kuhlewampe.net

im 8. Jahr
Herzlich Willkommen bei kuhlewampe.net. Ein Kultur-Literatur-Gesellschaftskritik-Blog im WWW
Gründer und Herausgeber: Dr. rer. pol. Christian G. Pätzold, Berlin
Kurator für Gesellschaftskritik: Dr. phil. Hans-Albert Wulf, Berlin
Wenn Ihr hier veröffentlichen wollt, schreibt bitte an: post(at)dr-paetzold.info
Kuhle Wampe ist ein Film von Bert Brecht, Slátan Dudow und Hanns Eisler aus dem Jahr 1932.


2022/10/08


Die Fischer vom Marina Beach in Madras/Tamil Nadu

Fotos von Dr. Christian G. Pätzold, 25. November 1973


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Fischerhütten am Strand.


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Die kleinen Fische werden zum Trocknen in die Sonne gelegt und von Frauen bewacht,
damit die Krähen nicht alles auffressen.


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Die Fischer und ihr Boot.


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2022/10/05

Tagebuch 1973, Teil 61: Madras III

von Dr. Christian G. Pätzold


19. November 1973, Madras, Montag

Morgens habe ich auf dem Postamt von Madras ein Päckchen mit in Indien erworbenen Büchern nach Berlin abgeschickt. Damit hatte ich schon mal den angesammelten Reiseballast entsorgt. Anschließend habe ich bei Cook & Son Geld gewechselt. Dann war ich beim Deutschen Generalkonsulat von Madras, um meinen Reisepass zu verlängern, dessen Gültigkeit abzulaufen drohte. Es war ein kleiner Aufreger, als der Konsulatsbeamte mir mitteilte, die Passverlängerung dauere mindestens 10 Tage, und das auch nur, wenn die Genehmigung telegrafisch aus Berlin zurückgeschickt werde. Das war so eine typische Bürokratenposse. Ich hatte schon vor der Reise in Berlin die Verlängerung des Passes beantragt, da absehbar war, dass der Pass während der Reise ungültig werden würde. Aber in Berlin hatte man die Verlängerung verweigert mit der Begründung, der Pass könne erst verlängert werden, wenn die Gültigkeitsdauer abgelaufen sei. Wegen dieser Bürokratie saßen wir jetzt 10 Tage in Madras fest. Aber auf Reisen geht eben nicht immer alles so reibungslos. Übrigens war der westdeutsche Pass an fast allen Grenzen dieser Welt viel wert. Wegen meines Passes hatte ich an fast keiner Grenze Probleme. Die Grenzbeamten wussten überall, dass westdeutsche Reisende zur Not von ihrer Botschaft Geld geliehen bekamen, um wieder nach Hause zu fliegen. Ich habe mir ein Buch von Tagore auf Englisch gekauft, um wenigstens etwas zum Lesen zu haben.


20. November 1973, Madras, Dienstag

Ich war bei der Lufthansa, Singapore Airlines, Swissair und BOAC, um mich nach einem Anschlussflug von Colombo nach Singapur zu erkundigen. Der Flug kostete 175 US-Dollar. Eine Student Concession wollten sie nicht geben.

Der Lepra-Kranke mit den offenen Wunden, der bei unserem vorherigen Aufenthalt in Madras an der Parry's Corner lag, lag jetzt vor dem New Victoria Hotel und jammerte vor sich hin. In indischen Städten traf man oft auf kranke und arme Menschen, denen anscheinend nicht geholfen wurde. Also starben die Menschen auf der Straße.


21. November 1973, Madras, Mittwoch

Morgens war ich bei Spencer's, Shah Wallace, Shaik Mohammed Rowther und bei Thomas Cook & Son, um mich nach eventuellen Schiffverbindungen von Colombo nach Singapore oder von Madras nach Singapore zu erkundigen. Von Colombo liefen angeblich keine Passagierschiffe, über Cargoschiffe konnten sie mir von Madras aus nichts sagen. Von Madras lief ein Passagierschiff nach Singapur, die billigste Klasse, die noch nicht ausgebucht war, kostete 1.400 Rupees für die 6-Tagesreise.

Dann war ich im Max Mueller Bhavan und habe etwas im "Spiegel" und in einem Buch mit Ausschnitten aus Tagores Werken gelesen.


22. November 1973, Madras, Donnerstag, und 23. November 1973, Madras, Freitag

An diesen beiden Tagen steht nichts im Tagebuch, wahrscheinlich weil nichts Nennenswertes passiert ist, außer Warten auf meine Passverlängerung.


24. November 1973, Madras, Samstag

Wir haben versucht, zum Vogelschutzgebiet (Bird Sanctuary) Vedanthangal zu fahren, das 85 Kilometer südlich von Madras liegt. Dort waren viele spektakuläre tropische Vogelarten zu sehen. Aber die Busverbindungen waren so schlecht, dass wir umkehren mussten.

Auch ins bekannte Meditationszentrum des Yogi Sri Aurobindo (1872-1950) in Pondicherry südlich von Madras sind wir nicht gefahren, und auch nicht nach Auroville. Die Nachfolgerin von Sri Aurobindo, Mirra Alfassa, genannt "Die Mutter", war gerade am 17. November 1973 in Pondicherry gestorben, so dass das Meditationszentrum geschlossen war. Mirra Alfassa begründete die Stadt Auroville.

Noch mehr Hindu-Tempel anzukucken hatten wir keine Lust. Hindu-Tempel zu besichtigen ist ungefähr so langweilig wie christliche Kirchen zu besuchen. So bestand unsere Hauptbeschäftigung im Lesen. Unser Hotelzimmer im Victoria Hotel für 20 Rupees am Tag erschien mir recht kostspielig.


25. November 1973, Madras, Sonntag

Auch heute war keine vernünftige Busverbindung nach Vedanthangal zu den Vögeln erkennbar. Es sollten auch nicht viele Vögel da sein, da das Feuchtgebiet momentan ziemlich ausgetrocknet sein sollte. Stattdessen waren wir am Marina Beach in Madras. Am Strand haben wir die Fischer mit ihren Booten und die Armut der Fischer gesehen. Im kleinen Aquarium von Madras haben wir Fische angekuckt. Von größeren Fischen war nur 1 Aal zu sehen.

Abends haben wir in der Music Academy Hall das traditionelle Drama »Indrajit« besucht, das ausverkauft war. Die Geschichte ist Teil des Epos »Ramayana«. Indrajit war der Sohn von Ravana, des Königs von Lanka, der die Frau von Rama entführt hatte. Indrajit kämpfte im Epos gegen Rama, er besaß übernatürliche Kriegsfähigkeiten, wurde aber letztlich von Rama besiegt, der seine Frau befreien konnte. Das Übernatürliche und das Magische schienen das indische Publikum besonders zu faszinieren. Die Schauspieler hatten anscheinend auch tagespolitische Kommentare in das Stück einfließen lassen. Die ganze Aufführung hatte den Charakter eines Volkstheaters.

© Dr. Christian G. Pätzold, Oktober 2022.


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2022/10/02

Tagebuch 1973, Teil 60: Rameswaram - Tiruchirappalli - Madras

von Dr. Christian G. Pätzold


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Mahatma-Gandhi-Statue in Rameswaram/Tamil Nadu.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, 17. November 1973.


16. November 1973, Trivandrum - Rameswaram, Freitag

Von Trivandrum in Kerala sind wir mit dem Bus nach Nagercoil in Tamil Nadu gefahren. Tamil Nadu bedeutet "tamilisches Land". (Es gibt auch ein Tamil Eelam in Sri Lanka, das "tamilisches Ilam" bedeutet, wobei Ilam ein anderes Wort für Sri Lanka ist.) Von Nagercoil sind wir wieder mit einem Bus zum Kap Comorin gefahren, das ist die südlichste Spitze Indiens am Indischen Ozean. Und von dort sind wir mit einem weiteren Bus nach Rameswaram gefahren, das heißt bis kurz vor Rameswaram, denn die Stadt liegt auf einer Insel vor der Küste. Nach Rameswaram führt eine lange Eisenbahnbrücke. Der Bus setzte uns nachts um 1 in der Wildnis ab. Wir mussten zum nächsten Bahnhof laufen und auf den 7-Uhr-Zug nach Rameswaram warten. Der 4-Uhr-Zug war wegen Kohlenmangel gestrichen worden.

Unterwegs hatte mir ein indischer "Historiker" wieder mal über Hitler vorgeschwärmt, als er erfahren hatte, dass wir Deutsche sind. Hitler sei das größte Genie aller Zeiten gewesen, aber die Natur sei gegen ihn gewesen, Schneefall in der Sowjetunion, die Italiener seien keine Hilfe gewesen etc. In Indien hatten wir öfter solche Meinungen gehört.

Wir haben im Warteraum des Bahnhofs übernachtet. Dort erreichte uns auch die Hiobsbotschaft, dass im November und Dezember kein Boot nach Sri Lanka fahre wegen stürmischer See (Wintermonsun?).

Die Stadt Rameswaram spielt für Hindus eine große Rolle, da von dort Rama nach Lanka aufgebrochen sein soll, um seine geraubte Frau zu befreien. Rama ist der 7. Avatar von Vishnu in der hinduistischen Mythologie. Bei Wikipedia heißt es dazu:

"Als Ort, an dem Rama nach seiner Rückkehr aus Lanka den Gott Shiva verehrt haben soll, gilt Rameswaram als einer der heiligsten Orte des Hinduismus und ist daher einer der wichtigsten Wallfahrtsorte Indiens.
Rameswaram gilt Hindus als heiliger Ort. Die Adamsbrücke (oder Rama-Brücke, englisch: Adam's Bridge, sanskrit: Rama Setu ) wird mit der Brücke identifiziert, die Gott Rama (eine Inkarnation Vishnus) laut dem Epos »Ramayana« nach Lanka bauen ließ, um seine Frau Sita aus der Entführung durch den Dämonenkönig Ravana zu retten. Rama bittet den Affenkönig Sugriva um Unterstützung und dieser beauftragt seinen Minister Hanuman, Rama zu helfen. Nach seinem Sieg über Ravana soll Rama in Rameswaram halt gemacht haben, um dem Shiva für seine Hilfe zu danken."


17. November 1973, Rameswaram - Tiruchirappalli, Samstag

Rameswaram liegt auf einer Sandinsel vor der indischen Küste. Dort wachsen vor allem Kokosnusspalmen. Die Stadt sah wie zum Beginn der Pionierzeit im Wilden Westen aus, mit Sandstraßen und Holzhäusern. Im Büro der Schifffahrtsgesellschaft wurde unsere Befürchtung bestätigt: Es fuhr keine Fähre hinüber nach Sri Lanka wegen stürmischer See. Das kam mir komisch vor. Es war schönstes Wetter, kein Sturm in Sicht, nach Sri Lanka waren es nur 50 Kilometer über flaches Wasser. Vielleicht gab es gerade mal wieder politische Spannungen zwischen Indien und Sri Lanka, so dass der Fährverkehr unterbrochen war. Oder die Fähre war kaputt oder der Kapitän war krank. Oder es gab einen anderen Grund, in Indien ist vieles möglich. Jedenfalls kamen wir hier nicht weiter. Wir erfuhren, dass wir nur mit dem Flugzeug nach Sri Lanka kommen könnten. Die nächsten Flughäfen waren Tiruchirappalli und Madras. Leider hatten wir keine Truppen von Affen zur Verfügung wie Rama, die uns eine Brücke aus Sandsäcken nach Lanka bauten, und so mussten wir uns wohl oder übel zwei Plätze im Flugzeug organisieren.

Wir sahen uns den großen und berühmten Hindu-Tempel in Rameswaram an, den Ramanathaswami-Tempel. Die Tempelanlage ist sehr schön gestaltet mit vielen bemalten Figuren. Die Menschen hier lebten in ärmlichen Kokoshütten und der prächtige Tempel stand dazu in krassem Gegensatz.

Dann fuhren wir mit dem Zug nach Tiruchirappalli und kamen abends an. Wir übernachteten im Hotel Sarada Lodge für 12 Rupees.


18. November 1973, Tiruchirappalli - Madras, Sonntag

Wir waren im Air Ceylon und im Indian Airlines Büro in Tiruchirappalli. Dort erfuhren wir, dass man nach Ceylon nur mit einem Rückflugticket oder mit einem Anschlussflugticket und mit genügend Geldmitteln reinkommt. Das würde am Flughafen bei der Einreise von den Beamten kontrolliert. Also brauchten wir nicht nur ein Flugticket nach Sri Lanka, sondern auch ein Anschlussticket von Sri Lanka nach Singapur, wohin wir als nächstes fliegen wollten. Der billigste Flug nach Jaffna kostete 130 Rupees, nach Colombo 210 Rupees. Wegen der Bücher, die sich bei uns angesammelt hatten, und wegen der ablaufenden Gültigkeit meines Riesepasses, der nur noch bis zum 6. Dezember 1973 gültig war, wollten wir erstmal nach Madras fahren und dort weitersehen. Denn in Madras gab es ein Deutsches Generalkonsulat, das meinen Pass verlängern konnte.

Vom Bahnbeamten im Bahnhof von Tiruchirappalli haben wir eine Student Concession für die Fahrt nach Madras bekommen. Die Bahnfahrt nach Madras kostete 6,20 Rupees. Der Beamte wollte von uns LSD, weil er gehört hatte, dass man sich dann fühlt, als ob man fliegt. Wir hatten allerdings kein LSD, nicht mal Hasch. Ich habe nur die ganz normalen Bidis geraucht. Ein anderer Mann wollte uns von der Existenz Gottes überzeugen und empörte sich darüber, dass wir von Affen abstammen sollen. In Madras angekommen sind wir wieder im Victoria Hotel an der Egmore Station abgestiegen, in dem wir auch bei unserem vorherigen Aufenthalt in Madras übernachtet hatten.

© Dr. Christian G. Pätzold, Oktober 2022.


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Szene aus dem Ramayana:
Die Affen und die Bären bauen für Rama eine Brücke nach Lanka.
Anonymer Künstler, gemalt in Kangra, Himachal Pradesh, Indien, um 1850.
Philadelphia Museum of Art. Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/09/30


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2022/09/28

»Die Traumplaneten« von Reinhild Paarmann


Reinhild Paarmann: Die Traumplaneten. Roman.
Stolzalpe/Österreich 2022. Wolfgang Hager Verlag. 515 Seiten. 21,90 Euro.
ISBN 978-3-903443-04-4.

Die Berliner Autorin Reinhild Paarmann hat einen neuen Roman veröffentlicht, »Die Traumplaneten«. Und wie der Titel schon sagt, geht es darin um Träume und um einige Planeten im Weltraum. Das Buch ist vielleicht am ehesten mit der Fantasy-Literatur verwandt. Denn es geht darin um Erlebnisse und Liebschaften von Erdbewohnern und Außerirdischen auf diversen Planeten, die ihre seltsamen Gewohnheiten und Bräuche haben. Hinzu kommt etwas Science Fiction (Raketen fliegen schneller als Lichtgeschwindigkeit, UFO, Aliens) und reichlich Esoterik (Astrologie, Horoskope, Tarot etc.). Man merkt dem Buch auch schnell an, dass die Autorin aus dem Kosmos der Anthroposophie stammt, denn Seelenwanderungen, Reinkarnationen und Eurythmie in der Tradition von Rudolf Steiner begegnen einem dort häufig.

Im Zentrum des Buches stehen allerdings die Träume der Protagonisten, die oft Träume (oder Alpträume) der Autorin selbst zu sein scheinen. Das Personal des Buches wird überwiegend von Traumforscher:innen, Traumtherapeut:innen, Traumklient:innen, Psycholog:innen, Psychiater:innen, Psychoanalytiker:innen und Nervenärzten gestellt. Es fällt auf, dass die Autorin eine blühende Traumfantasie besitzt. Im 1. Kapitel wird die Protagonistin des Romans vom Papst im Vatikan vergewaltigt. Im 2. Kapitel waren die Venuser "auf der Erde und haben den Menschen Gehirnmasse entnommen, um sich wieder an ihre Träume erinnern zu können." Im 3. Kapitel fliegt Ali Baba zur Erde, "um seine Edelsteine dort zu verkaufen, aber auch um Menschen dort zu entführen, denen er Eizellen und Samen entnehmen will." Und so fantasievoll geht es weiter bis zum Schluss im 39. Kapitel.

Die Rahmenhandlung des Romans wird von der Corona-Virus-Pandemie des Jahres 2020 gestellt. Ein Liebespaar soll ein Heilkraut gegen Corona finden. Im Text der Buchrückseite heißt es:

"Bernd, Psychologe, Erde, träumt 2020, dass ein Liebespaar, das viele Reinkarnationen hinter sich hat, die Heilpflanze gegen Corona finden kann.

Taffy, Traumforscher auf dem Sirius, wird zur Venus strafversetzt und verliebt sich schon vorher in Vanas. Ali Baba mit seinen 40 Jüngern, Guru, herrscht dort. Er floh von der Erde, wo er 1994 seinen Sektenmitgliedern in der Schweiz und Kanada den Selbstmord befahl, da die Erde untergehen würde. Ihre Seelen sollten sich dann auf dem Sirius reinkarnieren, um eine neue Menschheit zu begründen.

Taffy erhält den Auftrag, zur Erde zu fliegen, um zu verhindern, dass Außerirdische den Menschen weiter Gehirnmasse entnehmen, um die Traumerinnerungsfähigkeit, die auf dem Sirius und der Venus fast zum Erliegen gekommen ist, zu reaktivieren. Durch Träume können die Venuser fast alles, was sie brauchen, materialisieren.

Auf dem Sirius werden Träume kontrolliert, damit der Machthaber Hartmut Hades jede Rebellion im Keim ersticken kann. Außerirdische sollen den Menschen auch wieder Geschlechtsorgane entnehmen, denn auf der Venus gibt es keine Kinder mehr. Die Venuser sind und bleiben immer 35 Jahre alt. Auf der Erde leitet Oda das Traumzentrum. Sie hat dort ein Schlaflabor. Oda berichtet im Tagebuch über die Corona-Zeit. Sie lebt mit ihrem Mann Jonas zusammen. Wer wird nun von den vielen vorgestellten Paaren das Liebespaar sein, das das Heilkraut findet?

Die Figuren träumen ihre Reinkarnationen, ohne zu wissen, warum. Erst zum Ende des Romans schreibt Urania, die ursprünglich vom Sirius stammt und mit Bernd liiert ist, einen Brief an die Traum-Probanden, um diese Frage zu beantworten."

In dem Roman treten über 80 Personen auf, so dass man schnell die Übersicht verliert. Es wimmelt nur so von Personen. Wer war jetzt noch mal wer von welchem Planeten oder Stern und mit wem war er oder sie liiert ? Träume, die spätestens seit Sigmund Freud ausführlich gedeutet werden, und Reinkarnationen, die es nicht nur im Hinduismus gibt, sondern auch in der Anthroposophie, stehen im Mittelpunkt des Romans. Das Buch ist wahrscheinlich vor allem für Personen geeignet, die sich näher mit ihren luziden Träumen und mit ihren möglichen oder eingebildeten Reinkarnationen beschäftigen möchten.

Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/09/25

Der Rio-Reiser-Platz in Kreuzberg ist endlich da !


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Der Rio-Reiser-Platz (ehemals Heinrichplatz) in Berlin Kreuzberg.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold, 25. August 2022.


Warum wir West-Linke mit der DDR Probleme hatten

Damals in den 1960er Jahren waren Rock 'n' Roll und Beat in unserer Jugend sehr wichtig. Und für Rio Reiser und Ton Steine Scherben ganz besonders. Rock 'n' Roll und der englisch-amerikanische Pop halfen uns bei der Emanzipation von der Nazi-Kultur unserer Eltern. Der DDR-Führer Walter Ulbricht hatte Rock 'n' Roll als „Dreck aus dem Westen“ bezeichnet und in der DDR (Deutsche Demokratische Republik) verboten. Das machte uns die DDR schon mal suspekt. Fakt war, dass die Musiker im kapitalistischen England wie die Beatles und die Rolling Stones bessere Musik machten als die Musiker in der sozialistischen DDR. Und das durfte natürlich nicht sein. Rock 'n' Roll war eine galaktische Musik, die wohl so schnell nicht wiederkommen wird.

In den 1970er Jahren verfestigte sich das Bild der DDR als ein bürokratischer verstaubter Spießer-Sozialismus, mit dem wir nichts anfangen konnten. Und die DDR nichts mit uns. Die SED-Bonzen mit ihren Anzügen und Krawatten sahen genauso aus wie die vorherigen Nazi-Herrscher. Sie wären glaubwürdiger gewesen, wenn sie in Arbeitermontur erschienen wären. Gefühlsmäßig lagen wir nicht so falsch. Die DDR stand auf tönernen Füßen und war politisch und ökonomisch kein nachhaltiger Staat, sondern wurde nur durch die Kontrolle der Sowjetunion am Leben erhalten. Als die Sowjetunion 1989 ökonomisch und politisch zusammenbrach, was kaum jemand vermutet hatte, kollabierte auch sofort die DDR im November 1989. Gorbatschow (der Chef der Kommunistischen Partei der Sowjetunion) wollte den Sozialismus in der Sowjetunion ausrotten und die SU zerschlagen, was ihm auch gelang. "Gorbi" hat einen Trümmerhaufen mit Kriegen und Mafiosi hinterlassen. Der Sozialismus nach dem DDR-Muster für sich alleine funktionierte nicht. Die Bürger flüchteten in Massen.

Aber es wäre wahrscheinlich zu kurz gegriffen, nur einzelne Personen wie Gorbatschow oder Schewardnadse für den Niedergang des Sozialismus in Europa verantwortlich zu machen. In der Sowjetunion gab es wohl keine Volksmehrheit für den Sozialismus und kein mehrheitlich sozialistisches Denken. Und auch in der DDR gab es wohl keine Volksmehrheit für den Sozialismus. Es gab nie eine Kulturrevolution. Nach dem Fall der Mauer stimmten die Wähler:innen in der DDR mehrheitlich für kapitalistische Parteien. Der angeblich höhere Wohlstand im Westen war die entscheidende Verlockung. Die Menschen in der DDR dachten, sie könnten im Kapitalismus ein besseres Leben wie im Paradies haben. Rio Reiser blieb ein Linker.

Seit dem 21. August 2022 gibt es nun endlich den Rio-Reiser-Platz in Berlin Kreuzberg, den die Linken und die Grünen nach langen Auseinandersetzungen durchgesetzt haben. Der alte Heinrichplatz an der Oranienstraße ist Geschichte. (Prinz Heinrich von Preußen war ja auch schon 1846 gestorben). Die West-Linken am Beispiel Rio Reiser waren in den 1970er Jahren ganz anders drauf als die DDR-Machthaber. Wie sich »Ton Steine Scherben« in der Gemengelage der Geschichte verhielt, dazu seht bitte den Artikel "Rio Reiser zum 70. Geburtstag" vom 2020/01/09 auf kuhlewampe.net.

Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/09/22

Berliner Hinterhofidyll


hofidyll
Foto von Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2022.


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2022/09/19

Claes Oldenburg gestorben
Stockholm/Schweden 28. Januar 1929 - New York City/USA 18. Juli 2022


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Claes Oldenburg, Spitzhacke, 1982 (documenta 7). Stahl, Höhe 12 Meter.
Am Ufer der Fulda in Kassel.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2017.


Anlässlich des Todes von Claes Oldenburg im Juli 2022 hier ein Artikel, der schon in einigen Teilen im Oktober 2017 auf kuhlewampe.net erschienen ist:

Die Spitzhacke ist eine Ikone der Pop-Art und eine Außenskulptur im öffentlichen Raum seit 1982, die von der Kasseler Bevölkerung gut angenommen wurde. Claes Oldenburg, geboren 1929 in Stockholm/Schweden, aber von Kindheit an vorwiegend in den USA und in New York City lebend, war bekannt dafür, dass er Gegenstände des Alltags enorm vergrößerte und so beeindruckende, aber vor allem fröhliche Kunstwerke mit einem humorvollen Touch schuf. Er hat so triviale Dinge wie eine Wäscheklammer oder ein abgebranntes Streichholz oder Pommes frites ins Enorme vergrößert.

Auf die Idee der Spitzhacke kam er, als er zufällig an einer Baustelle in Kassel vorbeikam, auf der sich dieses Werkzeug in einen Sandhaufen gepflanzt befand. Claes Oldenburg fand die Ideen für seine Skulpturen vor allem beim Spazierengehen, beim dem ihm alltägliche Gegenstände auffielen, oft weggeworfene Sachen, die auf der Straße lagen. Vorgefundene Objekte, objets trouvés, spielten seit Marcel Duchamp in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts eine große Rolle, seit etwa 1913. Sie wurden auch Readymades (von Englisch: already made, bereits hergestellt) genannt. Sie stammten vor allem aus der Bewegung des Dadaismus. Claes Oldenburg hat diesen Objekten durch die Vergrößerung zu zusätzlicher Wahrnehmung verholfen. Auch Andy Warhol hat mit Readymades gearbeitet, indem er das Mittel der Vervielfältigung eingesetzt hat, bspw. mehrere Produktkartons übereinander geschichtet hat, wie bei seinen nachgebauten Brillo Boxes aus dem Jahr 1964. Tiere und Menschen scheinen übrigens bei Claes Oldenburg nie aufgetaucht zu sein, nur Gegenstände.

Allein durch die Vergrößerung erhielten alltägliche Dinge eine ganz neue Aufmerksamkeit und Wichtigkeit. Und die Betrachter konnten sich ausnahmsweise mal als Liliputaner fühlen. Oldenburg gehörte zu den verspieltesten Künstlern der Pop-Art. Ein anderer Spieler der Pop-Art, der auf Kuhle Wampe schon öfter erschien, war Andy Warhol. Oldenburg hat mit den Dimensionen gespielt, Warhol hat mit den Farben gespielt. Der politische Aspekt von Oldenburgs Arbeiten war die geschärfte Wahrnehmung der alltäglichen Dinge. Außerdem ist die Spitzhacke ein Werkzeug der Bauarbeiter und der Bergarbeiter. Es handelte sich also quasi um ein Arbeiterdenkmal.

Die Pop-Art (kurz für Englisch: Popular Art, Volkskunst) entstand zwar Mitte der 1960er Jahre in den USA und hatte nur für ein paar Jahre einen großen Einfluss, und war vor allem die Kunst von 1968 im Westen, aber Claes Oldenburg ist es gelungen, die Pop-Art bis ins 21. Jahrhundert aktuell zu halten. Und noch heute ist ein Pop Artist wie bspw. Jeff Koons aktuell. In rechten Kunstkreisen wurde die Pop-Art dagegen gar nicht als Kunst anerkannt.

Auf den ersten Blick erscheinen die Skulpturen von Claes Oldenburg ziemlich schwer und statisch. Wenn man sie aber etwas länger betrachtet, dann beginnen sie sich im Kopf zu bewegen. Man fragt sich, wer hat die Spitzhacke in den Boden gerammt? Wer hat den Houseball auf den Platz gerollt? Wie ist die Eistüte umgedreht nach unten gefallen? Wer hat den Apfelrest auf die Straße geworfen? Oder ist der abgeknabberte Apfelgriebsch vielleicht ein Sinnbild unserer Erde? Die Skulpturen werden plötzlich ganz dynamisch.

Im Folgenden noch Abbildungen von weiteren Skulpturen von Claes Oldenburg: Auch Berlin kann glücklich sein, dass es ein großes Kunstwerk von Claes Oldenburg im öffentlichen Raum stehen hat. Die 8 Meter hohe Skulptur »Houseball« von 1996 befindet sich auf dem Bethlehemkirchplatz/Mauerstraße in Berlin Mitte.

Dr. Christian G. Pätzold.


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Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen, Houseball, 1996.
Bethlehemkirchplatz, Berlin Mitte.
Quelle: Wikimedia Commons.


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Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen, Dropped Cone, 2001.
Neumarkt-Gallerie, Köln.
Quelle: Wikimedia Commons.


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Claes Oldenburg, Apple Core, 1992.
Museum Israel, Jerusalem.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/09/15

Wolfgang Weber
Supernova


supernova
Supernova. Quelle: European Southern Observatory.


Lokaltermin. Nein, kein Termin im Lokal. Lebe lokal, denke global. Das heißt, bleibe zuhause, schaue zum Himmel, ob er mehr als nur Regenwolken bringt.

Ein wichtiger Termin im Kosmos ist Lokaltermin von Stanisław Lem; bekannt durch den Kongress der Futurologen, veranstaltet von Prof. Dr. Ijon Tichy vom Institut der Kosmischen Enzyklopädie. Mindestens 14x ist der Kosmos-Reisende Ijon Tichy im All zu Lokalterminen auf fernen Planeten unterwegs gewesen, wie seinen Sterntagebüchern zu entnehmen ist.

Ob nun Planet, Satellit, Mond, Supernova, Asteroid, Staubkorn, Schwarzes Loch, was auch immer, vollkommen egal, alles ist der unglaublichen Fantasie von Stanisław Lem entsprungen. DYSSNILAN (D-S-S-N-I-L-A-N) reimt sich auf Elend, auf Vogelpark, Heidepark, Kräuterquark, Miniaturland, Schlaraffenland, Garten der einhundert Sprichwörter, Breugelland.

Mit einer Zeitmaschine, hier als Geschichtsmaschine bezeichnet, werden Reisen zum Mittelpunkt der Erde in achtzig Tagen um die Welt, vor & rückwärts, mit oder gegen die Erddrehung in Angriff genommen. Am Ende gewinnt oder verliert man einen Tag. Gattungsbezeichnung für solche halt & zügellosen Ritte durch GenresZeitenEbenenCharaktere ist ganz offensichtlich Science Fiction, kurz SciFi.

Mit Rakete, Satellit, Fliegender Untertasse, UFO, unidentified flying object, unbekanntes fliegendes Objekt, gibt es neuartige Verkehrsmittel, in denen Fahrausweise der BVG nicht gelten. Aber das könnte sich ändern, wenn genug Leute danach fragen.

Nicht zu vergessen die im Hintergrund schwelende, halb-geheime diplomatische Mission des Ijon Tichy, der auf Erden vollkommen unbekannte Völker auf weit entfernten Galaxien miteinander versöhnen soll & das auf Dauer.

Der an Bord der allerersten Mission zur ENTIA vergessene Bordhund Pluto, gleichen Namens wie der seinerzeit kleinste bekannte Planet, verhungerte elendlich zum Pudel, ja zum Kern des Pudels.

Eigentlicher Lokaltermin im gleichnamigen Roman von Stanisław Lem ist die Landung auf der ENTIA. Ratet mal, wen er dort antraf? Genau, Erich von Däniken, der über zwanzig Bücher zum Thema Prä-Astronautik schrieb, das bekannteste davon ohne Zweifel: Erinnerungen an die Zukunft. Er brachte auch das Buch: Lokaltermin in fünf Kontinenten, heraus, wurde wegen unbewiesener Thesen und Plagiaten juristisch belangt, zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, landete mehr durch Zufall auf Lems Planeten ENTIA, widerrief dort fast alles, das er geschrieben hatte, bereute seinen Auftritt in der TV Show des Gabelverbiegers URI GELLER, den ein Kabarettist als ARI GELEE aussprechen wollte, der Name wie eine Gabel verbogen. Symbol Symbol. Da war er Däniken nun auf ENTIA & fürchtete sich davor, Stanisław Lem zu begegnen, der als Autor ungleich talentierter war als ERICH von DÄNIKEN, der im Grunde mehr als 20x das immergleiche Buch schrieb, manchmal illustriert, manchmal nicht.

Stanisław Lem wäre vielleicht gar nicht gekommen, eher sein mögliches alter ego Ijon Tichy, der sämtliche Galaxien, von denen andere nur zu träumen wagten, kannte wie seine Westentasche. Um alle seine Lokaltermine zu koordinieren, hatte sich Tichy den allerersten Tablet Computer der ganzen Galaxien aller Galaxien angeschafft, nein, es war eigentlich ein extra für Tichy angefertigtes Tablet Galaxior Galaxiorum Galaxienses, unbezahlbar & auch niemals bezahlt, jedenfalls von Tichy. Der Sponsor bleibt im kosmischen Dunkel, im schwarzen Loch.

Erich von Däniken hatte nie die Ehre eines Lokaltermins bei Ijon Tichy, aber wer lauschte voller Freude der abstrakten Komposition von Wayne Shorter, Supernova, geschrieben für das Saxophon des Komponisten, erstes Stück des gleichnamigen Albums Supernova, auf dem coolen Label Blue Note, 1969, fünf Minuten kosmischer Sound, Supernova. & nun kommt's, von Wayne Shorter selbst auf dem Planeten ENTIA aufgeführt, solo, auf dem Sopransaxophon. Immer leiser werden, bis der Saxophonsound schließlich an der Grenze zum nicht mehr hörbaren verlosch, wie eine Supernova. Im nicht gerade kleinen Publikum saß Erich von Däniken, konnte sich nicht satt hören an kosmischen Klängen aus dem über & außerirdischen Sopran.

Damit nicht genug, hinter der Bühne wartete Dorota Masłowska auf ihren Auftritt als MC Dorota mit ihrem Rap: Die Reiherkönigin, kongenial übersetzt von Olaf Kühl, er bringt die Reime vom Polnischen ins Deutsche, es sind vielleicht nicht genau die gleichen, aber die richtigen. Kudos, Ansehen, Respekt, OLAF!

Erich von Däniken sitzt aufm Steneken. Stanisław Lem auf einer Jam/Session. Ijon Tichy isst gern Brie, seine Eltern heißen Valery & Marie. Im & ausm Weltall entsteht & vergeht der Knall vom Wedding, der immer wieder durch die Medien geistert. Heute Abend erst habe ich ihn oder seinen großen Bruder mindestens 5x gehört. Stanisław hilf! Erich bleib uns vom Holz! Ijon hat 'nen Kompagnon, isst gerne Champignon, hört gerne Chanson, nun ist Ruh im Karton!

Erspart mir Credits, ich lass' das namedropping. Mein Respekt gilt allen, die so oder so zum Text beigetragen.


© Wolfgang Weber, September 2022.


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2022/09/11

Sabine Rahe
Fakten


Der Tagebau gräbt Brandenburg das Wasser ab.
Die neue Autofabrik des Elon Musk
gab große Mengen flüssiger Chemikalien ab.
In der Oder sterben Fische - massenhaft.

Teile des Grunewalds standen in Brand.
In diesem Sommer vertrocknet das Land.
Nur noch dreißig Prozent der eisfreien Flächen
des Planeten sind mit Wald bedeckt.

Vor Hunger und Krieg sind wieder Menschen verreckt.
Die Politprominenz feiert auf Sylt.
Wir haben unsere Klimaziele verfehlt.
Durch Armut wird die Demokratie unterhöhlt.

Es sind solche Fakten,
die mich verstör'n.
Viel lieber würde ich
den lieblichen Gesang der Vögel hör'n.


© Sabine Rahe. September 2022.


Lyrikanthologie "Zwergenland" erscheint im November 2022 - jetzt mitmachen!

Du möchtest auch in der Lyrikanthologie "Zwergenland", die im November 2022 erscheint, vertreten sein? Sende eine Auswahl von vier unveröffentlichten Gedichten mit einer Kurzbiografie bis zum 30. September an post@die-dorettes.de.
Die Beiträge müssen den Titel nicht unbedingt direkt ansprechen, sondern sollten unter ihn passen. Märchenhaftes, Satirisches, Gesellschaftskritisches, Notizen aus dem Zwergenland - alles möglich.


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2022/09/08

Dagmar Sinn
Neu in Rentenhausen


Neu hier? Ja, im Rentnerland
ist mir vieles unbekannt.
Nach Beruf, Familienleben
soll es noch was andres geben.
Jeden Tag spazieren gehen
ist vielleicht für manche schön.

Fühl' mich wenig ausgefüllt,
passe nicht ins "Rentnerbild".
Täglich rufen Haus und Garten.
Schluss! Jetzt kann die Arbeit warten.

Beäuge kritisch Kirche, Staat,
ob man mir was zu sagen hat.
Komme öfter zu dem Schluss:
zuviel davon macht nur Verdruss.

Und geht es um das liebe Geld -
werden Weichen neu gestellt.
Hab keinen Bock auf Erbsen zählen,
um mich in reifen Jahrn zu quälen.

Kontakte habe ich ein paar,
doch Treffen werden ziemlich rar.
Im Kopf hab ich die Pandemie,
so wie früher wird es nie.

Manchmal Muße, etwas Ruh,
und ein gutes Buch dazu.
Lust an Sprache, Theorie -
irgendwie vermisst' ich sie.

Diese Seite scheint mir neu -
Könnt' es sein, dass ich mich freu?
Wünsch mir Reisen, noch ganz viele -
kleine, unbekannte Ziele.
Und die Träume im Gepäck.
Ja, und dann bin ich mal weg.

Und am Ende meiner Reise
werde ich womöglich weise.
Jedem von uns wird's gegeben:
die längste Reise ist das Leben...


© Dagmar Sinn, September 2022.


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2022/09/05

Dagmar Sinn
Die Energiewende


Das Gas wird knapp, Holz ist bestellt,
der Pelletofen kost' viel Geld.
Benzin und Öl, sie werden teuer -
uns Bürgern ist das nicht geheuer.

Die Zukunft liegt im Windkraftpark,
so schnell wie Wind sind wir autark.
Brennstäbe sind nun Biomüll.
Atomkraft mehren unser Ziel.
Ein Lob der Sonnenenergie,
Photovoltaik wie noch nie.
Grüße aus dem Kohlenpott,
nicht jedes schwarze Gold ist Schrott.

SUV und Wohnmobil
für den sportiven Rentnerstil,
Elektro-PKW muß her,
und Elon Musk, der freut sich sehr.
Die Bestellung dauert Jahre,
ob ich dann Rollator fahre?
Mit Benzin fahre wer will,
in 13 Jahrn steht alles still.
Ich hab das Fahrrad noch vergessen,
darauf sind viele ganz versessen.
Man nimmt den Lenker in die Hand,
fährt auf 2 Rädern durch das Land!


© Dagmar Sinn, September 2022.


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2022/09/02

Sommerfrische am Großen Storkower See / Mark Brandenburg


storkow
Foto von Anonyma, Juli 2022.


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2022/08/31


vorschau09


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2022/08/29

KE!NE ANGST Festival in der KulturMarktHalle Berlin (KMH)
Hanns-Eisler Straße 93, Berlin Prenzlauer Berg


kulturmarkthalle1


Die Kulturmarkthalle schreibt über das Festival:

"Vom 09.09. - 18.09.2022 findet das KE!NEANGST Festival der KulturMarktHalle statt.

Zehn Tage lang werden wir uns mit interdisziplinären und künstlerischen Interventionen in den Alltag unserer Nachbarinnen einmischen. Durch verschiedene Formate laden wir ein, gemeinsam unseren Ängsten zu begegnen, sie zu hinterfragen und zu transformieren. Gerade weil sie uns zeigen können, was wirklich, wirklich wichtig ist.

In Form von Videos, Installationen, Malerei und StreetArt nähern sich Menschen unterschiedlicher Herkunft künstlerisch dem Festivalthema. Von Bühnen, Dächern, Balkonen und aus Fenstern heraus wird gesungen von Gefühlen, Erfahrungen, Sorgen und Nöten. Mit einer besonderen Ausgabe der FuckUp Night werden wir dem persönlichen Scheitern mit Mut und Humor auf den Grund gehen. Wir laden Nachbarinnen ein, sich gegenseitig zum gemeinsamen Essen einzuladen. Wir reden über Einsamkeit, Mut, Liebe und Tod. Von Psychologinnen und Expertinnen des Alltags erfahren wir mehr über Manipulation und unsere kollektiven Gefühle. In Workshops mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen erforschen wir mutmachende, kreative Zugänge zu belastenden Situationen. Im benachbarten Einkaufszentrum erleben wir durch Tanzinterventionen, wie Angst uns zu funktionierenden Maschinen machen kann. Eine Kreidespur, die sich täglich erweitert, verbindet die Orte zu einem Netz aus Zitaten. Jeder Abend endet mit einer erzählten Gutenachtgeschichte am Lagerfeuer. Wir färben den Kiez ein und beleuchten dunkle Ecken... und das ist erst der Auftakt für einen heißen Herbst.

KE!NEANGST VOR DER ANGST! Manchmal gewinnst du, manchmal lernst du!"

Die Homepage der KulturMarktHalle Berlin (KMH) mit dem Programm ist:
https://www.kmhberlin.de.


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2022/08/27

dr. christian g. pätzold
ultraleicht


zu den schwersten problemen dieser erde
zählen millionäre und milliardäre
auch oligarchen, fabrikanten
reiche, bonzen, spekulanten
sie sollten sich in den weltraum schießen
von dort oben können sie die aussicht genießen
raketen gibt es von space x
das zahlt die nasa und kostet uns nix
sie fliegen in unendliche weiten im all
bei schwerelosigkeit nach dem großen knall
die freude auf erden ist unerreicht
sie schweben und schweben ultraleicht.


© dr. christian g. pätzold, august 2022.


(textetisch 06.07.2022, thema: ultraleicht)


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2022/08/23

Wolfgang Weber
Zen oder die Textkunst


zen


(1)

Zen oder die Kunst
Texte langsam vorzutragen


mit
Betonung
Akzentuierung
Pausen

Innehalten

durch
Wiederholungen
Strophen
Verse
Refrains

Punkte
Doppelpunkte
gegliedert

bleib slow
bleib im flow

(2)

Zen oder die Kunst
Texte zu schnell vorzutragen


ohne Betonung
ohne Akzente
ohne Pausen
monoton

keine Wiederholungen
keine Strophen
keine Verse
keine Refrains

weder Punkte
noch Doppelpunkte

immer voran
stix & stones
nur nicht
straucheln
oder
stolpern

(3)

Zen oder die Kunst
sein Publikum zu fesseln


Abwechslung !
Spannung !
Aufregung !
Seiltanz !
Tauwetter !
Donnerwetter !

Bauchtanz !
Säbeltanz !
sabre dance !
rain dance !
Regentanz !

Texttanz !
Verstanz !
Distanz !
Konstanz !
Firlefanz !

(4)

Zen oder
ja ich bin die Ruhe selbst


wenn ich nur will
ja ja ja mir san mitm Radl da
ja mir san die Ruhe selbst

ja mir san mitm Regenstab da
ja mir san mitm Regenstock da
ja mir san mitm Regenmacher da
meiner ist einen runden halben Meter lang

LANG LANG
nein der kommt wohl doch nicht
beinah hätten wir ihn eingeladen
wenn er ohne Gage gekommen wäre
ja wenn

einen Flügel hätten wir schon besorgt
falls wir ihn uns hätten leisten können
den Klavierstimmer nämlich

Platz für das Publikum?
nur wenige Plätze
die Karten wären sehr teuer geworden

und es hätte nicht zu
unserem Konzept gepasst
Kunst offen für alle

(5)

Zen oder die Kunst
Texte zu schreiben


setz Dich hin
denke nach
schreibs auf
(Egon Erwin Kisch)

sortiers
schreibs um

lies es laut
lies es leise
lies es am Telefon

schreibs neu
denke wieder nach

schreibs noch mal auf
& um & um & um & um

machs kürzer
machs dichter
du Dichter
machs kompakter

füge ein
höre Radio
höre Musik
lass Dich inspirieren

(6)

Zen oder
lass den Text atmen


dance me to the end of love
(Leonard Cohen)

atme ein
atme aus

hole Luft
frische Luft
Mut zur Lücke
halte inne
mach nicht hinne

beschreite die Brücke
zum Glücke
im Detail
liegt die Tücke

spreche langsam
g-aaaa-nz
l-aaaa-ngs-aaaa-m
achtsam

Atem
Pause

Atempause


© Wolfgang Weber, August 2022.


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2022/08/20

Wohnungsnoth macht erfinderisch


wohnungsnoth
Wohnungsnot vor 150 Jahren.


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2022/08/16

Eine interessante Kultur Location:
25 Jahre Berliner Sophiensaele

von Dr. Christian G. Pätzold


sophiensaele
Eingang zu den Sophiensaelen, Sophienstraße 18 in Berlin Mitte.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2022.


Ein interessanter Ort des Theaters in Berlin sind seit 25 Jahren die Sophiensaele. "Die Sophiensaele sind ein Produktions- und Spielort für freies Theater. Sie haben ihren Sitz im früheren Handwerkervereinshaus auf dem Hof der Sophienstraße 18 in Berlin-Mitte. Die Produktionsstätte wurde 1996 von Sasha Waltz, Jochen Sandig, Jo Fabian, Zebu Kluth und Dirk Cieslak gegründet." So steht es bei Wikipedia, wobei neben dem Theater auch vor allem Tanz und Performances sowie andere innovative Formen der darstellenden Kunst stattfinden.

Über das ehemalige Handwerkervereinshaus, in dem sich die Sophiensaele im Hinterhaus befinden, heißt es auf der Webseite der Sophiensaele:

"Die Sophiensaele befinden sich im ehemaligen Handwerkervereinshaus, das seit seinem Bau 1904/1905 auf eine bewegte Geschichte zurückblickt. Mit der Nutzung durch die Berliner Arbeiterbewegung begann die für das Haus bedeutungsvollste politische Zeit. In den 10er und 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde das Gebäude als Versammlungsort der revolutionären Linken genutzt, unter anderem sprachen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hier. Während der NS-Zeit arbeiteten holländische Zwangsarbeiter im Festsaal an der Herstellung von NS-Flugblättern, in der DDR wurden die Räumlichkeiten vom Maxim-Gorki-Theater als Werkstätten genutzt. Im Herbst 1996 wurden die Sophiensaele schließlich mit der Uraufführung von Sasha Waltz' Erfolgsstück Allee der Kosmonauten eröffnet und haben sich seitdem zu einem der wichtigsten Produktions- und Spielorte für die Freien darstellenden Künste im deutschsprachigen Raum entwickelt."

Die heutigen Sophiensaele bestehen also seit 25 Jahren und werden relativ stark vom Berliner Senat subventioniert. Als Theater für modernen Tanz und andere innovative Darstellungsformen haben sie eine gewisse Einmaligkeit in der Berliner Kunstlandschaft. Sie bezeichnen sich auch als "von Frauen geleitetes Theater", was ebenfalls eine Besonderheit ist.

Als ich im Juni Zeit hatte, die Sophiensaele zu besuchen, lief gerade das Stück »Die Rache der Panda Pussies« in der Regie von Vanessa Stern. Die Vorstellung dauerte 2 Stunden lang mit 11 Schauspielerinnen in schwarz-weißen Panda-Kostümen. Zwei der Schauspielerinnen waren vom Kreuzberger Thikwa-Theater, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Theater und Kunst machen. Das Bühnenbild bestand aus einem Wald von Bambus, in dem sich die Pandas bewegten. Es war ein munteres Theaterstück mit Musik- und Songeinlagen. Die wichtige politische Botschaft des Stückes war: Den Panda-Bären und Bärinnen wird ihr natürlicher Lebensraum weggenommen. (Wobei natürlich das Publikum merkte, dass wir alle Panda-Bären sind.)

Die letzten 2½ Jahre der Corona-Pandemie waren für alle Theater eine sehr schwierige Zeit. Wegen der hohen Ansteckungsgefahr in geschlossenen Räumen mit vielen Menschen waren die Theater teilweise ganz geschlossen oder durften nur die Hälfte der Besucher hereinlassen. Es ist auch kein Vergnügen für das Publikum, 2 Stunden mit Mund-und-Nasen-Maske auf den Plätzen zu sitzen. Daher wird es wohl noch eine ganze Zeit dauern, bis sich die Theater aus dem Tief herausgearbeitet haben. Zumal im Herbst und Winter eine weitere Coronawelle droht.

Die Webseite der Sophiensaele ist:
www.sophiensaele.com.


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2022/08/12

Buchtipp:
Hans-Albert Wulf: Plädoyer für den Teufel. Ein Freispruch auf Erden


teufel
Die Würde des Teufels ist unantastbar.
Skulptur von Anke Sabrowski.


Hans-Albert Wulf: Plädoyer für den Teufel. Ein Freispruch auf Erden.
Mit 15 Teufelsskulpturen von Anke Sabrowski.
Norderstedt 2022, Books on Demand (BoD), 188 Seiten, 10 Euro.
ISBN: 978-3-7557-9219-2.

Das neue belletristische Buch von Dr. Hans-Albert Wulf ist vor kurzem erschienen. Den Leserinnen und Lesern von kuhlewampe.net ist schon etwas aus dem Buch bekannt, da einige Kapitel hier gepostet wurden, wie etwa der Besuch des geplagten Teufels beim Psychiater. Das ganze Buch liest sich als amüsante Satire auf die zahllosen Ideologien, die dem Teufel alle Bosheiten dieser Welt angedichtet haben, denn einen Sündenbock musste es ja in allen Religionen immer geben. Und Dr. Wulf kann sich hier als führender Advocatus diaboli betätigen.

Das Fazit des Buches findet sich auf der Rückseite des Covers:

"Nach all seinen mühevollen Fußmärschen und den ermüdenden Predigten, die er über sich hatte ergehen lassen, war der Teufel hinlänglich ermattet und wandermüde.

Er verließ die Erde und machte einen Abstecher hin zur nächsten größeren Wolke. Und dort saß auch schon Gott. Sie blickten beide hinab auf die Erde mit all ihrem irrsinnigen Treiben und Gott gab zu, dass ihm am 6. Schöpfungstag mit der Erschaffung der Menschen ein grober Fehler unterlaufen war, weil er sie auch mit schlechten Eigenschaften ausgestattet hatte.

Daraus folgt, dass nicht der Teufel, sondern die Menschen die Akteure und Verwalter des Bösen auf der Erde sind. Und darum reute es Gott, dass er einst den Engel Luzifer als vermeintlichen Übeltäter aus dem Himmel verstoßen und ihm mit den Hörnern und dem Klumpfuß die Insignien des teuflisch Bösen verpasst hatte.

Gönnerhaft schlug Gott dem Teufel jetzt vor, ihm wieder einen gebührenden Platz im himmlischen Machtzentrum einzuräumen und ihn obendrein zu seinem Stellvertreter zu ernennen. Denn möglicherweise gelänge es ja ihm, dem Teufel, die Menschen auf den rechten Pfad der Tugend zu führen und ihnen ihre Boshaftigkeiten und Schlechtigkeiten auszutreiben.

Der Teufel dankte Gott für sein Angebot und dachte gründlich darüber nach. Schließlich erhob er sich und bat um eine Bedenkzeit bis zum Ende dieser satirischen Erzählung."

Wie die Geschichte ausgeht wird hier natürlich nicht verraten. Zusätzlich enthält das Buch am Ende noch ein informatives Glossar. Denkt bitte schon mal an eure Weihnachtsgeschenke, falls ihr so etwas vorhabt. Das Buch ist ein echtes Schnäppchen für 10 Euro. Und eine wunderbare Lektüre für dunkle Winternächte.

Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/08/08

Sozialistischer Realismus in Ost-Berlin, Teil 7
Fritz Cremer, 1906-1993
Aufbauhelfer 1952 und Aufbauhelferin 1954


aufbauhelfer
Aufbauhelfer mit Spitzhacke von Fritz Cremer vor dem Roten Rathaus in Berlin Mitte.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2022.


aufbauhelferin
Aufbauhelferin mit Spaten von Fritz Cremer vor dem Roten Rathaus in Berlin Mitte.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold, Juni 2022.


Der Aufbauhelfer (1952) und die Aufbauhelferin (1954) befinden sich in der Rathausstraße vor dem Roten Rathaus in Berlin Mitte. Das Rote Rathaus ist der Sitz der Regierenden Bürgermeisterin von Berlin. Ja, richtig gelesen, das ist jetzt erstmalig nach 750 Jahren eine Frau. Wegen des Neubaus der U-Bahn-Linie 5 waren die beiden Plastiken lange eingelagert. Jetzt stehen sie wieder an ihrem alten Ort. Die beiden Plastiken haben etwa Lebensgröße.

Die Plastiken erinnern an die vielen Aufbauhelfer und so genannte "Trümmerfrauen", die nach 1945 in den Berliner Straßen die Trümmer des Zweiten Weltkriegs wegräumten. Nach dem Krieg war die Devise: "Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut !" Schade. Gerade ein paar liegen gebliebene Trümmer wären ein guter Geschichtsunterricht gewesen. Aber in Deutschland ist die Lieblingsbeschäftigung anscheinend das Aufräumen. Im Internet hilft Marie Kondo beim richtigen Aufräumen. Vor allem die Geschichte wird sehr gern schnell entsorgt. Die Berliner Mauer wurde auch nach 1989 sofort abgerissen.

Das Gebiet zwischen Rotem Rathaus, S-Bahnhof Alexanderplatz und Marienkirche, in dem der Aufbauhelfer und die Aufbauhelferin stehen, war vor dem 2. Weltkrieg dicht bebaut. Durch die Fliegerbomben des Krieges war es 1945 nur noch ein Trümmerhaufen, der weggeräumt wurde. Zu DDR-Zeiten wurden dort einige neue Häuser und der Berliner Fernsehturm gebaut, mit einer großen Freifläche mit Rosenrabatten in der Mitte.

Seht bitte auch die »Interbrigadisten« von Fritz Cremer vom 2019/09/26 auf kuhlewampe.net. Sehenswert ist auch das Bertolt-Brecht-Denkmal von Fritz Cremer vor dem Berliner Ensemble auf dem Bertolt-Brecht-Platz am Schiffbauerdamm.

Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/08/05

Borkum Nordstrand, Sonnenuntergang am Meer


sonnenuntergang
Borkum. Große Landmasse, daher ideal für Wanderungen.
Hochseeklima, angeblich besonders gesund. 3 Leuchttürme.
Foto von © Dagmar Sinn, Juni 2022.


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2022/08/02

George Grosz, 1893 - 1959
The Menace, 1934


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Zu sehen im Kleinen-Grosz-Museum, Bülowstraße 18 in Berlin Schöneberg.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/07/31


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2022/07/28

Bilder aus dem Süden des Oman
Fotografiert von © Dagmar Sinn, Januar 2020


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Ain Sahalnut Quelle mit Webervogelnestern.


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Wadi Darbat, Akazien.


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Kopftuchbindespezialist. Fahrer Said mit Reiseleiter Uli in Dishdasha.
Sehr professionell bindet er das Tuch (massar),
das die Omanis mit und ohne Kappe (kumma) tragen.


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Falaj Bewässerungssystem.


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Sultan Qaboos Moschee in Salalah am Abend.


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2022/07/25

Dagmar Sinn
Reise zu den Weihrauchbäumen, Teil III


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In der Sandwüste Rub al-Khali.
Foto von © Dagmar Sinn, Januar 2020.


8.Tag, Di, 28.1.2020: Fahrt in die Rub al-Khali

Dieses Mal geht die Fahrt ins Landesinnere. Zunächst aber sehen wir noch einen Wasserfall ganz in der Nähe des Camps und ein traditionelles Faladsch-Bewässerungssystem, das das Gefälle von den Quellen zu den Dörfern ausnutzt und über Kanäle das Wasser ableitet. Das Wasser kann aber auch wie hier aus einem Wadi stammen oder aus einem unterirdischen Brunnen. Danach kommen wir zu einem Plateau-Aussichtspunkt mit Blick auf das Wadi Shuweimyah von oben.

Wir fahren eine lange Strecke über Marmul, wo wir eines der ältesten Erdöl- und Erdgasfelder sehen und von dort nach Shisr, der Ausgrabungsstätte mit Ruinen von Ubar, einer legendären Karawanenstadt, die es ca. 3.000 v. Chr. schon gegeben hat, wichtiger Knotenpunkt für den Weihrauchhandel und letzte Station vor der Wüste.

Am späten Nachmittag kommen wir im al Khadaf Camp in der Rub al-Khali an, der größten Sandwüste der Erde, deren südlichster Teil zum Oman gehört. Wir sind nicht weit von der saudiarabischen Grenze entfernt. Das Camp besteht aus festen Zelten, einem Esszelt und einem gemauerten Gebäude mit Duschen und Toiletten und verheißt luxuriösen Aufenthalt. Wir beziehen rasch unsere Unterkunft für 2 Tage und fahren dann im Geländewagen in die Wüste, um die besondere Atmosphäre und den Sonnenuntergang auf einer Düne zu erleben. Abendessen gibts im Camp. Der Sternenhimmel um Mitternacht ist wunderbar.

9.Tag, Mi, 29.01.2020: Im leeren Viertel

In der Wüste haben wir große Temperaturunterschiede. Der Morgen ist mit etwa 5 Grad sehr frisch und wir treffen uns im Frühstückszelt nach dem Zwiebelprinzip gekleidet. Unter anderem gibt es Pommes frites (!) und deutschen Kaffee. Unser Reiseleiter Uli ist eine Perle!

Heute geht es wieder in die Rub al-Khali. Schon bald sehen wir Herden von endemischen schwarzen Dromedaren vorüberziehen. Auch wenn es nicht so aussieht, haben viele einen Besitzer. Wenn man sich ihnen nähert, sind etliche zutraulich, auch Mütter mit Kind. Ihre Ruhe und Gelassenheit überträgt sich sofort auf uns.

Ein ganz anderes Thema ist das Dune Bashing, das bedeutet, mit den Geländewagen die Dünen rauf und runter zu rasen und ist ein Riesenspaß für die Fahrer, die ihr Können gerne zeigen. (bei d e n Benzinpreisen auf der arabischen Halbinsel). Said fragt mich ausdrücklich, ob ich ihn bei seinen Kunststücken auch fotografiert habe! Schon das Parken auf der Schräge einer Düne ist ein Abenteuer, und die Mitreisende aus Jena ist die einzige, die lieber weiter unten abgesetzt werden möchte, sich aber dann überreden lässt und die Fahrt überlebt.

Wir nehmen uns Zeit für eine kleine Klettertour auf Dünensand, die mit der richtigen Technik Spaß macht. In der Ferne kann man eine Militärstraße erkennen, Saudi-Arabien ist nicht mehr weit. Dann fahren wir zurück in die Ebene, entdecken im Sand soeben entstehende kleine Dattelpalmen mit Blüte und Drusensteine aus Sediment, die es nur hier gibt. Unser letztes Picknick im Freien findet an einem schattigen Platz mit einer Schwefelquelle statt. Die Bäume stammen aus Kuwait. Dort pflanzen wir einige von Uli gezogene und mitgebrachte kleine Dattelpalmen.

Zum Sonnenuntergang fahren wir noch einmal zurück in die Wüste. Bevor es richtig dunkel wird, kommen wir zum letzten Abend im Camp an. Die Fahrer hüllen sich in knöchellange voluminöse Umhänge aus Kamelfell, wenn sie es sich leisten können, sonst in Schaffell-Capes. Sie hocken sich im Schutz des gemauerten Sanitärhäuschens zusammen und essen draußen. Für uns steht noch einmal das Esszelt bereit.

10.Tag, Do, 30.01.2020: Abschiedstag

Wir verabschieden uns vom Camp und fahren über Ubar zurück Richtung Salalah. Unterwegs halten wir an, bedanken uns und feiern unsere Fahrer mit alkoholfreiem Sekt und Pistaziengebäck. Die Zeit verging unglaublich schnell, ein bisschen Wehmut macht sich breit.

Auf Wunsch machen wir gegen Mittag noch in der Salalah Mall halt. Ich decke mich mit Gewürzen ein. Persischer Safran ist hier sehr preiswert. Der Nachmittag gehört uns mit einem letzten Komfortaufenthalt im Hotel vor dem Abflug am Abend. Uli hatte uns noch um Sachspenden für Freunde in Syrien gebeten. Ich vermache ihm meine neu besohlten im Hotel geputzten 12 Jahre alten treuen Wanderstiefel und selbst gestrickte warme Kinderpullover.

Zu Abend essen wir wieder in dem schönen libanesischen Restaurant wie zu Beginn der Reise. Gegen 23 Uhr soll es von Salalah über Maskat wieder nach Frankfurt gehen, am 31.Januar werde ich wieder zuhause sein. Im Flughafen von Salalah bemerke ich einige Passagiere mit Maske. Merkwürdig...wohl Asiaten, die machen so was öfter, denke ich.

© Dagmar Sinn, Juli 2022.


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Schwarze Dromedare mit Jungtieren in der Rub al-Khali.
Foto von © Dagmar Sinn, Januar 2020.


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2022/07/22

Dagmar Sinn
Reise zu den Weihrauchbäumen, Teil II


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Weihrauchbäume (Boswellia sacra) in ihrer natürlichen Umgebung, Wadi Dawkah,
sie können 300 Jahre alt werden.
Foto von © Dagmar Sinn, Januar 2020.


5.Tag, Sa, 25.01.2020: Im Tal der Weihrauchbäume

Heute geht mein besonderer Wunsch in Erfüllung: ich werde die Weihrauchbäume in ihrer natürlichen Umgebung sehen! - Vorher aber müssen die Geländewagen aufgetankt werden. Kurze Pause, in der sich unser Fahrer Said als Kopftuchbindespezialist betätigt :-) Und dann geht es zunächst auf den Jebel (Berg) Samhan in Feuchtigkeit und dichten Nebel. So etwa kann man sich das Naturphänomen des Khareef vorstellen: etwa zwischen Juli und September bewirkt der Monsunregen, dass der Süden des Omans mit Nieselregen und Nebel, einem Temperaturabfall auf angenehme 30 Grad, und wie durch Zauberhand grünen Bergen die arabischen Touristen zu Hunderttausenden begeistert. Darüber können wir nur den Kopf schütteln.

Und endlich werden wir im Wadi Dawkah, dem Weihrauchbaum Nationalpark, abgesetzt. Dazu müssen wir erstmals ein Stück ins Landesinnere fahren. Wir wandern in einem Wadi, in dem es gefühlt mehrere hundert Jahre nicht geregnet hat. Die Sonne brennt heiß vom Himmel und wir kommen in eine felsige Landschaft von eher kleinen dornigen Bäumen verschiedener Wuchsformen. Ich kann nicht erklären, warum mich diese Bäume so faszinieren. Von hier kommt der beste Weihrauch der Welt. Zu Beginn der Trockenzeit wird die Rinde des Baums nach einem speziellen Verfahren angeritzt. Das erste Harz, das hervortritt, ist minderwertig, erst das Folgeharz wird wertvoll. Es gibt 4 Qualitätsstufen, das hellgrüne durchsichtige ist das wertvollste. Boswellia sacra, so die Stammpflanze der gewonnenen Kostbarkeit, die auch arzneilich eingesetzt wird, enthält Boswelliasäuren, die allergische und entzündliche Vorgänge im menschlichen Körper hemmen können, zum Beispiel bei multipler Sklerose. In der Antike war Weihrauch kostbarer als Gold. Auch heute noch exportiert der Oman beträchtliche Mengen.

Anschließend besuchen wir noch Hiobs Grab. Eine kleine Pilgerstätte für Muslime und Christen. Ein schmuckloser Raum. Ein langer Sarkophag mit grüner Decke, ein Leuchter an der Decke. Nicht überzeugend, dass hier sein Grab sein soll, wohl eher ein symbolischer Ort. (Das Grab von Hiob zu besitzen, nehmen mehrere Länder für sich in Anspruch, nicht nur der Oman.) Draußen in der Natur drumherum gibt es viel mehr zu sehen.

6.Tag, So, 26.01.2020: Sultan Qaboos Moschee, Strand von Mughsayl und Al Fazayah

Am Vormittag besichtigen wir die Sultan Qaboos Moschee in Salalah. Es gibt drei Eingänge: für Sunniten, Schiiten und Ibaditen, das nimmt man bei aller Toleranz genau. Im Inneren bekommen wir eine Gebetsdemonstration vorgeführt. Ich kann mir nicht helfen: Der Imam ist mir ein bisschen zu selbstherrlich. Gekonnt führt er seine Gebetsübungen auf Englisch vor, nicht ohne zu erwähnen, dass sie lediglich 5 Minuten dauern. Der Fortschritt ist auch hier nicht aufzuhalten: neben der Mihrab hängt eine elektronische Leuchttafel für die jeweiligen Gebetszeiten.

Dann fahren wir immer im Konvoi zu unserem nächsten Ziel, dem Strand von Mughsayl. Al Mughsayl ist ein einsamer landschaftlicher wunderschön gelegener Sandstrand fast ohne touristische Infrastruktur. Seine Spezialität: die Blowholes, die Geysire, die Meerwasserfontänen ausstoßen. Unsere waren aber nicht 30 Meter hoch! Weiter geht es in Richtung Al Fazayah. Wir sind nicht mehr weit von der jemenitischen Grenze entfernt. Ein gerölliger abschüssiger Pfad in Serpentinen liegt vor uns. Jeder wandert im eigenen Tempo. Nach ein paar Kurven haben wir die schöne Aussicht auf eine tolle Bucht. Einsamer Strand und Ausläufer des Qamar Gebirges im Hintergrund. Und am Eingang ein Verbotsschild, dass ab hier keine PKWs und Motorräder erlaubt sind. Gut so, wir haben uns den Anblick verdient.

Zurück geht es auf dem gleichen Weg und allmählich sieht man mit geübten Augen ganz vereinzelt wunderschöne Wüstenrosen. Unser Fahrer Said, ein Jabali (Jebel = Berg, Jabali = Bergstamm im Südoman, man sagt, dass Sultan Qaabos auch ein halber Jabali war) ist wissbegierig, und fragt mich, wie man auf deutsch einer Frau Komplimente macht. Ich bringe ihm das Wort "hübsch" bei, das er von nun an jeden Tag wiederholt und ihm großen Spaß bereitet.

Den Abend verbringen wir dieses Mal in Salalah in einem Einheimischen-Lokal, wo unsere gemischte Gruppe in einem sonst nur von Männern besuchten Lokal einiges Aufsehen erregt. Die Kommentare hätte ich zu gern verstanden. Wir sitzen alle an einem langen Tisch, bekommen Kichererbsenzubereitungen, Salat, Fladenbrot und - Pommes frites! Alle um uns herum vom kleinen Jungen bis zum Greis essen mit den Fingern der rechten Hand, weil die linke unrein ist. Man diskutiert und lässt es sich gut gehen. Schon länger ist es dunkel, auf der arabischen Halbinsel wird es um 6 Uhr morgens hell und um 18 abends dunkel, ganzjährig.

7.Tag, Mo, 27.01.2020: Entlang der Küste in den Osten

Heute beginnt der so genannte Expeditionsteil unserer Reise. Wir fahren mit voller Ausrüstung für ein Naturerlebnis mit unseren 6 Geländefahrzeugen auf der Landkarte immer in Küstennähe Richtung Osten. Unser erstes Ziel ist die kleine Stadt Taqah mit einer modernen Moschee. Wir besichtigen den Friedhof, der nicht im entferntesten dem gleicht, was wir darunter verstehen. Im Prinzip sieht man nur einen ungeordneten Haufen Grabsteine. Araber auf Reisen in Europa staunen über unsere Begräbniskultur. Sehenswert ist auch noch das Fort Taqah, Sitz des früheren Wali (Gouverneur). Wir sehen uns im palmenbestandenen Innenhof und in der Ausstellung seiner Residenz um, dem Empfangsraum mit bunten Sitzkissen, seiner Privatwohnung mit dem nicht weniger bunten Ehebett und einem ausgesprochen trickreichen Kinderwiegebett. Von einem Felsplateau außerhalb haben wir nochmal einen schönen Ausblick auf die Stadt und ihren Strand.

Weiter geht es nach Mirbat auf einen alten, vorislamischen Friedhof mit Moschee. Das sieht schon besser aus! Dort soll ein Weggefährte des Propheten begraben sein. Ein Grabstein hat sogar einen Weihrauchbrennereinsatz. - Unser Mittagspicknick findet in Hasik statt an einem überdachten Platz in Wassernähe. Dort finde ich eine wunderschöne weiße Koralle, die ich fotografieren, aber leider nicht exportieren darf. Sehenswert ist auch der nahe gelegene Wasserfall über Muschelkalk, selbst wenn kaum Wasser fließt.

Wir nähern uns dem Wadi Senek, die Berge werden höher und der Wind wird frisch. Auf einem Plateau treffen wir uns zur Gruppenaufnahme. Und dann geht es zum 5 km langen Wanderweg ins Wadi Shuweimiyah, wo uns Igluzelte für die Nacht erwarten. Nichts leichter als das, denkt man und läuft los, wieder jeder so wie er mag. Aber 5 km in dieser Landschaft sind lang. Die ersten von uns werden bereits von unseren fürsorglichen Fahrern im Geländewagen aufgelesen. Unser Altersdurchschnitt ist ja schon ganz beachtlich. Luise aus Niederbayern und ich halten es noch ein Weilchen aus, dann sind auch wir dankbar für den Taxidienst. Im Camp kommt uns unsere Mitreisende aus Jena entgegen mit einem Gesicht wie 7 Tage Regenwetter. Gerade werden die Igluzelte bei Wind aufgebaut, dünn wie stärkere Mülltüten, das kann ja heiter werden. Irgendwo stehen Ruinen von Toiletten und Duschen. Es dämmert und es gibt an einem langen Klapptisch Abendbrot. Irgendwann sind wir alle müde. Im Zelt sind eine Matratze und eine Art Schlafsack samt Decken. Ich habe meine Rucksackreisetasche dabei mit Kleinigkeiten. Das Zelt ist voll. Mir ist schleierhaft, wie da Paare reinpassen. Meine Zeltnachbarin hustet im 10 Minutentakt (K e i n Corona). Ich rolle mich in voller Kleidung ein. Draußen pfeift der Wind und drückt die Zeltwand ein, obwohl wir im Schutz einer Gebirgswand stehen. Uns allen steht eine romantische Nacht bevor mit kreisenden Taschenlampen, um draußen zwischen Felsbrocken das individuell geeignete spezielle Örtchen zu finden.

Am nächsten Morgen - kaum einer hat geschlafen - ist ein Hauch von Hygiene angesagt. Dazu wurden so genannte Duschzelte aufgestellt. Inhalt: Hocker, Eimer mit Wasser, Meßbecher. Wir lachen uns halb tot. Es ist saukalt. Said macht in einer Kuhle am Boden ein Feuerchen. Es geht nichts über warme Hände. Ich laufe mich ein bisschen warm. Dann machen die fleißigen Fahrer Frühstück. Diese Luxusnacht werden wir nicht vergessen!

© Dagmar Sinn, Juli 2022.


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Wüstenrose (Adenium dhofarense) in der Provinz Dhofar im Süden des Oman,
Al Fazayah, in Strandnähe.
Foto von © Dagmar Sinn, Januar 2020.


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2022/07/19

Dagmar Sinn
Reise zu den Weihrauchbäumen, Teil I


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Karte der Provinz Dhofar im Süden des Oman mit der Hauptstadt Salalah
am Arabischen Meer.


Der Oman - kurzer Überblick

Der Oman ist der zweitgrößte Staat auf der arabischen Halbinsel mit einer Jahrtausende alten Geschichte. Knapp so groß wie Deutschland, aber mit ca. 5 Millionen Einwohnern inklusive Gastarbeitern aus Indien und Pakistan viel dünner besiedelt. Eine alte Seefahrernation mit regem Handel zwischen Afrika und dem Iran, zugleich aber zu Lande auch Teil der Weihrauch- und Seidenstraße. Die Staatsreligion ist der ibaditische Islam, eine ökumenische Plattform innerhalb dieser Religion mit freier Wahl von Nachfolgern, nicht die Abstammung, sondern die Kompetenz entscheidet.

Im 20. Jahrhundert konnte von Reichtum und Fortschritt keine Rede mehr sein: Im Dhofar-Konflikt zwischen dem Jemen und Oman mit Anschlägen auf die Infrastruktur von Ölförderfirmen (in den Jahren 1962-1976) musste der autoritäre Vater des danach fast 50 Jahre regierenden Sultan Qaboos zunächst verlustreiche Niederlagen einstecken, denn die Rebellen im Südjemen wurden vom Ostblock mit modernen Waffen gezielt ausgebildet. Im Oman gab es damals genau e i n e asphaltierte Straße von 10 km. Erst als sein einziger Sohn den Vater nach England verbannte, sich mit den Briten, Jordanien und dem Iran verbündete, wendete sich das Blatt. Er reformierte das Land militärisch und im Bildungs- und Gesundheitswesen. Seitdem gibt es ein vorzeigbares Straßennetz, gute Schulen und Universitäten, auch für Frauen. Neben der Förderung von Öl und Erdgas entdeckte man den Tourismus.

Sultan Qaboos wurde in England ausgebildet (Militärakademie Sandhurst) und diente auch kurze Zeit in Deutschland. Dort ließ er sich auch im Alter medizinisch behandeln. Er hatte mehrere Ministerposten inne und war trotz seiner Machtfülle bei seinem Volk sehr beliebt. Zeitlebens verfolgte er die kluge Politik des Nichteinmischens in die inneren Angelegenheiten der Nachbarstaaten. Da hier die Staatsgrenzen nicht immer Stammesgrenzen sind, gibt es im Oman auch Flüchtlinge aus dem Jemen. Der Oman ist ein Land mit vielen ethnischen Gruppierungen und Hautfarben von Schwarz bis Weiß, was sich aus seiner Geschichte ergibt, auch mit Nachfahren aus Afrika und Persien.

Qaboos hatte keine eigene Familie und Nachkommen, so bestimmte er schon zu Lebzeiten einen Cousin als Nachfolger. Der Sultan starb am 11. Januar 2020 an Darmkrebs im Alter von 79 Jahren. Wie im Lande üblich, wurde er innerhalb 24 Stunden beigesetzt und sein Cousin übernahm sein Amt ohne Aufsehen. Meine Reise in die Provinz Dhofar, dem Weihrauchland, begann genau 9 Tage später.

1.Tag, Di, 21.01.2020: Beginn der Wanderstudienreise in den Süden des Oman

Vormittags fliege ich von Frankfurt nach Maskat, der Hauptstadt des Oman. Schon in Frankfurt sehe ich 4 potentielle Mitreisende. Der Flug dauert etwa 7 Stunden, der Zeitunterschied zu unserer Winterzeit 3 Stunden. Bereits in Maskat empfängt uns unser Reiseleiter Uli, für viele ein Wiedersehen in fast familiärer Atmosphäre. Wir steigen um und brauchen noch 1,5 Stunden, um in der Nacht in Salalah, der Metropole des Südens mit etwa 700.000 Einwohnern, zu landen. Im Oman gibt es eine große Palette von Unterkünften, viele auf gehobenem Niveau. Für die ersten 6 Nächte ist das Hilton Hotel unser Standort für die Ausflüge.

2.Tag, Mi, 22.01.2020: Akklimatisation am Urlaubsort

Die Reisegruppe geht nach dem Frühstück am Strand spazieren. Erste Gespräche und zwangloses Kennenlernen am Strand, der hier sehr breit ist und sich von Salalah in nördliche Richtung ca. 30 km weit erstreckt. Noch stören die Baukräne für neue Hotels nicht allzu sehr.

Danach besuchen wir das Weihrauchmuseum in der Stadt. Vor dem Museum schaut man auf kultivierte Weihrauchbäume mit Blüten und Früchten. Die Flagge weht auf Halbmast, denn kürzlich verstarb Sultan Qaboos, der das Land jahrzehntelang behutsam modernisierte. Es gibt einen kleinen Rastplatz, und dort verwöhnt uns Uli, während wir uns einander vorstellen, mit Datteln und landestypisch gefülltem Blätterteig-Gebäck. Im Museum ist vor allem die maritime Halle interessant, die einen guten Einblick über den Oman als Seefahrernation gibt. Die Nachbildung des Dhau Hecks eines der typischen handelstauglichen Segelschiffe ist das Prunkstück in der Sammlung.

Ganz in der Nähe erreichen wir über eine Brücke die Ruinen der alten Handelsstadt Al-Baleed, deren Ursprünge bis in die Eisenzeit reichen und die einmal direkt am arabischen Meer lag. Die Brücke wurde über eine Lagune gebaut, die vor langer Zeit ein Meeresarm war und versandete. Eine imposante Stadt an der Weihrauch-Route mit Verteidigungsanlagen und einer riesigen Moschee. Den Abend verbringen wir in einem libanesischen Restaurant mit einem köstlichen Spezialitäten-Essen.

3.Tag, Do, 23.1.2020: Wanderung nach Ain Sahalnut

Ab heute wird richtig gewandert. Wir verteilen uns vor dem Hotel in 6 Geländewagen, die uns ab jetzt immer zu unseren Wanderungen fahren und uns danach wieder abholen. Ich fahr in Wagen 4 mit Said als Fahrer, Insassen ein Ehepaar aus Jena, Luise aus Niederbayern und ich. Ossi/Wessi fifty/fifty. Drei verkrümeln sich hinten, ich "darf" vorne neben dem Fahrer sitzen. Sein Englisch ist gut, meins brauchbar und so läuft die Unterhaltung besser als gedacht. Ich will etwas über seine Familie erfahren und er etwas über meine. Ich schätze sein Alter mit 39 richtig ein, er ist der Mittlere von 5 Geschwistern, seine Mutter etwa so alt wie ich und er hat, obgleich verheiratet, keine Kinder. Er ist sympathisch, ein rasanter Fahrer und macht Witzchen über die Hotels und Schlösser, die ihm angeblich gehören.

Wir wandern hinunter zur Ain Sahalnut Quelle durch eine karge Landschaft, geprägt durch Wadis, die es sehr vielgestaltig im Oman überall gibt - ausgetrocknete Flusstäler - und Gebirge im Hintergrund, hier das Qara Gebirge. Die Pflanzenwelt: Dickblattgewächse, Tamarindenbäume, Kürbisgewächse, auch giftige. In der Quelle baden ein paar Jungen, die gerade ihre bestandene Englischprüfung feiern, wie uns Uli, der Reiseleiter, übersetzt. Ursprünglich Chemielaborant, hat er seinen Lebenstraum wahr gemacht, fließend Arabisch gelernt und über die Kreuzzüge promoviert. An der Quelle gibt es felsenartige Tropfsteinüberhänge, die durch die so genannte Autoprotolyse entstanden sind. Sie haben sich durch Protonenübertragung von Wassermolekülen bei unterschiedlichen Temperaturen gebildet. In den Steinen sieht man Adern von weißen Korallen. Webervogel-Nester in den Bäumen runden das Bild ab.
Weiter geht die Wanderung durch eine Hochebene auf etwa 400 m Höhe. Oft schauen uns Dromedare neugierig an. In der Ferne weiden sogar schwarz-weiße Kühe! Im Laufe des Nachmittags besuchen wir eine Oasen- Plantage. Wir nehmen an einer "Kokosnuss-Verkostung" teil und fotografieren die Vielfalt an Yams-, Kurkuma-, Tamarindenfrüchten, Gemüsesorten, Papayapflanzen, die unterhalb von Kokospalmen gut gedeihen. Anschließend besuchen wir den Weihrauchsoukh in Salalah, wo wir uns mit kleinen Weihrauchbrennern, Weihrauch, Duftwässerchen, Heilöl und den beliebten Bommeltüchern eindecken. Natürlich made in India, aber die schicken Bommel werden im Oman in Heimarbeit hergestellt!

4.Tag, Fr, 24.01.2020: Wanderung im Wadi Darbat

Heute geht es zum Wandern ins Wadi Darbat, eine relativ ebene Strecke mit vielen alten Wildfeigenbäumen. Am Wegesrand finde ich, völlig verstaubt und verschmutzt, eine Gebetskette, die ich mir zuhause aufarbeiten lassen möchte. Zwei Grotten liegen auf dem Weg - in der zweiten gibt es von unseren Fahrern zur Erfrischung eine Teepause. Bis zu unserem Ziel sind es noch eineinhalb Stunden. Das Wadi Darbat führt auch in der Trockenzeit Wasser und man kann in abgegrenzten Bezirken darin baden. Wir freuen uns vor allem auf ein Picknick im Schatten einer Riesenakazie, das von geübter Hand, wieder von unseren Fahrern, und dem Reiseleiter im Nu serviert wird. Eine reiche Auswahl an Gemüsezubereitungen, tropischem Obst, süßem Nachtisch und Getränken! Die Kamelmilch schmeckt hervorragend.

Am Nachmittag besuchen wir die Ausgrabungen des antiken Weihrauchhafens Sumhurum (ab 400 v Chr.). Wir gehen durch das Stadttor in die Ruinen, sehen das Kontrolltor für Waren, eine Ausstellung von Steinwerkzeugen und haben einen herrlichen Blick auf den versandeten Meeresarm mit der Lagune Khor Rori. Nach einer kleinen Wanderung zur Nehrung sind wir direkt am Meer, genießen die Stille und den menschenleeren Strand mit Möglichkeit zum Baden.

© Dagmar Sinn, Juli 2022.


oman02
Das Museum des Weihrauchlandes (The Museum of the Frankincense Land)
in Salalah/Oman.
Foto von © Dagmar Sinn, Januar 2020.


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2022/07/15

Wolfgang Weber
Meere, bootlegs und noch mehr

Textetisch 04.08.2021, Thema: Schlupfloch


crusoe
Robinson Crusoe. Illustration von Walter Paget, um 1894.
Quelle: Wikimedia Commons.


Lotsen kennen Schlupflöcher für kleine und große Schiffe, bei Ebbe und Flut, zusammen gefasst: Tidenhub, die Gezeiten der See, auf und ab, hinaus aufs Meer, hinein zum Land.

Bei Windstille oder Flaute stranden Schiffe, unter Segeln oder motorisiert, wie auch bei Niedrigwasser, auf einer Sandbank, einem Riff mit Korallen, einer einsamen Insel, vor, hinter, auf einer Barriere.

Robinson Crusoe und Freitag waren auch schon da, am Ende der Welt, wo auch immer: in einem Schlupfloch, einer Oase, einer geheimen Zuflucht.

Aber der Klabautermann kennt diese Orte auch. Er stöbert die Gestrandeten auf. Die Piraten geben keine Ruhe.

Die Kombüse bleibt leer, der Smutje hat nichts mehr zu kochen. Keinen Labskaus, nicht einmal Skorbut, immerhin.

Die Heuer der Seeleute kann auf diesem Eiland, Sturm umtost, leider nicht ausgezahlt werden.

Nicht in Euro, weder in Dollar noch in GBP (Great British Pound), schon gar nicht in Schweizer Franken. Nicht einmal in Muscheln oder Knochen. Bitcoins helfen hier auch nicht weiter.

Die Wache dagegen ist rund um die Uhr besetzt, im versteckten Hafen, der Natur abgetrotzt.

Klaus Störtebeker ist immer noch am Leben, Jahr für Jahr, sein Bruder ist Methusalem. Es gilt, auf der Hut zu sein.

Zum Thema Zuflucht gibt es einen alten Song: Hernando's hideaway. Könnte ein Tango sein. Feuriger Liebhaber sucht seine Zuflucht im Kleiderschrank.

Na ja, das klingt eher wie ein abgeschmacktes Klischee. Ich frage das Publikum: Soll das drin bleiben in diesem Text?

Wasser gluckert im Schlupfloch der Spekulanten:

• Cayman Islands
Gebt acht auf Kaimane, Katamarane, Kataster Zaster Alabaster, Katapulte, Katastrophen, Krokodile.

Elton John: crocodile rock, when rock was young, we had so much fun. Das passt so gut hierher, weil es überhaupt nicht passt.

• Sargasso Sea und Bermuda Triangle haben viele Schiffe und Besatzungen auf dem Gewissen. Nicht auf dem Radar, unauffindbar, für immer verschollen im Nirvana, entschlüpft auf Nimmerwiedersehen.

• Nordwestpassage, Kap Hoorn, Permafrost, widrige Bedingungen, große Gefahren.

Und trotzdem hat Gorch Fock recht: Seefahrt tut not, navigare necesse est.

Transport von Waren und Menschen.

Abenteuer- und Reiselust, Romantik.

Quellen gluckern, brodeln, glucksen, seufzen, sprudeln, versickern im Wasserloch.

Schlupfloch der Winde: das ist die stolze Windhose, hoch oben in den Lüften.

Ressourcen aller Art werden vergeudet, verprasst, verschleudert, verramscht, verschenkt. Sie verschwinden, auf und davon.

Verträge enthalten Paragraphen und Klauseln, die alles regeln, auch und vor allem die Ausnahme von der Regel.

Da gibt es keine Ausrede. Es steht alles drin, wenn auch oft verklausuliert. Wer Juristendeutsch nicht versteht, kommt in Kalamitäten und konsultiert Calamity Jane. Wilder Westen kann auch auf hoher See oder mitten in Europa sein.

Schifffahrt, nun mit 3 F, findet Grenzen an:

• Meeresengen, Klippen: Bosporus, Dardanellen, Gibraltar;

• Sümpfen in Deltas, Mündungen;

• Sirenen, Scylla und Charybdis;

• Piraten, Seeräuber, auch heute noch.

In Zeiten der Prohibition war und ist Alkohol verboten, trotzdem gibt es Wege, an Alkohol zu kommen.

Speakeasy, Name für Lokale, in denen leise gesprochen wird, um nicht aufzufallen.

Nicht versteuerte Flaschen, schwarz gebrannt, werden als bootleg bezeichnet.

Nicht von Künstlern oder Plattenindustrie autorisierte Aufnahmen auf Schallplatten, CD oder DVD werden ebenfalls bootleg genannt.

Oft handelt es sich um Live-Aufnahmen, mit verstecktem Mikrofon oder Kamera.

Diese bootlegs finden ihr Publikum, immer wieder neu aufgelegt, oft falsch bezeichnet, was Titelfolge, Aufnahmedaten und -orte betrifft. So kann es passieren, dass Sammler das gleiche Material noch einmal erwerben.

Ein Film von Louis de Funès wurde in Deutschland ein zweites Mal herausgebracht, der deutsche Titel war ein anderer. Kein bootleg, aber unfair gegenüber seinen Fans, die dachten, es sei ein neuer Film.

Eine Zeitlang waren auch Raubdrucke von Büchern en vogue, oft preisgünstiger, in einfacherer Aufmachung als die Ausgaben großer Verlage. Manchmal waren es auch sonst gar nicht zugängliche neue oder alte Texte.

Manche Künstler bringen illegal erschienenes Material selbst wieder heraus, als official bootlegs, andere gehen gerichtlich gegen Schwarzpressungen vor.

Interessierte Musiksammler finden auf ihrer Suche immer wieder neue Schlupflöcher: Plattenbörsen, Flohmärkte, Internet.

Ihre Faszination beruht auch auf besonderen, sonst nicht erhältlichen Versionen der Musik.
Sammler und Jäger, hunters and collectors, entwickeln großen Ehrgeiz.

© Wolfgang Weber, Juli 2022.


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2022/07/12


Ferdinand du Puigaudeau, 1864-1930
Chinesische Schatten, der Hase


schatten
Ölgemälde von 1895. Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/07/09

dr. christian g. pätzold
lob des schattens


summer in the city of berlin
die gleißende sonne sticht und sticht
es ist 30 grad
vielleicht sogar heiße 35 grad
ich brauche einen platz im schützenden schatten
am besten mit einer frischen brise
und eine große flasche coca cola
sonst verdampfe ich
in der gnadenlosen hitze

der beste schattenspender
ist ein alter apfelbaum
sein dichtes laubdach lässt kaum
sonnenstrahlen durch
nur ein paar vereinzelte
verspielte sonnenflecken schaffen es
bis hinunter zum gras
zum haar der mutter erde

früher stand ein alter apfelbaum
im zentrum jedes kleinen gartens
mitten auf der wiese
unter ihm konnte man es
im sommer stundenlang aushalten
und ein lustige kaffeeparty veranstalten
und im herbst hatte man noch
köstliche saftige früchte
am besten ist ein roter boskoop

daher lobe ich den rettenden schatten
der so wichtig für mich ist
obwohl er eigentlich ein nichts ist
nur die abwesenheit von sonnenlicht

der schatten hat auch etwas kontemplatives
man kann dabei zusehen
wie sich die schatten der äste im wind bewegen
ohne schatten gäbe es auch kein
indonesisches schattentheater

es ist übrigens
ein weit verbreiteter irrtum
dass man über seinen eigenen schatten springen könne
ich habe es ausprobiert
es funktioniert nicht

dieses kleine gedicht schrieb
ein alter weißer mann
damals als ich jung war
hab ich noch mehr sonne vertragen
der klimawandel und die erderwärmung
machen die sommer zu heiß.


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2022/07/05

Tagebuch 1973, Teil 59: Trivandrum II

von Dr. Christian G. Pätzold


kovalambeach
Kovalam Beach an der Malabarküste südlich von Trivandrum.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, 13. November 1973.


12. November 1973, Trivandrum, Montag

Morgens waren wir bei der Wahl des Bürgermeisters. Babus Mutter hatte gute Zuschauerplätze für uns organisiert. Der unabhängige Kandidat, den die CPIM aufgestellt hatte, wurde gewählt, es gab starken Beifall. Die CPIM hatte 16 Sitze von 41, stimmte aber zusammen mit der Socialist Party. Der Gegenkandidat, den die CPI und Congress aufgestellt hatten, war ein Mann von der RSP (Revolutionary Socialist Party). Ein Studentensprecher von der CPIM sagte uns: "You had the opportunity to see the glory of our party and the capacity of Kerala." Andererseits wurden Wahlen in der CPIM jedenfalls verbal nicht als wesentlicher Fortschritt gesehen. Die Sozialistische Revolution wurde offen befürwortet.

Abends hatten wir ein Gespräch mit Babus Vater über Bangladesh. Er hat sich für die Intervention Indiens im Bangladesh-Krieg ausgesprochen.


13. November 1973, Trivandrum, Dienstag

Heute waren wir mit Mohan am berühmten Kovalam Beach südlich von Trivandrum, ein großer und schöner tropischer Sandstrand mit Kokosnusspalmen. Wir waren fast ganz allein an dem riesigen Strand, nur ein paar Fischer tauchten nach Miesmuscheln, die zum Schnaps gegessen wurden. Wir haben frische zarte Kokosnüsse getrunken und gegessen. Es gab einen Touristenpavillon, an dem sie für die Cola 2 Rupees verlangten, statt der üblichen 75 Paise. Negativ zu bemerken war, dass die Landschaft anscheinend zunehmend durch Bungalows verschandelt wird.

Abends hatten wir ein Gespräch mit Mohans Vater. Er erzählte uns seine Lebensgeschichte. 1936 war er als Lehrer in Singapore und wäre beinahe mit einem seiner chinesischen Schüler nach Yenan gefahren. In der Stadt Yenan befand sich von 1935 bis 1948 das Hauptquartier der Kommunistischen Partei Chinas nach dem Langen Marsch.


14. November 1973, Trivandrum, Mittwoch

Heute sind wir mit Babu und Mohan in den keralitischen Dschungel gefahren, genauer gesagt in ein Wildlife Sanctuary (Naturschutzgebiet) an einem Staudamm, wo wir ein Ruderboot gemietet haben, das 3 Rupees in der Stunde gekostet hat. Das Wasser in den Bächen war klar, wir sind etwas durch den Dschungel gelaufen, ohne spektakulären Raubtieren zu begegnen, keine hungrigen Tiger, Giftschlangen oder wilde Elefanten. Wir haben nur etwas Elefantendung und ein paar Hirsche gesehen. Mohan brachte uns unterwegs ein revolutionäres Lied bei, das "Munote" hieß, was "Vorwärts!" bedeutet. Wir haben im Dschungel viele revolutionäre Lieder gesungen, wobei unsere deutschen Lieder für sie wahrscheinlich genauso exotisch geklungen haben wie ihre in Malayalam für uns. Babu und Mohan waren echte internationalistische Genossen.


15. November 1973, Trivandrum, Donnerstag

Tagsüber haben wir uns etwas ausgeruht und abends bei Mohan Selbstgekochtes gegessen und diskutiert. Eigentlich sollte heute unser vorletzter Tag in Indien sein, da wir mit dem Boot von Rameswaram aus nach Sri Lanka hinüber fahren wollten. Aber es kam dann etwas anders als geplant.

© Dr. Christian G. Pätzold, Juli 2022.


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2022/07/02

Tagebuch 1973, Teil 58: Trivandrum I

von Dr. Christian G. Pätzold


kerala
Wappen des indischen Bundesstaates Kerala.
Quelle: Wikimedia Commons.


9. November 1973, Trivandrum, Freitag

Wir waren jetzt in Kerala angekommen, dem südwestlichsten indischen Bundesstaat. Kerala war ein tropisches Bilderbuchland. Es gab tropische Wälder, viele Palmen, Elefanten, tropische Sandstrände an der Malabarküste und eine freundliche Bevölkerung, die als überdurchschnittlich gebildet galt. Die Sprache in Kerala ist Malayalam, das mit einer eigenen Malayalam-Schrift geschrieben wird. Aber die gebildeten Menschen in Kerala sprachen auch alle Englisch, so dass wir uns gut verständigen konnten.

Gleich nach der Ankunft in Trivandrum, der Hauptstadt Keralas, haben wir an der Bus Station ein Hotelzimmer für billige 10 Rupees (3 DM) vermittelt bekommen. Nach dem Hotel waren wir beim Post Office, um ein Päckchen nach Berlin abzuschicken, was wieder eine aufwändige Prozedur war, mit dem Ausfüllen von Papieren etc. Männer und Frauen hatten hier oft viel Öl in den Haaren, vielleicht war das ein Schutz gegen die Sonne oder einfach nur Mode. Frauen hatten oft lange schwarze Haare. Dann waren wir noch im Tourist Office, um nach Infos und Stadtplänen Ausschau zu halten. Dort hat ein Mann mit mir über westdeutsche Literatur gesprochen. Das war schon mal ein Hinweis, dass einige Bewohner in Trivandrum ziemlich intellektuell interessiert waren. Trivandrum machte einen entspannteren Eindruck als andere indische Großstädte.


10. November 1973, Trivandrum, Sonnabend

Die Taxifahrer streikten gerade in Trivandrum, überall gab es rote Fahnen von CPIM (Communist Party of India Marxist) und CPI (Communist Party of India). Morgens sind wir zum Deshabhimani Book House der CPIM gegenüber vom Post Office gegangen, die Adresse hatten wir in Madras bekommen. Der Genosse dort schickte uns zur Indian School of Social Sciences, near Post Master Generals Office. Dort hatten wir ein Gespräch mit dem Ökonomen Dr. Jacob Eapen, der der Direktor der Schule war und öfter Besuch aus dem Westen bekam. Dr. Eapen war in der Planungsbehörde der CPIM-Regierung in den Jahren 1967 bis 1969. Die meisten Leute in der Schule waren Mitglieder der CPIM. Er erläuterte uns den Standpunkt der CPIM, dass beide sozialistische Lager (Sowjetunion und VR China) den proletarischen Internationalismus aufgegeben hätten. (Ich weiß nicht, ob man das so stehen lassen konnte. Die Sowjetunion hatte bspw. Kuba und andere Länder der Dritten Welt sehr unterstützt, und auch Vietnam im Vietnamkrieg. Die VR China war wegen der Kulturrevolution sehr mit sich selbst beschäftigt.) Die CPI wurde von der CPIM als eine nichtmarxistische Partei bezeichnet. Im Allgemeinen war die CPIM recht stark in Kerala.

Abends waren wir noch auf dem Markt und haben uns das Gemüseangebot angesehen.


11. November 1973, Trivandrum, Sonntag

Das Gespräch, das wir gestern mit Dr. Eapen hatten, war überaus erfolgreich, denn er hatte uns an zwei junge Genossen verwiesen, Babu und Mohan, die sich Zeit für uns genommen hatten und uns in den kommenden Tagen viel von Trivandrum und Umgebung gezeigt haben. Wir waren bei der CITU (Centre of Indian Trade Unions) Head Load Workers Union (Gewerkschaft der Lastenträger). Anschließend haben wir in Babus Haus Mittag gegessen. Babu war studierter Ingenieur und Mohan studierte Meeresbiologie.

Nachmittags waren wir bei den Kokosnussarbeitern und hatten ein Gespräch mit den Vertretern der Head Load Workers Union. Die Kokospalme (Cocos nucifera) ist ein tropischer Baum, der in Kerala gut wächst und von wirtschaftlicher Bedeutung ist. Er ist vielseitig verwendbar. Das Holz wird zum Häuserbau und zur Möbeltischlerei verwendet. Mit den Blättern werden die Dächer von Hütten gedeckt. Die Kokosnussmilch ist ein leckeres Getränk. Das Fruchtfleisch dient zur Ernährung. Und auch die Kokosnussschalen können verwendet werden.

Abends waren wir in Dr. Eapens Haus zum Essen eingeladen. Wir hatten ein Gespräch mit Babus Mutter, die Stadtabgeordnete der CPIM war. Babus Vater war Lehrer am Medical College und verdiente recht gut, so dass sie in sehr guten Verhältnissen lebten.


Postscriptum zum Namen Trivandrum, Juli 2022:
Trivandrum ist der historische Name der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Kerala. Seit 1991 heißt die Stadt Thiruvananthapuram, was für Europäer wesentlich schwieriger auszusprechen ist. Aber der alte Name Trivandrum war zu sehr mit der englischen Kolonialherrschaft verbunden. Im Jahr 2011 hatte Thiruvananthapuram 750.000 Einwohner.

© Dr. Christian G. Pätzold, Juli 2022.


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2022/06/30


vorschau07


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2022/06/29


Wolfgang Endler
Give Peace A Chance


Als '71 ich dies Lied zum ersten Male hörte,
da hatte ich mit Hippies nichts am Hut.
Bekiffte bunte Vögel, die kaum etwas störte,
war nur das Vögeln und die Tüte gut.

Klar, dass der Vietnamkrieg enden sollte.
Das wollten viele, ob rot oder bunt.
Jedoch wer wirklich siegen wollte,
der konnte nicht nur kämpfen mit dem Mund.

Der Sound von Johns und Georges Gitarre
war manchmal schmeichelnd - oder hart und wild.
Was aber war das gegen eine Knarre,
die ganz präzise auf das Herz des Feindes zielt?

Und überhaupt, was kann denn schon Musik tun,
wenn Rüstungsfabrikanten und Angriffsminister
sich nicht auf ihren Kriegslorbeeren ausruh'n?
Krieg, Macht und Geld - unheilige Geschwister.

Die Herrn der Kernwaffen lassen sich nicht beerben
von Demonstranten, die vor'm Waffenlager steh'n.
Und dass Friedvolle früher als die Krieger sterben,
ist meistens wahr - und ist auch John gescheh'n.

John Lennon war gewiss ein Träumer, Schwärmer,
ein Utopist. Und plötzlich werde ich elegisch,
bin traurig. Doch dann wird mir wieder wärmer:
Im Radio läuft "Imagine" - auf arabisch und hebräisch.


© Dr. Wolfgang Endler, 2012.


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2022/06/28


Dagmar Sinn
Schöner Sommer II

erdbeere


Ein Sommer naht nach deutscher Art,
denn am Essen wird gespart.
Die Erdbeern aus dem eignen Land
sind, weil teuer, unbekannt.
Das Angebot in der EU
spottbillig, man greift gerne zu.
Zu mühsam ist das Selberpflücken.
Wir schonen Börse und den Rücken.
Der Bauer muß sein Feld jetzt pflügen -
selbst Schuld, das Angebot bleibt liegen.

Ganz ähnlich läufts im Spargelfeld,
der Kunde achtet auf sein Geld.
Wer denkt denn schon an Qualität,
der Preis ist heiß, mal sehn was geht.
Oh Landwirtschaft, sieh endlich ein:
in Deutschland muss es billig sein !


© Dagmar Sinn, Juni 2022.


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2022/06/26


documenta fifteen in Kassel
18. Juni 2022 - 25. September 2022


documenta15


Die documenta in Kassel, die seit 1955 zunächst alle 4 Jahre, jetzt alle 5 Jahre, veranstaltet wird, wurde am 18. Juni 2022 eröffnet. Sie dauert immer 100 Tage. Die documenta gilt als die wichtigste internationale Schau der aktuellen bildenden Kunst, die in Deutschland veranstaltet wird. Die Universitätsstadt Kassel liegt im nördlichen Hessen, malerisch am Ufer der Fulda, hat einen großen Bahnhof und 2020 201.000 Einwohner. Kassel ist auch besonders als Ursprungsort der Märchen der Brüder Grimm bekannt.

Die diesjährige documenta ist schon die documenta fifteen (15. Ausgabe). Sie wurde von dem Künstlerkollektiv ruangrupa aus Jakarta/Indonesien kuratiert, das schon zahlreiche internationale Ausstellungen gestaltet hat. Wikipedia schreibt über ruangrupa:

"Die Gruppe besteht aus einem festen Kern aus 10 Künstlern, insgesamt gehören zu dem Kollektiv rund 80 Menschen, von Journalisten über Architekten bis zu Videokünstlern."

Das Konzept von ruangrupa beruht auf dem Begriff lumbung, das ist das indonesische Wort für Reisscheune, die auf dem Dorf von allen gemeinsam zum Lagern der Ernte genutzt wird. Entsprechend steht in ihrer künstlerischen Arbeit auch das Kollektiv im Mittelpunkt, also das gemeinsame Einbringen von Fähigkeiten und das gemeinsame Schaffen von Kunst in der Gruppe. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise wird bei Kunstschauen der einzelne Künstler oder die einzelne Künstlerin als Genie in den Vordergrund gestellt. Daher hat ruangrupa auch zahlreiche Künstlergruppen und Kollektive aus vielen Ländern zur documenta eingeladen, die wiederum Kollektive aus ihrem Umkreis eingeladen haben.

Eine weitere Besonderheit von ruangrupa ist auch die politische Betrachtung von Kunst, besonders der Fokus auf Ökologie und Nachhaltigkeit. Die politische Kunst wird all denen ein Dorn im Auge sein, die behaupten, Kunst solle unpolitisch sein. Vielleicht kann Kunst nicht so viel bewegen, aber sie kann mindestens einen Anstoß geben. Ein Anliegen von ruangrupa ist, den Blick der Menschen des globalen Südens zu zeigen, also aus Asien, Afrika und Lateinamerika. So sind an der documenta fifteen 1.500 Künstler:innen aus aller Welt beteiligt.

Der deutsche Bundespräsident Steinmeier war schon mal mächtig erbost, dass kein jüdischer Künstler und keine jüdische Künstlerin aus Israel zur documenta eingeladen sind. Es gab eine große Aufregung um antisemitische Bilder (oder eher Karikaturen). BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) war auch anwesend. Also gab es einen perfekten Kunstskandal. Das große Gemälde mit den antisemitischen Abbildungen ist dann schnell mit einem schwarzen Tuch verhüllt worden. Wenig später wurde das Gemälde komplett entfernt. Nichts mit Kunstfreiheit. Die Kulturstaatsministerin hatte sich als Zensurbehörde durchgesetzt. Man hatte zwar gönnerhaft den Globalen Süden eingeladen, aber diese Perspektive des Globalen Südens wollte man dann doch nicht sehen. Auf jeden Fall dürfte die documenta fifteen etwas Besonderes werden, so dass sich ein Besuch lohnen würde.

Die Homepage der documenta fifteen ist: https://documenta-fifteen.de.

Seht bitte auch den Artikel "Impressionen von der documenta 14 in Kassel" vom 2017/06/23 auf kuhlewampe.net.

Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/06/22


Das neue Pop-up-George-Grosz-Museum in Berlin Schöneberg

von Dr. Christian G. Pätzold


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In Berlin gibt es nur wenige Museen, die sich auf einen bildenden Künstler oder eine bildende Künstlerin konzentriert haben. Mir fallen das Käthe-Kollwitz-Museum und das Georg-Kolbe-Museum ein. Nun also auch ein George-Grosz-Museum, das durch die Initiative von Kunstbegeisterten entstanden ist. Sie sind begeistert von der politischen Kunst von George Grosz. Der Massenmord des 1. Weltkriegs hatte ihn gelehrt politisch zu sein. Grosz schrieb:

»Ich halte die Zeichnung für ein gutes Instrument gegen das derzeitige Mittelalter... Es ist wahr, das Leben wäre sinnlos und zwecklos, wenn es nicht den einen Sinn hätte, den Kampf gegen die Dummheit und willkürliche Brutalität der heutigen Machthaber.«

Ein neues George-Grosz-Museum ist schon eine Sensation, auch wenn es nur ein wirklich kleines Museum ist. Dass George Grosz (1893-1959) einer der wichtigsten bildenden Künstler in Berlin war, ist allgemein anerkannt. Georg Gross war sein eigentlicher Name, er nannte sich später in George Grosz um. Mit John Heartfield gründete er DADA Berlin. 1933 flüchtete er vor den Nazis und emigrierte in die USA. Mit der Sowjetunion konnte er sich nicht anfreunden, dafür war er wohl zu sehr Dandy und Genussmensch. 1959 kehrte er enttäuscht aus den USA nach West-Berlin zurück, in den USA konnte er nicht an seinen Erfolg in den 1920er Jahren anknüpfen. Kurz darauf starb er an Alkoholismus. In der Berliner Neuen Nationalgalerie hängt sein berühmtestes Gemälde »Die Stützen der Gesellschaft« von 1926. George Grosz war ein scharfer Kritiker des Militarismus und der Kriegstreiber.

Jetzt kann man sich noch näher mit George Grosz beschäftigen, in der Bülowstraße 18 Ecke Frobenstraße im Regenbogenkiez von Schöneberg um den Nollendorfplatz, in dem sich George Grosz häufig aufhielt. Das kleine Grosz Museum wurde am 18. Mai 2022 eröffnet. Die interessante Location besteht aus einer ehemaligen Shell-Tankstelle aus den 1950er Jahren mit Kaffee-Bar, einem japanischen Garten mit Bambus, Kiefern und einem Koi-Becken mit fetten Karpfen, sowie aus zwei Seecontainern, in denen die Ausstellungen gezeigt werden. Die erste Ausstellung des Museums widmet sich dem wenig bekannten Frühwerk von George Grosz aus seiner Kindheit und Jugend vor 1918. Fazit: Alles sehr sehenswert.

Das kleine Grosz Museum
Bülowstraße 18 in Berlin Schöneberg
Tickets: 10/6 €uro.
www.daskleinegroszmuseum.berlin

Die Autobiografie von George Grosz hat den Titel:
»Ein kleines Ja und ein großes Nein. Sein Leben von ihm selbst erzählt«.
Frankfurt am Main 2009, Schöffling Verlag, 416 Seiten.
Mit zahlreichen Farbtafeln und Abbildungen.

Seht bitte auch den Artikel "Erste Internationale DADA-Messe in Berlin 1920" vom 2020/06/27 auf kuhlewampe.net.


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Das kleine Grosz Museum in der Bülowstraße 18, Berlin Schöneberg.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2022.


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2022/06/18


IM KOPF DER SPRACHE
BERICHTE AUS DER SPRACHWERKSTATT VON DR. KARIN KRAUTSCHICK

GEDANKEN ZU SEBASTIAN HAFFNER


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Sebastian Haffner (Raimund Pretzel) 1932.
Quelle: Wikimedia Commons.


Sebastian Haffner (1), geb. 1907 und gest. 1999 in Berlin, hat nie akute Bedrohung erlebt, da gut situiert. Aber als Autor lässt sich ein gewisses Asketentum nun mal nicht verbergen. Trotzdem behält er immer seine aufgeräumte Denk- und Sprechweise bei (zum Beispiel seinen leichten Hang zum "ö"). Man hört eine phonetische Lautbildungspräferenz stark heraus, eine sprachliche Eigenart, die ihn sympathisch und ebenso unverkennbar (auch unter vielen) macht. Mit diesem Alleinstellungsmerkmal in Sachen Autorenschaft kein Normopath, das ist sicher.

Seine Biografie ist relativ bekannt. Am wesentlichsten erscheint mir sein freiwilliges Exil 1938, er wählt London, um mit seiner jüdischen Geliebten dort sicher zu sein und eine Stelle als Journalist beim "Observer", einem damals sehr einflussreichen Blatt, annehmen zu können. (2)

Haffners Geschichtserzählungen sind:
1. lehrreich,
2. sehr unterhaltsam und
3. sehr nachvollziehbar.

Das macht ihn auch in dieser Hinsicht einmalig, wenn auch er in Hans Mayer beispielsweise einen würdigen Nebenbuhler in Sachen Brillanz und Expertentum an die Seite gestellt bekommen hat, auch ein ausgebildeter Jurist übrigens. (3)

Feinheit in der Rede, Aussagen, wo es auf jedes "I"-Tüpfelchen, jedes Komma ankommt, das mitgesprochen und vorher mitgedacht wurde, machen seine Texte bzw. Vorträge präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Gekonnt nimmt er seinen Gegenstand, die deutsche Geschichte, besonders seit der Bismarck-Zeit, auseinander und setzt diese wieder zusammen. Durch und durch Bildungsbürger, der er war, und das im positiven Sinne des Wortes - Eleganz und Flüssigkeit der Rede, nie um eine Antwort verlegen. Sein erklärtes Vorbild in Sachen Stil und Ausdruck ist natürlich Fontane, den er wegen dessen Ideal, die Dinge einfach und verständlich zu sagen bzw. zu schreiben, verehrt. Darin ist Sebastian Haffner ein erklärter Meister und kann durchaus mit Fontane mithalten.

Mit der gleichen Sachkenntnis und Hingabe, ohne die es nicht geht, finden wir bei ihm einen Reichtum an inneren Verweisen, die er seiner inneren komplexen Bibliothek, seinem immensen Archiv entnimmt, und die bei jedem Satz, bei jedem Gedanken Haffners reaktiviert wird. Faszinierend, ihn bei diesen Denk- und Sprechbegängnissen zu begleiten.

Spricht die Geschichte zu einem oder eben nicht. Zu Sebastian Haffner hat sie definitiv gesprochen und gern nimmt er den Faden auf und setzt die Unterhaltung fort, so wie mit seinem intellektuellen Pädagogenvater (Haffners Vater war Schuldirektor), der ihn sowohl forderte als auch förderte. Dialoge - eine beliebte Begleiterscheinung ihrer vielen Spaziergänge, v.a. durch die deutsche Geschichte.

Haffners Bücher und Mitschnitte aus Interviews und Sendungen (TV: Internationaler Frühschoppen mit Werner Höfer u.a.) sind erhältlich und zugänglich. Es bleibt der Eindruck eines integeren, engagierten Geschichtsarbeiters, der mit seinem ungebremsten und immensen Redefluss uns alle mitnimmt auf eine Reise mit Wiederkehr.

Anmerkungen
(1) Eigentlich lautet sein Name Raimund Pretzel. Sein Pseudonym setzt sich zusammen aus: "Sebastian" (Bach) und der "Haffner"-Sinfonie von Mozart, eine Vorsichtsmaßnahme und gleichzeitig Referenz an seine Lieblingsmusiker.
(2) David Astor, sein Chef dort, mit dem er ebenso befreundet war wie mit George Orwell oder Winston Churchill, eine illustre Runde. Sebastian Haffner hat dort eine wöchentliche Kolumne inne - bis er sich mit Astor streitet - wegen des Themas "Wiedervereinigung" im damaligen Deutschland, er verlässt daraufhin die Zeitung und geht in den 50ern nach Deutschland zurück.
(3) Auch Goethe war ja auf Wunsch seines Vaters zum Juristen ausgebildet worden, ebenso wie Franz Kafka.

© Dr. Karin Krautschick, Juni 2022.


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2022/06/14


Buchtipp vor 200 Jahren:
Ludwig Börne: »Schilderungen aus Paris«, 1822-24

von Dr. Christian G. Pätzold


boerne
Ludwig Börne, 1786-1837.
Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim (1800-1882).
Öl auf Leinwand, 1827.
Quelle: Wikimedia Commons.


Juda Löw Baruch, der sich Ludwig Börne nannte, wurde am 24. Mai 1786 im Judengetto von Frankfurt am Main geboren. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten die Juden in Deutschland in schwierigen Verhältnissen. Sie hatten nicht die gleichen Rechte, wurden unterdrückt, und bekamen nur einen besseren Status, wenn sie zum Christentum übertraten. Auch Börne ließ sich 1818 evangelisch taufen. Ludwig Börne studierte auf Wunsch seines Vaters Medizin, später auch Rechtswissenschaften und Kameralwissenschaften. Aber er entwickelte sich letztlich zu einem Publizisten und er gilt als der Begründer des deutschsprachigen Feuilletons.

1830 zog Börne endgültig nach Paris um, weil er dort nach der Julirevolution ein freieres Leben erhoffte. Auch für Deutschland sah er die Notwendigkeit einer Revolution, um die feudalen Herrschaften durch eine Demokratie zu ersetzen. Börne gehörte zu den fortschrittlichen deutschen Exilanten in Paris. Im Mai 1832 nahm Börne am Hambacher Fest teil, damals war er schon eine Berühmtheit in Deutschland. Das Hambacher Fest, die größte Versammlung der fortschrittlichen deutschen Kräfte, war auch durch Börnes »Briefe aus Paris« vorbereitet worden.

Börne wird zum Jungen Deutschland und zu den Schriftstellern des Vormärz gerechnet. Seine Beziehung zu Heinrich Heine, der ebenfalls im Pariser Exil lebte, war ursprünglich freundschaftlich, später warf Börne ihm allerdings vor, nicht radikal genug zu sein. Börne starb im Februar 1837 an der Tuberkulose in Paris. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Père Lachaise. "Es gibt nichts Angenehmeres auf der Welt, als in Paris zu sterben; denn kann man dort sterben, ohne auch dort gelebt zu haben?" (Ludwig Börne)

Ich möchte hier auf Börnes »Schilderungen aus Paris« (1822-1824) und seine »Briefe aus Paris« (1830-1833) aufmerksam machen, die sich immer noch lohnen, gelesen zu werden. Wie viele ging er ins Exil nach Paris, wo eine freiere Luft wehte, eine frische prickelnde Luft, in der der ganze Körper in Schwung kommt. Paris ist, das ist allgemein bekannt, eine sehr schöne Stadt. London ist die Stadt des Finanzmarkts und des Geldes, Berlin ist ein bisschen arm und ein bisschen sexy, aber Paris ist die Stadt der Liebe und der Leidenschaft. Börne schreibt:

"Nicht einem Strome, einem Wasserfalle gleicht hier das Leben; es fließt nicht, es stürzt mit bedeutendem Geräusch... Wenn man in Deutschland das Leben destillieren muß, um zu etwas Feurigem, Erquicklichem zu kommen, muß man es hier mit Wasser verdünnen, es für den täglichen Gebrauch trinkbar zu machen. Paris ist der Telegraph der Vergangenheit, das Mikroskop der Gegenwart und das Fernrohr der Zukunft... Es ist schwer hier, dumm zu bleiben, denn habe der Geist auch keine eigenen Flügel, er wird von anderen emporgetragen."

Paris war und ist auch die Stadt der Leserinnen und Leser. Bei Börne erfahren wir:

"Im Jahre 1789 hatte Paris nur ein einziges Lesekabinett; jetzt gibt es kaum eine Straße von Bedeutung, in der man nicht wenigstens eines fände... Das Lesen überhaupt, besonders das Lesen der politischen Zeitungen, hat in der Volkssitte tiefe Wurzeln geschlagen... Alles liest, jeder liest... Wenn einst Paris auf gleiche Weise unterginge, wie Herkulanum und Pompeji untergegangen, und man deckte den Palais Royal und die Menschen darin auf, und fände sie in derselben Stellung, worin sie der Tod überrascht - die Papierblätter in den Händen wären zerstäubt -, würden die Altertumsforscher sich die Köpfe zerbrechen, was alle diese Menschen eigentlich gemacht hatten, als die Lava über sie kam... Sie haben Zeitungen gelesen."

Berlin hat im 17. Jahrhundert viele französische Hugenotten aufgenommen, damit sie nach ihrer Façon selig werden konnten. Später hat dann Paris viele Deutsche aufgenommen, die von den deutschen Duodezfürsten unterdrückt wurden, die sich nicht versammeln durften und die nicht frei reden durften. Das ist doch eine schöne Verbindung zwischen Paris und Berlin.

Literatur:
Ludwig Börne, »Schilderungen aus Paris« und »Briefe aus Paris«, in: Börnes Werke in zwei Bänden, Berlin und Weimar 1981, Aufbau-Verlag.


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2022/06/11


Das alte Rathaus von Frankfurt (Oder)


rathausfrankfurtoder
Südlicher Schmuckgiebel des Rathauses von Frankfurt (Oder).
Foto von Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2022.


Das Rathaus von Frankfurt (Oder) brannte 1945 am Ende des 2. Weltkriegs komplett aus. Nur die solide mittelalterliche Fassade ist stehen geblieben und daher noch heute zu bewundern. Sie ist ein Beispiel für die norddeutsche Backsteingotik. Frankfurt an der Oder erhielt 1253 als Vrankenforde das Stadtrecht und ab dieser Zeit wurde vermutlich das Rathaus erbaut. Frankfurt war Mitglied der Hanse, des wichtigen Handelsverbandes der norddeutschen Kaufleute.

Über dem Giebel der südlichen Fassade hängt seit alten Zeiten ein goldener Hering. Er symbolisiert den Wohlstand der alten Stadt Frankfurt, der auf dem Handel mit Heringen gründete. Natürlich gab es in der Oder keine Heringe. Aber die Heringe wurden in der Ostsee gefangen und dann nach Frankfurt gebracht, um von dort in alle Himmelsrichtungen verkauft zu werden. Heringe waren im Mittelalter eine wichtige Speise. Zu den Fastenzeiten durften die Menschen damals aus religiösen Gründen kein Fleisch essen. Fische galten aber nicht als Fleisch. Und daher aßen die Menschen eine Menge Heringe und so wurden die Frankfurter Kaufleute reich.

Nach 1990 verlor Frankfurt (Oder) zuerst die Halbleiterindustrie und dann die Solarindustrie. Von den 100.000 Einwohnern sank die Zahl auf heute 60.000 Einwohner. Die Stadt ist heute besonders durch die Europa-Universität Viadrina mit 5.000 Student:innen, das Kleist-Museum und die engen Beziehungen zu Polen bekannt.

Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/06/08


Słubice, Borschtsch und Piroggen

von Dr. Christian G. Pätzold


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Borschtsch und Piroggen in Słubice/Polen.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2022.


Die Busexpedition der Hellen Panke ging dieses Mal über die Bundesstraße 1 vorbei am Berliner Balkon nach Frankfurt in Deutschland und über die Oderbrücke nach Słubice (gesprochen: 'swu-bi-tse) in Polen. Der Verkehr zwischen Deutschland und Polen floss zügig, natürlich ohne Grenzkontrollen. Ein grenzenloses Europa ist hier und heute noch Wirklichkeit, obwohl 1 Land weiter in der Ukraine der Krieg tobt. Die Polinnen und Polen haben sehr viele Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen. Die humorvolle Reiseleitung mit Spontisprüchen hatte Dr. Siegfried Wein, bei schönstem Maiwetter.

Dass man in einem anderen Kulturkreis ist, merkt man zuerst am Essen. Und so bekamen wir im Restaurant in Słubice Borschtsch und Piroggen zum Mittag. Zunächst zum Borschtsch, eine Rote-Beete-Suppe, die in ganz Ost-Europa sehr beliebt ist. Bekannt sind vor allem der russische und ukrainische Borschtsch und der polnische Barszcz, die allerdings sehr verschieden sind. Der polnische Barszcz ist eine klare Rote-Beete-Suppe, während der russische Borschtsch mehr ein Eintopf ist: Er enthält neben Rote-Beete-Stücken auch Weißkohl, Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten, Fleisch und verschiedene Gewürze. Auf den Borschtsch kann man auch einen Schlag saure Sahne geben.

Eine Art Nationalgericht in Polen sind auch die Piroggen (polnisch Pierogi), die traditionellen gefüllten Teigtaschen mit Saure-Sahne-Soße. Teigtaschen gibt es in vielen Ländern, in China heißen sie Wan Tan oder Dim Sum, in Russland Pelmeni, in Italien Ravioli oder Tortelloni, in Chile Empanadas, in der Türkei Kayseri Manti und in Deutschland Schwäbische Maultaschen. Teigtaschen sind überall eine preiswerte Speise der einfachen Menschen. Aber diese Teigtaschen sind in jedem Land etwas anders und haben ihren besonderen Geschmack. Es gibt dutzende verschiedene Füllungen für polnische Piroggen, zum Beispiel Sauerkraut, Quark, Hackfleisch, Hühnchen, Kartoffeln, Zwiebeln, Pilze, Gemüse, Obst, Käse, Schinken etc. Gefüllt wird in die Piroggen, was man gerade im Haushalt hat. Dadurch gibt es immer eine geschmackliche Abwechslung.

Unser Restaurant in Słubice lag am Frankfurter Platz (Plac Frankfurcki) direkt hinter der Oderbrücke. Auf dem Platz steht das einmalige Wikipedia-Denkmal, das von dem armenischen Bildhauer Mihran Hakobjan geschaffen wurde. Die bronzefarbene, aus wetterbeständigem Kunststoff bestehende Skulptur zeigt Bündel von Buchseiten, auf denen 2 Frauen und 2 Männer stehen, die die Erdkugel in die Höhe heben, die das Logo von Wikipedia ist. An der Skulptur sind zwei Tafeln in polnischer und deutscher Sprache mit der folgenden Inschrift angebracht:

"Die Bürger der Stadt Słubice möchten mit diesem Denkmal ihre Hochachtung für Tausende anonyme Autoren weltweit zum Ausdruck bringen. Über politische, religiöse und kulturelle Grenzen hinweg ließ ihr ehrenamtliches Engagement Wikipedia, das größte durch Menschen gemeinsam geschaffene Projekt, erst möglich werden. Im Jahre der Enthüllung des Denkmals war Wikipedia in über 280 Sprachen zugänglich und beinhaltete insgesamt 30 Millionen Artikel. Die Stifter des Denkmals sind davon überzeugt, dass die Wissensgesellschaft, deren Säule auch Wikipedia ist, im Stande sein wird, eine nachhaltige Entwicklung unserer Zivilisation, soziale Gerechtigkeit und den Völkerfrieden zu garantieren. 22.10.2014."

Gegenüber vom Frankfurter Platz befindet sich das Collegium Polonicum, an dem die Studenten zweisprachig polnisch und deutsch sind, und meist auch noch englisch sprechen. Das Collegium Polonicum unterrichtet die polnische Kultur und Sprache und wird gemeinsam von der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznan und von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) betrieben. Der Besuch der Dachterrasse des Collegium Polonicum hat sich gelohnt. Von dort oben in der 4. Etage hat man einen wundervollen Blick auf Frankfurt auf der anderen Seite der Oder, auf die Oderbrücke und auf die malerische Natur der Oderauen.

Słubice war bis 1945 eine deutsche Stadt, ein Stadtteil von Frankfurt (Oder). Die deutsche Bevölkerung musste am Ende des 2. Weltkriegs Słubice verlassen. Die Oder wurde zur Grenze zwischen Deutschland und Polen. Heute ist Słubice eine vollständig polnische Stadt, allerdings mit freundschaftlichen Beziehungen zu Frankfurt auf der anderen Seite der Oder.



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Das Wikipedia Denkmal von Mihran Hakobjan in Słubice/Polen auf dem Plac Frankfurcki.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2022.


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2022/06/05


Der Tag der Umwelt wird 50

von Dr. Christian G. Pätzold


adfc


Zuerst gab es die Klimakatastrophen-Demos von Fridays For Future und von Extinction Rebellion, dann kamen die Corona-Demos, und jetzt haben wir die Ukraine-Demos. Der allgemeine Umweltschutz ist dabei etwas ins Abseits des Interesses gerückt. Trotzdem gibt es noch Aktivitäten, zumal die Pandemiebeschränkungen inzwischen gelockert sind.

Der Tag der Umwelt oder Weltumwelttag, auf Englisch World Environment Day (WED), wird seit 50 Jahren an jedem 5. Juni begangen. Er geht auf den 5. Juni 1972 zurück, als der erste Weltumweltgipfel in Stockholm/Schweden eröffnet wurde. Anfang der 1970er Jahre war in Deutschland und weltweit der Gedanke des Umweltschutzes bei einigen Leuten angekommen, besonders bei jungen Menschen. Daraus entwickelte sich zum Beispiel die Anti-Atomkraft-Bewegung. Und Anfang der 1980er Jahre wurden in West-Deutschland und West-Berlin die Parteien Die Grünen bzw. die Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz gegründet.

1992 fand dann die große Umweltkonferenz in Rio de Janeiro/Brasilien statt, auf der der Begriff der Sustainability ins Zentrum rückte. Heute 30 Jahre später ist der Begriff der "Nachhaltigkeit" noch immer nicht in den Köpfen der meisten Menschen angekommen. Ein nachhaltiger Stil des Lebens, was soll das sein? Nachhaltigkeit ist für viele Menschen etwas Theoretisches, bei dem man nachdenken muss, also uninteressant. Nachhaltigkeit ist irgendetwas aus der Forstwirtschaft, also nicht relevant. So denken viele.

Aber trotzdem gibt es noch einige unermüdliche Ökos, die den Schutz der Umwelt und der Natur hochhalten. Sie treffen sich traditionell in Berlin im Zusammenhang mit dem Tag der Umwelt zur großen Fahrrad-Sternfahrt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), dieses Jahr am Sonntag, 12. Juni 2022. Der ADFC schreibt dazu:

"Aus allen Himmelsrichtungen rollen Radfahrerinnen und Radfahrer zum Großen Stern. Das Besondere an der ADFC-Sternfahrt: Einsteigen kann man in verschiedenen Orten in Brandenburg und in der ganzen Stadt Berlin. Für Kinder und deren Eltern gibt es eine kürzere Kinderroute. Auf ihr können Familien in kindergerechtem Tempo vom Bahnhof Jannowitzbrücke zum Großen Stern fahren. Die Hälfte der Routen trifft im Bereich Wannsee zusammen und rollt über die AVUS nach Norden. Die anderen Routen treffen sich an der A100 und fahren gemeinsam über den eigens gesperrten Südring. Die Startpunkte in Brandenburg werden oft auch von Radfans aus Berlin und ganz Deutschland per Zug angesteuert, um das Mega-Event in voller Länge zu genießen."

www.adfc-berlin.de/aktiv-werden/bei-demonstrationen/sternfahrt.html.

Im Anschluss an die Fahrrad-Sternfahrt zum Großen Stern im Tiergarten findet ebenfalls am Sonntag, 12. Juni 2022, das große Umweltfestival mit einer Bühnenshow am benachbarten Brandenburger Tor statt. Außerdem sind auf der Straße des 17. Juni zahlreiche Stände von Organisationen, die sich im Umweltschutz engagieren, aufgebaut. Dort kann man sich informieren und mit Aktivist:innen sprechen.
www.umweltfestival.de.

Zusätzlich gibt es den Langen Tag der StadtNatur am Samstag, 11. Juni 2022, und am Sonntag, 12.Juni 2022. Aus 500 Veranstaltungen zur Natur in der Stadt kann das Passende ausgesucht werden. Die Veranstaltungen und Führungen finden in alle Bezirken Berlins statt.
www.langertagderstadtnatur.de.


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2022/06/04


diewaffennieder
Haus der Rosa-Luxemburg-Stiftung am Berliner Ostbahnhof, 31. Mai 2022.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/06/02

Wolfgang Weber
geh zu den Büchern

Textbar 13.12.2021, Thema: zu Fuß gehen


buecherbox
Bücherbox vor dem Centre Français in Berlin Wedding.
Foto von © Wolfgang Weber.


ich geh zu Fuß
geh zu Fuß
ja zu Fuß
so manches Mal
geh ich zu Fuß
ja Fuß
welch ein Genuuuß
ich geh zu Fuß

wo geh ich hin zu Fuß
ich geh zum Buch
zu den Boxen
zum Buch in den Boxen

ja ich geh zu Fuß
geh zu Fuß
zu Fuß
geh zum Buch

vorm Museum
vor der Fabrik
ich geh dorthin zu Fuß
zu Fuß
immer zu Fuß

früher mal war die Box
ne Telefonzelle
die sind unterdessen
aus der Mode
telefoniert wird jetzt
allüberall & immerfort
mit dem was hierzulande
pseudo-englisch Handy heißt
woanders sagen sie mobile dazu
(englisch: ai, französisch: ie)

ich geh zu Fuß
ich geh zum Buch
ja zum Buch

hab ich genug geschaut
geh ich weiter zu Fuß
ja Fuß
weiter geht's zur nächsten Bücherbox
war früher auch mal ne Telefonzelle
steht an ner breiten Straße
mitten auf der Promenade

nicht weit von hier
war vor langer Zeit
Grenze zwischen West & Ost
D & D

dort in der Nähe
hab ich mal gewohnt
war nicht viel los zu der Zeit
ist nicht mehr ganz so

also ich geh
an der großen Straße lang
bis ich zur nächsten
größeren Kreuzung komme

da ist sie schon
die Promenade
groß & breit
mitten drin in der Straße

mit Bänken & Bäumen
Lampen & Leuchten
mit Leuten jung & alt
von hier & woanders
Spiel & Sport

womöglich fuhr hier vor
langer Zeit ne Straßenbahn
ich bin zwar schon so lange
in Berlin dass ich Berliner oder
wenigstens Weddinger sein muss
aber dann wars vor meiner Zeit

ich geh zu Fuß
ja zu Fuß
auf der Promenade
bis zum Ende

da ist sie die Bücherbox
die Telefonzelle
mal voller mal leerer
viele oder wenige Bücher drin

manchmal auch anderes
CDs DVDs BluRays, Schallplatten
Kleidung obwohl direkt daneben
eine Kleidersammelbox steht

ich geh zu Fuß
auch zu dieser Bücherbox
kurz vorm nächsten Stadtteil
Wedding zu Prenzlauer Berg

hab ich genug gesehen
& noch wenig gefunden
fahr ich zu noch ner Box des Buches

aber zuerst geh ich zu Fuß
zur Straßenbahnhaltestelle
ist nicht so weit

fahre ein kleines Stück
zehn Minuten
gehe dann zu Fuß
ein kleines Stück

zur U-Bahn
fahre bis zur nächsten Station
gehe wieder zu Fuß

noch eine Box
gerade noch im Wedding

on parle français
peut être
man spricht dort
Französisch
manchmal wenigstens

Leute oder Bücher
einen kleinen Eiffelturm gibt es auch
aus Holz, nicht Metall

nimm eins gib eins
heißt es auch hier
manchmal ist wirklich viel los

gelegentlich werden einzelne
ungeduldig oder nervös
gibt gar keinen Grund dafür
Bücher & Ungeduld
passen schlecht zusammen

bin ich dann fertig mit
Schauen Blättern
Entscheiden Verwerfen
Unterhalten
setz ich mich wieder
in Bewegung

geh zu Fuß
zum nächsten U-Bahnhof
oder gleich bis zur Straßenbahn
hängt von Gepäck Wetter & Laune ab

ich geh zu Fuß
ja zu Fuß
immer wieder zu Fuß
fahr wieder mit der Straßenbahn
ja Straßenbahn
diesmal nicht ganz so weit

ich geh zu Fuß
wieder zu Fuß
da gibt es noch nen Bücherbaum
der steht schon ne Weile da

die Chefin von Seniorenheim
Café, Hotel und Bar Big Mama
ja so heißt das Hotel
klingt beinah als ob es der Spitzname der Chefin wäre

Big Mama die Chefin hat jedenfalls
seinerzeit eine Bildhauerin beauftragt
diesen Baum zu gestalten,
das Projekt wurde auch öffentlich gefördert
danach passierte nicht viel.
vor kurzem gingen die
Plexiglasklappen kaputt
die die Bücher vor Feuchtigkeit
schützen sollen & oh Wunder
es wurde tatsächlich für Ersatz gesorgt

meist lohnt es sich nicht allzu sehr
hier nach Büchern Ausschau zu halten
wenig Platz, nichts Tolles drin
wenig Bewegung
manchmal aber läuft der Baum über

auf & ab
so ist es oft auch bei
den anderen Bücherboxen
nun habe ich für heute
genug geschaut
jedenfalls draußen

von dort ist es nicht mehr so weit
der Baum steht in meiner Straße
auch das letzte Stück geh ich zu Fuß
zu Fuß
ja Fuß

ich geh zu Fuß
ja zu Fuß
immer wieder zu Fuß

© Wolfgang Weber, Juni 2022.

Seht bitte auch den Artikel "Die Villa Libris" vom 2018/08/17 auf kuhlewampe.net.


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2022/05/31


vorschau06


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2022/05/28

Dagmar Sinn
Schöner Sommer


Es naht der Sommer, Ferienzeit
und große Freude macht sich breit:
wir lernen Energie zu sparn
und fahren mit der Bundesbahn.
Wir sehn uns um im ganzen Land -
9 Euro Tickets in der Hand.

Die Reisezeit ist kurz bemessen,
und eines darf man nicht vergessen:
Corona weicht (und wir frohlocken),
doch vor der Tür stehn Affenpocken

Sinds Reisen, Männer-Tierkontakt?
Flugs wird Herr Lauterbach gefragt.
Die Lösung ist noch nicht in Sicht,
denn was Genaues weiß man nicht.

Für Herbst gibts Impfstoff wie noch nie -
wohlan, die nächste Pandemie!

© Dagmar Sinn, Mai 2022.


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2022/05/27

Wangerooge in den frühen 60ern, Teil II

von Dr. Christian G. Pätzold


wangerooge2
Wattwanderung in Wangerooge, Sommer 1965.


Baden in der Nordsee war nicht gerade ein Genuss, das Wasser war ziemlich kalt auch im Hochsommer, Quallen und andere Viecher schwammen reichlich herum, und das Salzwasser war unappetitlich, wenn man es aus Versehen schluckte. Ein bemerkenswerter Bau war das Café Pudding, ein Rundbau, zentral an der Strandpromenade gelegen, mit großen Fenstern zum Meer, Wahrzeichen von Wangerooge neben dem Leuchtturm.

Es gab auch ein Kurmittelhaus an der Strandpromenade, in dem es ein seltsam schmeckendes kostenloses Heilwasser zum Trinken gab. Wissbegierig wie ich war, habe ich mir ein Glas geschnappt und etwas Heilwasser ausprobiert. Nach dem schrecklichen Geschmack des Wassers zu urteilen, muss es sehr heilsam gewesen sein. Wangerooge nannte sich ja "Nordseeheilbad". Da musste es natürlich auch ein magisches Heilwasser geben. Wer daran glaubte, wurde vielleicht geheilt. Denn die psychische Verfassung spielt ja eine große Rolle bei körperlichen Leiden. Kurtaxe mussten die Urlauber auch bezahlen, aber ich weiß nicht mehr, wie hoch die war.

Einen Minigolfplatz gab es auch, auf dem ich manchmal gespielt habe. Man musste einen kleinen Ball mit möglichst wenigen Schlägen in ein Loch befördern. Wer die wenigsten Schläge brauchte, hatte gewonnen. Diese Logik war nicht schwer zu verstehen. Für einen richtigen Golfplatz hätte die Fläche von Wangerooge nicht ausgereicht.

Zum Mittagessen waren wir öfter in einem Laden, in dem es Milchreis gab, wahrscheinlich weil es billig war und satt machte. Es gab 3 Sorten zur Auswahl: Milchreis mit Früchten, Milchreis mit Apfelmus und Milchreis mit Zimt und Zucker. Ich kannte Milchreis von zu Hause nicht und hielt es eher für eine Babynahrung. Ein Zeitvertreib in Wangerooge war die Wattwanderung, die bei Ebbe möglich war. Man konnte schön tief im Modder versinken und Wattwürmer beobachten. Und dann habe ich auch mal eine Fahrt mit dem Krabbenkutter mitgemacht. Der Krabbenkutter fing mit dem Netz die Krabben. Dann gab es an Bord einen großen Topf mit heißem Wasser, in dem die Krabben gleich gekocht wurden. Durch das Kochen bekamen die grauen Krabben eine rote Farbe. Und anschließend konnten wir die Krabben gleich auf dem Schiff verspeisen. Das Krabbenpulen verlangte allerdings eine gewisse Fingerfertigkeit, denn man musste aufwändig die Schale der Krabben entfernen, um an das Fleisch zu kommen.

Gelegentlich besuchte ich auch das Vogelschutzgebiet im östlichen Teil der Insel, ich war bei dem dortigen Ornithologen (Vogelforscher), der ein ziemlich einsames Leben so ähnlich wie ein Ranger führte, ich habe niedliche Möwenküken in den Dünen gesehen, und dem Ornithologen bei der Zugvogelberingung zugeschaut. Er hat die Vögel in einem großen Netz gefangen und dann beringt, um die Wanderungen der Vögel zu verstehen. Dazu hat er einen kleinen Metallring mit Nummer an einem Bein des Vogels angebracht und ihn dann wieder losflattern lassen. Wenn der Vogel dann später an einer anderen Stelle gefunden wurde, hat der Ornithologe eine Meldung bekommen und hat so verstanden, wohin der Vogel geflogen ist. Die Vogelwelt hat mich damals so fasziniert, dass ich eigentlich Ornithologe werden wollte. Aber auch das hat sich nicht realisiert. Immerhin habe ich mir später eine paar Vogelbücher angeschafft.

Man war nicht auf die Insel Wangerooge beschränkt. Es gab von Zeit zu Zeit die Möglichkeit, mit kleinen Schiffen die anderen ostfriesischen Inseln zu besuchen, ein Insel-Hopping. So erinnere ich mich noch an einen Tagestrip nach Langeoog. Die Insel hatte große Ähnlichkeit mit Wangerooge.

Zur Bedeutung des Namens Wangerooge heißt es bei Wikipedia:
"Der Name Wangerooge setzt sich zusammen aus dem altgermanischen Wort Wanga für Wiese und dem friesischen Wort Oog für Insel, was sich in direkter Übersetzung als Wieseninsel deuten lässt. Benannt ist die Insel allerdings nach dem Wangerland (Wiesenland), dem die Insel vorgelagert ist. Der Name Wangerooge bedeutet: die zum Wangerland gehörende Insel. Das Wangerland hat wiederum seinen Namen von dem alten friesischen Gau Wanga, der bereits zu Zeiten Karls des Großen erwähnt wurde. Siedlungsfunde in diesem Bereich gibt es schon aus dem 2. Jahrhundert v.Chr. Wangerooge wurde erstmals 1306 in einem Vertrag über Strandrechtsfragen zwischen der Stadt Bremen und dem Gau Östringen urkundlich als Wangarou bezeichnet. Im Jahre 1327 wurde die Insel Wangeroch genannt. Seit etwa 1800 ist die heutige Bezeichnung geläufig."

Noch etwas zur Geschichte: Der Bade-Tourismus auf den ostfriesischen Inseln entwickelte sich besonders seit 1870 im Deutschen Kaiserreich stark und wurde zum hauptsächlichen Wirtschaftsfaktor. Seit dieser Zeit gab es auch den Bäder-Antisemitismus, bei dem jüdische Gäste in Badeorten nicht erwünscht waren. Vor 1933 galt auch Wangerooge als judenfeindlicher Kurort. In der Werbung der Bäder hieß es damals: "Das judenfreie Nordseebad", "Stein- und judenfreier Badestrand", "Juden werden hier nicht geduldet!" Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wurden sowieso alle Kurorte für Juden und Jüdinnen gesperrt. Aber von dieser Geschichte wusste ich damals noch nichts, als ich als Kind und Teenager in Wangerooge war. Juden sind mir jedenfalls nicht aufgefallen.

Auf so einer kleinen Insel wie Wangerooge war das Leben sehr überschaubar und auf das Wesentliche reduziert. Es waren jedenfalls schöne Sommerwochen damals zu Beginn der 1960er Jahre. Wangerooge war eine andere, neue Welt für mich, ganz anders als Berlin oder die Mark Brandenburg. Und dann begann ein neuer Zeitabschnitt: 1968.

Nach 1965 war ich nie wieder auf Wangerooge. Wie es heute dort aussieht, weiß ich nicht. Was wird passieren, wenn der Meeresspiegel aufgrund der Erdüberhitzung um 1 Meter steigt? Dann wird der schöne feine Sandstrand von Wangerooge leider fortgespült werden und verschwinden. Sehr schade.

© Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2022.


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2022/05/24

Wangerooge in den frühen 60ern, Teil I

von Dr. Christian G. Pätzold


wangerooge1
Schuhmachermeister Manott mit Fischen in Wangerooge, Sommer 1965.


Als ich neulich eine Antwort auf eine Postkarte erhielt, die ich vor 60 Jahren geschrieben hatte, war ich einigermaßen erstaunt. Die Mail kam von einer Kindheitsbekannten vom Niederrhein, die ich während der Sommerferien auf Wangerooge kennen gelernt hatte, denn dort hatte man ja Strandkorbnachbarn aus ganz Deutschland. Im Zuge des Aufräumens hatte sie meine alte Postkarte mit ein paar belanglosen Zeilen und einem Foto der Berliner Kongresshalle gefunden. Leider hatte sie meine wertvolle Ansichtskarte sofort in ihrem Aktenvernichter geschreddert, da man ja nicht alles aufheben könne. Anschließend hat sie mich doch im Internet gegoogelt und dort tatsächlich meine E-Mail-Adresse gefunden. Mein Gedächtnis hat inzwischen anscheinend schon Lücken, denn ich konnte mich nicht mehr an die Postkarte erinnern. Aber dieser Anstoß hat bei mir dazu geführt, wieder mal gedanklich in die Kindheit zu schweifen.

Kindheitserlebnisse aus Wangerooge, einer Familienferieninsel, der östlichsten der ostfriesischen Inseln in der Nordsee. Mehrere Jahre in den Sommerferien im Juli und August war ich dort, so etwa zwischen 1958 und 1965. Es waren die frühen 60er Jahre, die späten Wirtschaftswunderjahre nach dem 2. Weltkrieg. Die Sommerferien waren für mich eine dringend benötigte Erholung vom alltäglichen Schulstress. Wangerooge war damals in den Sommerferien gut besucht, alle Strandkörbe waren belegt, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass die Insel überlaufen war. Es gab keinen Overtourism, wahrscheinlich auch, weil es keine großen Bettenburgen gab, sondern nur kleine Ferienunterkünfte der Einheimischen, die der kleinen Insel angemessen waren. Es gab auch keine Schickeria auf Wangerooge. Wangerooge ist nur 5 Quadratkilometer groß. Andere Nordsee-Inseln zum Vergleich: Borkum ist 31 Quadratkilometer groß, Sylt sogar 99 Quadratkilometer.

Besonders angenehm war, dass die Insel autofrei war. Daher konnte man gefahrlos überall herumlaufen. Da die Bewohner der Insel keine Autos haben durften, besaßen sie alle Fahrräder mit Anhänger, in denen sie Gepäck, Waren und Kinder transportieren konnten. Ja, damals in den autoverrückten 1960er Jahren gab es schon ein Land in Deutschland, in dem nur Fahrräder und Pferdekutschen fuhren. Da die Distanzen aber alle kurz waren, waren die Leute meist zu Fuß unterwegs. In Berlin wird erst heute gefordert, die Innenstadt innerhalb des S-Bahn-Rings autofrei zu machen.

Unsere Anreise von Berlin nach Wangerooge war ein gewisses Abenteuer, denn sie bestand aus Taxi, Flugzeug, Bahn und Schiff. Wir brauchten einen ganzen Tag dafür. Zunächst ging es mit dem Taxi von unserer Wohnung zum Flughafen Berlin Tempelhof mit der großen Empfangshalle und von dort mit dem Propellerflugzeug der Pan American Airways nach Hannover, denn West-Berlin war ja seit dem 13. August 1961 eine eingemauerte Stadt und nur Flugzeuge der West-Alliierten durften in West-Berlin landen und starten. Dann mit Bahn von Hannover bis zum Hauptbahnhof Bremen. Und schließlich die Überfahrt nach Wangerooge mit dem kleinen Schiff von Harlesiel. Vom Schiffsanleger ging es mit der Kleinbahn zum Bahnhof im Ortskern, wo sich in der Nähe unsere Unterkunft befand. Beeindruckt haben mich die Rückflüge nachts von Hannover nach Berlin, mit den Tausenden von blinkenden Lichtern der Stadt, die man beim Anflug auf Berlin Tempelhof aus der Vogelperspektive bewundern konnte. Während unserer Ferien in Wangerooge wurde unsere Wohnung in Berlin von meiner Großmutter gehütet. Wahrscheinlich wäre sie auch gern in Wangerooge in der Sommerfrische gewesen, aber irgendwer musste ja auf die Wohnung aufpassen.

In Wangerooge wohnten wir bei Schuhmachermeister Manott, Damenpfad 7. Das war nicht weit vom Strand entfernt. Wenn das Wetter mal nicht so gut war, habe ich oft in seiner Werkstatt neben ihm gesessen und ihm beim Flicken der Schuhe zugeschaut. Der süße Duft des Klebstoffes für die Sohlen ist mir noch in der Nase. Stark beeindruckt hatten mich damals die Stöckelschuhe mit den winzigen Pfennigabsätzen. Ich habe mich gewundert, wie man auf so kleinen Absätzen laufen kann. Herr Manott hat nebenbei auch Seesterne, Seeigel und Fische präpariert, die ich als Mitbringsel mit nach Berlin gebracht habe. Darunter auch so seltsame Fische, die ich noch nie gesehen hatte. Ich bin damals in Wangerooge immer barfuß mit Holzlatschen (Pappelholzsandalen) rumgelaufen. Ich glaube wir nannten sie damals Klapperlatschen, weil sie so ein klapperndes Geräusch beim Laufen auf dem Trottoir gemacht haben. Das war eigentlich nur ein Holzbrett mit einem Lederriemen über den Zehen. Waren sehr gesund für die Füße und außerdem waren sie unverwüstlich. Am Strand bin ich natürlich barfuß im feinen Sand gelaufen.

Endlose Sonnenstunden. Wir verbrachten viel Zeit am Strand und in unseren Strandburgen mit den gemieteten Strandkörben und dösten vor uns hin, umgeben von strahlender Sonne, gesunder Nordseeluft und Strandgeräuschen. Die Strandburgen waren rund, vielleicht 4 Meter im Durchmesser, mit hohen Sandwällen an den Rändern, die wir Kinder regelmäßig aufschippten. Auf den Sandwällen waren oft schöne Muschelverzierungen, die verschiedensten Muscheln wurden am Strand gesammelt. Um den Sand klebrig zu machen, war es notwendig, in kleinen Eimern Wasser vom Meer zu holen und mit dem Sand zu vermischen, so dass eine Pampe entstand.

Der Strandkorb, den man tageweise oder länger mietete, war ein besonderes Möbel. Er bestand aus einer Bank für 2 Personen, über der sich ein geflochtener Schirm gegen Wind und Sonne befand, der verstellbar war, so dass der Strandkorb etwa so hoch war wie ein erwachsener Mensch. Es gab außerdem ein kleines Brett, das aufgeklappt werden konnte und als Tisch diente. Unter der Bank befanden sich zwei Teile, die herausgezogen werden konnten. Darauf konnte man die Füße ausstrecken. Insgesamt war der Strandkorb eine sehr praktische Einrichtung, in der man vor sich hin dösen konnte, heute würde man chillen sagen.

Der Fotograf Becker von Wangerooge war eine Institution. Er lief oft zwischen den Strandkörben rum und rief laut "Hallo - ein Sonnenfoto !" Am nächsten Tag waren die Aufnahmen in seinem Schaukasten zu sehen. Man konnte die Fotos in Postkartengröße bei ihm kaufen. Sie waren in schwarz-weiß und scharf. Fotos waren damals noch etwas Besonderes. Die Leute hatten noch keine Smartphones, mit denen sie ständig Aufnahmen und Selfies machen konnten. Daher kaufte man gern ein oder zwei Fotos beim Fotografen, um sie als Souvenir vom Urlaub mit nach Hause zu nehmen. Ich habe heute nach über 60 Jahren immer noch die alten Fotos aus Wangerooge. Ich bezweifle, dass die heutigen Smartphone-Fotos so lange überleben werden.

© Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2022.


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2022/05/21


Der Autobahnwahnsinn geht weiter:

Die deutsche Bundesregierung will die Berliner Stadtautobahn A100 von Treptow nach Friedrichshain und Lichtenberg weiter bauen und damit die Stadt weiter zerstören.


»Unsere Stadt braucht Grünflächen, bezahlbare Wohnungen und Platz für Kiezkultur, aber ganz bestimmt keine neue Autobahn mitten durch ein dicht besiedeltes Wohngebiet. Das ist ein rückwärtsgewandtes, völlig überteuertes Verkehrsprojekt aus dem letzten Jahrtausend und hat mit moderner Stadt- und Verkehrsplanung nichts zu tun. Dass der Weiterbau der A100 zudem gegen den erklärten Willen der Landesregierung erfolgen soll, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Wir lehnen den Weiterbau entschieden ab und werden alle Mittel und Wege nutzen, um diesen klima-, verkehrs- und stadtpolitischen Unsinn zu verhindern.«

Katina Schubert, Landesvorsitzende der Berliner Linken.


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2022/05/18


Die Inflation steigt:

Schon 7,4 % Preissteigerung im April 2022 gegenüber dem Vorjahresmonat.
Die Schnorrer fragen schon: "Haste ma 2 €uro ?"
Und der Döner kostet schon 5,- €uro !
Die Strom- und Gaspreise schießen in die Höhe.


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2022/05/15


Georg Scholz, 1890-1945
Kriegerverein, 1922


kriegerverein
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe. Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/05/11


Karl Marx und der Kapitalismus
Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin bis 21. August 2022


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Karl Marx (Trier 1818 - London 1883)


Als ich im März zur Karl-Marx-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum fuhr, kam ich am Berliner Hauptbahnhof vorbei. Dort kamen gerade tausende Geflüchtete an, die dem Krieg in der Ukraine entkommen waren. Es waren vor allem Frauen mit kleinen Kindern, die von den freiwilligen Helfern empfangen wurden. Die Helfer hatten Tische mit Tee, Lebensmitteln, Kleidern, Spielsachen für die Kinder, Kinderwagen und weiteres aufgestellt. Es gab auch ein Zelt für die medizinische Versorgung und Matratzen auf dem Fußboden, auf denen sich Geflüchtete ausruhen konnten. Die Hilfsbereitschaft für diese armen Menschen war groß.

Es waren dieselben Bilder, die ich schon im Oktober 2015 im Hauptbahnhof in Rostock gesehen hatte, als die vielen syrischen Geflüchteten ankamen, um mit der Fähre über die Ostsee nach Schweden weiter zu reisen. Auch damals wurden die Geflüchteten mit warmem Tee und Lebensmitteln von freiwilligen Helfern versorgt. Die Parole damals war: "Refugees Welcome".

Beim Anblick der Situation im Hauptbahnhof kam mir der Gedanke in den Kopf, wie schön die Welt sein könnte, wenn die Menschen in Russland und in der Ukraine dem Internationalisten Karl Marx gefolgt wären, statt auf nationalistische Fanatiker herein zu fallen. Sie würden heute in einer blühenden Sowjetunion zusammen in Frieden leben. Stattdessen haben sie sich für den Kapitalismus entschieden und bringen sich in der Ukraine gegenseitig um. Das war eine schlechte Wahl.

Da es mal wieder an der Zeit ist, sich auf Karl Marx zu besinnen, kommt die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zur richtigen Zeit. Es ist zwar eine kleine Ausstellung, aber sie ist durchaus sehenswert. Die Basics zu Karl Marx und zum 19. Jahrhundert in Europa und in der Welt werden vermittelt. Es werden Veröffentlichungen von Marx zu seinen Lebzeiten ausgestellt, außerdem Manuskripte, Notizbücher, Briefe, Exzerpte. Besonders beeindruckt haben mich die originalen Handschriften von Marx, die ausgestellt werden. Das DHM spielt ja in der obersten Liga der Museen und hat daher die Möglichkeit, auch sehr wertvolle Exponate von internationalen Leihgebern auszuleihen.

Die Ausstellung ist in 7 Themenbereiche gegliedert: Religions- und Gesellschaftskritik, Judenemanzipation und Antisemitismus, Revolution und Gewalt, Neue Technologien, Natur und Ökologie, Ökonomie und Krisen, Kämpfe und Bewegungen. Zu allen Bereichen gibt es erstklassige Ausstellungsstücke zu sehen.

Leider ist der Eintrittspreis von 8 €uro ziemlich unverschämt für ein staatliches Museum. Wer kann, sollte im Internet ein Zeitfenster-Ticket für den eintrittsfreien Museumssonntag buchen. Kuratorin der Ausstellung ist Sabine Kritter. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

Dr. Christian G. Pätzold.

Seht bitte auch die Artikel "150 Jahre Das Kapital von Karl Marx" vom 2017/03/22 und "Zum 200. Geburtstag von Karl Marx" vom 2018/05/05 auf kuhlewampe.net.


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Blick in die Karl-Marx-Ausstellung im DHM.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold, März 2022.


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2022/05/08

Wolfgang Weber
Nipper

Textetisch 01.12.2021 Thema: Plattenspieler


nipper


Plattenspieler, spiel uns noch mal die alte Melodie, spiel sie mit dem Grammophon, aus dem Trichter. Spiel sie, spiel sie Nipper, das ist sein Name.

Maskottchen der Plattenfirma. HIS MASTER'S VOICE, Stimme seines Herrn, das Motiv wurde auch in der Vinyl-Ära weiter verwendet.

Nipper, der Hund, bellt den Mond an. Ja, es gab tatsächlich einmal Schallplatten mit Hundegebell. Aber wenn ich überhaupt Hunde bellen hören möchte, dann lieber in natura als auf Schallplatte oder CD.

Sind Plattenspieler nostalgisch? Unterdessen sogar wieder trendy.

Sind Grammophone nostalgisch? Gewiss. Sie spiegeln die Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz. Fragile that's what we are (STING). Zerbrechlich.

Im Grunde sind alle Ton & Bildträger zerbrechlich, verletzbar, wenn sie zu Boden fallen, versehentlich, gar aus Wut über die Darbietung.

Bringen solche Scherben Glück? Bruchstücke der Erinnerung.

Staub, der Feind eigentlich aller Tonträger: Schellack, Vinyl, CD, BluRay, Acetat, 8track, Musikkassette, Laserdisk, VHS, Spulentonbänder.

Nadeln, Saphire, Scheiben dürfen nicht springen, Staub mögen sie nicht, Kratzer auch nicht.

Es gibt allerlei Mittel: besondere Bürsten, Tücher, Sprays, um Staub von den Scheiben fernzuhalten. Manche spielen Schallplatten gar nass ab, höchst umstritten.

Die eigentlichen Schallplatten haben verschiedene Geschwindigkeiten: 16 / 33 / 45 / 78 rpm / revolutions per minute / upm / Umdrehungen per Minute.

Verschiedene Größen, Formen und Farben gibt es auch. 7, 10 und 12 Inch, veraltet 16 Inch, hier bekannt als 19, 25 und 30 cm. Singles, EPs, LPs, Alben, Boxen.

Ein Gimmick sind unrunde Scheiben, die vieleckig geformt sind, shape disks.

Scheiben können alle möglichen Farben annehmen, nicht nur die gebräuchlichste: schwarz. Sie können auch weiß, gelb, rot, grün, bunt sein.

Picture disks haben Muster auf der Scheibe, oft dem Motiv der Plattenhülle entnommen. Ob solche Platten auch gut abspielbar sind, ist wiederum umstritten.

Hüllen waren zunächst nur zweckmäßig, oft mit Mittelloch, aus Karton oder Papier, oft rein schwarz oder braun, später mit allgemeinem Aufdruck der Plattenfirma.

Auf den Scheiben der Vinyl-Ära finden sich oft großartige Kunstwerke oder Fotos, die in großen Formaten besser zur Geltung kommen als auf CD Hüllen, klein wie Briefmarken.

Viele Labels haben eine wiedererkennbare Covergestaltung, wie z.B. Blue Note oder Deutsche Grammophon.

Ein Plattenspieler ist einer, der immer noch oder wieder Schallplatten abspielt, auflegt, Liebhaber der Musik oder des gesprochenen Wortes.

Spiele Schallplatten, sei Dein eigener Plattenspieler!

Zurück zum Plattenspieler. Viele Jahre war die Nipper-Version Stand der Dinge, HIS MASTER'S VOICE.

Zum Aufnehmen versammelten sich die Musiker der frühen Jahre vor dem Trichter der Aufnahmetechnik. Abgespielt wurde das Ergebnis zuhause oder in besonderen Grammophonstuben vor den Trichtern der Grammophone. So schließt sich der Kreis.

© Wolfgang Weber, Mai 2022.


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2022/05/04


Baum des Jahres 2022: Die Rotbuche


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Rotbuchen im Berliner Stadtbild, Ende Oktober.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold.


Die Rotbuche (Fagus sylvatica) wurde zum Baum des Jahres 2022 in Deutschland gewählt. Die Rotbuche ist mit 15 % der häufigste Laubbaum in den deutschen Wäldern. Sie liebt eher ein atlantisches Klima, also höhere Temperaturen und eine feuchtere Luft. Im Allgemeinen ist die Rotbuche ein sehr robuster und gesunder Baum.

Die Rotbuchen sind abgesehen von erholsamen Spaziergängen im Buchenwald vor allem durch die Nutzung ihres Holzes bekannt. Das Buchenholz sieht sehr schön aus und ist sehr widerstandsfähig. Daher wird das Holz sehr gern für hochwertiges Fußbodenparkett in Wohnungen oder für Arbeitsplatten in der Küche verwendet. Außerdem wird das Buchenholz gern zum Räuchern von Fischen, Fleisch, Würsten, Schinken oder Gemüse eingesetzt. Das Räuchern mit Buchenholz ergibt ein kräftiges und angenehmes Raucharoma. In Deutschland ist das Buchenholz die beliebteste Holzart zum Räuchern.

Dr. Christian G. Pätzold.


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Rotbuche im Berliner Stadtbild, Anfang November.
Das Laub ist schon herbstlich rot gefärbt und die Buche hat schon einen großen Teil
ihrer Blätter verloren.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/05/01


Sonnige Grüße zum 1. Mai !


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Plakat zum Tag der Arbeit, 1946.


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2022/04/30


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2022/04/28


Am 24. Februar 2022 wurde der Krieg in der Ukraine von der russischen Regierung begonnen
Die Verlierer des Ukraine-Krieges


Den Ukraine Krieg haben alle verloren:

• Die toten russischen Soldaten
• Die toten ukrainischen Soldaten
• Die toten ukrainischen Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder
• Die toten Journalisten
• Die vielen Verletzten und Traumatisierten
• Die Millionen ukrainischen Geflüchteten
• Alle Deutschen, die sich vor einem Atomkrieg fürchten müssen.


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2022/04/26


Georg Weerth, 1822 - 1856
Die Winzer


An Ahr und Mosel glänzten
Die Trauben gelb und rot.
Die dummen Bauern meinten,
Sie wären aus aller Not.

Da kamen die Handelsleute
Herüber aus aller Welt:
»Wie nehmen ein Drittel der Ernte
Für unser geliehenes Geld!«

Da kamen die Herrn Beamten
Aus Koblenz und aus Köln:
»Das zweite Drittel gehöret
Dem Staat an Steuer und Zöll'n!«

Und als die Bauern flehten
Zum Himmel in höchster Pein -
Da klang es mit Hagel und Wettern:
»Ihr Bauern, der Rest ist mein!« -

Viel Leid geschieht jetzunder,
Viel Leid und Hohn und Spott.
Und wen der Teufel nicht peinigt,
Den peinigt der liebe Gott.


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2022/04/23


Würdest du diese niedlichen Küken schreddern, nur weil sie männlich sind
und keine Eier legen ?

Es ist etwas faul in der deutschen Landwirtschaft !


kueken


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2022/04/20

"Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten !"

Demospruch

Millionäre und Milliardäre, reiche Immobilienspekulanten und Gentryfizierer
vertreiben Mieter:innen aus ihren Wohnungen in Berlin !
Und die rot-grün-rote Landesregierung sieht tatenlos zu !
In dieser Stadt herrscht die Gewalt der Reichen !


verdraengte


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2022/04/16

Fotos aus Madras / Tamil Nadu

Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, November 1973


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Häuserbau in Madras, mit Baugerüst aus Bambusstangen.


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Filmplakate in Madras.


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Schulmädchen an der Bushaltestelle in Madras.


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Die kommunistischen Hafenarbeiter von Madras marschieren am 56. Jahrestag der
Großen Sozialistischen Oktoberrevolution vor dem Sowjetischen Kulturhaus auf.


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Slumhütten in der North Beach Road in Madras.


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2022/04/13

Tagebuch 1973, Teil 57: Madras II

von Dr. Christian G. Pätzold


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Tanz in Madras


7. November 1973, Madras, Mittwoch

Erlebnisse in Madras: Es wurden Krokodillederhandtaschen für 100 bis 300 Rupees angeboten. Ein Schlangenlederbrieftaschenverkäufer wollte uns etwas verkaufen und ist von 10 Rupees pro Tasche auch 3 Rupees runtergegangen, aber wir hatten wirklich keinen Bedarf an Brieftaschen. Ein dänisches Paar ließ sich hohe Damenschuhe aus Schlangenleder für 100 Rupees anfertigen. Das waren so Souvenirs aus Indien.

An einer Häuserecke trafen wir auf einen alten Mann, der auf dem Boden saß und eine Flöte, einen Mungo und ein Körbchen bei sich hatte. Das war interessant. In dem Körbchen war eine Kobra eingesperrt. Der Schlangenbeschwörer führte uns seine tanzende Kobra vor sowie ein paar Zauberkunststückchen. Er hatte eine knallrote Zunge vom Betelnusskauen. Viele Inder kauten diese Betelnuss und hatten daher rot gefärbte Zungen.

Wir saßen am Strand, am Golf von Bengalen, und schauten aufs Meer und schauten den vorbei fahrenden Schiffen nach. Abends waren wir bei einer Tanzvorführung einer Filmschönheit, die viel mit den Händen ausdrückte. In den Bussen in Madras gab es Extraplätze für Frauen, Männer durften sich nicht daneben setzen. Das war als ein gewisser Schutz vor Belästigung gedacht. Belästigungen von Frauen in öffentlichen Verkehrsmitteln gab es nicht nur in moslemischen Ländern, sondern auch in einem hinduistischen Land wie Indien oder in einem katholischen Land wie Mexiko.


8. November 1973, Madras - Trivandrum, Donnerstag

Wir sind zur North Beach Road No. 1 gegangen, zum Madras Office der Communist Party of India Marxist (CPI-M). Während die CPI mehr zur Sowjetunion orientiert war, war die CPIM mehr nach China orientiert. Im Office hingen ein großes Leninbild und ein großes Stalinbild. Wir hatten Glück und konnten uns mit einem englisch sprechenden Genossen unterhalten. Er hatte Broschüren auf Englisch, zum Beispiel Lenins Schriften, herausgegeben vom Progress Verlag in Moskau. Wir haben ein paar Broschüren gekauft.

Abends sind wir von Madras nach Trivandrum, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Kerala, abgefahren. Einmal quer durch Süd-Indien, von der Koromandelküste zur Malabarküste, 620 Kilometer. Wir hatten einen Luxusbus für 44 Rupees genommen.

Der Bus war ganz neu und hatte 3 verschiedene gut funktionierende Huptöne und den stolzesten Busfahrer von ganz Indien. Meine Reisepartnerin war nach 2 Stunden von dem Krach ziemlich genervt, besonders in Gedanken an die noch bevorstehende Nacht im Bus. Daher bat sie einen englisch sprechenden Mitreisenden, den Busfahrer zu bitten, leiser zu hupen. Er übersetzte gleich für den ganzen Bus, worauf der ganze Bus anfing, schallend zu lachen, weil sie diese Bitte einfach zu komisch fanden. Der freundliche Busfahrer stellte entgegen seiner ganzen Natur tatsächlich das Hupen völlig ein, was nach ein paar Stunden zur Folge hatte, dass ein Laster den nigelnagelneuen Bus schrammte. Wir erwarteten ein Donnerwetter, aber nein, der ganze Bus amüsierte sich wieder köstlich.

Ein Mitreisender fragte uns, ob wir Kommunisten sind, weil er eine kommunistische Broschüre gesehen hatte, in der ich gelesen hatte. Er schenkte uns eine Lotusblüte aus Sandelholz.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2022.


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2022/04/10

Tagebuch 1973, Teil 56: Madras I

von Dr. Christian G. Pätzold


4. November 1973, Hyderabad - Madras, Sonntag

Wir sind über Nacht die etwa 600 Kilometer von Hyderabad nach Madras mit der Bahn gefahren, im 3-Tier-Sleeper, mit Student Concession. Im Zug trafen wir auf einen sehr netten pensionierten Bahnbeamten. Er bezeichnete sich als Atheisten und Verehrer von Bertrand Russell, der Philosoph und Nobelpreisträger für Literatur und aufgeschlossen gegenüber sozialistischen Ideen gewesen war. Wir unterhielten uns auch über Gandhi. Am nächsten Morgen waren wir in Madras angekommen, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu, an der Koromandelküste.


5. November 1973, Madras, Montag

In der Central Station angekommen, haben wir dort erstmal im Speisesaal gefrühstückt, es gab nur vegetarische Kost. Mit einem Motorscooter sind wird dann zum Touristenbüro gefahren, wo wir eine Unterkunft im christlichen "Victoria Hotel" für 20 Rupees an der Egmore Station vermittelt bekamen. Wir haben einen leckeren Obstsalat für 4 Rupees gegessen. 1 Kilo Salz kostete 20 Paise. Das Zimmer im Hotel war ziemlich laut von hupenden Bussen und heulenden Hunden in der Nacht. Wir haben trotzdem mal ausgeschlafen.


6. November 1973, Madras, Dienstag

Wir waren im Buchladen der Communist Party of India (CPI), wo wir uns nach Büchern umgeschaut haben und nach Anlaufadressen gefragt haben. Dort hat man uns zur kommunistischen Gewerkschaft der Hafenarbeiter von Madras (Harbour Union) geschickt. Wir bekamen den Tipp, dass sie heute den 56. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution im Kulturhaus der Sowjetunion feiern würden.

Dadurch hatten wir eine offizielle Einladung ins Haus der Sowjetischen Kultur in Madras. Die Kulturabteilung des Generalkonsulats der Sowjetunion in Madras veranstaltete eine Feier zum 56. Jahrestag der Oktoberrevolution. Anwesend war auch ein kommunistischer Gewerkschaftsbonze der Hafenarbeitergewerkschaft in Madras. Unsere Anwesenheit war ihm zuwider, obwohl wir noch gar nicht mit ihm gesprochen hatten. Er bezeichnete uns als Hippies und warf uns vor, dass "eure" Regierung Israel unterstütze. Das war alles unlogisch. Denn wenn wir echte Hippies gewesen wären, wären wir wohl nicht zur 56. Feier der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution erschienen. Eher hätten wir in einem buddhistischen Tempel meditiert. Und außerdem war die Regierung in Bonn nicht "unsere" Regierung, weit entfernt davon. Genau genommen lebten wir als West-Berliner in der selbständigen politischen Einheit West-Berlin unter der Herrschaft der West-Alliierten. Uns für die Handlungen irgendwelcher Regierungen verantwortlich zu machen, war abwegig.

Der indische Gewerkschaftsbonze konnte sich auch nicht gegen uns durchsetzen, denn wir wurden vom Kulturchef des sowjetischen Generalkonsulats in Schutz genommen. Er wollte keinen Skandal, hat sich bei uns entschuldigt und gesagt, heute wäre ein sowjetischer Nationalfeiertag und das wäre hier eine kulturelle Veranstaltung, was man daran sehen könne, dass der oberste Richter von Tamil Nadu gekommen war. Dieses Erlebnis zeigte jedenfalls, dass das Verhältnis zwischen westlichen Hippies und einigen Indern angespannt war. Für einige Hippies war Indien immer noch ein spiritueller Sehnsuchtsort, andererseits mochten einige Inder die Hippies nicht, weil sie sie für bürgerliche und relativ wohlhabende Nichtsnutze hielten. Da wir auch westlich und jung waren, wurden wir einfach auch von einigen in die Schublade Hippies gesteckt.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2022.


Postscriptum zum Namen Chennai, April 2022:

Die Namen Madras und Chennai gehen auf 2 lokale Ortschaften zurück: Madrasapattinam und Chennappattinam, wobei pattinam Stadt bedeutet. Der offizielle Name der Stadt ist seit 1996 Chennai, da der alte Name Madras zu sehr mit der britischen Kolonialherrschaft verbunden war. Aus demselben Grund wurden auch Bombay in Mumbai und Calcutta in Kolkata umbenannt. Chennai hat heute 11 Millionen Einwohner in der Agglomeration und ist damit eine Megacity.


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2022/04/07

Charles Fourier zum 250. Geburtstag
Besançon/Frankreich 7. April 1772 - Paris/Frankreich 10. Oktober 1837

von Dr. Christian G. Pätzold


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Charles Fourier. Quelle: Wikimedia Commons.


Charles Fourier (1772-1837) war einer der originellsten kommunistischen Theoretiker, der leider nie einen Förderer fand, der seine sozialistische Stadt, die Phalansterie, finanzierte. Er war der Sohn eines wohlhabenden Großhändlers. Zunächst machte er eine Lehre als Händler und arbeitete als Handelsangestellter, verachtete diese Tätigkeit aber wegen der damals üblichen Betrügereien und Schwindeleien zu Lasten der Kunden. Es war seine Absicht, die Gesetze des menschlichen Zusammenlebens zu entdecken und den Menschen den Weg zu ihrem Glück zu zeigen. Nach ihm hat die Menschheit verschiedene Stufen der Entwicklung durchgemacht, die er als Edenismus oder Zustand des primitiven Glücks, Zustand der Wildheit, des Patriarchats, der Barbarei und der Zivilisation bezeichnete. Die zukünftige höhere Gesellschaftsordnung nannte er Garantismus, universelle Harmonie oder Regime der industriellen Anziehung, in der das menschliche Glück verwirklicht sein sollte.

Er war der Ansicht, dass er den Weg zum Glück durch die Entdeckung der Gesetze der Attraktion der menschlichen Triebe gezeigt hatte. Diese Gesetze sollten auf alle menschlichen Arbeiten und Beschäftigungen angewendet werden. Kein menschlicher Trieb (oder keine Leidenschaft) sollte unterdrückt werden oder unbefriedigt bleiben. Als Krönung seiner Theorie der Leidenschaften nahm er vor allem drei soziale Leidenschaften an, die er Cabaliste (Streitlust, Trieb durch Intrige nach Vereinigung der Gleichstrebenden), Papillonne (Schmetterlingstrieb, Veränderungstrieb, Trieb nach Abwechslung, nach Kontrasten) und Composite (Trieb der Aneiferung, der Begeisterung, des Strebens nach Vervollkommnung) nannte.

Die von ihm entsprechend den Gesetzen der Attraktion entworfenen landwirtschaftlichen Gemeinschaften bezeichnete er als Phalansterien (Phalanstères). In diesen Ackerbaugenossenschaften, die etwa 1.800 Personen umfassen sollten, sollte die abstoßende Arbeit durch attraktive, anziehende Arbeit, die Freude macht, ersetzt werden. Die einzelnen Arbeiten sollten nur jeweils zwei Stunden (courtes séances) dauern, um Abwechslung zu gewährleisten. Die Anerkennung des Rechts auf Arbeit bezeichnet Fourier als das wahre Wesen der Freiheit. Er bestand darauf, dass das Volk ein Recht auf ein Existenzminimum habe.

In den USA entstanden in den 1840er Jahren eine Reihe von fourieristischen Gemeinschaften, die eher kurzlebig waren, wie die Fruitlands-Farm bei Concord/Massachusetts (1844/45), die North American Phalanx at Red Bank in New Jersey (1843-56) und das Brook Farm Institute of Agriculture and Education in der Nähe von Boston (1841-47). Die von Fourier propagierten Lehren werden als Fourierismus bezeichnet. Haupt der Schule war Victor Considérant (1808-1893), der von 1832 an das Organ Le Phalanstère herausgab. Fourier war vielleicht der originellste Theoretiker der Gesellschaft, den es je gegeben hat. Außerdem konnte er gut schreiben.

Das Modell eines existenzsichernden Bedingungslosen Grundeinkommens für jeden Bürger und jede Bürgerin wurde in Deutschland vor allem seit den 1980er Jahren diskutiert, die Idee ist aber schon wesentlich älter. Es ist wenig bekannt, dass das Grundeinkommen zuerst von dem französischen Denker Charles Fourier zu Beginn des 19. Jahrhunderts gefordert wurde. Fourier nannte das Grundeinkommen Minimum. In seinem Werk Theorie der vier Bewegungen von 1808 (Théorie des quatre mouvements et des destinées générales) schreibt Fourier:
"Ich verstehe unter sozialem Wohlstand einen abgestuften Reichtum, der selbst den Ärmsten vor Not bewahrt und ihm mindestens das Los sichert, das wir bescheidenen bürgerlichen Wohlstand nennen".

Die Idee des modernen Grundeinkommens geht davon aus, dass es über dem Niveau der herkömmlichen Sozialhilfe liegen sollte. Das Bedingungslose Grundeinkommen sollte vom Staat an jeden Bürger und jede Bürgerin gezahlt werden, ohne an Bedingungen geknüpft zu sein. Eine Bedürftigkeitsprüfung sollte nicht stattfinden. Das Grundeinkommen würde alle anderen Sozialzahlungen des Staates (Arbeitslosengeld, Rente, Sozialhilfe, Wohngeld, Bafög, Kindergeld) ersetzen und die entsprechenden Bürokratien mit ihren großen Kosten überflüssig machen. Dadurch würde das Grundeinkommen riesige Bürokratiekosten einsparen und gleichzeitig die jetzigen Schikanen und Kontrollen des Staates abschaffen.

Besonders interessant und wichtig ist bei Fourier der Trieb der Papillonne, der menschliche Trieb nach Abwechslung, nach Kontrasten. Diese Leidenschaft kann auch Schmetterlingstrieb, Veränderungstrieb oder Flatterlust genannt werden. Daher sollten in den von ihm entworfenen Gemeinschaften, in den Phalansterien, die einzelnen Arbeiten nur jeweils kurze Zeit ausgeübt werden. Die Arbeit werde dadurch keine Last sein, sondern im Gegenteil eine Lust und anziehend sein (travail attrayant). Die einzelnen Arbeitssitzungen (séances) in der Assoziation sollten nicht länger als zwei Stunden dauern, da sonst eine Ermüdung eintritt. Anschließend sollte zu einer anderen kontrastierenden Tätigkeit übergegangen werden. Der ständige Wechsel der Beschäftigungen führt nach Fourier zur höchsten Befriedigung, weil alle Triebe angewendet werden. Die Papillonne nannte er auch Alternant. Die anderen sozialen Leidenschaften, die er neben der Papillonne annahm, nannte er Cabaliste (Streitlust), Composite (Begeisterung) und Unitéisme (Trieb zur Harmonie).

Im Zentrum seiner gesellschaftspolitischen Bemühungen standen die Phalansterien (phalanstères), Dabei sollte es sich um sozialistische Ackerbaugenossenschaften handeln, die zwischen 1.800 und 2.000 Personen umfassen sollten. Die Mitglieder nannte er Harmoniens. Die Fläche sollte 2.300 Hektar betragen. Die Arbeit sollte in diesen Gemeinwesen völlig frei gewählt werden können, so dass die Arbeit anziehend würde. Dadurch sollten die menschlichen Triebe entfaltet und befriedigt werden. In den Phalansterien sollte die Arbeit in Gruppen und Serien organisiert sein. Für jede spezielle Tätigkeit bildet sich eine Gruppe, die neun Mitglieder haben sollte. Mindestens 24 Gruppen bilden eine Serie. Als Phalansterie wurde auch das Gemeinschaftsgebäude der Phalanx bezeichnet.

Wichtig für die heutige Diskussion ist auch Fouriers Recht auf Arbeit. Von Sozialisten wurde in der Vergangenheit angesichts der Arbeitslosigkeit öfter ein Recht auf Arbeit gefordert. Das Recht auf Arbeit war in den Verfassungen der sozialistischen Länder vorgesehen und beinhaltete den Anspruch auf einen konkreten Arbeitsplatz. In kapitalistischen Marktwirtschaften dagegen gibt es kein Recht auf Arbeit. Das Recht auf Arbeit findet sich zwar in den Verfassungen einiger deutscher Bundesländer, bedeutet aber keinen einklagbaren Anspruch der Bürger auf einen Arbeitsplatz. Damit wird lediglich die Absicht des Staates ausgedrückt, einen hohen Beschäftigungsstand zu fördern.

Das Recht auf Arbeit (frz. Droit au travail) findet sich zuerst 1808 bei Charles Fourier in seinem Werk Théorie des quatre mouvements. Dort bezeichnete er das Recht auf Arbeit als "das erste und das einzig nützliche Recht" (Charles Fourier, Theorie der vier Bewegungen, Frankfurt am Main 1966, S. 335). An anderer Stelle bezeichnete Fourier das Recht auf Arbeit als das Recht, das für den Armen allein wertvoll ist. In der Zivilisation sei kein Funke von Gerechtigkeit vorhanden, da sie trotz des Wachstums der Industrie den Armen nicht einmal die Möglichkeit garantiere, Arbeit zu erhalten.

Das Recht auf Arbeit (droit au travail) wurde dann besonders in der Revolution von 1848 in Paris gefordert. Es wurden Nationalwerkstätten (ateliers nationaux) zur Arbeitsbeschaffung eingerichtet, die jedoch ein Misserfolg wurden. Bekannt ist auch die Satire von Paul Lafargue, dem Schwiegersohn von Karl Marx, mit dem Titel Das Recht auf Faulheit. Widerlegung des Rechts auf Arbeit von 1848 (Le droit à la paresse. Réfutation du Droit au travail de 1848, zuerst erschienen in der Zeitschrift L'Egalité 1880). Darin macht sich Lafargue über die Forderung nach einem Recht auf Arbeit lustig, da diese Forderung im Kapitalismus eine Illusion sei und außerdem die kapitalistische Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht beende.

Hier 2 ältere Schriften, die immer noch lesenswert sind:
August Bebel: Charles Fourier. Sein Leben und seine Theorien, Stuttgart 1888 und spätere Auflagen.
Victor Considérant: Fouriers System der sozialen Reform, Leipzig 1906 und spätere Auflagen.

Charles Fourier hat schon vor über 200 Jahren die wichtigsten gesellschaftlichen Probleme gelöst. Leider wird er weiter ignoriert. Stattdessen werden lieber die Erde und die Menschen ruiniert, um die Profite von ein paar Millionären, Milliardären und Oligarchen zu erhöhen. Der Planet Erde wird bald umkippen, wenn man sich nicht auf Fourier besinnt.


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2022/04/04

Dagmar Sinn
Die Masken fallen


Wie war in Deutschland ehedem
der Tag mit Maske so bequem.
Ob Schüler, Rentner und Bekannte,
Junge, Alte, Anverwandte -
man begrüßt sich ungeniert -
und vor allem: stets maskiert.

Der Vorteil liegt doch auf der Hand:
das Grippevirus ist verbannt.
Doch mit Corona lebte man
und ach, die Zeit, sie wurde lang.
So, nach diversen Mutationen -
sie aufzuzählen wird nicht lohnen -
beschloss man zeitnah im April:
der Mensch kann leben wie er will.

Vergessen wir die Quarantäne,
und schnell, wir machen Reisepläne.
Laden uns zum Essen ein.
Oh wie schön kann Freiheit sein!
Doch Achtung, denn in Bus und Bahn
und Flieger bleibt die Maske an.
In Apotheke, Krankenhaus,
kommst du nicht ohne Mundschutz aus.

Verkehrte Welt, denn unterdessen
hat uns Corona nicht vergessen.
Doch von oben tönt es heiter:
Bedenken?, nein, lebt einfach weiter.

© Dagmar Sinn, April 2022.


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2022/04/03

Vor 300 Jahren:
Die ersten Europäer betreten die Osterinsel am Ostersonntag 1722

von Dr. Christian G. Pätzold


moai
Moai am Ahu Tongariki auf der Osterinsel. Quelle: Wikimedia Commons.


Am 5. April 1722, einem Ostersonntag, betraten die ersten Europäer die Insel, die sie Osterinsel nannten. Sie waren Mitglieder einer niederländischen Expedition. Im Polynesischen heißt die Insel Rapa Nui, im Spanischen Isla de Pascua. Die Osterinsel liegt sehr isoliert im Süd-Pazifik, 3.700 Kilometer westlich von Chile und 2.100 Kilometer östlich der Pitcairn-Inseln. Seit 1888 gehört die Osterinsel politisch zu Chile. Besonders bekannt ist die Osterinsel für ihre großen prähistorischen Steinköpfe, die Moai. Im Jahr 2017 hatte die Insel laut Volkszählung 7.750 Einwohner.

Leiter der europäischen Expedition im Jahr 1722 war der Niederländer Jakob Roggeveen (1659-1729) aus Middelburg. Im Auftrag der Niederländischen Westindischen Handelskompanie unternahm er in den Jahren 1721-1723 mit 3 Schiffen eine Weltumseglung, auf der er besonders nach dem sagenhaften Südland (Terra Australis incognita) suchen sollte. Dabei befuhr er den Pazifik in recht hohen südlichen Breiten und entdeckte die Osterinsel, die er Paasch Eyland nannte. Er entdeckte noch einige weitere Inseln in der Südsee, ansonsten hatte seine Reise aber keinen wirtschaftlichen Nutzen gebracht, weswegen die Holländer danach die Suche nach dem Südland aufgaben.

Die Osterinsel war einst dicht besiedelt. Die polynesische Kultur auf der Insel ist wahrscheinlich im 17. Jahrhundert wegen der Abholzung der Wälder zusammengebrochen. Millionen von Palmen wurden gefällt. Von den Einwohnern haben nur wenige überlebt. Mit den Europäern kamen zusätzlich Krankheiten (Grippe, Syphilis, Pocken) auf die Insel, gegen die die Bewohner keine Immunität hatten. Dadurch wurden die Einwohner noch weiter dezimiert. Die Geschichte der Osterinsel gilt als Beispiel dafür, was passiert, wenn ein begrenztes Ökosystem übernutzt und übervölkert wird. Was auf der Osterinsel passierte, könnte auch auf der Erde insgesamt passieren, wenn die natürlichen Ressourcen weiter so ausgebeutet werden wie bisher. Denn wie bei der Osterinsel gibt es bei der Erde keinen Ort, an den die Menschen auswandern könnten.


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2022/04/02

Dagmar Sinn
Ukraine, seine Freunde


Europa und die Welt stehn still
wenn Herr Putin das so will.
Umarmt nur liebe Freunde
in seiner Fangemeinde.

Wer nennt denn sowas Krieg?
Gewalt, Zerstörung, Sieg?
Nein, er bietet Freundschaft an.
Alarm! Und rette sich wer kann.

© Dagmar Sinn, April 2022.


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2022/04/01

Sabine Rahe
Vergessen


Vergessen ist der Frauen Lächeln.
Vergessen auch das seidene Haar.
Zu Staub zermahlen glanzvolle Jugend.
Zerschlagene Knochen und ein Massengrab.

Wie Schreckgespenster stehen Hausruinen
und die Theater - Bombenkrater
und stille Kinder weinen Tränen,
nur Frauen, Kinder und Familientiere dürfen fliehen.
Die Männer sollen in die Schlachten ziehen
in einen längst verlorenen Krieg.


© Sabine Rahe, April 2022.


Sabine Rahe liest "Lyrik und andere Zufälle"
am 30. April 2022, 19:00 Uhr
im Kulturhaus Schwartzsche Villa in Berlin Steglitz, Großer Salon
Special Guest: Dan K. Sigurd, der Mauerparkpoet.
Verkehrsverbindung: S- und U-Bahnhof Rathaus Steglitz.
Eintritt 10/7 Euro.


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2022/03/31

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2022/03/30

Alexandra Kollontai zum 150.
Sankt Petersburg 31. März 1872 - Moskau 9. März 1952


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2022/03/28

Reinhild Paarmann
Palmen im Bad, Teil III


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Karttikeya, hinduistischer Gott, Sohn von Shiva und Parvati.
Sein Reittier ist ein Pfau.
Fotografiert von © Karl-Heinz Wiezorrek.


In Tajore besuchen die Reisenden einen Tempel, dessen 80 Tonnen Schlussstein keinen Schatten wirft. Bettler gibt es in Nordindien mehr als im Süden. Der Hinduismus verbiete das Betteln. Kinder wollen von Touristen Kugelschreiber, Bonbons und Geld.
Cécile und Gordon fahren morgens zu einem Tempel in Gangaikondaholsvara aus dem 11. Jahrhundert. Sie dürfen auf den Turm klettern. Die Akustik in der Kuppel führt ein Brahmane vor, indem er "Om" intoniert. Vom Dach oben kann man im Wasser stehende Bäume erkennen. Außer ihnen und Frau Wendland sind keine Ausländer zu entdecken.
Ihnen wird ein Mädchen aus dem Dorf vorgestellt, das einen neuen Sponsoren sucht, da ihrer, der sie aus der Schweiz vier Jahre unterstützte, damit sie zur Schule gehen konnte, seine Gelder eingestellt hat.
Ein Abstecher führt sie zu einem Karttikeya-Tempel in dem Dorf Alagarhoil. Ein Fischverkäufer kommt gerade auf seinem Fahrrad von seiner Tour. Er erzählt, dass er alles verkaufte, was er für die Fische bezahlte und was er verdient habe. Die Dorfbewohner hören amüsiert zu, denn nun kennen sie die Verdienstspanne. Auf dem Boden vor den Häusern sind schöne Muster aus Kalk. Cécile darf als Frau den Tempel nicht betreten. Karttikeya beschützt die Junggesellen.
Während Cécile die Schuhe ihres Mannes bewacht, umringt sie eine staunende Menschenmenge, denn dieses Dorf liegt fernab vom Tourismus. Cécile sieht Frauen und Mädchen mit geschorenen Köpfen. Sie haben ihre Haare einem Gott geopfert, der ihnen einen Wunsch erfüllte.

Am Abend erwartet sie im Hotel von Pondicherry Bettwäsche mit Blutflecken, wie sie diese bisher nur in den Hotels von Raju gesehen haben. Gordon beschwert sich und verlangt saubere Bettwäsche. Das Zimmermädchen erscheint, bringt neue. Aber da sind auch Blutflecken drauf. Cécile und Gordon sind froh, am nächsten Morgen abreisen zu können, um den Ashram Auroville von Sri Aurobindo zu besuchen. Es regnet etwas. Im Gedenkraum stören bei der Meditation das Geraschel von Plastiktüten und die Gespräche von Indern. Die kleine Gruppe fährt zum Ashram von Sri Aurobindo. Die Ansiedlung von verschiedenen Menschen aus aller Welt hat nicht so funktioniert, wie sich der Meister das vorstellte. Die Einheimischen zerstörten die Häuser. Rucksacktouristen und Hippies werden in Indien nicht gern gesehen. Cécile denkt mit Schaudern daran, dass sie einmal ernsthaft erwog, mit ihren Kindern hierher zu ziehen. Zum Glück wollten ihre Kinder nicht.
Alleinreisende Frauen werden als sexuelles Freiwild angesehen, da in Sexfilmen weiße Frauen agieren. Es gibt viele weiße Prostituierte.
Raju erzählt ihnen folgende Geschichte: Ein junges Pärchen besuchte diese Gegend. Es fuhr mit einem Trucktruck (ein motorisiertes Dreirad-Auto ohne Fenster) abends herum. Der junge Mann sagte zu seiner Freundin, sie solle schon mal ins Hotel fahren, er habe noch etwas zu erledigen. Er stieg aus. Der Trucktruck-Fahrer brachte die junge Frau nicht ins Hotel, sondern fuhr mit ihr zur nächsten dunklen Ecke, wo er sie mit zwei anderen Indern versuchte zu vergewaltigen. Sie konnte sich wehren und wegrennen. Der Freund kam nicht zurück. Nachforschungen ergaben, dass er Rauschgift erwerben wollte, aber nicht den dafür geforderten Preis gab. Da wurde er von alkoholisierten Indern abgestochen. Er war tot.
Im Dorf Aurobindo war nur ein riesiger Banyan-Baum sehenswert.

Die Gruppe besucht nun Mahabalipuram und sieht sich das große Steinrelief an. In einem schönen Hotel am Meer übernachten sie. Abends bestellen sie auf Anregung von Frau Weiland Wein. Es ist ihr letzter Abend. Die alte Dame hat immer wieder versucht, Gordon als Stütze zu missbrauchen. Er sollte ihr Gepäck tragen. Anfangs ging Gordon darauf ein, dann nicht mehr, denn Cécile beschwerte sich. Er war länger bei Frau Weiland als bei ihr. Es erinnerte sie sehr an die Zeit, als Gordon ständig seine Mutter am Arm hatte. Nach Céciles Meinung ist der Reiseleiter dazu da, ihr zu helfen. Frau Weiland reagierte verstimmt. Raju übernahm dann die Rolle. Er kann sie überreden, einen teuren Teppich zu kaufen in einem "seiner" Läden, in die er die Gäste brachte. Eigentlich will die alte Dame nur einen Kokosläufer für ihr Haus kaufen. "Oh, nun muss ich mein Konto überziehen", jammert sie. Nun will sich Frau Weiland mit Cécile und Gordon am letzten Abend aussöhnen.
Immerhin hat sie erlaubt, dass Cécile zu "ihrem" Ort fahren konnte. Auf der Getränkekarte stehen nur zwei Weinsorten: ein roter und ein weißer. Sie bestellen den roten. Er schmeckt nach Himbeerwasser. 50,-DM kostet die Flasche durch die Luxussteuer, erfahren sie, als die Rechnung kommt. Sie finden es unerhört teuer. Aber durch drei geteilt, geht es.
Am nächsten Tag vor der Abfahrt will Cécile im Meer schwimmen. Auf einem Schild steht: "Bitte nicht schwimmen. Felsige Umgebung." Die Brandung ist beachtlich. Ein paar Inder stehen mit vollständiger Bekleidung im Wasser und werfen sich eine Frisbee-Scheibe zu. Als Gordon und Cécile sich in Badesachen nähern, kommt ein Inder aufgeregt auf sie zu und erklärt, sie sollten nicht hier schwimmen, weil es gefährlich wäre. Resigniert dreht das deutsche Paar eine Runde im Swimmingpool.
In einer Krokodil- und Schlangenfarm sieht Cécile zum ersten Mal, wie eine Schlange gemolken wird. Die Irolas, ein Stamm aus den Bergen, stehen in Gummistiefeln in den Gehegen und melken die Kobras. Vorher haben sie die Schlangen gefangen und gepflegt. Die Schlangen leben in Tontöpfen, auf denen sandgefüllte Tontöpfe stehen, damit sie nicht fliehen können. Die Irloas kennen eine Pflanze wie der Mungo, die ein Gegengift zum Schlangengift enthält. Aber sie verraten ihr Geheimnis nicht. Oft werden sie gebissen. Das Kobragift kann auch als Gegengift verwandt werden.
Gegen Geld kann man sich eine ungiftige Schlange um den Hals hängen. Wenn eine Schlange ein Jahr in Gefangenschaft ist, stirbt sie. Darum werden die Schlangen vorher frei gelassen. Cécile darf ein zweijähriges Krokodil in den Armen halten. Sein Maul ist zugebunden.

Die Reisegruppe fährt weiter nach Kanchipuram. Es ist heiß, als sie die vielen Tempel besuchen, die als Model gedient haben. Die Künstler des Hinduismus standen in Konkurrenzdruck zu denen des Buddhismus, die Höhlentempel bauten. Die hinduistischen Künstler glaubten, dass ihre Religion untergehen würde, wenn sie nicht ständig neue Tempel schufen.
Viele indische Touristen besichtigen die Experimentier-Tempel. Aber auch viele Pilger in ihrer schwarzen Bekleidung. Pilger verschulden sich meist, um diese Reise unternehmen zu können. Manchmal nehmen sie auch Kinder mit. Bei einem Tempel sehen Cécile und Gordon einen Heiligen mit leicht schielenden, nach oben gerichteten Augen. Er kommt ihnen, im Gegensatz zu anderen sogenannten "Heiligen", die ihnen auf der Reise begegneten und gegen Geld einen Tempel erklären wollten, "echt" vor.
Ein Lingam wird verehrt, wie das Paar das schon in anderen Tempeln sah.

Madras: Hier soll der heilige Thomas nach dem Tod Jesu angekommen sein. Cécile und Gordon besuchen "seine" Kirche, die neu errichtet wurde. Von der alten sind nur noch Steinreste in einem Museum zu bewundern. Interessant ist, dass die katholische Kirche hier den Pfau, das Reittier des Karttikeya, neben den Kreuzen übernommen hat. In der Kirche wird gerade eine Hochzeit gefeiert. Die Braut trägt einen Sari mit weißem Brautschleier.
Cécile und Gordon besuchen wieder einen Karttikeya-Tempel. Ja, auch hier am Meer, wo Cécile früher einmal lebte, stand der alte Tempel.

Zum Ende der Reise besuchen sie Raju zu Hause. Seine Frau hat ein dreigängiges Menü gekocht: Ananassuppe, Cashew-Gemüse-Reis, Tandoori-Huhn, Shrimps, Fischcurry, Salat (im Reiseführer wurde davor gewarnt) und zum Nachtisch eine kleine Reis-Gries-Kugel in Zimt und Zuckerwasser. Raju wohnt hier mit seinen beiden Kindern Radjkriya, der 7-jährigen Tochter, die gut Englisch spricht und zur Schule geht und dem 3-jährigen Sohn Radjukriyan, was "die Tat von Raju" bedeutet. Er besucht einen Kindergarten.
Im Wohnzimmer steht ein Fernseher, der einen indischen Film zeigt, in dem im Regen (was "Sex" bedeutet) getanzt wird. Wenige Stofftiere stehen auf dem Fensterbrett. Ein Wasseranschluss ist vor dem Haus und dem Holztor, das jenes Gebäude vor dem Straßenschmutz schützt. Das Wohnzimmer besitzt einen Marmorfußboden, es stehen ein paar Schränke, ein Esstisch mit vier Stühlen und eine Couchgarnitur drin. Rajus Frau isst nicht mit ihrem Mann. Das wäre ihre Entscheidung. Sie wolle auch nicht berufstätig ein, obwohl sie bis zur 12. Klasse eine Schule besuchte, was die normalen Pflichtschuljahre in Indien sind. Usha, so heiße seine Frau, übersetzt "Morgenröte". Sie koche leidenschaftlich gern drei warme Mahlzeiten am Tag. Ein junger Mann hilft ihr dabei. Um 5 Uhr stehe sie auf, um das Frühstück zuzubereiten. Ihre Küche ist offen, kein Fenster, dafür Gitter davor, was wie eine Gefängniszelle aussieht. Das Haus ist luftig gebaut.
Im ersten Stock befinden sich das Bad und ein Gästezimmer. Die Familie schläft immer auf dem Boden.
Im zweiten Stock wohnt eine Brahmanen-Familie, bestehend aus einer Mutter mit zwei Mädchen im College-Schulalter. Sie besitzen eine "Singer-Nähmaschine".
Im dritten Stock unterhält Raju eine Siebdruckerei, denn als Reiseleiter kann er nur neun Monate im Jahr arbeiten. Die Schwester von Raju ist das ganze Jahr dort beschäftigt. Erst habe sie sich gegen diese Arbeit gesträubt, bis Raju sie schlug und sagte: "Das kannst du!" Nun mache sie die Arbeit wunderbar. Raju hat kein Feeling dafür, dass wir sein Schlagen vielleicht nicht begrüßen könnten.
Oben auf dem Dach ist der Trockenboden für die Wäsche. Zehn Jahre muss Raju noch das Haus abbezahlen. Er zeigt seinen Gästen (natürlich bezahlten sie das Essen) ein Fotoalbum von seinen schweizer Pflegeeltern und seinen Aufenthalten in Deutschland.

Cécile fährt noch einmal zum Karttikeya-Tempel und opfert. Der Priester betet in ihrem Namen für sie. "Ihr" Tempel wurde von den Portugiesen zerstört. Aber sie hat die Spur ihres früheren Lebens gefunden, ist glücklich und dankbar dafür. Nebenan im Shiva-Tempel findet eine Hochzeit statt. Es ist dunkel. Dann gehen sie zum Basar, riechen an den Blumengirlanden aus Jasmin und indischen Nelken, die sich abends Frauen in das Haar stecken, wenn ihre Männer nach Hause kommen. Morgens hat Cécile auch viele Mädchen gesehen, die mit diesem Haarschmuck zur Schule gingen.
Mittags schließen die Läden, nachmittags werden sie wieder geöffnet.

Es ist der letzte Abend in Indien. Cécile sucht ein Elfenbein-Armband, weil ihres aus Thailand beschädigt ist. "Wissen Sie nicht, dass Elfenbein zu verkaufen verboten ist?", fragt sie der Reiseleiter. Im Flughafen ersteht sie einen Armreifen aus Kamelknochen, obwohl der Verkäufer behauptet, er sei aus Elfenbein.

© Reinhild Paarmann, März 2022.


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2022/03/25

Reinhild Paarmann
Palmen im Bad, Teil II


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Brahmane im Tempel.
Fotografiert von © Karl-Heinz Wiezorrek.


Eine weitere deutsche Touristin ist zu ihnen gestoßen. Ihr Freund hat sie versetzt. Er wollte nach Madras nachkommen. Zuerst lebte sie bei Rajus Frau, kaufte sich einen Sari und verhielt sich dort wie eine Inderin. Als der Freund nach einigen Tagen immer noch nicht kam, fragte sie Raju, ob sie mit uns reisen dürfe. Die Gruppe war einverstanden.
Die junge Frau schläft mit Raju, nicht mit der Gruppe, in einem billigen Hotel, weil sie nicht so viel Geld hat. Sie dürfte auf keinen Fall gegen Céciles Wunsch stimmen, so viel war sie sich sicher. Auf dem Weg nach Allepeya sehen sie Kautschukstücke auf einer Leine hängen, die wie Fensterleder wirken. Der Reiseleiter erzählt ihnen von Kerala, dass es ursprünglich eine matriarchalische Gesellschaft hatte. Marthanda Varma, ein Maharadscha von Trivancor aus dem 18. Jahrhundert, führte das Wahlrecht für Mädchen und Frauen (aktives und passives) ein.
In Kerala leben mehr Frauen (Mädchen) als Männer. Mädchen werden nicht mehr ausgesetzt. Es gibt eine besondere berufliche Förderung von Frauen. Frauen haben hier öfter mehr Bildung als Männer. Kerala ist dicht besiedelt. Man sieht kaum, wo ein Dorf anfängt oder endet. Die Lehrerin aus Hamburg hat Durchfall. Sie müssen halten. Es ist schwierig, für sie einen Busch zu finden, wo sie nicht beobachtet werden kann.
Die Gruppe fährt mit einem Boot durch das "Venedig" Keralas. Hier wird gebadet, gefischt und gewaschen. Auf dem Markt riecht es nach faulen Bananen.
Am Nachmittag erleben sie das Schlangenboot-Rennen. Cécile und Gordon dürfen auf dem Boot mitpaddeln zu den rhythmischen, dumpfen Schlägen an einem Baumstamm durch einen Antreiber. Cécile kommt sich wie auf einer Galeere vor und hat Mühe, im Takt zu paddeln. Sie kniet auf dem nassen Holzboden, ihr Rock rutscht hoch zur Gaudi der Inder.

Nachdem Cécile den wahren Grund für ihren Wunsch, nach Padmanabhapuram fahren zu wollen, geäußert hat, sind alle einverstanden, obwohl der Reiseleiter nicht an Reinkarnation glaubt. Frau Wendland aus Hamburg sagt: "Es gibt viel zwischen Himmel und Erde, was wir uns nicht erklären können." Wegen ihres Durchfalls wollte sie sowieso in Trivandrum bleiben. Der Reiseleiter gesteht nun, warum er den Wunsch von Cécile erst nicht erfüllen wollte, da er mit ihnen an die südlichste Spitze von Indien fahren wollte, weil er dort geboren wurde. Nun ist er bereit, darauf zu verzichten. Er fährt mit seinen Gästen in die ehemalige Hauptstadt Tranvancor (16.-18. Jahrhundert), die 53 km von Trivandrum entfernt liegt.
Unterwegs essen sie an einem Stand Palmenherzen, an einem anderen trinken sie einen köstlichen Gewürz-Tee, der hoch über einem Gefäß runtergegossen wird, zurückgeschüttet, bis alles gut vermischt ist.
Raju berichtet, dass am Montag der Palast dort geschlossen ist. Da Cécile aber kein anderer Tag zur Verfügung steht und sie damals mit diesem Palast nichts zu tun hatte, macht ihr das nichts aus. Trotzdem versuchen sie vergeblich, durch Geld die Wache zu bestechen, damit sie in den Palast kommen können. Cécile ist sicher, am richtigen Ort zu sein. Sie spaziert mit Gordon auf der Straße, bis sie zu einem Karttikeya-Tempel finden. Ein Brahmane liegt in Gebetshaltung auf der Umrandung, umgeben von Ziegen. Er wird wach, als sie erscheinen. Cécile gibt ihm eine Spende. Sie umwandern die Ruine des alten Palastes, sehen die Steinholme am Straßenrand, auf denen die Lastenträger ihre Waren vom Kopf nahmen, um sich kurz auszuruhen.
Sie besuchen danach einen Kindergarten, der wie ein Gefängnis aussieht. Nur eine Tafel ist im Raum, wenige Kinder und eine Erzieherin. Diese sagt, dass die Kinder hier mittags etwas zum Essen bekämen. In der Küche sieht Cécile keine Kochvorbereitungen, obwohl jetzt die Zeit dafür wäre.
Eine Schlange von Frauen steht vor einem "Office", wo die Bedürftigen kostenlos einen Sari bekommen sollen, weil das Erntedankfest "Pongal" beginnt. Die Frauen wissen nicht, wie lange sie schon warten, jedenfalls wäre der Beamte, der die Saris verteilen sollte, noch nicht erschienen. Die Bedürftigkeit müssen sie anhand eines Heftes mit den Eintragungen über ihre Einkünfte im Monat nachweisen. Eine Frau zeigt dem Reiseführer das Heft ihrer Schwiegertochter, die 100 Rupien im Monat verdient. Einige Frauen haben falsche Angaben eingetragen und fürchten, dass ihr Betrug herauskommt. Wie soll das überprüft werden?
Weggeworfenes Papier wird gesammelt und verkauft wie auch der übrige Abfall vom Straßenrand. Davon leben viele Arme. Monatlich bekommen diese Frauen unter Vorlage ihres Heftes Reis, Kerosin, Kokosnussöl und Zucker billiger als im Laden.

Nachmittags spazieren Cécile und Gordon, die zurück in Trivandrum sind, an dem angeblich schönsten Strand von Indien. Kloake fließt ins Meer. Sie würden hier nicht baden. Es leben im Meer giftige Schlangen, die viermal gefährlicher seien als andere. Diese leben auch in anderen Meeren der Welt. Sie schwimmen meist weg, wenn sich Menschen nähern, aber wenn sie zubeißen, stirbt man. Es gibt kein Gegengift. Viele Touristen baden hier - ahnungslos. Cécile und Gordon kommen an stinkenden Abfallhalden vorbei, wo Krähen mit blau gefiederten Brüsten ihr Galadiner halten. Misstrauisch beäugen sie die Touristen. Steine klopfende Frauen wollen sich nur gegen Bezahlung fotografieren lassen, wobei sie dann schnell Großmütter und Kinder vor sich stellen, die dann auch Geld haben wollen. Sonst lassen sich Inder auch kostenlos fotografieren, wenn man sie fragt. Als Tourist ist man für Inder auch ein beliebtes Fotomotiv.
Streifenhörnchen flitzen die Bäume herauf und runter, um dann in Steinspalten zu verschwinden.
Viele Keraler arbeiten in arabischen Ländern für zwei Jahre, kommen dann zurück und bauen sich vom ersparten Geld ein Haus.
Die meisten Frauen gehen unter einem schwarzen Schirm, damit ihre Haut nicht dunkler wird. Hell ist erstrebenswert. Cécile und Gordon sehen Sandelholz- und Rosenholzbäume. An Banyan-Bäume wird die Nachgeburt von Tieren drangehängt, was gut für diese sein soll. Mimosen-Bäume schließen abends ihre Blüten, weshalb sie auch Schlafbäume genannt werden. Wenn man sie berührt, wie der Reiseführer, schließen sie auch ihre Blüten. Dattelpalmen wachsen hier.
Mädchen müssen bei ihrer Heirat eine Mitgift erhalten, während die Söhne für ihre Eltern sorgen, wenn diese nicht mehr selbst für sich aufkommen können. Alte Leute, die Cécile sieht, wirken noch sehr rüstig. Raju erzählt von seiner Großmutter an der Südspitze von Indien, die 96 Jahre alt ist und immer noch Fische verkaufe. Sie habe 13 Kinder geboren und jedem ihrer Enkel eine goldene Kette geschenkt.

In Trivandrum erleben Cécile und Gordon den Abschluss des Elefanten-Marsches. Diesmal sind nur 50 Elefanten dabei, aber wieder in dem bekannten Goldornat, es werden mehr Tänze gezeigt, auch von moslemischen Frauen. In einem Hotel außerhalb des Ortes nehmen sie ihr Abendessen ein und sehen ein Feuerwerk. Es gibt leckere Milch mit Kokosflocken. Eine Familie kann hier gut von 10 Kokosnusspalmen leben. Die frischen Nüsse werden verkauft, aus denen man die Milch trinken kann (am Straßenrand stehen Stände, wo wohlschmeckende Kokosmilch verkauft wird). Die welken Blätter werden zum Decken von Häusern verwandt. Die Fasern der Schalen löst man, indem man die Kokosschalen drei Monate lang einweicht. Dann trocknet man sie und dreht Seile daraus. Eine Seilerei können Cécile und Gordon besichtigen. Aus den Schalen werden Kellen hergestellt mit einem Stil aus Teakholz. Wegen des Teakholzes waren die Portugiesen begierig, Indien zu erobern oder mit ihm Handel zu treiben. Teakholz verrostet erst nach 100 Jahren, ist also ideal zum Schiffsbau.

Grundstücke in Kerala sind teuer. Darum siedelt sich keine Großindustrie dort an. Inder streiken viel. Es vergeht fast kein Tag in Trivandrum, an dem nicht irgendeine Gruppe streikt. Teilweise waren die Forderungen übertrieben, sodass mancher Betrieb Pleite machte.
Raju erzählt ein Beispiel: Die Kofferträger streikten. Sie erhielten normalerweise 10 Rupien (das sind umgerechnet 5 Pfennige pro Einsatz). Sie forderten umgerechnet 5,- DM. Raju musste seine vorherigen Besucher auffordern, an den Streikenden vorbei mit den Koffern zum Bus zu rennen.
Cécile und Gordon sehen eine Rinderherde, die zu Moslems getrieben wird, um dort geschlachtet zu werden. Für Hindus sind Kühe, die keine Milch mehr geben, nicht mehr heilig, aber sie dürfen sie nicht töten.
Hindus mögen Moslems nicht, weil sie befürchten, dass diese mal die Mehrheit der Bevölkerung bilden könnten, denn ihnen sind mehr als zwei Kinder gestattet als den Hindus und mehrere Frauen erlaubt. Die moslemische Bevölkerung ist auf 15 % angewachsen. Einige von ihnen lagerten in Moscheen Waffen, wie bei Razzien festgestellt wurde, die dann bei Auseinandersetzungen benutzt werden. Die Spannungen zwischen Moslems und Hindus begannen, als diese Indien eroberten und vielen hinduistischen Göttern die Nasen abschlugen. Cécile und Gordon sehen in einigen Tempeln Götterskulpturen mit abgeschlagenen Nasen.
Die Reisenden werden vor frei laufenden Ochsen gewarnt, denn einer von ihnen habe mal einer Touristin die Hörner in die Beine gestoßen, sodass sie blutete und ins Krankenhaus musste.

In Trivandrum steht ein Portier vor einem Hotel mit weißen Gamaschen. Sie fahren nach Periyar in den Western Ghats. An der Grenze zum anderen Bundesstaat müssen sie eine offizielle und eine "unter der Hand" Gebühr bezahlen. Nun erreichen sie Tamil Nadu. Hier spricht man Tamil. In Kerala Malayalam. Sie sehen weite Landschaften und wenig Menschen. Bei einem der vielen Fotostopps schüttelt ein Inder Gordon die Hand und wünscht ihm "Happy New Year". Es ist der 9.1.
Bananenstauden und Mangobäume säumen den Weg. Hibiskus und Bougainvillea wetteifern in Rot und Violett. Die Verkehrspolizisten tragen hier runde Stoppschilder in den Händen. Kokosnussöl spielt genauso wie in Kerala eine große Rolle. Es wird zum Kochen verwendet. Raju schmiert es sich in die Haare, weil es die Kopfhaut vor der Hitze schütze. Es riecht gut. Mahlzeiten werden meist auf Kokosnuss- oder Bananenblättern serviert, dessen Chlorophyll sich in der Hitze, wie jetzt im Winter bei 35 Grad, löst und für Menschen gut ist.
Vor zehn Jahren mussten die Frauen der Unberührbaren noch mit freiem Busen herumlaufen. Nur ein Tuch zwischen den beiden Brüsten war ihnen erlaubt. Das bestimmten die Brahmanen. Unterdessen wurde es geändert. Als der Bus durch die Berge fährt, wird es kühler. Die Reisenden sehen einen Wald von Kautschukbäumen. Sie halten an, um sich die Plastikfolien, die den austretenden Kautschuk vor dem Regen schützt, anzusehen und die Rillen im Stamm zu ertasten, die zur Kautschukgewinnung geschnitten werden. Darunter hängen Kokosnussschalen, die den Kautschuk auffangen. Unter den Kautschukbäumen wächst Süßtapioka. Kakaobäume gedeihen in der Nähe. Indische Schokolade schmilzt nicht so schnell wie andere, da in sie ein Zusatzstoff kommt, wahrscheinlich der gleiche, der in die Schokolade für die Golfkriegssoldaten gemengt wurde.
Cécile und Gordon wird gezeigt, wo Pfeffer wächst. Er hängt an Kletterpflanzen, die sich an Betelnussbäumen hochranken. Zuerst erntet man den weißen Pfeffer, der nicht so scharf ist, dann den grünen und zuletzt den schwarzen.
Im Tempel kann man alles über die Götter und das Leben lernen. Darstellungen in Stein zeigen sämtliche Liebespositionen, wie sie Cécile aus dem "Kamasutra" her kennt.
Draußen liegt der "Goldene Lotos-See". Nur "gute" Bücher schwimmen auf seinem Spiegel, "schlechte" gehen unter. Literaturkritiker würden arbeitslos werden.
Zum Frühstück gibt es "Masala Dosa", das sind Reishäufchen mit Linsengemüse und frittierten Gebäckkringeln aus Linsen- und Reismehl, die aussehen wie Donuts und nach Fisch schmecken.
Im nächsten Tempel werden eine Kokosnuss, Blumen und Geld mit der rechten Hand übergeben, denn die linke sei unrein. Die Tempelwand leuchtet in weißen und roten Streifen wie ein Zirkuszelt. Weiß bedeutet der Tod und Rot das Leben. Cécile und Gordon sehen zwei Leichenzüge, bei denen die Leute freudig tanzen.
Das Erntefest "Pongal" ist gekommen. Es dauert vier Tage. Tiere werden dafür gebadet und dann bemalt. Sie bekommen gutes Fressen und brauchen einen Tag lang nicht zu arbeiten.
Stiere kämpfen gegen Männer, die keine Waffen tragen. 19 Verletzte gab es gestern dabei, stand in der Zeitung. Meist gewinnen die Stierkämpfer. Den Stieren passiert nichts im Gegensatz zu Spanien. Am letzten Tag des Festes besucht man Verwandte und Bekannte. Die Kinder haben schulfrei.
Cécile und Gorden sehen prächtige Häuser, die Inder vor 200 Jahren bauten, nachdem sie aus Burma, wo sie als Gastarbeiter lebten, zurückgekehrt waren.

© Reinhild Paarmann, März 2022.


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2022/03/22

Reinhild Paarmann
Palmen im Bad, Teil I


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Elephant March.
Fotografiert von © Karl-Heinz Wiezorrek.


1997: Cécile meditiert im Flugzeug über dem Reiseführer, um zu erfahren, wo sie in Indien schon einmal reinkarniert war. Padmanabhapuram. Aber wie sollte sie dahin kommen? Die Reiseroute sah diesen Ort nicht vor. Sie beschließt, den indischen Guide gleich nach der Ankunft zu bitten, sie dorthin zu fahren.

Mumbai, das früher Bombay in der Kolonialzeit genannt wurde. Vor vielen Jahren, als Cécile hier das erste Mal war, hoffte sie, den Ort ihrer Reinkarnation zu finden. Fehlanzeigen. Nun der zweite Versuch.
Im Hotel wird zum Wassersparen aufgerufen. Es riecht nach Mottenkugeln. Die "Bhagavadgita", heilige Schrift der Inder, in der Gandhi früher gern las, liegt auf dem Nachttisch.
Cécile, die mit ihrem Freund Gordon unterwegs ist, will zum Haji Ali's Tomb und Moschee. Der Taxifahrer bringt sie zur Jehangir Art Gallery, da er noch andere Kunden habe. Das deutsche Paar steigt in ein anderes Taxi. Bei der Moschee spuckt ein Gläubiger seinen roten Betelsaft aus. Im Hotel gibt es dafür Sandbehälter. Die Frauen müssen beim Grabmal einen anderen Eingang nehmen.
Auf dem Rückweg schüttelt eine Inderin die Hand von Cécile und sagt: "Peace".
Nachmittags haben Gordon und Cécile eine Reiseleiterin, die mit ihnen zu einer Wäscherei geht. Männer säubern mit Indigo und Seife, wodurch die Stoffe besonders weiß werden. Frauen bügeln mit Holzkohlebügeleisen.
Beim Gateway of India möchte ein Junge, dass seine Eltern von ihm mit Cécile ein Polaroid-Foto knipsen.
Gordon und Cécile besuchen das Prince of Wales Museum. Bei den Mongul- und Rajasthani-Miniaturen sehen sie, dass die Räume mit verschiedenen Farben gekennzeichnet sind. Die Bildgeschichten erzählen von links nach rechts.
Sie gehen mit der Reiseleiterin zu den "Hängenden Gärten", die über einem Brunnen angelegt wurden, damit nicht die Leichenteile, die die Geier in ihren Schnäbeln tragen, in das Wasser fallen. Die Geier fliegen auf den "Turm des Schweigens", dort legen die Parsen ihre Toten ab.
Die Parsen kamen nach Indien, da sie aus Persien vertrieben wurden. Der König wollte sie nicht aufnehmen. Aber die Parsen konnten ihn davon überzeugen, dass sie keine zusätzliche Belastung, sondern eine Bereicherung für Indien wären. "Ihr seid die Milch, wir der Zucker." Der indische König erlaubte den Parsen zu bleiben unter zwei Bedingungen: Sie dürften keine Inder heiraten und keine der 500 indischen Sprachen lernen. Die Parsen versprachen es.
In den "Hängenden Gärten" gibt es nur kleine Bäume, damit nicht so viel Wasser für sie vom Reservoir verbraucht wird, da es ganz Süd-Mumbai versorgt.
Danach besucht die Gruppe den Jain-Tempel. In der Kuppel sieht man den Mondkalender und neun Planeten. Der Jainismus entstand zur Zeit Buddhas. Er ist gegen die Tieropfer, wie es im alten Hinduismus üblich war. Unterdessen opfern deren Priester aber wieder Tiere, weil ihre Anhänger das wollen.
Die Reiseleiterin erzählt vom "Henkeldienst", den sie als berufstätige Frau (Deutschstudium im Goethe-Institut in Mumbai) auch in Anspruch nimmt. Morgens kocht sie für ihren Mann, der Henkeldienst bringt das Essen mittags zu ihm ins Büro. Analphabeten, die auf die Aluminium-Behälter Zeichen malen, befördern Distrikt für Distrikt mit Essen. Außerdem kann man für wenig Geld Essen kochen lassen. Die Reiseleiterin trägt eine Kette zum Zeichen, dass sie verheiratet ist. Ihr Mann sage: "Männer brauchen keine Ketten tragen. Man sieht ihnen an, ob sie verheiratet sind."

Am nächsten Tag fliegt die Gruppe nach Cochin. Frauen in Militär-Saris bewachen den Flughafen. Im Flugzeug sitzt ein Mann mit einem aufgeklebten Schmuckpunkt zwischen den Augenbrauen. Hier in Cochin werden sie von Raju, ihrem Reiseleiter bis Madras, empfangen. Cécile konfrontiert ihn gleich mit ihrem Wunsch, nach Padmanabhapuram zu wollen. Er lächelt höflich.
Der Swimmingpool des Hotels ist ohne Wasser. Es wird gerade ein Laufsteg darüber für eine Misswahl gezimmert.
Eine pensionierte Lehrerin aus Hamburg, die an einem Stock läuft, gesellt sich zur Reisegruppe. Was heißt Reisegruppe? Sie sind nur zu Dritt. Ein VW-Bus bringt sie zur Francis-Kirche, in der Vasco da Gama zuerst beigesetzt wurde, bevor er nach Lissabon überführt wurde. Vor der Kirche muss man, wie bei jedem Hindu-Tempel, die Schuhe ausziehen. Ein Straßenhändler will ihnen Filme verkaufen. Offenbar war er ein Hellseher, der wusste, dass die 14 Filme, die Gordon mitgenommen hatte, nicht reichen würden.
Die Lastwagen sind bunt bemalt mit den Aufschriften: "Vishnu" oder "Krishna" nach indischen Gottheiten, aber auch "Stalin", denn Kerala, so heißt der Bundesstaat, wurde früher kommunistisch regiert. Die Leute sind sehr arm. Ein Lastwagen ist mit dem Schriftzug "Jesus" verziert. Es gibt hier viele Christen. Sie besuchen das Judenviertel, in dem nur noch zwölf Juden leben. Als die Juden nach Cochin kamen, zerstörten sie einige der einheimischen Tempel und bauten eine Synagoge, die die Gruppe besichtigt. Sie hat chinesische blaue Kacheln. Cécile fiel sofort Rushdies "Des Mauren letzter Seufzer" ein.
Von dort fuhren sie zum Mattancherry-Palast mit seinen Wandbildern aus dem "Ramayana", das indische Heldenepos. Ein Detail daraus: Rama vertrat die Ansicht, dass man nur ein Frau, nicht mehrere, heiraten sollte. Ein Mann an einem Bügelbrett, den wir später sahen, erzählt, er habe zwei Frauen. Als der Reiseleiter scherzhaft Cécile als dritte Frau anbietet, antwortet er: "Nein, soviel Kraft habe ich nicht!"
Sie gehen zu einem kleinen Theater, wo sie zusehen dürfen, wie zwei Schauspieler sich für ihren "Kathakali-Maskentanz" schminken und einer davon zu einer Frau kostümiert, die eigentlich ein Dämon ist. Cécile ist müde. Eine nackte Glühbirne baumelt hin und her. Der Ventilator rotiert. Kurz vor dem Auftritt ziehen sich die Schauspieler zurück, um sich zu konzentrieren. Raju sammelt die Postkarten ein, die wir geschrieben haben, da das Hotelpersonal, wenn wir sie dort abgeben, die Briefmarken entfernen würde.
Raju erzählt, dass er gerade eine 13-stündige Bahnfahrt von Madras bis hierher hinter sich habe. Er ist genauso müde wie Cécile. Obwohl er eine Platzkarte hatte, lag er die ganze Zeit auf dem Boden, denn niemand nimmt Reservierungen ernst.
Am Abend fahren sie mit dem Schiff auf das Meer und sehen die Sonne, die wie ein Heißluftballon in den chinesischen Fischernetzen versinkt.

Am nächsten Morgen erreichen sie Trichur. Cécile erinnert Raju an ihren Wunsch. Er lächelt wieder undefinierbar. Cécile spricht mit der Lehrerin aus Hamburg darüber. Sie äußert sich nicht. "Wir bezahlen die Fahrt natürlich extra und verzichten dafür auf andere Besichtigungspunkte."
In Trichur erleben Cécile und Gordon die Feierlichkeiten zur Eröffnung des "The Great Elephant March", ein für Einheimische im März stattfindendes Ereignis. Es ist normalerweise zu dieser Zeit zu heiß. 101 Elefanten in festlichem Schmuck sind aufmarschiert, geführt von ihren Mahouts (Treibern), die teilweise auf den Tieren stehen und Fächer sowie Schirme nach dem Rhythmus von Fanfarenklängen heben. Die Elefanten kann man füttern. Es sind noch andere Touristen anwesend, aber nur wenige. Sie müssen nicht auf ihren Plätzen unter der Ehrentribüne bleiben, sie dürfen sich überall hinbewegen, auch zwischen die Tänzer, die maskiert und kostümiert auftreten. Karttikeya, der Kriegsgott, zur einen Hälfte weiblich mit Holzbusen, zur anderen männlich, tritt auf. Cécile kommt diese Gottheit irgendwie bekannt vor. Erregung steigt in ihr auf. Aber ihre Göttin war doch nicht zur Hälfte Mann! Karttikeya kann die Dämonen nur mit weiblicher Hilfe besiegen.
Shiva, der Gott, berührt vorsichtig die Brust seiner Frau Parvati, denn sie ist stärker als er. Auf Stelzen folgt Karttikeya ein Pfau, sein Reittier.
Tiger, gemalt mit ihren Gesichtern auf menschliche Bäuche, tanzen.
Eine Eidechse besucht Cécile und Gordon im Bad.
Nachmittags reitet das Paar auf einem Elefanten. Der Mahout setzt Cécile vor sich, hinter ihm nimmt Gordon Platz. Der Mahout drückt sich sexuell unangenehm von hinten an Cécile. Die Inder johlen wohl in der Hoffnung, dass ein Tourist vom Elefanten fällt. Es kamen nur wenige Besucher. Die Saison ist schlecht. Es folgen Karate-Vorführungen.
Am nächsten Morgen weckt sie ein Muezzin, wie anschließend noch öfter auf der Reise. Raju erzählt von einem Elefanten, der seinen Mahout bis zum Gefängnis folgte. Er wich nicht von der Stelle, bis sein Herr freigelassen wurde.
Zum Abendessen gibt es Tigergarnelen (Prawn).

An blühenden Wasserhyazinthenfeldern fahren sie am nächsten Morgen entlang nach Gurvayour. Dort sehen sie, wie die Elefanten für ihren Arbeitseinsatz geschult werden. Die Ketten schleifen hinter ihnen her. Die Elefanten wirken traurig, da sie von ihren Familien getrennt wurden. Manchmal werden sie verrückt, wenn zum Beispiel eine kleine Ameise in ihr Ohr krabbelt. Dann trampeln sie alles nieder. Mancher Mahout wurde dabei schwer verletzt. Ein Elefant kann schneller als ein Mensch laufen.
Nachmittags fahren Cécile und Gordon mit einem Boot durch die Wasserstraßen.
Abends wird es im Bus dunkel. Sie sehen die hinduistischen Öllampen, die vor den Häusern stehen. Diese sollen Lakshmi, die Glücksgöttin, anlocken. Zikaden zirpen. Das letzte Stück zur Hotelanlage, die auf einer Insel liegt, legen sie im Kahn zurück. Eine Schaukel bewegt sich leicht in der Eingangshalle. Kleine Häuschen stehen in einem Garten. Eins wird Cécile und Gordon zugewiesen. Das Schlafzimmer ist im 1. Stock, das Bad unten ohne Dach mit drei Palmen drin. Der Himmel zeigt keine Wolkenfalten, seine Glätte hat die Sterne hervorschlittern lassen.
Auf dem Weg zum Abendessen hören sie Geigen und eine Tabla. Eine Tänzerin verbeugt sich vor einer silbernen Shiva-Figur, denn Shiva ist der Gott des Tanzes. Ein Tempeltanz wird vorgeführt. Oh ja, daran erinnert sich Cécile. Früher war sie selbst mal Tempeltänzerin gewesen. Die silberne Figur ist sicher in ihrem Kern aus Bronze, wie sie dies am nächsten Tag bei Skulpturen bei einem Künstler sehen, der in einer kleinen Hütte in einem Dorf in der Nähe lebt. Er erklärt und zeigt, wie die Bronze in eine Form aus Gips und Ton gegossen wird, die hinterher zerschlagen wird, sodass alle Stücke Unikate werden. Die Figur des Ganeshas, des Elefantengottes, wurde für zwei Jahre in die Erde unten am Fluss vergraben, damit sie die typische Patina alter Kunstwerke annimmt.
Im Restaurant am Abend sind die Fensterrahmen mit Moskitonetzen bespannt. Ab und zu geht das Licht aus. Sie essen ein Möhren-Malva-Dessert. Hängematten schaukeln im Abendwind zwischen den Kokospalmen. Es beginnt zu tröpfeln.
Am nächsten Morgen sieht Cécile drei Eidechsen im Bad. Fremdartige Vogelschreie sind zu hören. Eigentlich wollte sie morgens in den Swimmingpool und hatte es gegenüber dem Reiseleiter angekündigt, aber sie bekam Tage und verzichtete deshalb darauf. Raju fragt sie später, warum sie nicht gebadet habe, er habe auf sie gewartet. Es berührt sie unangenehm.

© Reinhild Paarmann, März 2022.


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2022/03/20

Alles Gute zum Frühlingsanfang !


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Narzissen fotografiert von © Ella Gondek.


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2022/03/17

Baumfällungen


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Fotografiert von © Ella Gondek im Januar.


Auf dem Foto sieht man das Wäldchen, das jetzt einem Hundeauslaufplatz weichen muss. So werden mehrere Tausend Quadratmeter Naturidylle unwiederbringlich zerstört, obwohl es eigentlich ein Naturschutzgebiet ist. Es war ein riesiger Artikel in der MAZ drin. Ich habe zwar einen Brief an die Zeitung geschrieben, ob er veröffentlicht wird, keine Ahnung. Angeblich sollen nur kranke Bäume und solche, die gefährlich sind, gefällt werden, aber es wird trotzdem munter abgeholzt. Ist echt eine Schande. So wird vielen Tierarten, wie Igel, Feldhase, Dachs, Waschbär usw. ihr Lebensraum weggenommen. Auch das Wild, das immer wieder vorbei gelaufen ist, hat keine Chance mehr. Ebenso die vielen Bienen, die an den großen Brombeerstauden reichlich Honig sammeln konnten. Man ist so machtlos gegen so eine Sauerei.

Ella Gondek.


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2022/03/14

Utagawa Hiroshige, 1797-1858
Fasan auf einer mit Schnee bedeckten Kiefer, 1830er Jahre


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2022/03/11

Katsushika Hokusai, 1760-1849
Die große Welle vor Kanagawa


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Aus der Farbholzschnittserie "36 Ansichten des Berges Fuji", um 1830.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/03/07

Piet Mondrian zum 150. Geburtstag
Amersfoort/Provinz Utrecht/Niederlande 7. März 1872 -
Manhattan/New York City/USA 1. Februar 1944


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Piet Mondrian: Broadway Boogie Woogie, 1942/43.
Quelle: Wikimedia Commons.


Piet Mondrian, der eigentlich Pieter Cornelis Mondriaan hieß, war ein niederländischer Maler der Klassischen Moderne, der 1917 Mitbegründer der Künstlergruppe De Stijl war, zusammen mit so bekannten Künstlern wie zum Beispiel Theo van Doesburg, Georges Vantongerloo und Gerrit Rietveld. Die Künstler vertraten in den 1920er Jahren eine ähnliche moderne Philosophie wie die Künstler am Bauhaus in Dessau.

Mondrian ist besonders für seine vollkommen abstrakten Bilder bekannt, die aus rechteckigen Flächen in den Farben weiß, schwarz, grau, rot, blau und gelb bestehen. Die Flächen werden von schwarzen horizontalen und vertikalen Linien begrenzt. Vorläufer dieser Kunst war das berühmte suprematistische Gemälde "Das Schwarze Quadrat" von Kasimir Malewitsch aus dem Jahr 1915. Mondrian war mit seinen Bildern ein Vorbild für die spätere Farbfeldmalerei (Color Field Painting). Seine letzten Gemälde waren von dem rechteckigen Muster des New Yorker Stadtplans in Manhattan inspiriert.

1937 hatte Mondrian die Ehre, in München in der Ausstellung "Entartete Kunst" der Nazis als einer der wenigen ausländischen Künstler gezeigt zu werden. 1938 flüchtete er vor dem sich abzeichnenden 2. Weltkrieg zuerst nach London und dann nach New York City. Er muss geahnt haben, dass die deutschen Nazis bald die Niederlande überfallen würden.

Dr. Christian G. Pätzold.

Seht bitte auch den Artikel "100 Jahre De Stijl" vom 2017/06/16 auf kuhlewampe.net.


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2022/03/02

Ein politisches Gedicht


Zwei Wünsche hätte ich an ein politisches Gedicht:
1. sollte die Autorin/der Autor einen Gedanken haben.
2. sollte die Autorin/der Autor diesen Gedanken klar und deutlich ausformulieren.
Leider hapert es oft an diesen 2 Essentials, so dass einen viele Gedichte unbefriedigt lassen.
Und 3. Sollte ein politisches Gedicht progressiv ausgerichtet sein.
Wenn es dann auch noch Witz und sprachliche Eleganz hat, ist es große Klasse.
Mehr Wünsche habe ich nicht.

Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/02/28

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2022/02/25

Hannah Höch. Abermillionen Anschauungen
Ausstellung im Bröhan-Museum in Berlin Charlottenburg
16. Februar 2022 - 15. Mai 2022


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Hannah Höch: Garten mit Schmetterlingen, 1948.
Sammlung Karsch-Nierendorf, Berlin.


Hannah Höch (Gotha 1889 - West-Berlin 1978) wurde als Berliner Dada-Künstlerin bekannt. 1920 waren sie und Maud E. Grosz als einzige Frauen an der Ersten Internationalen Dada Messe Berlin beteiligt, neben George Grosz, Raoul Hausmann und John Heartfield sowie weiteren Künstlern, die später legendär wurden. Was machte Dada so populär? Einige Stichwörter: Ablehnung konventioneller Kunst und bürgerlicher Ideale, Revolte gegen die Gesellschaft, Zweifel an Allem, Individualismus, Zerstörung von Normen, Hass auf jede Art von Autorität, Publikumsbeschimpfung als Provokation der Bürger, Antikunst. Das alles muss man sich vor dem Hintergrund des mörderischen Ersten Weltkriegs mit Millionen von Toten vorstellen.

Zu Beginn wurde Hannah Höch durch ihre Dada-Foto-Collagen (Klebebilder) berühmt, eine Kunstform, die sie selbst erfunden hatte oder zu der sie durch ihren Partner Raoul Hausmann angeregt wurde. Die Fotografie war ja damals eine ganz neue Kunstform. Foto-Collagen hatten in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts dann eine große Bedeutung. Abermillionen Anschauungen: Hannah Höch hat in ihren Foto-Collagen die Idee des Wimmelbildes wieder aufgegriffen, die sich schon bei Hieronymus Bosch oder bei Pieter Bruegel d. Ä. finden lässt.

Charakteristisch für die meisten Dada-Künstler war der politische Ansatz, sich kritisch mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit, insbesondere mit dem Militarismus, auseinanderzusetzen. Hannah Höch hat sich selbst aber als weder links noch rechts bezeichnet. Nach Dada hat Hannah Höch die großen politischen Foto-Collagen bald aufgegeben, während John Heartfield mit seinen politischen Foto-Collagen weltberühmt wurde. Hannah Höch war nicht nur im Politischen undefiniert, auch ihr künstlerischer Standpunkt scheint recht verschwommen zwischen zahlreichen Stilen zu oszillieren.

Als Dada-Ikone ist Hannah Höch bis heute im Gedächtnis geblieben. Aber Dada war nur eine kurze Episode zu Beginn ihrer Laufbahn um 1920 herum. Leider sind ihre großen und berühmten Dada-Collagen nicht in der Ausstellung vertreten. Ihr bekanntestes Werk »Schnitt mit dem Küchenmesser DADA durch die letzte weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands« ist im Besitz der Neuen Nationalgalerie Berlin und wird dort gerade gezeigt. Die Ausstellung macht jedenfalls deutlich, dass sie später mehr zum Surrealismus (Max Ernst als Seelenverwandter), zur Esoterik und zur Fantastik hinneigte. Mit ihren surrealistischen Bildern kann ich weniger anfangen. Die Satire und die politische Aussage von Dada waren den Surrealisten vollkommen fremd. Vom Mythos der progressiven Dada-Künstlerin Hannah Höch bleibt in der Ausstellung gar nichts mehr übrig. Sie war auch mit Künstlern von De Stijl befreundet, wie Piet Mondrian und Theo van Doesburg, was aber keinen dauerhaften Einfluss auf ihr Werk hatte.

Ihr Werk besteht nicht nur aus Collagen, sondern Hannah Höch arbeitete auch in anderen künstlerischen Techniken wie Gemälden, und sie entwarf gelegentlich auch Plakate und Bucheinbände. Heute sind Collagen fester Bestandteil des Kunstunterrichts an allen Schulen. Sie lebte von 1917-1933 in der Büsingstraße 16 in Berlin-Friedenau, wo eine Gedenktafel für sie angebracht ist, und von 1939-1978 in ihrem Häuschen mit Garten in Berlin-Heiligensee, An der Wildbahn 33. In Berlin Friedenau wird demnächst ein Hannah-Höch-Weg nach ihr benannt. Die Innovationen von DADA strahlen jedenfalls bis heute aus.

Zur Nazi-Zeit war sie natürlich eine entartete Künstlerin und hatte Ausstellungsverbot. Während aber zum Beispiel Raoul Hausmann, George Grosz oder Piet Mondrian in der Ausstellung "Entartete Kunst" der Nazis an den Pranger gestellt wurden, blieb das Hannah Höch erspart. Hausmann, Grosz oder Mondrian mussten emigrieren, Hannah Höch blieb aber während der NS-Zeit in Deutschland.

In der großen Ausstellung des Bröhan-Museums werden über 120 Arbeiten von Hannah Höch aus fast allen Perioden gezeigt. Daher ergibt sich hier fast eine Würdigung ihres Gesamtwerkes, wenn man von den fehlenden Dada-Arbeiten absieht, die allerdings ihre wichtigsten Arbeiten waren. Es sind nationale und internationale Leihgaben zu sehen, die zum Teil noch nie ausgestellt wurden. Es muss eine Riesenarbeit gewesen sein, die vielen Werke aus zahlreichen Sammlungen auszuleihen. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Museum im Kulturspeicher, Würzburg. Kuratorin der Ausstellung ist Dr. Ellen Maurer Zilioli.

In der Ausstellung gibt es einen Raum mit einem offenen Collage-Atelier, in dem die Besucher:innen selbst Collagen anfertigen können, sehr schöne Idee. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Wienand Verlag erschienen. Im Moment ist es aufgrund der Stärke der feministischen Bewegung angesagt, Ausstellungen von Künstlerinnen zu veranstalten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es nötig war, diese Hannah Höch aus der esoterischen Mottenkiste zu holen.

Wegen der aktuellen Coronavirus-Pandemie ist es leider notwendig, den Ausstellungsbesuch gut zu planen. Das bedeutet: Vorher die Webseite des Bröhan-Museums besuchen und nachsehen, ob es aktuelle Mitteilungen gibt. Für den Zugang zum Museum reicht eine FFP2-Maske, ein Impfnachweis ist nicht mehr nötig. Ausgenommen hiervon sind Veranstaltungen wie z.B. Führungen. Hier gilt weiterhin 2G Plus. Tickets können sowohl im Internet als auch vor Ort an der Museumskasse erworben werden.

Dr. Christian G. Pätzold.

Seht bitte auch "Schnitt mit dem Küchenmesser DADA durch die letzte weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands" vom 2016/02/05 und "Erste Internationale DADA Messe in Berlin 1920" vom 2020/06/27 auf kuhlewampe.net.


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Nelly van Doesburg, Piet Mondrian und Hannah Höch
im Studio von Theo van Doesburg, April 1924.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/02/24

Der Frühling naht


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Junge Weidenkätzchen fotografiert von Anonyma.


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2022/02/21

Katsushika Hokusai, 1760-1849
Verschneiter Morgen bei Koishikawa


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Aus der Farbholzschnittserie "36 Ansichten des Berges Fuji", um 1830.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/02/17

Georg Weerth zum 200. Geburtstag
Detmold/Fürstentum Lippe 17.2.1822 - Havanna/Kuba 30.7.1856


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Georg Weerth, 1851.
Daguerreotypie von Carl Ferdinand Stelzner.
Quelle: Wikimedia Commons.


Georg Weerth war ein sozialistischer politischer Schriftsteller und Lyriker des Vormärz, er gilt als Begründer der proletarischen Dichtung in Deutschland. Nach einer kaufmännischen Lehre in Elberfeld in den Jahren 1836 bis 1840 wurde er Buchhalter in Köln und Bonn. In den Jahren 1843 bis 1846 hielt er sich als Kaufmann in einer Textilfabrik in Bradford/England auf. Er veröffentlichte Berichte aus England in der Kölnischen Zeitung. In England lernte er Friedrich Engels kennen und 1845 in Belgien Karl Marx, mit denen er sich anfreundete.

1847 wurde er Mitglied des Bundes der Kommunisten. Im Februar 1848 reiste er nach Paris, um sich an der Revolution zu beteiligen. Im April 1848 ging er mit Engels und Marx nach Köln, um bei der Gründung der revolutionären Neuen Rheinischen Zeitung mitzuarbeiten. Die Zeitung wurde von Marx geleitet, Weerth leitete das Feuilleton. In der Zeitung publizierte er 1848-1849 in Fortsetzungen seine Satire auf den Adel »Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski«, den ersten Fortsetzungsroman der deutschen Zeitungsgeschichte. Für diese Satire wurde er 1850 für 3 Monate im Kölner Arresthaus Klingelpütz eingesperrt.

Ein weiteres bekanntes Buch von Georg Weerth ist seine Satire: »Humoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben«.

In den Jahren 1852 bis 1856 reiste er im Auftrag einer Textilfirma durch Westindien und Südamerika. Im Juli 1856 erkrankte er in Haiti an Fieber. Seine Gehirnhautentzündung (zerebrale Malaria) war schon weit fortgeschritten. Am 30. Juli 1856 starb Georg Weerth im Alter von nur 34 Jahren in Havanna auf Kuba.

Georg Weerth bezeichnete Heinrich Heine als sein großes literarisches Vorbild. Zu seinen politischen Ansichten schrieb er: "Wir sind jetzt so weit in der Welt, daß man einsieht, die größte Not entsteht durch den Privatbesitz. Diesen lustig angegriffen, das ist den Nagel auf den Kopf getroffen." Er war der Ansicht, dass der Kapitalismus nicht zu preiswerten Nahrungsmitteln, vielen Jobs und hohen Löhnen führen werde. Über sich selbst schrieb er: "Ich gehöre zu den "Lumpen-Kommunisten", welche man so sehr mit Kot bewirft und deren einziges Verbrechen ist, daß sie für Arme und Unterdrückte zu Felde ziehen und den Kampf auf Leben und Tod führen."

Friedrich Engels bezeichnete 1883 Weerth als den "ersten und bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats" und meinte, dass "in der Tat ... seine sozialistischen und politischen Gedichte denen Freiligraths an Originalität, Witz und namentlich an sinnlichem Feuer weit überlegen" seien, und dass Weerth oft Heinesche Formen anwende, "aber nur, um sie mit einem ganz originellen, selbständigen Inhalt zu erfüllen".

Der gesamte handschriftliche Nachlass von Georg Weerth befindet sich im International Instituut voor Sociale Geschiedenis in Amsterdam/Niederlande. Die Sämtlichen Werke von Georg Weerth erschienen in 5 Bänden 1956/57 im ostberliner Aufbau-Verlag, herausgegeben von Bruno Kaiser.

Dr. Christian G. Pätzold.


Georg Weerth
Das Hungerlied
, 1844

"Verehrter Herr und König,
Weißt du die schlimme Geschicht?
Am Montag aßen wir wenig,
Und am Dienstag aßen wir nicht.

Und am Mittwoch mussten wir darben
Und am Donnerstag litten wir Not;
Und ach, am Freitag starben
Wir fast den Hungertod!

Drum lass am Samstag backen
Das Brot fein säuberlich -
Sonst werden wir sonntags packen
Und fressen, o König, dich!"


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2022/02/13

Utagawa Hiroshige, 1797-1858
Schneelandschaft II


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Utagawa Hiroshige: Trommelbrücke und Yuhigaoka von Meguro.
Aus der Farbholzschnittserie "100 berühmte Ansichten von Edo", 1856.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/02/10

Utagawa Hiroshige, 1797-1858
Schneelandschaft I


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Utagawa Hiroshige: Yabu Straße am Fuß des Berges Atago (Atagoshita yabukoji).
Aus der Farbholzschnittserie "100 berühmte Ansichten von Edo" (Meisho Edo hyakkei), 1856.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/02/06

Buchtipp: »Prolog« von Sabine-Simmin Rahe


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Sabine-Simmin Rahe: Prolog. Alltagslyrik.
Norderstedt 2021. Books on Demand (BoD).
Hardcover, fadengebunden, Leseband. 140 Seiten. 25,99 €uro.
ISBN 978-3-7557-5633-0.

Die Berliner Lyrik-Bloggerin Sabine-Simmin Rahe hat ein neues Buch herausgebracht, das 131 Gedichte versammelt, die sie im Lauf des Jahres 2021 auf ihrem Blog www.die-dorettes.de von Januar bis Dezember gepostet hat. Der Blog ist lesenswert, wobei zu betonen ist, dass es wirklich nicht so viele lesenswerte Blogs gibt. Neben Gedichten erscheinen dort auch Prosa, Musik und Fotos. Das Wort Blog ist eine Abkürzung für Web-Log, Netz-Tagebuch. Und tatsächlich ist der Blog von Sabine Rahe ein Tagebuch in Gedichtform. Der Untertitel des Buches: Alltagslyrik, trifft es also sehr gut. Den Leser:innen von kuhlewampe.net ist Sabine Rahe ja schon durch einige Gedichte bekannt, die hier erschienen.

Die Alltagsgedichte von Sabine Rahe sind im modernen Stil verfasst, also ohne Reime, oder nur zufällig gereimt. Reime werden ja heute nur noch selten verwendet, da sie zu altbacken klingen. Die Gedichte haben auch kein Versmaß und oft keine durchkomponierte poetische Struktur. Zum Glück verzichtet sie auf alberne Wortneuschöpfungen, die man bei manchen Poet:innen antrifft. Sie verwendet einfach die deutsche Sprache, allerdings mit einem umfangreichen Wortschatz.

Was sind die Gedichte von Sabine Rahe nicht? Keine avantgardistische Lyrik. Die avangardisten schreiben ja bekanntlich alle hauptwörter klein. Es ist auch kein Hauch von Dadaismus oder Satire zu finden. Die vorherrschende Lyrik der Jugend ist ja heute der Rap und der Poetry Slam. Auch davon ist sie nicht beeinflusst.

2021 war das Jahr der Corona Pandemie und da würde man erwarten, dass das Virus in den Alltagsgedichten eine größere Rolle spielt. Immerhin sind 2021 in Deutschland 80.000 Menschen an oder mit dem Virus gestorben. Aber das Wort Corona taucht in den 131 Gedichten nicht ein einziges Mal auf. Das macht deutlich, dass es Sabine Rahe nicht um die Beschreibung des normalen Alltags geht, sondern in erster Linie um die Beschreibung ihrer eigenen alltäglichen seelischen Verfassung, und die ist öfter traurig und blue. "Die Stimmung kennt nur eine Melodie / Melancholie", "Im grauen Aquarell des Winters / zerfließen die Tage", "Ich treibe ohne Sinn im Strom der Zeit / Es ist mir kein Ziel geblieben", "Es ist mir kalt in dieser kalten Welt, / wie einem aus dem Nest / gefallenen Vogel".

Ihr scheint die Lebensfreude an den alltäglichen Dingen oft abhanden gekommen zu sein und man möchte die Poetin ins Sonnenlicht retten, aber man weiß nicht wie. Sie blüht eigentlich nur in ihren zahlreichen Liebesgedichten etwas auf. Am besten gefallen hat mir ihr Gedicht "Die Kreuzberger Spatzen", das am 2021/09/05 auf kuhlewampe.net erschienen ist.

Übrigens, liebe Leserinnen und Leser: Sabine Rahe ist nicht nur Poetin, sondern auch Designerin. Falls ihr schon lange überlegt habt, auch ein Buch herauszubringen, Sabine Rahe kann euch bei der Buchgestaltung beraten.

Dr. Christian G. Pätzold.


Sabine-Simmin Rahe
Schwarzer See


Der See so schwarz, so tief und still.
Er gleicht der dunklen Erinnerung.
Nur Schweigen steigt herauf von seinem Grund.
Das Wasser schwer. Kein Lüftchen weht.

Der Wald um seine Ufer steht.
Vor seinem Horizont die grüne Wand.
Er ist mit meiner düsteren Phantasie verwandt.
Es zieht darauf kein Schwanenpaar.

Kein Froschgequak.
Nur schwarz und tief und still.
Und lautlos jagende Libellen.
Und Mückenwolken sirren.


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2022/02/02

Klaus Wagenbach gestorben


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Klaus Wagenbach (oben links) und Mitarbeiter.


Dr. Klaus Wagenbach ist am 17. Dezember 2021 in Berlin mit 91 Jahren gestorben. Geboren wurde er 1930 ebenfalls in Berlin. Er war von den 1960er Jahren bis heute eine unübersehbare Größe in der westdeutschen linken Verlagsszene, und daher eine interessante Persönlichkeit. Ich bin Klaus Wagenbach nur sporadisch begegnet und hatte keine persönliche Beziehung zu ihm. Aber er hat mich inspiriert, über Verleger und Verlegerinnen mal etwas grundsätzlich nachzudenken. In meinem Leben habe ich bisher etwa 5 Verleger näher persönlich kennen gelernt und es hat sich in meinem Kopf ein Bild von einer typischen Persönlichkeitsstruktur festgesetzt (die nicht zu mir passte, deshalb wollte ich auch nie Verleger werden).

Etwas holzschnittartig lässt sich vielleicht sagen: Unabhängige Verleger:innen sind oft Einzelgänger und Individualisten, die als Egozentriker ihren sehr persönlichen Verlag betreiben und sehr genau wissen, welche Bücher sie verlegen wollen und welche nicht. Da sie viele Manuskripte zur Veröffentlichung angeboten bekommen, müssen sie vielen Autor:innen Absagen erteilen, was diese natürlich schmerzt. Ständig Nein zu sagen, können nicht so viele Menschen. Verleger:innen (wie auch Buchhändler:innen) sind auch oft gescheiterte Schriftsteller:innen, die es nicht auf die Reihe bekommen, ein komplettes Buch zu schreiben. Daher ist der Verleger oft mit persönlicher Tragik verbunden.

Hinzu kommt beim Verleger im kapitalistischen Buchmarkt ein gewisses Geschmäckle der Ausbeutung, denn der Verleger lebt ja von der Kreativität seiner Autor:innen. Der Autor oder die Autorin verdienen das Wenigste an ihrem Buch. Der größte Teil des Preises eines Buches geht an den Papierhersteller, den Drucker, den Buchbinder, den Verleger und den Buchhändler. Für die Autor:innen bleibt dann nur ein Krümel übrig, wenn überhaupt. Es gibt auch Verleger, die sehr gern Autor:innen verlegen, die schon 70 Jahre tot sind, denn dann brauchen sie ja kein Autorenhonorar mehr zu zahlen. Klaus Wagenbach jedenfalls hat betont, dass er einen ordentlichen Batzen an seine Autor:innen bezahlt hat.

Ich will die Arbeit des Verlegers oder der Verlegerin gar nicht klein reden. Verleger:innen haben immer viel zu tun: Sie müssen viel lesen und Entscheidungen treffen, welche Manuskripte sie verlegen, sie müssen die Manuskripte von den Autor:innen einsammeln, sie müssen die Manuskripte lektorieren, an die Textverarbeitung und die Druckerei schicken, die Druckerei und die Buchbinderei über die Verarbeitung des Buches instruieren, die fertigen Bücher an den Buchgroßhändler schicken, die Buchhändler:innen animieren, dass sie die Bücher im Buchladen auslegen und empfehlen, und sie müssen das Publikum zum Kauf des Buches anregen. Außerdem müssen Verleger:innen ständig den Buchmarkt im Auge behalten, zu den Buchmessen fahren, die Bezahlung von Rechnungen kontrollieren und noch vieles mehr. Verleger:innen haben immer viel Arbeit, und die Mühe wird nie weniger.

Früher war es für Autor:innen oft schwer, einen Verlag für ihr Buch zu finden. Heute gibt es aufgrund der Digitalisierung glücklicherweise die Möglichkeit des Self-Publishing. Im Internet sind einige Self-Publishing-Verlage zu finden, die die Herstellung, den Druck und den Vertrieb im Auftrag der Autor:innen übernehmen. Dadurch kann jeder Autor und jede Autorin ihr Buch selbst auf den Buchmarkt bringen. Und das nicht nur in gedruckter Form, sondern heute auch als preisgünstiges E-Book. Dadurch hat sich die Abhängigkeit der Autor:innen von den traditionellen Buchverlagen erheblich verringert.

Diese Dinge fallen mir ein, wenn ich das Wort Verleger höre, und es bildet sich ein bestimmter Menschentyp heraus, der Homo verlegerianus. Der Verleger hat seine inhaltlichen und kommerziellen Interessen, andererseits bedient er den Buchmarkt, der eine besondere Nachfrage hat, und so lebt der Verleger in einem ständigen Spannungsverhältnis. Die Leser:innen kaufen bevorzugt Bücher aus den Verlagen, die sie schon kennen und die einen Namen haben.

Warum Klaus Wagenbach ein so erfolgreicher Verleger wurde, hatte wohl mehrere Ursachen. Sein Vater war Bankfachmann, und so ist er wahrscheinlich schon früh mit dem kommerziellen Denken in Berührung gekommen. Außerdem durchlief er zwei gründliche Ausbildungen, eine Buchhandelsausbildung und eine Verlagsausbildung. Darüber hinaus hat er sogar noch Literaturwissenschaft studiert und über Franz Kafka promoviert, 1957 an der Uni Frankfurt am Main. Der Titel seiner Dissertation lautete: »Franz Kafka. Eine Biographie seiner Jugend 1883-1912«. Über Franz Kafka hat er später auch Bücher veröffentlicht. Klaus Wagenbach war also ein kompletter Intellektueller, der denken konnte und praktische Erfahrung hatte, und außerdem war er noch mehr oder weniger links eingestellt, was sehr gut zum Zeitgeist der 1960er Jahre in West-Deutschland und zur Jugendrevolte von 1968 passte. All das fügte sich so gut zusammen, dass es nicht besser für ihn laufen konnte.

Dass er in Berlin geboren wurde und aufgewachsen ist, war vielleicht der Grund, warum er im Herbst 1964 in West-Berlin seinen eigenen Wagenbach Verlag eröffnete. Zu dieser Zeit der Mauer und des Kalten Krieges kam nämlich keine Maus nach West-Berlin, um irgendetwas zu eröffnen. Nur die Kriegsdienstverweigerer flüchteten nach West-Berlin, weil es hier unter den Alliierten keine Bundeswehr gab. Darum gab es damals in West-Berlin viele hübsche junge Männer, aber kaum Mädels. West-Berlin war eine eingemauerte Stadt. Die westberliner Unternehmer hatten schon längst ihre Schäfchen in West-Deutschland, in Bayern oder in der Schweiz ins Trockene gebracht. Denn sie hatten Angst, dass sie von den Kommunisten in Ost-Berlin mit Hilfe der Sowjetunion geschluckt werden könnten. (Nach Ost-Berlin ist Klaus Wagenbach damals nicht gegangen, wahrscheinlich war ihm der Sozialismus dort zu unlibertär. Im Sozialismus ist der Verleger auch eine ganz andere Persönlichkeit.)

Wahrscheinlich hat auch Klaus Wagenbach nicht damit gerechnet, dass 1968 kommen würde. Durch das Revolutionsjahr wurde der linke und politische Wagenbach Verlag schlagartig berühmt. Wagenbach wurde zu einem wichtigen Verlag (oder sogar Sprachrohr?) der Studentenbewegung und der APO. Damals wurden unglaublich viele Bücher gekauft und gelesen, es gab zahlreiche politische Buchläden, die florierten. Bei der jungen Generation bestand in den 1960er und 1970er Jahren ein riesengroßes Bedürfnis nach sozialistischer Literatur und nach Informationen über sozialistische Bewegungen in der Vergangenheit, und Klaus Wagenbach konnte dieses Bedürfnis mit seinen Büchern wunderbar bedienen.

Wagenbach verlegte sehr viele relativ preiswerte Taschenbücher zur Politik und zur Geschichte, außerdem Bücher über Franz Kafka, Gedichtbände von Erich Fried und eine Reihe von italienischen Schriftstellern. Dafür wurde er wahrscheinlich 1988 zum Ritter der italienischen Ehrenlegion ernannt. Vielleicht auch, weil er die Toskana-Fraktion in der deutschen Linken begründet hatte. Es gibt ein Foto von ihm auf seinem Anwesen in der Toskana, auf dem er als toskanischer Bauer verkleidet ist.

Warum er später auch zum Ritter der französischen Ehrenlegion geschlagen wurde, weiß ich nicht. Jedenfalls wollte sich wohl die BRD nicht lumpen lassen und verlieh ihm erst das Kleine Bundesverdienstkreuz und dann das Große Bundesverdienstkreuz. Beide Auszeichnungen hat er angenommen, was für einen ehemaligen Linken schon verwunderlich ist. Vielleicht wollte er sowohl zum kapitalistischen Establishment der Bundesrepublik Deutschland gehören (Großes Bundesverdienstkreuz) als auch zum Anti-Establishment (macht sich gut als intellektueller Freigeist). Sehr schwer zu verstehen.

Die erste Frau von Klaus Wagenbach war Katharina Wagenbach-Wolff. Sie ist die Tochter des Friedenauer Buchhändlers Andreas Wolff, dem Besitzer von Wolff‘s Bücherei. Ich erwähne das deshalb, weil ich 1967 bei dem alten Wolff in Friedenau mein erstes Lexikon gekauft habe, das dtv-Taschenbuch-Lexikon in 20 roten Bänden, das damals ein Bestseller war. Das waren noch die alten Zeiten ohne Wikipedia. Ich erinnere mich noch gut an den Blick des alten Wolff, der wie ein grimmiger Wolf aussah. Heute heißt die historische Buchhandlung am Friedrich-Wilhelm-Platz »Der Zauberberg«.

Zunächst war der Wagenbach Verlag studentenbewegt als Kollektiv organisiert, aber das ging nicht lange gut. Klaus Wagenbach trennte sich von zahlreichen seiner Mitarbeiter und führte den Verlag alleine weiter. Seine ehemaligen Mitarbeiter gründeten daraufhin 1973 den Rotbuch Verlag, der 20 Jahre lang als kollektiver Verlag existierte. Aber 1993 wurde der Rotbuch Verlag verkauft und ist seitdem kein unabhängiger Verlag mehr und auch nicht mehr relevant.

Klaus Wagenbach hat Anfang der 2000er Jahre seinen Verlag in die Obhut seiner Frau Susanne Schüssler-Wagenbach gegeben. Der Verlag Klaus Wagenbach ist bis heute unabhängig geblieben, was eine große Leistung ist. Klaus Wagenbach hat einmal das Geheimnis verraten, wie ein kleiner, unabhängiger Verlag überleben könne. Man müsse, wenn man mal einen Bestseller habe, alle Fenster und Türen aufsperren und das hereinfliegende Geld in einem großen Sack sammeln. Oben auf den Sack müsse man gute Manuskripte legen, um neue Bücher zu produzieren.

Gibt es heute noch einen Verleger, der mit Klaus Wagenbach vergleichbar ist? Da fällt mir Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag in Berlin Kreuzberg ein. Aber er hat ein Buch über Berliner Friedhöfe geschrieben. Da war Klaus Wagenbach doch etwas lebenslustiger.

Zu seinem 80. Geburtstag 2010 hat Klaus Wagenbach ein Buch mit eigenen Texten veröffentlicht:
Klaus Wagenbach: »Die Freiheit des Verlegers. Erinnerungen, Festreden, Seitenhiebe«. Berlin 2010. Wagenbach Verlag.

Im Jahr 2014 erschien ein umfangreiches Buch zu 50 Jahren Verlagsgeschichte:
»Buchstäblich. Wagenbach. 50 Jahre: Der unabhängige Verlag für wilde Leser. Mit einer Chronik, Textauszügen aus den Büchern, Photos, Gedanken über die Zukunft und einer Liste aller erschienenen Titel«. Berlin 2014, Wagenbach Verlag.

Im Jahr 2018 brachte Klaus Wagenbach anlässlich 50 Jahren 1968 einige Neuauflagen von Rudi Dutschke, Peter Schneider, Ulrike Meinhof, Erich Fried und Peter Brückner heraus.

Klaus Wagenbach war eine der schillerndsten Persönlichkeiten der westdeutschen Kulturszene und Verlagsgeschichte in den letzten 60 Jahren, so viel kann ich glaube ich sagen. Vielleicht wird der Name Wagenbach noch ein paar Jahre oder sogar Jahrzehnte auf Büchern stehen. Aber der Wagenbach Verlag war so sehr Klaus Wagenbach, dass man das ohne ihn eigentlich nicht fortsetzen kann.

Dr. Christian G. Pätzold.

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2022/01/31

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2022/01/28

Stellungnahme der Linken zu 50 Jahre Radikalenerlass


"Der 28. Januar 2022 ist der 50. Jahrestag des so genannten "Radikalenerlasses". An diesem Tag verabschiedeten die Ministerpräsidenten der Länder 1972 unter dem Vorsitz von Willy Brandt den "Extremisten"-Beschluss. In seiner Folge wurden ca. 3,5 Millionen Bewerber:innen für den öffentlichen Dienst überprüft. Wer vom Verfassungsschutz als "Radikaler" oder "Verfassungsfeind" eingestuft wurde, wurde aus dem öffentlichen Dienst entfernt oder erst gar nicht eingestellt. Bundesweit wurden 11.000 Berufsverbotsverfahren eingeleitet, 2.200 Disziplinarverfahren geführt, 1.256 Bewerber:innen abgelehnt und 265 Personen entlassen. Betroffen waren vor allem Kommunist:innen, andere Linke und Gewerkschafter:innen. Die Berufsverbote stehen im Widerspruch zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz und den Kernnormen des internationalen Arbeitsrechts, wie die ILO seit 1987 feststellt. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte 1995 die Praxis der Berufsverbote. Das Aussprechen von Berufsverboten hat die Berufsbiographien vieler Betroffener nachhaltig geprägt. Und auch heute gibt es noch immer gelegentlich Fälle, in denen junge Kolleg:innen unter Druck gesetzt werden, weil sie systemkritisch sind.

Deshalb gibt es den Aufruf von Betroffenen, an der bundesweiten Unterschriftenaktion teilzunehmen.

Es ist an der Zeit:
1. den "Radikalenerlass" generell und bundesweit aufzuheben!
2. alle Betroffenen voll umfänglich zu rehabilitieren und zu entschädigen!
3. die Folgen der Berufsverbote und ihre Auswirkungen auf die demokratische Kultur wissenschaftlich aufzuarbeiten."


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2022/01/27

Schnee in Berlin


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21. Januar 2022, 14:22.
Es gab sogar etwas Schnee in Berlin, wenigstens für ein paar Stunden.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/01/24

Heinrich Heine, Dichter, 1797-1856


heine
Heinrich Heine. Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim (1800-1882).
Öl auf Papier, 1831. Kunsthalle Hamburg.
Quelle: Wikimedia Commons.


Heinrich Heine
Deutschland. Ein Wintermärchen (1844). Caput I


"Im traurigen Monat November war's,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew'gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder -
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!

Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe -

Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfließen in Flammenbächen -
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!

Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte -
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte."

Das Wintermärchen von Heinrich Heine besteht insgesamt aus 27 Capita.
Und ist alles im Internet nachzulesen.


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2022/01/21

Diverse Personalia:
Neue Staatsministerin für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt


Das Personalkarussell hat sich gedreht. Prof. Monika Grütters (CDU), das Kaiserschloss in Berlin gebaut (für 700 Millionen Euro), Heimstatt der Kolonialverbrecher und des Völkermords, die preußische Monarchie verherrlicht, glücklicherweise endlich weg vom Fenster. Und die CDU-Fraktion ist im Deutschen Bundestag mit den Sitzen nach Rechtsaußen gerückt worden.

Mit Claudia Roth (Grüne) als Staatsministerin für Kultur und Medien kann es eigentlich nur besser werden. Na ja vielleicht. Na wenigstens etwas, sie hatte ja mal zu Urzeiten was mit Ton Steine Scherben zu tun. Alles ist relativ. Oder gibt es wieder nur dasselbe in grün? Am ersten Tag in ihrem Amt hat sie das Gorki-Theater in Berlin und das KZ Buchenwald besucht. Die fortschrittlichen Künstler:innen in Deutschland könnten mal etwas Förderung gebrauchen, nach Jahren des Boykotts. Immerhin verteilt die Kulturstaatsministerin ja einige Milliarden Euro. Fragt sich nur: an wen?

Für die auswärtige Kulturpolitik im Außenministerium, und damit zum Beispiel für die 160 Goethe-Institute im Ausland, sind jetzt die Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) und die Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik Katja Keul (Grüne) zuständig. Die Goethe-Institute im Ausland haben aber weniger mit deutscher Kultur, sondern mehr mit der deutschen Wirtschaft zu tun. Die deutsche Wirtschaft braucht pro Jahr dringend 100.000 zusätzliche ausländische Fachkräfte, um die demografische Lücke zu füllen. Die Arbeitskräftebeschaffung besorgen die Goethe-Institute mit ihren Deutschkursen.

In der Berliner Landespolitik bleibt weiterhin Dr. Klaus Lederer (Linke) Senator für Kultur und Europa. Das ist ein wichtiges Amt, denn in Deutschland ist die Kultur ja vorwiegend eine Länderkompetenz. Klaus Lederer hat die fortschrittlichen Künstler:innen in Berlin in den letzten 5 Jahren nur marginal gefördert. Die großen Millionenbeträge hat er aber für feudalistische Opernaufführungen ausgegeben. Na ja, 68 war er noch gar nicht auf der Welt. Andererseits hat er den eintrittsfreien Museumssonntag 1x im Monat eingeführt, das ist doch immerhin etwas. Aber dafür hat er sich 5 Jahre Zeit gelassen. Der eintrittsfreie Tag kam erst kurz vor der Wahl. Dieses Manöver war so durchsichtig, dass es ihm keine zusätzlichen Wähler:innenstimmen gebracht hat. In seinem Wahlkreis in Berlin Pankow 3 ist er als linker Direktkandidat für das Abgeordnetenhaus durchgefallen. Hat er sich für die nächsten 5 Jahre als Senator irgendetwas Progressives vorgenommen? Man hat noch nichts gehört, außer ein paar kostenlose Open-Air-Konzerte im Sommer zur Volksbespaßung. Andererseits muss man Mitleid mit ihm haben, dass er mit SPD und Grünen koalieren muss.

In der Presserklärung der Linken hieß es: "Am 20. Dezember 2021 werden unsere Senator:innen offiziell nominiert und sie werden ihre Ressorts mit progressivem Gestaltungswillen entschlossen ausfüllen." Progression und Fortschritt hört man gern, aber man muss erst mal sehen, wohin sie fortschreiten. Ist der Fortschritt eine Schnecke? Die Regierende Bürgermeisterin von Berlin wollte schon mal nicht mit den Linken voran schreiten, sondern hätte viel lieber mit der FDP koaliert.

Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/01/18

Reinhild Paarmann
Die Schutzflehenden
(Die Schutzbefohlenen)

nach Aischylos und Elfriede Jelinek


Schuldlos schuldig als Flüchtling,
Häuptling, Däumling, die ling, ling, lings.
"Ich bin kein Flüchtling",
sagt eine Kroatin.
"Ich bin ich!
Wie heißt die weibliche Form von Flüchtling?
Woher kommst du,
wurde ich gefragt.
Aus dem Schoß meiner Mutter!
Ich will nicht immer Flüchtling spielen.
Duldung, was ist das?
Wer duldet wen?"
Anna Netrebko singt,
Störgeräusche für die Pause.

Flüchtlingshelfer werden zu Schleppern,
der vielsprachige Chor,
fünfzig Töchter des Danaos flohen aus Ägypten,
das Mittelmeer wird jetzt zum zweiten Toten Meer,
angeknabberte Leichen,
ein kleiner Junge an Land gespült,
Lastwagen geöffnet,
70 Tote darin,
mir fallen die Autos der Nazis ein,
in denen Juden vergast wurden,
Asylantenheime brennen,
wir lassen die Brandstifter ein
wie bei Max Frisch in Biedermann und die Brandstifter.
Streiten darüber, ob wir ein Einwanderungsland sind,
beruhigen unser Gewissen mit Kleiderspenden.
"Wir wollen kein Mitleid,
nur unser Recht!
Ihr habt uns zerstört mit euren Waffenlieferungen
und der kolonialen Ausbeutung!"
Wer befiehlt den Schutz?
Ich lege einen Link an. Ausländer.
Ja, wir sind alle aus Ländern.

"Du sollst im Schweiße
deines Angesichts einkaufen",
sagt der Kapitalisten-Gott.

Die jungen Leute Algeriens begehen
kollektiven Selbstmord,
sagt Boualem Sansal, der Schriftsteller,
denn entweder gelänge die Flucht
oder die Fische hätten zusätzlich Futter.
Ich stelle mir vor,
wie sie 2084 so groß werden,
dass man auf ihren Rücken
über das Mittelmeer laufen kann.

© Reinhild Paarmann, Januar 2022.
www.Reinhild-Paarmann.de

Das Gedicht ist mit Erlaubnis der Autorin dem Buch entnommen:
Lyrik-AG des VS Berlin (Herausgeberin): Ihre Papiere bitte! Gedichte zur Zeit.
Berlin 2020. Hirnkost Verlag.


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2022/01/15

Hagebutten


hagebutten
Fotografiert von Anonyma im Oktober.


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2022/01/11

Wolfgang Weber
Die Konferenz

Textetisch 02.06.2021 Thema Quintessenz


konferenz


Das Thema der Konferenz in Koblenz, hoch oben über der Konfluenz von Rhein und Mosel, war ein höchst komplexes.

Nichts weniger als die Quadratur diverser Kreise, Scheiben, Globen, Planeten, Monde und Trabanten sollte hier versucht werden, also ein äußerst ambitioniertes Unterfangen.

Es wurde ein Spagat von philosophisch-abstrakten, aber auch alltagstauglich-konkreten Fragestellungen versucht, teilweise mit beachtlichem Erfolg.

Eine Tour de Horizon beabsichtigte, Anregungen nachzugehen, kreuz und quer, in assoziativ-sprunghafter Herangehensweise wie:
• Transparenz und Konsequenz unter Beachtung der Tendenz zur Ambivalenz der Sentenz von der Vermeidung des allzu Offensichtlichen
• Differenzanalyse von Koexistenz, Opulenz und Abstinenz
• Interdependenz oder Äquivalenz von Resistenz und Delinquenz

Kurz gesagt, es ging um den Begriff der Quintessenz, der summa summarum alles bis dahin und auch in Zukunft Gedachten, Gesagten, Erwogenen, Verworfenen und wieder Aufgegriffenen.

Die legendäre, sagenumwobene Tagung fand im Lenz jenes fernen Jahres statt, unter essentieller Assistenz von Kreszentia, besser bekannt als Zenzi.

Sie war, das muss leider so deutlich gesagt werden, berüchtigt wegen ihrer furchteinflößenden Tendenz zur Nutzung ihrer grandiosen Intelligenz bis zur letzten Konsequenz.

Manche sagten ihr auch unangenehme Impertinenz und Indolenz gegenüber Prominenz und Aszendenz nach, im Rückblick erscheint das jedoch als üble Nachrede.

Ihren Familiennamen kannte niemand, es sei denn Lorenz. Da versagt nach so vielen Jahrzehnten jegliche Reminiszenz. Böse Zungen glauben gar an Demenz.

Dieser Lorenz war der Butler, der die Konferenz zusammenhielt. Er stammte aus Bludenz und beeindruckte die versammelte Luminiszenz durch enorme physische und geistige Präsenz.

Er besaß eine Lizenz für Konferenzorganisation, ausgestellt damals schon von Egon Krenz, ja der Mann hatte, wenigstens für kurze Zeit, seine Fans.

Bereits zu dieser Frühzeit der technischen Entwicklung besaß Krenz eine Lizenz für eine Frequenz im noch nicht erfundenen Fernsehen, ausgestattet mit höchster Fluoreszenz.

Manche glaubten nicht an die Existenz dieser Lizenz von Krenz. Wie auch immer, der omnipräsente Lorenz sorgte für höchste Effizienz der Konferenz.

Der fulminante Erfolg dieser auch als Rhein-Mosel-Treffen bekannten Konferenz inspirierte viele Jahre später womöglich zur Gründung des als Kultusministerkonferenz bekannten Gremiums.

Jedenfalls, wenn man der Sentenz vertrauen kann, die ein Stenz aus Lienz namens Vinzenz in Umlauf brachte: Koblenz als Blaupause für Think Tanks.

Es kamen Delegierte angereist im Benz, Ford Model T, natürlich schwarz, und anderen edlen Gefährten aus Florenz, Kamenz, Erkelenz, Bregenz und einer bis heute geheimgehaltenen Residenz. Darunter zahlreiche Prominenz und Hunde jeglicher Provenienz.

Anwesend waren einige Magnifizenzen und Exzellenzen, graue Eminenzen aus Graudenz(en). Manche gaben spontan Audienzen, es gab keine Grenzen.

Selfies wurden damals auch gemacht, lange bevor das Wort erfunden. Bevorzugt in Form von Zeichnungen und Skizzen, denn das Entwickeln von Filmen dauerte damals noch viel zu lange.

Was sie besprachen, war von höchster Stringenz und Selbstreferenz, gepaart mit Eloquenz von höchster Präsenz und Kongruenz.

Die Differenz zwischen Ambivalenz und Dependenz, gegenübergestellt der Aszendenz der Kompetenz war Ausgangspunkt für eine virulente, wenngleich inkohärente Kontroverse voller immanenter Spannung gepaart mit inhärenter Dekadenz.

In den Pausen dieser hochdurchgeistigten Konferenz strömten die Influenzer jener Zeit, Koryphäen allesamt der wichtigsten einflussreichen Disziplinen dieser Epoche, die hier versammelt waren, in den neben dem Auditorium gelegenen Salon.

Dort gingen manche in aller Seelenruhe ihrer Korrespondenz nach. Andere umlagerten den transparenten Flügel und verfolgten gebannt die Improvisationen eines absoluten Tastenvirtuosen über Themen und Begriffe, die die Gäste des Salons ihm zuriefen. Seine ausufernden Kadenzen sorgten so manches Mal dafür, dass die Pause der Konferenz länger andauerte als eigentlich vorgesehen.

Mit Hilfe einer Zeitmaschine gelang einigen der Sprung in ein viel späteres Jahrzehnt, so dass es ihnen möglich war, eines der Konzerte einer Band namens Quintessence zu erleben, deren Musik zwischen Progressive Rock, indischen Klängen und Esoterik oszillierte.

Die ausgedehnten suitenartigen Stücke dieser Gruppe machten ihre Musik bei aller Differenz durchaus der rhapsodischen Art des Salonlöwen am Flügel vergleichbar.

Die Zeitreisenden kehrten erst mit großer Verspätung in den ehrwürdigen Saal zurück, wo alle anderen schon lange auf ihren Plätzen saßen.

Sie schlichen auf Zehenspitzen herein, hatten aber im Grunde nicht viel verpasst, denn der Doyen der Konferenz war noch immer bei seinem allerersten in Thomas-Mannesker Manier verschachtelten endlosen Satz.

Von großer Bedeutung für den Erfolg dieser Konferenz war der geballte Sachverstand der Experten für Jurisprudenz, Independenz, Latenz, Resilienz, Kongruenz, Konfluenz, Konsistenz, Adoleszenz, Delinquenz und Koinzidenz, mit einem Wort: Quintessenz.

Betrachtet durchs Glas der Reagenz hatten einige Teilnehmer einen gewissen Hang zur Korpulenz bei aller Effizienz und Fluoreszenz, verstärkt durch die Speisen beim opulenten Büffet. Die meisten hatten eine Präferenz für Hausmannskost aus deutschen Landen, angereichert durch exotische Einsprengsel.

Am Katzentisch saßen diejenigen, die kein reguläres Ticket zur Beobachtung der Konferenz ergattern konnten, auf unbequemen eigentlich schon ausrangierten Sitzgelegenheiten.

Blickkontakt mit dem Podium der Experten gab es hier nicht, nicht einmal mit einem Fernrohr.

Hier ging es hoch her, große Anteilnahme an den auf der Konferenz verhandelten Themen, die Koinzidenz von Vehemenz und Inkohärenz der Aussprache führte oft zu erregten Diskussionen am Katzentisch.

Hier saßen auch die zahlreichen Hunde in der Runde inmitten der Rotunde. Die Underdogs vom Katzentisch hielten auch begierig Ausschau nach Programmheften und anderen Memorabilia, die im Auditorium oft achtlos liegengelassen wurden, und schenkten ihnen oft mehr Beachtung als diejenigen, die sie mal erworben hatten.

Manche fragen sich, wer jener Pianist gewesen mit dem einnehmenden Wesen.

Die einen sagen, Vinzenz Xavier Reuchlin, auch bekannt als VX Reuchl, Schlossherr an der Mosel auf Schloß Reuchlin unweit von Koblenz.

Andere meinen, sie sei extra für das Event von weither angereist, keine geringere als Lydia Erna Victoria Quintessentia Transzendenzia, ihres Zeichens Klaviervirtuosin aus dem Baltikum. Aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen wurde sie dazu genötigt, in Männerkleidung zu erscheinen.

Wie auch immer, die Quintessenz von der Geschicht: Traue niemandem nicht, auch wenn er noch so vollmundig spricht.

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Addendum 10/2021: Es gibt keinen historischen Kontext zu dieser (vollkommen fiktiven) Konferenz. Während des Schreibens las ich: Kazuo Ishiguro, Was am Ende des Tages übrig blieb. Butler und Konferenzen darin haben nichts mit meinem Text zu tun.

© Wolfgang Weber, Januar 2022.

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2022/01/07

Tagebuch 1973, Teil 55: Hyderabad/Indien

von Dr. Christian G. Pätzold


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Häufig in Indien auf dem Land anzutreffen: Der Pfau (Pavo cristatus).
Die Pfaue haben einen zutraulichen Charakter, ähnlich wie Hühner.
Foto von Amanda Grobe. Quelle. Wikimedia Commons.


1. November 1973, Aurangabad - Hyderabad, Donnerstag

Tagsüber waren wir noch in Aurangabad. Morgens hatten wir ein Gespräch mit dem Manager des Holiday Camp über seine Lage. Er sagte uns, dass er 700 Rupees im Monat verdiene und davon mit Frau und Kind nur schlecht leben könne. Eine 1-Zimmerwohnung mit Küche und Bad koste im Neubau 200 Rupees im Monat. Die Lehrer in der Highschool verdienten 300 Rupees. Seine Frau wollte jetzt dafür noch ein Examen machen. Das Durchschnittseinkommen dürfte in Indien eher bei 70 Rupees im Monat gelegen haben, was 60 Pfennig am Tag entsprach.

Die Männer in Indien, mit denen wir uns unterhielten, haben uns meist sofort gesagt, wie viel oder öfter wie wenig sie verdienten. Die niedrigen Einkommen und der geringe Lebensstandard waren ein großes Problem in Indien. Oft reichte das Geld nicht für eine ausreichende Ernährung. Den Frauen in Indien ging es wahrscheinlich noch schlechter.

Über Nacht sind wir mit dem Zug 3. Klasse im 2-Tier-Sleeper die 560 Kilometer von Aurangabad nach Hyderabad gefahren, was 13,50 Rupees (etwa 4 DM) gekostet hat. Das war die indische Großstadt Hyderabad, auch in Pakistan gibt es eine große Stadt namens Hyderabad. Im indischen Hyderabad sprach man überwiegend die dravidische Sprache Telugu.

2. November 1973, Hyderabad, Freitag

Wir hatten jetzt Nord-Indien verlassen und waren in Süd-Indien angekommen. Die Grenze zwischen Nord-Indien und Süd-Indien verläuft etwa parallel zur Sprachengrenze. In Nord-Indien sprechen die Menschen indoeuropäische Sprachen, wie zum Beispiel Hindi, Bengali, Gujarati oder Marathi. In Süd-Indien dagegen sprechen die Menschen dravidische Sprachen, wie zum Beispiel Telugu, Tamil, Kannada oder Malayalam. Damit hatte ich jetzt zum ersten Mal auf meiner Weltreise die indoeuropäische Sprachenwelt verlassen. Bisher hatte ich es mit Sprachen zu tun, die für einen Europäer einigermaßen vertraut klangen. Aber in Süd-Indien klangen die Sprachen schon ziemlich exotisch. Das war aber kein Problem. Zum Glück war Englisch in ganz Indien die Lingua Franca, das war ein Relikt der englischen Kolonialherrschaft, so dass ich mich mit den Gebildeten überall unterhalten konnte. Mit Englisch bin ich Anfang der 1970er Jahre fast auf der ganzen Welt klar gekommen und konnte kommunizieren. Nur in Mittelamerika und Südamerika habe ich noch etwas Spanisch und Portugiesisch gelernt. Das war für mich nicht schwierig, da ich von der Schule schon Lateinkenntnisse hatte.

In Hyderabad sind wir vom Bahnhof von einem Rikshawala zur India Tourism Development Corporation gefahren worden und haben danach im Tourist Hotel ein Zimmer für 14 Rupees bekommen. Ich habe ein Comic-Strip-Buch über Mahatma Gandhis Leben gelesen, das ich mir angeschafft hatte. In den Restaurants arbeiteten viele Kinder. 1 Glas Tee kostete 25 bis 30 Paise (8 Pfennig), Kaffee 40 bis 60 Paise (10 Pfennig). In Hyderabad gab es eine Wasserrationierung, das heißt nur 2x am Tag gab es Wasser, da in den vergangenen 2 Jahren eine große Dürre herrschte, so dass die Wasserreserven zur Neige gingen.

3. November 1973, Hyderabad, Sonnabend

Die Benzinpreise stiegen gerade um 1 Rupie pro Liter und die Motorrikshawalas wollten alle 50 Paise mehr haben. Ich habe eine Stadtrundfahrt mitgemacht und habe die Osmania University von außen gesehen. Dann bin ich die 480 Stufen zum historischen Golconda Fort hoch- und runtergestiegen, ohne etwas nennenswert Interessantes entdeckt zu haben. Meine Reisepartnerin hatte inzwischen eine Lehrerin von einem College kennen gelernt, die wir abends besuchten. Anwesend waren neben der Lehrerin ihre Mutter und ihre beiden Schwestern. Sie hatten köstliches Essen für uns alle zubereitet. Die Lehrerin wollte gerne ins Ausland und erzählte, dass das Leben für Frauen in Indien sehr eingeschränkt sei. So durften sich Frauen zum Beispiel nicht mit fremden Männern unterhalten.

In Hyderabad und im gesamten Bundesstaat gab es gerade eine Präsidentenherrschaft, der Ausnahmezustand war erklärt, es gab Unruhen. Die Menschen wollten eine Aufspaltung des Bundesstaates in Telangana im Norden (inklusive Hyderabad) und Andhra Pradesh im Süden. Das hing wohl auch mit der Sprache zusammen. Die Andhras im Süden sprachen reines Telugu, während die Telanganas im Norden Telugu mit starkem Urdueinschlag sprachen, weil dort viele Moslems lebten.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2022.


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2022/01/04

Tagebuch 1973, Teil 54: Aurangabad

von Dr. Christian G. Pätzold


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Der Kailash Tempel in den Ellora Caves nahe Aurangabad/Indien.
Fotografiert von Vyacheslav Argenberg. Quelle: Wikimedia Commons.


29. Oktober 1973, Bombay - Aurangabad, Montag

Tagsüber waren wir noch in Bombay. Morgens sind wir zur Streikversammlung der Seidenarbeiter in Goregaon, einem Vorort von Bombay, gefahren. Dort befanden sich auch andere Industrieunternehmen. Die Streikenden waren interessiert, etwas über die Situation der Arbeitenden in Deutschland zu erfahren, und so habe ich etwas über die Arbeitsbedingungen und Streiks in Deutschland berichtet. Es wurde gefragt, ob es in Deutschland überhaupt einen unterschiedlichen Lebensstandard von Arbeitern und Unternehmern gäbe. Das deutete darauf hin, dass sie die Lebensumstände der Arbeiter:innen in Deutschland wahrscheinlich eher für paradiesisch hielten. Das war aber nicht der Fall: Ende der 1960er Jahre hatte es in West-Deutschland eine große Wirtschaftskrise mit vielen Arbeitslosen gegeben.

Hier in Bombay gab die Gewerkschaft keine finanzielle Streikunterstützung an die Arbeiter, nur politische Hilfe. Die Gewerkschaft ließ fast alle Entscheidungen bei den Arbeitern. Zum Schluss haben sie Parolen gesagt und uns die Fabrik von außen gezeigt, mit einem Pappunternehmer vor dem Tor. In der Fabrik stand ein Lastwagen mit Polizisten. Mit Streikbrechern wurde privat abgerechnet. Hier war kein Hauch von Gandhis Non-Violence zu spüren. Das monatliche Existenzminimum wurde von der Regierung auf 180 Rupees für Arbeiter bezeichnet, was etwa 50 DM entsprach.

Mit dem Reisebus sind wir über Nacht die etwa 360 Kilometer nach Aurangabad gefahren. Dadurch hatten wir schon mal die Übernachtungskosten für eine Nacht gespart. Außerdem war nachts weniger Verkehr auf den Landstraßen. Der Moghul-Herrscher Aurangzeb (1618-1707) benannte die Stadt nach sich Aurangabad und machte sie zu seinem Regierungssitz. Von dort beherrschte Aurangzeb fast ganz Indien. Aurangzeb war ein Sohn von Shah Jahan, der das Taj Mahal in Agra bauen ließ, seine Mutter war Mumtaz Mahal. Er war ein gläubiger Moslem, der den Koran auswendig wusste. Bevor er an die Macht kam, hatte er allerdings vorsichtshalber seine sämtlichen Brüder töten lassen und seinen Vater ins Gefängnis gesperrt.

30. Oktober 1973, Aurangabad, Dienstag

In Aurangabad haben wir im Government Holiday Camp ein Zimmer für 15 Rupees bekommen. Dann sind wir mit dem Bus zu den berühmten Ajanta Caves (Die Höhlen von Ajanta) gefahren, die etwa 100 Kilometer von Aurangabad entfernt liegen. Dort sind 29 alte und große buddhistische Tempelhöhlen in den Fels gehauen, in denen Wandmalereien und Buddhaskulpturen zu sehen sind, die teilweise über 2.000 Jahre alt sind. Die buddhistischen Mönche wohnten damals auch in den Höhlen. Ich muss zugeben, dass die Kunstwerke wegen ihres Alters und ihrer Qualität schon erstaunlich sind. Die alten Germanen haben vor 2.000 Jahren noch keine Götterbilder aus dem Fels herausgehauen. Aber letztlich haben mich die Kunstwerke doch nicht sehr interessiert. Diese Kunstwerke sind wahrscheinlich eher etwas für Buddhist:innen und für spezialisierte Kunsthistoriker:innen.

Bei den Ajanta Caves haben wir uns mit einer US-Amerikanerin unterhalten, außerdem mit einem argentinisch-österreichischen Pärchen, das mit seinem BMW durch Indien fuhr. Am Abend sind wir im vollen Bus nach Aurangabad zurückgefahren. Wir hatten noch ein Gespräch mit einem indischen Bauunternehmer, der sagte, dass er in Deutschland gearbeitet habe. Er erzählte uns, dass ihm das Leben vermiest werde, weil er keinen Stahl und keinen Zement bekomme. Er wolle aber trotzdem in Indien bleiben, weil es sein Heimatland sei. Außerdem hörten wir noch, dass die Roteltourleute, die wir schon aus der Sowjetunion kannten, etwa 10x im Jahr im Holiday Camp auftauchten. Die Stadt Aurangabad war also ein etabliertes Touristenziel in Indien.

31. Oktober 1973, Aurangabad, Mittwoch

Ich habe das Bibi-Ka-Maqbara-Mausoleum in Aurangabad besichtigt, das eine verkleinerte Kopie des Taj Mahal in Agra ist. Es soll von Aurangzeb oder seinem Sohn in Auftrag gegeben worden sein. Das Bibi-Ka-Maqbara-Mausoleum soll etwa 700.000 Rupien gekostet haben, während das Taj Mahal in Agra etwa 35 Millionen Rupien verschlungen haben soll. Das Taj Mahal wäre dann 50mal teurer gewesen und ich bin eigentlich der Ansicht, dass das Taj Mahal auch 50mal schöner ist als das Bibi-Ka-Maqbara-Mausoleum. Das wäre ein Argument dafür, dass es sich nicht lohnt, in der Architektur zu sparen.

Anschließend sind wir zu den ebenfalls sehr berühmten Ellora Caves (Die Höhlen von Ellora) gefahren, die etwa 30 Kilometer von Aurangabad entfernt lagen. Es handelte sich um an die 30 öffentlich zugängliche buddhistische, hinduistische und jainistische Höhlentempel, die in das Felsmassiv hineingehauen wurden. Sie stammten aus dem 5. bis 11. Jahrhundert unserer Zeitrechnung und enthielten aus dem Fels gehauene Skulpturen und Wandmalereien.

Besonders berühmt ist der Tempel Nr. 16, der Kailash Tempel, ein großer Shiva-Tempel, der nicht in den Fels hineingehauen wurde, sondern von oben aus dem Fels herausgehauen wurde. Er ist mit vielen Skulpturen und Reliefs geschmückt. (Der Berg Kailash im Himalaja (Tibet) ist 6.600 Meter hoch und gilt den Hindus als Wohnsitz des Gottes Shiva und seines Gefolges.) Der Touristenführer hat uns eine erotische Darstellung gezeigt, die anscheinend bei den Touristen sehr beliebt war. Tatsächlich gilt der Kailash Tempel als die größte monolithische Felsbearbeitung der Welt. Ich muss zugeben, dass es sich wahrscheinlich um sehr bedeutende Kunstwerke handelte, aber mir haben sie nicht besonders viel gesagt. Das lag vielleicht daran, dass ich mich nicht sehr für Religionen und Götter interessierte.

Im höllisch teuren Touristenrestaurant habe ich eine Tomatensuppe für 3,50 Rupees gegessen, obwohl das Kilo Tomaten allgemein nur 50 Paisas kostete. Die hohen Preise waren wohl dadurch bedingt, dass ich hier an einem internationalen Tourismus-Hotspot war.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2022.

Zum Taj Mahal in Agra seht bitte auch die Tagebuchnotizen vom 2020/10/08 und 2020/10/11 auf kuhlewampe.net.


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2022/01/01

Willkommen zum neuen Jahr mit kuhlewampe.net !

von Dr. Christian G. Pätzold


Das Coronavirus-Jahr 2020 war ein Jahr der Angst. Alle hatten Angst, auf der Intensivstation zu landen und dort jämmerlich zu versterben. Denn es gab keine Medizin gegen das Virus. Auch das vergangene Jahr 2021 stand in der ersten Hälfte ganz im Griff der Pandemie, da zu Beginn nur wenig Impfstoff vorhanden war. Dann kam der Sommer und das Virus hatten weniger Verbreitungsmöglichkeiten. Insgesamt sind in Deutschland bisher weit über 100.000 Menschen an oder mit dem Virus gestorben. Besonders betroffen waren auch Menschen im Kulturbereich, die 1½ Jahre nicht arbeiten durften und keine Einnahmen erwirtschafteten, da die Kultur in den Lockdown geschickt worden war. Sehr viele Menschen haben ihre ohnehin prekären Jobs im Kulturbereich ganz verloren.

Die Pandemie hat auch kuhlewampe.net zu spüren bekommen, denn es gab kaum Ausstellungen oder Aufführungen, über die wir berichten konnten. Wir haben die Leere mit anderen Beiträgen überbrückt. Im Netz gab es mit der Zeit immer mehr kulturelle und künstlerische Livestreams und Videos. Auch persönliche Treffen mit Menschen waren oft nicht möglich. Viele kulturelle Initiativen und Locations haben die Pandemie nicht überlebt. Aber glücklicherweise hat kuhlewampe.net dank des Einsatzes der kreativen Mitschreiber:innen zusammengehalten.

Es war auch schwierig, mit Menschen zu sprechen, die eine FFP-2-Maske auf hatten. Erstens wurde die Sprache durch die Maske undeutlich und vernuschelt, und zweitens konnte man die Mimik des Gesichtes nicht mehr erkennen. Das war alles sehr unbefriedigend. Inklusive zermürbenden Gesprächen mit Impfgegner:innen. Man kann die Regierung für vieles kritisieren, aber man sollte sie richtig kritisieren, und nicht falsch, indem einem Wissenschaft und Wahrheit egal sind. Im Moment rollt die 4. Delta-Welle und die 5. Omikron-Welle der Coronapandemie und es ist nicht absehbar, wann die Live-Kultur wieder auflebt, vielleicht erst in 2 Jahren, sagen die Virolog:innen.

Das Hintergrundbild von kuhlewampe.net hat sich wie jedes Jahr im Januar gewandelt. Im vergangenen Jahr war das Gemälde »Il Quarto Stato« von Giuseppe Pellizza da Volpedo zu sehen. In diesem Jahr blüht dort die Felsenbirne (Amelanchier lamarckii) aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae): Die Felsenbirne hat das ganze Jahr über viel zu bieten. Im Frühjahr ist sie übersät mit hunderten feinen weißen Blüten. Im Sommer hat sie süße leckere Früchte. Im Herbst hat sie ein leuchtend rotes, spektakuläres Herbstlaub. Und selbst im Winter erfreut sie uns durch ihren grazilen Aufbau.

Ich möchte allen Kreativen sehr danken, die im vergangenen Jahr etwas zu kuhlewampe.net beigetragen haben: Wolfgang Weber, Ingo Cesaro, Prof. Dr. Rudolph Bauer, Markus Richard Seifert, Dr. Hans-Albert Wulf, Ella Gondek, Dr. Wolfgang Endler, Dr. Rudolf Stumberger, Andreas Wehr, Sabine Rahe und Reinhild Paarmann. Bleibt gesund !.


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