze. Ich lese: "Annchen - geb. 10.4.1945, gest. 20.12.1945." Direkt daneben: "Helmut - geb. 2. August 1946, gest. 2. Feb. 1947". Da könnte ich liegen, schießt es mir durch den Kopf. Mir wird kalt, an einem warmen Junitag. Ich laufe, immer schneller, stolpere, nur weg von hier. Als ich endlich wieder auf der Straße stehe, bin ich schweißnass. Und habe Schüttelfrost. Kann mich später nicht mehr erinnern, was eigentlich danach im Chemieunterricht gelaufen ist.
Nächsten Montag gibt es eine Überraschung. Dem Direktor ist es gelungen, eine Vertretung für Herrn S. zu finden. Eigentlich ist das unmöglich, da die Anzahl der Studenten an den Lehrerbildungsinstituten und Universitäten seit Jahren dem Bedarf entsprechend straff geplant ist. Dort werden garantiert nicht zu viele ausgebildet. Wahrscheinlich würde noch nicht einmal das Argument helfen, dass wir kurz vor dem Schulabschluss stehen. Aber unser Direktor hatte anscheinend nicht nur eine geniale Idee. Es ist ihm auch gelungen, sie zu realisieren. Auf dem Schulhof stellt er uns kurz Herrn J. als Vertretung vor und entschwindet. Todor J. ist eine stattliche Erscheinung. Groß, schlank, straffe Haltung, schwarzhaarig und gebräunt steht er in seinem schicken grauen Trainingsanzug vor uns. Er spricht perfekt deutsch, ist aber Bulgare und trainiert Leichtathleten des DDR-Armeesportklubs ASK Vorwärts.
Als er "Stillgestanden, links um!" kommandiert, bleiben die meisten einfach stehen. Wahrscheinlich vor Verblüffung. Als er nochmals "links um" ruft, bewegen sich tatsächlich einige nach links. Andere aber auch nach rechts. Er scheint davon ebenso überrascht zu sein, wie wir von seinen Kommandos. Hinter mir schon jede Menge Gemurmel. Als er "im Gleichschritt marsch" sagt, bricht das totale Chaos aus. Ein paar Mitschüler gehen los und treten anderen in die Seite oder auch in die Hacken. Die meisten aber bleiben stehen und schimpfen: "Wat solln det?" "Der spinnt wohl." "Wir sind doch hier nicht auf dem Kasernenhof."
Die Hautfarbe von Herrn J. scheint sich sehr schnell verändert zu haben. Warum erinnere ich mich ausgerechnet jetzt an die Physikstunde von heute morgen? Ach ja, da lernten wir einiges über die Lichtgeschwindigkeit und den Begriff "Rotverschiebung." Habe den Eindruck, dass der Sportlehrer gleich die Beherrschung verlieren wird und zu brüllen anfängt. Trete aus der Reihe und höre mich reden:"Entschuldigung, Herr J. In Bulgarien wäre das alles bestimmt kein Problem. Aber unsere Eltern haben mal einen Krieg angefangen und verloren. Ist noch nicht allzu lange her. Die meisten von uns haben einfach keine Lust auf marschieren." Er starrt mich an und macht auf einmal kehrt. Merkwürdig, dabei hat ihm doch keiner ein Kommando dafür gegeben? Er geht ins Schulgebäude, wir dagegen diskutieren heftig. Wird es ein großes Donnerwetter geben, Briefe an unsere Eltern oder Schlimmeres? Vor lauter Stimmengewirr bekommen wir erst gar nicht mit, dass jemand zu uns getreten ist. Der Direktor steht neben Herrn J. und sagt: "Entschuldigung. Ich hätte die Vertretung besser instruieren sollen. Selbstverständlich geht der Unterricht bis zum Schuljahresende in der gleichen Form weiter wie bei Herrn S. Und nun: Sport frei!"

Nachtrag von 1978:
15 Jahre nach dem missglückten Exerzierversuch auf unserem Schulhof wird zum neuen Schuljahr in der DDR der Wehrkundeunterricht ab der 9. Klasse obligatorisch. Ironie der Geschichte: es ist der 1. September, der Antikriegstag. 39 Jahre vorher hatten die Nazis den II. Weltkrieg begonnen. In der BRD und auch in der DDR beginnt eine Friedensbewegung von unten, gegen atomar bestückte Mittelstreckenraketen in West und Ost.

Nachtrag von 1979:
Acht Jahre nach meiner Abschiebung aus der DDR entledigen sich die Politbürokraten der SED eines prominenten Häftlings. Genosse Rudolf B. darf oder muss ausreisen. Als Arbeitsorganisator in diversen Großbetrieben der Gummi- und Kunststoffindustrie war er zu dem Schluss gekommen, das ökonomische System der DDR sei das "System der organisierten Verantwortungslosigkeit." Vielleicht sind einige Anregungen für sein im Westen veröffentlichtes Buch "Die Alternative" auch im Plastikwerk Berlin entstanden? Aus dessen oberen Stockwerken hätte er den vereitelten Dressurversuch auf unserem Schulhof gut beobachten können.

Die Episode steht in dem Buch:
Wolfgang Endler: GrenzGänger ÜberFlieger. Aphorismus bis Zwischenruf. Hamburg 2016, tredition. ISBN 978-3-7345-3390-7.

© Dr. Wolfgang Endler, Oktober 2017. www.wolfgang-endler.de

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2017/10/22

Drei Fragen an Dr. Hans-Albert Wulf, Berlin
Ist Faulheit eine Tugend?

Was verbirgt sich hinter dem Begriff operative Faulheit?

Wenn man den Begriff übersetzt aus dem Lateinischen, dann würde er heißen: "handelndes Nichtstun". Er stammt aus der Unternehmenswelt und ist bewusst reißerisch gewählt, um den rigorosen Wandel in unserer Arbeitswelt zu charakterisieren. Durch die Jahrhunderte haben die Unternehmen vehement gegen die "faulen Arbeitslosen" Front gemacht. Ich habe dies in meinem kürzlich erschienenen Buch über die Geschichte der Faulheit beschrieben*. Seit einiger Zeit weht aber in der Arbeitswelt ein neuer Wind: Faulheit wird nun zu einem Faktor, der die Produktivität steigern kann.

Wie funktioniert das?

Faulheit hat in der neuen Unternehmenskultur eine ganz andere Bedeutung: Da sitzt kein Mitarbeiter mehr träge in der Ecke, sondern er nutzt Freiräume für die Entwicklung neuer Ideen und denkt nach, bevor er handelt. Bisher waren die wichtigsten Tugenden Ordnung, Fleiß und Pünktlichkeit. Nun treten Begriffe wie Kreativität, Problemlösungsstrategien, Flexibilität und der gekonnte Umgang mit dem Chaos an ihre Stelle. Das heißt auch: Schluss mit dem Perfektionismus. Ein Bekannter von mir hat stets alle eingehenden E-Mails ausgedruckt in einem Leitz-Ordner abgeheftet. Solche übertriebenen Ordnungs-Systeme kosten Zeit und können die Entfaltung von Kreativität blockieren. Man muss die Kunst des Weglassens lernen, also bestimmte Dinge einfach nicht tun.

Man ist also faul, um besser arbeiten zu können?

Es ist natürlich klar, dass die Unternehmer nicht deshalb Faulheit anregen, weil sie besonders menschenfreundlich sind. Sondern das hängt damit zusammen, dass die Produktionsabläufe immer komplexer werden. Man denke z.B. an die moderne Elektronik mit ihren komplizierten vernetzten Systemen. Wenn man da an den alten Tugenden festhält, führt das häufig in den Burnout. Ein Modell von operativer Faulheit kann aber nur funktionieren, wenn die Betriebsleitung den Beschäftigten mehr Freiheiten garantiert und beispielsweise nicht an starren Hierarchien festhält. Viele Unternehmensleiter haben aber immer noch Angst, dass ihnen dadurch Einfluss und Macht verloren gehen.

*Hans-Albert Wulf: Faul! Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft, BOD-Verlag 2016.

"Operative Faulheit"

Der Begriff der "operativen Faulheit" stammt aus der Unternehmenswelt und ist bewusst plakativ und etwas reißerisch gewählt, um den rigorosen Wandel in unserer modernen Arbeitsgesellschaft zu charakterisieren. "Operative Faulheit" unterscheidet sich von der herkömmlichen Faulheit grundlegend. Traditionell durch die letzten Jahrhunderte haben die Unternehmer und die Obrigkeiten vehement gegen Faulpelze und Müßiggänger aller Art Front gemacht. Seit einiger Zeit weht in der Arbeitswelt jedoch ein neues Lüftchen. Der Faulheit werden nun, man höre und staune, auch gute Seiten abgewonnen. Faulheit wird nun zu einem Faktor, der die Produktivität steigern kann. Als sog. "operative Faulheit" wird sie nun gleichsam stubenrein. Was ist damit gemeint? Es geht hierbei um eine neue Unternehmenskultur. Waren bisher Ordnung, Fleiß, Disziplin und Pünktlichkeit die prägenden Tugenden in der Arbeitswelt, so treten nun Kreativität, Flexibilität und der gekonnte Umgang mit dem Chaos an ihre Stelle. Liebgewordenen Arbeitstugenden wird der Kampf angesagt: "Schluss mit dem Perfektionismus! Vermeiden Sie destruktive Ordnung!" Starre Ordnungsregeln und festgefahrene Strukturen, so heißt es nun, wirkten sich lähmend auf die Arbeit aus, kosteten unnötig viel Zeit und könnten die Entfaltung von Kreativität blockieren, getreu dem Motto "Wer Ordnung hält spart Fantasie", Schubladendenken, so wird nun kritisiert, steigert sich so zu Schubladenhandeln und die Schublade wird zum Brett vorm Kopf. Faulheit tritt nun in einem neuen Gewand auf. Da sitzt keiner mehr träge und faul in der Ecke und döst vor sich hin, sondern er nutzt seine Freiräume für die Entwicklung neuer Ideen und Problemlösungsstrategien. Die Propagierung der "operativen Faulheit" durch die Unternehmer ist mithin eine willkommene und profitable Strategie, um sich in der modernen digitalisierten und vernetzten Arbeitswelt die Kreativitätspotentiale der Beschäftigten zu eigen zu machen.

© Dr. Hans-Albert Wulf, Oktober 2017.

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2017/10/20

Filmkritik: »Immer noch eine unbequeme Wahrheit - Unsere Zeit läuft« von Al Gore

Dr. Christian G. Pätzold

Es geht um sehr wichtige Dinge. Darum hat es den Filmreporter ins Kino getrieben: Unser ökologischer Superman Al Gore hat wieder filmisch zugeschlagen und gegen die Bösewichter der Erdzerstörung gepunktet. Na ja, er hat inzwischen weiße Haare bekommen. Und leider ist dieses Jahr ein neuer Hauptgegner aufgetaucht: Donald Trump, der aktuelle Präsident der USA, der das internationale Klimaabkommen von Paris aufgekündigt hat. Er sehnt sich nach Erderwärmung, weil es ihm in Washington zu kalt ist.
Die Geschichte des Umweltschützers Al Gore lässt sich wie folgt zusammenfassen: Er wurde 1948 geboren. Dann früh ein dunkler Fleck in seiner Vita: Er nahm noch 1971 ! am Vietnam-Krieg teil. Das zeigt überdeutlich, dass er kein 68er war, sondern schon damals ein Mitglied des Washingtoner Establishments. Sein Vater war langjähriger Senator.
Al Gore war von 1993 bis 2001 der 45. Vizepräsident der USA zur Zeit der Präsidentschaft von Bill Clinton. Im Jahr 2006 erschien sein Buch »Eine unbequeme Wahrheit. Die drohende Klimakatastrophe und was wir dagegen tun können« (An Inconvenient Truth: The Planetary Emergency of Global Warming and What We Can Do About It). Die Themen dieses Buches wie die Überflutung von Städten wie Manhattan wurden noch im Jahr 2006 von Davis Guggenheim unter demselben Titel verfilmt. Der Film erhielt 2 Oscars. Im Jahr 2007 erhielt Al Gore den Friedensnobelpreis für seine Arbeit für den Umweltschutz, zusammen mit dem Intergovernmental Panel on Climate Change. Al Gore lebt seit 2013 vegan. Sein Hauptarbeitsgebiet ist heute die Ausbildung von Umweltschützern, die unsere Erde retten sollen.
In meiner Filmvorführung waren leider nur 3 Besucher. Ich kann den Film trotzdem empfehlen, denn er fasst sachlich alle Argumente für den Klimaschutz zusammen. Die schmelzenden Gletscher in Grönland und die Überflutungskatastrophen werden gezeigt. Das Problem der Klimaflüchtlinge wird genannt. Die Interessen der kapitalistischen Konzerne, die gegen den Umweltschutz stehen, tauchen auf. Die Alternativen der erneuerbaren Energien wie Windenergie und Sonnenenergie werden genannt und an Beispielen von amerikanischen Städten demonstriert, die sich heute schon zu 100 % mit erneuerbarer Energie versorgen. Der Film ist kein reißerischer US-Schinken, wie man vielleicht befürchtet hätte. Es geht heute tatsächlich um die Zukunft unserer Erde, da sollte sich jeder angesprochen fühlen. Es geht um unser Leben, und vor allem um das Leben unserer Kinder und Enkelkinder.

© Dr. Christian G. Pätzold, Oktober 2017.

Immer noch eine unbequeme Wahrheit - Unsere Zeit läuft
USA 2017, Dokumentarfilm, 1h 40m
Regisseure: Bonni Cohen, Jon Shenk
Besetzung: Al Gore.

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2017/10/18

Zum 240. Geburtstag von Heinrich von Kleist

Dr. Christian G. Pätzold

Vor 240 Jahren, am 18. Oktober 1777, wurde Heinrich von Kleist in Frankfurt an der Oder geboren. Sein Geburtshaus brannte im April 1945 zum Ende des Zweiten Weltkriegs ab. Am 21. November 1811 nahm er sich mit seiner Freundin Henriette Vogel am Kleinen Wannsee in Berlin das Leben. Pistole. Das war ein kurzes Leben. An dieser Stelle befindet sich heute noch ihr Grab. Es ist ein besonderer Berliner Ort, denn normalerweise befinden sich Gräber auf Friedhöfen. Aber für Heinrich von Kleist und seine Freundin hat man eine Ausnahme gemacht, vielleicht auch weil Selbstmörder damals nicht auf kirchlichen Friedhöfen bestattet werden durften. Und städtische Friedhöfe gab es wohl noch nicht. So befindet sich ihr Grab mitten im Wald, auf dem hohen Ufer. Man kann hinunter blicken auf den kleinen Wannsee. Vor ein paar Jahren wurde das Grab neu hergerichtet. Der Weg zum Bahnhof Wannsee ist nicht weit.
Ich schätze Heinrich von Kleist natürlich besonders wegen seines »Michael Kohlhaas« aus dem Jahr 1808, eine Geschichte, die einem aus dem Herzen spricht. Die Erzählung von Michael Kohlhaas und von der Gerechtigkeit ist so bekannt, dass ich darüber nichts zu sagen brauche. Sie gehört einfach zu den wichtigsten Büchern in deutscher Sprache. Buchtipp: Erhältlich als Büchlein in Reclams Universal-Bibliothek (2,60 Euro).
Nur 3 Kilometer von Kleists Grab entfernt liegt der Berliner Ortsteil Kohlhasenbrück, wo sich im 16. Jahrhundert die Brücke über die Bäke befand. Die Brücke heißt heute Böckmannbrücke. Der Michael Kohlhaas, der eigentlich Hans Kohlhase hieß, Kaufmann aus Cölln, hatte 1539 als Vergeltung dem Brandenburgischen Kurfürsten Joachim II eine Anzahl Silberkuchen geklaut, "welche er eine halbe Meile diesseit Potsdam unter einer Brücken, die noch heutigen Tages Kohlhasen Brücke heißt, in das Wasser versenkte." Diese dreiste Geschichte endete sehr traurig, denn Joachim II war nicht amüsiert. Kohlhase wurde zusammen mit seinem Gesellen Georg Nagelschmidt am 22. März 1540 vor dem Berliner Georgentor gerädert. Das waren damals noch recht brutale Zeiten mit Todesarten, die zur drastischen Abschreckung und gleichzeitig zur schaurigen Belustigung des Publikums dienten.
Die Bootsanlegestelle am Großen Wannsee ist nicht weit entfernt von Kleists Grab. Der See hat so viel Wasser, dass sich hier zahlreiche Möwen versammeln. Jede Stunde fährt die Fähre hinüber nach Kladow. Es ist eine Bootsfahrt für 2,70 Euro, die ich schon oft gemacht habe. Die Fahrt selbst dauert vielleicht nur 20 Minuten, aber man spürt fast so etwas wie den Duft des Meeres in der Nase. In der Ferne liegt der gelbe Sand vom Strandbad Wannsee, die Havel wird überquert, die kleine Insel Imchen mit ihrer Kormorankolonie passiert, die Naturschutzgebiet ist. Dann läuft das Boot auch schon in die kleine Marina von Kladow ein. Zahlreiche Wasservögel begrüßen einen an der Strandpromenade. Stockenten, Mandarinenenten, Kanadagänse und Höckerschwäne sind sehr zutraulich.

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Die Marina in Kladow. Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold.

Ich denke über den wunderbaren Kreislauf des Wassers nach: Über dem Meer steigen die Wassertröpfchen in die Wolken auf. Dann fliegen sie mit dem Wind nach Osten, bis sie in Brandenburg zur Erde regnen. Sie sammeln sich in Bächen und fließen schließlich über die Havel und die Elbe in die Nordsee, wo sie wieder in die Wolken aufsteigen. Und das seit Tausenden von Jahren. Heinrich von Kleist hat also dasselbe Wasser der Havel gesehen, das ich heute auch sehe.

© Dr. Christian G. Pätzold, Oktober 2017.

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2017/10/15

Unter Kiefern und Hibisken 13

Ella Gondek

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Foto von © Ella Gondek, Oktober 2017.

Durch das wechselhafte Wetter wachsen auf dem Baumstumpf doch noch die rötlichen Holzritterlinge, ebenso ab und zu die eine oder andere Marone. Auch alle möglichen Arten von Pilzen wachsen jetzt, aber diese Sorten kenne ich nicht. Vor kurzem entdeckte ich auch auf dem Kiefernstumpf den so genannten Schleimpilz, ca. 10 cm groß. Sein zitronenfarbenes Aussehen gibt neben den kleinen Holzritterlingen ein farbenfrohes Bild ab.
In den letzten Tagen habe ich Zwiebeln der Prärielilie, von Allium sowie verschieden farbigen Anemonen gesetzt, damit es im Frühjahr wieder etwas bunter wird. Jetzt stehen auch die Fetten Hennen-Sträucher in voller Blüte, was sehr gerne von Bienen und Schmetterlingen angenommen wird. Auch die Herbstastern in lila und rosa fangen langsam an, ihre Blüten zu öffnen. Die Sonnenhut-Stauden und ebenso die Sonnenblumen-Art Topinambur sind noch schöne Farbtupfer im Garten.
Ich hatte auf der Terrasse im Topf eine rot-weiße Dahlie. Deren Blütenansatz und auch die Blätter wurden aber im späten Frühjahr Opfer von Schnecken. Mittlerweile hatte sie sich erholt und auch wieder 2 Knospen angesetzt. Heute musste ich feststellen, dass auch diese Knospen keine Chance hatten. So habe ich die ganze Staude abgeschnitten und ausgebuddelt. Jetzt wird die Knolle bis zum Frühjahr gelagert. Im Frühjahr kommt sie aber auf meinen Balkon - da habe ich keine Schnecken.
Das Foto zeigt die noch sehr schön blühende Begonie, im Hintergrund wächst eine andere Sorte von Pfeifenwinde, Aristolochia macrophylla, die ich mir im April 2017 gekauft habe und die einmal rote Blüten bekommen soll, was mit Sicherheit noch ein paar Jahre dauern wird. Mal schauen, was uns der Oktober noch so zu bieten hat.

© Ella Gondek, Oktober 2017.

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2017/10/13

Impression von der documenta in Kassel
Spitzhacke von Claes Oldenburg

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Claes Oldenburg, Spitzhacke, 1982 (documenta 7). Stahl, Höhe 12 Meter. Am Ufer der Fulda in Kassel. Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2017.

Die Spitzhacke ist eine Ikone der Pop-Art und eine Außenskulptur im öffentlichen Raum seit 1982, die von der Kasseler Bevölkerung gut angenommen wurde. Claes Oldenburg, geboren 1929 in Stockholm/Schweden, aber von Kindheit an vorwiegend in den USA und in New York City lebend, ist bekannt dafür, dass er Gegenstände des Alltags enorm vergrößerte und so beeindruckende, aber vor allem fröhliche Kunstwerke schuf. Er hat so triviale Dinge wie eine Wäscheklammer oder ein abgebranntes Streichholz ins Enorme vergrößert.
Auf die Idee der Spitzhacke kam er, als er zufällig an einer Baustelle in Kassel vorbeikam, auf der sich dieses Werkzeug in einen Sandhaufen gepflanzt befand. Vorgefundene Objekte, objets trouvés, spielten seit Marcel Duchamp in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts eine große Rolle, seit etwa 1913. Sie wurden auch Readymades (von already made, bereits hergestellt) genannt. Sie stammten vor allem aus der Bewegung des Dadaismus. Claes Oldenburg hat diesen Objekten durch die Vergrößerung zu zusätzlicher Wahrnehmung verholfen. Auch Andy Warhol hat mit Readymades gearbeitet, indem er das Mittel der Vervielfältigung eingesetzt hat, bspw. mehrere Produktkartons übereinander geschichtet hat, wie bei seinen nachgebauten Brillo Boxes aus dem Jahr 1964.
Allein durch die Vergrößerung erhielten alltägliche Dinge eine ganz neue Aufmerksamkeit und Wichtigkeit. Und die Betrachter konnten sich ausnahmsweise mal als Liliputaner fühlen. Oldenburg gehörte zu den verspieltesten Künstlern der Pop-Art. Ein anderer Spieler der Pop-Art, der auf Kuhle Wampe schon öfter erschien, war Andy Warhol. Oldenburg hat mit den Dimensionen gespielt, Warhol hat mit den Farben gespielt. Der politische Aspekt von Oldenburgs Arbeiten ist die geschärfte Wahrnehmung der alltäglichen Dinge. Außerdem ist die Spitzhacke ein Werkzeug der Bauarbeiter und der Bergarbeiter. Es handelt sich also quasi um ein Arbeiterdenkmal.
Auch Berlin kann glücklich sein, dass es ein großes Kunstwerk von Claes Oldenburg im öffentlichen Raum stehen hat. Die 8 Meter hohe Skulptur »Houseball« von 1996 befindet sich auf dem Bethlehemkirchplatz/Mauerstraße in Berlin Mitte.

Die Webseite von Claes Oldenburg ist: www.oldenburgvanbruggen.com.

© Dr. Christian G. Pätzold, Oktober 2017.

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2017/10/11

Große Jeanne Mammen Retrospektive in der Berlinischen Galerie

Die Berlinische Galerie schreibt zu der Retrospektive:

"Die Zeichnerin und Malerin Jeanne Mammen (1890-1976) ist eine der sperrigsten und schillerndsten Figuren der jüngeren Kunstgeschichte. Als Berliner Künstlerin durchlebte sie zwei Kriege, Zerstörung, Armut und den Wiederaufstieg aus Ruinen auf sehr eigene und produktive Weise. Als Einzelgängerin und scharfsinnige Beobachterin entwickelte Mammen sich zu einer kraftvollen Persönlichkeit mit klarer Botschaft: Distanz schafft Nähe. Sie scheute kein Milieu und keine Erfahrung. Sie porträtierte glamouröse Zeitgenossen, den neuen Typus der selbstbewussten Frau ebenso wie das frivole Nachtleben oder Figuren am Rande der Gesellschaft - es entstanden unverwechselbare Ikonen der "Goldenen Zwanziger". Nach 1945 wurde ihr Werk komplett abstrakt. Jeanne Mammens Schaffen ist einer breiten Öffentlichkeit bisher wenig bekannt. Ihre Verschlossenheit, das Fehlen von Tagebüchern, ausführlicherer Korrespondenzen oder Lebenspartnern erschweren einen leichten Zugang. Die Berlinische Galerie widmet Mammen deshalb eine umfangreiche Retrospektive. Das Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur zeigt 170 Arbeiten aus über 60 Schaffensjahren. Den Schwerpunkt bilden rund 50 Gemälde."

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Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin Kreuzberg

Öffnungszeiten: Mittwoch-Montag 10:00-18:00 Uhr, Dienstag geschlossen.
Verkehrsverbindung: U6 Kochstraße.

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2017/10/09

Das neue Denkmal für die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung in Berlin Moabit

Dr. Christian G. Pätzold

Anfang September 2017 wurde das neue Denkmal für die weltweit erste homosexuelle Emanzipationsbewegung eingeweiht. Es befindet sich am Magnus-Hirschfeld-Ufer (mittig) in Berlin Moabit, am Ufer der Spree. Ausflugsboote fahren vorbei. Gegenüber grüßt der grüne Tiergarten. Das Denkmal besteht aus sechs ! etwa 4 Meter hohen Calla-Lilienblütenstielen in verschiedenen Blütenfarben. Die Calla-Lilien gehören zur Familie der Aronstabgewächse. Die Initiatoren des Denkmals vom Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg schreiben zur Symbolik der Calla-Lilie: "Die Calla-Lilie besitzt weibliche und männliche Blüten auf einer Pflanze und ist somit ein Symbol für die Normalität der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt in der Natur."
Das Denkmal gefällt mir mit seinen großen Pop-Art-Blüten in den Farben des queeren Regenbogens. Die Farbigkeit steht für den positiven Optimismus der Emanzipation. Auch wenn die Homosexuellen-Bewegung in der Geschichte viele Rückschläge und Unterdrückung erleiden musste.

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Das Denkmal für die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung am Magnus-Hirschfeld-Ufer in Berlin Moabit. Das Denkmal ist von einem Team von 9 Studierenden der Universität der Künste Berlin entworfen worden.
Foto von © Dr. Christian G. Pätzold, September 2017.

Zur Geschichte heißt es in der Ankündigung des Denkmals:
"Die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung begann vor 120 Jahren, als am 15. Mai 1897 das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) gegründet wurde. Es war die erste Organisation in der Geschichte, in der sich Menschen zusammenfanden, um sich gemeinsam gegen antihomosexuelle Strafgesetze zu engagieren. Der jüdische Arzt und Sexualwissenschaftler Dr. Magnus Hirschfeld (1868-1935) war Initiator und maßgeblicher Vertreter dieser Bewegung. 1919 errichtete er auf dem Gelände zwischen dem heutigen Bundeskanzleramt und dem Haus der Kulturen der Welt das Institut für Sexualwissenschaft. Hirschfelds Wirken nahm weltweit Einfluss auf die Abschaffung antihomosexueller Straftatbestände. Zur Aufhebung des § 175 StGB (Strafgesetzbuch) richtete das WhK mehrere Petitionen an den Deutschen Reichstag, denn dieser Paragraf bedrohte "beischlafähnliche Handlungen" zwischen Männern mit Strafe. 1929 beschloss der Strafrechtsausschuss des Reichstages schließlich, homosexuelle Handlungen nicht mehr unter Strafe zu stellen. Doch zur Abschaffung des § 175 kam es nicht mehr. Nach Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 plünderten Studenten und SA-Männer das Institut für Sexualwissenschaft. Zahlreiche Schriften sowie eine Büste von Magnus Hirschfeld wurden bei der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz (heute Bebelplatz) im Mai 1933 vernichtet. Hirschfeld wurde ausgebürgert und starb 1935 im französischen Exil."

Die Nazis haben 1933 die äußerst wertvollen Bücher des Instituts für Sexualwissenschaft öffentlich verbrannt. Das war sehr schade. Aber mit der Büste von Dr. Hirschfeld hatten sie keinen vollen Erfolg. Die Büste war von Harald Isenstein gestaltet worden und wurde Dr. Hirschfeld an seinem 60. Geburtstag am 14. Mai 1928 überreicht. Jedoch 1984 wurde die Büste von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft neu gegossen, denn das Gipsmodell der Büste hatte die Nazi-Herrschaft in der Akademie der Künste Berlin überlebt. Die Büste steht heute als Leihgabe im Schwulen Museum in Berlin Tiergarten, Lützowstraße 73. Nicht nur wegen der Hirschfeld-Büste lohnt das Schwule Museum einen Besuch.

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2017/10/07

art kicksuch

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© art kicksuch, oktober 2017.

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2017/10/05

50. Todestag von Che
Erschossen am 9. Oktober 1967 in La Higuera/Bolivien
Beerdigt am 17. Oktober 1997 im Monumento Memorial Che Guevara
in Santa Clara/Kuba

Dr. Christian G. Pätzold

Aus Anlass des 50. Todestages von Che folgt hier ein Text, der in meinem Buch »Querdenkerartikel« erschienen ist:

Ernesto Guevara de la Serna, der allgemein als der Che bekannt ist, wurde am 14. Juni 1928 in der Stadt Rosario in der Mitte Argentiniens geboren. Für uns alte 68er und für die internationale Studentenbewegung war er damals ein Leitbild. Aber mehr noch für die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt. Manch ein alter Kommilitone besitzt noch heute das Poster mit dem berühmten Foto von Che. Zusammen mit Lenin, Mao, Tito, Ho Chi Minh, Zapata und Fidel gehörte er zu den bekanntesten Revolutionären des 20. Jahrhunderts. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass auch der 1968 geborene Sohn von Rudi Dutschke Che genannt wurde.
Che studierte Medizin in Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens. Schon während seiner Studienzeit bereiste er andere Länder in Lateinamerika, wodurch er die Unterdrückung und Ausbeutung der armen Bevölkerung des Kontinents, besonders der Bauern, kennenlernte. 1955 traf er Fidel Castro in Mexiko. Im Dezember 1956 landeten sie mit dem kleinen Schiff »Granma« in Kuba. Damit begann der Kubanische Guerilla-Krieg, der 1959 mit dem Sturz des Diktators Batista endete. Comandante Che Guevara wurde kubanischer Industrieminister und später Leiter der kubanischen Zentralbank. Doch dieses Leben war nichts für ihn. Che war in erster Linie Guerillero und Freiheitskämpfer. Er wollte das Vorbild der kubanischen Revolution auch in anderen Ländern Amerikas verwirklichen. So unterstützte er das bolivianische Volk im Kampf gegen seine Unterdrücker. 1967 wurde er in Bolivien erschossen.
Che hat seine Erlebnisse und Gedanken immer aufgeschrieben. Seine bekanntesten Bücher sind seine Reiseaufzeichnungen in Lateinamerika als Student, seine Erinnerungen an den Kubanischen Krieg sowie sein Bolivianisches Tagebuch. Er schrieb auch Aufsätze zur Guerilla-Strategie, die in den 1960er Jahren stark beachtet wurden. Das Buch über Guerillatheorie ist noch heute für Leser interessant, die sich für militärische Strategie und Taktik interessieren. Es war die Zeit des Vietnamkriegs, in der der Vietkong die Guerilla-Strategie erfolgreich anwendete. In Lateinamerika wurden zahlreiche Diktatoren finanziell und militärisch von den USA aufgepäppelt. Daher bestand für die arme Bevölkerung ein großer Hang, sich der Guerilla anzuschließen. In diesem Zusammenhang sind die Aufsätze von Che zur Guerilla-Strategie zu sehen.
Die Weltgeschichte ist in den letzten 50 Jahren in vielen Aspekten anders verlaufen, als Che vorausgesagt hat. Aber Che ist der Guerillero Heroico geblieben. Nach dem Tod von Che schrieb Fidel über ihn:

"Che war einer jener Leute, die sofort gemocht werden, wegen seiner Einfachheit, seines Charakters, seiner Natürlichkeit, seiner kameradschaftlichen Haltung, seiner Persönlichkeit, seiner Originalität, selbst wenn man noch nicht seine anderen charakteristischen und einzigartigen Tugenden kennengelernt hatte. Eines seiner hervorstechendsten Merkmale war, sich sofort freiwillig für die gefährlichsten Aufgaben zu melden. Und das erzeugte natürlich Bewunderung, und zwar die doppelte Bewunderung, denn er war ein Kämpfer, der nicht hier geboren wurde. Er war ein Mann mit grundlegenden Gedanken, er träumte vom Kampf in anderen Teilen des Kontinents und er war dennoch so altruistisch, so willens, immer die gefährlichsten Dinge zu übernehmen und ständig sein Leben zu riskieren."

Literatur:
Ernesto Che Guevara: Guerilla - Theorie und Methode, herausgegeben von Horst Kurnitzky, Berlin 1968, Verlag Klaus Wagenbach.

© Dr. Christian G. Pätzold, Oktober 2017.

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Eine Lesung für Che im Terzo Mondo

Jenny Schon liest aus ihren Werken
Musik von Marc Alexey
Terzo Mondo, Grolmannstr. 28, Berlin Charlottenburg
Freitag, 6. Oktober 2017, 19:30 Uhr.

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2017/10/03

Tagebuch 1973, Teil 20: Teheran

Dr. Christian G. Pätzold

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Das Hotel Amir Kabir in Teheran, August 1973.
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold.

30. August 1973, Teheran, Donnerstag

Morgen ist für die Perser Sonntag (am Freitag), der heilige Tag im Islam. In einem Laden sah ich eine Stickerei mit dem Portrait von John F. Kennedy und dem Motto: "Do not ask what your country can do for you, ask what you can do for your country." Obst ohne Schale soll man vor dem Essen in kalter Kaliumpermanganatlösung waschen, da man sonst Amöbenruhr bekommen kann. Der Fleischermeister Josef P. sagte, er wäre einmal fast vom Fleisch im Hilton draufgegangen. Ich habe Kaliumpermanganat in einer Apotheke gekauft und das Pulver in Wasser aufgelöst. Das ergab eine violette Flüssigkeit. Darin habe ich das Obst zur Desinfektion gewaschen. Danach habe ich aber das Kaliumpermanganat nie wieder angewendet, weil es zu umständlich auf der Reise war.
Die Deutschen wohnten in einem Extraviertel von Teheran und hatten eine eigene Schule wie die Amerikaner. Heute stand in der englischsprachigen Teheraner Zeitung, dass 8.000 Schafe angekommen waren und 21.000 erartet wurden. Ich habe gelesen, dass der 10. Parteikongress der KP China stattfindet und dass Lin Biao und Tschen Po Ta als Renegaten, konterrevolutionäre Elemente, Trotzkisten usw. verurteilt wurden. Mao hatte den Vorsitz. Ich habe außerdem gelesen, dass Hassan von Syrien mächtige Schwierigkeiten wegen eines Militärputsches hat. Ich sollte noch erwähnen, dass ich im Zug nach Teheran Erzählungen von Willi Bredel aus den Jahren 1930 bis 1955 gelesen habe, die mir gut gefallen haben.
Wir haben in der Pension Suisse 1.100 Rial bezahlt, unsere Rucksäcke bei Julia abgestellt, 50 DM zu 1:28,5 gewechselt und dann im Hippie-Hotel Amir Kabir ein Doppelzimmer für 270 Rial gemietet, mit Dusche, Cooler, Toilette, warmem und kaltem Wasser, das Zimmer war sauber. Das Hotel war architektonisch sehr hübsch angelegt, mit Innenhof, Treppen, verwinkelt. Bei fast allen Preisen in Teheran kann man handeln. Einige übliche Preise: Postkarte 6 Rial, CocaCola 6 R, Telefon 2 R, eine kleine Melone 10 R, normale Feuchtigkeitscreme 150 R, Zeitung 10 R, Taxi 10 bis 30 R, 10 schwarze Zigaretten ohne Filter 6 R, 10 amerikanische Zigaretten mit Filter 40 R.
Die Situation der armen Leute schien nicht besonders rosig zu sein. Kinder machten schwere Arbeiten beim Bau, manche bettelten. Julia meinte: "Die Armen sind faul und die Reichen arbeiten, deswegen werden sie noch reicher." Der Kontrast zwischen Armut und phantastischem Reichtum und Prunk schien in der persischen Monarchie sehr groß zu sein.
Wir fuhren zum iranischen Touristenbüro im Boulevard Elizabeth II, wo man uns die Stadtpläne von Teheran, Isfahan und Shiras sowie eine Karte von Iran kostenlos gegeben hat. Am Touristenbüro sind wir von dem Freund unseres Londoner Freundes, Cyrus Atabay, abgeholt worden. Er sagte, sein Großvater mütterlicherseits sei der Vater vom jetzigen Shah; seine Mutter stamme aus der ersten Ehe des Shahvaters, als dieser noch nicht Shah war. Cyrus Atabay war Dichter, er dichtete auch in deutscher Sprache und lebte in einer feudalen alten Villa mit Garten und Springbrunnen. Er hat in Deutschland studiert. Er fuhr einen 1956er Mercedes seines verstorbenen Vaters, der noch sehr gut erhalten war. Er sagte: "Lassen Sie alles auf sich einwirken, den ganzen Orient, kümmern Sie sich nicht um soziologische Dinge." Er kannte alle bekannteren Berliner Schriftsteller sehr gut persönlich und sprach Deutsch völlig fehlerfrei. Wie ich später herausgefunden habe war das nicht verwunderlich, denn er verbrachte seine Schulzeit in Berlin.
Wir haben Julia nicht zu Hause angetroffen und dadurch im gleichen Haus eine assyrische Familie kennen gelernt. Sie sagten, im Irak gebe es 150.000 Assyrer, im Iran 30.000 hauptsächlich in Teheran und Rezaiyeh, nachdem 10.000 nach Australien ausgewandert sind. Die Assyrer sind Christen und hatten zirka fünf Kirchen in Teheran. Sie sagten, eine Lehrer verdiene 1.000 Tuman im Monat, ein Ingenieur 2.000, ein ausländischer Ingenieur über 4.000, ein Fabrikarbeiter, im Iran eine kleine Gruppe, 500, die anderen wie Bauern, Verkäufer bedeutend weniger. 350 Studenten studierten nach ihrer Meinung jährlich neu im Ausland. Sie sagten, es gebe drei "Armeen", die aufs Land geschickt werden, eine medizinische, eine erzieherische und eine agrartechnische. Einer von ihnen war als Student in der agrartechnischen Armee, er sagte aber, dass er auf dem Dorf überhaupt nichts gemacht habe, "weil die Bauern kein Geld haben." Viele Studenten seien sehr gegen die Regierung. Hier war immer die ganze Familie zusammen und die Mädchen wurden streng bewacht. Wenn man sie so sah, meinte man mit modernen Popmädchen zusammen zu sein. Alle waren sehr schick, mit Hosen, und da sie Christen waren, trugen die Frauen auch keinen Chador. Die Mädchen gingen in ihren Kreisen zur Schule und heirateten dann. Manchmal würden 10-jährige Mädchen von den Eltern verheiratet werden, obwohl es verboten sei.
Ich habe in der Zeitung gelesen, dass der iranische Premierminister 30 batteriebetriebene Herzschrittmacher gespendet hat. Die Busfahrten kosten nach Isfahan 150 Rial, Mashad 350 R, Shiraz 300 R, Istanbul 1.700 R, Erzerum 700 R, Zahedan (Pakistan Border) 600 Rial, also sehr billig für unsere Verhältnisse.

Postskriptum Oktober 2017

Wir hatten mit Cyrus Atabay also schon am dritten Tag im Orient einen echten Prinzen getroffen, einen Neffen des Shahs. Bereits 1978 musste er den Iran wegen der islamischen Revolution verlassen und lebte erst in London und seit 1983 in Deutschland, wo er aufgewachsen war. Er starb 1996 in München und ist dort beerdigt. Dank des Internets gibt es ein Foto von Prinz Cyrus Atabay und ich kann mich an die Begegnung im August 1973 erinnern. Er legte anscheinend viel Wert auf seine königliche Herkunft, denn auf seinem Grabstein steht auch: Prinz Cyrus Atabay. Viele Menschen, die man auf einer Weltreise trifft, sind aber nicht so berühmt, dass es ein Foto von ihnen im Internet gibt. Daher wäre es rückblickend gut gewesen, wenn ich von jedem Menschen, mit dem ich intensiver gesprochen habe, ein Foto gemacht hätte.
Ich besaß sogar ein Werk von Cyrus Atabay: Hafis, Liebesgedichte, übertragen von Cyrus Atabay, Insel Verlag Frankfurt am Main 1980. Diese Gedichtübertragungen waren teilweise bereits 1965 im Hoffmann und Campe Verlag Hamburg erschienen. Das erste Gedicht von Hafis in dieser Sammlung, mit homoerotischer Note, lautet:

Hafis
Saghi, schenk ein den Wein


Saghi, schenk ein den Wein
Und laß den Becher kreisen!
Im Anfang schien die Liebe leicht,
die dann zum Rätsel ward.
Wann bringt der Wind
Den Moschushauch von deinem Haar?
Von deinen Locken wurden alle Herzen wund.
Wie fänd ich Frieden doch in deinem Haus,
da ruft die Karawanenglocke schon zum Weiterzug!
Färb den Gebetsteppich mit Wein, wie es der Weise sagt,
dann wirst du, Pilger, auch vom Sinn des Weges
dein Teil erfahren.
Was wissen denn die Leichtbebürdeten am Strand von uns,
die Nacht und Wogensturm umgibt...
Durch meinen Eigensinn erwarb ich mir
den schlechten Namen.
Wie kann Geheimnis auch verborgen bleiben,
das bei Zusammenkünften verhandelt wird!
Hafis. Erhalt dir des Geliebten Gegenwart,
entsage dieser Welt, wenn du gefunden, den du liebst!

Hafis lebte von 1315 bis 1390 unserer Zeitrechnung in Schiras. Der Name Hafis bedeutet "jener, der den Koran auswendig kann". Die Homosexualität kommt in der historischen persischen Liebesdichtung häufig vor.

Der Ratschlag von Prinz Cyrus Atabay: "Lassen Sie den ganzen Orient auf sich wirken!", war natürlich Quatsch, denn wenn man in Asien ist, lässt es sich nicht vermeiden, dass der ganze Orient auf einen einwirkt. Wenn man als Europäer, und besonders als Nordeuropäer, mit den Kulturen Asiens konfrontiert ist, die wesentlich älter und bunter und reicher sind als das Gewohnte, dann hat man bestimmt auch orientalische Momente, in denen man sich in eine andere Welt versetzt fühlt und eine Atmosphäre spürt, die schwirrend ist und abgehoben vom gewöhnlichen Gang der Dinge. Ich hatte solche Momente vielleicht am Grab von Hafis in einer warmen Sommernacht mit unzähligen Sternen am dunklen Himmel, südlichen Düften in der Luft und traditioneller persischer Musik. Oder vor dem Taj Mahal in Agra, als ich plötzlich vor einer überwältigenden Masse weißen Marmors und perfekter Schönheit stand.
Den zweiten Ratschlag von Prinz Cyrus Atabay: "Kümmern Sie sich nicht um das Soziologische!" habe ich komplett ignoriert. Ich hatte ein entschiedenes gesellschaftswissenschaftliches Interesse, die politischen, sozialen, ökonomischen und ideologischen Verhältnisse in den verschiedenen Ländern kennen zu lernen. Auch Prinz Cyrus Atabay ist bald vom Soziologischen eingeholt worden. Bereits 5 Jahre nach unserem Treffen musste er für immer aus Persien flüchten.
Ich hatte schon damals ein großes Interesse an der Gesellschaft. Im Nachhinein kann ich nur auf zwei Lücken hinweisen, die man vor einer längeren Reise möglichst schließen sollte: zum einen sollten man sich etwas Wissen über Botanik aneignen, um sich an den Pflanzen der verschiedenen Klimazonen richtig erfreuen zu können. Und zweitens sollte man etwas Wissen über Architekturgeschichte mitbringen. Das gilt besonders für Persien, da dort einige der bedeutendsten Bauwerke der Welt zu besichtigen sind. Und sie sind nicht nur interessant, sondern von außerordentlicher Schönheit.

© Dr. Christian G. Pätzold, Oktober 2017.

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2017/10/01

Tagebuch 1973, Teil 19: Teheran

Dr. Christian G. Pätzold

29. August 1973 (7. Shahrivar 1352), Teheran, Mittwoch

Wir, meine Reisepartnerin und ich, haben, so wie es uns von den Bulgarinnen geraten worden war, ein Taxi zur deutschen Botschaft genommen. Julia hatte uns vorher die arabischen Zahlen aufgeschrieben, denn die Zahlen auf den Taxametern sind arabisch. So musste ich zum ersten Mal neue Zahlen lernen. Die indisch-arabischen Ziffern von 0 bis 10 sind:
١٠, ٩, ٨, ٧, ٦, ٥, ٤, ٣, ٢, ١, ٠.
Unser Taxifahrer wollte erst das Taxameter nicht anstellen. Schließlich haben wir für die Fahrt 35 Rial bezahlt. Der Bankkurs ist 27,50 Rial für 1 DM, in Büros kann er erhandelt werden und beträgt zirka 28 Rial für eine Deutsche Mark.
Die persische Schrift verläuft von rechts nach links, nicht von links nach rechts wie die lateinische Schrift. Ich habe aber nicht die persischen Buchstaben und die persische Sprache (Farsi) gelernt, dafür war mein Aufenthalt in Persien zu kurz. Für Touristen gab es einige Informationen in Englisch und einige Perser waren erfreut, mit uns ihr Englisch anzuwenden.
Der Kalender ist hier auch anders: Shahrivar ist der 6. Monat des iranischen Kalenders. Er beginnt im August und endet im September des gregorianischen Kalenders. Die islamische Zeitrechnung zählt ab dem Jahr 622, der Hidschra, dem Jahr der Flucht des Propheten Mohammed und seiner Anhänger von Mekka nach Medina. Daher hatten wir das Jahr 1352.
In der deutschen Botschaft mussten wir erst mal 30 Minuten warten. Eine korrekte deutsche Behörde mitten im Orient! Die Leute in der Botschaft hatten anscheinend viel mit Hippies zu tun, die nach Indien trampten, so wie wir. Der Mann in der Botschaft nannte uns zwei Hotels: Das Hotel Amir Kabir in der Amir Kabir Straße für Hippies und die Pension Suisse in der Forsat Ave. mit europäischem Standard. Wir sind in die Pension Suisse eingezogen, weil wir mal etwas ausspannen wollten nach vier Tagen Zug, aber es war superteuer. Es kostete mit Essen (Lunch, Dinner, Breakfast) 1.100 Rial. Die Getränke kosteten extra. Wir wollten morgen wieder ausziehen.
Wir sind zu unserer Bekannten Julia nach Hause gegangen. Ein Freund von ihr kam vorbei, ein deutscher Fleischermeister, der bei der zweitgrößten Wurstfabrik in Teheran "Michaeljan" arbeitete. Die andere Wurstfabrik gehörte auch einem Armenier. Die Höchstkapazität lag wohl bei 3 Tonnen Fleisch pro Tag, das aus Brasilien und Israel kam. Der Freund ist in Polen, Stuttgart und noch woanders aufgewachsen und sprach eine sehr seltsame Sprache, eine Art schlesisches Schwäbisch. Er verdiente hier verhältnismäßig viel Geld und schwärmte für schnelle Autos. Verkehrsregeln schien es übrigens in Teheran kaum zu geben.
Mit dem Fleischermeister sind wir in den deutsch-iranischen Klub gefahren, in dem gerade eine persische Beatgruppe gespielt hat. Dort vergnügte sich sonst die deutsche Kolonie. Wir haben für mindestens 1.500 Rial gegessen, Steak à la Chateaubriand, eingeladen natürlich, da wir selbst uns so was nicht leisten würden.
Überall hingen Bilder von der königlichen Familie, von dem Schah, Farah Diba und dem Kronprinzen. Besonders beliebt war der tänzelnde "Sa Majesté Impériale le Chahinchah Mohammed Reza Pahlavi Aryamehr" von Wolken umgeben. Im Bahnhof Tabris riesige Bilder.
Die Frauen in Persien gingen meist mit einem großen Umhangtuch bekleidet, dem Chador, der meist schwarz ist mit klitzekleinen Mustern, die natürlich von Stoff zu Stoff variierten. Das Tuch verrutscht ständig und darunter musste einem sehr heiß werden. Manchmal trugen die Frauen moderne westliche Kleidung darunter, besonders die Reichen. Der Chador war jedenfalls die hervorstechende Besonderheit im iranischen Straßenbild.

© Dr. Christian G. Pätzold, Oktober 2017.

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2017/09/30

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2017/09/27

Buchtipp: »Rückkehr nach Reims« von Didier Eribon

Dr. Felizitas Hartwig, Köln

Didier Eribon ist in doppeltem Sinne ein Glücksfall: ein kluger Akademiker mit Herkunft aus dem Arbeitermilieu und ein Wissenschaftler mit Eloquenz. Sein Buch ist in der Tradition von Bourdieu zu sehen - der Bourdieusche "Selbstversuch" gepaart mit den "Feinen Unterschieden" in aktueller Dimension.
Den Pariser Intellektuellen führt es nach Jahrzehnten der Kontaktferne zur Ursprungsfamilie aufgrund des Todes seines Vaters wieder in die Provinz, zurück zu den Wurzeln. Dort angekommen werden Erinnerungen wach, die auch im Gespräch mit der Mutter immer neue intime Details an den Tag bringen. Stets ineinander verwoben die Innen- und Außensicht, die persönlichen Befindlichkeiten: "...muss ich gestehen, dass ich für das real existierende Arbeitermilieu in meinem tiefsten Inneren vor allem Ablehnung empfand." (S. 24), kontrastiert von der ebenso identitären Erfahrung "Von Arbeitermilieus wird nicht oft gesprochen. Und wenn, dann meistens unter der Maßgabe, dass derjenige, der spricht, sie verlassen hat und dass er von seinem "Aufstieg", über den er froh ist, berichten will. Die soziale Illegitimität der Beschriebenen wird genau in dem Moment bestätigt, wo jemand, der die notwendige kritische Distanz (und damit eine wertende, urteilende Perspektive) erreicht hat, sie beschreibt und anklagt." (S. 90) Die persönliche Ambivalenz erstreckt sich in seinem sowohl beschreibenden als auch analytischen Kammerspiel vom Verhältnis zum Vater, Bruder und Mutter über die schulischen Erfahrungen bis zur Wertematrix der sozialen Gemeinschaft im Dorf.
Das Werk »Rückkehr nach Reims« ist eine geniale Collage aus biographischen und soziologisch-analytischen Passagen, die die eigenen Ungleichzeitigkeiten im Hinblick auf seine Herkunft aufzeigen. Detailreich wird der geneigten Leserin nachvollziehbar, wie sich konkret milieuspezifische Aspekte auf den Lebensentwurf auswirken können und welche Hürden Individuen nehmen müssen, um einen sozialen Aufstieg zu schaffen. Im Fall Eribon gibt es eine Erfolgsgeschichte, in der der Autor schließlich als prominenter Intellektueller in Frankreich seine adäquate Position besetzen konnte.
»Rückkehr nach Reims« wurde auch bisher von den Rezensenten (von Feuilletonisten der FAZ über Süddeutsche bis zur ZEIT) hoch gelobt. Interessant, denn gleichzeitig sind dies diejenigen, deren hegemoniale Attitüde er kritisiert - nämlich Personen aus dem bürgerlichen Milieu, die die Arbeiterklasse glorifizieren. Eribon kennt dieses Milieu aus eigener Anschauung, er hat es erlitten. Zum einen deshalb, weil er intellektuell durchaus Stoff und Gepflogenheiten im Rahmen der Bildungsinstitutionen durchschaute und begriff, ihm aber diese Erkenntnis nichts nützte, weil sein Habitus nicht entsprechend entwickelt war. Im eigenen Milieu traf er zum anderen auf Unverständnis und Ablehnung, weil er auch dort nicht den Normen entsprach. Die im doppelten Sinn unpassende Existenz hat seinen Blick geschärft, den er nun gepaart mit seinen soziologischen Erkenntnissen dem Leser näher bringt.
Dieses Buch ist allen zu empfehlen, die sich originär mit sozialen Chancen innerhalb einer Gesellschaft beschäftigen, insbesondere aber jenen Politikern und Multiplikatoren mit dem anhaltenden Glauben, dass in Deutschland "keine Unterschicht" existiert und die gebetsmühlenartig wiederholen, dass Deutschland ein reiches Land ist. Durchschnittlich gesehen stimmt es wohl, wäre da nicht die unterschiedliche Verteilung - aber an diesem Punkt beginnt ein anderer Diskurs, der über die wunderbar reale Bestandsaufnahme Eribons hinaus reicht.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, edition suhrkamp. ISBN 978-3-518-07252-3.

© Dr. Felizitas Hartwig, September 2017.

Didier Eribon spricht am 16. Oktober 2017, 20:00 Uhr, im Literarischen Colloquium Berlin (LCB) und liest aus seinem neuesten Buch »Gesellschaft als Urteil«.
Literarisches Colloquium Berlin, Am Sandwerder 5, 14149 Berlin Wannsee.

»Rückkehr nach Reims« läuft im Oktober auch als Theaterstück an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin. Regie: Thomas Ostermeier.

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2017/09/25

Umzug auf Karren

Heinrich Zille

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Ein Foto des Arbeiterfotografen Heinrich Zille (1858-1929) aus dem Sommer 1901: Hirtenstraße 9 in Berlin, davor Umzug mit Karren. Zille dokumentierte das Leben des Berliner Proletariats, seines Miljöhs.

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2017/09/23

Casting

Brigitte Blaurock

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Collage, 50x60cm, 2016. © Brigitte Blaurock.
www.brigitte-blaurock.de/

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2017/09/21

Das neue Street Art Museum von Urban Nation in Berlin Schöneberg

Dr. Christian G. Pätzold

Am 16. September 2017 eröffnete das Urban Nation Museum for Urban Contemporary Art in der Bülowstraße 7 in Berlin Schöneberg. Das ist ein neues Museum oder Kunstzentrum, das wir schon lange nötig haben. Denn es gibt einen ersten Überblick über die aktuelle Street Art, die weltweit verstreut ist. Das Museum ist von seinem Horizont her keine Berliner Lokalinstitution, sondern hat eine globale Perspektive. Urban Nation existiert seit 2013 unter dem Dach der Stiftung Berliner Leben der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag (Gemeinnützige Wohnungsbau-Aktiengesellschaft Berlin). Junge Künstler der weltweiten Urban Contemporary Art sollen gefördert werden, indem ihnen Flächen an Gebäuden zum Bemalen zur Verfügung gestellt werden. Auch das Land Berlin gibt erhebliche Lottomittel für das Museum. Künstlerische Leiterin von Urban Nation ist Yasha Young.
Das neue Museum befindet sich im Erdgeschoss und im 1. Stock eines renovierten Altbaus. 150 Künstler werden gezeigt. Sozialkritische Kunst konnte man wohl in der Eröffnungsausstellung nicht erwarten. Es ist ja schließlich das Museum einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft. Das Motto der Museumsdirektorin ist: Friede, Freude, Eierkuchen, Liebe und Tralala. Aber man sollte das gegenwärtige Programm des Museum nicht rundweg verurteilen. Einige Kunstwerke haben durchaus ästhetisches Niveau etwa auf dem Level, das man auch in guten Galerien findet. Aus dem ganzen Projekt könnte noch etwas Anspruchsvolles werden, denn der Fokus auf Street Art ist einzigartig. Die Eröffnungsausstellung allerdings hat das Thema verfehlt, denn Street Art ist vor allem politische Kunst. Politische Kunst kommt aber leider gar nicht vor, mit Ausnahme von Shepard Fairey. Wenn sich das in Zukunft ändern sollte, dann würde das Museum wirklich zu einer ersten Adresse in Berlin werden.

Seht bitte auch den Artikel "Street Art von Marina Zumi" vom 8. November 2016 auf Kuhle Wampe.

www.urban-nation.com

urbannation
Street Art von Urban Nation, Bülowstraße 95, in Berlin Schöneberg. Künstler: Cranio.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold, August 2017.

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2017/09/18

IM KOPF DER SPRACHE
Berichte aus der Sprachwerkstatt von Dr. Karin Krautschick
»Was für Lebewesen sind wir?«
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
Einige Gedanken zum neuen Buch von Noam Chomsky

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Foto von Alia Krautschick.

Noam Chomsky muss man nicht mehr vorstellen, er ist weltbekannt. Als Autor mehrerer Bestseller über Linguistik, Philosophie und Politik verdient er seinen Ruf nicht zu unrecht. Bekannt wurde er vor allem durch seine These vom angeborenen Sprachmechanismus des Menschen - im Unterschied zu den Behaviouristen, die den Fokus auf das Verhalten und Sprachlernen legen, also dem, was im Laufe des Lebens dazu kommt und von uns angeeignet wird.
Der Titel ist als Herausforderung gemeint, denn diese Frage erschöpfend zu beantworten, wäre anmaßend. Dennoch hat sich ein großartiger Denker und Kritiker, und das nicht nur auf seinen Gebieten, im Besonderen der Sprachwissenschaft und Sprachtheorie, dieser Frage gestellt und unternimmt den Versuch einer möglichen Antwort. Wie gelingt ihm das?
Zum einen, indem er eine Strukturierung der Fragestellung vornimmt, er unterteilt die ganze Abhandlung in 4 große Kapitel. Beginnend mit den Kapiteln 1) Was ist Sprache? und 2) Was können wir verstehen? wird, wen wundert es, auf die Sprache als Ursprung des Denkens und Handelns verwiesen und ebenso auf die uns immanenten Erkenntnisgrenzen. Weiterhin beschäftigt ihn bei der Frage 3) Was ist das Gemeinwohl? die gesellschaftliche Praxis der Demokratie in der westlichen Welt und "dass selbst die schlimmsten dieser Systeme niemals den Anspruch aufgeben, sie verfolgten wohlklingende Ideale des Gemeinwohls". (S.30) Chomskys Sympathie für den Anarchismus erklärt sich vor allem hieraus und ist deshalb nicht überraschend. Die Frage 4) Die Geheimnisse der Natur - Wie tief verborgen? ist verständlicherweise nicht leicht zu beantworten. Wir sollten im Wissen um "unsere kognitiven Grenzen" und um die "Geheimnisse", durch deren Anerkennung sie uns diese aufnötigen, lernen, damit zu leben. Im letzten Kapitel werden bedeutende Augenblicke in der Geschichte der Wissenschaft zitiert, um eben diese methodologische Lehre zu ziehen.
Bei allem Bemühen um den wahren Charakter des Lebewesens, das wir nun sind oder sein sollen, gibt es auch witzige Koinzidenzen. Auf Seite 204/205 werden menschliches Reflexionsvermögen und Wissbegier als Distinktionsmerkmal z.B. zu den Bienen als Lebensform unterstrichen sowie "eine Erfahrungswelt, die für uns und die Bienen nicht dieselbe ist - und die auch für Menschen verschieden ist, je nachdem, was sie verstehen". Damit verweist Chomsky, wie übrigens schon Newton vor ihm, darauf, dass es "keine objektive Wissenschaft" geben kann, sondern nur "mannigfaltige Perspektiven, die (...) untereinander ähnlich genug sind, um (...) zu einem breiten Maß an Übereinstimmung zu gelangen". Trotz unterschiedlicher Erfahrungswirklichkeit bekamen die Bienen aber, wie ungerecht, um die Komplexität der Welt, ihrer Welt, um genau zu sein, besser wahrnehmen zu können, sogar ein entsprechendes Auge als Sonderausstattung mit, das haben sie uns voraus.
Was für Lebewesen sind wir nun? Vielleicht bilden wir uns ja einfach nur ganz viel ein wegen unserer angeblichen reflexiven und kognitiven Fähigkeiten. Die Frage ist doch eher, wo diese uns hingebracht haben angesichts der heutigen Weltlage. So intelligent können wir doch eigentlich gar nicht sein - alles nur Einbildung und Selbsttäuschung? Um beim Buch zu bleiben, lässt sich die Frage, was für Lebewesen wir seien, natürlich nicht abschließend beantworten, sondern ummünzen auf die Frage, was für ein Lebewesen Noam Chomsky ist. Auf jeden Fall eines mit "Bienen"-Fleiß, was auf Verwandtschaft mit eben diesem Insekt schließen lässt. Genug der Vermutungen.
Die Ahnengalerie seiner philosophischen und sprachphilosophischen Laufbahn - René Descartes, Isaac Newton, John Locke, David Hume und Wilhelm von Humboldt (kreativer Gebrauch der Sprache als "unendlicher Gebrauch endlicher Mittel", S.243) - wird immer wieder herbei beschworen und zitiert, warum auch nicht. Für Nichteingeweihte in diese Materie könnte es deshalb mitunter schwer zu lesen sein, weil in medias res gegangen wird und ein bestimmtes Vorwissen und sowohl Analyse- als auch Synthesefähigkeiten voraus gesetzt werden.
Wir haben es hier mit einer Zusammenfassung von Chomskys sprachwissenschaftlicher, erkenntnistheoretischer, anthropologischer und politischer Arbeit zu tun, die Ausbeute seines Lebenswerkes, wenn man so will. Der Versuch, seine politisch-anarchistische Ausrichtung sprachwissenschaftlich und philosophisch zu untermauern, gelingt im wesentlichen, reicht aber nicht, um die Frage, was für Lebewesen wir sind, abschließend zu klären. Zu den Stärken des Buches gehört, dass es auch aus erkenntniskritischer Sicht auf die Grenzen menschlichen Verstehens und Handelns hinweist und immanent eine konkrete Anleitung zum Umgang mit Tatsachen gibt - durch Chomskys eigenes Denken und Handeln nämlich, das sich der Welt mit großer Neugier und Intelligenz nähert, immer eigenständig bleibt und unerschütterlich auf Missstände hinweist - und das mit einer intellektuellen Redlichkeit, die Bände spricht. Bis heute hat er ein Büro im MIT (Massachusetts Institute of Technology) in Cambridge - der Grand Seigneur der Linguistenszene - und ruhig darf er sich etwas darauf einbilden. Zu den Kunststücken von Chomsky gehört, dass er sich das nie anmerken lassen würde. Chapeau!

© Dr. Karin Krautschick, September 2017.

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2017/09/16

Rechtzeitig zur Bundestagswahl:
Hier beginnt der totale Überwachungsstaat
Alles fängt mal klein an

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Automatische Gesichtserkennung mit Videokameras am Bahnhof Südkreuz in Berlin Schöneberg. Gefördert von der CDU/SPD-Bundesregierung. Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, August 2017.

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2017/09/15

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2017/09/14

100. Geburtstag von Ettore Sottsass

Dr. Christian G. Pätzold

sottsass
Memphis Milano Movement, 1980er Jahre.
Quelle: Wikimedia Commons, Urheber: Zanone.

Der italienische Designer der Post-Moderne Ettore Sottsass jr. wurde am 14. September 1917 in Innsbruck geboren. Er starb am 31. Dezember 2007 in Mailand. Durch ihn hatten die Büromaschinen von Olivetti das beste Design der Welt, über die Technik wollen wir aber lieber schweigen. Im Dezember 1980 gründete er mit Freunden die Designergruppe Memphis in Mailand, die Ikonen der Inneneinrichtung schuf. Während des Treffens lief der Bob Dylan Song 'Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again'. Daraus entstand der Name der Gruppe: Memphis Milano. Gleichzeitig war der Name eine Erinnerung an die altägyptische Stadt Memphis.
Die Künstler von Memphis wie Michele De Lucchi, Nathalie du Pasquier, Marco Zanini, Matteo Thun, Hans Hollein, Arata Isozaki, Michael Graves, Aldo Cibic, Martine Bedin und weitere haben uns in den 1980er Jahren viel Freude gebracht. Die Moderne war der Überzeugung gewesen, dass die Form der Funktion folgen müsse. Doch das war etwas streng gedacht. Die Post-Moderne hat mit Formen jongliert, die überflüssig waren, aber viel spielerischen Spaß enthielten. Und sie hat die quietschbunte Farbigkeit der Pop-Art aus den 1960er Jahren weiterentwickelt. Leider bestand Memphis Milano nur bis 1988. Ettore Sottsass hatte viel Humor.
Die Preise der Möbel und Accessoires von Memphis erinnerten allerdings mehr an die von Kunstwerken. Das war der Grund, warum man sich die Sachen von Memphis auf Ausstellungen ansah und ansonsten seine Möbel bei IKEA kaufte. IKEA war ein Konzept, das bis heute überlebt hat, Memphis dagegen ist jetzt Kunstgeschichte.

Literatur:
Barbara Radice: Memphis: Research, Experiences, Results, Failures and Successes of New Design, Rizzoli 1984.
Richard Horn: Memphis. Objects, Furniture & Patterns, New York 1986.

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2017/09/11

Unter Kiefern und Hibisken 12

Ella Gondek

kiefern012

Der Gemeine Schwefelporling (Laetiporus sulphureus) ist jung essbar und schmeckt gegart nach Hühnchen. Foto von © Ella Gondek, August 2017.

Vor ca. 3 Wochen war ich auf dem Waldfriedhof unterwegs. Da entdeckte ich diesen schönen Baumpilz namens Gemeiner Schwefelporling. Ich war überrascht, was sich die Natur da wieder hat einfallen lassen. Vor einigen Tagen habe ich ihn mir wieder angesehen. Mittlerweile hat er seine schöne gelbe Farbe verloren und sieht etwas bleich aus.
Im Garten sind mittlerweile alle Hibisken ziemlich verblüht, so dass ich anfange, die Äste mit den dicken Samenständen ab zu schneiden. Dadurch, dass es doch ab und zu mal geregnet hat, habe ich etliche Maronen im Garten entdeckt, die ich klein geschnitten und getrocknet habe. Dieses Jahr habe ich bisher keine rötlichen Baumritterlinge, die sich die letzten beiden Jahre auf dem abgestorbenen Kiefernstumpf angesammelt haben, entdecken können. Vielleicht dann im nächsten Jahr. Die langen Ranken der zweihäusigen Zaunrübe sind komplett vertrocknet, so dass ich sie entfernt habe.
Gegenüber von meinem Garten befindet sich eine große Waldlichtung mit vielen Brombeerstauden. In diesem Jahr waren sehr viele Früchte reif, so dass ich davon etliche Gläser Marmelade gemacht habe. Auch wenn die Mücken während der Ernte sehr lästig waren, hat sich die Mühe gelohnt. Damit schließe ich mein September-Tagebuch.

© Ella Gondek, September 2017.

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2017/09/09

Kreislauf

Dr. Wolfgang Endler, Berlin

Ich bin die Wolke, bin schon recht weit geflogen,
drei Tage ostwärts, kreuz´ manchen Regenbogen.
Wechsele ständig die Farben und Gestalten.
Hab´ viel gesehen, mag´s nicht für mich behalten.

Ich bin der Regen, von Wolkengrau geboren.
Mein Kommen wird oft sehnsüchtig beschworen.
In Blitzesschnelle durchmesse ich die Räume
und falle sanft in Kronen alter Bäume.

Tropfen um Tropfen spring´ von Blatt zu Blatt ich.
Sie je zu zählen, ist für mich nicht wichtig.
Hat Wolkendunst sich schließlich dann verzogen,
so hat das Moos sich völlig vollgesogen.

Ich bin der Quell, am Fuß des Bergs entsprungen.
Die Heilkraft meines Wassers wird besungen.
So viele Lieder, Märchen oder Sagen
erzähl´n von mir - und ungeklärten Fragen.

Ich bin der Bach, der sprudelnd schnell zum Tal strebt,
in jedem seiner Teilchen immer neu lebt.
Gern geh´ ich auf im Strom des großen Flusses,
der mich umfängt - was immer ein Genuss ist.

Ich bin der Fluss, befrei´ mich von den Zwängen
der steilen Ufer, die mich arg bedrängen.
Gemächlich, schlängelnd fließe ich zum Meer hin,
wo meine Reise endet, ich am Ziel bin.

Ich bin das Meer, aus mir kam einst das Leben.
Vielleicht darf ich euch einen Rat noch geben?
Was ich empfangen habe, geb´ ich weiter.
So hauch´ ich Wolken aus, schneeweiß und heiter.

Text & Musik noch in Bearbeitung - Work in Progress - Vorab-Veröffentlichung mit Zustimmung des Autors.
© Dr. Wolfgang Endler, September 2017.

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2017/09/07

Buchpremiere »halbstark« von Jenny Schon

halbstark
Jenny Schon: halbstark. Ein Roman der Nachkriegszeit. Vechta 2017, Geest Verlag.
ISBN 978-3-86686-635-6.

Die Autorin berichtet:
"Jenny Schon schreibt in der Erzählung »halbstark« nah an ihrem Leben, das aufregend genug war. Als Kleinkind aus Böhmen vertrieben, musste sie im Rheinland, woher ihre väterliche Familie stammte, viele Kämpfe durchstehen, denn sie war nicht nur ein rothaariges Mädchen (Fusselumpzigarrenstump), sie war auch evangelisch in einer katholischen Umwelt (evangelischer Rattenfänger) und Pimock (Flüchtling), also ausgegrenzt, und die Eltern waren Arbeiter in der Metallindustrie. Alles Faktoren, die sie als Unterschichtkind stigmatisierten, das es nie schaffen würde, eine Universität zu besuchen (Soziologenweisheit).
Mit ausgrenzenden Schimpfwörtern groß geworden, lernt sie sich zu wehren. Als "Halbstarke" tanzt sie auf der Kirmes Rock ’n’ Roll und hört im Kofferradio Elvis Presley und Bill Haley, bezieht Prügel vom Vater, vom Lehrer und vom Lehrherrn. Gewalt an Kindern und Jugendlichen ist Gang und Gäbe in den Fünfziger Jahren, gegen die sich die "Halbstarken" zu wehren beginnen. Insofern waren nicht nur die Jugendlichen halbstark, sondern auch die Erwachsenen waren nach dem 2. Weltkrieg weit davon entfernt, perfekte Demokraten zu sein.
Obwohl es den Begriff "Halbstarke" schon um 1900 in Deutschland gab, wird er in den Fünfziger Jahren für Jugendliche aus proletarischem Milieu verwendet, die in irgendeiner Weise nicht in das öffentlich gewünschte Bild der Nachkriegsgesellschaft passen und sich durch normwidriges Verhalten, wie der Belästigung von Passanten, Störung der öffentlichen Ordnung oder Auseinandersetzungen mit der Polizei, auszeichnen, und dies in Ost wie West.
Die Halbstarken-Bewegung ist die erste Nachkriegsjugendbewegung. Jenny Schon hat an ihr als Backfisch teilgenommen und zehn Jahre später ist sie in West-Berlin aktiv in der 68er Studentenbewegung, worüber sie auch publiziert hat. Sie hat Sinologie studiert, war in Maos Chinas, hat viel geschrieben, literarische Auszeichnungen, ist PEN-Mitglied und lebt als Schriftstellerin und Stadtführerin in Berlin."

Buchpremiere »halbstark«, Die Fünfziger Jahre und Rock ’n’ Roll.
Musik: Peter Robin.
Im KulturCafé MoosGarten in Berlin,
Lorenzstraße 63, nahe S-Bahnhof Lichterfelde-Ost.
Mittwoch, 13. September 2017, 19 Uhr.

Seht bitte auch den Artikel "60 Jahre halbstark" auf Kuhle Wampe vom 28. Februar 2016.

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2017/09/05

Tag des offenen Denkmals am 10. September 2017
Die ADGB-Bundesschule in Bernau bei Berlin
Hannes Meyer

Dr. Christian G. Pätzold

bauhaus

UNESCO-Weltkulturerbe: Die ADGB Bundesschule in Bernau bei Berlin (Originale Bauhaus-Architektur von 1930). Wohnhäuser mit Glasgang.
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, August 2017.

Jedes Jahr am zweiten Sonntag im September werden historische Bauten und Stätten für das Publikum geöffnet. Dann werden Besonderheiten gezeigt und erklärt. Betreut wird die ganze Aktion von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Es gibt Geschichte zum Anfassen. Die Tage des offenen Denkmals (European Heritage Days) gibt es aber auch in anderen Ländern. Sie wurden zuerst 1984 von dem sozialistischen französischen Kulturminister Jack Lang in Frankreich organisiert als "Journées Portes ouvertes dans les monuments historiques".
Dieses Jahr bietet es sich an, am Tag des offenen Denkmals die ADGB-Bundesschule in Bernau nordöstlich von Berlin zu besuchen. Diese Bauhaus-Gebäude von 1930 wurden gerade in die UNESCO Weltkulturerbeliste aufgenommen, zusammen mit den Bauhausstätten in Weimar und Dessau. Eine höhere kulturelle Auszeichnung kann man nicht bekommen. Die Gebäude für den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) sind ein Monument der deutschen Arbeiterbewegung. Die Architektur ist so gut, dass sie von allen Seiten betrachtet Interessantes bietet. Die Gebäude liegen sehr schön mitten im märkischen Kiefernwald, in einer Hanglage, mit einem Teich und einem Freibad. In der Bundesschule werden öffentliche Führungen angeboten, die sehr zu empfehlen sind. Sie beginnen um 10:30 Uhr und dauern 2 Stunden. Die Anfahrt ist machbar, denn Bernau hat einen S-Bahnhof, der ans Berliner Netz angeschlossen ist. Auch die historische Innenstadt von Bernau ist eine Besichtigung wert.
Verantwortlich für die Bauten in Bernau war der Schweizer Architekt und Bauhaus-Direktor Hannes Meyer (1889-1954). Unterstützt wurde er von dem Architekten Hans Wittwer und von Lehrenden und Studierenden des Bauhauses in Dessau. Die Bauten, die erhalten sind, sind so typisches Bauhaus, dass man die Prinzipien der Architektur der Moderne perfekt an ihnen studieren kann. Die Bauwerke strahlen so viel Geschichte aus. Hier möchte man gerne studieren. Die Nazis haben die Bauten nach 1933 für ihre Zwecke genutzt. Die Bauhauskünstler wurden jedoch ins Exil getrieben und verbreiteten den modernen Stil des Bauhauses auf der ganzen Welt.
Die DDR-Führung stand dem Bauhaus positiv gegenüber. Denn erstens waren am Bauhaus zahlreiche Kommunisten tätig und das Bauhaus war von den Nazis verboten worden. Zweitens war man nach dem Tod von Stalin und dem Ende des Moskauer Zuckerbäckerstils tendenziell zur Bauhaus-Architektur der Moderne übergegangen. Und drittens waren die Bauhaus-Bauten in Dessau eine international bekannte Attraktion, die Prestige für die DDR brachte. So kam es, dass die Bauten des Bauhauses in der DDR gepflegt wurden.
Wer es nicht bis Bernau schafft, kann auch in Berlin etwas Bauhaus-Luft schnuppern: Im Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung in der Klingelhöferstraße 14 in Berlin Tiergarten. Dort befindet sich die weltweit größte Sammlung zur Geschichte des Bauhauses. Auch die Ausstellungen an diesem Ort sind sehenswert.

© Dr. Christian G. Pätzold, September 2017.

www.bauhaus-denkmal-bernau.de/baudenkmal/aktuelles

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Briefmarkenentwurf von Lothar Grünewald. Quelle: Wikimedia Commons.

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2017/09/03

Impression von der documenta in Kassel
The Mill of Blood
Antonio Vega Macotela

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Antonio Vega Macotela (geb. 1979, Mexico City), The Mill of Blood, 2017. Stahl, Holz, Glas. 5 x 9 x 9 Meter. Auf der Karlswiese in Kassel vor der Orangerie.
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2017.

Auf einer Tafel findet sich die folgende Erklärung:
"Maßstabsgetreue Nachbildung einer bolivianischen Silbermühle aus der Frühzeit der spanischen Kolonialherrschaft. Im Gegensatz zu anderen Mühlen in Mexiko oder Peru befand sich die bolivianische Mühle in einer solchen Höhe, dass sie auf die Arbeitskraft von indigenen Sklav_innen aus den Anden angewiesen war. Der Reichtum wurde nicht nur aus dem Boden extrahiert, sondern auch aus den Körpern der indigenen Bevölkerung. Auf die Rückseite der Münzen wurde nicht das übliche Konterfei des Staatsoberhaupts geprägt, sondern das gefiederte Horn des bolivianischen Gottes der Bergleute: El Tío. Noch heute opfern in Bolivien arbeitende Bergleute, deren Lebenserwartung vierzig Jahre beträgt, El Tío Lebensmittel und andere Dinge, auf das sie von seinem Geist beschützt werden. Die Münzen sind Denkmäler im Hosentaschenformat."

Anfang Dezember 1974 war ich auf dem Altiplano und tief unten im Bergwerk des Berges Cerro Rico in der Stadt Potosí in Bolivien, in dem zur spanischen Kolonialzeit viel Silber gewonnen wurde, das den damaligen Reichtum Spaniens begründete. Potosí liegt auf 4.067 Metern über dem Meeresspiegel in den Anden. Ich erinnere mich noch, dass es dort unten unheimlich heiß war und dass die Arbeit in dieser Hitze sehr belastend sein musste. An der Oberfläche waren es 5 Grad Celsius, im Schacht 300 Meter tief vom Eingang waren es 42 Grad Celsius mit einer hohen Luftfeuchtigkeit. Die Bergarbeiter verdienten 20 bis 30 Pesos (2,50 bis 3,50 DM) am Tag. Sie sprachen immer noch mit Verachtung über die früheren spanischen Ausbeuter.
Der Schutzgeist El Tío bedeutet auf Deutsch "Der Onkel". Die Bergleute opfern ihm wertvolle Dinge wie Schnaps und Zigaretten. Es ist wohl so, dass einige Bergleute offiziell katholisch sind, aber das schließt in Süd-Amerika nicht den Glauben an lokale Schutzgeister aus.
In Potosí ist die alte Münze (Casa Real de la Moneda) von 1575 erhalten und sie kann besichtigt werden.
Dr. Christian G. Pätzold.

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2017/09/01

Paul Lafargue und »Das Recht auf Faulheit«

Dr. Hans-Albert Wulf, Berlin

lafargue
Paul Lafargue

Der französische Sozialist Paul Lafargue (1842-1911) ist zweifellos der prominenteste Vorkämpfer für Faulheit und Müßiggang. Sein Traktat »Das Recht auf Faulheit« (1883 Le droit à la paresse; dt. 1887) hat in der europäischen Arbeiterbewegung für viel Furore gesorgt und wird heute immer wieder neu verlegt. Die Schrift endet mit einer Hymne an die Faulheit: "O Faulheit erbarme du dich des unendlichen Elends! O Faulheit, Mutter der Künste und der edlen Tugenden, sei du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit!" Indes: Auch hier wird die Suppe nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wurde. Lafargue war kein Anarchist, auch wenn er heute gerne von anarchistischen Gruppen als Herold gegen das herrschende kapitalistische Arbeitsethos ins Feld geführt wird. Er war ein prominenter Vertreter der französischen sozialistischen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts und obendrein Schwiegersohn von Karl Marx. Seine beißende Polemik zielt in zwei Richtungen: Zum einen gegen die unmenschliche kapitalistische Ausbeutung, die Erwachsene und auch Kinder in 14 bis 16 stündigen Arbeitstagen ruinierte. Und dies trotz enormer Steigerung der Produktivität durch Maschinen! Zum anderen setzt Lafargue pointiert das Recht auf Faulheit gegen die Forderung des Rechts auf Arbeit, wie es in der 1848er Revolution propagiert wurde. Wenn Lafargue prononciert das Recht auf Faulheit einfordert, so ist dies mithin auch eine Reaktion auf die hymnischen Arbeitsgesänge der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Vehement kritisiert er, dass die Überhöhung der Arbeit den Arbeitern in Fleisch und Blut übergegangen sei und sich bei ihnen geradezu zu einer Arbeitssucht entwickelt habe. Einer der blumigsten Vertreter dieses Arbeitswahns war der deutsche Sozialist Josef Dietzgen, der über das in der Arbeiterbewegung propagierte "Recht auf Arbeit" noch hinausging und die "Pflicht zur Arbeit" forderte. (Sozialdemokratische Philosophie, S.354) In seiner »Religion der Sozialdemokratie« verklärt er die Arbeit allen Ernstes zum "Heiland" und "Erlöser des Menschengeschlechts." (Religion der Sozialdemokratie, S.195) Lafargue hält dagegen: "Wenn die Arbeiterklasse sich das Laster, welches sie beherrscht und ihre Natur herabwürdigt, gründlich aus dem Kopf schlagen und sich in ihrer furchtbaren Kraft erheben wird, nicht um die famosen Menschenrechte zu verlangen, die nur die Rechte der kapitalistischen Ausbeutung sind, nicht um das Recht auf Arbeit zu fordern, das nur das Recht auf Elend ist, sondern um ein ehernes Gesetz zu schmieden, das jedermann verbietet, mehr als drei Stunden pro Tag zu arbeiten." (S. 48)
Die Arbeiterbewegung befand sich in einem Dilemma: Auf der einen Seite machte sie Front gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen mit ihren langen Arbeitszeiten in der frühkapitalistischen Produktion. Auf der anderen Seite pochte sie darauf, dass sie mit ihrer Arbeit die Grundlagen für den gesellschaftlichen Fortschritt legte. Mit Faulheit, Bummelei und Drückebergerei hatten die Sozialisten nichts im Sinn. Auch wenn ihnen dies von den Unternehmern bei jedem Streik in polemischer Absicht unterstellt wurde. Gegen solche Vorwürfe wehrte sich die Arbeiterbewegung vehement und dreht den Spieß kurzerhand um. Die Sozialisten, so heißt es, hätten die Arbeit auf ihre Fahnen geschrieben, der Müßiggang sei dagegen typisch für das Bürgertum und die Aristokraten. Und diese sind gemeint, wenn es in dem Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung, der »Internationalen«, heißt "Die Müßiggänger schiebt beiseite!" Lafargue dürfte klar gewesen sein, dass er mit seiner Forderung nach dem "Recht auf Faulheit" die kapitalistische Gesellschaft nicht zum Einsturz bringen würde. Sein »Recht auf Faulheit« ist denn auch in erster Linie ein propagandistischer Traktat und keine unmittelbare Anleitung zum politischen Handeln. Er belässt es bei seiner Forderung nach dem Drei-Stunden-Tag, verzichtet allerdings auf konkrete Strategien gegen den kapitalistischen Arbeitsirrsinn. Über Aktionsformen wie z.B. die kollektive Leistungsverweigerung (Streik) oder Leistungszurückhaltung (Dienst nach Vorschrift, Sabotage, oder auch das Krankfeiern) lässt er sich nicht aus. Dennoch war Lafargues »Recht auf Faulheit« von herausragender Bedeutung für die Arbeiterbewegung, weil er offen propagierte und aussprach, was sonst nicht einmal gedacht werden durfte.

Literatur:
Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit und andere Satiren. Herausgegeben von Jan Pätzold. Berlin 1986, Stattbuch Verlag.
Paul Lafargue: Le droit à la paresse. Presentation nouvelle de Maurice Dommanget. Paris 1970, F. Maspero.

Das Kapitel ist dem Buch entnommen:
Hans-Albert Wulf: FAUL! Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft, Norderstedt 2016.
ISBN 978-3-7392-0225-9

© Dr. Hans-Albert Wulf, September 2017.

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2017/08/31

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2017/08/28

IM KOPF DER SPRACHE
Berichte aus der Sprachwerkstatt von Dr. Karin Krautschick
Hansjörg Zauner - ein experimenteller Autor aus Wien
Teil 2

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Hallstättersee, Obertraun, Österreich.
Foto von © Maria Anastasia Druckenthaner, August 2017.

In Teil 1 berichtete ich in einem Nachruf auf ihn über den viel zu frühen Tod des experimentellen Autors Hansjörg Zauner. Kaum zu glauben, dass einer, der so an die Grenzen in Sachen Sprache ging, in einer solchen Idylle aufgewachsen ist. 1959 geboren in Obertraun am Hallstättersee - da lässt das Kopfkino nichts mehr zu wünschen übrig. Und doch war seine Kindheit überschattet von ein paar unschönen Ereignissen: aufgewachsen ohne Vater, in einem reinen Frauenhaushalt, wo er in der Gastwirtschaft, die seine Tanten führten, mit half. Er fühlte sich ungeliebt und nicht erwünscht - ein Trauma, das ihm keiner nehmen konnte, das aber Antrieb gab für ein Schreiben über das Normale hinaus - hier wollte er sich einen Namen machen, was ihm auch gelungen ist.
Dann der Weggang nach Wien, wo er sich in der Experimentellenszene umtat, z.B. als Herausgeber der Zeitschrift für experimentelle Poesie "Solande", und akribisch an der ihm eigenen Zaunerschen Methode arbeitete, für die er bekannt ist oder war.

In der Publikation ZERSCHNEIDEN DAS SPRECHEN, Edition Neue Texte, Linz-Wien 1989 erscheint das Gedicht:

finnland liegt in boehmen (für Oskar Pastior)

SPRACHE IM ZERSPRECHEN DER
SPRACHE ZERSPROCHENES SPRE-
CHEN
UEBERSPROCHEN versprechen
WEGGESPROCHENE SPRACHE ZER
SPROCHEN VERSPRECHEN DER
SPRACHE IM SPRECHEN (...)

In sog. Präfixgedichten wird die Sprache selbst destruiert - sowohl inhaltlich als auch formal. Ein ebenso sinnliches wie auch erotisches Verhältnis zum Sprachkörper spielt hier eine Rolle. Sich selbst bezeichnet Zauner als eher untheoretisch, das überlässt er lieber anderen.
Zu seinen wichtigsten Publikationen gehören weiterhin:

ZERFLOGENE STELLE MEHR, Siegener Hefte, Siegen 1988.
ZEICHEN SCHMELZEN SINN
KREUZUNGEN LOESCHE STILLE, beide Gertraud Scholz Verlag, Obermichelbach 1990.
VORBEI GEWORTET APPARAT, Edition Mohs, Wien 1990.

Im Weiteren folgen Anagramm- und Akronymgedichte und allerhand mehr aus der experimentellen Werkzeugkiste. Immer geht es ihm um neues, überraschendes bis dato so nicht zusammen gewürfeltes Sprachmaterial, mal assoziativ interessant - mal als formale Spielerei. Mehr dazu in Zauner Teil 3.
Befragt nach den letzten Veröffentlichungen, nannte er mir folgende:

DIE TAFEL SCHREIBT, Ritter Verlag, Klagenfurt 2012 (Lyrik mit einem Vorwort von Franz Josef Czernin).
SIE IST IM LIEBLINGSSONG MIT SKISTÖCKEN ALS LÄCHELN HÄNGEN GEBLIEBEN, Ritter Verlag, Klagenfurt 2013 (20 Prosatexte, Fotos, Collagen).
99.144 GEDICHTNASENLÖCHER SCHIEßEN AUF MICH BIS ALLES PASST, Ritter Verlag, Klagenfurt (Lyrik der letzten Jahre).

© Dr. Karin Krautschick, August 2017.

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2017/08/26

Kinderkram

Brigitte Blaurock

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Collage, 50x60cm, 2016. © Brigitte Blaurock.
www.brigitte-blaurock.de/

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2017/08/24

Werbefuzzis in der Denkerei
oder die Misere der Philosophie

Dr. Christian G. Pätzold

denkerei
Die Denkerei von Bazon Brock am Oranienplatz in Berlin Kreuzberg.
Foto von © Dr. Christian G. Pätzold, März 2015.

Die »Denkerei« in Kreuzberg befindet sich im Erdgeschoss des Hauses Oranienplatz 2, in der ehemaligen Damenmantelfabrik R. M. Maaßen. Sie heißt auch »Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand«. Die Denkerei wurde im Dezember 2011 von Bazon Brock eröffnet, ist aber immer noch ziemlich unbekannt, obwohl es sich um einen großen Laden handelt. Die Zahl der Menschen, die sich für Philosophie im Allgemeinen und für Bazon Brock im Besonderen interessieren, hält sich auch in Berlin in Grenzen.
Bazon Brock ist Jahrgang 1936 und emeritierter Professor für Ästhetik in Wuppertal. Dass er nicht in Wuppertal geblieben ist, sondern nach Berlin kam, kann ich verstehen. Er war ein Vertreter der Fluxus-Bewegung der 1960er Jahre, zu der auch Joseph Beuys und Wolf Vostell gehörten. Da mir Beuys und Vostell schon lange eingeleuchtet haben, wollte ich auch Bazon Brock mal kennen lernen. Das war nicht schwer, denn seine Denkerei bietet zahlreiche Veranstaltungen mit ihm an. So konnte ich endlich mal einen echten Philosophen treffen.
Meine Veranstaltung war ein Symposium zum Thema: Ästhetik der Unlösbarkeit in digitaler Kommunikation. Ich habe mich gefragt, warum Bazon Brock in Berlin nicht so bekannt ist. Weil er kein Kunstwerk in den öffentlichen Raum gestellt hat? Weil er kein wirklich wichtiges Buch geschrieben hat? Weil er ein Wirrkopf ist? Komplett gaga?
Ich hatte große Befürchtungen, denn deutsche Hochschulprofessoren sind Staatsbeamte und daher mit Vorsicht zu genießen. Aber so schlimm war es dann doch nicht. Eines seiner Hauptarbeitsgebiete scheint die Frage zu sein, wie man den Tod abschaffen kann. Er fordert ein »Grundrecht auf Unsterblichkeit«. Ein weiteres Thema sind die »unlösbaren Probleme«. Nach seiner Ansicht scheinen die sich von selbst zu lösen, wenn man nur abwartet und aussitzt.
Warum ist die Philosophie heute so vollkommen irrelevant? Weil sie nur am Schwafeln ist. Kaum jemand interessiert sich für Hirngespinste, außer der kleine Kreis der Philosophen selber. Das ist kein Wunder, denn die Philosophen interessieren sich nicht mehr für die Revolutionierung der Herrschaftsstrukturen und der Gesellschaft. Auch die Ästhetik liegt in Deutschland am Boden.
Irgendwann im Frühjahr 2015 betrat ich abends Professor Dr. Bazon Brocks seltsames Philosophie-Kabinett am Oranienplatz. Er war schon um 18:00 Uhr als erster da. Dann kam ein Fotograf, der die ganze Zeit Fotos von ihm gemacht hat. Bazon Brock hielt einen Vortrag. Von unlösbaren Problemen kam er zu bösartigen Problemen (wicked problems), beispielsweise Krebs. Er nannte das Problem Atomkraft, das mehr neue Probleme geschaffen hat als es gelöst hat. Er wetterte gegen die zu hohen Managergehälter. Er kritisierte die Problemlösung durch Schaffen von Nachfolgeproblemen und sprach sich für ein Handeln durch Unterlassen aus. Bazon Brock hat einen langen Vortrag gehalten. Es hörte sich alles einigermaßen passabel an, obwohl er an das Niveau von Joseph Beuys bei weitem nicht heranreichte.
In der anschließenden Diskussion hat er noch mal mächtig aufgedreht. Leider hat er die Raucher kritisiert - ein Minuspunkt für ihn. Ein Philosoph, der Reklame für das Nichtrauchen macht? So weit ist die Philosophie in Deutschland schon herabgesunken. Wenn er geraucht hätte wie Karl Marx, dann hätte er vielleicht die originelle Theorie des Brockismus entwickelt. Auf Trendforscher war er auch nicht gut zu sprechen. Genau so wenig auf Militärs, Manager, kreative Designer und Werbefuzzis. Alles sehr schön. Seine Mitdiskutanten, die aus diesen Branchen kamen, bezeichnete er als Idioten und Leute, die nur das Volk manipulieren. Das aggressive Polemisieren scheint unter Philosophen im Moment sehr in Mode zu sein. Bazon Brock war mit seinen fast 80 Jahren noch gut in Form. Die Alten werden halt immer fitter.
Dann hat er noch die Nachhaltigkeit als Metaphysik abgetan, wozu ich nicht zustimmen kann, und die Vorstellung des Anthropozäns als Hirngespinst bezeichnet. Sehr schlecht durchdacht. Jedenfalls betreibt er in der Denkerei einen kleinen Personenkult um sich selbst und bezeichnet sich ganz bescheiden als »Lehrer des Volkes« und als »Pop-Prophet«. Es hat schon eine Logik, dass er seine Denkerei am Oranienplatz angesiedelt hat. Das könnte ihm helfen, noch ein paar Dinge in seinem Kopf zurechtzurücken.

www.denkerei-berlin.de

Postskriptum:
Diesen Artikel habe ich im Frühjahr 2015 geschrieben. Das ist inzwischen schon über 2 Jahre her. Ich bitte daher darum, diesen Artikel als eine historische Momentaufnahme zu betrachten.

© Dr. Christian G. Pätzold, August 2017.

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2017/08/22

Der Revoluzzer (1907)
Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

Erich Mühsam

"War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer,
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: 'Ich revoluzze!'
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonsten unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
Rupfte man die Gaslaternen
Aus dem Straßenpflaster aus
Zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
Schrie: 'Ich bin der Lampenputzer
Dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn’ das Licht ausdrehen,
Kann kein Bürger nichts mehr sehen,
Laßt die Lampen stehn, ich bitt!
Denn sonst spiel’ ich nicht mehr mit!'

Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
Und der Lampenputzer schlich
Fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zuhaus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich, wie man revoluzzt
Und dabei doch Lampen putzt."

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2017/08/19

Buchtipp: »München ohne Lederhosen« von Rudolf Stumberger
Eine andere Geschichte Münchens

Ferry van Dongen

muenchen

An einer kritischen Beschreibung der jüngsten Geschichte Münchens hat es gefehlt. Rudolf Stumberger hat die Lücke geschlossen. "Kritisch meint dabei diesseits der Lebenswirklichkeit vieler Menschen in der Stadt jenseits der 'Schickeria' und der Reichen," wie der Autor in der Einleitung schreibt. Und weiter: "Geschichte ist kein fertiger, abgeschlossener Prozess, sondern um die Interpretation der Geschichte wird in sozialen und politischen Auseinandersetzungen immer wieder auf das Neue gerungen." Und diese Auseinandersetzungen stehen in München als Dauerpunkt auf der Tagesordnung. Gerade einmal zwei Jahre ist es her, dass in München, der "Hauptstadt der Bewegung", ein NS-Dokumentationszentrum eröffnet (2015) wurde. Die Diskussionen um ein Denkmal für Kurt Eisner, den ersten Bayerischen Ministerpräsidenten, wurden in den 2000er Jahren geführt und endeten mit einem Denkmal (2011), das wenig Aussagenkraft besitzt. Eine Glaskonstruktion mit dem Schriftzug: "Jedes Menschen Leben soll heilig sein." Und die Auseinandersetzung geht weiter: Im Februar 2017 hat Die Linke einen Antrag im Stadtrat gestellt, den bisher namenlosen Platz hinter dem Rathaus "Kurt-Eisner-Platz" zu benennen. Im nächsten Jahr jährt sich die Münchner Räterepublik zum 100. Mal. Auch hierbei versuchen konservative und reaktionäre Kreise die Bedeutung der Räterepublik herunterzuspielen bzw. zu leugnen.
Schon diese kurze, unvollständige und aktuelle Liste zeigt, wie wichtig es ist, sich einzumischen. Rudolf Stumbergers kritisch-alternativer Stadtführer ist dabei sehr hilfreich. Der erste Band beschreibt die Stadtgeschichte beginnend mit der Räterepublik, über die Zeit der Nazis bis zur Befreiung, vom Wiederaufbau bis zum Kalten Krieg und den Studentenprotesten von 1968.
Im zweiten Band wird die Stadtgeschichte seit 1968 beschrieben. Wohngemeinschaften wie die Einstein-Kommune, politischer Protest und Gegenkultur (das Blatt - Stadtzeitung für München war die "Mutter aller Stadtzeitungen"), die Gründung von selbstverwalteten Betrieben (das Café Ruffini gibt es heute noch) bestimmen die siebziger und achtziger Jahre. Er zitiert Dieter Hildebrandts kurze Beschreibung der bayerischen Regierungspartei aus den siebziger Jahren: "Die CSU ist ein Synonym für Staat, Fahne, Hymne, Bier, Bayern, München, Blasmusik, Gott, Narhalla, Orden, Oktoberfest, Titel, Trachten, Hinterfotzigkeit, Beschiss, Meineid, Leberkäs, Staatskanzlei, Strauß, Jagen, Jodeln, Schießen, Fressen, Saufen und Scheißen." Ich hatte es schon vergessen.
Seit den neunziger Jahren ist die politische Szene geschrumpft. Die Stadt ändert sich. Neue und teurere Eigentumswohnungen werden gebaut, die Reichen immer reicher, der Sozialabbau macht es den ärmeren Menschen immer schwieriger, sich in der Stadt zu behaupten. Rudolf Stumberger bringt hier zahlreiche Beispiele. Es werden aber auch einige heute bestehende Projekte einer kritischen Kultur (z.B. das Eine-Welt-Haus) oder soziale Projekte wie die Tauschringe vorgestellt.
In beiden Bänden finden sich zahlreiche Fotos und schöne Vorschläge für Stadtspaziergänge in München. So kann man sehr viel über die andere Seite Münchens erfahren.

Rudolf Stumberger: München ohne Lederhosen I. Ein kritisch-alternativer Stadtführer. 1918-1968. Aschaffenburg 2016, Alibri Verlag. ISBN 978-3-86569-198-9.

Rudolf Stumberger: München ohne Lederhosen II. Ein kritisch-alternativer Stadtführer. 1968 bis heute. Aschaffenburg 2017, Alibri Verlag. ISBN 978-3-86569-241-2.

© Ferry van Dongen, August 2017.

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2017/08/17

Impression von der documenta in Kassel
7.000 Eichen
Joseph Beuys

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2 der 7.000 Eichen, die Joseph Beuys (1921-1986) ab 1982 in Kassel gepflanzt hat (documenta 7 bis documenta 8). Vor dem Museum Fridericianum. 7.000 Eichen, verteilt im ganzen Stadtraum, mit 7.000 Basaltstelen.
Das Motto war: Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung. Das war Anfang der 1980er Jahre ein ökologisches Statement. Beuys war mehrmals auf der documenta zu sehen, daher wurde er auch "Der documenta-Künstler" genannt.
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2017.
Seht bitte auch den Artikel über den Beuys-Film vom 25. Juni 2017 auf Kuhle Wampe.

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2017/08/14

Buchtipp: 100 Jahre »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus«
von Lenin

Dr. Christian G. Pätzold

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Lenin auf dem Roten Platz in Moskau am 2. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, 7. November 1919.

Mit Imperialismus wird im Allgemeinen die Politik der Unterwerfung anderer Völker bezeichnet, um ein großes Reich zu errichten, wie bspw. das Römische Imperium vor 2.000 Jahren im Mittelmeergebiet. Heute spielt sich der Imperialismus allerdings im Weltmaßstab ab. Ziel der imperialistischen Mächte ist es, die Politik und die Ökonomie anderer Gebiete zu beherrschen, um Rohstoffe und Arbeitskräfte der beherrschten Gebiete zum eigenen Vorteil ausbeuten zu können. Außerdem sollen Absatzmärkte für die eigene Industrie und Kapitalanlagemöglichkeiten geschaffen werden. Der Kern des Imperialismus ist daher das Streben nach ökonomischer Expansion.
Die politische Theorie des Imperialismus entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es waren vor allem 3 Werke, die den Charakter der imperialistischen Epoche herausarbeiteten: »Imperialism« von John Atkinson Hobson, London 1902, »Das Finanzkapital« von Rudolf Hilferding, 1910, sowie »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« von Wladimir Iljitsch Lenin, das im Frühjahr 1916 in Zürich geschrieben wurde, aber erst im April 1917 in Petrograd (heute Sankt Petersburg) erschien. Angesichts des Ersten Weltkriegs ging es Lenin darum, die Interessen der imperialistischen Mächte in ihrem Kampf um die Vorherrschaft zu analysieren.
Damals um 1900 waren Deutschland, Großbritannien, Frankreich, das zaristische Russland und Japan die größten imperialistischen Mächte der Welt. Die USA waren noch sehr mit ihrer inneren Entwicklung beschäftigt. Heute hat sich das Bild grundlegend geändert. Heute sind die Vereinigten Staaten von Amerika (USA), die Russische Föderation und mit etwas Abstand die Volksrepublik China die größten imperialistischen Mächte. Die USA und Russland zusammen besitzen gegenwärtig 93 % der weltweit vorhandenen 14.000 Atomwaffen und bedrohen damit jedes Land der Welt und die gesamte Weltbevölkerung. Russland hat Teile von Nachbarländern militärisch besetzt. China unterdrückt die Völker der Tibeter und der Uiguren und hat Inseln weit im Süden besetzt. Chinesische Kriegsschiffe fahren sogar schon in der Ostsee. Die Europäische Union und Großbritannien kann man heute höchstens noch als kleine Imperialisten bezeichnen. Daneben gibt es aggressive regionale Mächte wie die Türkei, Saudi-Arabien und den Iran.
Lenin hat in seinem Buch die Triebkräfte des Imperialismus herausgearbeitet. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe von 1920 schreibt er: "In dem Büchlein wird der Beweis erbracht, daß der Krieg von 1914-1918 auf beiden Seiten ein imperialistischer Krieg (d.h. ein Eroberungskrieg, ein Raub- und Plünderungskrieg) war, ein Krieg um die Aufteilung der Welt, um die Teilung und Neuverteilung der Kolonien, der 'Einflußsphären' des Finanzkapitals."
Lenin definiert den Imperialismus in dem Buch anhand von 5 Merkmalen: "1. Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, daß sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen; 2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis dieses 'Finanzkapitals'; 3. Der Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besonders wichtige Bedeutung; 4. es bilden sich internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen, und 5. die territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistischen Großmächte ist beendet."
Wir leben heute in einer Welt, in der die imperialistischen Mächte ihre Waffensysteme kräftig aufrüsten und wieder zunehmend in aggressive Rhetorik verfallen. Daher ist Lenins Analyse noch erstaunlich aktuell. Lenin hat alles sehr schön analysiert und mit Statistiken belegt: Die Monopole, die Kartelle, die Finanzkrisen des Imperialismus. Nur seine Vorhersage des baldigen Zusammenbruchs des Imperialismus ist nicht eingetreten. Die Geschichte war leider anderer Meinung. Der Imperialismus hat in den letzten 100 Jahren ziemlich zugelegt, der Sozialismus dagegen hat mächtig abgebaut.
Ein weiteres wichtiges Buch von Lenin, das 1917 im Jahr der Oktoberrevolution erschien, war »Staat und Revolution. Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution«. Auf die Oktoberrevolution und ihre Bedeutung für das 20. Jahrhundert wird Kuhle Wampe im November zum 100. Jahrestag zurückkommen.

»Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriss« von Wladimir I. Lenin ist immer noch im Buchhandel auf Deutsch lieferbar. Preiswerter ist es jedoch, wenn man das Buch antiquarisch kauft, denn zu DDR-Zeiten erschien das Buch in großer Auflage im Dietz Verlag in Ost-Berlin.

© Dr. Christian G. Pätzold, August 2017.

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2017/08/12

Street Art in Berlin Friedrichshain

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Haus in der Kreutzigerstraße in Berlin Friedrichshain.
Fotografiert von © Henrik Zoltan Dören, November 2016.

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2017/08/10

Unter Kiefern und Hibisken 11

Ella Gondek

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Blaumeisen fotografiert von © Ella Gondek.

Dieses Mal erzähle ich nicht so viel vom Garten. Da sind jetzt die Hortensien und Hibisken in voller Blüte. Ganz interessant ist, dass die eine Hortensie rosa und blaue Blüten gleichzeitig bringt.
Nun aber zu meiner Beobachtung: Ich habe auf meinem Balkon noch 3 Meisenknödel hängen. Vor kurzem sah ich, wie 2 Blaumeisen auf der Brüstung saßen. Ich vermute, dass es Mama und Kind waren, denn die Meisenmama pickte Krümel vom Knödel und fütterte hingebungsvoll den Nachwuchs. Dieser genoss mit aufgeplusterten Federchen seine Mahlzeit. Das sah so niedlich und rührend aus. Ich holte mir ganz vorsichtig meinen Fotoapparat und so gelangen mir ganz nette Fotos, die auch nicht so alltäglich sind. Kurz darauf flog die Mama weg und das Meisenkind pickte sogar dann selber noch an einem der Meisenknödel rum, bis es kurz darauf auch das Weite suchte.
Dieses nette Erlebnis wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Auch in den nächsten Tagen konnte ich beobachten, wie sich eine Blaumeise, aber auch eine Kohlmeise, ebenso Spatzen, an den Knödeln zu schaffen machten. Im September gibt es dann vielleicht wieder was Neues aus dem Garten zu berichten.

© Ella Gondek, August 2017.

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2017/08/08

3 Aphorismen

Dr. Wolfgang Endler, Berlin

Tierisch-tibetische Philosophie
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile,
sagte der Elefant und verzichtete weise
auf den Besuch des Porzellanladens

Wachstum
Für einen besseren Ausblick zerschlage ich
noch jeden Tellerrand

Aufbauende Weisheit der Inuit
Der Schnee von gestern ist der Iglu von morgen

© Dr. Wolfgang Endler, August 2017.

Die Aphorismen stehen in dem Buch:
Petra Kamburg, Friedemann Spicker, Jürgen Wilbert (Hg.), Weisheit - Kritik - Impuls, Anthologie zum Aphorismenwettbewerb 2016, Bochum 2016. ISBN 978-3-8196-1028-8.

Dr. Wolfgang Endler hat den ersten Preis und den Hattinger Igel beim Aphorismenwettbewerb 2016 der Stadt Hattingen (Ruhrgebiet) gewonnen.

Wolfgang Endler, geboren 1946 in Ostberlin, aufgewachsen in Friedrichshagen, Orthopädiemechaniker, lebt seit seiner Abschiebung 1971 nach politischer Haft (DDR) in Westberlin. Studium der Biologie und Promotion. In den 1970er Jahren Mitarbeit in der Anti-AKW-Gruppe an der Freien Universität Berlin. Er schreibt bevorzugt literarisch-politische Texte, als bemerkenswerter Grenzgänger bewegt er sich zwischen den Genres. Er ist ein Vortragskünstler und Liederfinder mit Freude am Wortmaterial, veröffentlicht Geschichten und Gedichte in verschiedenen Anthologien, Literaturzeitschriften sowie im Internet.

Mehr Informationen unter: www.wolfgang-endler.de

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2017/08/06

72. Jahrestag der US-amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima am 6. August und Nagasaki am 9. August 1945

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Die Weltfriedensglocke im Volkspark Friedrichshain in Berlin.
Fotografiert von © Manfred Gill, August 2016.

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2017/08/03

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© art kicksuch, august 2017.

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2017/08/01

Jenseits der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft
10 Thesen

Dr. Hans-Albert Wulf, Berlin

1. Wie kommt es, dass immer mehr Menschen darüber klagen, dass sie immer weniger Zeit haben, obwohl sie immer mehr Zeit haben? Begriffe wie Stress und Burnout sind heute längst zu Modeworten geworden. Psychostress in der Arbeitswelt verursacht den Krankenkassen jährlich mehrere Milliarden Euro Kosten. Und dass sich die Freizeit immer mehr der Arbeit angleicht, das haben Philosophen bereits vor mehr als 100 Jahren diagnostiziert. Beide sind heute gleichermaßen vom Zeitspardiktat und den Prinzipien der Selbstoptimierung beherrscht. Selbst die ehemaligen Oasen der produktiven Muße, die Universitäten, sind längst unter die Räder der Ökonomie geraten. "Man denkt und forscht mit der Uhr in der Hand."(Nietzsche)
Wie können wir uns von diesem Arbeitsdiktat befreien? Sollen wir einfach aussteigen? Aber was kommt dann? Wovon sollen wir dann leben? Was sollen wir mit unserer Zeit anfangen? Wenn wir dann nur träge und faul in der Ecke hocken und uns langweilen, so haben wir ja nichts gewonnen.

2. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten. Die bequemste Lösung besteht zweifellos darin, sich aus allem herauszuhalten und sich jenseits aller finanzieller Sorgen in eine romantische Idylle, ganz ohne Arbeit, zurückzuziehen. Man sitzt gemütlich auf der Terrasse des berühmten "Grandhotels Abgrund" und blickt wohlig-schaudernd auf das Gewusel, das sich unten abspielt. Ansonsten lässt man es sich wohl sein, trinkt Champagner und vergnügt sich mit der Lektüre von erbaulichen Büchern wie die "Die Kunst des Müßiggangs" oder "Das Lob der Faulheit". Der andere, nicht ganz so bequeme Weg, gilt für all jene, die Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Denn Lohnabhängigkeit ist in unserer Gesellschaft bekanntlich ein kollektives Schicksal und wer seine Arbeitsstelle verliert, gerät auf Dauer leicht in den Strudel der Verelendung. Es geht hier also - anders als bei den privilegierten Müßiggängern - um die Arbeitswelt mit ihrem traditionellen Konfliktfeld von Lohn und Leistung.
Solange es nicht möglich ist, das kapitalistische Hamsterrad in ein Jahrmarktkarussell umzuwandeln, besteht nur die Möglichkeit, partiell an den Stellschrauben des Produktionssystems Veränderungen vorzunehmen. Lässt sich die Geschwindigkeit und somit das Arbeitstempo drosseln? Können die Arbeitsbedingungen halbwegs erträglich gestaltet werden? Wie lange müssen wir dort täglich arbeiten und welchen Lohn erhalten wir? In den 1970er Jahren haben die Gewerkschaften verschiedene Projekte unter dem Begriff der "Humanisierung der Arbeit" durchgeführt. Dabei ging es vor allem um zusätzliche stündliche Arbeitspausen und um die Veränderung der Arbeitsabläufe bei Fließbandarbeit. Und vor einiger Zeit haben die Gewerkschaften eine Kampagne mit dem Titel "Gute Arbeit" gestartet, um die Arbeit generell menschlicher zu gestalten.

3. Der französische Sozialist Paul Lafargue, von dem am Anfang dieses Buches die Rede war, hat in seinem "Recht auf Faulheit" provokant die Extremforderung nach einem Drei-Stunden-Tag formuliert. Die Erwerbsarbeit soll nicht mehr lebensbeherrschend, sondern lediglich Appendix, "eine Würze der Vergnügungen der Faulheit" sein. Mit seiner Forderung nach einer radikalen Arbeitszeitverkürzung unterscheidet er sich grundlegend von den Autoren des "Lobs der Faulheit" und der "Kunst des Müßiggangs", welche meist lediglich von Faulheitsnischen im Privaten träumen. Gegen die ewige Litanei der Unternehmer über die angeblich faulen Arbeiter dreht Lafargue den Spieß um. Das Recht auf Faulheit wird bei ihm zur Forderung nach einer rigorosen Arbeitszeitverkürzung. Jawohl, wir wollen faul sein und weniger arbeiten! Drei Stunden pro Tag sind genug!

4. Die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung ist so alt wie die Arbeiterbewegung selbst und feierte ihren ersten Sieg mit der Durchsetzung des 10-Stunden-Tages in England im 19. Jahrhundert. In den 1960er Jahren setzten die deutschen Gewerkschaften sukzessive die 40-Stundenwoche durch und in den darauf folgenden 80er Jahren entbrannte der Kampf um die 35-Stundenwoche. Diese Forderung konnte zwar bekanntlich bis heute nicht voll durchgesetzt werden. Dennoch ist der Kampf der Gewerkschaften für die Verkürzung der Wochenarbeitszeit von epochaler Bedeutung. Er ist ein wichtiger Schritt hin zur Realisierung des uralten Traums von einem Leben, das nicht mehr primär von entfremdeter Arbeit bestimmt wird. Die Verkürzung der Wochenarbeitszeit hat jedoch nicht im gleichen Maße die Lebensqualität erhöhen können, weil parallel dazu die Intensivierung der Arbeit erheblich gestiegen ist.

5. Seit einiger Zeit werden verstärkt alternative Arbeitszeitmodelle diskutiert und teils auch praktiziert. Verbreitet sind verschiedene Varianten der Teilzeitarbeit oder flexiblen Arbeitszeit. Daneben gibt es etliche Modelle, bei denen man sich durch temporären Lohnverzicht und den Aufbau von Arbeitszeitkonten einen Freizeitanspruch aufbauen kann. Ein Beispiel hierfür ist das sog. Sabbatical. Immer öfter geht es darum, das standardisierte System fester Wochen- und Lebensarbeitszeiten zu durchbrechen.

6. Mehr Lebenszeit und weniger Arbeit haben allerdings ihren Preis; denn in der Regel führt eine deutliche Verringerung der Arbeitszeit, wie z.B. bei der Teilzeitarbeit, zu Einkommensverlusten. Aber dies muss ja nicht automatisch Verzicht an Lebensqualität bedeuten, wenn man sein Konsumverhalten verändert und sich nicht jedem Werbeversprechen der Warenwelt hingibt. Die Absurdität besteht heute ja darin, dass viele Menschen Konsumartikel kaufen, für die sie hart arbeiten müssen, die sie aber oftmals gar nicht benötigen. Es entsteht ein fataler Teufelskreis aus Arbeit und Konsum, in dem sich Arbeitsfrust und Konsumsucht wechselseitig hochschaukeln.

7. Neuerdings gibt es verstärkt Tendenzen, sich von diesem Konsumwahn zu befreien und neue Wege zu gehen, durch die sich die Lebenshaltungskosten senken lassen. So gibt es beispielsweise immer mehr Second Hand-Läden und ebenso haben Tauschbörsen ihren Nutzen demonstriert. Nicht jeder benötigt 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr ein Auto. Zudem breiten sich neue Trends wie z. B „Gib - und Nimm-Stationen“ oder das Upcycling aus. Eine weitere Variante besteht darin, Haushaltsgegenstände, Mobiliar, Lebensmittel oder Kleidung in Eigenarbeit herzustellen. Mögen die genannten Beispiele vielleicht auch etwas trivial erscheinen, so könnten sie doch ein erster Schritt hin zu einem Wertewandel bedeuten.

8. Bei all den verschiedenen Modellen der Share Economy und den Beispielen der Selbstversorgung geht es keineswegs um entsagungsvolle Askese, sondern um den Versuch, die eigenen Lebenshaltungskosten zu verringern, ohne dabei aber die Lebensqualität senken zu müssen. Nur diese Kombination von weniger arbeiten einerseits, und einfacher (aber nicht schlechter) leben andererseits, lässt den Sprung aus dem Teufelskreis von Arbeit und Konsum gelingen.

9. Dies sind freilich nur erste Schritte. Erst die radikale Abnahme entfremdeter Erwerbsarbeit könnte zu einem besseren und sinnvolleren Leben führen. Die Freizeit und nicht die Arbeitszeit bestimmte dann das Leben. Gradmesser für die Lebensqualität wäre dann nicht allein das Geld, sondern ebenso die Zeit, die man zur freien Verfügung hat. Bereits 1980 wurde von dem Politologen Jürgen Rinderspacher der Begriff des "Zeitwohlstands" in die Diskussion eingebracht.

10. Und wenn Erwerbsarbeit in ihren heutigen Formen nicht mehr lebensbestimmend sein wird, dann wird auch die Faulheit als Kontrastbegriff zur Arbeit ihren Sinn verlieren. "Denn Faulheit ist eine verständliche Neigung, aber es kann kein Lebensprinzip sein." (Negt, S. 181) Die drei Faulen am Beginn dieses Buches möchte man wohl kaum als utopische Vision gelten lassen. Jenseits der fremdbestimmten Erwerbsarbeit könnten an die Stelle von Faulheit Begriffe wie selbstbestimmtes Leben, Kreativität, lustvolle Arbeit, autonomes Handeln, gutes Leben, genussvolle Zeitverschwendung und auch Muße treten.

Die 10 Thesen sind dem Buch entnommen:
Hans-Albert Wulf: FAUL! Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft, Norderstedt 2016. ISBN 978-3-7392-0225-9

© Dr. Hans-Albert Wulf, August 2017.

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2017/07/31

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2017/07/28

IM KOPF DER SPRACHE
Berichte aus der Sprachwerkstatt von Dr. Karin Krautschick
Hansjörg Zauner - ein experimenteller Autor aus Wien
Teil 1

zauner
Hansjörg Zauner und Dr. Karin Krautschick in Berlin, 19. Mai 2017.
Foto von © Maria Anastasia Druckenthaner.

In der Nacht des 30.06.2017 verstarb überraschend der experimentelle Dichter Hansjörg Zauner aus Wien. Über ihn und die experimentelle Dichtung der 80er Jahre in Österreich promovierte ich 1995 in Leipzig.

Der folgende Nachruf auf ihn wurde auf einer in Wien am 18.07.17 veranstalteten Gedenkfeier von Dr. Thomas Eder verlesen. Dieser Literaturwissenschaftler aus Wien hat sich sehr um Zauners Werk verdient gemacht.

Karin Krautschicks Nachruf auf Hansjörg Zauner, geschrieben am 16.7.2017

Beginnen möchte ich mit einer gefühlten Einladung, aus dem Namen Hansjoerg Zauner einen anagrammatisch inspirierten Text zu fertigen, der mir letzte Woche einfiel - mit der Vermutung, das wäre in seinem Sinne gewesen:

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Dem Sprachverfall und der Indoktrination durch Sprache etwas entgegen zu setzen, neue Ufer und Perspektiven zu zeigen - auf diesem Weg war Hansjörg Zauner einer der wichtigsten für mich, die ich aus der DDR-Diktatur kam, die ja v.a. eine Sprach-Diktatur war. Wir trafen uns 1988 in einem Literaturhaus, das es heute nicht mehr gibt - in der Conrad-Blenkle-Straße im Prenzlauer Berg. Zufälligerweise, falls es so was wie Zufall gibt, wohne ich heute nur ein paar Meter davon entfernt. Und auch Hansjörg, als er noch kürzlich für seine letzte Lesung nach Berlin kam, wohnte nicht weit davon. Ein magischer Ort scheints, an den es ihn zurück zog - und mich ja auch.
Der Sprachzauber, besser gesagt Sprachzauner, entfaltete seine Macht an diesem bedeutungsvollen Abend, sicher Schicksal, dass ich es an diesem Abend da hin geschafft hatte. Irgendeine Kraft trieb mich. Es las auch noch Christian Steinbacher, das sei der Vollständigkeit halber gesagt - und Valeri Scherstjanoi war als Zuhörer mit von der Partie.
Was mich damals glatt umgehauen hat, war der freie und spielerische Umgang mit Sprache, die Erlaubnis dazu - mein damaliges Germanistikstudium in Leipzig gab so etwas nicht her. Für mich ging eine Tür in eine ganz neue, bis dahin ungeahnte, unvermutete Welt auf. Im Weiteren haben wir uns jahrelang geschrieben, ich verfasste eine Doktorarbeit über sein Werk, die ich 1995 endlich verteidigte. Zur damaligen Zeit war das in Leipzig schon eher ungewöhnlich. Obwohl mein Studienkollege Olaf Nicolai 1994 seine Doktorarbeit "Geste zwischen Expression und Kalkül. Zur Poetik der Wiener Gruppe" verteidigte, gab es im Universitätsbetrieb erstmal keine wirkliche Offenheit für experimentelle Literatur.
Ich schreibe inzwischen selber experimentelle Texte. Hansjörg und ich - wir sprachen nie über meine Texte. Die Sachen, die ich so schreibe, wurden ausgespart - aber das war ok und ich habe auch nie dezidiert danach gefragt, wie er diese fand. Möglicherweise war ich ihm nicht radikal genug. Den Einsatz, den er für sein Werk brachte, konnte ich bei weitem nicht leisten. Unter dem machte er es aber nicht. So kannte ich ihn. Meister und Diener in einer Person. In seinem Anspruch war er total, wenn nicht gar totalitär.
Immer wenn ich Hansjörg traf, entging mir nicht die Tragik, in der er schwebte, das Litaneihafte seiner Texte, das aber auch den Boden darstellte für seine Alleingänge, seine Expeditionen ins Sprachreich, aus denen er stets mit reicher Beute zurück kehrte. Gleichzeitig, neben dieser persönlichen Tragik, eine große Warmherzigkeit und ein Interesse am Gegenüber, das habe ich genossen. Und wenn die Distanz groß genug war, war auch ein schönes Miteinander mit ihm möglich. Nach dem Fall der Mauer besuchte ich ihn in Wien und organisierte eine Lesereise mit den Stationen: Leipzig, Chemnitz (das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß), Berlin. Es war ein gegenseitiges Inspirieren, so hoffe ich doch, dass die Inspiration nicht nur einseitig war.
Hansjörg Zauner war für mich der Torwächter in die andere Welt, die Anderswelt der Sprache, diese zeigte er mir und begleitete mich ein Stück auf dem Weg da durch. Dafür bin ich dir sehr dankbar Hansjörg. Auch wenn du viel zu früh, wie ich finde, gegangen bist - ruhe in Frieden, den du dir verdient hast.

© Dr. Karin Krautschick, Juli 2017.

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2017/07/26

Impression von der documenta in Kassel
Die Fremden
Thomas Schütte

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Thomas Schütte (geb. 1954), Die Fremden, 1992 (documenta IX). 9 Objekte, Keramik glasiert.
Auf dem Portikus des Modehauses Sinn Leffers am Friedrichsplatz in Kassel.
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2017.

»Die Fremden« ist eines der Werke früherer Ausstellungen, die dauerhaft im Stadtbild von Kassel geblieben sind. Die Figurengruppe, die 1992 gezeigt wurde, bestand allerdings teilweise aus anderen Plastiken als die heutige Gruppe.

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2017/07/23

Buchtipp: 50 Jahre »Der eindimensionale Mensch« von Herbert Marcuse

Dr. Christian G. Pätzold

Das Buch »Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft« von Herbert Marcuse erschien vor genau 50 Jahren, im Jahr 1967, auf Deutsch bei Luchterhand, nachdem es bereits 1964 als »One-dimensional Man« auf Englisch in Boston erschienen war. Es wurde eines der wichtigsten Bücher der internationalen Studentenbewegung von 1968. Marcuse lehrte damals Politikwissenschaft an einem Zentrum der Bewegung, an der University of California. 1967 war er auch an einem anderen Zentrum der Bewegung, an der Freien Universität Berlin zu Besuch und hat im Audimax in Dahlem zu den StudentInnen gesprochen. Herbert Marcuse war der Denker, der der antiautoritären Studentenbewegung am nächsten stand.
Die Begriffe Entfremdung und Manipulation sind zentral bei Marcuse. Er beschreibt in dem Buch den entfremdeten und manipulierten Menschen in der fortgeschrittenen kapitalistischen Industriegesellschaft. Viele Menschen sind tatsächlich heute frustriert und unglücklich in ihrer Arbeit. Der Mensch folge nicht sich selbst und seinen wirklichen Bedürfnissen in seiner Arbeit, sondern er sei ein Objekt des falschen Bewusstseins und der kapitalistischen Ausbeutung. Seine Freizeit werde von den Manipulationen der Reklame bestimmt, die ebenfalls den kapitalistischen Profitinteressen diene. Der fremdbestimmte eindimensionale Mensch von heute sei von vorne bis hinten gebrainwashed, so dass er schließlich dem Wahn verfalle, das beste Leben in der bestmöglichen Gesellschaft zu führen.
Um die Argumentation von Herbert Marcuse etwas zu verdeutlichen, hier ein Zitat vom Beginn des Buches:

"Wäre das Individuum nicht mehr gezwungen, sich auf dem Markt als freies ökonomisches Subjekt zu bewähren, so wäre das Verschwinden dieser Art von Freiheit eine der größten Errungenschaften der Zivilisation. Die technologischen Prozesse der Mechanisierung und Standardisierung könnten individuelle Energie für ein noch unbekanntes Reich der Freiheit jenseits der Notwendigkeit freigeben. Die innere Struktur des menschlichen Daseins würde geändert; das Individuum würde von den fremden Bedürfnissen und Möglichkeiten befreit, die die Arbeitswelt ihm auferlegt. Das Individuum wäre frei, Autonomie über ein Leben auszuüben, das sein eigenes wäre.
...
Tatsächlich jedoch macht sich die entgegengesetzte Tendenz geltend: der Apparat erlegt der Arbeitszeit und der Freizeit, der materiellen und der geistigen Kultur die ökonomischen wie politischen Erfordernisse seiner Verteidigung und Expansion auf. Infolge der Art, wie sie ihre technische Basis organisiert hat, tendiert die gegenwärtige Industriegesellschaft zum Totalitären. Denn »totalitär« ist nicht nur eine terroristische politische Gleichschaltung der Gesellschaft, sondern auch eine nicht-terroristische ökonomisch-technische Gleichschaltung, die sich in der Manipulation von Bedürfnissen durch althergebrachte Interessen geltend macht. Sie beugt so dem Aufkommen einer wirksamen Opposition gegen das Ganze vor."

»Der eindimensionale Mensch« ist ein marxistisches Buch, aber die Sprache Marcuses ist im großen und ganzen klar, präzise und verständlich. Sie hebt sich dadurch erfreulich von den verschrobenen Formulierungen etwa bei Adorno ab. Aber eine Schwierigkeit gibt es bei Marcuse doch: das Buch ist interdisziplinär und verarbeitet viele Erkenntnisse der Soziologie, der Politologie, der Psychoanalyse, der Philosophie, der Geschichte und des Marxismus. Daher erfordert das Buch einen ziemlich gebildeten intellektuellen Leser. Es ist zwar bedauerlich, dass viele Leser an dem Text scheitern werden, aber so ist es nun mal. Die Theorie der Gesellschaft ist nicht einfach.
Die Buchhändler und Antiquare sind sich nicht sicher, in welches Regal sie Marcuses Buch stellen sollen. Ich würde sagen, es gehört am ehesten in das Soziologie-Regal. Und dort hat es einen bedeutenden Platz verdient. Andere einflussreiche Bücher von Herbert Marcuse, die sich zu lesen lohnen, sind: »Triebstruktur und Gesellschaft«, »Versuch über die Befreiung« und »Konterrevolution und Revolte«.
Marcuse starb im Juli 1979 mit 81 Jahren, seine Asche wurde aber erst im Sommer 2003 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße in Berlin Mitte beigesetzt. Für einen geborenen Berliner war das wahrscheinlich logisch. Dort ist er jetzt in der Gesellschaft von Bertolt Brecht, Helene Weigel, Heinrich Mann, Hanns Eisler, John Heartfield, Fritz Teufel und anderer guter Geister. Auf seinem Grabstein steht: "Weitermachen!"
Das Buch »Der eindimensionale Mensch« von Herbert Marcuse ist nach 50 Jahren immer noch im Buchhandel lieferbar!

© Dr. Christian G. Pätzold, Juli 2017.

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2017/07/21

Der Bademeister ist nicht da!

Brigitte Blaurock

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Collage, 40x60cm, 2017. © Brigitte Blaurock.
www.brigitte-blaurock.de/

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2017/07/19

80 Jahre Ausstellung "Entartete Kunst"

Dr. Christian G. Pätzold

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Dr. Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, in der Wander-Ausstellung "Entartete Kunst", 27. Februar 1938, in Berlin. Rechts von Goebbels (mit Brille) der Ausstellungsleiter Hartmut Pistauer. Zu sehen sind Gemälde von Emil Nolde (Christus und die Sünderin, Die klugen und die törichten Jungfrauen) und die Skulptur Heiliger Georg von Gerhard Marcks. Quelle: Wikimedia Commons/Bundesarchiv, Bild 183-H02648.

Zur Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945 war nur "deutsche Kunst" erlaubt. Der Führer selbst wollte ursprünglich Maler werden und bestimmte die Richtung. Röhrende Hirsche im Tannenwald oder Kühe auf der Alp waren deutsch und daher erlaubt. Ein weiteres Kennzeichen der Nazi-Kunst war das Gigantomanische. Die Plastiken der germanischen Helden mussten möglichst groß ausfallen. Nach dem Motto: Je größer desto besser. Auch Groß-Deutschland konnte nicht groß genug sein.
Aber dabei blieb es nicht. Der Führer hatte auch Künstler-Feinde, die vernichtet werden mussten. Alles, was nicht in seinen miefigen deutschtümelnden Geschmack des 19. Jahrhunderts passte, wurde verboten. Adolf Hitler persönlich hatte entschieden, dass alle Expressionisten "entartet" sind. Und wenn man nicht zur arischen Art gehörte, war das lebensgefährlich. Der Begriff der faschistischen "deutschen Art" war wie die "deutsche Leitkultur" ein ideologisches Konstrukt darüber, was deutsch und was undeutsch ist. Es ging dabei um die totalitäre Gleichschaltung des Denkens und Handelns des Volkes.
Neben den Expressionisten waren auch die Dadaisten, die Surrealisten, die Kubisten, die Fauvisten, die Bauhauskünstler und die Vertreter der Neuen Sachlichkeit verboten. Außerdem waren natürlich alle jüdischen Künstler aus rassischen Gründen per se "entartet". Linke und kommunistische Künstler waren aus politischen Gründen "entartet". Und auch alle modernen Künstler waren "entartet". Die Entartung betraf nicht nur die Malerei und die Plastik. Auch die moderne Literatur, Filmkunst, Musik, Theater und Architektur waren "entartet". Seht dazu bitte auch den Artikel über die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten, der am 10. Mai 2017 auf Kuhle Wampe erschienen ist.
Demgegenüber standen die Lieblingskünstler des Führers, die er in einer "Gottbegnadetenliste" festgehalten hatte. Diese Künstler, wie bspw. Georg Kolbe, genossen Privilegien. Sie konnten bspw. nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden.
Vor diesem Hintergrund spielte sich die Ausstellung "Entartete Kunst" ab. Sie wurde vom 19. Juli 1937 bis November 1937 in den Hofgartenarkaden in München gezeigt. Die Nazis wollten mit der Ausstellung die modernen Künstler diffamieren, von denen viele schon im Exil waren. Die Kunstwerke waren dafür in Museen in ganz Deutschland beschlagnahmt worden. Die 10 % der Deutschen, die Ahnung von Kunst hatten, wussten natürlich, dass dort gute Kunst gezeigt wird. Aber die 90 % der Deutschen, die keine Ahnung von Kunst hatten und zum großen Teil rechtsradikale Spießer waren, konnten mit der Ausstellung aufgehetzt werden. Es würde zu weit führen, hier näher auf die Massenpsychologie des Faschismus einzugehen. Nach München wanderte die Ausstellung bis 1941 durch eine Reihe deutscher Städte, darunter Berlin, Leipzig, Düsseldorf, Salzburg und Hamburg.
Welche Künstler wurden gezeigt? Die Liste der ausgestellten Künstler liest sich wie die Creme der deutschen Kunst. Ich kann hier nur einige nennen: Emil Nolde, Max Beckmann, Karl Schmidt-Rottluff, Marc Chagall, Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller, Otto Dix, Max Pechstein, Wassily Kandinsky, Kurt Schwitters, Paul Klee, Lovis Corinth, Franz Marc und viele weitere. Bei Wikipedia sind in der Kategorie: Künstler in Ausstellungen "Entartete Kunst" 120 Namen genannt.

© Dr. Christian G. Pätzold, Juli 2017.

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2017/07/17

Der Garten der Lüste

Hieronymus Bosch

bosch
Ausschnitt aus dem Garten der Lüste von Hieronymus Bosch, um 1500.

Hieronymus Bosch war ein niederländischer Maler, der wahrscheinlich am 9. August 1516 gestorben ist. Vor einem Jahr wollte Kuhle Wampe eigentlich an seinen 500. Todestag erinnern, aber dann kam der 100. Todestag von Lily Braun ebenfalls am 9. August 2016 dazwischen. Daher an dieser Stelle wenigstens ein Hinweis auf eine interessante Betrachtung des Gartens der Lüste von Hieronymus Bosch im Internet, auf die Ferry van Dongen aufmerksam gemacht hat:

https://tuinderlusten-jheronimusbosch.ntr.nl/en#

Die Webseite wurde von NTR, einem niederländischen öffentlich-rechtlichen Rundfunksender, herausgegeben. Das Bild mit Tour oder freier Navigation ist gut aufbereitet. Man sollte eine gute Audioinstallation haben, und vor allem einen größeren, hoch auflösenden Bildschirm. Die Tour wird in englischer und in niederländischer Sprache angeboten.
Das Triptychon von Bosch wurde um 1500 gemalt und befindet sich im Museo del Prado in Madrid. Die Maße sind 220 x 390 cm. Auf dem Bild von Bosch gibt es viel zu entdecken und vieles bleibt rätselhaft. Man muss sich auf das doch recht seltsame Denken des späten Mittelalters einlassen, das stark von den Lehren der katholischen Kirche mit ihren Himmelsfreuden und Höllenqualen geprägt war. Dieses Weltbild hat sich mit der Reformation vor 500 Jahren relativ stark verändert, so dass es uns heute als exotisch erscheint. Generationen von KunsthistorikerInnen werden sich noch mit der Entschlüsselung von Bosch beschäftigen können. Eine Warnung: Die Webseite von NTR speichert Cookies auf eurem Computer.
Dr. Christian G. Pätzold.

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2017/07/16

Street Art in Berlin Friedrichshain

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Fotografiert von © Henrik Zoltan Dören, November 2016.
Am Kino Intimes in der Boxhagener Straße 107 in Berlin Friedrichshain.
Das Kino Intimes ist ein Fokus der Street Art.
Um Katzenfotos kommt man heutzutage kaum herum.

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2017/07/14

Unter Kiefern und Hibisken 10

Ella Gondek

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Die Zaunrübe Bryonia dioica ist das einzige Kürbisgewächs, das in Deutschland heimisch ist. Fotografiert von © Ella Gondek.

Heute möchte ich Ihnen mal eine Besonderheit aus meinem Garten vorstellen. Es handelt sich hierbei um die "zweihäusige Zaunrübe" (Bryonia dioica), die sich um die Hecke, bestehend aus Liguster, Flieder, Weißdorn usw. in meterlangen Ranken schlingt. Es gibt 2 Geschlechter bei dieser Zaunrübe, männliche und weibliche Pflanzen. Die männlichen Blüten sind grünweiß und langstielig, die weiblichen sind gelblichweiß und kurz gestielt. Aus ihnen entwickeln sich scharlachrote Beeren. Ich habe leider eine männliche Pflanze. Ich bin immer wieder fasziniert, mit welchem Geschick sie sich um die Hecke schlingt. Auch die daneben stehenden Hibiskusbäumchen sowie die große Pfeifenwinde bleiben von ihr nicht verschont. Ich lasse sie einfach rankeln. Allerdings ist sie sehr giftig, ihre Wurzeln werden aber in der Homöopathie verwandt.
Vor kurzem hatte ich mit dem Schlauch gesprengt. Dabei habe ich leider eine Blindschleiche verscheucht, die sich unter einem der Rhododendren versteckt hatte. Bisher habe ich sie nicht wieder gesehen.
Ich habe meinen Garten mal wieder um einen roten Perückenstrauch (Cotinus coggygria 'Lilla’), um eine Schokoladenblume (Cosmos atrosanguineus), einen roten Fächerahorn (Acer palmatum 'Bloodgood’) und einen Fächerahorn (Acer palmatum 'Beni-shichi-henge’), der grüne Blätter hat, die rosa umrandet sind, erweitert.
Bis zum nächsten Mal.

© Ella Gondek, Juli 2017.

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2017/07/12

200. Geburtstag von Henry David Thoreau

Dr. Christian G. Pätzold

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Henry David Thoreau.
Quelle: Wikimedia Commons.

Der amerikanische Philosoph der Alternativbewegung Henry David Thoreau wurde vor genau 200 Jahren, am 12. Juli 1817, in der Stadt Concord im Staat Massachusetts/USA geboren. Aus diesem Anlass möchte ich hier einen Text wiedergeben, der in meinem Buch »Querdenkerartikel« erschienen ist:

Zugegeben, Henry David Thoreau (1817-1862) ist nicht gerade ein vergessener Autor. Er gehört sogar zur US-amerikanischen Identität. Aber in Deutschland, wo bekanntlich das Obrigkeitsdenken und der Untertanengeist zu Hause waren, konnte er noch nicht so richtig Fuß fassen. In unserem Buchladen hat man seltsame Begegnungen mit Menschen aus allen Jahrhunderten. Menschen, die man gerne trifft, und welche, die man lieber nicht so gerne träfe. Und so lief mir neulich dort auch Thoreau über den Weg. Ich war natürlich sofort begeistert, einen so berühmten Schriftsteller zu treffen.
Was war passiert? Weil die Regierung der USA nichts gegen die Sklaverei unternahm, weigerte sich Thoreau beharrlich, die Wahlsteuer zu zahlen. Wegen seiner Steuerverweigerung musste er eine Nacht im Gefängnis von Concord in Massachusetts verbringen. Darüber schrieb er 1849 seinen Essay »Civil Disobedience« (The Resistance to Civil Government). Thoreau schreibt darin:

"Wie also soll man sich heutzutage zu dieser amerikanischen Regierung verhalten? Ich antworte, dass man sich nicht ohne Schande mit ihr einlassen kann. Nicht für einen Augenblick kann ich eine politische Organisation als meine Regierung anerkennen, die zugleich auch die Regierung von Sklaven ist... Mit anderen Worten, wenn ein Sechstel der Bevölkerung einer Nation, die sich selbst zu einer Zuflucht der Freiheit gemacht hat, versklavt ist, und wenn ein ganzes Land widerrechtlich überrannt, von einer fremden Armee erobert und dem Kriegsrecht unterworfen wird (Krieg in Mexiko), dann, meine ich, ist es nicht zu früh für ehrliche Leute, aufzustehen und zu rebellieren."

Und die Sklaverei ist dann tatsächlich in den USA abgeschafft worden.
Die Grundsätze der Verweigerung von Thoreau hat Mahatma Gandhi später erfolgreich bei seinem Kampf für die Unabhängigkeit Indiens von britischer Herrschaft angewendet. Bei seinem berühmten Salzmarsch im Jahr 1930 in Gujarat forderte er von den Briten die Abschaffung der Salzsteuer, da sie die Ärmsten am härtesten treffe. An der indischen Westküste konnte an vielen Stellen Meersalz von jedermann aufgesammelt werden. Die Gewinnung von Salz war aber von der Salzpolizei verboten worden. Ziel der Kampagne war es daher, Salz am Strand aufzulesen, um die britischen Gesetze zu übertreten. Ziel des Marsches war der Strand südlich von Surat. Am 6.4.1930 las Gandhi einen Klumpen Sand mit Salz am Strand auf. Daraufhin wurde Gandhi von der Polizei verhaftet und bis Januar 1931 ins Gefängnis gesteckt. Der Erfolg der Aktion war zwiespältig. Zwar wurde die Salzsteuer nicht abgeschafft, aber die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit war auf den indischen Freiheitskampf gelenkt worden. Letztlich ist auch die britische Herrschaft in Indien zusammengebrochen. Auch die Bürgerinitiativen haben sich später von Thoreau inspirieren lassen.

Literatur: Henry David Thoreau, »Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat«, Zürich 1973, Diogenes Verlag.
Von den Werken von Thoreau gibt es einige deutsche Übersetzungen, die lieferbar sind. Schaut einfach mal im Internet nach und findet euer passendes Buch.

© Dr. Christian G. Pätzold, Juli 2017.

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2017/07/10

Der Sommer der Liebe

Dr. Christian G. Pätzold

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Vor 50 Jahren, im Sommer 1967, ereignete sich der Summer of Love in San Francisco in Kalifornien. Damals sprach man von Flower Power und die Blumenkinder waren in großer Zahl in der Stadt.

"For those who come to San Francisco
Summertime will be a love-in there
In the streets of San Francisco
Gentle people with flowers in their hair."

So sang Scott McKenzie in seinem Lied »San Francisco« von 1967, ein Ohrwurm, den ich heute immer noch als etwas zu süßlich empfinde. Die Blumen im Haar waren natürlich von der Südsee und von Hawaii inspiriert. Wichtige Slogans damals waren auch »Peace« und »Make Love not War«. Der Vietnamkrieg der USA wurde von den Hippies allgemein abgelehnt. Man war entsetzt von den Napalmbomben, die auf vietnamesische Frauen und Kinder abgeworfen wurden. Napalm war eine brennbare Flüssigkeit, die am Körper festklebte. Das war schon ziemlich eklig von der US-Regierung. Mit dem Gift Agent Orange wurden zusätzlich die vietnamesischen Wälder entlaubt. Viele junge Leute in den USA verweigerten damals die Wehrpflicht, weil sie nicht in den Krieg wollten. Die Friedensbewegung war auch das Thema der Hippie Anthem »Universal Soldier«, die Buffy Sainte-Marie schon 1964 gesungen hatte:

"He's the universal soldier and he
really is to blame
His orders come from far away no more
They come from him, and you, and me
and brothers can't you see
this is not the way we put an end to war."

Trotz ihrer zahlreichen Verbrechen wie bspw. dem Massaker von My Lai haben die USA übrigens den Krieg verloren. Der Höhepunkt des Summer of Love war das Monterey International Pop Festival vom 16. bis 18. Juni 1967. Dort traten Gruppen, Sänger und Sängerinnen auf, die einen großen Namen in der Hippie-Zeit hatten: Jimi Hendrix, Otis Redding, The Who, Janis Joplin, Canned Heat, Eric Burdon and the Animals, Jefferson Airplane, The Byrds, Ravi Shankar, Simon & Garfunkel, Scott McKenzie, The Mamas and the Papas etc.

"Don’t you want somebody to love
Don’t you need somebody to love
Wouldn’you love somebody to love
You better find somebody to love."

Das war 1967 die Hymne von Jefferson Airplane. Liebe war damals keine reine Privatsache, sondern politische Demonstration. Ich war erst im Mai 1974 in San Francisco, aber der Geist der Blumenkinder war noch spürbar. Ich konnte dort damals umsonst bei Genossen wohnen, und zwar im China Books Store im mexikanischen Viertel. Die Menschen in San Francisco waren sehr hilfsbereit und freundlich. Wie die Hippie-Bewegung weitergehen sollte, ist in dem Buch »Ökotopia« (1975) von Ernest Callenbach nachzulesen. In den 1980er Jahren erlitt der kalifornische Lebensstil durch AIDS einen schweren Schlag.

© Dr. Christian G. Pätzold, Juli 2017.

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2017/07/08

150. Geburtstag von Käthe Kollwitz
Königsberg/Ostpreußen 8. Juli 1867 - Moritzburg bei Dresden 22. April 1945

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Käthe Kollwitz, Selbstbildnis 1904.


Jenny Schon

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© Jenny Schon, Juli 2017.

Ein würdiges Gedenken - Für den Erhalt des Käthe-Kollwitz-Museums an seinem angestammten Platz in Berlin Charlottenburg!

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2017/07/07

Impression aus Venedig, 3. Juni 2017, 14:29 Uhr

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Fotografiert von © Henrik Zoltan Dören, Juni 2017.

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2017/07/05

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© art kicksuch, juli 2017.

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2017/07/03

Tagebuch 1973, Teil 18: Von Moskau nach Teheran

Dr. Christian G. Pätzold

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Jungs auf der Straße in Teheran. Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, August 1973.

25. August 1973 bis 28. August 1973, Moskau - Teheran, Sonnabend - Dienstag

Der Zug nach Teheran fuhr um 9:45 Uhr in Moskau ab. Die meisten Abteile des Zuges gingen nach Erevan in Armenien und waren 2. oder 3. Klasse, jedenfalls sehr voll. In ihnen schliefen doppelt so viele Menschen wie in der 1. Klasse, in der wir fuhren bzw. fahren mussten, da es nach Teheran nur die erste Klasse gab. Die Leute schliefen auf Holzbänken, hatten massenhaft Bündel mitgenommen und es roch nach allen möglichen Düften. Die erste Klasse war air-conditioned, gepolstert und der Zug fuhr geräuschlos und ohne zu zuckeln. Allerdings fuhr der Zug auch nicht besonders schnell, sonst hätte er nicht 4 Tage bis Teheran gebraucht. Das Restaurant war nicht besonders gut. Im iranischen Zug wurde man sehr vornehm, aber auch teuer im Abteil bedient.

Die Ausgaben in der Sowjetunion waren die folgenden:
250,- DM Übernachtung auf den Campingplätzen
50,- DM Benzin
200,- DM Umtausch für Essen etc.
20,- DM Sonstiges in der DDR ausgegeben
90,- DM zusätzliche Kosten für Verlängerung in Moskau
610,- DM insgesamt für 53 Tage (7.7.1973 bis 28.8.1973) pro Person.

Im Zug wurde in der ersten Klasse Tee gratis serviert, der Steward erwartete aber am Ende der Reise ein Trinkgeld. Wir waren mit einer Frau und ihrem Baby im Abteil. Sie war Russin und ihr Mann Armenier. Außerdem im Abteil war ein Mann aus Duschanbe, der als Übersetzer nach Teheran fuhr. Interessant war, dass die Mutter keine Windeln wie bei uns üblich benutzte, sondern Lappen, die sie schnell auswusch. Wenn sie ausging, so in Erevan, wickelte sie das Baby kunstvoll zu einem fest verschnürten Paket zusammen und band eine Schleife darum, so dass es so aussah wie auf alten Gemälden.
In unserem Abteil befand sich auch eine Mutter mit Tochter aus Bulgarien. Die Tochter Julia war siebzehn Jahre alt und sagte, sie sei Filmschauspielerin in Bulgarien. Außerdem arbeite ihr Vater in Teheran an der Oper und sie spreche bulgarisch, russisch, englisch, italienisch (da ihre Mutter italienischer Abstammung sei), persisch und sie fange jetzt mit deutsch an. Ganz schön viele Sprachen für eine 17-jährige. Ich konnte nur mit deutsch, englisch und etwas französisch aufwarten. Später auf meiner Reise habe ich dann in Lateinamerika noch spanisch und etwas portugiesisch gelernt.
Nachts hatte unser Zug ein paar Stunden Aufenthalt in Erevan. Wir machten einen Stadtbummel durch Erevan, der aber aus mehreren Gründen ziemlich kurz ausfiel. Erstens hatte der Zug wohl Verspätung. Außerdem war die bulgarische Familie dermaßen nervös, den Zug zu verpassen, dass sie ständig zum Umkehren drängelte. Sie meinten, hier müsse man mit allem rechnen, auch dass der Zug ohne alle seine Passagiere abfahre. Die größte Attraktion im Zentrum von Erevan war ein Musik- und Lichtspielbrunnen. Insgesamt habe ich in den letzten Wochen erfahren, dass die sowjetische Bevölkerung sehr freundlich und hilfsbereit zu Ausländern war, sowohl in der Ukraine als auch in Georgien und Russland.
Dann erreichte ich das Ende von Europa bzw. den Anfang des Orients an der Grenze der Sowjetunion mit dem Iran. Die Grenzorte waren Leninakan bzw. Dschulfa. Ich war das erste Mal im Orient! In Dschulfa bin ich aus Versehen aus dem Zug gegangen und mein Gepäck wurde kontrolliert. Sonst war die Grenze problemlos. Ich habe 2,68 Rubel umgetauscht und bekam 200 Rial. Dafür sagt man 20 Tuman.
Mein erster Eindruck vom Orient war die unglaublich trockene, kahle, fast wüstenartige Landschaft im Nord-Iran. Es war Hochsommer, nur vereinzelt sah ich ein paar Bäume, Lehmhütten, Schafherden, Kamele. Gedroschen wurde mit Tieren. Mein zweiter Eindruck vom Orient waren die in schwarze Tücher komplett verhüllten Frauen auf dem Bahnhof von Täbriz. Die traditionellen iranischen Frauen waren alle verhüllt. Bei westlichen Frauen wurde es aber geduldet, dass sie in normaler westlicher Kleidung herumliefen. Das war auch auf den Schah von Persien zurückzuführen, der eher westlich-amerikanisch als traditionell orientiert war.

Exkurs 1: Was ist eine Weltreise?

Mit dem Zug von Erevan nach Teheran hatte ich nun zum ersten Mal Europa verlassen. Ich war in Asien. Das war ein Anlass, über das Thema Weltreise nachzudenken. Schon damals Anfang der 1970er Jahre gab es Weltreisen in 10 Tagen. Dabei hüpfte man mit dem Flugzeug von Kontinent zu Kontinent. Zwischendurch machte man mal eine Stadtrundfahrt in Tokio oder in New York. So eine Weltreise in 10 Tagen hätte ich mir damals auch leisten können, aber sie hätte wahrscheinlich genau so viel gekostet wie meine zweijährige Weltreise. Und diese Art der Weltreise zählte natürlich nichts bei echten Globetrottern. Denn sie war im Grunde genommen keine Reise, sondern nur eine Weltumrundung mit dem Flugzeug, die sich der reiche Jetset zum Angeben leistete. Mit der lokalen Bevölkerung kam man so nicht in Kontakt. In zwei Jahren um die Welt zu fahren, so wie wir es machten, in lokalen Bussen und Bahnen oder in den Autos der Einheimischen, nur mit einem Rucksack, das war die echte Weltreise der Backpacker.

Exkurs 2: Der Wert der Deutschen Mark (DM)

Der Außenwert der D-Mark war entscheidend für meine Weltreise, denn nur aufgrund des extrem hohen Wertes der D-Mark konnte ich die Reise problemlos finanzieren. Aber wie war es zu diesem hohen Wert der DM gekommen? Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand das Währungssystem von Bretton Woods, nach dem die DM und andere Währungen in einem festen Verhältnis an den US-Dollar gebunden waren. Dieses System von Bretton Woods war im März 1973 zusammengebrochen, vor allem wegen der Inflationspolitik der USA und wegen der hohen Militärausgaben für den Vietnamkrieg. Dadurch wurden die DM und andere Währungen frei beweglich gegenüber dem US-Dollar. Die Wechselkurse bildeten sich nun aufgrund von Angebot und Nachfrage am Devisenmarkt. Alle Welt wollte damals DM haben, denn alle wollten die deutschen High-Tech-Produkte kaufen. Das führte dazu, dass der Wert der DM förmlich in den Himmel schoss, gerade zu der Zeit meiner Weltreise. Ich bekam nicht nur sehr viele Dollar für meine DM, sondern die DM war auch gegenüber den Währungen der armen Entwicklungsländer, in denen ich hauptsächlich reiste, sehr stark aufgewertet. Dadurch war das Reisen für mich sehr billig. Wahrscheinlich habe ich für die Reise nicht mehr ausgegeben als ich auch in Deutschland für meinen Lebensunterhalt bezahlt hätte, eher weniger. Aus finanzieller Sicht war es einfach ein günstiger Augenblick, 1973 bis 1975 als Backpacker um die Welt zu reisen.

© Dr. Christian G. Pätzold, Juli 2017.

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2017/07/01

Tagebuch 1973, Teil 17: Moskau

Dr. Christian G. Pätzold

21. August 1973, Moskau, Dienstag

Die Ärzte im Krankenhaus arbeiteten bis zu 24 Stunden am Stück, aber sie konnten zwischendurch schlafen. Die Krankenzimmer waren wohl fast alle 7-Bettzimmer. Die rüstigen Kranken holten für die Schwächeren das Essen. Auch brachten die Verwandten Obst für die Kranken mit, damit sie Vitamine bekommen.
Ich habe einen halben Liter Milch für 16 Kopeken gekauft. Bus und Metro kosteten 5 Kopeken, der Trolleybus 4 Kopeken. Ich hielt die ganze Fahrgeldzahlerei für eine einzige Schikanierung der Arbeiterklasse, die außerdem etliche Summen nutzlos verschwendete. Natürlicherweise bespitzelte man sich, ob jemand nicht zahlte. Die Fahrscheinautomaten waren auch recht häufig kaputt. Eine wichtige Vokabel in Moskau war: Njet Rabotajet.
Der Progress-Übersetzer Ken betrachtete es als "Schattenseite des Sozialismus", dass Jahreskalender mit Brigitte-Bardot-Bild in der Metro für 40 Kopeken verkauft wurden. Sie fanden aber reißenden Absatz, was bei Westhysterie und ständigen Westfilmen nicht verwunderlich war. In der Metro wurden außerdem verkauft: Lose, Theaterkarten, Bücher, Eiskrem, anscheinend meist von Rentnern. Rentner wurden Frauen mit 55, Männer mit 60. Die Metro war nach Wladimir Iljitsch Lenin benannt.
Das Leninmausoleum auf dem Roten Platz ist jeden Tag von 9 bis 13 Uhr geöffnet, außer Montag und Freitag geschlossen. Ich habe die Abwechslung der Wache vor dem Leninmausoleum um 18 Uhr gesehen, 2 Soldaten stehen davor wie Wachssoldaten. Ich war nicht drin im Mausoleum, da ich mir aus Mumien nichts mache. Ich habe im GUM noch etwas Warmes gegessen. Im Metropol waren junge Leute, die Marlboro-Zigaretten für ausländische Währungen kaufen wollten.

22. August 1973, Moskau, Mittwoch

Ich wollte auf den Moskauer Fernsehturm, es war aber zu voll. Dafür habe ich die Industrieausstellung besucht, das Studentenbillet hat 10 Kopeken gekostet. Die Ausstellung umfasste alle Bereiche der Volkswirtschaft, ich habe auch die Kosmoshalle gesehen. Dann habe ich meine Reisegefährtin im Krankenhaus abgeholt. Der Aufenthalt im Krankenhaus war kostenlos, der Arzt war sehr freundlich und das Essen war sehr gut.
Für das Intouristzelt mussten wir jetzt endgültig 80 Kopeken pro Nacht bezahlen in Devisen, wie ursprünglich in Berlin. Außerdem mussten wir 8 Rubel für die Umbuchung der Fahrkarten nach Teheran bezahlen. Wir sind so recht billig weggekommen. Diana sagte immer: "So etwas wie 'Den Staat' gibt es nicht, es gibt nur verschiedene Organisationen, und wenn eine Nein sagt, geht man zur nächsten."

23. August 1973, Moskau, Donnerstag

Dolores hat uns angeboten, bei ihr zu wohnen. Sie wohnten im Neubau in einer 3-Zimmer-Wohnung mit Küche, Bad und Toilette. Sie hatte einen Sohn und eine Tochter. Ihre Tochter war gerade im Pionierlager wie Dianas Tochter. Dolores Sohn wusste nicht so richtig, was er während der Ferien machen sollte, er las gerade Mark Twain. Dann haben wir noch einen Film aus Turkmenistan gesehen.

24. August 1973, Moskau, Freitag

Diana hat uns bei Dolores abgeholt und uns natürlich wieder in das teuerste Hotel der Umgebung geschleppt, ins Hotel Ukraina. Danach haben wir wieder auf ein Taxi gewartet und dann ein Privatauto bekommen. Diana bezahlte dem Fahrer des Privatautos normalerweise dreimal so viel Geld wie dem Taxifahrer. Dann waren wir bei Diana und haben eine Fernsehserie über die deutschen Nazis gesehen. Eine junge Engländerin Liza kam zu Besuch. Sie hatte in der Sowjetunion 1 Jahr lang studiert und wollte jetzt einen Russen heiraten. Aus England kamen so zirka 15 Leute pro Jahr zum Studium nach Moskau, wohl meist Leute der Freundschaftsgesellschaft. Dann sind wir zu Dolores zurückgefahren und Dolores hat ganz ausgezeichnet für uns gekocht.

© Dr. Christian G. Pätzold, Juli 2017.

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2017/06/30

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2017/06/28

Zum 50. Todestag von Oskar Maria Graf

Ferry van Dongen

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Oskar Maria Graf Denkmal in Aufkirchen (bei Berg am Starnberger See). Der Schriftsteller auf gepacktem Koffer sitzend.
Foto: © Ferry van Dongen, Juni 2017.

Oskar Maria Graf. Provinzschriftsteller. Spezialität: ländliche Sachen. So war es auf seiner Visitenkarte zu lesen. Graf ist am 28. Juni 1967 im New Yorker Exil gestorben, in dem er nach der Flucht vor den Nazis geblieben war. Schwierigkeiten mit der deutschen Politik und Gesellschaft hatte er Zeit seines Lebens.
Am 22. Juli 1894 als neuntes Kind eines Bäckermeisters in Berg am Starnberger See geboren, begann er sich früh für deutsche und russische Literatur zu interessieren. Vom Geist Leo Tolstois war er fasziniert. Nach der Volksschule begann für ihn eine Lehrzeit im Familienbetrieb, der nach dem Tod seines Vaters unter dem harten Regiment seines wilhelminisch gesinnten Bruders geführt wurde. Im Alter von 17 Jahren floh Graf nach München, wo ihm eine Karriere als Schriftsteller vorschwebte. Das unzureichende Einkommen aus der Schriftstellerei zwang ihn, sich mit diversen Jobs über Wasser zu halten. Er bekam Kontakt zur anarchistischen "Tat"-Gruppe um Erich Mühsam. Hier lernte er Franz Jung und den Maler Georg Schrimpf kennen, mit dem ihn eine feste Freundschaft verband.
Mit Schrimpf reiste er kurze Zeit später ins Tessin, wo er Petr Kropotkin kennenlernte und schlechte Erfahrungen mit den vegetarischen Individualanarchisten um Carlo und Gusto Gräser machte, die dort am Lago Maggiore eine Siedlung gegründet hatten. Wieder in München lebte Graf sein Bohemiendasein. Sein Kriegseinsatz war kurz. Er verweigerte den Gehorsam und wurde in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Als Kurt Eisner am 7. November 1918 in München die Republik ausrief, war Graf dabei. Während er anfangs noch von der revolutionären Stimmung mitgerissen wurde, schwand die Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Umsturz mehr und mehr. In einer 1930 erschienenen Besprechung seiner Autobiografie "Wir sind Gefangene" (1927) in der Zeitschrift "Linkskurve" kritisierte ihn der Rezensent als einen "schönen Revolutionshelden", der "mit seinem Liebchen Sekt saufen" ging und "andere für sich kämpfen" ließ. Die Kritik ist aus dem verbitterten Engagement des Autors verständlich, trifft aber nicht ganz zu. Dies wird klarer bei der Lektüre des zweiten Teils seiner Autobiografie "Gelächter von außen", die allerdings erst 1966 erschien.
Die unterschiedliche Politik von Mehrheitssozialdemokraten und Unabhängigen, Kommunisten, Anarchisten, die Fraktionskämpfe unter den letzteren, die hoffnungslose Situation gegenüber der restlichen, neuen Republik und schließlich der einfache Wille großer Teile der Bevölkerung nach "Brot und Frieden", nicht mehr und nicht weniger, dies schilderte Graf als mögliche Ursachen für die Niederlage der Räterepublik. Er selbst war als Zensor tätig, versuchte auch mit der Gründung eines "humanistischen Bundes" Einfluss zu gewinnen, zog sich jedoch immer mehr zu seinen feucht-fröhlichen Bohemientreffen zurück.
Ab 1924 wurden seine Einnahmen durch Veröffentlichungen besser. Er beschränkte sich größtenteils auf literarische Aktivitäten, was sich mit der andauernden Weltwirtschaftskrise wieder änderte. Am 17. Februar 1933 begann sein Exil mit einer Vortragsreise nach Wien. Nachdem er seinen Namen (nur "Wir sind Gefangene" darf nicht erscheinen) vergeblich auf der Liste der verbotenen Bücher suchte, veröffentlichte Graf in der Wiener Arbeiterzeitung am 12. Mai 1933 den Protestaufruf "Verbrennt mich!".
Graf schrieb bis 1933 größtenteils Dorfgeschichten und bayrische Schnurren wie "Das bayrische Dekameron" (1928) oder die "Kalendergeschichten" (1929). Er hegte zwar Sympathie für seine Landsleute, entblößte jedoch das Leben der Bauern und des Bürgertums durch eine genaue Beschreibung des Alltags. Ein Vergleich mit der "Comédie humaine" Balzacs ist sicher angebracht. In den Romanen "Bolwieser" (1931), "Der Abgrund" (1936) und "Anton Sittinger" (1937) rechnete Graf dann auch mit dem Kleinbürgerdasein, der reformistischen Politik der Sozialdemokraten und dem "typischen Mitläufer" aus der Mittelschicht ab.
Bis 1935 arbeitete er mit Wieland Herzfelde, Jan Petersen und Anna Seghers an der Zeitschrift "Neue Deutsche Blätter". 1938 flüchtete er weiter vor den Nazis nach New York, wo er sich in der Folgezeit für verfolgte europäische Autoren einsetzte und den Aurora-Verlag für Exilautoren mitgründete. Erst 1958 konnte er zum ersten Mal wieder nach Deutschland reisen, da er vorher als Staatenloser kein "Re-Enter-Permit" hatte. Bis 1965 reiste er ganze vier Mal nach Deutschland, kritisierte die hiesige politische und wirtschaftliche Restauration und blieb in letzter Konsequenz weiterhin im Exil. Mit der deutschen Gesellschaft, den Nachkriegsentwicklungen und seinen Schwierigkeiten damit, setzte er sich in den Romanen "Das Leben meiner Mutter" (1946), "Die Eroberung der Welt" (1949) und "Die Flucht ins Mittelmäßige" (1959) auseinander. Was es mit der Literatur für ihn auf sich hat, begründete Graf 1930 in der Zeitschrift "Linkskurve": "Literatur ist: das Wissen um den Menschen und das Wissen um den Hintergrund der Welt zu mehren."

© Ferry van Dongen, Juni 2017.

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2017/06/25

Filmkritík: »Beuys«. Ein Dokumentarfilm von Andres Veiel

Dr. Christian G. Pätzold

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Joseph Beuys im Hamburger Bahnhof in Berlin, Juli 2016.
Foto von © Dr. Christian G. Pätzold.

"Ich bin gar kein Künstler. Es sei denn unter der Voraussetzung, dass wir uns alle als Künstler verstehen, dann bin ich wieder dabei. Sonst nicht."
Joseph Beuys.

Künstlerfilme sind eine Familie in der Filmgeschichte, die nicht sehr groß ist, aber sie gefallen mir sehr gut. Man erfährt durch sie etwas über das Leben, das Denken und die Arbeit eines Künstlers oder einer Künstlerin anhand von Originalaufnahmen. Und so gefällt mir auch der Film von Andres Veiel über Beuys sehr gut, denn er bietet viele originale historische Filmdokumente mit Beuys: Wie Beuys dem toten Hasen die Bilder erklärt hat. Wie Beuys in Kassel 7.000 Eichen gepflanzt hat. Wie Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf alle 400 Bewerber in seine Klasse aufgenommen hat und darauf als Professor gefeuert wurde.

"Das ist ja der Satz, weswegen ich so oft ausgelacht werde. Kann die Plastik die Welt verändern? Ja!"
Joseph Beuys.

Dass Joseph Beuys (1921-1986) der wichtigste deutsche Künstler des 20. Jahrhunderts war, ist schon oft gesagt worden, und ich bin derselben Ansicht. Für ihn war die Kunst direkt mit der Gesellschaft und der Politik verbunden. Seine Kunst betrachtete er daher als "Soziale Plastik" und als ein Gesamtkunstwerk. Er kritisierte sowohl den Kapitalismus als auch den bürokratischen Sozialismus. Anfang der 1980er Jahre engagierte er sich bei den Grünen. Mit dieser politischen Position von Beuys können die meisten Künstler nichts anfangen, die sich auf ein l’art pour l’art zurückziehen.

"Ist doch gar nicht schlimm, wenn die Leute aggressiv werden. Lass sie doch ruhig aggressiv werden. Da kommt man wenigstens mit den Leuten ins Gespräch. Das heißt, du musst es provozieren. Und Provokation heißt immer: Jetzt wird auf einmal etwas lebendig."
Joseph Beuys.

Der Film »Beuys« war auf der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb zu sehen. Den Silbernen Bären für die beste Dokumentation und 50.000 Euro gewann allerdings der Film »Ghost Hunting« (»Istayad Ashbah«) des palästinensischen Regisseurs Raed Andoni. Der Regisseur Andres Veiel lebt in Berlin. Er ist Joseph Beuys, der schon im Januar 1986 gestorben ist, nie persönlich begegnet. Daher war er ausschließlich auf fremdes Archivmaterial angewiesen. Der Regisseur hat also selber nur die Interviews mit Zeitzeugen aufgenommen. Hauptsächlich hat er mit seinen Cuttern schwarz-weißes Archivmaterial geschnitten. Der Film ist trotzdem gelungen, weil er wichtige Aktionen von Beuys dokumentiert, Beuys zu Wort kommen lässt und den intelligenten Humor von Beuys einfängt. Beuys war wie ein rauer unbehauener Granitblock, nicht wie ein feiner weißer Carraramarmor.

Beuys, Deutschland 2017.
Regie: Andres Veiel.
Darsteller: Joseph Beuys.
Schnitt: Stephan Krumbiegel und Olaf Voigtländer.
Länge 107 min.

Seht bitte auch den Artikel »Das Kapital von Joseph Beuys« vom 23. Juli 2016 auf Kuhle Wampe.

© Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2017.

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2017/06/23

Impressionen von der documenta 14 in Kassel
Der Parthenon der verbotenen Bücher
Marta Minujín

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Marta Minujín (geb. 1941, Buenos Aires), The Parthenon of Books, Kassel Friedrichsplatz, 2017. Stahl, Bücher, Kunststofffolie. 19,5 x 29,5 x 65,5 Meter.
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2017.

Der Parthenon der verbotenen Bücher hat dieselben Ausmaße wie der Tempel auf der Akropolis in Athen. Er war ursprünglich eine Installation in Buenos Aires im Jahr 1983 nach der Militärdiktatur, die viele Bücher verboten hatte. Für die Installation auf dem Kasseler Friedrichsplatz sollen an dem Gerüst an die 100.000 einst oder gegenwärtig verbotene Bücher angebracht werden. An diesem Ort hatten 1933 die Nationalsozialisten Bücher verbrannt.

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Nahaufnahme: Der Parthenon der verbotenen Bücher.
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2017.

Die documenta 14 startete in diesem Jahr schon am 4. April in Athen, als Zeichen der Solidarität mit Griechenland und als Demonstration des griechischen Ursprungs der Kunst. Im Juni ist die Schau dann nach Kassel in Hessen gezogen. Dort findet die documenta traditionell seit 1955 alle 5 Jahre statt, um die internationale Gegenwartskunst zu dokumentieren. Auf der ersten documenta 1955 sollte die Kunst dokumentiert werden, die von den Nationalsozialisten als entartet verboten worden war. Daher der Name documenta.
Kurator der documenta 14 ist der Pole Adam Szymczyk. Die documenta dauert 100 Tage und wird daher auch das Museum der 100 Tage genannt. Angeblich ist sie die wichtigste Kunstschau der Welt. Wie dem auch sei.
Dieses Jahr werden 150 internationale Künstler ausgestellt, die ambitioniert politisch sein wollen. Die aktuelle Kunst will politisch relevant sein. L’art pour l’art ist gerade nicht so in Mode. Die Flüchtlingskrise, der Klimawandel und die soziale Ungerechtigkeit sind aktuelle politische Themen. Mir gefällt es, dass die documenta 14 hoch politisch ist. Allerdings werden auch zahlreiche Werke von schon lange verstorbenen Künstlern gezeigt, bspw. Fotografien von Tina Modotti aus Mexiko. Tina Modotti ist bekanntlich schon 1942 gestorben. Das leuchtet mir nicht ganz ein bei einer Kunstausstellung, die zeitgenössische Kunst zeigen will.
Es gibt 30 Ausstellungsorte, das schafft man nicht an einem Tag. Man bräuchte wohl zuerst mal einen Tag, um das Programmheft der 30 Austellungsorte zu studieren und eine Auswahl zu treffen. Man muss sich treiben lassen. Und sich Zeit nehmen zum Reflektieren von einzelnen Kunstwerken. Immerhin konnte ich ein paar Fotos aufnehmen, von aktuellen Kunstwerken und von früheren Kunstwerken, die in Kassel verblieben sind.
Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2017.

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2017/06/21

Die Fête de la Musique

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Jedes Jahr zum Sommeranfang am 21. Juni wird die Fête de la Musique veranstaltet, und das seit 1995 auch in Berlin. Musiker spielen umsonst und ohne Gage und draußen an der frischen Luft: Streetmusic bei sommerlicher Abendstimmung. In Berlin und in anderen Städten gibt es viele Musikusse, die entdeckt werden möchten. Die Gemeinden bezahlen die Bühnen, die Musiker können sich bekannt machen und das Publikum bekommt kostenlose Musik. Es gibt alle Instrumente und alle Musikrichtungen zu hören. Akustisches Musizieren ohne Strom ist von 16:00 bis 22:00 Uhr in der ganzen Stadt erlaubt, mit elektrischer Verstärkung braucht man eine behördliche Genehmigung. Die Programme der zahlreichen Bühnen stehen im Internet.
Die Fête de la Musique war eine Idee des sozialistischen französischen Kulturministers Jack Lang im Jahr 1981. Seit 1982 gibt es die Fête in Paris. Mittlerweile findet die Fête in über 500 Städten weltweit statt.
Ich werde dieses Jahr mal wieder in meinem Heimatbiotop Berlin Friedenau vor das Rathaus auf den Breslauer Platz gehen. Dieses Jahr spielen 6 Bands bis 22:00 Uhr. Die Musikrichtungen sind: Swing, Bossa Nova, Funk, Weltmusik, Oud, Jazz, Progressive Rock, Modern, Oriental Jazz, Brass. Das ist doch eine ganz schöne Bandbreite. Und auf den vielen anderen Bühnen in der Stadt gibt es noch viel mehr Musikstile zu hören. Eine kleine kostenlose Abendmusik zum Sommeranfang ist nicht schlecht.
Dr. Christian G. Pätzold.

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2017/06/19

IM KOPF DER SPRACHE
Berichte aus der Sprachwerkstatt von Dr. Karin Krautschick
Sprachspiele als Antwort auf Totalitarismus bei Oskar Pastior
Teil 4

Oskar Pastiors Gedicht "Die Karte" (1)

So wie Städte, Flüsse, Straßen und Betriebe
müßten auch unsere Gewohnheiten
namentlich eingetragen sein
auf einer komplizierten Karte.
Hier entspringt die schnelle, hier die kleine Geduld.
Dies sind die Föhren mit dem Kopf in den Wolken,
dies die Schluchten des Argwohns.
An dieser Stelle wird nach Gewissenhaftigkeit gebohrt
und hier, diese dichtbesäten Flächen bedeuten,
daß man versucht, Dinge gemeinsam zu lösen.
Es gibt noch weiße Stellen.
Auch Überschwemmungsböden,
auch Flugsand.
Der große Viadukt des Vertrauens fehlt natürlich nicht,
auch nicht die kleinen Brückchen, die den
Übergang aus der Region des Gehorsams
in die der fröhlichen Disziplinen erleichtern.
Selbst Fußspuren sind eingetragen und in der Legende benannt:
diese gingen über Menschen,
diese gingen hinter den Menschen
diese über den Menschen
hinaus.
Im Amt für Statistik
sind so viele begabte Graphiker damit beschäftigt,
täglich diese Karte umzuzeichnen.
Dabei wird sie präziser,
aber auch geschlossener,
lesbarer im ganzen,
tiefer im Detail.
Sie ähnelt schon dem Bild,
das ich mir ins Zimmer hängen möchte,
und eben deshalb
wart ich immer wieder
die morgige ab.

Dieser Text, merkwürdig unspielerisch, wie man es sonst von ihm eher nicht gewöhnt ist, gibt aber umso mehr Aufschluss über Oskar Pastiors Verhältnis zur Macht und wie es ist, in deren Fängen zu sein. Als 2010 bekannt wurde, dass der Büchner-Preisträger ehemals Zuträger des rumänischen Geheimdienstes Securitate war, schlugen die Wogen der Empörung und Erregung hoch. Es taten sich, wie im obigen Gedicht notiert, "Schluchten des Argwohns" auf "und so schienen plötzlich viele Rechnungen offen, begann das in den Labors des Lügenimperiums Securitate entwickelte Gift des Misstrauens und der Verunsicherung zuverlässig wieder zu wirken. Das ging sehr weit, sogar seine Dichtung wollten einige grundsätzlich in Frage stellen." (2) Es stellte sich aber heraus, dass Pastiors Mitarbeit eher leidenschaftslos bis passiv war und er bzw. seine Zuträgerschaft als nicht ergiebig genug fallen gelassen wurde. Dies hatte die Oskar-Pastior-Stiftung in einem extra in Auftrag gegebenen Forschungsprojekt, "um die tatsächliche Verstrickung von bloßem Verdacht zu scheiden und was damals, in den sechziger Jahren des poststalinistischen Rumänien, wirklich geschah." (3), herausgefunden.
Pastiors Liebe zu einem Satzbau, der sich nicht unterordnet, "parataktisch" ist, erklärt sich auch aus einer Sehnsucht heraus, die "irgendwo im Niemandsland am Beckettlimes sich (ihre eigene) Syntax herbeifädelt" (4). Diese Sehnsucht "kommt wohl immer nach größeren Katastrophen auf" (5). Diese haben wir in den Teilen 1-3 (Siehe weiter unten im Blog Kuhle Wampe) schon näher beleuchtet.
Um noch mal auf den eingangs zitierten Text zurück zu kommen: "In Pastiors Spielen mit Zahlwörtern und Wortkolonnen, in der unerschöpflichen List des Listenanlegens ist das Echo auf die "Namenslisten auf dem Amt, bei Verteilern oder Deportationen" unüberhörbar."(6) Nicht allein aus seinem Spieltrieb sind diese erklärbar, sondern zwingend aus der "Notwehr und der obsessiven Wiederholung der immergleichen Urszene der Selbstbehauptung des jungen Mannes, der einer Übermacht nichts entgegen zu setzen hat als das Alphabet." (7)

(1) Das Gedicht "Die Karte" ist zitiert nach dem ersten Band der Oskar-Pastior-Werkausgabe, der 2006 in der Edition Akzente des Münchner Carl Hanser Verlages erschienen ist.
(2) Mönch, Regina, FAZ, 25.06.2012, Oskar Pastior und die Securitate/ Schluchten des Argwohns.
(3) Ebenda.
(4)-(7) Müller, Lothar, Der Zungenzwinkerer, Süddt. Zeitg, 6.10.2006, S.15.

© Dr. Karin Krautschick, Juni 2017.

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2017/06/18

Der letzte Gang

Brigitte Blaurock

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Collage, 40x50cm, 2016. © Brigitte Blaurock.
www.brigitte-blaurock.de/

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2017/06/16

100 Jahre De Stijl

Dr. Christian G. Pätzold

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Theo van Doesburg, Rhythmus eines russischen Tanzes, 1918.
Quelle: Wikimedia Commons.

In der Kunstgeschichte trifft man immer wieder auf wichtige Künstlergruppen, die der Kunst eine neue Richtung gaben. Dazu gehört auch die niederländische Gruppe »De Stijl«, die am Anfang der Moderne stand. Sie wurde 1917 in Leiden von den Malern Theo van Doesburg und Piet Mondrian sowie weiteren Künstlern gegründet. Später kamen noch der Architekt Gerrit Rietveld und weitere Künstler hinzu. Die Zeitschrift der Gruppe hieß auch De Stijl. Die erste Nummer von De Stijl erschien vor genau 100 Jahren, am 16. Juni 1917, und hielt sich als monatliche Kunstzeitschrift bis 1928.
Die Gruppe De Stijl vertrat eine radikal moderne Ästhetik der Gestaltung. Ihre Grundlagen waren der Kubismus und die Abstraktion. In der Malerei gibt es nur waagerechte und senkrechte Linien sowie die Grundfarben rot, gelb und blau sowie die Nichtfarben schwarz, grau und weiß. In der Architektur sind die Bauten als Kuben gestaltet, mit dem typischen Flachdach. Alles wurde radikal vereinfacht. Damit schuf die Moderne eine Gegenposition zum verschnörkelten eklektischen Historismus des 19. Jahrhunderts.
Etwa zur selben Zeit entstand in Deutschland das Bauhaus, das von dem Architekten Walter Gropius geleitet wurde und dieselbe Philosophie vertrat wie De Stijl. De Stijl war eine Zeitschrift, aber das Bauhaus war eine ganze Hochschule mit vielen Studenten, zuerst in Weimar und dann in Dessau. Es war ein großer Verlust, als die Nazis 1933 das Bauhaus vernichteten. Aber nach 1945 setzte sich die Moderne trotzdem in Deutschland (Ost und West) allmählich durch, als die Ästhetik, die dem Geist der Zeit angemessen war.
Die weitere Entwicklung ist bekannt. Irgendwann wurde die Moderne zu eintönig und zu langweilig und zu old school. In den späten 1960er Jahren kam die Pop Art und löste die Strenge der Moderne mit ihren bunten Farben und fließenden Formen auf. In den 1980er Jahren folgte dann die Postmoderne, die wieder eine neue Ästhetik schuf, die unserem Gefühl angemessener war. Die moderne Ästhetik prägte die Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert weit über die westliche Welt hinaus. Aber letztlich wurde sie doch von einer freieren und spielerischeren Form überwunden.

© Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2017.

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2017/06/15

Piazza San Marco, Venedig, 3. Juni 2017, 16:31 Uhr

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Fotografiert von © Henrik Zoltan Dören.

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2017/06/13

Unter Kiefern und Hibisken 9

Ella Gondek

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Die Pfeifenwinde (Aristolochia macrophylla Lam.) kommt aus Nord-Amerika und gehört zur Familie der Osterluzeigewächse.
Fotografiert von © Ella Gondek.

Da es hier in Wildau schon lange nicht mehr geregnet hat, ist das Gießen der vielen Blumen und Pflanzen im Garten und auch auf dem Balkon an der Tagesordnung. Auch die Mückenplage ist ziemlich nervig, noch dazu, wenn man gegen die üblichen Sprays allergisch ist.
Heute wollte ich Ihnen mal die Pfeifenwinde zeigen, die wohl schon viele Jahre alt ist und eine Größe von ca. 4 m hat. Sie bereitet mir immer wieder viel Freude. Speziell in diesem Jahr hat sie unheimlich viele Blüten angesetzt. Diese ca. 4 cm großen gelben Blüten sehen wie kleine Pfeifen aus und die dunkelrote Öffnung lockt diverse Fliegen an. Ich habe spaßeshalber mal eine vertrocknete Blüte aufgepfriemelt, diese enthielt unzählige tote Fliegen. Die Blätter erreichen zum Teil einen Durchmesser von 40 cm, ist schon sehr beeindruckend. Ich hatte vor einigen Wochen das Glück, mir 2 Ableger davon machen zu können, die auch schön angewachsen sind. Mal schauen, in welche Ecke meines Gartens ich diese auspflanzen werde.
Einige Rhododendren sind schon verblüht, manche stehen in voller Blüte und bei einer ganz feuerroten zeigen sich jetzt erst die ersten Knospen. Bei den Hortensien kann man auch schon die Blütendolden erkennen. Die verschiedenen Lilienarten sind ebenso schon prächtig gewachsen und man sieht auch schon die ersten Knospen. Das Beobachten geht also weiter.

© Ella Gondek, Juni 2017.

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2017/06/11

Dr. Jörg Später im Literaturforum im Brecht-Haus

Dr. Jörg Später, Historiker von der Universität Freiburg, stellt seine umfangreiche Siegfried-Kracauer-Biografie vor, die im vergangenen Jahr bei Suhrkamp erschienen ist.

Dienstag, 13. Juni 2017, 20:00 Uhr
im Literaturforum im Brecht-Haus
Chausseestraße 125 | 10115 Berlin Mitte
www.lfbrecht.de

In der Ankündigung der Veranstaltung heißt es:
"Sein Bändchen über »Die Angestellten« (1929) ist ein Klassiker; seine Feuilletons, Kritiken und Städtebilder für die Frankfurter Zeitung sind stilistische wie kulturhistorische Meisterstücke. Seine großen Filmbücher sind Eckpfeiler jeder Filmtheorie und Filmgeschichte bis heute. Siegfried Kracauer (1889–1966) war befreundet mit den bedeutendsten kritischen Geistesgrößen seiner Zeit, doch stets zugleich ein Außenseiter, der als Linker und Jude über Frankreich ins amerikanische Exil ging, um dort noch einmal neu anzufangen. Der Historiker Jörg Später hat ihm nun eine erste gründliche Biographie gewidmet, der das Beste gelingt, was man über eine Biographie sagen kann: Leben und Werk plastisch und präzise in die Tendenzen der Zeit so einzubetten, dass durch das persönliche Schicksal eine ganze Epoche transparent wird."

Seht bitte auch den Artikel über Dr. Siegfried Kracauer vom 26. November 2016 auf Kuhle Wampe.

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2017/06/09

100. Geburtstag von Eric Hobsbawm

Dr. Christian G. Pätzold

Der britische marxistische Historiker Eric Hobsbawm wurde genau vor 100 Jahren, am 9. Juni 1917, in Alexandria im Sultanat von Ägypten geboren. Er stammte aus einer jüdischen Familie. Seine Großeltern hießen noch Obstbaum und lebten in Warschau. Seine Jugendzeit verbrachte Eric Hobsbawm in Wien und Berlin (1931-1933). Als Schüler in Berlin begann er, Marx zu lesen, und er wurde Mitglied des Sozialistischen Schülerbundes, einer Organisation der KPD.
Anschließend siedelte er nach England über. 1936 wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei Großbritanniens (CPGB). Er studierte von 1936 bis 1939 am King’s College in Cambridge das Fach Geschichte. Anschließend promovierte er in Cambridge über die Geschichte des Fabianismus. Seit 1946 war er Mitglied der Communist Party Historians Group, einer Gruppe von Historikern in der KP. Er war Mitglied der CPGB, bis sich diese 1991 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auflöste.
Von 1971 bis 1982 war er Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität London. Danach lehrte er an der New School for Social Research in New York. Er war ein hervorragender Theoretiker der Arbeitergeschichte. Eric Hobsbawm starb am 1. Oktober 2012 in London/England.

Bekannt ist Eric Hobsbawm vor allem für seinen Begriff des "langen 19. Jahrhunderts", das er von 1789 bis 1914 ansetzte, vom Beginn der Französischen Revolution bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Diese Epoche umfasst 125 Jahre, und damit wäre das 19. Jahrhundert quasi 25 Jahre zu lang gewesen. Dem langen 19. Jahrhundert ist auch sein dreibändiges Hauptwerk gewidmet:
- The Age of Revolution: 1789-1848
- The Age of Capital: 1848-1875
- The Age of Empire: 1875-1914.
In einem vierten Band beschrieb es das "kurze 20. Jahrhundert", das er von 1914 bis 1991 (Zerfall der Sowjetunion) ansetzte:
- The Age of Extremes: A History of the World 1914-1991.

Zu seinen zahlreichen weiteren Büchern, die sich um die Sozialgeschichte drehen, zählen:
- Sozialrebellen. Archaische Sozialbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert, Neuwied/Berlin 1962.
- Die Banditen, Frankfurt am Main 1972.
- Revolution und Revolte. Aufsätze zum Kommunismus, Anarchismus und Umsturz im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1977.
- Ungewöhnliche Menschen. Über Widerstand, Rebellion und Jazz, München/Wien 2001.
- Captain Swing, London 2001.
- Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert (Autobiographie), München/Wien 2003.

Man fragt sich, warum der Marxismus gerade bei Historikern im 20. Jahrhundert so erfolgreich war. Die Kategorie „Marxistischer Historiker“ bei Wikipedia listet immerhin 156 Namen auf. Neben Eric Hobsbawm aus England sind darunter so berühmte Namen wie Jürgen Kuczynski aus der DDR, Vere Gordon Childe aus Australien, Edward P. Thompson aus England und Hans Mottek aus der DDR. Ihre Stärke war, dass sie eine "Geschichte von unten" schreiben konnten, während der Blick der bürgerlichen Historiker auf die herausragenden Persönlichkeiten der herrschenden Klassen fixiert war. Karl Marx und Friedrich Engels hatten im 19. Jahrhundert eine Geschichtstheorie entworfen, den Historischen Materialismus, der die Geschichte der Menschheit als eine Abfolge von Klassenkämpfen zwischen Ausbeuterklassen und ausgebeuteten Klassen sah. Entsprechend wurde die Geschichte in 5 große Phasen eingeteilt: Kommunistische Urgesellschaft, Sklavenhaltergesellschaft, Feudalistische Gesellschaft, Kapitalistische Gesellschaft und Sozialistische Gesellschaft. Auf dieser festen Grundlage war es möglich, im 20. Jahrhundert das große Forschungsprogramm einer Geschichte der ausgebeuteten und unterdrückten Klassen zu entfalten.

© Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2017.

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2017/06/08

Eine kleine Randnotiz zu Bob Dylan

Jetzt ist die spannende Frage gelöst. Knapp vor Ende der Frist hat Bob Dylan seine Nobelpreisrede doch noch nach Stockholm geschickt, als Audio-Datei. Die 820.000 Euro Preisgeld für den Literaturnobelpreis 2016 wollte er sich nicht entgehen lassen. Seht bitte auch den Artikel über Bob Dylan vom 11. Dezember 2016 auf Kuhle Wampe.

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2017/06/06

Street Art in Berlin Friedrichshain

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Fotografiert von © Henrik Zoltan Dören, November 2016.
Am Kino Intimes in der Boxhagener Straße 107 in Berlin Friedrichshain.
Das Kino Intimes ist ein Fokus der Street Art.

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2017/06/04

art kicksuch

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© art kicksuch, juni 2017.

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2017/06/02

Der Tod des Demonstranten

Alfred Hrdlicka

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Zur Erinnerung an den Tod des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in Berlin Charlottenburg.
Relief vor der Deutschen Oper Berlin: Alfred Hrdlicka (1928-2009), Der Tod des Demonstranten (1971).
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, November 2016.
Jemand hat einen Pflasterstein in die Hand des Demonstranten gelegt. Die kleinen Pflastersteine der Berliner Bürgersteige dienten den Demonstranten damals zum Einwerfen der Glasscheiben von kapitalistischen Institutionen.

Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg in Berlin Charlottenburg von der Polizei erschossen. Die Schüler und Studenten demonstrierten damals gegen den Schahinschah von Persien, der vom westberliner Senat eingeladen worden war. Für den Schah wurde die Zauberflöte in der Deutschen Oper Berlin aufgeführt. Persien war damals eigentlich ein Neben-Kriegsschauplatz, denn die großen Demonstrationen fanden gegen den Vietnamkrieg der USA auf dem Kudamm statt.
Was hat sich seither in den letzten 50 Jahren geändert? Die westberliner Linke war damals eine Außerparlamentarische Opposition (APO), die hauptsächlich aus Schülern und Studenten bestand. Heute ist die Linke ein Teil des Berliner Senats, also der Regierung. Es gibt nur noch eine kleine außerparlamentarische Opposition im autonomen Bereich. Was aber die soziale Sicherheit in Berlin betrifft, so hat sich in den letzten 50 Jahren kaum etwas verbessert. In Persien hat sich die Situation eher verschlechtert. Zwar ist der Schah nicht mehr da, aber stattdessen gibt es dort ein finsteres islamistisches Regime. Der Berliner Senat scheint heute vorsichtiger geworden zu sein bei der Auswahl der Leute, die er einlädt.
In den letzten 50 Jahren ist zwar an der Oberfläche viel passiert, aber gesellschaftspolitisch hat man doch den überwiegenden Eindruck der deutschen konservativen Stagnation. Die Wirkung der Studentenbewegung war ziemlich auf die kleinen intellektuellen Kreise in Deutschland begrenzt. Heute sind relativ wenige echte 68er übrig geblieben. Einige haben sich als Wendehälse betätigt und sind deutsche Beamte geworden. Angeblich sollte das ein Langer Marsch durch die Institutionen werden. Viele sind schon tot.
Die Eltern der Studentengeneration von 1967/1968 waren meist Nazis gewesen. Für die Studenten stellte sich also die Frage: Will ich mich antiautoritär gegen meine Eltern stellen und ein Anti-Nazi werden? Oder will ich auch eine Art kleiner Nazi werden wie meine Eltern? Die Nazis innerhalb der Studentenschaft waren damals in der Defensive. Und die Anti-Nazis hatten großen Zulauf. Der Vietnamkrieg der USA wurde mit den Nazimethoden verglichen: USA - SA - SS.
Dr. Christian G. Pätzold.

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2017/05/31

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2017/05/30

Der 2. Juni 1967 am 1. Juni 2017 im Terzo Mondo
50 Jahre danach - Zum Gedenken an Benno Ohnesorg

Zeitzeuginnen der Westberliner Studierendenbewegung zeigen Filmmaterial, lesen Texte und diskutieren über den 2. Juni 1967 und seine Folgen.
Filmvorführung »Berlin, 2. Juni 67« von Thomas Giefer und Hans Rüdiger Minow.
Diskussion mit Gretchen Klotz-Dutschke, Eva Quistorp, Jenny Schon und Eike Hemmer.

In der Ankündigung der Veranstaltung heißt es:
"Der Boulevard schwärmte vom prächtigen Staatsbesuch eines Monarchen - Menschenrechtler und Studentenschaft dagegen waren voller Zorn. Sie sahen im Schah von Persien den Gewaltherrscher und in seinem Empfang durch die Regierung Kiesinger/Brandt im Juni 1967 einen Skandal. Beim Opernbesuch des Schahs in Berlin am 2. Juni eskalieren Protest und Polizeigewalt: Der Student Benno Ohnesorg stirbt, von einer Pistolenkugel des Polizisten Karl-Heinz Kurras tödlich in den Kopf getroffen. 2. Juni 1967 - viele sehen in dem Datum die eigentliche Geburtsstunde der 68er-Bewegung und außerparlamentarischen Opposition (APO)."

Datum: Donnerstag, 1. Juni 2017
Zeit: 19:00 Uhr
In der Galerie Terzo Mondo
Grolmanstraße 28 in Berlin Charlottenburg.

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2017/05/29

Der Mai in Kreuzberg

Dr. Christian G. Pätzold

Ich sitze in der Gneisenaustraße vor dem Nepalhaus
Nah am Mehringdamm, auf der Südseite
Die Maisonne knallt mit 27 Grad im Schatten
Vor mir die Nepalplatte mit Linsensuppe und Chicken Curry
Aus dem Sonderangebot.

Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag geht in den Tamilenimbiss nebenan
Natürlich ganz in Schwarz gekleidet
Ich nehme es ihm nicht übel, dass er mein neues Buch nicht rausgebracht hat
Wöchentlich bekommt er wohl Dutzende von Manuskriptvorschlägen
Was soll er da schon machen?

Die Gneisenaustraße ist breit, mit zwei breiten Fahrbahnen
Einem breiten Mittelstreifen mit Bäumen, zwei breiten Fahrradwegen
Einem angenehm breiten Fußgängerweg
Auf den noch bequem die Tische und Stühle der Restaurants passen
Wie in Paris. An den Rändern die Gründerzeithäuser des 19. Jahrhunderts.

Die Dichterlesung in der Lettrétage beginnt erst am Abend.
Inzwischen schlappt die Multikulti-Bevölkerung in Sandalen vor mir vorbei
Ein Junge trägt das Trikot von Messi
Türkische Frauen mit Kopftüchern seh ich einige
Vor dem Haus liegen zwei glitzernde Stolpersteine aus Messing.

Ein Bettler will 1 Euro von mir
Ein Obdachloser läuft quer über die Straße
Auf dem Balkon gegenüber bringen zwei junge Frauen die Europafahne an
Alte Säcke und junges Gemüse genießen den Mai
Ich warte darauf, was der Abend bringt.

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2017/05/28

Die Gärten der Welt in Berlin Marzahn

Dr. Christian G. Pätzold

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Das Berghaus zum Osmanthussaft. Die Brücke über den chinesischen Teich verläuft im Zickzack, denn bekanntlich können böse Geister nur gerade Brücken überqueren.
Foto von © Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2017.

In Mahrzahn im tiefen Osten von Berlin befindet sich eine große Grünfläche, auf der verschiedene Gärten angelegt wurden. Es ist inzwischen umstritten, wie viele verschiedene Gärten es sind. Ich habe insgesamt 13 Gärten gezählt: Der Orientalische Garten, der Rhododendronhain, der Balinesische Garten in der Tropenhalle, der Koreanische Garten, der Japanische Garten, der Karl-Foerster-Staudengarten, der Chinesische Garten, der Hecken-Irrgarten, der Rosengarten, der Quell- und Sprudelgarten, der Englische Garten, der Italienische Renaissancegarten, der Wassergarten. Aber es gibt in Wirklichkeit noch mehr Gärten.
Der Erholungspark wurde noch zu DDR-Zeiten eröffnet, im Jahr 1987 anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins. Der Chinesische Garten war dann der erste Ländergarten, der im Jahr 2000 eröffnet wurde.
Die einzelnen Gärten sind so interessant hinsichtlich der verschiedenen Pflanzen, der Bauwerke und der Landschaftsgestaltung, dass man über jeden einzelnen Garten einen längeren Artikel schreiben müsste. Man sieht es den Gärten an, dass man sich Mühe gegeben hat und bei der Anlage die Expertise von ausländischen Fachkräften genutzt hat. Denn einen Chinesischen Garten zum Beispiel kann natürlich ein chinesischer Gartenexperte am besten entwerfen und bauen.
Der Chinesische Garten wird auch der Garten des wiedergewonnenen Mondes genannt. Er entstand durch die Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Peking. Am Eingang zum Garten steht eine Steinstatue von Konfuzius, über dessen Lehren man unterschiedlicher Ansicht sein kann. Über eine Brücke, die im Zickzack verläuft, überquert man den See. Denn böse Geister können bekanntlich nur gerade Brücken überqueren. Eine Bachstelze spaziert auf dem Geländer der Brücke. Man fühlt sich als wäre man in China und nicht in Berlin. Nur das laute Gurgeln des Wasserfalls stört etwas. Jemand hat den Wasserhahn zu weit aufgedreht.
Über die Brücke erreicht man das Teehaus, das Berghaus zum Osmanthussaft heißt. Dort werden 48 verschiedene chinesische Teesorten angeboten. Ich habe einen Pu-Erh-Tee, auch Ziegeltee genannt, aus der südlichen Provinz Yunnan getrunken. Er wird seit 1.700 Jahren hergestellt. Pu Erh ist ein roter Tee, der einen besonders kräftigen und erdigen Geschmack hat. Nach Voranmeldung wird im Berghaus zum Osmanthussaft sogar eine chinesische Teezeremonie von 1 Stunde vorgeführt. Vom Band ertönen leise chinesische Flötentöne.
Über chinesisch gepflasterte Wege kommt man durch den Garten. Das Wichtigste im chinesischen Garten sind natürlich die Pflanzen: Chinesische Kiefern und Ahorne, Ginkgo, viel Bambus, Päonien, deren Knospen schon rosa schimmern, Trauerweiden am See, klein blühende Flieder, Funkien und viele mehr. Es gibt zahlreiche Philosophensteine zu bestaunen, es gibt auch Steinlaternen. Um den See herum gibt es ein paar Pavillons, im See eine kleine Pagode. Fette Koikarpfen schwimmen ihre Runden.
Es hat sich gelohnt, mal wieder die Gärten der Welt zu besuchen. Es wurde investiert und einiges Neue gebaut. Im Moment findet in den Gärten der Welt die Internationale Garten-Ausstellung (IGA 2017) statt. Daher ist alles natürlich in besonders gutem Zustand, weil man demonstrieren will, dass Berlin das Grüne auch kann. In Marzahn wurde also einiges Geld ausgegeben. Derweil spielt sich am anderen Ende der Stadt, in Dahlem, ein Trauerspiel ab. Der Botanische Garten der Freien Universität wird seit Jahren finanziell ausgehungert und verfällt immer mehr. Wenn man weiß, wie der Botanische Garten noch vor 30 Jahren aussah, dann ist der heutige Verfall erschreckend. Dort könnte man etwas für die Wissenschaft tun.
In den Gärten der Welt ist die Fahrt mit der Seilbahn übrigens im Eintrittspreis inklusive. Mit ihr kann man auf den 102 Meter hohen Kienberg schweben, was für Berliner Verhältnisse eine enorme Höhe ist. Der Kienberg entstand in den 1970er Jahren durch die Aufschüttung von Bau- und Trümmerschutt und von Bodenaushub für die Großsiedlung Marzahn. Die Schwebebahn ist die zweite Seilbahn, die es in Berlin gegeben hat. Die erste Schwebebahn war 1957 bei der Internationalen Bauausstellung (IBA) im Hansaviertel in Betrieb. Die Fahrt mit der Seilbahn ist ziemlich wackelig. Man kommt sich vor als ob man fliegt. Allerdings sollte man keine Höhenangst haben. Man erhält von oben einen grandiosen Blick auf das Wuhletal und auf die Plattenbausiedlungen von Marzahn.
Eine Warnung zum Schluss: Die Gärten der Welt sind eingezäunt und man muss für den Eintritt bezahlen.

© Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2017.

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2017/05/26

Weiterentwicklung in der KoWa

Karl-Martin Hölzer / Carlos

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Foto © Kommune Waltershausen, Mai 2017.

Eines steht fest: Es wird uns nie langweilig! Unsere Kommune hat immer wieder kleine und größere Veränderungen durchgemacht, so auch in den letzten 8 Jahren, in denen ich hier lebe. Unsere Möglichkeiten sind groß und so auch unsere Herausforderungen!
Dieses Jahr sind wir von einer Jahresplanung mehr zu einer Vierteljahresplanung (größten Teils) übergegangen. Das soll uns geschmeidiger halten und die Möglichkeit geben, die Planung den aktuellen Anforderungen und Begebenheiten leichter anpassen zu können.
Unsere Kommunikationsmöglichkeiten haben wir vor zirka einem Jahr auch erweitert. So gibt es neben einem wöchentlichen Orgaplenum und Sozialplenum nun auch wieder ein monatliches Puchtelmuchtel. Das Wort entstand vor längerer Zeit und steht bei uns für unterschiedliche Formen von Gemeinsamkeit bzw. gemeinsamen Aktivitäten wie zum Beispiel einem Wochenend-Brunch mit Gemütlichkeit und geselliger Träumerei oder auch einer gemeinsamen Aktion wie das Einrichten des Seminarbereiches oder wie zuletzt das Eintauchen in alle bisher über die Jahre hinweg von der Gruppe genutzten Methoden wie Fishbowl, Systemisches Konsensieren, World Café und viele andere. Die Erinnerung an die Methoden war eine sehr gute Aktion, einmal um zu sehen, was wir da alles in unserer "Werkzeugkiste" haben und um uns damit gleichzeitig auf einen gemeinsamen Wissensstand zu bringen, da ja über die Jahre auch neue Kommunardinnen dazugekommen sind, die das noch nicht kannten.
Ich habe den Eindruck, dass unsere Entschlossenheit, unser Zusammensein und Zusammenwirken noch bewusster und fokussierter zu gestalten, in letzter Zeit wächst, was sich auch darin ausdrückt, dass wir mehr als gewöhnlich in unsere Weiterentwicklung investieren. So haben wir im März mit einer Supervision begonnen, die von externen Mediatorinnen mit Gruppenerfahrung begleitet wird. Wir sind somit in einen Prozess der Selbstreflexion gegangen, der unser Gruppenbewusstsein stärkt und uns die Dynamik unserer Gruppenprozesse leichter verstehen lässt. Wir versprechen uns auch dadurch mehr Gemeinsamkeit bei der Findung gemeinsamer Herangehensweisen und der Definition von Gruppenzielen. Ich selbst finde den Prozess spannend und habe nach der ersten Session den Eindruck, dass wir zu mehr Homogenität finden und es deutlich wurde, welch hohen Stellenwert die Konfliktbewältigung hat, die wir nun ebenfalls mit Hilfe von außen und der Methode der "Restorative Circles" angegangen sind.
Während ich diesen Artikel schreibe muss ich unwillkürlich an unser letztes Kommuneseminar denken, in dem zwei Teilnehmer geäußert hatten, dass sie der Meinung sind, dass in der heutigen Zeit solidarisches Handeln und das Erlernen von konstruktiven zwischenmenschlichen Umgangsformen das Wichtigste im Leben überhaupt sind, also Werte, für die es sich lohnt zu leben. Das hat mich sehr berührt und mir noch mal klar gemacht, dass ich mich nach solchen Menschen sehne, die sich uns in diesem Geiste anschließen möchten und erkennen, dass wir da schon ein gutes Stück Weg bereitet haben.

Der Artikel erschien zuerst am 18. April 2017 auf www.kommune-kowa.de, das ist die Kommune Waltershausen in Thüringen. Mit freundlicher Genehmigung von Carlos übernommen.

© Karl-Martin Hölzer / Carlos, Mai 2017.

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2017/05/24

Berliner Kakteentage

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Schwiegermuttersitze (Echinocactus grusonii Hildm.) im Botanischen Garten Berlin Dahlem.
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, März 2017.

25. - 28. Mai 2017
Donnerstag - Sonntag
täglich 9 - 19 Uhr
Ort: Botanischer Garten Berlin Dahlem, Neues Glashaus.
Der Botanische Garten der Freien Universität Berlin hat zwei Eingänge am Königin-Luise-Platz und Unter den Eichen.

Pflanzenausstellung, Information, Beratung und Verkauf rund um Kakteen, Agaven, Bromelien und andere Sukkulenten.
Der Schwerpunkt der Kakteentage 2017 wird auf den Kakteen Mexikos liegen. Zugleich wird das 125-Jährige Jubiläum der Deutschen Kakteen-Gesellschaft gefeiert.

In der Ankündigung der Veranstaltung heißt es:
"Auf der gesamten oberen Ausstellungsebene im Neuen Glashaus erwarten die Besucher auf mehr als 500 Quadratmetern optisch ansprechende Arrangements sukkulenter Pflanzen und Schauobjekte zu speziellen Pflanzengruppen. Thematisch angeordnete Schaubeete zeigen beispielsweise amerikanische Säulen-, Glieder- und Kugelkakteen sowie die Vielfalt der Agaven. Auch afrikanische Sukkulenten, wie Aloe, Wolfsmilchgewächse, Mittagsblumen und Lebende Steine fehlen nicht. Besonders interessant ist die Ausstellung von Sämlingen und Jungpflanzen: Die anschaulichen Demonstrationsflächen zur Anzucht und Vermehrung sukkulenter Pflanzen vermitteln gärtnerische Fertigkeiten. Es werden exquisite Pflanzen aus eigenen Nachzuchten von etwa 10 Kakteengärtnereien aus ganz Deutschland sowie Kakteenliteratur und Zubehör zum Kauf angeboten. Auch Orchideen und Fleischfressende Pflanzen werden von Spezialgärtnereien feilgeboten."

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2017/05/22

Zerrissen

Brigitte Blaurock

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Collage, 60x50cm, 2016. © Brigitte Blaurock.
www.brigitte-blaurock.de/

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2017/05/20

Online Schmökern: Erich Mühsams Tagebücher

Dr. Christian G. Pätzold

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Erich Mühsam, Selbstkarikatur 1903.
Maxim-Gorki-Institut Moskau, Nachlass Erich Mühsam.

Im Internet kann man einige Bücher sogar kostenlos lesen. So auch die Tagebücher von Erich Mühsam unter http://www.muehsam-tagebuch.de/, ohne Zahlschranke und ohne Registrierung. Das ist sehr angenehm. Die Tagebücher von Erich Mühsam (1878-1934) wurden zwischen 1910 und 1924 geschrieben und geben daher einen einzigartigen Einblick in die deutsche Geschichte im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Die Zeitspanne reicht vom Deutschen Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg bis in die erste Hälfte der aufregenden 1920er Jahre, in denen Mühsam allerdings im Gefängnis saß. Mühsam hatte als Bohemien, Dichter, Anarchist, Antimilitarist und Revolutionär der Münchner Räterepublik intensiven Kontakt zu vielen interessanten Persönlichkeiten der Zeit. Das macht die Lektüre spannend.
Die Online-Ausgabe der Tagebücher bietet auch einen umfangreichen Anmerkungsapparat. Zusätzlich werden die originale Handschrift von Mühsam angeboten und ein tolles Foto-Album mit Original-Aufnahmen sowie ein Literaturverzeichnis. Die Online-Edition wurde von Chris Hirte und Conrad Piens erarbeitet. Sie lässt keine Wünsche offen. Und die Handhabung der Seite ist für den Nutzer einfach.
Gleichzeitig erscheint die gedruckte Ausgabe der Tagebücher im Berliner Verbrecher Verlag in 15 Bänden. Gerade ist der 11. Band erschienen, in Leinen mit Leseband, 368 Seiten für 32 Euro. Da spart man mit dem Internet ganz schön viel Geld, wenn man es online liest. Die gedruckte Ausgabe des Verbrecher Verlags wird ebenfalls von Chris Hirte und Conrad Piens herausgegeben. Es ist lobenswert, dass der Verbrecher Verlag eine Edition kostenlos ins Netz stellt. Das ist ganz im Sinne Erich Mühsams.
Ich erinnere noch die 1970er und 1980er Jahre, als einzelne Werke von Mühsam vom westberliner Verlag Klaus Guhl herausgebracht wurden. Bücher wie »Ascona«, »Namen und Menschen – Unpolitische Erinnerungen« oder »Der Revoluzzer«. Das war sehr verdienstvoll von Klaus Guhl, und andererseits gab es auch damals schon eine Nachfrage nach Mühsams Werken. Heute kümmert sich Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag um Erich Mühsam. Sehr schön.
Erich Mühsam wurde schon 1933 in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet, von den Nazis gefoltert und am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg, etwas nördlich von Berlin gelegen, ermordet. Als jüdischer Antimilitarist und Anarchist war er ein etwas, das die Nazis so schnell wie möglich umbringen wollten. Mühsam ist noch heute sehr aktuell und wird viel gelesen, obwohl er schon über 80 Jahre tot ist. Das ist eine Leistung, die nicht viele Autoren schaffen.

© Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2017.

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2017/05/18

Lesung von Stefan Schweiger, D. Holland-Moritz und Hansjörg Zauner
am 19. Mai 2017

Die Autoren aus dem Ritter Verlag (Klagenfurt/Kärnten) lesen am
Freitag, 19. Mai 2017, um 20:00 Uhr
in der Lettrétage, Mehringdamm 61, in Berlin Kreuzberg.
Es lesen:
D. HOLLAND-MORITZ, aus: The Daily Planet - Ein Para-Feuilleton.
Stefan SCHWEIGER, aus: liegen bleiben. Prosa.
Hansjörg ZAUNER, aus: 99.144 gedichtnasenlöcher schießen auf mich bis alles passt.

Nähere Informationen zu den Autoren findet ihr auf der Webseite von Lettrétage.
Sprachkunst aus dem Ritter Verlag.
Der Eintritt ist frei.

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2017/05/17

Lecture von Prof. Dr. Erik O. Wright
Reale Utopien und die Überwindung des Kapitalismus

Veranstaltungsort: Humboldt-Universität, Hauptgebäude, Raum 2002/UL6
Unter den Linden 6, 10117 Berlin

Zeit: Donnerstag, 18.05.2017, 18:00 - 20:00 Uhr

In der Ankündigung der Veranstaltung heißt es:
"Obwohl der Kapitalismus immer destruktiver für das Leben der Menschen und die Umwelt geworden ist, erscheint er den meisten als unveränderbare Naturkraft. Die sozialdemokratische Hoffnung, den Kapitalismus durch entscheidende staatliche Regulationen zu zähmen, sind infolge der Globalisierung und Finanzialisierung des Kapitals untergraben worden. Revolutionären Bestrebungen der Zerschlagung des Kapitalismus durch einen Bruch, die Übernahme der Macht, die gewaltsame Auflösung der kapitalistischen Institutionen und deren Ersatz durch eine emanzipatorische Alternative fehlt es an Glaubwürdigkeit. Aber sind dies die einzigen Logiken einer Transformation über den Kapitalismus hinaus? In der Vorlesung wird eine dritte Möglichkeit entwickelt, über den Kapitalismus hinauszugehen, indem durch Projekte realer Utopien in den Räumen und Rissen der kapitalistischen Wirtschaft emanzipatorische Alternativen aufgebaut werden und diese Räume verteidigt und ausgebaut werden."

Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Erik O. Wright, University of Wisconsin-Madison.
Moderation: Prof. Dr. Hans-Peter Müller, Humboldt Universität zu Berlin.
Die Vorlesung findet in Englisch statt.

Das Buch zu der Veranstaltung:
Erik Olin Wright: Reale Utopien - Wege aus dem Kapitalismus.
Aus dem Amerikanischen von Max Henninger. Mit einem Nachwort von Michael Brie.
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2192, Berlin 2017.

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2017/05/16

Unter Kiefern und Hibisken 8

Ella Gondek

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Foto von © Ella Gondek.

Eigentlich heißt ja der Mai auch "Wonnemonat", aber davon ist noch nicht viel zu spüren. Trotzdem grünt und blüht es im Garten an allen Ecken und Enden. Nur die Hortensien sehen noch nicht so erfreut aus, aber das wird sich sicher ändern, so bald es auch nachts nicht mehr so kalt ist. Jedenfalls kommen bei den Hibisken auch schon die ersten grünen Triebe zum Vorschein. Ein Teil der Rhododendren blüht schon.
Durch den starken Wind in den letzten Tagen sind unheimlich viele Zapfen von den 11 Kiefern heruntergefallen, so dass ich ganz schön zu tun habe, alle zusammen zu harken. So bleibt man fit.
Da ich auch Gänseblumen im Garten habe, habe ich mir mal welche in den Salat getan, schmeckt prima. Ebenso habe ich sehr viel Löwenzahn im Garten, der derzeit in voller Blüte ist. Da es vor einigen Tagen halbwegs schön war, habe ich eine Schüssel voll Löwenzahnblüten gesammelt und - zum ersten Mal - Marmelade davon gemacht. Diese ist mir ganz gut gelungen, so dass ich demnächst noch einmal so eine Aktion starten werde. Fortsetzung folgt.

© Ella Gondek, Mai 2017.

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2017/05/14

Street Art in Berlin Friedrichshain

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Fotografiert von © Henrik Zoltan Dören, November 2016.
Am Kino Intimes in der Boxhagener Straße 107 in Berlin Friedrichshain.
Das Kino Intimes ist ein Fokus der Street Art.

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2017/05/12

IM KOPF DER SPRACHE
Berichte aus der Sprachwerkstatt von Dr. Karin Krautschick
Oskar Pastior und Oulipo
Teil 3

Als potentiell Heimatloser, nach seiner Flucht aus Rumänien, Aufenthalt in Wien und Wahlheimat Berlin fand Oskar Pastior ihm Gleichgesinnte, nun doch eine Heimat und sprachliche Zugehörigkeit, und zwar in der Künstlergruppe "Oulipo". L’Ouvroir de Littérature Potentielle, "Werkstatt für potentielle Literatur" ist eine 1960 von François Le Lionnais und Raymond Queneau gegründete Autorengruppe, deren einziges deutsches Mitglied Oskar Pastior bleiben wird. Des weiteren zählen auch Italo Calvino, Georges Perec und Harry Mathews dazu.
Pastior war es wichtig zu betonen, dass Oulipo eben kein "Ismus" sei, sondern er ein "Oulipot" und entsprechend "oulipotisch" schreibe, nachdem er sich der Zugehörigeit zu dieser Gruppe versichert hatte, deren Mitglieder in eigenartige Aufnahme- bzw. Verabschiedungsrituale geführt wurden - z.b. galten inzwischen tote Mitglieder als "entschuldigt" und blieben Teil der Gruppe auch über den Tod hinaus. An dieser Methodik sieht man schon, mit welcher Geisteshaltung die Herren "Oulipo", denn es war vornehmlich ein Herrenclub, die Regeln, besonders der Sprache, so strapazieren, dass man über dieselben etwas herausbekommt. Da "schnipselte und stümmelte, stümperte und schüttelte man selbst verfertigte Texte. Es tanzten die Anagramme mit den Lipogrammen, es flatterten Figurengedichte umher, und das Lachen wollte nicht aufhören bei den "Stilübungen" nach Großmeister Queneau". (1)
Der selbst auferlegte Formzwang "constraint" ist hier die Regel und Voraussetzung für oulipotische Schöpfung - bei allgemeiner Regelaufbrechung, welche die Gruppe sich ansonsten auf ihre Fahnen geschrieben hat, um dadurch eine Erweiterung der sprachlichen Möglichkeiten zu erwirken.
Beim Lipogramm beispielsweise wird komplett auf einen bestimmten Buchstaben verzichtet. Das lustvolle Spiel mit den Texten steht im Vordergrund, die Bedeutung steht an zweiter Stelle. Mit sehr viel Witz wird dem Autor zugesehen, "wie er es schafft, aus dem selbstgebauten Labyrinth wieder raus zu kommen...ein doppeltes Vergnügen: das Vergnügen am Spiel und...an der Intelligenz: am intelligenten, kultivierten Spiel". (2) Es handelt sich hierbei um eine Literatur, die "in ganz entscheidendem Maße aus dem Sprachmaterial hervor geht...mit dem Gleichklang, der Homophonie". (3)
Ein Motto der Gruppe lautet: Seien wir "lieber intelligent als seriös" (4) - diesem Motto war auch Oskar Pastior verpflichtet, der versuchte, die Einflüsse der Gruppe in den deutschen Sprachraum zu verpflanzen. Ein schwieriges Unterfangen, wie man sich vorstellen kann, bei all der Ernsthaftig- und Betulichkeit des hiesigen Literaturbetriebs. Möglicherweise fehlt hier das Verständnis für eine Literatur, die "das Wort "schrecklich" nicht benutzen, aber den Schrecken auf eine ganz andere Art und Weise hervorbringen könne durch ihre Schrift". (5)
Ganz einem spielerischen Impuls verpflichtet, konnte Oskar Pastior hier gut ansetzen mit seinen Sonetten, Sestinen, Anagrammen, Palindromen und lautpoetischen Überschreitungen. Seine Maxime lautete: "keine vorschrift, denn es entsteht. keine nachsicht, denn das unding passiert undefiniert." Immer in Bewegung waren seine Wort- und Gedankenwelten, der Leser wird zur Teilhabe eingeladen, so er dazu Lust hat.

(1) straßmann, burkhard, zeit-online, 2.12.1994, entlastung, seite 1
(2)-(5) vormweg, christoph, deutschlandfunk, 23.11.2010, "werkstatt für potenzielle literatur. oulipo wird 50"

© Dr. Karin Krautschick, Mai 2017.

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2017/05/10

Die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933

Dr. Christian G. Pätzold

Autoren wie Karl Marx, Sigmund Freud, Heinrich Mann oder Kurt Tucholsky haben gemeinsam, dass ihre Bücher verbrannt wurden. Mit Bücherverbrennung oder Autodafé wird in der Geschichtswissenschaft das öffentliche Verbrennen von missliebigen Büchern aus religiösen oder politischen Gründen bezeichnet. Bekannt ist vor allem die Bücherverbrennung der nationalsozialistischen Deutschen Studentenschaft am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz, der zahlreiche Verbrennungen in anderen deutschen Städten folgten. Die Verbrennung stand unter dem Motto »Aktion wider den undeutschen Geist«. Die Werke fortschrittlicher und jüdischer Autoren wurden auf den Scheiterhaufen geworfen. Die Liste der verbrannten Bücher von 1933 steht im Internet.
Unter den verbrannten Büchern befanden sich auch die Werke von Heinrich Heine, in denen die berühmten Sätze stehen: "Das war ein Vorspiel nur. Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." (Drama »Almansor«, 1823). Die Sätze beziehen sich auf ein historisches Ereignis des Jahres 1499, in dem der Erzbischof von Toledo und spätere Großinquisitor Gonzalo Jiménez de Cisneros die Verbrennung von 5.000 Büchern islamischer Theologie, Philosophie, Geschichtsschreibung und Naturwissenschaften angeordnet hatte.
Der Bebelplatz in Berlin-Mitte, der umgangssprachlich Opernplatz heißt, ist ein besonderer Platz. Denn er besteht aus zwei Plätzen, einem Bebelplatz 1 östlich der Staatsoper Unter den Linden und einem Bebelplatz 2 westlich der Staatsoper. Die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten fand auf dem Bebelplatz 2 statt, der allerdings erst seit 1947 Bebelplatz heißt. Davor hieß er Kaiser-Franz-Joseph-Platz. Noch früher hieß der Platz »Forum Fridericianum«. Hier wurden am 10. Mai 1933 tausende missliebige Bücher verbrannt, gekrönt von einer Ansprache des germanistischen Pyromanen Dr. Joseph Goebbels um Mitternacht, der "den geistigen Unflat in die Flammen" warf. Die Rede steht im Internet zum Nachlesen.
Die Nordseite des Opernplatzes bildet die Straße Unter den Linden, die Ostseite die Staatsoper, die Südseite die katholische St.-Hedwigs-Kathedrale und die Westseite die Alte Bibliothek, die den Berlinern als »Kommode« bekannt ist. Im Moment ist der Opernplatz noch eine Baustelle, bedingt durch die Grundsanierung der Staatsoper, die Millionen verschlungen hat. Das Denkmal für die Bücherverbrennung, das von dem israelischen Künstler Micha Ullman stammt, ist eine quadratische Glasplatte im Fußboden. Unter der Glasplatte befindet sich eine weiße Bibliothek mit leeren Bücherregalen, in die die 20.000 Bücher passen würden, die damals verbrannt wurden. Der unterirdische Raum ist nachts erleuchtet. Leider ist das Denkmal eine Fehlkonstruktion. Bei Winterwetter ist die Glasscheibe beschlagen, so dass man nichts sieht.
Jedenfalls sind der Platz und das Denkmal eine internationale Top-Touristen-Attraktion. Reiseführer in allen Sprachen führen Touristen über den Platz. Die Faszination des Bösen zieht Millionen nach Berlin. Natürlich war die Bücherverbrennung dumm und primitiv. Daher sollte man den Bebelplatz 2 vielleicht in »Großer Platz der Dummheit« umbenennen. Der Opernplatz hat übrigens noch ein unterirdisches Leben. Darunter befindet sich eine zweigeschossige Tiefgarage.

© Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2017.

Literatur: Der Opernplatz ist Schauplatz des Romans von Chaim Be’er, »Bebelplatz«, Berlin 2010.

Am 10. Mai 2017 lesen von 17:00 bis 19:00 Uhr auf dem Bebelplatz:
Peter Bause, Marion Brasch, Joseph Konrad Bundschuh, Tino Eisbrenner, Wolfgang Kohlhaase, Nina Kronjäger, Gesine Lötzsch, Ronald Paris, Petra Pau, André von Sallwitz, Gisela Steineckert, Tolga Tavan, Mira Tscherne, Jutta Wachowiak, Nina Marie Wyss, Robert Zimmermann.

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2017/05/08

72. Jahrestag der Befreiung

Dr. Christian G. Pätzold

reichstag
Ruine des Reichstags nach der Schlacht um Berlin 1945.
Quelle: Wikimedia Commons.

Am Abend des 21. April 1945 begann die letzte Etappe auf dem Weg der Befreiung Berlins von der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten. Die ersten sowjetischen Einheiten unter dem Befehl von General Nikolai E. Bersarin überschritten in der Nacht zum 22. April bei Marzahn die Stadtgrenze von Berlin.
Es begann der Kampf um Berlin, der nach dem Befehl von Adolf Hitler bis zur letzten Patrone und bis zum letzten Mann gekämpft werden sollte. Die Schlacht dauerte bis zum 2. Mai 1945, als Berlin von der Roten Armee der Sowjetunion erobert war. Bei den Kämpfen in Berlin starben 170.000 Soldaten und mehrere zehntausend Zivilisten. Das war alles so sinnlos.
Adolf Hitler hat sich am 30. April in seinem Bunker selbst umgebracht, zusammen mit Eva Braun. Am 30. April 1945 wurde nachts um 22:00 Uhr die Rote Fahne der Sowjetunion auf der Kuppel des Reichstags angebracht, oder vielmehr auf dem Rest der Kuppel. Joseph Goebbels gab sich, seiner Frau und den 6 Kindern am 1. Mai im Bunker Zyankali.
Am 8. Mai 1945 unterzeichnete Wilhelm Keitel im sowjetischen Hauptquartier Berlin Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Das war dann das Ende des Zweiten Weltkriegs. Seitdem ist der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung vom Faschismus. Die englische Bezeichnung ist VE-Day (Victory in Europe Day).
10 Jahre später, im Jahr 1955, erschien dann der Film »Nacht und Nebel« (Nuit et brouillard) des französischen Regisseurs Alain Resnais. Der Film zeigte die Leichenberge, das KZ Auschwitz und die anderen Verbrechen des Holocaust. Der Film hat eine Länge von 32 Minuten. Die Filmmusik komponierte Hanns Eisler. Irgendwann hatte der westberliner Senat beschlossen, dass alle Schüler den Film »Nacht und Nebel« ansehen sollten. Und so sah auch ich den Film Anfang der 1960er Jahre in meiner Schule. Er ist mir im Gedächtnis geblieben.

© Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2017.

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2017/05/05

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© art kicksuch, mai 2017.

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2017/05/03

Was ist ein Newsletter?

Dr. Christian G. Pätzold

Ein Newsletter, auf Deutsch etwa Neuigkeitenbrief, ist eine Mitteilung, die von einer Institution per E-Mail über das Internet verschickt wird. Ich spreche hier nur von elektronischen Newslettern, auch e-Newsletter genannt, es gibt aber auch Newsletter, die mit der Post verschickt werden. Die Newsletter werden meist wöchentlich oder monatlich verschickt, oder auch in unregelmäßigen Abständen. Mich interessieren hier nur kostenlose Newsletter, es gibt aber auch welche, die etwas kosten. Die Newsletter kann man abonnieren und auch wieder abbestellen. Andere deutsche Namen für Newsletter sind etwa Mitteilungsblatt, Verteilernachricht, Infobrief oder Rundschreiben. Man erfährt durch sie etwas über künftige Veranstaltungen, so dass man in die nähere Zukunft blicken kann.
Elektronische Newsletter kamen mit dem Internet in den 2000er Jahren auf und verbreiteten sich schnell. Heute gibt es kaum noch eine wichtige Institution, die keinen Newsletter verschickt. Ein Netz von Newslettern ist wie ein gutes Seismometer, das anzeigt, was in einer Stadt oder in einem Land passieren wird. In einer großen Stadt verliert man leicht den Überblick über die Neuigkeiten und die zukünftigen Veranstaltungen. Da sind Newsletter eine große Hilfe.
Im Lauf der letzten Jahre bin ich zu einem passionierten Newsletteristen geworden. Ich habe einige Newsletter abonniert und schätzen gelernt, denn dadurch habe ich die neuesten Entwicklungen erfahren. Natürlich muss man kritisch auswählen, damit man wirklich nur die interessantesten Newsletter bekommt. Als Beispiele für Institutionen, die Newsletter verschicken, möchte ich hier mal 10 Berliner kulturelle, wissenschaftliche und politische Institutionen nennen, deren Newsletter man abonnieren könnte:

1 Haus der Kulturen der Welt Berlin
2 Buchhändlerkeller Berlin in der Carmerstraße
3 Botanischer Garten Berlin Dahlem
4 Helle Panke Berlin (Rosa-Luxemburg-Stiftung)
5 Literarisches Colloquium Berlin am Wannsee
6 Marx Engels Zentrum Berlin
7 Die Linke. Landesverband Berlin
8 Literaturforum im Brecht-Haus in der Chausseestraße
9 Berlinische Galerie - Museum für moderne Kunst
10 Inforadio vom rbb

Im Internet stecken viele interessante Neuigkeiten, die man kostenlos erfahren kann.

© Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2017.

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2017/05/01

Wir wünschen einen schönen 1. Mai 2017!

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Bebel, Liebknecht, Marx, Tölcke, Lassalle.

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2017/04/30

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2017/04/28

arbeiterfotografen

Im Internet trifft man manchmal auf interessante Seiten. Zu empfehlen sind zwei Fotografen-Webseiten der "Fortschrittlichen Arbeiterfotografen Berlin":
www.arbeiterfotografen.de und www.arbeiterfotografie-berlin.de.
Dort kann man zahlreiche Fotos ansehen, die die vergangene und gegenwärtige politische Situation betreffen. Die Fotos wurden von 20 Fotografen aufgenommen, die sich in der Tradition der ArbeiterfotografInnen der 1920er und 1930er Jahre sehen.

Auf ihrer Webseite heißt es:

"Wir Mitglieder der Arbeiterfotografie Berlin fotografieren in der Tradition der historischen Arbeiterfotografie. Wir stehen für Antifaschismus, Einheitsgewerkschaft, Toleranz und Demokratie, für eine Gesellschaft der Freiheit und Gleichheit aller Menschen, für eine Gesellschaft in der Ausbeutung keinen Platz hat.
***
Unsere Grundhaltung: Wir sind allen Menschen nah, die um ein humanistisches Miteinander ringen. Ihnen gehört unsere Solidarität. Wir wollen "Das ganze Leben" fotografieren. Wir bewegen uns zwischen emphatischer Dokumentation und konkreter Anklage sozialer Ungleichheit und handeln im fotografischen Erbe der ArbeiterfotografInnen der ersten Stunde. Unsere Bilder sind aufrichtig und bewusst parteilich.
Wir sehen in den ökonomischen Triebkräften dieser Gesellschaft die Ursache für Krieg, Umweltzerstörung und unsichere Lebensverhältnisse. Mit unseren Fotografien wollen wir nicht nur dokumentieren, sondern eingreifend Anregung und Unterstützung für notwendige Veränderungen geben. Das Fazit des Films "Kuhle Wampe", von dem sich die historische Arbeiterfotografie leiten ließ: "Und wer wird die Welt verändern? Die, denen sie nicht gefällt!" haben wir für uns zeitgemäß erweitert: "Wir wollen mit unseren Fotos zur Erkenntnis beitragen, was erhaltenswert ist und was verändert werden muss."
Als Mitglieder unterschiedlicher Parteien und/oder sozialer Bewegungen wollen wir mit unseren Mitteln Einfluss nehmen und Mut machen."

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2017/04/26

80 Jahre Guernica

Dr. Christian G. Pätzold

guernica
Das von der deutschen Legion Condor zerstörte Gernika im Baskenland.
Fotograf unbekannt. Bundesarchiv, Bild 183-H25224.

Am 26. April 1937 wurde die baskische Stadt Gernika, auf Spanisch Guernica geschrieben, von Bombenflugzeugen der deutschen Legion Condor zerstört. Damals war das Bombardieren von Städten noch eine Neuheit, heute ist es Routine wie gerade erst das Bombardement von Aleppo in Syrien. Das Kriegsverbrechen der deutschen Faschisten in Gernika war ein besonders brutales Ereignis des Spanischen Bürgerkriegs, der von Juli 1936 bis April 1939 dauerte. Die spanischen Putschisten unter der Führung von Francisco Franco kämpften damals gegen die Spanische Republik und wurden dabei von deutschen Truppen des Diktators Hitler unterstützt. Die Franquisten gewannen schließlich den Krieg und errichteten in Spanien eine Diktatur, die bis zum Tod von Franco im Jahr 1975 bestand, während seine Verbündeten Adolf Hitler und Benito Mussolini schon 1945 gestorben waren.
Gernika liegt am Golf von Biscaya und gehörte im April 1937 zu einem Gebiet, das von den Republikanern kontrolliert wurde. Durch den deutschen Bombenangriff sollte die Eroberung der Stadt durch die Franquisten ermöglicht werden. Die Zahl der Todesopfer durch den Angriff ist umstritten, wird aber auf mehrere Hundert geschätzt. Nach der Zerstörung konnte die Stadt von den Truppen Francos eingenommen werden.
Schon bald nach dem Angriff malte Pablo Picasso (1881-1973) sein berühmtes Gemälde Guernica, das zum vielleicht wichtigsten Bild des 20. Jahrhunderts wurde. Picasso war ein Anhänger der Republik und der Volksfront, die eine Bodenreform, den Ausbau der öffentlichen Bildung und eine Liberalisierung des öffentlichen Lebens durchgeführt hatte. Von der republikanischen Regierung hatte Picasso den Auftrag erhalten, ein Bild für den spanischen Pavillon der Weltausstellung zu malen, die von Mai bis November 1937 in Paris stattfand. Danach ging das Gemälde auf Tournee durch Europa und wurde dann von 1939 bis 1981 im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. Seit 1992 befindet es sich im Museo Reina Sofia in Madrid. Das widerspricht dem ausdrücklichen Willen von Picasso, der das Gemälde nur der Spanischen Republik übergeben wollte. Und Spanien ist bekanntlich heute eine Monarchie und keine Republik.
Um das Gemälde zu sehen, braucht man nicht nach Madrid zu fahren. Im Internet gibt es bei Wikipedia einen Link zum Museum, so dass das Gemälde von jedem betrachtet werden kann. Das Öl-Gemälde auf Leinwand hat die enormen Ausmaße von 349 x 777 cm. Es ist also mehr als doppelt so breit wie hoch. Im Zentrum des Gemäldes ist das Leiden eines sterbenden Pferdes dargestellt. Darunter befindet sich ein sterbender Krieger. Auf der linken Seite des Bildes sieht man eine aufschreiende Mutter mit ihrem toten Kind. Auf der rechten Seite ist ein im Feuer verbrennender Mensch dargestellt.
Picasso verwendete für das Gemälde keine Farben, es gibt nur verschiedene Töne von Weiß, Grau und Schwarz, Grisaille genannt, die dem Schrecken der Bomben angemessener sind. Stilistisch ist das Bild dem Kubismus zuzuordnen. Absicht des Bildes ist es, den Krieg und die Zerstörung zu zeigen und anzuklagen. Es ist das bekannteste Antikriegsbild des 20. Jahrhunderts.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2017.

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2017/04/24

Die Ermordung der Premawathi Manamperi

Ferry van Dongen

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Foto von © Ferry van Dongen, Februar 2017.

Tissamaharama im Süden von Sri Lanka ist ein bekannter Ort für Touristen, die in den Yala-Nationalpark wollen. Wir möchten uns den Pilgerort Kiri Vihara / Maha Devale in Kataragama anschauen. Der Ort ist gelebte Religion und jedes Jahr im August pilgern Hindus von Jaffna im Norden zum Maha Devale. Ein Ort, an dem man die Alltagskultur religiös bewegter Menschen erfahren kann. An der Straße nach Kataragama, der Ort liegt direkt an der Grenze des Nationalparks, sehen wir auf der rechten Seite eine Monument, etwas verwachsen und vernachlässigt. Wir halten an. Das Monument erinnert an eine junge Frau, Premawathi Manamperi, die im Alter von nur 22 Jahren vom Militär grausam ermordet wurde. Sie wurde nackt durch die Straßen von Kataragama gejagt, lebendig vergraben und etwas später durch einen Kopfschuss getötet.
Premawathi Manamperi wurde 1949 geboren. Als junge Frau war sie Sympathisantin (vielleicht auch Mitglied) der JVP (Janatha Vimukthi Peramuna, Volksbefreiungsfront). Die JVP spaltete sich 1965 von der Kommunistischen Partei Sri Lanka ab. Die JVP hatte in der Frühzeit insbesondere bei jungen, linken Menschen eine Basis. Die Partei hat eine sehr diffuse Geschichte, ein sowohl sozialistisches als auch stark nationalistisches, Minderheiten ausgrenzendes Programm, immer wieder gab es auch Bündnisse mit rechten Parteien und nationalistischen, buddhistischen Mönchen, und ist heute als Partei im Parlament vertreten. Premawathi Manamperi wurde ein Jahr vor ihrer Ermordung zur Schönheitskönigin ihres Ortes gewählt. Damit erlangte sie zumindest regionale Aufmerksamkeit und Anerkennung. Im Zuge der 1971 von der JVP organisierten bewaffneten Aufstände gegen die regierende United Front, einer Koalition aus Sri Lanka Freedom Party, Lanka Sama Samaja Party und der KP, kam es zu Kämpfen gegen die Armee und Massenverhaftungen, denen auch Premawathi Manamperi zum Opfer fiel.
Vielleicht muss man sich Premawathi Manamperi als Gefühlssozialistin vorstellen, mit viel Empathie für ihre Mitmenschen, sehr wohl erkennend, dass die herrschenden Verhältnisse nicht den Bedürfnissen der einfachen Leute entsprechen. Sonst gäbe es wohl weder ein Denkmal, noch Lieder und einen Film über ihr kurzes, engagiertes Leben.
Das Mahnmal steht vor ihrem Geburtshaus. Es zeigt auf der linken Seite ihr friedliches Leben mit der Familie und in der Dorfgemeinschaft. Im mittleren Teil ist ihr Bild zu sehen. Auf der rechten Seite wird die grausame, qualvolle Ermordung der jungen Frau dargestellt. Heute wohnt noch ein Bruder mit seiner Familie dort.

© Ferry van Dongen, April 2017.

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2017/04/22

Buchtipp: »1967 Wespenzeit« von Jenny Schon

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Jenny Schon, Mitautorin von Kuhle Wampe und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, hat einen autobiographischen Roman geschrieben: »1967 Wespenzeit«. Über ein Jahr vor 50 Jahren, über ihre Jugendzeit, die ganz schön piekste, wie die Wespen im August, gegen die manche Leute eine Allergie haben. Besonders wenn sie im sommerlichen Garten sitzen und einen Pflaumenkuchen mit Schlagsahne vor sich haben. 1967 war natürlich das Vorspiel von 1968, aber das Jahr hatte es in sich: Brutaler Vietnamkrieg, Kommune I, der Schah von Persien in der Deutschen Oper, der Tod von Benno Ohnesorg in Berlin, der Summer of Love in San Francisco, der Tod von Che Guevara in Bolivien. Überall vibrierte die Luft in jenem ereignisreichen langen Jahr 1967.
Das Leben und die Atmosphäre in Westberlin zur Zeit der Studentenbewegung spiegeln sich so authentisch in dem Buch, ich kann es beurteilen, denn ich lebte damals in der gleichen Bewegung, die viele junge Leute faszinierte. Wir sind damals gemeinsam gegen den Vietnamkrieg den Kudamm rauf und runter demonstriert, ohne uns zu kennen. Einige Dinge habe ich in der Erinnerung, die in dem Buch etwas zu kurz kommen: Der warme sonnige Sommer in der Stadt. Das Hauptquartier der Roten Garde und der Athener Grill am Lehniner Platz, in dem ich Unmengen von Souvlaki-Pitas und Mini-Pizzas verspeist habe. Die Einsätze der berittenen Polizisten mit ihren Pferden, die auf die Demonstranten mit ihren Schlagstöcken eingeschlagen haben. Die Teach-ins im Audimax der TU und der FU und die Aktionen an den Universitäten. Dafür war Jenny Schon am Grab von Karl Marx in London.
Dass Jenny Schon die Zeit aus der weiblichen Perspektive betrachtet, macht die Geschichte umso interessanter. Immerhin war sie 1967 schon 24 Jahre alt und hatte einige Lebenserfahrung. Man erlebt ihre Entwicklung von der proletarischen Arbeitertochter im Rheinland über die Buchhalterin und Kunsthändlerin am westberliner Kudamm bis zur Abiturientin auf dem Zweiten Bildungsweg in jener revolutionären Stimmung der Jahre 67/68. Und man erhält eine Ahnung davon, warum sie sich zur Sinologin und veritablen Schriftstellerin von heute h o c h gearbeitet hat. Nein, einen Pflasterstein hat sie damals nicht gegen den Vietnamkrieg geworfen, dafür war sie dann wohl doch eine zu zart besaitete Poetin.
Drugs kommen in dem Roman vor, Sex kommt vor, Rock n Roll kommt vor, allerdings etwas knapp. Denn die Musik war damals sehr wichtig. Es kommt sogar eine Kriminalgeschichte um ein Nolde-Gemälde vor. Was will man mehr? So hat Jenny Schon 1967 erlebt. Und das Authentisch Dokumentarische gefällt mir an dem Buch. Es ist kein proletarischer Roman aus der Unterschicht geworden, sondern ein westberliner Roman über die Studentenbewegung. Es ist ein wertvolles Zeitdokument, das wahrscheinlich noch in 100 Jahren gelesen werden wird.
Dr. Christian G. Pätzold.

Jenny Schon, 1967 Wespenzeit, Roman, Berlin 2015, dahlemer verlagsanstalt.
ISBN 978-3-928832-53-3.

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2017/04/20

Filmkritik: »Der junge Karl Marx« von Raoul Peck

Dr. Christian G. Pätzold

Den Film »Der junge Karl Marx« von Raoul Peck mögen sogar Marxisten. Das ist nicht selbstverständlich. Denn historische Spielfilme, auch Biopics genannt, spiegeln eben nicht die Geschichte von Menschen, sondern lediglich die Sichtweise des Regisseurs auf die Geschichte. Daher konnte man erwarten, dass historische Materialisten besonders kritisch auf den Film sehen. Das übliche Spielfilmschmalz in Form von Liebesszenen und Drama hält sich hier noch in erträglichen Grenzen. Die Sexszene mit Karl Marx ist besonders gut gelungen. Weltpremiere hatte der Film auf der diesjährigen Berlinale im Februar.
Der Regisseur Raoul Peck hat eine interessante Vita. Geboren 1953 in Port-au-Prince/Haiti verbrachte er seine Jugend im Kongo. Er studierte Film an der DFFB in Berlin. Heute lebt er in Paris. Mit Karl Marx kam Peck vor allem im damaligen Westberlin in Berührung. Er besuchte Vorlesungen über »Das Kapital« an der Freien Universität Berlin. Frühere Filme von Raoul Peck sind unter anderem: Haitian Corner (1987), Lumumba - Der Tod des Propheten (1992), Lumumba (2000), I Am Not Your Negro (2016).
Der Film behandelt den Zeitabschnitt zwischen 1843 und dem Februar 1848, als das »Manifest der Kommunistischen Partei« erschien. Das heißt, der ganz junge Karl Marx, der in Trier aufwuchs, in Bonn und Berlin studierte, der Doktorand der Philosophie kommt nicht vor. Das Hauptthema des Films ist der Beginn der Freundschaft zwischen Karl Marx und Friedrich Engels in der Zeit des Vormärz. Die Auseinandersetzungen von Marx mit Proudhon und mit Weitling werden gezeigt. Es geht um die Misere der Philosophie und um die Kritik der kritischen Kritik. Auch die Baumwollspinnereien und Baumwollwebereien von Manchester kommen vor. Das Ganze ist durchaus sehenswert auch wegen der guten Schauspieler und der guten Kamera. Der Film hat ja auch 9,5 Millionen Euro gekostet.
Im Zentrum steht der revolutionäre Satz von Marx: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern." In der Werbung zu dem Film heißt es: "Peck gelingt ein so intimer wie präziser Blick in die deutsche Geistesgeschichte, die durch zwei brillante und gewitzte Köpfe seit der Renaissance nicht mehr so grundlegend erschüttert wurde." Dem kann ich zustimmen.

Der junge Karl Marx (Le jeune Karl Marx)
Regie: Raoul Peck
Schauspieler: August Diehl, Stefan Konarske, Vicky Krieps, Olivier Gourmet und weitere
Frankreich/Deutschland/Belgien, 2016, 118 Minuten.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2017.

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2017/04/18

Holzwoche 2017

Karl-Martin Hölzer / Carlos

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Foto © Kommune Waltershausen, Februar 2017.

Die Holzwoche 2017 war ein voller Erfolg! Unsere Holz- und Heizungs KG hat eine hervorragende Vorbereitungsarbeit geleistet, in der sämtliche Erfahrungen, die wir über die Jahre hinweg mit den vergangenen Holzwochen gemacht haben, gründlich und sorgfältig ausgewertet wurden und daraus resultierende Erkenntnisse konsequent umgesetzt wurden. Das Wohl und die Sicherheit aller Beteiligten fanden genauso Berücksichtigung wie auch die Funktionalität von Maschinen, Werkzeugen und Produktionsmitteln im Vorhinein einen Probelauf erfuhren. Anschließend erfolgte noch eine sinnvolle Koordination der Arbeitsabläufe. Ebenso hatten wir uns in der Küche auf eine optimale Versorgung eingestellt, die auch immer wieder von unseren Gästen sehr gelobt wurde.
Es kamen zahlreiche Helfer, deren Gruppe dann letztlich genauso groß wie die unserer hier ansässigen Kommunardinnen war. Die Helfer waren jede/r für sich sehr konstruktive, kooperative und angenehme Zeitgenossen, und ich war verwundert, dass bei so vielen (13) Gästen nicht ein einziger Nervbolzen dabei war! Im Gegenteil, es entstand sehr rasch der Eindruck, als handele es sich bei unseren Helfern um eine schon länger bestehende Gruppe, die als solche hier anreiste. Und bald schon wurde gesägt, gehackt, gespalten und gebündelt.
Alles machte einen relaxten, konzentrierten und doch liebevoll lockeren Eindruck! Die Arbeiten gingen zügig voran, die Stimmung war gut und die Woche wurde außer zum Holz klein machen auch für viele andere Dinge wie das Kennenlernen sowohl der Kommune als auch gegenseitig und der näheren Umgebung genutzt. Am Ende waren die Arbeiten wirklich abgeschlossen und alles in bester Ordnung und unsere Helfer reisten wieder glücklich und zufrieden ab. Manch eine/r hat auch schon ein Wiederkommen angekündigt und bei mir keimt die Lust auf ein Sommerfest (mal sehen, was meine Mitkommunardinnen davon halten).

Der Artikel erschien zuerst am 16. Februar 2017 auf www.kommune-kowa.de, das ist die Kommune Waltershausen in Thüringen. Mit freundlicher Genehmigung von Carlos übernommen.

© Karl-Martin Hölzer / Carlos, April 2017.

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2017/04/16

Menschengruppe

Brigitte Blaurock

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Collage, 50x60cm, 2016. © Brigitte Blaurock.
www.brigitte-blaurock.de/

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2017/04/14

Le bonheur est une idée neuve en Europe

Saint-Just am 3. März 1794 vor dem Konvent


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2017/04/13

Gründung des Malik-Verlags vor 100 Jahren

Dr. Christian G. Pätzold

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Buchumschlag von John Heartfield für den Malik-Verlag:
Upton Sinclair, 100 %, Auflage 50.000, 1928.

1917, das war die Zeit des Ersten Weltkriegs, eine Zeit der Zensur, in der es schwierig bis unmöglich war, im Deutschen Kaiserreich einen kritischen Verlag zu gründen. Wieland Herzfeld (1896-1988), der sich Wieland Herzfelde nannte, gründete den Malik-Verlag zusammen mit seinem Bruder Helmut Herzfeld (1891-1968), der sich John Heartfield nannte. Der Malik-Verlag wurde am 1. März 1917 ins Firmenregister der Stadt Berlin eingetragen. Der Name Malik stammt von dem Roman »Der Malik« von Else Lasker-Schüler, den John Heartfield publizieren wollte, er erschien dann aber 1919 bei Paul Cassirer in Berlin. Aufgrund des Krieges waren die Beteiligten im Kriegseinsatz und so konnte kaum etwas publiziert werden, außerdem wurde der Verlag sofort wieder verboten.
Erst im Jahr 1919, nachdem der Krieg zu Ende war und der Kaiser das Weite gesucht hatte, konnte die Verlagsarbeit so richtig beginnen. Herzfelde, Heartfield, George Grosz und Erwin Piscator traten am 1. Januar 1919 in die KPD ein. 1920 veranstalteten Grosz, Heartfield und Hausmann übrigens auch die Erste Internationale Dada-Messe in Berlin. In den 1920er Jahren prägte der Malik-Verlag mit seinen Büchern das fortschrittliche Zeitgefühl. Es wurden Werke der linken politischen und ästhetischen Avantgardekunst verlegt. Berühmt wurden auch die Illustrationen der Buchumschläge, die von John Heartfield als Fotomontagen gestaltet wurden. Kurt Tucholsky alias Peter Panter schwärmte damals: "Wenn ich nicht Peter Panter wäre, möchte ich Buchumschlag im Malik-Verlag sein. Dieser John Heartfield ist wirklich ein kleines Weltwunder. Was fällt ihm alles ein!"
Berühmte Autoren des Verlages, die zum Teil hohe Auflagen erreichten, waren: John dos Passos, Upton Sinclair, Maxim Gorki, Leo Tolstoi, Ilja Ehrenburg, Bertolt Brecht, Oskar Maria Graf, Alexandra Kollontay und viele weitere. Herzfelde musste 1933 vor den Nazis nach Prag flüchten, wo er den Verlag bis 1939 weiter betrieb. Die in Deutschland verbliebenen 40.000 Bücher wurden von den Nationalsozialisten verbrannt. Dann musste Herzfelde über London nach New York flüchten, wo er den Aurora Verlag gründete, der bis 1947 bestand. Damit endete die Geschichte des legendären Malik-Verlags.
Bis heute sind die Bücher des Malik-Verlags bei Sammlern sehr beliebt und werden teuer gehandelt. Wieland Herzfelde und John Heartfield lebten bis zu ihrem Tod in Ost-Berlin.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2017.

Hinweis auf die Ausstellung:
Kabinett Malik / 100 Jahre Malik Verlag
FMP1 - Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin
Ausstellungszeitraum:
03.04.2017 - 28.05.2017
Öffnungszeiten:
Do & Fr: 17 - 21 Uhr
Sa & So: 14 - 20 Uhr
Eintritt frei
www.heartfield-grosz.berlin

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2017/04/11

Unter Kiefern und Hibisken 7

Ella Gondek

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Foto von © Ella Gondek.

Mittlerweile grünt und blüht es schon an vielen Ecken. Und man entdeckt jeden Tag etwas Neues. Auch die schönen gelben Blüten der Forsythien zeigen sich schon in ihrer vollen Pracht. Ich habe vor einigen Tagen die Rhododendren, Hibisken und Hortensien mit Spezialdünger versorgt und mit dem noch vorhandenen Regenwasser ordentlich gegossen. Ein guter Dünger für Rosen sind klein geschnittene Bananenschalen, die man rund um die Wurzeln einharkt, da diese Schalen viel Stärke enthalten.
In einem großen Tontopf habe ich schon Dahlienknollen eingepflanzt. Vorher habe ich ihn aber 24 Stunden in kaltem Wasser eingeweicht, damit sich die schädlichen Inhaltsstoffe, die durch das Brennen entstanden sind, verflüchtigen. In dem Rundbeet hatte ich voriges Jahr Radieschen und Schnittsalat ausgesät. Da aber dort zu wenig Sonne hinkam, ist alles nur ins Kraut geschossen. Ein Versuch war es zumindest wert. Demnächst säe ich im Rundbeet Tagetes aus, diese wachsen auch an einem Schattenplatz, wenn auch nicht ganz so üppig. Kaffeesatz mögen auch Tagetes als Dünger, da diese sauren Boden mögen.
So gehen die Arbeiten also weiter. Es ist aber zwischendurch auch Erholung, wenn ich mal ein Päuschen mache, dem Zwitschern der Vögel lausche und mich an meinem Gartenparadies erfreue.

© Ella Gondek, April 2017.

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2017/04/09

Street Art in Berlin Friedrichshain

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Fotografiert von © Henrik Zoltan Dören, November 2016.
Am Kino Intimes in der Boxhagener Straße 107 in Berlin Friedrichshain.
Das Kino Intimes ist ein Fokus der Street Art.

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2017/04/07

art kicksuch

ausfalsch

© art kicksuch, april 2017.

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2017/04/05

interview mit jan wenzel von spector books
am 25. märz 2017 auf der leipziger buchmesse.
die fragen stellte dr. karin krautschick.
teil 2


wenzel2


k k: liegt euch daran, möglichst viele leute zu erreichen oder reicht euch das, was ihr an wirkungsradius habt ?
j w: es gibt ja zwei möglichkeiten, mit publikum umzugehen. das eine ist es, ein bestimmtes phantasma zu entwickeln, was ist das publikum und das programm dem permanent anzupassen. dass man sagt, die leute kaufen das und das, kaufen das und das nicht und das ist zu kompliziert, dass es jemand kauft. ich finde das immer irritierend. es ist eher wichtig zu sagen, welche art von büchern wollen wir machen ? wie denken wir, dass es im moment richtig ist, mit bestimmten inhalten, mit bestimmten formen umzugehen und wie finden wir für diese dinge, die wir da produzieren, ein publikum ?
k k: verstehe, also das primat hat das buch.
j w: das primat hat das buch und das wichtige ist, leute dafür zu interessieren und auch ein vertrauen zu haben, dass es einfach eine anzahl von leuten gibt, die ähnlich wie wir ein interesse an komplexen, differenzierten dingen haben.
k k: abschließende frage: warum diese affinität zur architektur und im besonderen zum bauhaus ?
j w: der kontakt ist über philipp oswalt gekommen, der der vorletzte direktor der stiftung bauhaus in dessau war. mit ihm haben wir eine kooperation begonnen. das war für uns interessant, weil es einem programm, was sehr an gegenwart interessiert war, auch einen historischen referenzrahmen gegeben hat. es war für die stiftung bauhaus interessant, weil diese in einem umfeld, was von einem sehr jungen publikum rezipiert wurde, bücher produzierten.
k k: diese reihe hat mich an reclam erinnert.
j w: in der edition bauhaus sind auch einige titel heraus gekommen.
k k: das geht noch weiter oder ist das irgendwann beendet ?
j w: das geht noch weiter, ja. was ein verlag auch immer macht, dass er immer an eine bestimmte generation angebunden ist. der verlag hat auch immer die chance, etwas weiter zu geben, was so, wie innerhalb einer familie, so etwas wie eine aufgabe ist, etwas weiter zu geben, weil es eben, wenn es die nächsten nicht interessiert, einfach nur auf dem boden landet oder weg geworfen wird.
k k: also ein erziehungsanspruch oder wäre das zu pädagogisch ?
j w: nein, es ist eher ein kultureller anspruch. kultur ist auch permanent transformation und das hat sehr stark mit der logik des biologischen zu tun. dass leute, die mit dingen etwas verbinden, denen das etwas bedeutet, älter werden und irgendwann sterben.
k k: zyklen sich vollenden.
j w: und nur, wenn die nächste generation auch etwas findet, vielleicht etwas ganz anderes - in den selben dingen - wird es weiter getragen. also wenn es nicht diese nächste generation gibt, die das bauhaus auch interessant findet, und das ist auch das wichtige. bei dieser zeitschrift, die wir gemacht haben, haben wir gemerkt, es gibt einen abonnentenkreis, der ist um die 70. das sind die leute, die ihre jugend in den 50er jahren erlebt haben - für die war das bauhaus eine ganz wichtige anknüpfung, weil es eben jenseits der nationalsozialistischen geschichte war, etwas aus den 20er jahren, was wichtig war...
k k: was nicht infiziert war...
j w: ...ihnen von den formen her als anknüpfungspunkt gedient hat. für die ist das bauhaus etwas, mit dem sie sehr eng verbunden sind. sie abonnieren dann eine zeitschrift. die andere gruppe sind eben leute in unserem alter - 30/40 jahre alt. das sind die deutlichen adressatenkreise. der eine adressatenkreis ist in 10/15 jahren nicht mehr da und wenn es nicht diesen anderen adressatenkreis gibt, dem man es eben vermitteln muss, dass sie es für sich neu entdecken und das nicht an diesen weiter gegeben wird, endet es auch. das hat man ja immer wieder, dass dinge, die für eine bestimmte generation wichtig waren, in der nächsten überhaupt keine rolle mehr spielen.
k k: absolut
j w: ja, das ist es eben, was ein verlag auch tut, wir sind jetzt gerade dabei, das wird im herbst starten, eine reihe mit russischen avantgarde-texten, die bisher nicht in deutscher sprache veröffentlicht sind.
k k: richtung architektur oder literatur ?
j w: sehr breit - von ginsburg beispielsweise architektonische bzw. architekturtheoretische texte über den rhythmus in der architektur - wir haben sergej tretjakow-reportagen. das ist wichtig, diesen enorm produktiven zeitraum der 20er jahre in der sowjetunion auch noch mal neu zu erschließen und mit gegenwart zu verknüpfen. also, was für uns immer wichtig ist, egal, ob es das bauhaus ist oder das black-mountain-college - dass uns das j e t z t interessiert, dass wir j e t z t etwas finden, deshalb nehmen wir das auch ins programm, weil es für uns auch eine gegenwärtige qualität hat.
k k: noch eine frage, die sich anschließt: wo sind eure quellen, wenn ihr jetzt einen text von tretjakow heranzieht ?
j w: also ein verlag ist am ende so ein knotenpunkt, ein phantom, das mit sehr unterschiedlichen leuten in kontakt steht. also da sind es slawisten, die dieses interesse haben und mit denen wir dieses anfänglich vage im letzten jahr konkretisiert haben. so gibt es viele leute, mit denen wir in verbindung stehen, die wiederum auch andere autoren im verlag kennen lernen, mit denen wir auch in verbindung stehen. insofern ist der verlag auch der große verbinder.
k k: ein bis drei wünsche noch an euern verlag - als letzten punkt. was wünscht ihr für euch, wenn du drei wünsche frei hättest ?
j w: ein bis drei wünsche - ich glaube, ein punkt ist, immer ein gutes maß zu haben zwischen den ökonomischen erfordernissen und dem, was man tun will. für mich ist ein verlag ist immer auch etwas, was wirtschaftlichkeit und exzess verbindet. das muss man immer wieder klug verbinden. also ein verlag, der jetzt nur effizient arbeitet, höhlt sich aus.
k k: bestimmt, ja.
j w: du musst, wenn du einen verlag machen willst, dinge tun, die im moment unvernünftig sind und vielleicht erst in einer großen zeitlichen distanz sinnvoll erscheinen. dieses "etwas weiter bringen" ist oft im ersten moment ökonomisch völlig wirr.
k k: irrational.
j w: irrational. das ist aber absolut notwendig, sich diese freiheit auch zu erspielen, dinge zu tun, die nicht nur den ökonomischen erfordernissen verpflichtet sind.
k k: sehr wahr.
j w: immer wieder die reproduktion, das weiter arbeiten zu sichern und sich in diesem weiter arbeiten diese freiräume zu sichern, das ist ein wunsch, der sich eigentlich mit jedem neuen programm weiter schreiben muss.
der zweite wunsch ist, dass es wichtig ist, die kulturtechnik des buches weiter zu tragen. das lesen ist für mich etwas absolut wichtiges, elementares, weil es einerseits ein innenraum ist, dass das, was ich denke, was ich fühle, was ich differenzieren kann, sich enorm weiten kann und andererseits ein austausch mit welten, mit anderen perspektiven, mit toten, mit weit entfernten ist. lesen ist etwas, was einen enormen, reichen weltkontakt schafft und dadurch auch sehr reiche subjekte. das ist etwas, was in einer zeit, die sehr schnell ist, sehr reich an reizen nicht selbstverständlich ist, dass sich etwas tradiert. das ist absolut wichtig, was schon in der schule, eigentlich schon in der vorschule vorkommt, dass kinder zu hause was vorgelesen bekommen und dadurch, schon bevor sie selbst lesen können, diese innenräume ausbilden und dann weiter verfeinern. ich glaube, dass eine bestimmt möglichkeit, in der welt zu sein und differenziert mit welt umzugehen, andere perspektiven einzunehmen, empathie zu haben durch das lesen sehr ausgebildet wird. deshalb wäre das ein wunsch und für jemanden, der einen verlag hat, ist immer auch eine frage, wie man das selbst begleiten und fortführen kann ein wichtiger punkt.
der dritte punkt ist, die infrastrukturen des buches zu erhalten. ein buch ist ein industriell erzeugtes objekt und das wird nur funktionieren, wenn es in einer bestimmten menge produziert wird. in dem moment, wo eine krise des buches eintritt, weil vielleicht andere formen des lesens oder des nicht-lesens eintreten, ist es etwas, was alle bereiche der buchproduktion betrifft. industrie ist immer auf große mengen aus. man hat es im bereich der fotografie gesehen, wie schnell mit dem aufkommen der digitalfotografie der ganze bereich der analogfotografie zerfallen ist. es ist heute enorm schwer, ein labor zu finden, das noch analog printet, weil der ganze publikumsbereich weg gefallen ist. es ist schwer, noch das material zu finden. das ist etwas, wo man sehr aufmerksam sein muss. dass diese möglichkeiten, angefangen von unterschiedlichen papieren, unterschiedlichen formen der verarbeitung, des drucks, der bindung , dass die nur erhalten bleiben, wenn eine buchkultur da ist, eine vielzahl von lesern. das ist, selbst wenn man jetzt auf die messe geht, ein großteil der bücher interessiert mich persönlich überhaupt nicht.
k k: das geht mir auch so.
j w: nur indem diese ganze buchkultur im ganzen da ist, wird diese buchkultur auch eine zukunft haben. das, was wir tun, ist, an dem medium buch weiter zu arbeiten und auch unter diesen digitalen bedingungen zu sagen, wie geht man heute mit diesem medium um. wichtig ist, diese kultur als ganzes und da sind wir in deutschland ideal aufgestellt. ich glaube, es gibt kein anderes land auf der welt, was die möglichkeiten des drucks, die infrastruktur des buchmarktes, also, dass du jedes buch über nacht in deine buchhandlung bestellen kannst, dass es nach wie vor ein großes netz an buchhandlungen gibt - das ist ein hohes kulturgut.
k k: prost, darauf trinken wir. danke für das interview !

© Jan Wenzel, Dr. Karin Krautschick, April 2017.

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2017/04/04

interview mit jan wenzel von spector books
am 25. märz 2017 auf der leipziger buchmesse.
die fragen stellte dr. karin krautschick.
teil 1

wenzel
jan wenzel von spector books.
foto von © felix könig 2016.

j w: wir haben 2001 begonnen mit einer zeitschrift "spector cut + paste" und am anfang war natürlich die frage, welchen namen wollen wir uns geben. es gab vorher zwei publikationen, über die wir uns kennen gelernt haben. einmal eine dokumentation über eine ausstellung von ilja kabakov 1996 und markus dreßens diplombuch, da tauchte das erste mal der name "spector" auf. "spector" ist bei james bond eine figur, die unsichtbar bleibt und uns interessierte der verlag als etwas, das wie ein phantom funktioniert, wie ein specter (das gespenst ist auch drin), dessen aufgabe es ist, verschiedenste dinge zu verbinden. so kam der name und wenn er einmal da ist, ist er da.
bei der zeitschrift war es die idee, unterschiedlichste bereiche zeitgenössischer kunst zusammen zu bringen. von der literatur über den film, die bildende kunst, tanz, theater. uns war aufgefallen, dass in den verschiedenen bereichen oft ganz ähnliche fragestellungen eine rolle spielen. das erste heft z.b. beschäftigte sich mit der frage des "remakes", also wie kann man mit dingen, die bereits produziert sind, weiter produzieren, indem man an bestimmten stellen modifikationen vornimmt und bestimmte dinge wiederholt.
k k: ich habe es so verstanden, dass ihr disparates zusammen bringen wollt - oder geht es eher um stringenz ?
j w: das eine ist, dass wir sehr stark von eigenen interessen aus arbeiten, dinge, die uns interessieren. am theater z.b. inhaltlich besonders eine linie, die von brecht ausgeht, vom lehrstück, die dann bei andrzej wirth, der das institut für angewandte theaterwissenschaften in gießen gegründet hat, vorbei kommt über die verbindung von hörspiel und theater bis hin zu wolfram lotz. inhalte, die uns selbst interessieren oder interessant vorkommen und nicht, dass man sich nur für fotografie oder nur für bildende kunst interessiert. ein bisschen ist der verlag auch wie so ein bau gedacht, der verschiedene eingänge hat. also, du kannst von der literatur aus kommen und siehst dann dinge in der bildenden kunst, in der theorie, in der fotografie, die, wenn du einen bestimmten zugang zur literatur in diesem verlag findest, dich dann auch interessieren.
k k: also paradigmen ?
j w: ja.
k k: werden dann von euch gefunden. haben diese einen allgemeinen anspruch oder gelten die nur für eure verlagswahrheit sozusagen ?
j w: ja, was macht man beim publizieren ? es ist ja immer so, gegenwart mitzuschreiben. auf die art und weise ist das, was wir publizieren eigentlich immer auch etwas, was uns im moment notwendig, interessant vorkommt. und so schreibt sich das eigentlich fort. das ist das eine. die andere konstante ist unser interesse am medium buch. wie kann man mit einem bestimmten material, einer künstlerischen arbeit im bereich des mediums buch umgehen. das verbindet alle publikationen - dieses interesse am medium und an einem klugen umgang damit.
k k: habt ihr auch den anspruch innovativ zu sein ? z.b. ganz neue buchformen zu entwickeln.
j w: genau. bestimmte bücher gibt es auch nur bei uns, z.b. "die lange liste" von christian lange bekam vor einigen jahren den sächsischen staatspreis für design und wurde bei den "schönsten büchern aus aller welt" mit einer bronzemedaille ausgezeichnet. das buch eines gestalters, dessen abschlussarbeit. seine mutter hatte, da die familie nicht so viel geld hatte, haushaltsbuch geführt, was dann irgendwann ritualisiert war. er hat anhand der eintragungen seiner mutter von seiner geburt bis er 18 war ... listen, die die ökonomie der familie zeigen, verbunden mit bildern, die - einerseits aus dem album der familie - andererseits aus produktdarstellungen und pressefotos, die dann in diesen listen wie z.b. bei "florena" eben, auftauchen. und man hat eine form des autobiografischen schreibens, was momente experimenteller literatur hat und dieses fotobuch ist, weil es fotoquellen wie das album der familie, produktbilder kombiniert, montiert, auch eine grafische arbeit, weil der gestalter eine form genau dafür entwickelt hat und, er ist auch gleichzeitig autor des buches. das gibt es nicht davor.
k k: und wird es auch danach nicht wieder geben.
j w: er ist ein gestalter, der hier in einer ganz bestimmten weise mit dem medium buch umgeht und eine darstellungsweise entwickelt hat.
k k: bildet ihr dann anhand solcher phänomene auch neue begriffe für so etwas ?
j w: im film der 50er jahre entsteht der begriff des autorenfilms. godard ist ein frühes beispiel. der autorenfilm geht davon aus, dass ein bis dahin industrieller produktionsprozess, der sehr viele personen hat, die mit der form des filmes sehr bewusst umgehen und den film in all seinen elementen als etwas gestaltbares verstehen. so ähnlich ist es hier, es sind autorenbücher. der autor eben nicht als textautor allein, sondern jemand, der alle elemente des buches, den text, das format, die gestaltung im blick behält und eben gestaltet.
k k: "auteur", das französische wort "auteur" steht ja dafür, der für alles verantwortlich zeichnet, oder ?
j w: ja, hier ist es eigentlich mehr als eine gestalterische aufgabe, weil er eben nicht einem anderen material gestalt gibt, sondern er ist gleichzeitig eben der autor, der das, was hier buch wird, von anbeginn an zusammen bringt. da gibt es eine ganze anzahl: helmut völter "wolkenstudien", nicola reiter "positio". das sind personen, die mit dem medium buch arbeiten und auch alle elemente dieses mediums in eine bestimmte artikulation einbeziehen.
k k: das heißt, dass sie alles in dem buch machen ?
j w: sie müssen nicht alles machen. sie können das auch delegieren, aber sie haben sozusagen...sie gestalten ein buch.
k k: sie haben die regie ?
j w: sie haben die regie, im prinzip.
k k: sehr interessanter ansatz. noch eine frage: wie findet ihr eure autoren ? ist das dem zufallsprinzip geschuldet oder gehören diese zu eurer sympathisanten-familie? wie findet ihr die ?
j w: als verlag ist man ja auch eine projektionsfläche. wir kriegen sehr viel vorschläge und schauen dann, was passt in das programm. das programm ist limitiert. wir haben beschlossen, dass pro halbjahr nicht mehr als 20 bis 25 titel rauskommen, das ist eine menge, die man in der größe, wie wir sie haben, gerade noch beherrschen kann. das ist jeden tag viel arbeit...
k k: ich war erstaunt über die fülle, wie viel ihr anbietet, das hätte ich nicht erwartet.
j w: ich habe einen essay geschrieben "die zwölf arbeiten des verlegers". im 12. abschnitt heißt es, jeder verlag ist ähnlich wie eine stadt - unterschiedlich - hat seine ganz eigene geschichte, seine dunklen ecken, seine möglichkeiten etc. - wenn man beginnt, sich darüber gedanken zu machen, was ein verlag als ein bestimmter produktionszusammenhang auch sein kann, dann kommt man auf ganz individuelle möglichkeiten, dinge zusammen zu bringen, dinge auch zu verteilen.
k k: also nicht klassisch.
j w: eben nicht als literaturverlag, sondern zu schauen, wie kommen die dinge zusammen und was passiert, wenn man eine kleine literarische reihe mit einem programm an bildender kunst, an fotografie, an interessantem design zusammen bringt. und das ist der punkt, dass das selbst dynamiken und seine eigenen formen entwickelt.
k k: und kann man sagen, wo die reise hingeht ? oder ist das gar nicht gewollt ?
j w: das kann man, glaube ich, immer nur so step by step sagen. es gibt im augenblick einige bücher, z.b. "das theater des krieges" von roman ehrlich und michael disquée, das eine eigene form von literatur und bild hat. eigentlich ein text-bild-essay - als buch. wir haben ein buch über die bücher von einem holländischen fotografen erik van der weijde gemacht und uns da auch nochmal mit seiner art des publizierens beschäftigt. ich glaube, es ist gar nicht der punkt zu sagen, in 5 jahren ist es da, es sind eigentlich eher in jedem neuen buch die erfahrungen, die man bisher gesammelt hat, das forminteresse, das formwissen im medium, das sich das ...
k k: wie eine evolution gewissermaßen ...
j w: weiter fortschreibt. ..dass das das interessante ist - also sozusagen jedes nächste gelungene buch auch.
k k: ja, und das baut sozusagen aufeinander auf ?
j w: das baut aufeinander auf und am anfang stand das interesse am medium und was in den letzten jahren immer stärker dazu gekommen ist - ein interesse am distribuieren, am verteilen. und das ist mehr ein handwerk, also dass du partner hast.
k k: meinst du ein netzwerk ?
j w: ja, auch unternehmen, also auslieferung, vertreter, die in die läden gehen und dass man für das, was man an inhalten kreiert, auch nochmal eine infrastruktur schafft, dass diese an möglichst unterschiedliche orte kommt.
k k: ist das auch ein innovativer anspruch, ein konzept, das dahinter steckt ?
j w: ja, ich glaube, dass es auch etwas ist, was publikumsverlage immer auch wollen. das für uns, die ja hier (bei dem, was wir auf der buchmesse sehen) auch ihren ausgangspunkt haben, in dem, was man independent publishing nennt. das sind verlage, die uns sehr nahe sind, die aber fragen der distribution oft gar nicht angehen, sondern das einfach so verschicken oder eher dem zufall überlassen, wer diese dinge am ende in die hand bekommt. wir sagen da eher, dass wir das so professionell wie möglich organisieren.
k k: was heißt das konkret ? wie erreicht ihr eure leute ?
j w: wir arbeiten mit einer auslieferung zusammen. wir haben eine in deutschland, in der schweiz, frankreich, großbritannien, in amerika, die auch über nordamerika hinaus die bücher verteilt.
k k: ein funktioneller ansatz auf jeden fall.
j w: ja, das interessante beim buchmarkt ist, dass du relativ schnell zu personen kommst, es sind immer menschen an verschiedenen punkten, die auch ein interesse am medium haben und ihre eigene perspektive auf den markt. wir haben z.b. letztes jahr im herbst, und wir werden das dieses jahr wieder machen, alle unsere internationalen vertreter nach leipzig eingeladen und zeigen ihnen dann, was wir für das nächste frühjahr planen. wir verbringen einen abend zusammen und treten in dem moment in einen austausch. sonst sind sie immer nur für frankreich, für großbritannien tätig. es zeigt, wie wichtig es ist, nach der richtigen form für diese verteilung zu schauen und diese so gut wie möglich zu gestalten. das sind alles leute, die mit einer leidenschaft an ihren punkten arbeiten - und das verbindet uns. am ende ist unser gemeinsamer erfolg der, dass die bücher an verschiedene orte kommen.

© Jan Wenzel, Dr. Karin Krautschick, April 2017.

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2017/04/03

Tagebuch 1973, Teil 16: Moskau

Dr. Christian G. Pätzold

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Privatmarkt in Moskau August 1973, Blick von der Wohnung von Dolores aus,
Foto von © Dr. Christian G. Pätzold.

19. August 1973, Moskau, Sonntag

Die Einwohnerzahl Moskaus nach Angaben von Diana: 8 Millionen reguläre Einwohner, 2 Millionen illegale Einwohner ohne Aufenthaltserlaubnis, und 3 Millionen Besucher täglich. Auf Anraten von Diana sind wir in den Sokolniki-Park gefahren, um das Sonntagsleben der Moskauer kennen zu lernen. Eine Frau stand in einer großen Konzertmuschel und sang Lieder. Dabei wurde der Text der Lieder zum Mitsingen angezeigt. Heute war der Tag der Luftfahrt im Sokolniki-Park. Aus diesem Anlass wurden von Stewardessen Broschüren und Stadtansichtsbilder von Aeroflot verteilt, um die sich die Leute gerissen haben.
Wir haben mit Diana telefoniert und sie gab uns die Adresse von einem Progress Übersetzer, Ken R. Die Übersetzer wohnen alle in Neubauten in relativ geräumigen Wohnungen, 1 Zimmer pro Person. In den Häusern wohnen auch Russen, so dass es keine Isolation von der Bevölkerung gibt. Die Neubauten sind meist in Plattenbauweise gebaut. Wir hatten eine Diskussion über Wohngemeinschaften, die hier nicht üblich und nicht möglich zu sein scheinen.
Im selben Haus waren wir noch in der Wohnung eines französischen Übersetzers und haben im Fernsehen einen Film über einen russischen Spion in Nazideutschland gesehen. Der französische Übersetzer sagte: "Es gibt keine Differenzen, keinen linken oder rechten Flügel in der FP Frankreichs, aufgrund der starken Führung." Er selbst war Mitglied der KP und hatte 3 Stalinbilder, 2 Leninbilder und 1 Marxbild an der Wand hängen, außerdem Breshnew neben Pin-up-Girl im Kleiderschrank und überklebten Kim Ir-sen auf der Toilette. Ken und der französische Übersetzer waren beide Parteimitglieder, aber der Anteil liegt in der Englischabteilung von Progress bei 50 %, in der Französischabteilung höher, in der Deutschabteilung arbeiten fast nur DDR-Übersetzer. Wenn man Übersetzer in Moskau werden will, dann sollte man am besten in der Schule schon Russisch gelernt haben. Am besten fragt man nach einem Übersetzer-Vertrag, wenn man in Moskau ist, dann geht alles direkt und schneller. Ken sprach Englisch, Französisch und Russisch, der französische Übersetzer Französisch, Englisch, Russisch und ein wenig Deutsch.
Dolores arbeitete bei APN (Presseagentur Novosti, eine große staatliche sowjetische Presseagentur) und übersetzte kürzere Nachrichtenartikel, die nach Indien und nach London zur Verwendung an APN-Korrespondenten dort geschickt wurden. Außerdem übersetzte sie bei APN Propagandabroschüren. Bei Progress übersetzte sie Bücher, im Moment gerade eine große Marxübersetzung vom Deutschen direkt ins Englische.
Als wir ins Motel fahren wollten, war der Intouristbus um 5 Minuten nach 23 Uhr schon weg. Man könnte auch den Bus Nr. 89 (5 Kopeken) oder Trolly Nr. 2 (4 Kopeken) bis Metro Kotusowskaya nehmen und dann den Bus Nr. 139 bis zum Motel Moshaisky.

20. August 1973, Moskau, Montag

Dolores war sehr freundlich und hat uns Essen gekocht. Wir haben etwas eingekauft: Tomaten das Kilogramm für 42 Kopeken (die Billigsten), in Essigwasser marinierte Äpfel von Bulgarkonserv für 50 Kopeken, eine halbe Honigmelone für 55 Kopeken. Es gab in der Nähe einen Laden für ausländische Devisen, in dem man bspw. russischen Kaviar kaufen konnte, den man sonst nicht bekam. Wir sind auch durch einen ziemlich großen Privatmarkt gegangen, in dem die Waren nicht ausgepreist waren, und in dem gerade selbst gesammelte Pilze aller Sorten verkauft wurden, aber auch Obst und Gemüse. Das war ein interessantes Zusammentreffen von Staatsgeschäft, Ausländerladen und Privatmarkt, und das mitten in Moskau, dem Herzen des Weltkommunismus.
Der Sohn von Dolores sagte, dass 25 % der Schüler die Schule nach der 8. Klasse verlassen, um zu arbeiten. Der Marxismus wird aber erst ab der 9. Klasse und in der 10. Klasse und in der Universität unterrichtet. Dadurch bekommt gerade die Arbeiterklasse in der Sowjetunion nicht so richtig eine theoretische Information über den Marxismus. Ein Beispiel: Bei einer Vorbereitungsbesprechung zum Eintritt in den Komsomol wurde ein Schüler gefragt, warum er eintreten wolle. Er antwortete wie allgemein üblich auch bei Parteieintritten: "To be in the first ranks of those building Communism." (Das Ganze natürlich auf Russisch). Dann fragte der Sohn von Dolores, was Kommunismus sei, und er wusste es nicht. Darauf sagte die Lehrerin, dass sie das ein andermal besprechen werden.
Die Verkäufer und Verkäuferinnen in den Geschäften scheinen hier nur 3 Monate auf die Berufsschule zu gehen. Es fehlt an Wissen, praktisch und theoretisch, so dass sie die Kunden nicht beraten können. Dolores sagte, dass der Beruf des Verkäufers schlecht angesehen sei, daher seien sie natürlicherweise immer unfreundlich und fänden keine Befriedigung im Beruf.
Meiner Reisegefährtin war sehr schlecht. Wir sind in die Klinik Bolnitsa Botkina (Botkin Hospital) gefahren, die zu den berühmtesten der Sowjetunion gehören soll. Sie wurde operiert. Ich habe im Krankenhaus übernachtet, mir wurde sogar ein Bett so ziemlich aufgezwungen. Am Morgen habe ich mit den Ärzten zusammen gefrühstückt. Das war schon der dritte kritische Moment meiner Weltreise.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2017.

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2017/04/01

Tagebuch 1973, Teil 15: Moskau

Dr. Christian G. Pätzold

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Die Weltraum-Errungenschaften der Sowjetunion, Ausstellung in Moskau August 1973,
Foto von © Dr. Christian G. Pätzold.

17. August 1973, Kalinin - Moskau, Freitag

Das Zündkerzengewinde unseres VW-Bus ist jetzt völlig kaputt, so dass der Wagen auf 3 Zylindern laufen muss, es macht großen Krach. Wir sind aber bis Moskau gekommen. In der Werkstatt für ausländische Wagen hat der Mann die Zündkerze rausgenommen, aber nicht wieder reingekriegt.
Wir sind dann anschließend zu Diana M. gefahren. Sie hatte Besuch von einer Amerikanerin, deren Mann auch bei Progress arbeitet. Diana und die Amerikanerin sind die einzigen Familien mit Kind bei Progress Publishers. Wir unterhielten uns mal wieder über Stalin. Die Amerikanerin, die sehr gegen Stalin war, sagte, dass es stimme, dass hauptsächlich die Intellektuellen gegen ihn waren. Er wäre ein starker Mann gewesen und heutzutage sagten manche, man brauche wieder einen Stalin, damals hätte es keine Misswirtschaft gegeben. Sie sagte, Stalins rigorose Kollektivierung sei erst die Voraussetzung für den heutigen Sozialismus gewesen. Diana erklärte das fehlende Wasser auf den Dörfern mit Sommerdatschas und nicht produzierenden Rentnern. Sie sprach von Gemütlichkeit und Hausgemeinschaft und fehlender Hektik: "Es gibt hier keine Entfremdung." Handel mit dem kapitalistischen Ausland wie Erdöllieferungen würde die Aggressivität der Amerikaner senken. Sie sagte auch, dass die sowjetische Propaganda oft zu plump sei, für Bauern ohne Bildung, indem gleich die Antworten mitgeliefert werden. Die Amerikanerin hatte an der Hippie-Bewegung in San Francisco teilgenommen und sagte, dass die Hippie-Bewegung eigentlich gut sei, aber verfälscht wurde.

Postskriptum April 2017:
Heute war mein 22. Geburtstag, aber den habe ich komplett übersehen. Die Gegenwart in Moskau war einfach zu spannend.

18. August 1973, Moskau, Sonnabend

Die Sache mit unserer Visaverlängerung und den Bahnfahrkarten nach Teheran wird im Motel geregelt. Wir konnten unseren Aufenthalt in Moskau um eine Woche verlängern und ein Zelt für die Zeit mieten.
Wir haben Diana M. im Restaurant National getroffen, auch so ein Luxusschuppen. Sie erzählte, dass der Lehrer ihrer Tochter nicht erlaubt hatte, dass sie am Holzarbeitsfach teilnimmt. "Das ist nichts für Mädchen!" Auf Protest von Diana konnte sie aber doch teilnehmen, aber es sei völlig unüblich, Mädchen gingen sonst immer in den Nähzirkel und auch die Eltern fänden das richtig. Diana sagte: "Es gibt hier 3 Klassen: Die Arbeiter, die Bauern, und die Oberschicht: Das sind die Kinder." Sie sagte, man solle für den polnischen Zoll 1 kg Kaffee mitnehmen, sie seien bestechlich; für den DDR-Zoll auch 1 kg Kaffee, sie seien zwar nicht bestechlich, tun aber gerne einen Gefallen.
Wir sind dann zum Buchladen in der Gorkistraße gefahren und haben Bücher in der Deutschabteilung gekauft. Die DDR-SU-Preise standen 10:1, was genau unser Umrechnungsschema für Westmark gemessen am Verdienst war. Demnach sind die Preise hier recht teuer, alle sagen, es gebe mehr flüssiges Geld als Waren. Anschließend waren wir mit Diana noch in einem Haushaltswarengeschäft. Diana sagte: "Unser Stahl ist der Beste!" Und: "Von unseren Zigaretten bekommt man keinen Krebs, weil kein Schwefel drin ist!" Diana hatte eine Menge Humor.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2017.

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2017/03/31

vorschau201704

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2017/03/28

Kaffee - Den richtigen Genuss wählen

Georg Lutz

kaffee
Kaffeebaum. Fotografiert von Fernando Rebelo in Minas Gerais/Brasilien.
Quelle: Wikimedia Commons.

Früher war Kaffee ein Luxusprodukt. Noch in den fünfziger Jahren schmuggelte man den guten Kaffee aus der Schweiz nach Süddeutschland, wo es oft nur bezahlbaren Getreidekaffee gab. Der Kaffee in den "Kolonialläden" roch gut, war aber für Normalmenschen kaum zu bezahlen. Der Muntermacher übte eine Faszination aus, die die Ideologen des gesitteten Abendlandes auf den Plan rief. Ältere von uns werden sich noch an das pädagogisch aufgeladene Kinderlied erinnern: "C-a-f-f-e-e, trink nicht so viel Caffee! Nicht für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank. Sei doch kein Muselmann, der ihn nicht lassen kann!" Der Abwehrmechanismus gegen den sündigen Genuss war aber vergeblich. Die sonntägliche Kaffeetafel wurde zum zentralen Symbol des Bürgertums in den Wirtschaftswundertagen.
Einige Jahre später entwickelte sich Kaffee dann zu einem industriell gefertigten Massenprodukt. Norddeutsche Röstereien und Vertreiber, Tchibo ist hier sicher das bekannteste Beispiel, eröffneten in fast jeder Stadt Läden und platzierten ihre Produkte in den Supermärkten. Jetzt gab es Kaffee in Hülle und Fülle und er wurde auch immer billiger. Allerdings litt die Qualität. Wir erinnern uns sicher mit einem Schaudern, wie schlechter Kaffee stundenlang auf Wärmeplatten oder in Thermoskannen jeden Charakter verlor. Kaffee war dann auch eines der ersten Genuss-Produkte, die in "Dritte-Welt-Läden" gehandelt wurden. Die politische Botschaft stand hier oft über der Qualität. Die "Sandino Dröhnung" der ersten Jahre war nicht gerade magenschonend.
Heute haben wir die Qual der Wahl. Und das ist auch gut so. Inzwischen gibt es Kaffeesommeliers, die den Muntermacher wie einen guten Rotwein testen. Anbau, Bodenbeschaffenheit oder die Art der Aufbereitung sind wichtige Kriterien. Dementsprechend können Geschmacksnoten auch in Richtungen wie Karamell, Pfeffer, Zimt oder Schokolade gehen. Das muss für uns als Kaffeegenießer auch keine Theorie sein. Es gibt inzwischen unterschiedlichste Kaffeemärkte. Kleinere regionale Röstereien sind voll im Trend. Dort kann man probieren und sich auch gut beraten lassen. Das betrifft nicht nur den Qualitäts- und den Genussfaktor. Die Wertschöpfungsketten sind oft transparenter, direkter und übersichtlicher. Man kann zu den Themen Fair und Bio klarere Fragen stellen. Die Antworten können aber sehr unterschiedlich ausfallen. Wie bei Vinyl-Schallplatten sind auch beim Thema Kaffee wieder Retrotrends zu beobachten. Wahre Genießer trinken frisch gemahlenen Kaffee nicht aus der Maschine, sondern brühen ihn, wegen der besseren Entfaltung der Geschmackshormone wieder auf.
Auf jeden Fall spreizt sich der Markt weiter auf. Einerseits wird in den nächsten Jahren hochwertiger Kaffee wieder in Richtung Luxusprodukt gehen. Große Weltmärkte wie China und Indien treten schon jetzt vermehrt als Nachfrager auf. Zudem wird der Klimawandel die Anbauflächen, beispielsweise für den Arabica, reduzieren. Andrerseits gibt es billigen Massenkaffee weiter in den Supermärkten. Um die Preise zu halten sind aber technische Tricks zu erwarten. Vaporisierter Billigrobusta ist da ein mögliches Szenario. Schon heute hübscht man dadurch schlechte Bohnen künstlich auf, damit ein Aroma überhaupt vorhanden ist.
Es gibt einige wenige Stichworte, die beim Kauf zu beachten sind, um Qualität zu bekommen. Kaffee muss frisch sein. Zum Beispiel frisch geröstet, frisch gemahlen und frisch getrunken. Ein guter Kaffee braucht Zeit. Nur eine schonende, längere Röstung bei den richtigen Temperaturen führt zu einem Genusserlebnis. Die schnelle industrielle Röstung bei zu hohen Temperaturen schockiert die Bohnen.
Die Armut und der Kaffee gehen leider oft immer noch Hand in Hand. Meist wird Kaffee auf großen Plantagen angebaut, die wenigen Großfarmern gehören, die auch noch politischen Einfluss haben. Viele Kaffeebauern sind daher gezwungen, sich als billige Tagelöhner zu verkaufen. Auch wir als Kunden können an diesem Punkt nachfragen. Es gibt sie, die in partizipativen Genossenschaften organisiert sind. Als Kleinbauern gelten solche Produzenten, die nicht ständig Lohnarbeiter beschäftigen, sondern ihren Betrieb durch die eigene Arbeitskraft und mit Hilfe der Familie und Freunden bewirtschaften.
Dabei dürfen aber auch moralische Ansprüche nicht zu hoch gehängt werden. Fairer Handel löst nicht die Probleme dieser Welt. Aber er kann regional bäuerliche Strukturen unterstützen, die Menschen aus der Armut herausholen können.

Georg Lutz ist Redakteur, Politologe und lebt in Freiburg. Er flaniert manchmal durch die Altstadtgassen und macht an unterschiedlichen Kaffeestationen halt, da die Atmosphäre Ruhe und Kommunikation verspricht. Ohne Kaffee wäre dies ein Widerspruch.

© Georg Lutz, März 2017.

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2017/03/26

IM KOPF DER SPRACHE
Berichte aus der Sprachwerkstatt von Dr. Karin Krautschick
Oskar Pastior als "letzter großer Schamane des Experimentellen" (1)
Teil 2

Oskar Pastiors Werk umfasst mehr als 30 Bücher, angefangen vom 1969 bei Suhrkamp erschienenen "Vom Sichersten ins Tausendste" bis zu seinem letzten autobiographischen Text, der ein großes Prosabuch hätte werden sollen und der dann, zu großen Teilen verarbeitet in dem Roman "Atemschaukel" von Herta Müller, 2009 mit dem Nobelpreis prämiert, weltberühmt wurde.
Es ging um seine Zeit in einem Arbeitslager in der Ukraine von Januar 1945 bis ins Jahr 1949. Als Teil der rumäniendeutschen Minderheit in Siebenbürgen, geboren 1929 in Hermannstadt, gehörte er, wie auch z.B. Günter Grass in Deutschland, zur Kriegsgeneration, die die Folgen des Krieges als so katastrophal erleben sollte, dass es ihre Schreibweise für immer veränderte.
Oskar Pastior ist der leider inzwischen nicht mehr lebende Beweis dafür. Er starb im Oktober 2006, zwei Wochen, bevor er die Dankesrede des ihm zuerkannten Georg-Büchner-Preises halten sollte und es leider nicht mehr konnte - und genau das passt wiederum zu seiner zurückhaltenden und gleichzeitig angenehm präsenten Natur. Die graue Eminenz im Hintergrund der Experimentellenszene, aber ganz und gar ohne Machtallüren, die für manch anderen Künstler eben so typisch sind.
"Er war im Leben ein Meister des milden Ungeschicks...(der)...all seine Geschicklichkeit für seine Kunst brauchte: für seine Anagramme und Palindrome, seine Wortverdrehungen und Vokalvertauschungen, seine Parataxen-Promenaden oder Exkursionen mit dem Phrasenmäher, die Abzählreime und Zungenreime nicht zu vergessen" (2).
Hier nochmals ein Textbeispiel dieses Hohepriesters der experimentellen Poesie:

exzeß

meliert bis hobelspan die thode
mit einem schnäubchen porzellan
in patinoir & mandelgrün - olé

einfältig kam sie mäh bis lose
dekodeon bis mallarmé - sodann
meliert bis hobelspan die thode

ging schiel & kaff in die parole
am schattenspiel des paravents
in patinoir & mandelgrün - olé

wer passen muß und von der hose
der chose doch nicht absehn kann
meliert bis hobelspan die thode

& spült sie aufwendig fürs grobe
aus einem lapistazienzianagramm
in patinoir & mandelgrün - olé

wir stochern zimt & kalben wolle
dieweil ein kupferroter pelikan
meliert bis hobelspan die thode
in patinoir & mandelgrün - olé

(Oskar Pastior: Villanella & Pantum, Gedichte. München: Hanser, 2000, S.15)

Ein Stochern mit Methode, die Schatten der Vergangenheit können ihm nichts anhaben - oder doch ?
Seine Gegenwart war jedenfalls die allerangenehmste überhaupt, wenn ich mich zurück erinnere.
Damals lernte ich ihn kennen auf einem Literaturfest der LiteraturWERKstatt, damals noch in Pankow am Majakowski-Ring, dem ehemaligen Wohnhaus von Otto Grotewohl, wo heute die Schauspielerin Jasmin Tabatabai mit ihrer Familie wohnen soll.
Die Begegnung mit Oskar Pastior hat mein Leben nachhaltig beeinflusst und ebenso das Leben einiger Autoren der Generation, die sich als Nachfahren der Experimentellen verstehen, wie Hansjörg Zauner, Valeri Scherstjanoi und andere.
Oskar, du hast uns den Weg gewiesen, in welche Richtung die Sprachexperimente von heute zu treiben sind. Sowohl theoretisch als auch praktisch.
Dafür werden wir dir für immer dankbar sein.
Danke, Oskar !

(1) Schamane des Experimentellen; Michael Krüger; Süddeutsche Zeitung, 6.10.2006, S. 15.
(2) Der Zungenzwinkerer. Zum Tode Oskar Pastiors; Lothar Müller; ebenda.

© Dr. Karin Krautschick, März 2017.

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2017/03/24

Liegender Buddha im Gal Vihara in Polonnaruwa (Sri Lanka)

Ferry van Dongen

buddha
Foto von © Ferry van Dongen, Februar 2017.

Polonnaruwa, in der Nord-Zentralprovinz Sri Lankas, ist eine alte Königsstadt aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. Im Gal Vihara (Felsentempel) findet man vier aus einem Granitblock geschlagene Buddha-Statuen. Die größte ist der 14 Meter lange, liegende Buddha. Die Darstellungen stammen aus dem 12. Jahrhundert. Allerdings gibt es auch Hinweise, dass sie noch älter sind. Der liegende Buddha zeigt den Übergang ins Parinirvana (Erlöschung des Buddha). Er ist ein Feiertag, der jährlich im Februar begangen wird. Die Buddha-Statuen gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe.

© Ferry van Dongen, März 2017.

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2017/03/22

Buchtipp: 150 Jahre »Das Kapital« von Karl Marx

Dr. Christian G. Pätzold

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Die Schriften von Karl Marx (1818-1883) lernte ich zuerst 1968 kennen. Damals brachte der Dietz Verlag in Ost-Berlin die Schriften von Marx in großer Auflage heraus, einerseits gebunden als blaue Marx-Engels-Werke (MEW), andererseits als rote Broschüren, wenn es sich um kürzere Werke handelte. Bei meinen Besuchen in Ost-Berlin musste ich als West-Berliner an der Grenze den obligatorischen DM-Betrag 1:1 in Ost-Mark umtauschen. Die Ost-Mark verwendete ich dann zum Kauf von marxistischen Klassikern, denn etwas anderes als Bücher gab es in Ost-Berlin kaum zu kaufen. Und die Bücher durfte man legal aus der DDR am Abend ausführen, wenn man durch den Tränenpalast den realen Sozialismus verließ und in das kapitalistische Jammertal zurückkehrte.
Zur gleichen Zeit gab es in West-Berlin einige Schriften von Marx auch als Ausgaben des Verlages für fremdsprachige Literatur in Peking, deutschsprachig. Diese Ausgaben waren auf besserem Papier gedruckt und sogar noch billiger. Die Broschüren haben nur 70 Pfennige gekostet. Einige Ausgaben gab es auch vom Verlag Progress in Moskau, auch deutschsprachig. Ich begann damit, kürzere und leichtere Texte von Marx zu lesen, wie »Lohnarbeit und Kapital« oder »Lohn, Preis und Profit«. Erst danach nahm ich mir »Das Kapital« vor, das Hauptwerk von Marx.
Die Lektüre von Marx und Engels war auch der Hauptgrund, warum ich Ökonomie studiert habe. An der Freien Universität Berlin gab es nach 1968 etwas marxistische Ökonomie, obwohl die Mehrzahl der Veranstaltungen aus bürgerlicher Ökonomie bestand. Insgesamt hat mir das Studium der Ökonomie etwas gebracht. Besonders das Gebiet der Finanzwissenschaft kann ich empfehlen, denn es ist von Vorteil, wenn man etwas über den Staatshaushalt und die verschiedenen Aufgaben des Staates weiß.
Der 1. Band von »Das Kapital« von Karl Marx erschien im Jahr 1867 im Verlag von Otto Meissner in Hamburg. Nach dem Tod von Marx wurden noch die Bände 2 und 3 von seinem Freund Friedrich Engels nach den Manuskripten von Marx in den Jahren 1885 und 1894 herausgegeben. Die Bände 2 und 3 wurden nicht so oft gelesen wie der 1. Band. Sie unterscheiden sich auch sehr voneinander. Der 1. Band des Kapitals ist straff und zugespitzt geschrieben, mit dem typischen ätzenden Humor von Marx, und er bietet viel historisches Material. Die Bände 2 und 3 sind eher weitschweifig geschrieben und bieten nicht so viel Neues. Die für Marx wesentlichen ökonomischen Theorien, die Ausbeutungstheorie und die Verelendungstheorie, sind bereits im 1. Band ausgeführt. Daher haben sich die meisten LeserInnen berechtigterweise auf den 1. Band beschränkt. Die Standardausgabe des 1. Bands des Kapitals ist der Band 23 der Marx-Engels-Werke (MEW) aus dem Dietz Verlag Berlin, der zu Zeiten der DDR in hoher Auflage erschien.
Der Untertitel des Kapitals lautet "Kritik der politischen Ökonomie", und das ist berechtigt, denn Marx kritisiert die herrschende bürgerliche ökonomische Theorie und das ökonomische System des Kapitalismus. Im Großen und Ganzen schreibt Marx in einer allgemein verständlichen deutschen Sprache, ergänzt durch ein paar Fremdwörter, die man sich aneignen kann. Aber es gibt eine Schwierigkeit: Gerade die ersten vier Kapital (120 Seiten) sind relativ geheimnisvoll gehalten. Dort ist vom Warenwert, vom Fetisch und vom Geheimnis die Rede. Fetisch? Sind das etwa bizarre kapitalistische Sexpraktiken? Nein, es hat eher etwas mit magischer Religion zu tun.
Die Geheimnisse der ersten Kapitel haben viele LeserInnen abgeschreckt. Daher ist es zur Gewohnheit geworden, Arbeitsgruppen unter der Überschrift "Das Kapital lesen" zu bilden. Dort können unklare Stellen diskutiert werden und auch die philosophischen und ökonomischen Hintergründe des 19. Jahrhunderts erklärt werden. Noch heute gibt es die Gruppen "Das Kapital lesen", bspw. bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Insgesamt ist Das Kapital von Karl Marx nicht nur eines der bekanntesten Bücher der Weltliteratur. Es lohnt sich auch zu lesen, denn man erfährt einiges über das Funktionieren der Wirtschaft und über die Motive für wirtschaftliches Verhalten. Und da die Wirtschaft nun mal wichtig für alle Menschen ist, kann es für die LeserInnen nur von Vorteil sein, etwas darüber zu wissen.
Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen in der Theorie von Karl Marx besagt, dass die Arbeiter einen Mehrwert erarbeiten, der ihnen von den Kapitalisten, die die Produktionsmittel besitzen, weggenommen wird. Sie werden quasi bestohlen. Diese Theorie kann man noch heute nachvollziehen, wenn man sich die Millionengehälter und Boni ansieht, die die Manager in den deutschen Konzernen erhalten. Und auch die Milliardenvermögen deutscher Industrieller beruhen auf der Ausbeutung.
Schwieriger ist es mit der Marxschen Verelendungstheorie, die besagte, dass die Arbeiter im Kapitalismus immer mehr verarmen würden. Zwar gab es im Kapitalismus immer die Armut großer Bevölkerungsschichten, und besonders extrem die Armut in der Dritten Welt. Aber in Europa und Nord-Amerika gab es auch Phasen, in denen einzelne Schichten der Arbeiter mehr reales Einkommen erhielten. Daher hat sich die Verelendung, die nach Marx zur sozialistischen Revolution führen würde, nicht so eindeutig realisiert. Aber der Kapitalismus ist weiterhin anfällig für Krisen, die heute auch global auftreten können. Man weiß nie so genau, wann der Kapitalismus schließlich zusammenbrechen wird.

© Dr. Christian G. Pätzold, März 2017.

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2017/03/20

Freude über den Frühlingsbeginn

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Kamelienfrühling im Botanischen Garten Berlin Dahlem.
Foto von © Dr. Christian G. Pätzold, 12. März 2017.

Der 20. März ist nicht nur der Frühlingsanfang, sondern auch der Welt-Glückstag der Vereinten Nationen (International Day of Happiness), an dem wir uns alle freuen sollen. Das hat die UNO im Jahr 2012 auf Initiative von Bhutan beschlossen. Aber haben wir überhaupt Anlass zur Freude? Finden wir heute etwas, das uns glücklich macht? Als am glücklichsten gelten die 750.000 Einwohner von Bhutan im Himalaya. Dort steht das Recht auf Glück nicht nur in der Verfassung, sondern es gibt auch ein Ministerium für Glück und Wohlbefinden. Das hat auch etwas mit dem dortigen Mahayana-Buddhismus zu tun.
Dr. Christian G. Pätzold.

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2017/03/18

Unter Kiefern und Hibisken 6

Ella Gondek

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Foto von © Ella Gondek.

Während in großen Teilen Deutschlands noch Winter herrscht, hat in meinem Garten schon der Frühling Einzug gehalten. Die Schneeglöckchen und Krokusse blühen schon fleißig. Auch die Christrose zeigt ihre schneeweißen Blüten. Dazu noch einen wichtigen Hinweis: Christrosen sind sehr giftig. Von den Narzissen und Milchsternen sieht man auch schon die ersten Triebe, ebenso bei den Rosen, Klematis und Hortensien. Auch die Tulpen, die ich im Herbst noch gepflanzt habe, strecken schon ihre grünen Blätter raus. Ich habe auch schon das schützende Laub rund um die Rosen entfernt, damit das Wachstum nicht gestört wird. Die Laubschichten unter den Rhododendren bleiben aber, da so die Feuchtigkeit besser gespeichert werden kann. Jetzt schneide ich auch die verblühten Dolden bei den Tellerhortensien ab, ebenso die verblühten Triebe der fetten Henne und der Rudbeckien.
Mittlerweile sind auch die Blaumeisen und Kleiber wieder in voller Aktion und ich werde ausgeschimpft, so bald ich in die Nähe ihrer Vogelhäuschen komme. Das weitere Voranschreiten des Frühlings werde ich im Auge behalten. Da gibt es bestimmt wieder viel Neues zu entdecken.

© Ella Gondek, März 2017.

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2017/03/16

DenkMalTour am 18. März 2017:
Frauen der Arbeiter_innenbewegung in Berlin Friedenau

In der Ankündigung der Veranstaltung heißt es:
"Die DenkMalTour begibt sich auf die Spuren der Arbeiter_innen- und Widerstandsbewegung in Friedenau. Frauen in der Arbeiter_innenbewegung und proletarische Frauen haben im Kampf für sozialen Fortschritt, Emanzipation und gegen den Faschismus eine wichtige Rolle gespielt. Auf der Tour werden Frauen aus der kommunistischen und sozialdemokratischen Bewegung vorgestellt, die in Friedenau gelebt und darüber hinaus mit ihrer Wirkung und ihren Ideen Gesellschaft bewegt und verändert haben. Die Tour wird auf die Denkmalkultur in Friedenau, das Leben und die Rezeption von proletarischen Frauen in Literatur, Kunst und Geschichte eingehen."
Auch Rosa Luxemburg und Luise Kautsky wohnten in Friedenau.

Referentin: Dr. Christine Scherzinger
Samstag, 18. März 2017, 14:00 Uhr
Treffpunkt: S-Bahnhof Friedenau, Dürerplatz, 12159 Berlin

Eine Veranstaltung der Hellen Panke.
Die Tour findet in Kooperation mit den NaturFreunden Berlin statt.
Kosten: 2,50 Euro.

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2017/03/14

Will there still be singing? A Hanns Eisler Cabaret

Am 16. März 2017 präsentiert die New Yorker Sopranistin Karyn Levitt, am Klavier begleitet von Eric Ostling, ihr Brecht-Eisler-Programm "Will there still be singing?" im Literaturforum im Brecht-Haus. Grundlage sind die englischen Übertragungen der Brecht-Lieder durch den inzwischen 100jährigen Brecht- und Eisler-Experten Eric Bentley.

Donnerstag, 16. März 2017, 20:00 Uhr
Literaturforum im Brecht-Haus
Chausseestraße 125 | 10115 Berlin Mitte
www.lfbrecht.de

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2017/03/12

art kicksuch

ueberdruss

© art kicksuch, März 2017.

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2017/03/11

6 Jahre Fukushima

Dr. Christian G. Pätzold

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Atomkraft? Nein Danke! Urheber des Fotos: christophbrammertz/Wikimedia Commons.

Der Button "Atomkraft? Nein Danke!" mit der lächelnden roten Sonne auf gelbem Grund entstand ursprünglich in Aarhus/Dänemark im Jahr 1975 und verbreitete sich schnell weltweit in allen Sprachen. Er begleitete auch mich seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, damals in der Anti-Atomkraft-Gruppe an der Freien Universität Berlin, und bei den Demos in Gorleben und Brokdorf. Seit den »Grenzen des Wachstums«, dem berühmten Bericht an den Club of Rome aus dem Jahr 1972, hatte die Ökologiebewegung einen großen Aufschwung genommen. Und so geriet auch ich als alter 68er unter die Ökos.
Am 26. April 1986 flog dann der Reaktor Nr. 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine in die Luft und weite Landstriche waren radioaktiv verstrahlt. Es gab viele Tote. Die Sowjetunion war mit der Atomkraft überfordert. Das konnte man auch in Westeuropa nicht mehr ignorieren. Nur der deutschen Bundesregierung war das ziemlich egal.
Dann kam der 11. März 2011 und die Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima. Fukushima ist eine japanische Präfektur etwa 250 Kilometer nördlich der Hauptstadt Tokio. Nach einem schweren Seebeben und anschließendem Tsunami war die Kühlung der Brennelemente ausgefallen. Der Reaktor explodierte und große Landflächen wurden radioaktiv verseucht. Zahlreiche Menschen starben, 19.000 Todesopfer. Tsunamis sind hohe Wellen, die nach Seebeben auftreten und die Küstengebiete überfluten.
Die Japaner kennen Seebeben und Tsunamis seit Jahrhunderten. Trotzdem haben sie ein Atomkraftwerk direkt ans Ufer gebaut, um den Reaktor mit Meerwasser zu kühlen. Das war sehr unverantwortlich. Ob die Japaner umdenken können, weiß ich nicht. In Deutschland jedenfalls scheint man gelernt zu haben, dass die erneuerbaren Energien wie Windkraft, Sonnenenergie, Biomasse, Erdwärme der richtige Weg für die Energieversorgung sind.
Auch wenn die deutschen Atomkraftwerke irgendwann abgeschaltet sein werden, haben wir immer noch Atomkraftwerke in Frankreich, Belgien, Tschechien nahe der deutschen Grenze, durch die die deutsche Bevölkerung bedroht wird. Ganz zu schweigen von dem deutschen Atommüll, der noch 1 Million Jahre in Deutschland vor sich hin strahlen wird. Die deutschen Atomkonzerne haben Milliarden von Euro mit der Atomkraft eingestrichen und lachen sich ins Fäustchen. Denn den Atommüll hat jetzt die deutsche Bevölkerung am Hals. Und genau das hatte die Anti-Atomkraft-Bewegung immer vorhergesagt.

Die Kazaguruma Demo 2017 findet am 11. März in Berlin statt, um 12:00 Uhr vom Gendarmenmarkt zum Brandenburger Tor.
Gemeinsam für eine Zukunft ohne Atomenergie!

© Dr. Christian G. Pätzold, März 2017.

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2017/03/09

8. März

Jenny Schon, Magistra Artium

frauentag
Foto von © Jenny Schon, 8. März 2017, am Brandenburger Tor in Berlin.

Es hat sich nichts geändert
Ich rede nur von Europa
In die Welt mag ich gar nicht schaun
Vergewaltigungen auf Märkten
Frauen als Ware

Es hat sich nichts geändert
Ich rede nur von Europa
In die Welt mag ich gar nicht schaun
Jede dritte Frau hat Schläge bekommen
Gewalt erlebt in der Familie

Es hat sich nichts geändert
Ich rede nur von Europa
In die Welt mag ich gar nicht schaun
Gewiss Gesetze sind geändert - und doch
Haben Kinder Frauen blaue Flecke

Es hat sich nichts geändert
Ich rede nur von Europa
In die Welt mag ich gar nicht schaun
Und schaute ich doch
Attentäter sind männlich

Vereinzelt gehen auch Frauen
Mit Bomben schwanger
Das beginnt sich zu ändern
Etikettenschwindel wer glaubt
Eine Kriegsministerin träumt von

Neunundneunzig Luftballons...
Die Rüstungsindustrie will
Keine Träume - denn immer
Noch kommt die politische
Macht aus den Gewehrläufen...

Gestern, am 8. März 2017, war ich am Brandenburger Tor: Doch es beginnt sich was zu ändern, die Frauen zeigen Männern wie Trump Farbe - sie tragen rosa Pussy-Mützen.

© Jenny Schon, März 2017.

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2017/03/08

Burka

Brigitte Blaurock

burka
Collage, 30x25cm, 2017. © Brigitte Blaurock.
www.brigitte-blaurock.de/

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2017/03/06

Es ist alles eitel (1637)

Andreas Gryphius

Du sihst / wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.
Was dieser heute baut / reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn / wird eine Wiesen seyn /
Auff der ein Schäfers-Kind wird spielen mit den Herden.

Was itzund prächtig blüht / sol bald zutretten werden.
Was itzt so pocht vnd trotzt ist morgen Asch vnd Bein /
Nichts ist / das ewig sey / kein Ertz / kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück vns an / bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit / der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles diß / was wir vor köstlich achten /

Als schlechte Nichtigkeit / als Schatten / Staub vnd Wind;
Als eine Wiesen-Blum / die man nicht wider find’t.
Noch wil was ewig ist kein einig Mensch betrachten!

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2017/03/04

Das neue Museum Barberini in Potsdam

Dr. Christian G. Pätzold

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Das Museum Barberini in Potsdam.
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, 25. Januar 2017.

17 Ausstellungsräume auf 3 Etagen, darunter ein Saal mit Skulpturen, im Januar 2017 als Museum eröffnet. Das Palais Barberini am Potsdamer Stadtschloss wurde zur Zeit von König Friedrich II., genannt der Große, von Preußen gebaut und im Jahr 1772 fertig gestellt. Vorbild war der Palazzo Barberini in Rom, der nach den Neffen von Papst Urban VIII. benannt ist, die ihn erbauen ließen. Damals musste der König noch zustimmen, wenn etwas in Potsdam gebaut werden sollte. Der König wollte aus repräsentativen Gründen in seiner Residenz Paläste haben, auch wenn darin ganz normale Bürger wohnten.
Kriegsbedingt war das Palais Barberini dann nach 1945 verschwunden. Es wurde in den letzten Jahren, von dem Multi-Milliardär Hasso Plattner finanziert, wieder aufgebaut. Hasso Plattner von der Firma SAP (Systemanalyse und Programmentwicklung) hat mit teurer Computer-Software Milliarden gemacht und einen Teil davon in Kunstwerke investiert. Geld spielte keine Rolle. Es gibt übrigens 120 Milliardäre in Deutschland. 1 Milliarde sind 1.000 Millionen Euro. Er hat jetzt sogar ein eigenes Museum in Potsdam! Das ist doch schon mal was!
Hasso Plattner besitzt mehrere Häuser, die alle schon mit Kunstwerken voll gehängt sind. Mit seinen überschüssigen Kunstwerken und Leihgaben hat er jetzt sein Museum in Potsdam ausgestattet. Hasso Plattner hat den Potsdamer Rokoko-Fetischisten nachgegeben und ihnen ein Rokoko-Museum von 1772 gebaut. So viel Selbstverleugnung muss man auch erstmal aufbringen. Die Figürchen, die überall auf den Giebeln herumstehen, sehen doch recht albern aus. Rokoko-Kitsch eben. So werden die Potsdamer in Zukunft im feudalistischen 18. Jahrhundert leben, vom König von Preußen träumen und rundum glücklich sein. Als nächstes kommt die unsägliche Garnisonkirche, das Symbol des deutschen Militarismus schlechthin. Anstatt nach vorne zu blicken, träumt Potsdam von der schrecklichen Vergangenheit.
Zum Start werden im Museum Barberini 6 Ausstellungen gezeigt. Erstens eine große Ausstellung mit impressionistischen Gemälden. Zweitens ein Saal mit Plastiken von Rodin. Drittens Klassiker der Moderne (Liebermann, Munch, Nolde, Kandinsky). Viertens Kunst in der DDR. Fünftens eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Palais Barberini. Und Sechstens etwas neuere Malerei.
Wie schätze ich die Ausstellungen ein? Insgesamt sehenswert, aber konventionell. Die Blümchenbilder, Wasserbilder und Schneelandschaften der Impressionisten sind nicht gerade der letzte Schrei. Rodin hat man auch schon mal gesehen. Das ist alles für Schulklassen im Kunstgeschichteunterricht ganz interessant.
Im Innenhof zwischen den Seitenflügeln hat Plattner demonstrativ die 4 Meter hohe Bronze "Der Jahrhundertschritt" von Wolfgang Mattheuer aufgestellt. Mit dem bekannten Werk der bürgerlichen Propaganda von 1984 werden Faschisten und Sozialisten gleichgesetzt. Das ist wohl das politische Statement von Hasso Plattner, das man ja nicht teilen muss. Aus der SED ausgetreten ist Mattheuer aber sicherheitshalber erst 1988. Oder anders ausgedrückt, er wusste schon 1988, dass die DDR 1989 zusammenbrechen wird. Ich hatte damals noch keine Ahnung. Es gab damals einige langjährige Kommunisten, die plötzlich zu glühenden Kapitalisten wurden. Man nannte sie Wendehälse, nach dem scheuen Vogel, der seinen Hals so erstaunlich drehen kann. Ich finde eigentlich die Künstler traurig, die sich bei den jeweils Herrschenden einschleimen, um an Aufträge und Verdienstkreuze zu kommen.
Für Potsdam und für Brandenburg insgesamt ist das Museum Barberini eher ein Pluspunkt. Potsdam war bisher die einzige Landeshauptstadt in Deutschland ohne ein Museum für moderne Kunst. Das Museum ist daher eine zusätzliche Attraktion neben dem Rokoko von Sanssouci. In diesem Jahr sind noch 2 große Ausstellungen geplant: "Von Hopper bis Rothko. Amerikas Weg in die Moderne" und "Hinter der Maske: Künstler in der DDR". Das hört sich doch interessant an.

Museum Barberini, Alter Markt, Potsdam. Geöffnet täglich 11 - 19 Uhr, Dienstag geschlossen.

© Dr. Christian G. Pätzold, März 2017.

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2017/03/02

Harry Belafonte zum 90. Geburtstag

Dr. Christian G. Pätzold

belafonte

Ein Happy Birthday! Harry Belafonte wurde am 1. März 1927 in Harlem/New York City geboren. Sein Vater stammte aus Martinique, seine Mutter aus Jamaica. Er wurde Sänger, Bürgerrechtler, Künstler, Schauspieler und ein politischer Mensch, der sich in vielen fortschrittlichen Bewegungen engagierte. Die USA scheinen ein gutes Land für Sänger gewesen zu sein. Bob Dylan und Pete Seeger, die auch lange Karrieren hatten, wurden schon hier auf Kuhle Wampe positiv erwähnt. Und nun noch Harry Belafonte. Er ist bis heute seinen sozialistischen Idealen treu geblieben. Nur singen kann er nicht mehr in seinem hohen Alter wegen der Stimmbänder. Er wird noch lange für seine fröhlichen, sonnigen, karibischen Calypso-Songs bekannt sein.

Island in the Sun / Harry Belafonte

"This is my island in the sun
Where my people have toiled since time begun
I may sail on many a sea
Her shores will always be home to me.

Oh, island in the sun
Willed to me by my father's hand
All my days I will sing in praise
Of your forest, waters,
Your shining sand."

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2017/03/01

Es lebe das Digital Age

Dr. Christian G. Pätzold

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Als in meinem Heimatbiotop Berlin Friedenau das letzte Antiquariat am 31. Dezember 2016 schloss (es gab einst ein halbes Dutzend), wurde mir wieder klar, dass das Gutenberg-Zeitalter nach 500 Jahren zu Ende ist. Die Holzmedien wie Bücher und Zeitungen und ihre Institutionen, die Bibliotheken, sind Erinnerungen an die Vergangenheit. Ja Hallo, wir leben jetzt im Digital Age der Computer, die nur noch mit Nullen und Einsen rechnen, mit einem Binärcode. (Wobei ich manchmal den Eindruck habe, dass es viel mehr Nullen als Einsen gibt). Fast jedes Schulkind hat heute mit 10 Jahren ein Smartphone und damit einen Computer in der Tasche. Das Wort 'digital’ stammt vom lateinischen Wort digitus = Finger, weil die Finger früher zum Zählen und Rechnen benutzt wurden.
Da wir heute, in Deutschland zumindest, fast alle einen Computer haben, der mit dem Internet verbunden ist, sind wir heute alle mit der ganzen Welt verbunden! Und das bedeutet auch, wir können das Wissen der ganzen Welt sofort nutzen. Und mit Milliarden Menschen auf der ganzen Welt sofort kommunizieren, in Echtzeit. Viele von uns haben schon mal eine Mail in ein fernes Land an einen Freund oder eine Freundin geschickt oder eine Mail von dort empfangen. Das heißt, die Welt ist heute ganz schön zusammengerückt, sie ist durch die Informationstechnologie (IT) ein globales Dorf geworden. Die Menschen heute bloggen, posten und twittern. Das sind Tätigkeiten, die es vor 20 Jahren noch gar nicht gab. Dadurch leben wir heute in einem anderen Zeitalter des Digital Age.
Wie umständlich war es früher, an eine Information heranzukommen! Man musste das richtige Buch in der richtigen Bibliothek finden. Das war mit vielen Wegen, mit viel Recherche und mit viel Zeitverlust und vielen Geldausgaben verbunden. Die Experten auf einem Gebiet hatten damals einen unaufhebbaren Wissensvorsprung. Es gab eine unschöne Expertokratie. Heute ist die Informationsbeschaffung über das Internet dank Wikipedia und anderer Quellen viel einfacher geworden. Man kann sogar die Dokumente der Bibliotheken teilweise schon bequem zu Hause auf dem eigenen Rechner einsehen.
Billiger als früher ist es allerdings mit der IT-Revolution seit den 2000er Jahren nicht geworden. So ein Computer, Laptop oder Smartphone sowie ein Internet-Anschluss kosten eine Menge Geld. Hinzu kommt für die meisten Menschen noch die GEZ-Abgabe für die Staatsmedien. Das ist heute alles viel zu teuer. In Zukunft muss dafür eine bessere Lösung gefunden werden.
Als Digital Immigrants halten viele von uns noch an ihren Holzbüchern fest. Wahrscheinlich wird es auch in Zukunft noch einige wenige Bücher geben. Aber sie werden wohl keine Alltagsgegenstände mehr sein, sondern eher seltene Kunstwerke. Die Bibliotheken werden zu Museen für Bücher werden. Ich schätze, dass schon heute die meisten antiquarischen Bücher online verkauft werden.
Ich habe diesen historischen Umbruch vom Gutenberg-Zeitalter zum Digital Age live erlebt. Als ich in den 1960er Jahren in Kreuzberg den Beruf des Offset-Druckers erlernte, gab es in unserer Druckerei nicht nur Offset-Druck, sondern auch Tiefdruck und Buchdruck. Und damit einen Bleisatz, in dem noch von Hand die einzelnen Lettern aus dem Setzkasten gesetzt wurden. Besonders beeindruckt hatte mich damals der alte Korrektor, der alle Texte las und alle Feinheiten der deutschen Orthographie und Grammatik beherrschte und alles über Satzzeichen wusste. Im Geheimen wollte ich auch diese Fähigkeiten besitzen. Heute zeigt mir das Korrekturprogramm des Computers mit roten und grünen Zick-Zack-Linien, dass etwas nicht stimmt.
Die Digitalisierung eröffnet einen großen Freiraum der Information und der Kommunikation. Trotzdem wird es immer noch hier und dort böse Machthaber geben, die die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit, die Wissenschaftsfreiheit, die Kunstfreiheit oder den freien Austausch von Informationen unterdrücken wollen. Damit muss man rechnen. Und klar ist sowieso, dass die staatlichen Geheimdienste überall die Datenströme absaugen.
Das Haus der Kulturen der Welt, das sich für besonders avantgardistisch hält, spricht schon vom post-digitalen Zeitalter bzw. vom Post-Internet-Zeitalter. Aber so richtig kann ich mir darunter noch nichts vorstellen.

© Dr. Christian G. Pätzold, März 2017.

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2017/02/27

vorschau201703

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2017/02/26

Was bedeutet 'queer'?

Charlie

queer
Die Regenbogenfahne der queeren Bewegung.

Mit freundlicher Erlaubnis von QueerGeist folgt hier ein Text von Charlie, der am 17. Juni 2013 auf https://www.queergeist.com/2013/06/17/was-bedeutet-queer/ erschienen ist:

"Queer. Seit einigen Jahren geistert nun schon ein Begriff durch die überwiegend schwul-lesbische Welt, dessen Bedeutung in diesem ersten Blog-Eintrag näher beleuchtet werden soll: Die Rede ist vom Fremdwort 'queer', das sich etwa seit der ersten Hälfte des neuen Jahrtausends auch im deutschsprachigen Raum immer stärker durchzusetzen begann.
Ursprünglich bedeutete es soviel wie 'schräg' oder 'seltsam' und diente als abwertende Fremdbezeichnung der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft für homo- und bisexuelle Menschen, wurde jedoch durch selbstbewusste Aneignung von Betroffenen positiv umgedeutet. Da der Begriff im englischsprachigen Raum - besonders in Großbritannien - noch heute als Schimpfwort Verwendung findet, lässt er dort wohl so manchen auf politische Korrektheit bedachten Menschen zusammenzucken. In Deutschland hingegen ist 'queer' aufgrund fehlender damit verbundener Stigmatisierungserfahrungen weitestgehend frei von einer negativen Konnotation. Der fehlende sprachgeschichtliche Hintergrund führt jedoch zu einiger Verwirrung. Kaum eine/r kann mit Bestimmtheit sagen, was der Begriff wirklich ausdrückt. So benutzen ihn hierzulande einerseits Menschen, die sich nicht eindeutig in den Kategorien lesbisch, schwul, bisexuell, trans* etc. wiederfinden. Sie sehen sich oftmals als jenseits jeder Norm und genießen die Freiheit, die ihnen 'queer' in der Selbstdefinition erlaubt.
Andererseits wird 'queer' zunehmend auch von überwiegend schwul-lesbischen Kreisen als Sammelbegriff für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten verwendet, also für all jene, die entweder nicht heterosexuell, endosexuell oder cisgeschlechtlich sind. Die Strategie mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass sich die Buchstabenblase namens LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) innerhalb weniger Jahre zu LGBTIAQ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersex, Asexual, Questioning) aufgebläht hat. Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass in den nächsten Jahren noch weitere Minderheiten hinzukommen. Mit welchem dieser Buchstaben fühlen sich beispielsweise Ex-Gender, Pansexuelle, Girlfags und Guydykes repräsentiert? Natürlich könnte man argumentieren, im 'Q' für Questioning/Unbestimmt seien alle weiteren Gruppen bereits mit inbegriffen, doch wieso haben sie dann anders als die etablierten Personengruppen kein Anrecht auf einen eigenen Platz im Buchstabensalat?
Um all diesen Menschen zu signalisieren, dass sie - wenn sie sich selbst so definieren - als Teil einer Community ernst genommen, respektiert und wertgeschätzt werden, wurde der Begriff 'queer' kurzerhand auf alle sexuellen/geschlechtlichen Minderheiten übertragen, womit - zumindest theoretisch - Hierarchien abgebaut werden sollten. Durch diesen Prozess begannen jedoch auch altbewährte Identitäten unsichtbarer zu werden, was Verunsicherung und Aggression innerhalb etablierter Kreise hervorrief. Gerade Personengruppen, die seit Jahrzehnten für Sichtbarkeit kämpfen mussten bzw. es noch immer müssen, reagieren auf ein queeres Identitätskonstrukt oft mit Ablehnung. In ihren Augen führt die Bezeichnung 'queer' dazu, dass ihre - meist sehr gruppenspezifischen - Interessen im öffentlichen Diskurs nicht mehr klar artikuliert, und somit letztlich nicht mehr durchgesetzt werden können.
Hierzu ist folgendes zu sagen: Selbstverständlich ist eine 'queere Community' ausgesprochen heterogen und die Bedürfnisse und Interessen einzelner Gruppen gehen teilweise stark auseinander. Deshalb ist es nach wie vor wichtig, dass diese Gruppen weiterhin auch als lesbisch, schwul, trans* etc. in Erscheinung treten. Dies macht dort Sinn, wo es konkret um die Durchsetzung spezifischer rechtlicher oder gesellschaftlicher Ziele geht. Andererseits gibt es auch Bereiche, in denen eine Abgrenzung wenig sinnvoll ist, da es sich um Bereiche handelt, die den Interessen der meisten Gruppen entgegen kommen. Ein Beispiel wäre die Lockerung des rigiden Zwei-Geschlechter-Systems, in dem auch heute noch Grenzüberschreitungen und Abweichungen bei der sexuellen Orientierung, der Geschlechtsidentität oder der körperlich-phänotypischen Ausprägung teils subtil, teils offen bekämpft werden. Es geht also nicht darum, etablierte Identitäten abzuschaffen, sondern sich zusätzlich als Bestandteil einer übergeordneten Identität zu begreifen. Anders gesagt - bin ich kein Mensch, weil ich zugleich weiblich, männlich oder zwischengeschlechtlich bin? Meiner Ansicht nach schließt sich meine Identität als lesbische Frau/schwuler Mann und queerer Mensch in keiner Weise aus, sondern lässt sich gut miteinander verbinden.
Ich bin überzeugt davon, dass wir noch eine ganze Menge voneinander lernen können, wenn wir es wagen, den Blick über den Tellerrand unserer eigenen Gruppe zu werfen, und uns für die Vielfalt an Identitäten und Lebensentwürfen zu öffnen. Die Natur kennt mehr als männlich, weiblich, hetero- und cissexuell; sie ist herrlich bunt und chaotisch - queer. Es gibt so vieles, das noch entdeckt werden will. Ich jedenfalls bin viel zu neugierig, als dass ich mir die Reise durch diese queeren Welten entgehen lasse. Wer möchte mich dabei begleiten?"

Text von © Charlie, 17. Juni 2013.

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2017/02/22

30. Todestag von Andy Warhol

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Am 22. Februar 1987 starb Andy Warhol, der Künstler der Pop Art, mit 58 Jahren in Manhattan, New York City. Er hat es geschafft, die Kunst populär zu machen. Er hat sogar in New York eine Factory aufgebaut, eine Kunstfabrik, in der er in großer Menge Kunstwerke im Siebdruckverfahren herstellte, aber alle in hoher Qualität.
Er starb im Krankenhaus an den Komplikationen einer Gallenblasenoperation. Beinahe wäre er schon am 3. Juni 1968 gestorben, als eine radikale Feministin in New York auf ihn schoss und ihn schwer verletzte. Sein Grab befindet sich auf dem St. John the Baptist Byzantine Catholic Cemetery in seiner Geburtstadt Pittsburgh in Pennsylvania. Da Andy Warhol russinischer Abstammung war, seine Eltern stammten aus einem kleinen Dorf in den Karpaten, war er griechisch-katholisch getauft worden.
Um mehr über Andy Warhol zu erfahren, lest bitte die Artikel auf Kuhle Wampe vom 19. August 2016 (50 Jahre Kulturrevolution) und vom 4. September 2016 (The Warhol in Pittsburgh).
Dr. Christian G. Pätzold.

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2017/02/21

50 Jahre Kommune I, die Puddingbombe in der Niedstraße 14, Fritz Teufel und all das

Dr. Christian G. Pätzold

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Der Hauseingang in der Niedstraße 14 in heutigem Zustand.
Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, Februar 2017.

Hier eine kleine Erinnerung an das Vorspiel von 1968, die ursprünglich in meinem Buch »Querdenkerartikel« erschienen ist:

Die Niedstraße ist eine kleine Straße in Berlin Friedenau, die in west-östlicher Richtung vom Friedrich-Wilhelm-Platz zum Rathaus verläuft. Wie oft bin ich in den letzten 60 Jahren hier entlanggelaufen. Eine Mischung aus traditionellen Friedenauer Landhäusern aus der Gründerzeit, gemäßigten Mietshäusern und Ruinengrundstücken, die in Kinderspielplätze umfunktioniert wurden, das vermute ich zumindest. Die ganze Straße ist von Ahornbäumen gesäumt. An der Ecke Niedstraße/Bundesallee hielt früher der Bus zum Zoo, als es noch keine U-Bahn gab und der Friedrich-Wilhelm-Platz noch ein schönes großes Oval war, das in der Sommersonne grün glänzte.
Besonders bekannt ist das Knusperhäuschen in der Niedstraße 13, in dem der Literaturnobelpreisträger Günter Grass seine berühmten Romane schrieb. Im Nachbarhaus Niedstraße 14 malte einst der Expressionist Karl Schmidt-Rottluff und lebte der Schriftsteller Uwe Johnson, in dessen Dachgeschossatelier die »Kommune I« am 19. Februar 1967 gegründet wurde. Auch hier wurde Geschichte gemacht. Die Freie Liebe und der Bürgerschreck wurden geprobt, aber erst allmählich. Zu Beginn trugen einige der Kommunarden noch eine Krawatte. Der Name »Kommune I« leitete sich übrigens von der Pariser Commune von 1871 ab, die von Karl Marx als das Vorbild der zukünftigen Gesellschaft gelobt worden war.
Johnson war in jenem Frühjahr 1967 gerade in den USA, als Ulrich Enzensberger und seine Freunde Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel und weitere 7 Mitglieder die Gelegenheit nutzten, um die westberliner K I zu gründen und als Happening das Pudding-Attentat auf den US-amerikanischen Vizepräsidenten vorzubereiten. Die Bombe sollte auf der Schöneberger Martin-Luther-Straße platzen. Die Berliner Morgenpost meldete am 6. April: "Attentat auf Humphrey von Kripo vereitelt, FU-Studenten fertigten Bomben mit Sprengstoff aus Peking." Die Bild-Zeitung sprach nachher von einem Mao-Cocktail, den die Extremisten angeblich gemischt hätten. Da sich jedoch statt Sprengstoff nur Pudding fand, musste die Polizei die "langbehaarten Affen" wieder freilassen. "Man wird aber ein ungutes Gefühl nicht los, daß diese Typen nach wie vor wieder mitten unter uns sein dürfen." (Bild-Zeitung vom 12.4.1967). Die Berliner Spießer schäumten vor Wut und hätten sie gerne in die Klapsmühle gesteckt.
Die Idee der Bombe hatte ihren Hintergrund in der deutschen Atombombe, die damals von der CDU gefordert wurde. Und eine Beziehung zu Peking gab es tatsächlich. Aber dabei handelte es sich um einen größeren Posten von Maobibeln aus China, die die K I vertreiben sollte. Denn die Kommunarden lebten vor allem vom Verkauf von Büchern und selbstgedruckten Raubkopien. Fritz Teufel hat die Maobibeln für nur 1,50 Mark das Stück an der Freien Universität verkauft.
Vorbild für die ganze Pudding-Aktion waren die Amsterdamer Provos. Ich kann hier nur einige wenige Protagonisten der Pudding-Bombe erwähnen. Sie waren alle hochintelligente politische Aktionskünstler.
Fritz Teufel (1943-2010), der Spaßrevoluzzer der APO, war natürlich die intellektuelle und praktische Hauptperson des Puddings. Jeden Morgen sah er in der Springerzeitung BZ nach, ob sie ihn auf der Titelseite brachte. Wenn nicht, hatte er etwas falsch gemacht und die Revolution hatte einen Rückschlag erlitten. Ansonsten qualmte er Zigarren ohne Ende und war bei jeder Demo vor Kranzler und vor dem Amerikahaus dabei. Schließlich ging es gegen den Vietnamkrieg und gegen Napalmbomben, die auf Frauen und Kinder abgeworfen wurden. Von Fritz Teufel stammt das berühmt gewordene geflügelte Wort "Wenn’s der Wahrheitsfindung dient", das er im Gerichtssaal machte, als ihn der Richter zum Aufstehen aufforderte. Zum Schluss hatte Fritz Teufel Parkinson. Er starb im Juli 2010 in Berlin.
Ulrich Enzensberger war der Bruder des bekannten Friedenauer Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger, der das »Kursbuch« herausbrachte, das damals alle linken Westberliner lasen. Ulrich Enzensberger war aus Bayern vor dem Wehrdienst nach Westberlin geflüchtet, denn in Westberlin gab es damals keine Bundeswehr. Über die Beziehungen zwischen den Enzensbergern und Johnson kam man an die Wohnung in der Niedstraße. Ulrich Enzensberger schrieb auch das beste Buch über die Kommune I. Uwe Johnson hat sich damals wegen der Kommune-I-Geschichte mit Hans Magnus Enzensberger zerstritten. Aber Schwamm drüber, Johnson ist schon lange tot, während Enzensberger (87) noch munter in Schwabing wohnt und noch immer von Suhrkamp verlegt wird.
Dieter Kunzelmann war 1966 aus Schwabing in München zugewandert, wo er schon umfangreiche subversive Erfahrungen gesammelt hatte und auch bei den Situationisten aktiv war. Er brachte die Idee der Kommune mit, mit der die Kleinfamilie und das Privateigentum überwunden werden sollten. Nach einer Diskussion mit Dutschke im Jahr 1966 wurde Kunzelmann klar, dass er nur in Berlin mit seinen politischen Aktionen berühmt werden würde. Bereits im April 1967 sprach er öffentlich von seinen Orgasmusschwierigkeiten, was damals revolutionär war, denn über Sex sprach man noch nicht.
Und schließlich war da noch Rainer Langhans, der noch heute bekannt ist durch seinen Harem mit 5 Frauen, in dem er in München lebt. Damals waren er und Uschi Obermaier das schönste Pärchen der APO. Und das wollte etwas heißen. Als Jimi Hendrix kurz vor seinem Tod die K I in Moabit besuchte, soll sich Uschi jedoch gleich in Jimi verliebt haben. Rainer Langhans entdeckte damals die sensationsgeile Presse und Nacktfotos als sprudelnde Geldquelle.
Der Oberrevolutionär Rudi Dutschke war übrigens auch irgendwie mehr indirekt an der Puddinggeschichte beteiligt.
Als das Pudding-Attentat aufflog, auch die New York Times hatte darüber auf Seite 1 berichtet, rief Uwe Johnson alarmiert aus den USA bei Günter Grass an, der die Kommunarden dann aus der Wohnung in der Niedstraße 14 warf. Die Kommunarden zogen an den Stutti in Charlottenburg um und später in die Stephanstraße 60 nach Moabit. Aber das betrifft schon das legendäre Jahr 1968.
Nur zwei Monate nach der Pudding-Bombe, am 2. Juni 1967, wurde der FU-Student Benno Ohnesorg bei einer Demo gegen den Schah von Persien in Charlottenburg von der Polizei erschossen. Das zeigt, wie lebensgefährlich die Situation in Westberlin damals für die Beteiligten war.
Die Kommune I wollte ursprünglich eine neue private Lebensform sein, war aber aufgrund der in ihr versammelten Persönlichkeiten eher eine politische Aktionsgruppe. Beides gleichzeitig ließ sich auf Dauer nur schwer verwirklichen. Obwohl sie ihr Leben lang daran gearbeitet haben. Sie standen am Anfang der modernen Wohngemeinschaften, die es bekanntlich auch nicht leicht haben. Denn die gegenwärtige Gesellschaft ist auf den Prinzipien des Individualismus, des Egoismus und der Konkurrenz aufgebaut. Da ist ein Zusammenleben nicht so einfach.

Literatur:
Rainer Langhans/Fritz Teufel: »Klau mich. StPO der Kommune I«. Frankfurt am Main/Berlin 1968 (Edition Voltaire).
Ulrich Enzensberger: »Die Jahre der Kommune I. Berlin 1967-1969«. Köln 2004 (Kiepenheuer und Witsch).
Ute Kätzel (Hrsg.): »Die 68erinnen: Porträt einer rebellischen Frauengeneration«. Berlin 2002 (Rowohlt).

© Dr. Christian G. Pätzold, Februar 2017.

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2017/02/19

130. Todestag von Multatuli

Dr. Christian G. Pätzold

multatuli
Standbild von Multatuli in Amsterdam, geschaffen von Hans Bayens, 1987.
Quelle: Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed / Wikimedia Commons.

Der niederländische Autor Multatuli starb am 19. Februar 1887 in Ingelheim am Rhein. Er war ein entschiedener Gegner des Kolonialismus, bei dem man einiges über die indonesische Geschichte lernt, denn die Niederländer waren damals die Kolonialherren in Indonesien und Multatuli arbeitete dort als Kolonialbeamter. Aus diesem Anlass möchte ich ein Kapitel aus meinem Buch »Querdenkerartikel« hier wiedergeben, das einen Buchtipp enthält:

Wie schreibt man über ein Buch, das schon über 150 Jahre alt ist? Die Leser für ein neues Buch zu interessieren, ist nicht schwer. Da könnte ja etwas bisher nicht Dagewesenes drinstehen. Aber eine Rezension über ein uraltes Buch? Das ist gar nicht so einfach. Aber manchmal sind alte Bücher eben schlauer als neue Bücher. Ich möchte also an den niederländischen Autor Eduard Douwes Dekker (1820-1887) erinnern, der sich Multatuli nannte, und an seinen Roman »Max Havelaar« (1860), dessen Hauptfigur ebenfalls der Autor ist. Also drei Namen für eine Person. Der Roman schlummerte schon seit 25 Jahren in meinem Bücherregal, als mir ein Freund unverhofft eine Buchreportage von Wilfried W. Meyer über Multatuli zuschickte.
Den Anfang bildet die Erzählung von Batavus Droogstoppel über die Entstehung des Buches. Mit dem fünften Kapitel geht es dann ins Indonesien der Kolonialzeit. Max Havelaar ist ein Beamter der holländischen Kolonialverwaltung, der einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit hat. Entsprechend tragisch endet die Geschichte. Das Buch bietet einen guten Einblick in die Mentalitäten während der Kolonialzeit zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Man bekommt einen Eindruck von dem "System von Gewaltmißbrauch, von Raub und Mord, unter dem der arme Javane gebeugt geht." Multatuli schreibt.

"Die prozentweise Belohnung, die europäischen und eingeborenen Beamten für Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden sollen, hat den Reisbau derart in den Hintergrund gedrängt, dass in etlichen Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen der Nation durch kein Kunststück mehr entzogen werden konnte."

Das erinnert doch sehr an die heutige Vermaisung der Landschaft für Agrarbenzin.
Das Buch ist keine einfache Lektüre. Man muss sich schon etwas anstrengen. Dafür lernt man einige neue javanische Wörter. Das Geburtshaus von Multatuli befindet sich übrigens in Amsterdam, Korsjespoorsteeg 20, und enthält ein Museum über sein Leben, das besichtigt werden kann. In Amsterdam gibt es auch ein Denkmal für Multatuli auf der Torensluis-Brücke über der Singel-Gracht, siehe das Foto oben.

Der Roman »Max Havelaar oder die Kaffeeversteigerungen der Niederländischen Handels-Gesellschaft« ist nicht mehr lieferbar, nur noch antiquarisch erhältlich:
Multatuli, »Max Havelaar«, übersetzt von Wilhelm Spohr, Minden in Westfalen 1903.

© Dr. Christian G. Pätzold, Februar 2017.

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2017/02/17

IM KOPF DER SPRACHE
Berichte aus der Sprachwerkstatt von Dr. Karin Krautschick
Oskar Pastior, Teil 1

In seiner experimentellen Lyrik und Prosa thematisiert der rumäniendeutsche Dichter Oskar Pastior, geb. 1927 in Hermannstadt, gest. 2006 in Frankfurt am Main, den alltäglichen Umgang mit Sprache. Auch er nimmt die Worte wörtlich. In einem Brief an mich bezeichnete er sich als Mitglied der "Familie der Wörtlichnehmer".
"Ja, ich wühle im Gedächtnis. Brocken, Splitter, Anekdotisches...biografischer Kontext...Was ich memoriere, sind alte Hüte, Schlager, Schlagzeilen, Maskottchen, deren Aura in die Wörter, mit denen ich rede, eingegangen ist." (Oskar Pastior, Jalousien aufgemacht, S.14).
Er schreibt Lieder und Balladen im sog. "Krimgotischen Dialekt" - ein künstlicher Dialekt, eine Art "Privatsprache", die kein System ergibt und immer n u r für das e i n e Gedicht gilt.

Hozu

Taz hat
owi-zaz
waizaiz
Hon

oku-sain Soizu
hatu moznhart
Zait

alla Paz
alla Taz
Ntaz
Ntaz
Ntn Taz

Mit großem Aufwand sollen die Texte selbst warnen vor deren "Begrüßung" durch "die Logik abgefeimter Verständnisse". Der Text solle "entwaffnend sein bis zur Entblödung", um ja nicht mit einem möglichen Sinn-Raster abgetan werden zu können. Nur wenn die Texte als das genommen werden, was sie sind - sprachliche Erfindungen, deren Bild- und Sprachwelt frei interpretierbar ist und einen freien Assoziationsraum bietet bzw. neue literarische Kombinationsformeln, die j e d e m offen stehen, der diese ausprobieren möchte, ist eine Begegnung mit den Texten möglich.
Das Lesen müsste eigentlich eine Wiederholung des Schreibvorgangs sein, eine Art schöpferischer Nachvollzug, erst in der sprachlichen Reaktion des Lesers, in der Konfrontation mit d e s s e n Spracherfahrung, erhalten die Texte ihren Sinn.
Gegenüber allen konventionellen Verabredungen die Sprache betreffend, führt der Drang nach Elementarem in der Sprache dazu, "sich in einem speziellen Sinn als M y s t i k e r zu sehen, als in einem großen Konnex Beteiligter, Eingemischter, der im Einzelfall, am Einzeltext also, die Wirrnis,...demonstriert, indem er sie leibhaftig zu entwirren sucht." (ebenda S.34).
Der Dichter begreift sich dort wieder in einem mystischen Sinne, wo er in der Zwiesprache mit den Worten selbst Antwort sucht. Sphären des Unterbewussten kommen mit ins Spiel, die in den vormals eher f o r m a l i s i e r t e n Sprachexperimenten der "Konkreten Poeten" beispielsweise kaum zu finden waren.
"Das Sprachmaterial wird notwendig ich-abhängig und konstruktiv zusammengefügt,... da ja vorgegebene ontologische, thematische und narrative Ordnungsmuster fehlen..." (S.J.Schmidt, Erzählen ohne Geschichte, S.401).
Das auslösende Moment der Texte bleibt unerklärlich und unkontrolliert, als wäre es im R a u s c h produziert. In dieser scheinbaren Freiheit und Leichtigkeit im Umgang mit dem sprachlichen Material gehen "Merkmale des kindlich-selbstvergessenen Spiels" (ebenda S.402) mit der Sprache in die Kompositionsverfahren der Texte ein.
Ein Hang zum Surrealen findet sich in dieser Dichtung, die keine Realität, außer die ihrer Texte, anerkennt.
An die Stelle des Erlebnis-Ichs - es wird mit dem Sprachvollzug identisch - tritt die Unbegrenztheit der Intuition. Wenn "Leben und Werk als sich selbst organisierende Prozesse verwirklicht" werden (ebenda S.402), sind die Grenzen des sprachgestaltenden Subjektes auch die Grenzen des Materials, ebenso wie ein so reiner Umgang mit dem Material "Sprache" auch die Grenzen des Subjektes aufzeigt.
Es kann die eigene sprachbestimmte und sprachfixierte Erfahrungswelt nicht verleugnen. Nur im Widerspruch zwischen "Erfahrung/ Erfahrungswelt und Sprachmaterialien/ Sprachwelt" (ebenda S.401) kann es diese "in ein zunächst nicht genau bestimmtes Verhältnis bringen" (ebenda S.401).
Im Widerspruch zwischen Intellekt und Intuition, zwischen subjektgesteuerter bzw. unbewusst spielerischer Form der Textorganisation entziehen sich diese eher i n s t a b i l e n Texte einer rationalen Durchdringung. Im besten Falle kann sich der Leser e i n l a s s e n auf solcherart Grenzphänomene zwischen dem, was gesagt sein w i l l und dem, was gesagt sein k a n n.
Und dort erst wäre ja das Experimentieren mit Sprache sinnvoll.
Um mit Pastiors eigenen Worten in einem Brief an mich zu schließen:
"...als ein in die Materie Involvierter (womit ich die Familie der Wörtlichnehmer meine) ist mir das sichere Reden "über" Dinge (als könnte man das!) ja immer etwas zum Staunen. Oder Fürchten. Nein, was mich an Ihrer Arbeit freut, ist d a s s Sie sie gemacht haben, Ihr Interesse an dieser, nimmt man alles in allem, geographisch wie historisch so dünn gesäten Familie! Von der ich auch nur einen Zipfel kenne."

© Dr. Karin Krautschick, Februar 2017.

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2017/02/15

Unter Kiefern und Hibisken 5

Ella Gondek

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Foto von © Ella Gondek.

Vor einigen Tagen schaute ich mal wieder im Garten nach dem Rechten. Auf dem Weg dorthin musste ich ganz schön aufpassen, weil ja bei dem Waldweg nicht gestreut wird und unter der Schneedecke es bedenklich glatt war. Beim Betreten des Bungalows fiel mir auf, dass sich im Wohnzimmer eine Maus beschäftigt hat. Und zwar hat sie sich in einem der Sitzkissen, welches mit einer Schaumstoffplatte gefüllt ist, mit dem Rausrupfen des Schaumstoffes beschäftigt. Überall lagen die kleinen Schaumstoffschnipsel herum. Unter dem Kissen habe ich auch noch ihre Hinterlassenschaften entdeckt. Da ich im Bungalow nichts Essbares rumzuliegen habe, hat sie es eben mit dem ungenießbaren Schaumstoff versucht.
Ich fand die Schneehäubchen auf den Hibisken sehr nett, so dass ich zur Kamera gegriffen habe. Bald wird diese Pracht zerschmelzen. Die Beobachtungen gehen weiter.

© Ella Gondek, Februar 2017.

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2017/02/13

Street Art in Berlin Friedrichshain

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Dada oder Punk? Fotografiert von © Henrik Zoltan Dören, November 2016.
Am Kino Intimes in der Boxhagener Straße 107 in Berlin Friedrichshain.
Das Kino Intimes ist ein Fokus der Street Art.

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2017/02/11

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© art kicksuch, Februar 2017.

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2017/02/09

Entwicklung

Karl-Martin Hölzer / Carlos

kowa

Seit 2009 lebe ich, Carlos, nun in der KoWa. Vieles ist seitdem geschehen. Ich begreife die Kommune als eine Gruppe, die sich mit dem Kauf der alten Puppenfabrik und dem dazugehörigen Gelände den Platz und die Möglichkeit zur Verwirklichung einer Utopie geschaffen hat.
Das tragende und verbindende Element dieser Utopie ist die gemeinsame, solidarische Ökonomie. Die Rechtsform Verein als Eigentümer des Gebäudes, des Geländes und der Produktionsmittel ermöglicht es uns, gegenseitig auf gleicher Augenhöhe zu begegnen und damit steht das Haben nicht mehr länger über dem Sein, was ich im Grunde schon als revolutionär empfinde. Bevor ich selbst hier eingezogen bin hat diese Gemeinschaft schon viel erlebt und geschafft, wovon ich nur aus Erzählungen und diversen Dokumentationen weiß. Ich kann nur sagen, dass dem Beginn hier in der Puppenfabrik schon einige Jahre der Vorbereitung und Objektsuche vorausgegangen sind. 2003 war es dann so weit. Die Pioniere der Kommune haben mit viel Einsatz, Indoorcamping und Entbehrung die alte verwahrloste Fabrik bewohnbar gemacht. Zum Zeitpunkt des Kaufes verfügte diese weder über Wohnräume noch über sanitäre Einrichtungen, sondern ausschließlich über leere Fabrikhallen mit kaputten Fenstern und zerschlagenen Treppengeländern und jeder Menge Müll.
Jetzt ist bereits ein Gebäudetrakt fast vollkommen ausgebaut. Es gibt viele beheizbare Zimmer, Bäder und gemeinschaftliche Aufenthaltsbereiche, auch einen Seminarbereich, der im Ausbau schon weit fortgeschritten ist. Ein eigenes Gästebad ist ebenfalls in Arbeit. Außerdem gibt es schon seit 2005 eine schön ausgebaute Kneipe, in der schon vielfältige kulturelle Veranstaltungen stattgefunden haben. Hier fehlen zur Zeit hauptsächlich motivierte, engagierte Menschen, die fest entschlossen sind, die vorhandenen Mittel in Form einer bestens eingerichteten, großräumigen Küche und einer liebevoll gestalteten Kneipe wieder in Schwung zu bringen.
Am Beispiel der Kulturkneipe kann Mensch erkennen, dass es einige kritische Engpässe für die weitere Entwicklung der Kommune gibt. Hier ist es Personalmangel und fehlende finanzielle Unterstützung durch Förderer, um die umfangreiche, ehrenamtliche Kulturarbeit zu ermöglichen. Deshalb ist die Kneipe zurzeit leider nur noch sonntags für 2 Tanzvereine geöffnet. Unser Garten, der ja dieses Jahr so wunderbar gepflegt wurde, dass er sich der Qualität eines Mustergartens für alternative Anbaumethoden sehr genähert hat, könnte bald auch ein ähnliches Schicksal wie das der Kneipe erleiden, da entsprechende Helfer dann wahrscheinlich für die Lohnarbeit außerhalb gebraucht werden. Manchmal frage ich mich, wie wir die für das Entstehen und die Pflege unseres Gruppengefüges nötige Zeit und Energie aufbringen können, um den Einsatz für solidarische und politische Arbeit und ein ständiges Weiterbauen unter den hier in Thüringen schwierigen beruflichen Bedingungen zu schaffen. Wobei ja die Weiterentwicklung der eigenen, hier ansässigen Betriebe oder Arbeitsbereiche wie die beiden genannten oder der Leuchtenwerkstatt, des Seminarbereiches oder... erstrebenswerter wären. Trotz Allem ist die Stimmung gut und wir machen entschlossen weiter.

Der Artikel erschien zuerst am 14. Juli 2016 auf www.kommune-kowa.de, das ist die Kommune Waltershausen in Thüringen. Mit freundlicher Genehmigung von Carlos übernommen.

© Karl-Martin Hölzer / Carlos, Februar 2017.

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2017/02/07

75. Todestag von Iwan Bilibin

bilibin
Iwan Bilibin, Väterchen Frost, 1932. Quelle: Wikimedia Commons.

Der russische Maler und Illustrator Iwan Jakowlewitsch Bilibin starb am 7. Februar 1942 in Leningrad während der Blockade durch die deutschen Faschisten. Damals verhungerten über 1 Million Menschen in der Stadt. Bilibin war ein Vertreter des Jugendstils, der besonders wegen seiner Illustrationen zu russischen Märchen und Sagen bekannt ist.
Dr. Christian G. Pätzold.

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2017/02/03

Online schmökern: Illustrierte Magazine aus der Zeit der Weimarer Republik

Ferry van Dongen

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Die Digitalisierung verschiedener Publikumsmagazine aus der Zeit der Weimarer Republik ist ein Projekt unter der Federführung der Sächsischen Staats- und Landesbibliothek in Dresden. Seit 2013 werden dort vom Dresdner Digitalisierungszentrum illustrierte Magazine der klassischen Moderne aus Deutschland digitalisiert und online für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die folgenden Magazine sind online gestellt:

"Uhu" (1924-1934 Ullstein Verlag, Berlin)
"Querschnitt" (1921-1936, von 1933 bis 1935 im Kurt Wolff Verlag, Berlin)
"Das Leben" (1923-1935)
"Das Magazin" (1924-1941)
"Revue des Monats" (1926-1933)
"Scherl’s Magazin" (1924-1933)
"Tempo" (1927, 3 Ausgaben, erschienen in Hamburg)
"Der Querkopf" (1930)
"Ullstein-Berichte" (1926-1933)

Des weiteren einige "Nischentitel" (heute reden wir von Special Interest Magazinen, die Zeitschriftenläden überfluten) wie:
"Das Jüdische Magazin" (4 Ausgaben in 1929)
"Auto-Magazin" (1928-1930, erschienen im Verlag Das Magazin)
"Kriminal-Magazin" (1929-1933 im Goldmann Verlag, Leipzig)

Zu einem späteren Zeitpunkt würde das Projekt auch gerne das "K.E./Welt-Magazin" und das "Wiener Magazin", "Die Karawane", "Das kleine Magazin", "Das neue Magazin" und "Wissenschaft und Forschung" digitalisieren.

Über die Publikationen heißt es auf der Webseite:
"Zielgruppe der Magazine war der neue, urbane Mittelstand in Büro- und Dienstleistungsberufen, der hier einen Lesestoff erwarb, der aufgrund seines Formats und seiner Zergliederung in kurze Lektüreeinheiten wie geschaffen schien für den mobilen Lebensstil zwischen Tram, Vorortzug und Wochenendvergnügen in der Großstadt. Wie kein zweites Medium der Zeit spiegeln die Magazine die Alltagskultur der 1920er Jahre, gebrochen durch die Logik der journalistischen Arbeitsroutinen und Selektionsregeln, die bei ihrer Betrachtung stets mitzudenken sind. Durch ihre weite Verbreitung waren Magazine gleichzeitig in der Lage, als Verkörperung eines 'iconic turn' die visuellen Darstellungs- und Wahrnehmungsmuster einer ganzen Generation zu prägen, die dieses mediale Umbruchphänomen begeistert aufnahm. Für ihre breit angelegte Zielgruppe markierten sie, gemeinsam mit dem Stummfilm, den Übergang zu einer visuellen Unterhaltungskultur."

Die Navigation durch den Bestand ist gewöhnungsbedürftig. Die Technik ist sehr modern, aber nicht immer - auch für den geübten Anwender - einfach. Man kann nach Stichworten suchen, oder einfach blättern und Beiträge lesen, oder auch nur die zeitgenössischen Fotografien oder Werbeanzeigen anschauen. Eine interessante Zeitreise!

http://www.illustrierte-presse.de

© Ferry van Dongen, Februar 2017.

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2017/02/01

Tagebuch 1973, Teil 14: Leningrad

Dr. Christian G. Pätzold

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Wladimir Iljitsch Lenin, Moskau, Juni/Juli 1921.

14. August 1973, Leningrad, Dienstag

Die "Lenin Memorial Tour" bestand zu 70 % aus Busfahrt. Wir besichtigten hauptsächlich eine Scheune und eine Hütte auf dem Land, in denen sich Lenin vor der Oktoberrevolution 1917 vor der Polizei der bürgerlichen Regierung versteckt hatte. Mich hat nachhaltig beeindruckt, dass die kleine Strohhütte unter einem großen Glassarkophag für die Ewigkeit geschützt war. Ein richtiges Heiligtum der Revolution mitten in der Landschaft. Wir haben Lenins grünes Kabinett gesehen, in dem er »Staat und Revolution« (1917) geschrieben hat.
Die Dolmetscherin war im 2. Studienjahr und wohnte mit Eltern und Großeltern in 2 Zimmern, sie selbst mit der Großmutter in einem Zimmer. Die Wohnungssituation in der Sowjetunion in den Städten ist sehr kritisch, das habe ich jetzt mitbekommen. Bei Intourist werden die Dolmetscher auf Westfragen vorbereitet. Im Restaurant Runo wollte ein Kellner wieder Westkleidung kaufen: "I’m a businessman, you know."
Kurze Anmerkung zur Wasserversorgung: Die Wasserversorgung mit gutem fließendem Wasser ist in der SU auf den Dörfern scheinbar nicht immer gegeben. In den Städten teilweise auch nicht. Das Leitungswasser in Rostov-na-Donu war ziemlich ungenießbar, auch auf dem Campingplatz in Nowgorod. Ist die Elektrifizierung wichtiger als gutes fließendes Wasser?
Wir waren wieder im Dom Drushba und haben einen sowjetischen Comicfilm gesehen, der fast noch brutaler war als die amerikanischen. Der Film erschien mir als eine Nachäfferei der US-amerikanischen Filme, von Sozialismus keine Rede. Dann hatten wir eine kurze Unterhaltung mit einer Gruppe wohlerzogener Jugendlicher aus Southampton, die noch nie etwas von Marxismus gehört hatten und an Gott glaubten. Es stellte sich heraus, dass unsere "schottische" Komsomolzin auch an Gott glaubte, obwohl das eigentlich mit der Zugehörigkeit zum Kommunistischen Jugendverband unvereinbar war. Sie trug auch Mutter Maria um den Hals. "I don’t believe in God as a person but as a hope." Mir war irgendwie unklar, ob Christen nun in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Mitglied sein durften oder nicht, oder was da für Kompromisse gemacht und was für Spitzfindigkeiten erfunden wurden. Unsere Dolmetscherin schien auch Komplexe wegen ihrer Größe und ihres Aussehens zu haben.
Eine andere Dolmetscherin, Anja, sagte uns nach langem Bedenken, dass die Leute hier zynisch geworden sind. Wir sind wieder auf die Stalinfrage gekommen. Sie sagt, dass die Leute Stalin sehr geliebt hätten, aber er sei ein bisschen verrückt gewesen und die Leute hätten sich gefürchtet. Wir durften mit in die Wohnung ihrer Eltern kommen. 2 Zimmer für 3 Personen. Der Vater ist Professor, die Mutter jetzt krank. Früher vor 6 Jahren hatten sie sehr schlechte Wohnverhältnisse, nur 1 Zimmer und eine Gemeinschaftsküche. Sie sieht eine Differenz zwischen chinesischem Volk und der Führung, die sie als "Nationalistische Clique" bezeichnet, konnte aber nicht sagen, wie sich das äußert. Wir haben dann noch kritisch über Stützpunkte der Sowjetunion im Ausland diskutiert.

Postskriptum Februar 2017:
Der Dom Drushba oder das Haus der Freundschaft war eigentlich eine sehr schöne Institution in der Sowjetunion, in der sich Menschen aus verschiedenen Ländern treffen und kennen lernen konnten. So etwas habe ich später in keinem anderen Land der Welt gesehen. Die Idee des Dom Drushba hing wahrscheinlich mit dem sozialistischen Internationalismus zusammen. Was aus dem Dom Drushba nach 1990 geworden ist, weiß ich nicht. Wikipedia konnte mir da auch nicht weiterhelfen.

15. August 1973, Leningrad - Nowgorod, Mittwoch

In einer Stolowaja hatte eine Kellnerin wohl einen Gast nicht bedient und eine andere Frau hat sich nach langem hin und her den Namen der Kellnerin für eine Beschwerde geben lassen.
Wir sind anschließend zu Anjas Wohnung gefahren, da ihr Vater, der Professor, sich bereit erklärt hatte, uns einzuladen und sich mit uns zu unterhalten, sehr gastfreundlich. Wir diskutierten kontrovers über außenpolitische Themen, den Standpunkt der Sowjetunion zur Atomwaffenfrage in der UNO, die Ausdehnung der Hoheitszone auf 200 Seemeilen durch südamerikanische Staaten, die sowjetischen Fischfanginteressen in Südamerika, den militärischen Konflikt zwischen Russen und Chinesen am Ussuri. Es heißt zwar in der Sowjetunion "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit", nur die Frauen bekommen nicht die gleiche Arbeit. "Weil sie schwächer sind", sagt Anja. Das war der Abschluss unseres Aufenthalts in Leningrad.

16. August 1973, Nowgorod - Kalinin, Donnerstag

Holzhäuser am Straßenrand. Abends hatten wir ein Gespräch mit einer ausgezeichneten Dolmetscherin im Zelt. 2 von 90 Studentinnen sind mit Extrastipendien ausgezeichnet worden: 53 Rubel, was 25 % mehr sei als die anderen bekommen. Das Extrastipendium erhält man für ausgezeichnete Leistungen und gesellschaftliche Arbeit. "Man muss Versammlungen besuchen und organisieren, das kostet alles Zeit und Arbeit." Sie findet es ganz normal, dass man dafür bezahlt wird.

Postskriptum Februar 2017:
Die Stadt Kalinin, in der wir übernachteten, hieß ursprünglich Twer. Sie wurde 1931 nach dem sowjetischen Politiker Michail Iwanowitsch Kalinin (1875-1946) benannt, der im Gouvernement Twer geboren wurde. Er war von 1923 bis 1946 Staatsoberhaupt der Sowjetunion. Seit 1990 heißt die Stadt Kalinin wieder Twer. Die Stadt Königsberg in Ostpreußen heißt übrigens seit 1946 bis heute Kaliningrad, nach Michail Kalinin. Daher spricht man scherzhaft auch von Kaliningrader Klopsen.

© Dr. Christian G. Pätzold, Februar 2017.

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2017/01/29

Tagebuch 1973, Teil 13: Leningrad

Dr. Christian G. Pätzold

"Man weiß wohl wie man ausreist, aber nicht wie man zurückkehrt."
Karl Simrock, Die Deutschen Sprichwörter, Frankfurt am Main 1846, Nr. 8405.

11. August 1973, Nowgorod - Leningrad, Sonnabend

Wir sind auf dem Weg nach Leningrad angehalten worden wegen zu hoher Geschwindigkeit, 70 statt 40 km/h. In Leningrad sind wird dann wegen falschen Abbiegens angehalten worden und sollten eine "Rubelstrafe" bezahlen, konnten dann aber doch wieder abfahren. Das war vielleicht so ein Touristenbonus für Ausländer. Während der Fahrt wurden wir öfter bei der Durchfahrt durch die Straßenposten notiert.
Unser Campingplatz liegt 40 km außerhalb von Leningrad bei Repino. Repino (finnisch Kuokkala) liegt nördlich von Leningrad am Finnischen Meerbusen. Die Stadt wurde im sowjetisch-finnischen Winterkrieg 1940 von den Sowjets den Finnen weggenommen. In Repino habe ich zum letzten Mal für eine lange Zeit den Strand der Ostsee gesehen. Repino wurde 1948 nach dem russischen Maler Ilja Jefimowitsch Repin (1844-1930) benannt, der dort lebte und starb. Repin gilt als bedeutendster russischer Realist, dessen Werke das Vorbild für den sowjetischen sozialistischen Realismus waren. Insofern war Repin in der Sowjetunion sehr wichtig und sehr angesehen.
Die Busverbindung von Repino nach Leningrad dauert über eine Stunde, der Zug eine ¾ Stunde. Auf dem Campingplatz haben wir nur ein Zelt für 4 Personen bekommen, obwohl Platz für unsere eigenen Zelte vorhanden war. Das war wieder mal so eine sowjetische Starrheit der Bürokratie.
Ich habe die Erzählung »Das Licht auf dem Galgen« (1961) von Anna Seghers (1900-1983) angefangen zu lesen. Die Erzählung handelt vom Kampf gegen die Sklaverei auf Jamaika um 1800. Ich hatte zuerst etwas Probleme, in die Erzählung hineinzukommen, wegen der vielen Handlungsebenen. Aber die Thematik, der Befreiungskampf der westindischen Afrikaner zur Zeit der Französischen Revolution, ist sehr interessant.

Postskriptum Januar 2017: Leningrad heißt heute Sankt Peterburg.

12. August 1973, Leningrad, Sonntag

Im Hotel Leningrad haben wir eine Stadtrundfahrt für morgen gebucht. Das Hotel ist sehr prunkvoll und nur für Ausländer zugelassen. Für 3 bis 10 Rubel kann man sich als Einzeltourist kalte und warme Speisen zusammensuchen.
Der Dom Drushba (Haus der Freundschaft, in dem ausländische Gruppen betreut werden), war Sonnabend und Sonntag geschlossen, seltsam. Der Pförtner zeigte uns aber trotzdem das Haus, das vor altem Prunk nur so strotzte. Der alte Mann, der uns den Weg zum Dom Drushba freundlich gezeigt hatte, wurde nicht rein gelassen, sondern musste draußen warten. Wir sind die Hauptstraße Newsky Prospekt entlang gelaufen und sind wieder überall nach Westkleidung gefragt worden. Auch die kleinen Jungen wollten überall sozialistische Abzeichen gegen Kaugummis tauschen. Abends haben wir es dann doch ins Kino geschafft und haben den sowjetischen Film "Poslednin Gaiduk" (Der letzte Heiduck, die Heiducken kämpften gegen die türkische Fremdherrschaft in Rumänien) gesehen. Der Film war eine interessante Kombination aus moldauischer Wildwestromantik, Liebe, Bauernbefreiungsbewegung und sozialistischer Revolution.

13. August 1973, Leningrad, Montag

Um 10:25 Uhr begann die Stadtrundfahrt für 2 Stunden. Dolmetscherin: "Sie fragen vielleicht, warum ein Zarenstandbild auf diesem schönen Platz steht? - Aus architektonischen Gründen."
Wir sind zum Dom Drushba gefahren und dort war es sehr interessant, denn wir haben dort echte junge russische Menschen sprechen können, die auch intelligent waren und Fremdsprachen sprechen konnten. Zuerst haben wir mit einer Mathelehrerin auf Französsch gesprochen. Sie kannte sich mit dem Theater aus, so dass wir mit ihr über das Theater in der Sowjetunion sprechen konnten. Die Schauspieler sind in der Sowjetunion unkündbar. Dann sind wir in eine amerikanische Friedensbewegungsgruppe reingerutscht, die vielleicht von der KP der USA war. Wir haben mit einem freigestellten Gewerkschaftsboss von einem 5.000-Mann-Betrieb gesprochen, der Parteimitglied war und alles dufte fand. Frage: "Kann der Fabrikdirektor von den Arbeitern abgesetzt werden?" Antwort: "Njet."
Wir haben eine junge russische Frau im Haus der Freundschaft kennen gelernt, die dort dolmetscht. Sie will einen Schotten heiraten und in Schottland alles tun, was er will. Das Doppelalbum "Jesus Christ Superstar" wird für 150 Rubel schwarz verkauft und findet reißenden Absatz, sagt sie. (150 Rubel! Das war ein höheres Monatseinkommen!) Sie ist zufrieden mit dem Sozialismus, aber sie will die Welt sehen und nicht für ihre Enkel arbeiten, sie lebt nur einmal. Obwohl sie 20 Jahre alt war, machte sie eher den Eindruck eines westlichen 17-jährigen Teenagers, obwohl nur besonders geschulte Sprachleute ins Freundschaftshaus kommen. Sie überlässt ihre Zukunft ganz ihrem Mann. Wenn man junge Leute kennen lernen will, sagt sie, soll man nicht nein sagen, wenn man nach Westsachen angesprochen wird. Dann wird einem die Stadt gezeigt und nachher freuen sie sich, wenn man ihnen was verkauft. Einen Freund ohne westliche Kleidung würde sie nicht akzeptieren, nach dem Motto westlich = gut. Was sie von China hält. "Die Chinesen kann ich nicht leiden, die sind wie Affen auf den Bäumen." Ein persönlicher Eindruck, sagt sie. "Bist du Komsomolzin?" "Ja, alle sind Komsomol!" (Komsomol bedeutet "Kommunistischer Jugendverband". Der Komsomol war die Jugendorganisation der KPdSU.)
Ich habe heute ein paar touristische Fotos gemacht: Panzerkreuzer Aurora, eine Moschee in Leningrad von außen (eine so große Moschee hatte ich noch nie gesehen), der Dom Drushba. Zum Abschluss des Tages haben wir im Restaurant für sündhaft teure 12 Rubel gegessen: Hühnchen.

Postskriptum Januar 2017:
Heute war der 12. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer, den ich damals auf westberliner Seite live erlebt hatte. Aber daran habe ich gar nicht gedacht. Wir waren mitten im Kalten Krieg. Aber so hat sich Leningrad gar nicht angefühlt. Die Zeit in Leningrad und im Dom Drushba war eigentlich ganz entspannt. Und das, obwohl gerade Leningrad im Zweiten Weltkrieg Schreckliches durch die Faschisten erlitten hatte und obwohl wir Deutsche sind. Irgendwie schwebte eine Wolke von friedlicher Koexistenz in der Luft. Zu viele Widersprüche? Im Grunde genommen war der kapitalistische Westen für die jungen "Kommunisten" in der Sowjetunion das gelobte Land. Alles sehr abgefahren.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2017.

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2017/01/26

Die Zensur von Anno Dunnemals.
Heute geht das anders

zensur
Karikatur eines unbekannten Zeichners in der Zeitschrift "Der Leuchtthurm", 1847.
Quelle: Wikimedia Commons.

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2017/01/23

75. Todestag von Tina Modotti

modotti
Tina Modotti, Frau in Tehuantepec, 1929. Quelle: Wikimedia Commons.

Die italienische Fotografin und Revolutionärin Tina Modotti starb am 6. Januar 1942 unter ungeklärten Umständen in Mexiko-Stadt. Obwohl sie erst 46 Jahre alt war, hat sie ein beeindruckendes fotografisches Werk hinterlassen. Sie gehörte in einer weiteren Auffassung zur großen Bewegung der Arbeiterfotografen in den 1920er Jahren.

"Zwar war es der Himmel Mexikos, der Tina Modottis Fotografien Licht verlieh, doch kann man es nicht diesem Licht zuschreiben, daß ihrer Kamera vollkommene Gemälde entsprangen. Das Geheimnis ihrer Werke lag darin, daß sie mit dem Blick der Güte die Welt sichtbarer machten."
Egon Erwin Kisch.

Tina Modotti ha muerto
Pablo Neruda

"Tina Modotti, hermana, no duermas, no, no duermas
tal vez tu corazon oye crecer la rosa
de ayer, la última rosa de ayer, la nueva rosa.
Descansa dulcemente, hermana.
La nueva rosa es tuya, la nueva tierra es tuya:
Te has puesto un nuevo traje de semilla profunda
Y tu suave silencio se llena de raíces.
No dormirás en vano, hermana.
Puro es tu nombre, pura es tu frágil vida
De abeja, sombra, fuego, nieve, silencio, espuma,
De acero, línea, polen, se construyó tu férrea,
tu delicada estructura.
El chacal a la alhaja de tu cuerpo dormido
aún asoma la pluma y el alma ensangrentada
como si pudieras, hermana, levantarte,
sonriendo sobre lodo.
A mi patria te
llevo para que no te toquen,
a mi patria de nieve para que tu pureza
no llegue el asesino, ni el chacal, ni el vendido:
Allí estarás tranquila.
¿Oyes mi paso, un paso lleno de pasos, algo
grande desde la estepa, desde el Don, desde el frío?
¿Oyes un paso firme de soldado en la nieve?
Hermana, son tus pasos.
Ya pasarán un día por tu pequeña tumba
antes de que las rosas de ayer se desbaraten.
Ya pasarán a ver los días, mañana,
donde está ardiendo tu silencio.
Un mundo marcha al sitio donde tú ibas, hermana.
Avanzan cada día cantos de tu boca,
en la boca del pueblo glorioso que tú amabas.
Tu corazón era valiente.
En las viejas cocinas de tu patria, en las rutas
polvorientas, algo se dice y pasa,
algo vuelve a la llama de tu dorado pueblo,
algo despierta y canta.
Son los tuyos, hermana: los que hoy dicen tu nombre
los que de todas partes, del agua y de la tierra,
con tu nombre otros nombres callamos y decimos
Porque el fuego no muere."

Literatur: Christiane Barckhausen: Tina Modotti, Wahrheit und Legende einer umstrittenen Frau, Berlin 1989.

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2017/01/20

Die Demo zu den Gräbern von Rosa und Karl

Dr. Christian G. Pätzold

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Die Gräber von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht auf dem Friedhof der Sozialisten in Berlin Friedrichsfelde. Fotografiert von © Dr. Christian G. Pätzold, 15. Januar 2017.

Jedes Jahr Mitte Januar denkt die Linke an die 1919 ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Es gibt eine Demo vom Frankfurter Tor zum Friedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde und dort eine Kranzniederlegung. Außerdem noch eine Kranzniederlegung an dem Ort im Tiergarten, an dem Rosa Luxemburg in den Landwehrkanal geworfen wurde. Die Gründer der KPD Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden am 15. Januar 1919 in Berlin von Freikorps-Soldaten gefangen genommen und erschossen.
In früheren Jahren waren es Mitte Januar jene eisigkalten Tage, an denen sich jeder Kater hinter dem Kachelofen verkrümelte. Der Frost kroch einem bis in die Knochen. Die Schultern schüttelten sich fast vor Kälte. Es war die härteste Demo des ganzen Jahres, nur etwas für ganz frostharte Sozialisten.
Dieses Jahr gab es leichtes Schneegestöber und erträgliche 0 Grad Celsius. Auf den Straßen lagen Reste von Schneematsch. Ich hatte den Eindruck, dass jetzt der Klimawandel eingesetzt hat, denn die Luft fühlte sich mild an. An der Straße verkauften Blumenhändler rote Nelken für 1 Euro das Stück. Sie gingen weg wie warme Semmeln. Manche kauften gleich ein ganzes Bund für 20 Euro. Die "junge Welt" wurde kostenlos verteilt.
Diverse sozialistische und kommunistische Gruppen, Buchläden und Verlage hatten ihre Stände vor dem Friedhof aufgebaut. Es gab auch Rostbratwürstchen. Erbsensuppe und Thainudeln waren auch sehr beliebt. Das Schalmeien-Orchester Fritz Weineck Berlin spielte "Auf, auf zum Kampf!". Es waren wirklich sehr viele Menschen dort, mehrere Tausend.
Ich möchte die berühmten Sätze von Egon Erwin Kisch aus seinem Buch »Der rasende Reporter« von 1924 zitieren. Sie stehen in der Reportage "Dies ist das Haus der Opfer!":

"In den Umsturztagen von 1918 waren Hekatomben von Erschossenen hier (im Leichenschauhaus in der Hannoverschen Straße) aufgestapelt, zur Zeit der Spartakistenaufstände im März 1919 brachte jeder Tag einen Zuwachs von hundertfünfzig bis zweihundert Leichen, hierher schafften einige Soldaten einen "unbekannten Mann, auf dem Wege zur Rettungsstation gestorben", als ob sie nicht gewußt hätten, daß dieser "Unbekannte" Karl Liebknecht heiße, der einzige Abgeordnete Deutschlands, der gegen den Krieg gekämpft hatte, der einzige, der allen Menschen Deutschlands und des Auslands bekannt war. Hierher wurde einige Wochen später eine "unbekannte Frauensperson" geschleppt, aus dem Landwehrkanal aufgefischt: Man stellte fest, daß der Leichnam hundertzehn Kolbenhiebe und etwa dreißig Tritte von genagelten Schuhsohlen aufweise und daß die Tote Rosa Luxemburg heiße."

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2017/01/18

We Shall Overcome

Pete Seeger

We shall overcome,
We shall overcome,
We shall overcome, some day.
Oh, deep in my heart,
I do believe
We shall overcome, some day.

We'll walk hand in hand,
We'll walk hand in hand,
We'll walk hand in hand, some day.
Oh, deep in my heart,
I do believe
We shall overcome, some day.

We shall live in peace,
We shall live in peace,
We shall live in peace, some day.
Oh, deep in my heart,
I do believe
We shall overcome, some day.

We are not afraid,
We are not afraid,
We are not afraid, TODAY
Oh, deep in my heart,
I do believe
We shall overcome, some day.

The whole wide world around
The whole wide world around
The whole wide world around some day
Oh, deep in my heart,
I do believe
We shall overcome, some day.

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2017/01/14

Federlicht / UAU: Happening now
Zwei Tanzsoli über das multiple Ich

olga
Foto von © Miro Wallner.

Identität, Identität ... vielleicht gibt es das in Wirklichkeit nicht. Bewegen und verändern wir uns nicht permanent, einem wechselnden Rhythmus zwischen geschmeidig und holperig folgend? UAU und Federlicht ringen mit Worten und Körpern und stellen die Frage, was es bedeutet "eins" zu sein, wenn man sich wie eine Vielheit fühlt.

Regie: Caroline Alves, Miro Wallner
Von und mit: Caroline Alves, Olga Ramirez Oferil
Bühne: Achim Naumann d’Alnoncourt
Dramaturgie: Marie Yan
Video: Miro Wallner
Eine Produktion von Hower

Do. 19. und Fr. 20. Januar 2017 | 20.00 h
Theater o.N. | Kollwitzstr. 53 | 10405 Berlin Prenzlauer Berg
Kartenreservierung: 030 440 92 14

http://www.theater-on.com

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2017/01/11

Unter Kiefern und Hibisken 4

Ella Gondek

schneemann
Großer Schneemann im Rohbauzustand.
Das Foto wurde von © Ella Gondek zur Verfügung gestellt.

Seit einigen Tagen hat auch der Winter in meinem Garten Einzug gehalten. Diese Schneepracht wird sich zwar nicht besonders lange halten, aber es sieht schön aus. Und durch den Schnee wirkt sich der derzeitige Frost nicht so gravierend auf die Sträucher aus. Denn der Schnee ist wie eine schützende warme Decke, die vor dem Austrocknen schützt. So kontrolliere ich regelmäßig, ob alles in Ordnung ist.
Zum Schneemann bauen ist es ein bisschen zu wenig Schnee. Dafür haben sie in meinem Heimatort umso mehr. Da wurde sogar bei meiner Nichte mit dem Traktor ein riesiger Schneemann gebaut. Auf so eine Idee muss man auch erst einmal kommen. Und bei derzeit minus 19 Grad bleibt dieser bestimmt noch eine Zeitlang stehen.
Seit einigen Wochen erfreue ich mich an den vielen kleinen Piepmätzen, die sich sehr zahlreich auf meinem Balkon vorm und im Futterhäuschen tummeln. Da streiten sich Zeisige, Stieglitze, Buchfinken, Kernbeißer, Blaumeisen, Kohlmeisen, Grünlinge und Spatzen um die Sonnenblumenkörner. Allerdings ist es schwierig, sie zu fotografieren. Bei der leisesten Bewegung suchen sie das Weite. Voriges Jahr gelang mir aber eine Aufnahme vom Kernbeißer, auch wenn das Foto etwas unscharf geworden ist. Die Beobachtungen gehen also weiter.

© Ella Gondek, Januar 2017.

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2017/01/09

Street Art in Berlin Friedrichshain

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Op-Art.
Blumenladen Kietzblume in der Niederbarnimstraße 15 neben dem Kino Intimes,
Berlin Friedrichshain. Fotografiert von © Henrik Zoltan Dören, November 2016.

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2017/01/06

art kicksuch

uebergaenge

© art kicksuch, Januar 2017.

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2017/01/03

Starogradsko Polje auf der Insel Hvar (Kroatien)

Ferry van Dongen

starogradsko
Foto von © Ferry van Dongen, Oktober 2016.

Die Straße 116 zwischen Stari Grad und Vrboska führt durch eine fruchtbare Ebene der Insel. Hier werden Wein, Oliven, Gemüse und Obst angebaut. Richtung Vrboska kommt linkerhand ein kleines, schlecht sichtbares Schild mit der Aufschrift Aerodrom, das den Weg zum Flughafen weist. Die Abzweigung führt auf einen einspurigen Weg und lässt schon vermuten, dass es kein häufig genutzter Flughafen ist. Schon nach wenigen Minuten fährt man um die Landepiste herum. Ein kleines Motorflugzeug älterer Bauart steht am Rande der Piste, daneben ein kleines Häuschen. Wendet man sich vom Flughafen ab und folgt einem der abgehenden Wege Richtung Nordosten, sieht man zu beiden Seiten des Weges Grundstücke, mal verwildert, mal bewirtschaftet, getrennt mit Steinmauern, auf den Grundstücken kleine Steinhäuschen, mal verfallen, mal neu gebaut. Wenig später, an einer Kreuzung, weist uns eine Informationstafel darauf hin, dass wir uns auf dem Demodokov Put (Foto) befinden. Wir sind im Land der alten Stadt. Griechische Kolonisten haben sich hier im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung angesiedelt und Landwirtschaft betrieben. Sie gründeten Pharos, die alte Stadt, das heutige Stari Grad. Östlich der Stadt, bis nach Vrboska, erstreckt sich die Ebene (Polje), die bereits seit dieser Zeit landwirtschaftlich genutzt wird, meist mit Oliven und Wein. Nach Süden wird das Gebiet begrenzt durch die Berge und die Dörfer Dol und Vrbanj.
Noch heute ist die geometrische Aufteilung der antiken Parzellen (griechisch Chora bzw. später römisch Ager) auffällig. Die Geometrie, griechisch auch für Landmessung, war ja ein Steckenpferd der alten Griechen. Ich musste sofort an Pythagoras und meine Schulzeit denken. Das antike griechische Meßsystem war von den Ägyptern beeinflusst und diente den Römern als Vorlage. Über 70 großflächige Parzellen (Striga) wurden hier bereits von den Griechen eingeteilt. Eine Striga (181 x 905 Meter) besteht aus 5 kleineren Flächen, sogenannten Stadia (181 x 181 Meter). Die Stadia entsprach 180 Plethra, das sind 100 x 100 (griechische) Fuß. Ich habe später etwas nachgerechnet, aber mathematisch exakt gehen die Rechnungen nicht auf. Es gibt immer wieder kleine Abweichungen. Das liegt sicherlich daran, dass die frühen Maßeinheiten doch nicht exakt und einheitlich in das metrische System übernommen werden können. Relativ zuverlässig ist noch der (griechische) Fuß (30,8 cm), der vier Hand breit bzw. 16 Finger breit ist. Die Griechen kannten auch die Pygme (Faust), die 18 Finger breit ist. Jedenfalls waren die griechischen Parzellen (Striga) mit etwa 16,4 Hektar relativ groß. Für Familien mit fünf Mitgliedern standen üblicherweise etwa 3,6 bis maximal 8 Hektar zur Verfügung.
Im Raum Athen standen zu der Zeit etwa 40 bis 60 Plethra für die Selbstversorgung von Familien mit durchschnittlicher Größe zur Verfügung. Griechenland war eine reine Agrargesellschaft zu der Zeit, und für Kleinbauern, die in Griechenland gerade mal Subsistenzlandwirtschaft betreiben konnten, war die Bewirtschaftung auf Hvar vermutlich ein interessanter, finanzieller Aufstieg. Hier im Starogradsko Polje konnte mit doppelter bis vierfacher Größe der Nutzfläche also weit mehr produziert werden, was für den Export spricht. Tatsächlich ist auch eine gewisse Knappheit an landwirtschaftlich nutzbaren Flächen zu dieser Zeit aus Griechenland überliefert. Und Hvar war nicht nur wegen der landwirtschaftlichen Nutzung interessant. Auch die Kontrolle der Adria durch den Seehafen war für das antike Griechenland von Bedeutung.
Die Parzellen sind immer noch weitgehend von steinernen Trockenmauern eingegrenzt. Wege durchziehen die Grundstücke. Immer wieder sieht man Unterstände (Trims), die wie Bienenkörbe aussehen und aus Steinen in Trockenbauweise errichtet sind. Sie dienten in der Antike hauptsächlich den Menschen als Unterschlupf. Wassersysteme wie Rinnen und Zisternen lassen sich allerdings nur erahnen. Reste von Wirtschaftsgebäuden (Villae Rusticae aus der späteren römischen Zeit) gibt es nur vereinzelt. Es lässt sich wunderbar durch diese Landschaft spazieren. Ich habe den Eindruck, dass Archäologen hier noch mehr Spuren aus der Antike finden können. 2008 wurde Starogradsko Polje, aufgrund der weitgehend noch erhaltenen antiken Landeinteilung, in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen.

Weitere Informationen unter: http://starogradsko-polje.net

© Ferry van Dongen, Januar 2017.

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2017/01/01

Zum zweiten Geburtstag von www.kuhlewampe.net

Dr. Christian G. Pätzold

Kuhle

Allen Leserinnen und Lesern von Kuhle Wampe ein schönes neues Jahr 2017! Nach zwei Jahren kann Kuhle Wampe als Kleinkind schon ganz schön laufen. Die Zahl der verschiedenen Rechner, die Kuhle Wampe monatlich besucht haben, ist von 704 im Januar 2016 auf 1.298 im November 2016 gestiegen. Das ist doch erst mal eine ganz erfreuliche Statistik, wenn auch ausbaufähig. Bisher hat sich Kuhle Wampe allein durch Mundpropaganda herumgesprochen.
Im Jahr 2015 hatten wir insgesamt 69 Beiträge, im Jahr 2016 waren es schon 124 Beiträge. Aber es ist noch Luft nach oben. Das Jahr hat 365 Tage, warum sollen dann nicht öfter neue Themen kommen? Wenn es AutorInnen gibt, die Beiträge veröffentlichen wollen, dann können wir es versuchen und an jedem zweiten Tag ein neues Thema erscheinen lassen. Das ist in sozialen Medien durchaus üblich.
In 2016 gab es auch wesentlich mehr Bilder in Kuhle Wampe als noch in 2015. Kuhle Wampe möchte gerne auch die Kunst der Fotografie fördern, indem Fotos des Zeitgeistes online erscheinen. Daher sind FotografInnen ausdrücklich eingeladen, das eine oder andere Foto beizutragen. Die Absicht ist allerdings nicht, Kuhle Wampe zu einer Illustrierten zu machen.
Kuhle Wampe ist nach wie vor werbefrei, was bei Kulturblogs gar nicht so häufig ist. Außerdem wird weiterhin die höchste Qualität beachtet, damit sich Kuhle Wampe positiv abhebt. Ziel ist nicht so sehr die journalistische Unterhaltung, sondern eher die Suche nach wissenschaftlicher Information und künstlerischer Schönheit. Auf Videos und Audios müssen wir vorläufig verzichten, denn die fressen noch zu viel Speicherplatz. In bestimmten sozialen Netzwerken sind Sexismus und Rassismus üblich. Solche Ideologien prallen an den MitschreiberInnen von Kuhle Wampe ab, da sie schon einige Lebenserfahrung haben und in der Welt herumgekommen sind. Weiterhin ist Kuhle Wampe kritisch gegenüber den ungerechten sozialen Verhältnissen eingestellt.
Schon jetzt sind einige wichtige Themen im Jahr 2017 absehbar: Der 50. Jahrestag des 2. Juni 1967 in Charlottenburg, an dem an Benno Ohnesorg gedacht wird. Der 50. Todestag von Che am 9. Oktober 1967. Der 100. Jahrestag der Sozialistischen Oktoberrevolution vom 7. November 1917. Und dann sind da ja auch noch 150 Jahre »Das Kapital« von Karl Marx zu feiern. Hinzu kommen zahlreiche weitere Jubiläen. Wie jedes Jahr im Oktober wartet die große Überraschung des Literaturnobelpreises auf uns. Kulturhauptstadt Europas 2017 ist das dänische Aarhus, aber die kulturellen Attraktionen der Stadt erscheinen mir noch etwas rätselhaft. Vielleicht kann ja jemand darüber berichten.
Der Bildhintergrund von Kuhle Wampe ist wie jedes Jahr im Januar neu tapeziert. An Stelle des Kalifornischen Goldmohns vom letzten Jahr erscheint jetzt die Selbstkletternde Jungfernrebe (Parthenocissus quinquefolia) aus der Familie der Weinrebengewächse (Vitaceae), die ursprünglich im östlichen Nordamerika heimisch ist. Der botanische Name stammt von den griechischen Wörtern parthenos für Jungfrau und kissos für Efeu, sowie vom lateinischen Wort quinquefolia für fünfblättrig. Die erste Veröffentlichung der Pflanze erschien 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum. Ich habe das Foto Anfang Oktober aufgenommen. Daher hat die Jungfernrebe schon rote Blätter und blaue Früchte.
Ich möchte wieder allen danken, die im letzten Jahr großzügig und gratis etwas zu Kuhle Wampe beigetragen haben: Jenny Schon, Ella Gondek, Judith Kiers, Ferry van Dongen, art kicksuch, Caroline Alves, Olga Ramirez Oferil, Miro Wallner, Xueh Magrini Troll, Michael Ickes, Manfred Gill, Achim Mogge und Henrik Zoltan Dören. Liebe Blogger-FreundInnen, lasst euch nicht entmutigen. Bloggt weiter, denn ihr tut ein gutes Werk, indem ihr Menschen eine Freude macht.

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