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im 6. Jahr
Herzlich Willkommen bei kuhlewampe.net. Ein Kultur-Literatur-Gesellschaftskritik-Blog im WWW
Gründer und Herausgeber: Dr. rer. pol. Christian G. Pätzold, Berlin
Kurator für Gesellschaftskritik: Dr. phil. Hans-Albert Wulf, Berlin
Wenn Ihr hier veröffentlichen wollt, schreibt bitte an: post(at)dr-paetzold.info
Kuhle Wampe ist ein Film von Bert Brecht, Slátan Dudow und Hanns Eisler aus dem Jahr 1932.


2020/08/05

Die Korallen-Begonie


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Fotografiert von © Ella Gondek.


Die Korallen-Begonie (Begonia corallina) gehört zur Familie der Schiefblattgewächse (Begoniaceae) und kommt aus Brasilien. Sie ist eine pflegeleichte Pflanze mit schönen Blüten und Blättern, die es auch im normalen Zimmerklima aushält, und im deutschen Sommer auf dem Balkon. Es gibt insgesamt über 1.800 Begonia-Arten, von denen einige Zierpflanzen sind. Die Korallen-Begonie mag einen hellen, halbschattigen Standort, aber keine volle Sonneneinstrahlung.


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2020/08/02

Christo gestorben

von Dr. Christian G. Pätzold


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Wrapped Reichstag Berlin von Christo & Jeanne-Claude.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, Juni 1995.


Christo ist am 31. Mai 2020 in New York City gestorben. Das Verpackungskünstler-Paar Christo & Jeanne-Claude hat weltweit Kunstwerke geschaffen, die sehr berühmt wurden. Ich möchte an die denkwürdige silbrige Verhüllung des Reichstags durch Christo & Jeanne-Claude im Juni/Juli 1995 erinnern. Die ganze Aktion lief 2 Wochen lang. Der Sinn der Kunst-Aktion war, dieses Gebäude und seine Geschichte wieder in das Bewusstsein zu heben. Man könnte die Verhüllung mit ihrer Ästhetik des Gewebes und seiner Falten auch einen Verfremdungseffekt nennen. Durch die Stoffbahnen wurden die großen Formen des Gebäudes vereinfacht, auf geometrische Formen reduziert. Trotzdem ergab sich eine Lebendigkeit durch die Faltenwürfe und die Silbrigkeit des Materials.
Die Verhüllung bestand aus einem Polypropylengewebe, das mit Aluminium bedampft war. Nicht gerade sehr ökologisch. Der Vorhang hatte durch das Aluminium eine silbrige Farbe, die von weitem auch fast Weiß aussah. Muster des Stoffes wurden in kleinen Stückchen zu 5 x 5 Zentimeter zu Hunderttausenden an die Besucher verteilt. Jeder wollte ein kleines Stückchen des Stoffes als Souvenir haben, so dass schon bald ein Schwarzmarkt entstand, als alle Stückchen verteilt waren. Mein Stückchen Stoff hat erstaunlicherweise die letzten 25 Jahre überdauert, ich habe es immer noch, eingerahmt an meiner Zimmerwand.

Natürlich hatte auch der Ort, der Jahrzehnte im Niemandsland zwischen Ostblock und Westblock lag, eine große Faszination. Immerhin befanden sich 39 Meter der Ostfassade des Reichstags auf Ostberliner Gebiet. Allerdings hatte die Mauer ein paar Meter Abstand vom Reichstag gehalten. Der Reichstag war eine riesige Ruine, die Jahrzehnte leer stand.
Die Idee der Verhüllung entstand schon 1971, aber es war ein langer und steiniger Weg bis zur Realisierung. Unendliche Widerstände taten sich auf. Für einige war das Reichstagsgebäude eine heilige nationale Institution, die auf keinen Fall verpackt werden durfte. Christo & Jeanne-Claude waren zwar Verpackungskünstler, aber der Reichstag durfte mit Rücksicht auf einige deutsche Politiker auf keinen Fall verpackt werden. So einigte man sich auf den »Verhüllten Reichstag«. Nach jahrelanger Überzeugungsarbeit debattierte der Deutsche Bundestag im Februar 1994 zum ersten Mal über ein Kunstwerk und stimmte auch ab: 292 Stimmen für Christo & Jeanne-Claude, 223 Gegenstimmen. Ohne die große Unterstützung der damaligen Präsidentin des Bundestages, Prof. Dr. Rita Süssmuth, wäre dieses Ergebnis nicht zustande gekommen.

Es zeigte sich, dass Christo & Jeanne Claude viele Freunde hatten, die sie unterstützten. Die ganze Aktion hat die Steuerzahler nichts gekostet. Alles wurde von Christo & Jeanne-Claude selbst bezahlt, die das Geld durch den Verkauf ihrer Bilder und Grafiken verdient hatten. Die Berliner hatten ein großes Geschenk erhalten. Natürlich hat die Aktion Geld gekostet. Der Stoff hat sicher eine Menge Geld gekostet. Und es waren auch zahlreiche Menschen wie Bergsteiger und Alpinisten an der Montage des Stoffes beteiligt. Trotzdem war alles für die Besucher kostenlos.
Es war wirklich an der Zeit, dass der Reichstag einmal verpackt wurde, wenn man bedenkt, was sich dort alles abgespielt hat. Zum Beispiel die Bewilligung der Kriegskredite für den verbrecherischen Ersten Weltkrieg des Kaisers Wilhelm II. am 4. August 1914. Oder der Reichstagsbrand vom Februar 1933 mit den dann folgenden Ereignissen, wie dem Ermächtigungsgesetz vom März 1933, das allerdings in der Kroll-Oper verabschiedet wurde. Oder die Erstürmung des Reichstagsgebäudes durch die Rote Armee am 30. April 1945. Graffiti der Rotarmisten sind noch heute im Reichstag zu sehen.

Christo hatte einen schwierigen Kampf als Künstler zu bestehen. 1956 flüchtete er aus Bulgarien, arm wie eine Kirchenmaus. Seit 1964 lebten er und Jeanne-Claude als illegale Einwanderer in New York City. New York war damals das Zentrum der internationalen Kunstszene. Ach ja, und dann muss ich noch erwähnen, dass Christo eigentlich Christo Wladimirow Jawaschew hieß, und dass Jeanne-Claude Jeanne-Claude Denat de Guillebon hieß, und dass sie beide angeblich am selben Tag geboren wurden, am 13. Juni 1935. Dasselbe Geburtsdatum gehörte zum Mythus von Christo &: Jeanne-Claude. Alle Kunstwerke von Christo & Jeanne-Claude waren fröhlich. Im November 2009 war schon Jeanne-Claude gestorben.

Literatur: Christo & Jeanne Claude: »Verhüllter Reichstag, Berlin, 1971-1995. Das Buch zum Projekt«, Köln 1995 (Benedikt Taschen Verlag).


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Christo & Jeanne-Claude. Quelle: Wikimedia Commons.


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2020/07/31

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2020/07/27

Verspätete Erinnerung an Rudis 80. Geburtstag
Schönefeld bei Luckenwalde 7. März 1940 - Aarhus/Dänemark 24. Dezember 1979

von Peter Hahn & Jürgen Stich


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Die Kommune I war das Gegenmodell zur bürgerlichen Kleinfamilie. Sie wurde am 1. Januar 1967 gegründet. Am 19. Februar zogen neun Männer und Frauen sowie ein Kind in die leer stehende Wohnung Fregestraße 19 (in Berlin Friedenau) des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger ein. Nach seiner Rückkehr besetzten die Kommunarden Anfang März die Atelierwohnung des sich in New York aufhaltenden Schriftstellers Uwe Johnson in der Niedstraße 14 und seine Familienwohnung in der Stierstraße 3. Rudi Dutschke ist in keine dieser Wohnungen eingezogen.

Zeitzeuge Ulrich Enzensberger erinnert sich in seinem Buch an »Die Jahre der Kommune I«:
"Inzwischen waren zwei DDR-Flüchtlinge zur Westberliner Mikrozelle gestoßen. Der 1940 in Schönefeld bei Luckenwalde geborene Rudi Dutschke. Sein Vater, ehemals Berufssoldat war jetzt Postangestellter. Die Mutter war streng protestantisch. Anders als in der BRD gab es in der DDR keine Wehrpflicht. Als Dutschke aber 1957 in der Schule gegen den Eintritt in die Nationale Volksarmee sprach und Beifall erntete, wurde er ein Fall für die Staatssicherheit. Für den aktiven Leichtathleten wurde das ersehnte Studium der Sportjournalistik unmöglich. Also entschied er sich für Westberlin. Er wurde Wochenendpendler. Das DDR-Republikfluchtgesetz, das seit 1957 galt, verbot es DDR-Bürgern nicht, in den Westsektoren Berlins zu arbeiten ... Am 13. August 1961 wurde Dutschke durch den Bau der Mauer von zu Hause abgeschnitten. Jetzt meldete er sich als politischer Flüchtling und wurde Westberliner ... Dutschke wandte sich vom Sportjournalismus ab und studierte an der Freien Universität (FU) Soziologie"

Im Café am Steinplatz in Berlin Charlottenburg lernte Rudi Dutschke im Sommer 1964 die Theologiestudentin Gretchen Klotz kennen. Das Paar wollte zusammenleben, was von den Kommunarden abgelehnt wurde: Feste Bindungen, Ehen gar, waren verpönt. Frauen galten als Zubehör, das nach Belieben weggelegt werden konnte. Gretchen aber wollte in der Partnerschaft mit Rudi die Gleichberechtigung von Mann und Frau umsetzen. Sie lehnte einen Einzug in die Kommune I ab - laut Dieter Kunzelmann mit mehr als nur sanftem Druck. Im Dezember 1965 bezogen Gretchen Klotz und Rudi Dutschke eine gemeinsame Wohnung am Cosimaplatz Nr. 2 in Berlin Friedenau. Am 23. März 1966 heirateten die beiden. Am 12. Januar 1968 wurde Sohn Hosea-Che Dutschke geboren.

Am 3. Dezember 1967 strahlte die ARD mit der Sendung »Zu Protokoll« ein langes Gespräch Dutschkes mit Günter Gaus aus - mit zwiespältigen Folgen. Es erhöhte den Bekanntheitsgrad der Symbolfigur der Studentenbewegung, setzte Dutschke aber andererseits dem Vorwurf des Personenkults aus. Dutschke hielt sich danach mit Interviews zurück, wollte für einige Zeit sogar in die USA gehen, machte aber für den Fernsehjournalisten Wolfgang Venohr eine Ausnahme. Venohr begann sein Filmporträt mit einer Straßenumfrage:

Dutschke? - Verbrennen müsste man so was! Vergasen! Det wär’ richtig! - Na ja, er sollte man richtig n Arsch vollkriegen, auf deutsch gesagt, damit det, wat sein Vater versäumt hat, noch nachgeholt werden könnte. - Na Gott, tja, Abschaum der Menschheit, nicht, Randalierer ersten Grades. - Er geht nach der Zersetzung der Demokratie, also für mich ist klar, der wird vom Osten bezahlt. - Tja, den sollt man in ’n Sack stecken und über die Mauer schmeißen.

Im Treppenaufgang des Hauses in Friedenau, in dem die Aufnahmen gemacht wurden, hatte Venohr an der Wand Vergast Dutschke! gelesen und fragte ihn, ob er sich wegen solcher Schmierereien nicht bedroht fühle. Dutschke antwortete: Ich fühle mich persönlich überhaupt nicht bedroht. Es gebe zwar pogromartige Ansätze, doch die seien ganz normal. Als der Interviewer nachhakte: Haben Sie nicht manchmal Angst, dass Ihnen einer über ’n Kopf haut?, schloss Dutschke allerdings nicht aus, dass natürlich irgend ’n Neurotiker oder Wahnsinniger mal ’ne Kurzschlusshandlung durchführen könne.

Ulrich Enzensberger:
"Am Gründonnerstag, den 11. April 1968, traf um 9.10 Uhr der 24jährige Hilfsarbeiter Bachmann mit dem Interzonenzug am Bahnhof Zoo ein. Er trug eine Pistole im Schulterhalfter. In seiner Einkaufstasche steckten eine Röhm RG 5, Kaliber 6 mm, und Munition. Unter einigen Zeitungsausschnitten, die er in einem Umschlag bei sich trug, war auch der Artikel der "Deutschen National-Soldatenzeitung" vom 22. März: "STOPPT DUTSCHKE JETZT!" Nach einem Frühstück erkundigte er sich bei den Taxifahrern auf dem Bahnhofsvorplatz nach der Wohnung von Dutschke. "Der Dutschke ist doch so einer von der Kommune. Da müssen Sie in die Kaiser-Friedrich-Straße." Bachmann macht sich auf den Weg. In der Kaiser-Friedrich-Straße trifft er einen Postboten. Von ihm erfährt er die Hausnummer, klingelt im Haus 54 a. Nach einiger Zeit öffnet ein Mann mit Wuschelkopf die Tür. Den kennt Bachmann auch, das ist der Langhans. Von dem sind zu dieser Zeit auch alle paar Tage Bilder in der Zeitung. Aber Langhans interessiert nicht. Er sucht Dutschke und fragt nach ihm. "Nein, Rudi wohnt hier nicht, und ich weiß auch nicht wo"; sagt Langhans und fügt noch hinzu, Bachmann solle doch mal im SDS am Kurfürstendamm 140 fragen. Dann schließt er wieder die Tür‘. Ein Telefonat mit dem SDS brachte nicht die gewünschte Auskunft. Daraufhin fuhr Bachmann zum Einwohnermeldeamt und besorgte sich Rudis Meldeadresse. Sie war mit der Adresse des SDS identisch. Um 16.35 Uhr erkannte Bachmann vor dem Kurfürstendamm 140 Dutschke mit dem Fahrrad.

Bachmann: Das Fahrrad war auf der Straße, und Dutschke stand auf dem Bürgersteig. Ich bin um Dutschke herumgegangen.

Richter: So dass Sie auch auf dem Bürgersteig waren?

Bachmann: Ja.

Richter: Und Sie haben ihn gefragt?

Bachmann: Ob er Dutschke ist, und er sagte ja.

Richter: Sie kannten ihn?

Bachmann: Man kennt ihn von Bildern.

Richter: Und dann?

Bachmann: Dann sagte ich, du dreckiges Kommunistenschwein. Dutschke kam auf mich zu, und ich zog den Revolver und ersten Schuss.

Der Schuss ging in die Wange. Bachmann beugte sich über den am Boden Liegenden und schoss ihm in den Kopf. Ein dritter Schuss traf die Schulter. Von Polizisten verfolgt, flüchtete Bachmann sich in den Keller eines Neubaus und wurde dort nach einem Schusswechsel schwer verletzt verhaftet.


Dutschke erlitt lebensgefährliche Gehirnverletzungen. Er überlebte nach einer mehrstündigen Operation. Später meldeten die Zeitungen, Dutschke könne schon wieder aufstehen. In monatelanger täglicher Sprachtherapie, unterstützt vom Psychologen Thomas Ehleiter und Gretchen Dutschke, eignete er sich mühsam wieder Sprache und Gedächtnis an. Da der Medienrummel die Lernfortschritte störte, entschloss sich die Familie, die Bundesrepublik im Juni 1968 zu verlassen. Zunächst in einem Sanatorium in der Schweiz, dann in Italien, schließlich Dänemark, wo Rudi Dutschke 1971 Dozent an der Universität Aarhus wurde. 1973 promovierte er an der FU Berlin im Fach Soziologie.

Rudi Dutschke starb am 24. Dezember 1979 im Alter von 39 Jahren in Aarhus - elf Jahre nach dem Anschlag. Er lag in der Badewanne, als einer der epileptischen Anfälle kam, die ihn seit dem Attentat plagten. Sein Sohn Hosea Che versuchte vergeblich, den ertrunkenen Vater wiederzubeleben. Zurück blieben Gretchen Dutschke (geboren 1942) mit Sohn Hosea Che, Tochter Polly Nicole (geboren 1969) und Rudi-Marek, der erst nach dem Tod seines Vaters am 16. April 1980 in Aarhus zur Welt kam.
Gretchen Dutschke zog 1985 mit den Kindern Polly und Marek nach Boston. Hosea-Che Dutschke blieb "aus Liebe" in Dänemark und ist heute Direktor der Pflege- und Gesundheitsbehörde von Aarhus mit 7.000 Angestellten. Seine Schwester Polly lebt mit ihrer Familie in Aarhus. Sie ist Leiterin eines Pflegeheims. Gretchen Dutschke kam 2010 nach Berlin zurück. Marek zog mit 21 Jahren und zwei amerikanischen akademischen Abschlüssen, Bachelor of Arts in Politik und Germanistik, nach Berlin, wo er heute mit seiner Familie lebt.

Auf Youtube wurde unter https://www.youtube.com/watch?v=SIuz9XLyLD4 das Interview von Wolfgang Venohr aus dem Film "Rudi Dutschke - sein jüngstes Porträt" veröffentlicht.

© Peter Hahn & Jürgen Stich, Juli 2020.
Der Artikel erschien zuerst auf www.friedenau-aktuell.de.

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2020/07/24

Rudolph Bauer
Bildmontagen


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Vermeintliche Verschwörungstheoretiker


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Hotspot Schlachthof


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Zwergen-Serie III

© Prof. Dr. Rudolph Bauer, Juli 2020.

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2020/07/21

Markus Richard Seifert
Immer nur Vorfreude?


Jetzt habe ich IHN also wieder.
Mein "Baby". Mein Rechner. Mein PC. Mein Computer.
Womit mein home office also wieder vollständig wäre.
Aber ich fahre ihn noch nicht hoch, denn ich habe Angst.
Wovor eigentlich?
Vor einer Enttäuschung, wenn er dann doch nicht funktioniert.
Und eine Enttäuschung nach so viel Vorfreude, das ist bitter.
Natürlich, eigentlich müßte er jetzt wohl wieder "laufen", denn mein Freund Andreas (der Mann mit den sieben Ausbildungen) hat ihn mir doch heil gemacht. Also ist er H-E-I-L.
Aber wenn er nun doch nicht heil ist??
Nicht auszudenken wäre das!
Und das nach so viel VORFREUDE!
Eigentlich, wenn man’s genau nimmt, besteht doch das Leben der meisten Menschen überwiegend nur aus "Vorfreude", und die macht bekanntlich nicht wirklich satt - soviel steht fest.
Aber Vorfreude ist doch die schönste Freude, sagt schon ein altes deutsches Sprichwort. Aber NUR Vorfreude?
Und dann vielleicht KEINE Erfüllung?
Darum: Vorsicht vor der Vorfreude, denn sie kann SCHAL werden wie ein altes Bier, das zu lange offen gewesen ist.
Aber Vorfreude ist doch ...
Ja, ich weiß, darum fahre ich meinen "Rechner" eben noch nicht hoch - wegen der Vorfreude, damit die länger dauert.
Und kaufe mir demnächst vielleicht einen zweiten Rechner, einen nigelnagelneuen "Schlepptop" - mit windows 10 drauf und so weiter.
Und benutzt Du DEN dann wenigstens?
Nein, natürlich nicht, aber wenn ich zehn Computer zusammen habe, dann mache ich vielleicht einen Laden auf.
Einen Laden? Für Computer??
Nein, für Vorfreude.

© Markus Richard Seifert, Juli 2020.

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2020/07/19

Stockrosenzeit im Friedrichshainer Kiez


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Fotos von Anonyma, Anfang Juli 2020.


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2020/07/18

Rummelplatz Dosenwerfen


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Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold.


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2020/07/15

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2020/07/12

Wasser ist kostbar

An die Agrarindustrie und die hörigen Politiker:
Verseucht nicht weiter unser Grundwasser mit eurer Gülle!
Hört auf, unsere Insekten und Arten zu töten!
Hört auf, die Tiere in Massentierhaltung zu quälen!


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Wasseruhren, Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold.

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2020/07/09

Joachim Ringelnatz oder Hans Bötticher?

von Markus Richard Seifert


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Joachim Ringelnatz um 1930. Fotografiert von Hugo Erfurth.
Quelle: Wikimedia Commons.


In irgendeiner Berliner Buchhandlung: "Haben Sie Gedichte von Hans Bötticher??" "Nein, der sagt mir jetzt nichts!" "Aber Sie werden doch Joachim Ringelnatz kennen!" "Den freilich ja!" Joachim Ringelnatz also. Er wurde am 7. August 1883 in der Stadt Wurzen (wahrscheinlich ein kleinerer Ort) in Sachsen geboren. Früh schon packte ihn das Fernweh, das bei Binnenländern oft eine Sehnsucht nach der See ist. Nur bis zur 11. Klasse hielt er die Schule aus, die er auf dem Gymnasium in Leipzig besuchte, dann mit dem so genannten Einjährigen in der Tasche brach er aus, um das zu werden, was er wollte: Schiffsjunge. Aber auch das war für ihn keine reine Freude, denn klein gewachsen, mit großer Nase und sächsischem Dialekt ward er schon bald zum Prügelknaben seiner Kameraden ("Nasenkönig" nannte ihn sein Kapitän). Dennoch hielt er durch, absolvierte schließlich seine Qualifikationsfahrt und durfte deshalb 1904 als Einjährig-Freiwilliger sein Jahr bei der Marine in Kiel abdienen.

Danach verlief sein Leben zunächst einmal ziellos. Und nur an eines konnte er sich halten, nämlich an die Dichtkunst, die ihm sozusagen in die Wiege gelegt war. Denn schon sein Vater, Georg Bötticher, hatte humorvolle Verse verfasst. Und das rettete ihn vor dem "Nichts" und führte dazu, dass er seit 1909 für das bekannte Satiremagazin »Simplicissimus« in München als so genannter Hausdichter schreiben durfte. Dabei lernte er so interessante Leute wie den Anarchisten Erich Mühsam, den Heimatdichter Ludwig Thoma und den Schauspieler Max Reinhardt kennen. Dass er im I. Weltkrieg bei der Marine war, zuletzt als Leutnant zur See auf einem Minensuchboot, wird nicht verwundern. Kurzfristig fasste er auch Sympathie für die deutsche Novemberrevolution 1918, doch als er sich bei einem Auftritt vor dem Arbeiter- und Soldatenrat weigerte, seine Offiziersmütze abzunehmen, war auch das bald zu Ende.

Übrigens hatte er auch eine abgeschlossene kaufmännische Ausbildung (Hamburg). Seit 1919 führte er das Pseudonym Joachim Ringelnatz, dem er selbst zwar keine Bedeutung beimaß, von dem es aber doch hieß, er habe es gewählt, weil einerseits die Ringelnatter "sich sowohl zu Wasser als auch zu Lande wohlfühlt" und Joachim seine Gläubigkeit - Joachim heißt: "Gott möge helfen" - zum Ausdruck bringen kann. Schließlich landete er wieder beim Kabarett, 1920 bei »Schall und Rauch«, wo er im Matrosenanzug gekleidet eigene Gedichte im Moritaten- und Bänkelsängerton vortrug - und damit auch auf Tournee ging. Dass seine eigene Mischung aus Tief- und Unsinn den Nazis nicht gefiel, versteht sich (fast) von selbst. Und obwohl inzwischen ziemlich berühmt, ist er die Geldsorgen doch nie wirklich losgeworden, wie sein Gedicht »Angstgebet in Wohnungsnot« (1923) beweist, wo er die Angst vor Obdachlosigkeit zum Thema gemacht hat. Das also war der Dichter Joachim Ringelnatz ("Kuttel Daddeldu"), stilistisch irgendwo zwischen Boheme und Dadaismus anzutreffen - und am 17. November 1934 ist er in Berlin am heutigen Brixplatz an Tuberkulose gestorben.

© Markus Richard Seifert, Juli 2020.


Joachim Ringelnatz
Bumerang


War einmal ein Bumerang;
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum - noch stundenlang -
Wartete auf Bumerang.

Joachim Ringelnatz
Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument


Guten Abend, schöne Unbekannte!
Es ist nachts halb zehn.
Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehn?
Wer ich bin? - Sie meinen, wie ich heiße?
Liebes Kind, ich werde Sie belügen,
Denn ich schenke dir drei Pfund.
Denn ich küsse niemals auf den Mund.
Von uns beiden bin ich der Gescheitre.
Doch du darfst mich um drei weitre
Pfund betrügen.
Glaube mir, liebes Kind:
Wenn man einmal in Sansibar
Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,
Dann merkt man erst, daß man nicht weiß,
wie sonderbar Die Menschen sind.
Deine Ehre, zum Beispiel, ist nicht dasselbe
Wie bei Peter dem Großen L’honneur.-
Übrigens war ich - (Schenk mir das gelbe
Band!) - in Altona an der Elbe Schaufensterdekorateur.-
Hast du das Tuten gehört?
Das ist Wilson Line.
Wie? Ich sei angetrunken?
O nein, nein! Nein!
Ich bin völlig besoffen und hundsgefährlich geistesgestört.
Aber sechs Pfund sind immer ein Risiko wert.
Wie du mißtrauisch neben mir gehst!
Wart nur, ich erzähle dir schnurrige Sachen.
Ich weiß: Du wirst lachen.
Ich weiß: Daß sie dich auch traurig machen.
Obwohl du sie gar nicht verstehst.
Und auch ich - Du wirst mir vertrauen - später in Hose und Hemd.
Mädchen wie du haben mir immer vertraut.
Ich bin etwas schief ins Leben gebaut.
Wo mir alles rätselvoll ist und fremd,
Da wohnt meine Mutter. - Quatsch!
Ich bitte dich: Sei recht laut!
Ich bin eine alte Kommode.
Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;
Manchmal mit Fußtritten geschlossen.
Der wird kichern, der nach meinem Tode
Mein Geheimfach entdeckt.-
Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!
Ich bin auch nicht richtig froh.
Ich habe auch kein richtiges Herz.
Ich bin nur ein kleiner, unanständiger Schalk.
Mein richtiges Herz. Das ist anderwärts,
irgendwo Im Muschelkalk.

Joachim Ringelnatz
Die Ameisen


In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

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2020/07/06

Kakteenblüte


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Blühende Igelkakteen (Echinopsis) aus Argentinien. Fotografiert von © Ella Gondek. Die Igelkakteen sind recht einfach zu pflegen und eignen sich auch für KakteenanfängerInnen. Echinopsis eyriesii, auch Bauernkaktus genannt, wurde im Jahr 2010 zum Kaktus des Jahres gewählt.

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2020/07/04

Tagebuch 1973, Teil 42: Lahore

Dr. Christian G. Pätzold


29. September 1973, Lahore, Sonnabend

Das Essen in Pakistan war immer sehr scharf und zerkocht. Heute begann der Fastenmonat Ramadan, bei dem nur morgens um vier Uhr und dann erst wieder abends um sechs Uhr etwas gegessen werden darf. Auch Rauchen und Trinken waren tagsüber nicht erlaubt. Angeblich konnte man aber hinter einem Vorhang auch tagsüber etwas essen.
Wir sind zum Fort von Lahore gefahren, es ist eine bedeutende und große Palastanlage der Moguln. Wir haben die Elefantentreppe, Hathi Pair, die königlichen Elefanten trugen die Damen des Hofes über diese Treppe in das Fort, und den Spiegelraum gesehen, den Shish Mahal oder Palast des Großmoguls Schahjahan, der Spiegelpavillion selbst heißt Naulakha. Im Spiegelraum gab es das Lichtspiel und die Reflexionen der vielen Spiegel zu sehen. Insgesamt waren wir sehr beeindruckt von dem Fort, dem Sitz der Großmoguln, erbaut zur Zeit von Akbar dem Großen um 1560.

Ein Mann hat uns zu sich in sein Haus eingeladen, es lag mitten im Bazar. Er hatte wohl einen Uhrenladen gehabt, arbeitete aber nicht mehr. Er hatte zwei Töchter und einen Sohn. Man hat uns Äpfel, Tee und Kekse besorgt, aber er hat sein Fasten eisern eingehalten, während wir gegessen und getrunken haben. Er zeigte uns seine Frau, was sehr ungewöhnlich war, aber bei Ausländern machten die Pakistanis anscheinend eine Ausnahme. Oben am Treppenabsatz schielte immer seine jugendliche Tochter herunter, traute sich aber nicht, näher heranzukommen. Die Menschen in Pakistan waren unterschiedlich gegenüber ausländischen Reisenden eingestellt. Einige waren interessiert und suchten den Kontakt zu Ausländern, diskutierten mit ihnen über ihr Leben und die Welt im Allgemeinen, wenn sie Englisch sprechen konnten. Andere Leute lehnten die Ausländer eher ab und sahen in ihnen vor allem westliche Hippies und Drogenabhängige
Viele Leute schliefen hier nachts auf der Straße, wahrscheinlich weil sie kein Geld für ein Zimmer hatten und weil die Temperatur erträglich ist. Abends sind wir ins Kino gegangen. Der Film hieß »Mastana Mahi« und handelte von zwei Brüdern, der eine arm und Postbote auf dem Land, der andere Arzt in der Stadt. Sie lernten jeweils die Zukünftige des anderen kennen und lieben. Schließlich stellte sich heraus, dass sie Zwillingsbrüder waren und alle wurden glücklich. Der Postbote bekam die Schauspielerin aus der Stadt und der Arzt bekam die Tochter des Landlords. Kino war eigentlich vom Islam verboten, aber die Leute gingen trotzdem hin, weil es ihnen natürlich Spaß machte, einen Film anzusehen.

30. September 1973, Lahore - Indische Grenze, Sonntag

Mit einem Regierungsbus sind wir zu 80 Paisas zur Indischen Grenze gefahren. Die Pakistanis wollten die Road Permission sehen, die Inder Geld und Hasch, aber kein Health Certificate. Da sich Indien und Pakistan wie üblich in einer Art Kriegszustand befanden, war die Grenze für Inder und Pakistanis dicht. Aber westliche Reisende konnten ziemlich unproblematisch passieren.
Auf der indischen Seite der Grenze liefen plötzlich die Frauen völlig frei herum, keine Schleier, keine abgetrennten Abteile im Bus, wir waren platt. Man merkte deutlich, dass wir jetzt in einer ganz anderen Kultur waren. Ich hatte jetzt also die islamische Welt verlassen, in die ich nicht mehr kommen würde, abgesehen von einem kurzen Kontakt in Malaysia.

Ausgaben in Pakistan: 80,- DM für 9 Tage (22.9. - 30.9.1973) pro Person:

© Dr. Christian G. Pätzold, Juli 2020.

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2020/07/02

Tagebuch 1973, Teil 41: Lahore (Pakistan)

Dr. Christian G. Pätzold


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Die Badshahi-Moschee in Lahore. Quelle: Wikimedia Commons.


28. September 1973, Lahore, Freitag

Am Morgen bin ich durch endlose Bazare gegangen. Die Kinder waren frech, warfen mit Abfällen nach mir und riefen Hippie und Haschisch. Ich habe es in die Wazir Khan Moschee geschafft, in der sich ein berühmtes Grabmal befindet, es gab viel Weihrauch und einen Beter. Die Wazir Khan Moschee ist wirklich sehr schön, vollständig geschmückt mit Blütenmotiven. Die Moschee wurde von einem ehemaligen Arzt im Jahr 1634 in Auftrag gegeben, der es zum Wezir unter Großmogul Schahjahan gebracht hatte. Der Wezir war damals der höchste Beamte, vergleichbar mit einem heutigen Ministerpräsidenten. Unterwegs habe ich Raubvögel gesehen, die über der Stadt flogen, Streifenhörnchen und Papageien. Beim General Post Office habe ich noch ein Päckchen für 13 Rupees nach Deutschland abgeschickt.

In die Moscheen bin ich nicht aus religiösen Gründen gegangen, sondern aus kulturhistorischem und kunsthistorischem Interesse. Wenn man bedenkt, dass man sich dort befindet, wo schon die Großmoguln herumspazierten, dann haben diese Orte doch eine ganz besondere Aura. Die historischen Moscheen in Persien und Pakistan sind oft von großer architektonischer Schönheit. Sehenswert sind besonders die vielen floralen Motive auf Keramik. Die Darstellung von Blüten in Moscheen ist im Islam erlaubt, von Menschen dagegen nicht.

Am Nachmittag habe ich die Badshahi-Moschee besucht, vorher natürlich die Schuhe ausziehen, eine beeindruckende Mogulmoschee aus rotem Sandstein mit weißen Marmorkuppeln, die während der Regierung von Großmogul Alamgir Aurangzeb im Jahr 1674 erbaut wurde, also etwas später als das Tadsch Mahal in Agra (1631-1648), dessen Kuppeln und Anlage ähnlich sind. Die Moschee gehört zu den größten der Welt und der ganze Moscheebezirk mit großem Garten ist sehr gut komponiert. Großmogul Aurangzeb war der Sohn von Großmogul Schahjahan, der das Tadsch Mahal in Agra für seine Lieblingsfrau Mumtaz Mahal erbauen ließ, Enkel von Großmogul Jahangir und Urenkel von Akbar dem Großen, der eigentlich Jalaluddin Badschah-i-Ghazi hieß.

Man muss sich immer vergegenwärtigen, dass Pakistan und Nord-Indien gemeinsam zum Reich der Moguln gehört haben und dass die Hauptstädte Lahore, Delhi und Agra waren. Die moslemischen Moguln haben die Mehrheit der Hindus beherrscht. Teilweise sind während der Mogulherrschaft auch einige Hindus der untersten Kasten zum Islam übergetreten, um ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern. Die Nachfahren der konvertierten Moslems sind dann nach der Unabhängigkeit 1947 aus Indien geflüchtet und haben sich in West-Pakistan niedergelassen, wo sie als Volksgruppe aber oft in Konflikt zu den eingesessenen Pakistanis gerieten.

Ein Mann, der Englisch sprach, hat uns aus einem Disput mit einem Kutscher gerettet, der uns 5 Rupees abknöpfen wollte. Sofort versammelte sich eine riesige Menschenmenge, die natürlich die Partei des Kutschers ergriff. Wir bezahlten sicherheitshalber die 5 Rupees. Wir gingen zu unserem Retter nach Hause, er wohnte in dem an die Moschee angrenzenden Bazar. Er hat uns einen Brief nach Indien mitgegeben, da die Post nach Indien nicht ging. Er war ein Moslem, der 1947 nach Pakistan gegangen ist und die Massaker zwischen Hindus und Moslems miterlebt hatte. Er sagte, dass die Moslem League von den britischen Kolonialherren als Konkurrenz zur National Congress Party eingerichtet worden war, um ihre divide-et-impera-Politik besser durchführen zu können. Wir sind durch den ganzen Bazar gelaufen, die Leute waren teilweise aggressiv uns gegenüber. Wenn irgendwo irgendetwas los war, bildete sich sofort ein riesiger Menschenauflauf, weil die Leute nichts anderes zu tun hatten.

Zurück im Hotel haben wir einen Beamten aus Sindh getroffen, der über seine Arbeit erzählt hat. Er verdiente 400 Rupees im Monat (entsprach 100,- DM) und konnte davon seine Familie nicht ernähren. Also nahm er 1.000 bis 2.000 Rupees Bestechung zum Beispiel für Baugenehmigungen. Er sagte, dass das alle so machen. Er sagte, es gäbe 16 Lohnstufen für Arbeiter, die niedrigste bei 140 Rupees. Er meinte, 1975 werde es wieder Krieg mit Indien geben. Er erzählte noch von seiner Familie, dass er seine Frau sehr liebe, dass es hier keine Scheidung gäbe und dass sein Familienleben sehr glücklich sei. Seine Frau bleibe fast immer im Haus und dürfe nur tiefverschleiert über die Straße gehen. Er kaufe ein, sie herrsche dafür im Haus. Sie habe viel zu tun, sie haben acht Kinder. Heutzutage sei schon viel liberalisiert, früher durften Frauen nur in einer Sänfte das Haus verlassen. Er könne sich nicht vorstellen, dass eines Tages Männer und Frauen am selben Arbeitsplatz nebeneinander tätig sein werden.

Exkurs: Über die Arten des Transports auf einer Weltreise

Bei einer Weltreise kommt man durch zahlreiche Länder mit ganz unterschiedlichen lokalen Möglichkeiten des Reisens und der Fortbewegung. Man muss sich jeweils an die vorhandenen Gegebenheiten flexibel anpassen. Auf meiner Weltreise haben sich die unterschiedlichsten Transportmittel ergeben: Auto, Zug, Reisebus, Minibus, Flugzeug, Motorrad, Fähre, Schiff. Die preiswerteste Art des Reisens war das Trampen mit Autos. So wurde ich auf dem Trans-Canadian Highway von der Westküste zur Ostküste kostenlos von Autofahrern mitgenommen. Die KanadierInnen waren sehr freundlich und hilfsbereit.
Die teuerste Art des Reisens war das Fliegen, weswegen ich nur das Flugzeug genommen habe, wenn es gar nicht anders ging, und dann auch nur den billigsten Flieger. Der Vorteil des Fliegens war, dass man die Erde mal von oben sehen konnte. Andererseits lernte man beim Fliegen kaum Menschen kennen. Da ich meist durch arme Länder gereist bin, waren die Transportkosten im Durchschnitt relativ billig. Überhaupt war das Reisen in den armen Ländern billiger als die normalen Unterhaltskosten in Deutschland.
Innerhalb der Städte gab es wiederum verschiedene Arten, von A nach B zu kommen: Zu Fuß, mit Bussen, Fahrrad-Rikschas, Pferdekutschen, U-Bahnen, S-Bahnen, Street Cars in San Francisco oder New Orleans, Taxis. In Sri Lanka habe ich sogar einmal auf einem Elefanten gesessen.
Mein erstes Transportmittel zum Anfang der Reise war ein VW-Bulli, mit dem ich 2 Monate durch die Sowjetunion gefahren bin, wie ihr zu Beginn dieses Tagebuchs nachlesen könnt. Der VW-Bulli war damals ein Kultauto und Freiheitssymbol der jungen Leute, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA und vielen anderen Ländern. Oft wurden die VW-Bullis bunt mit Hippiemotiven angemalt. Sie waren auch relativ geräumig, so dass man darin übernachten konnte, quasi kleine Wohnmobile. Außerdem waren die Wagen robust und konnten daher für ferne Reisen genutzt werden. Unser VW-Bulli hat es immerhin von Berlin bis nach Tiflis im Kaukasus geschafft, und auch wieder zurück. Irgendwann hat der VW-Konzern die Produktion von VW-Bullis und VW-Käfern eingestellt, ich vermute aus Profitgründen. Dabei haben diese simplen Autos, die man noch selbst reparieren konnte, durchaus Sinn gemacht für die Nutzer.

© Dr. Christian G. Pätzold, Juli 2020.

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2020/07/01

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2020/06/30

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2020/06/27

Vor 100 Jahren: Erste Internationale DADA-Messe in Berlin
veranstaltet von Propagandada Marshall George Grosz, Dadasoph Raoul Hausmann
und Monteurdada John Heartfield

Ausstellung und Verkauf dadaistischer Erzeugnisse
30. Juni 1920 - 25. August 1920


Die folgenden KünstlerInnen waren mit Exponaten an der Ausstellung beteiligt:
Johannes Alberts, Johannes Sokrates Albrecht, Hans Arp (Zürich), Johannes Baader, Johannes Theodor Baargeld (Köln), Carl Boesner, Otto Burchard, Hans Citroën, Otto Dix, Alois Erbach (Wiesbaden), Max Ernst (Köln), George Grosz, Maud E. Grosz, Raoul Hausmann, John Heartfield, Ben Hecht (Chicago), Wieland Herzfelde, Hannah Höch, Georg Koch, Georg Kobbe, Sigmar Mehring, Francis Picabia (Paris), Max Schlichter, Rudolf Schlichter (Karlsruhe), Otto Schmalhausen (Antwerpen), Georg Scholz (Grötzingen), Walter Serner, Walter Stuckenschmidt.


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George Grosz und John Heartfield bei der Dada-Messe, Berlin 1920


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Raoul Hausmann und Hannah Höch vor ihren Werken


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Blick in die Ausstellung


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2020/06/24

Zum Friedrich-Engels-Jahr

Dr. Hans-Albert Wulf
Die Hölle auf Erden im Frühkapitalismus


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Arbeiterinnen in einer Baumwollfabrik in Manchester, um 1830.
Quelle: Wikimedia Commons.


Der Teufel versuchte sich zu erinnern. Vor einiger Zeit, die er auf der Erde verbrachte, war er versehentlich in eine Kirche geraten und dort fand gerade ein Gottesdienst statt. Der Pfarrer oben auf der Kanzel hatte sich mit seiner Predigt mächtig ins Zeug gelegt. Allein ein arbeitsames und fleißiges Leben sei ein gottgefälliges Leben und nur durch Arbeit öffne sich für den Menschen die Himmelstür. Zum Schluss der Predigt bat der Pfarrer die Gläubigen sich zu erheben und folgendes Gebet nachzusprechen: "Oh mein Gott, mein Gott, schenke mir doch Arbeit und Dienste allezeit! Oh mein Gott, mein Gott, was ist doch die Plage und Beschwerde hier auf Erden köstlich, da sie so große Seligkeit schafft. Oh Gott, ich erkenne deine Güte und ich bitte dich, erlöse mich von bösen Gesinnungen und von Unzufriedenheit mit dir, aber nicht von Arbeit, solange ich lebe auf Erden! Denn je arbeitsamer ich bin, je seliger werde ich sein!" Nach einer solch großen Dosis christlichen Balsams, war der Teufel derartig erschöpft, dass er sich in die Sakristei verzog, sich dort im hintersten Winkel auf dem Boden einrollte und in einen tiefen Schlaf versank.
In der Frühe des nächsten Morgens machte er sich auf, setzte seine Mütze auf und wanderte zu den großen Textilfabriken Manchesters. Dort wollte er sich anstellen lassen, um die vom Pfarrer so gepriesenen Wohltaten der Arbeit am eigenen Leibe zu erfahren. Als der Teufel noch etwas müde vor sich hin schlurfte, wurde er plötzlich lauthals von zwei Männern überholt, die lange Holzstangen mit sich führten. Und mit diesen Stangen klopften sie laut und kräftig an die Fenster der Arbeitersiedlung. "Um Gotteswillen, was machen sie denn da? Wollen sie die Fensterscheiben einschlagen?" "Quatsch!" entgegnete einer von ihnen gereizt. "Wir sind das Weckkommando. Wir treiben die faulen Arbeiter aus ihren Betten, damit sie morgens pünktlich zur Arbeit kommen." Denn wenn sie den Beginn der Schicht um 6 Uhr versäumen, werden sie bestraft und es wird ihnen eine Stunde vom Lohn abgezogen. Der Teufel beschleunigte seinen Schritt und erreichte nun das Industriegelände von Manchester. Als er um die Ecke bog, sah er eine alte Frau, die sich hin zu den Fabriken schleppte. Und als er sie überholte, sah er zu seinem Entsetzen, dass es keine alte Frau sondern ein junges Mädchen war.

Beherzt klopfte er an den Nebeneingang des Hauptgebäudes der Fabrik. Nach einigem Warten öffnete sich das Tor und ein Pferdewagen fuhr hinaus, auf dessen Ladefläche sich ein Sarg befand. Und in dem Sarg lag, wie er später erfuhr, die Leiche eines jungen Arbeiters, der am Vorabend versehentlich in das Getriebe einer Maschine geraten war. Ein Keilriemen hatte ihn erfasst und mehrfach so heftig durch die Luft gewirbelt, dass ihm auf der Stelle sämtliche Knochen gebrochen waren. Er war auf der Stelle tot.
Nachdem dem Teufel von einem Vorarbeiter diese grausliche Geschichte berichtet worden war, musste er erst einmal schlucken, fasste sich aber dann doch ein Herz und betrat das Fabrikgebäude. Ob er hier arbeiten könne, fragte der Teufel einen der Vorarbeiter. Na klar, gerade sei ja einer seiner Leute mit dem Leichenwagen abtransportiert worden. In der Ecke stand ein gebeugter junger Mann, dem das Greisenalter schon ins Gesicht geschrieben war und dessen rechter Arm fehlte. Ob man denn keine Arbeit für ihn habe, bettelte er. Er sei doch bis zu seinem Unfall immer ein fleißiger Arbeiter gewesen. Der Vorarbeiter schnauzte ihn an, dass er jetzt schon seit drei Tagen jeden Morgen den Betrieb hier aufhalte, er solle sich zum Teufel scheren! Dann führte er den Teufel durch die riesige Fabrikhalle mit ihrem ohrenbetäubenden Lärm hin zu den gigantischen Baumwollspinnmaschinen.
Und dort stellte ihn der Vorarbeiter hin und gab ihm Arbeitsanweisungen. Große körperliche Kraft müsse er hier nicht aufbringen, da die Maschinen ja nun von einer Dampfmaschine am Laufen gehalten würden. Er müsse die Maschine allerdings gewissenhaft beaufsichtigen und bei Störungen sofort eingreifen und z.B. zerrissene Fäden wieder anknüpfen. Nachdem sich der Teufel eingearbeitet hatte, musste er denken, dass diese Arbeit an den Maschinen weiß Gott nicht "köstlich sei und dem Arbeiter große Seligkeit verschaffe", wie der Pfarrer gepredigt hatte. Ganz im Gegenteil es sei eine einzige riesige Hölle der Langeweile. Es sei ja nichts anderes als ein Lebendigbegrabenwerden in der Fabrik und dieses pausenlose Achtgeben auf die unermüdliche Maschine sei eine einzige Tortur, die alle Höllenvorstellungen überbiete. Denn nichts sei fürchterlicher als von morgens bis abends etwas tun zu müssen, was einem widerstrebt und eine immerwährende Qual bereitet. Der Teufel hatte noch nicht die Fließbandarbeit in den Automobilfabriken im 20. Jahrhundert von Henry Ford kennengelernt.

Aber er, der Teufel, war ja nur zu Besuch gekommen und konnte jederzeit wieder gehen. Aber wie stand es mit den irdischen Menschenkindern? Krankheiten und Verkrüppelungen sind im Arbeitsalltag auf der Tagesordnung. Immer wieder gibt es Arbeitsunfälle, die dadurch hervorgerufen werden, dass die Arbeiter zwischen den Maschinen hantieren müssen. Da wird schon mal ein Finger abgequetscht oder aber ein ganzer Arm wird von der Maschinerie ergriffen und zermalmt. In einem zeitgenössischen Bericht hierzu ist zu lesen. "Die gefährlichsten Stellen der Maschinerie sind aber die Riemen, welche die Triebkraft auf die einzelnen Maschinen leiten. Wer von diesen Riemen ergriffen wird, den reißt die treibende Kraft pfeilschnell mit sich herum, schlägt ihn oben gegen die Decke und unten gegen den Fußboden mit solcher Gewalt, dass selten ein Knochen am Körper ganz bleibt und augenblicklicher Tod erfolgt." (zit. nach Friedrich Engels S.387)
Als der Teufel all diesen Horror mit Schaudern sah, musste er an die Qualen der Hölle denken und die Ähnlichkeiten waren unübersehbar. Auch hier herrschte ein unerträglicher Lärm und die Insassen resp. Arbeiter schufteten in fürchterlicher Hitze. Und machten sie auch nur den kleinsten Fehler, wurden sie unmittelbar und schmerzhaft mit dem Tode bestraft, indem ihnen ein Treibriemen um die Ohren flog. Einen großen Unterschied gab es aber doch: Die in der Hölle schmorenden Menschen hatten in ihrem Leben eine oder mehrere Sünden begangen - jedenfalls nach dem Urteil der katholischen Kirche. Die Frauen, Kinder und Männer in der Hölle der Fabrik haben sich dagegen nichts zu Schulden kommen lassen. Ihr einziges Vergehen bestand darin, dass sie leben wollten. Und um leben zu können, mussten sie tagein, tagaus 12 bis 14 Stunden von früh bis spät in der Fabrikhölle ihr Leben hingeben.

Und dies begann schon im Leben von kleinen Kindern, die in den Textilfabriken deshalb von den Fabrikanten so gerne eingesetzt wurden, weil sie aufgrund ihrer Körperkleinheit gut unter den Maschinen arbeiten konnten. Eine Arbeiterin erzählte unter Tränen, wie morgens Aufseher in ihre Wohnung mit Gewalt eingedrungen waren und ihre Kinder nackt aus dem Bette geholt, mit den Kleidern auf dem Arm unter Schlägen und Tritten sie in die Fabrik gejagt haben und wie sie ihnen den Schlaf mit Schlägen ausgetrieben haben. Ein zweiter Arbeiter berichtete wütend, wie die Kinder dann trotzdem über der Arbeit eingeschlafen, wie ein armes Kind noch im Schlaf, und nachdem die Maschine stillgesetzt war, auf den Zuruf des Aufsehers aufsprang und mit geschlossenen Augen die Handgriffe seiner Arbeit ausführte. Und wenn die Kinder nach Hause kamen, waren sie so müde, dass sie vor Müdigkeit ihr Abendbrot nicht essen konnten. (Engels S. 388f.)
Am nächsten Morgen um 6 Uhr ging die Tortur dann von neuem los. Die Arbeit der Kinder besteht darin, dass sie unter die Spinnmaschinen kriechen müssen, um die herabfallenden Fasern wegzuschaffen. Und dabei müssen sie sich beeilen und sehr schnell arbeiten. Weil nur wenige Sekunden später die Spulenreihe zurückfährt und den gesponnenen Faden aufwickelt. Kommen die Kinder nicht rechtzeitig heraus, werden sie unweigerlich zwischen der heranrasenden Maschinenreihe und dem Maschinengestell zerquetscht.

Nach dem Ende der Schicht war der Teufel völlig fertig und machte sich auf den Heimweg zu seiner Herberge. Und auf seinem Weg dorthin traf er immer wieder Krüppel und verstümmelte Arbeiter. Dem einen fehlt der ganze oder der halbe Arm, dem anderen der Fuß, dem Dritten ein halbes Bein; "man glaubt unter einer Armee zu leben, die eben aus dem Feldzug zurückkommt." (Engels 386f.)
Als der Teufel in seiner Herberge ermüdet angekommen war, trank er erst einmal ein Bier. Auf dem Tisch lag ein Stapel des "Manchester Guardian" und hier las der Teufel über die letzten größeren Unglücksfälle in den Fabriken von Manchester.

15. Juni, Ein Junge aus Saddleworth wird von einem Rad ergriffen und mitgerissen, er starb, vollkommen zerschmettert.
29. Juni, Ein junger Mann in Greenacres Moor bei Manchester, der in einer Maschinenfabrik arbeitete, gerät unter einen Schleifstein, der ihm zwei Rippen zerbrach und ihn zerfleischte.
24. Juli, Ein Mädchen in Oldham stirbt, von einem Riemen fünfzigmal mit herumgerissen, kein Knochen blieb ganz.
27. Juli, In Manchester gerät ein Mädchen in einen Blower (die erste Maschine welche die rohe Baumwolle aufnimmt) und starb an den erlittenen Verstümmelungen.
3. August, Ein Spulendrechsler stirbt, von einem Riemen fortgerissen, in Dukinfield, alle Rippen waren zerbrochen.

Das Krankenhaus von Manchester hatte im Jahre 1843 allein 962 Verwundungen und Verstümmelungen zu heilen.
Der Teufel trank sein Bier aus, stieg die Treppe hinauf zu seiner Schlafstätte und betete zu Gott, dass er von all dem Grauen des Tages nicht träumen möge.

Die Seitenzahlen beziehen sich auf Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen, MEW Band 2 (zuerst Leipzig 1845). Insgesamt beziehe ich mich bei der Schilderung der damaligen englischen Fabrikzustände auf Engels.

© Dr. Hans-Albert Wulf, Juni 2020.

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2020/06/21

Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Brandenburgisches Konzert Nr. 1 BWV 1046 - 1. Satz: Allegro (1721)

2 Hörner, 3 Oboen, 1 Fagott und 1 Violino piccolo
4 Minuten 36 Sekunden. Quelle: Wikimedia Commons





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2020/06/18

Sabine Rahe
Watt


Perlender Schaum, der Schlick benetzt.
Venusmuscheln im Sand versteckt.
Mutter Erde, die nackte Beine mit Modder bedeckt.
Angst, dass eine im Boden verborgene Auster
blosse Fußsohlen aufschlitzt.

Gesichter vom frischen Wind gerötet
und von wolkendurchbrechender Sonne erhitzt.
Meerwasserlache, die unter den Schritten aufspritzt.
Ein kleiner Seestern, der in einer flachen Pfütze festsitzt.

Am Horizont eine Hallig.
Das Watt, in dem ein Priel in der tiefstehenden Sonne blinkt.
Eine Haarsträhne, die der Wind in die Stirn bläst.
Gewaltige Wolken, die er wie Banner voran trägt.

© Sabine Rahe, Juni 2020.
www.die-dorettes.de



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2020/06/17

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wattwanderung
Wattwanderung in Wangerooge, Sommer 1965.


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2020/06/15

Tipp vom Bioobst-Gärtner: Rhabarber

Dr. Christian G. Pätzold


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Rhabarberblüte. Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, April 2020.


Rhabarber (Rheum rhabarbarum) kommt aus dem Himalaja und gehört zur botanischen Familie der Knöterichgewächse (Polygonaceae). Von der mehrjährigen Staude sind nur die Blattstiele essbar. Vorsicht! Alle anderen Pflanzenteile sind giftig. Die Blattstiele bieten das erste Obst des Jahres schon im April und können bis Mitte Juli geerntet werden. Danach muss sich die Pflanze wieder regenerieren. Rhabarber ist in Deutschland sehr beliebt als schmackhaftes Rhabarberkompott, als Rhabarberkuchen oder auch als Rhabarbermarmelade. Die Pflanze ist recht anspruchslos, freut sich aber auch über etwas Dünger in Form von Komposterde. Als Platz benötigt sie nur 1,50 x 1,50 Meter. Sie wächst etwa 1,50 Meter hoch.

Ein weiterer Vorteil des Rhabarbers neben der Speise ist seine große dekorative Wirkung. Schon die großen Blätter mit den roten Stielen sind sehr schön anzusehen. Besonders spektakulär sind die Blütenstände mit zahlreichen kleinen Einzelblüten. Die Blütenstände sollte man teilweise stehen lassen, wenn man mehrere Rhabarberpflanzen hat. Im kommerziellen Rhabarberanbau werden die Blütenstände herausgeschnitten, um mehr Blattstiele ernten zu können.

Die Zubereitung von Rhabarberkompott ist sehr einfach: Die Blattstiele waschen und in kleine Stückchen schneiden. Im Topf mit etwas Wasser aufkochen und 5 Minuten köcheln lassen, bis die Stückchen zu Fasern zerfallen sind. Bourbon-Vanille-Zucker hinzugeben. Fertig! Dazu passt Vanilleeis.

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2020/06/12

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2020/06/09

Die Bremer Stadtmusikanten
4 alte Künstler auf der Suche nach Freiheit


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Die Bremer Stadtmusikanten vor dem Rathaus in Bremen.
Plastik von Gerhard Marcks, 1953. Quelle: Wikimedia Commons.
Nach dem Märchen von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm.


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2020/06/06

Neues aus der Welt der Flacherdler

von Dr. Hans-Albert Wulf


Wir befinden uns in einer Schule im mittleren Westen der USA. Es klingelt und der Geografielehrer Mr. Barnes betritt den Klassenraum. Er müht sich mit einem enorm großen Paket ab, das er mit Ächzen vorne auf sein Pult wuchtet. "Guten Morgen Kinder, ich habe euch etwas Schönes mitgebracht. Jeder von euch erhält eine kleine Erdkugel aus Blech." Die Kinder sind begeistert und stürzen nach vorne, um sich einen dieser Bälle zu holen. Und sie legen sofort los, mit den kleinen Erdkugeln wie wild im Klassenraum Werfen und Fangen zu spielen. Ein mordsmäßiger Krach, der über den gesamten Flur scheppert und poltert. Die Lehrerin aus dem Nebenklassenraum kommt wütend hereingeschnauzt. Sie verbitte sich diesen Lärm! So könne man ja überhaupt keinen Unterricht durchführen. Und was denn überhaupt dieser Unfug hier zu bedeuten habe. Sie werde es dem Direktor melden, wenn dieser von seiner Dienstreise zurückgekehrt sei. Mr. Barnes erklärt ihr, es handele sich um kleine Taschengloben, um den SchülerInnen eine plastische Vorstellung von unserem Erdball zu vermitteln.

Mr. Johnson, der Schulleiter, erfährt am nächsten Montag von dem Vorfall und ist wütend und entsetzt. Was ist das doch für ein miserabler und unfähiger Geografielehrer, der den Kindern solch einen veralteten Kram erzählt, dass die Erde eine Kugel sei! Gerade habe er selbst in der letzten Woche an einer Konferenz der "Flach-Erder"-Vereinigung in California teilgenommen. Und dort wurde auf Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse der endgültige Beweis dafür erbracht, dass die Erde eine Scheibe ist, an deren Rändern ringsum sich die Arktis und Antarktis auftürmen, um das Auslaufen der Meere zu verhindern.

Nach diesem skandalösen Vorfall wird der Geografielehrer Barnes auf der Stelle entlassen und der Schulleiter übernimmt nun in eigener Person den Geografieunterricht. Als erste Tat werden unter der Anleitung des Fachlehrers für den Werkunterricht sämtliche Taschenblechgloben Stück für Stück zu Scheiben plattgehämmert. Ein Riesenspaß für die Kinder. Für diese großartige Aktion im Kampf gegen ketzerische Weltauffassungen wird Schulleiter Johnson ins Bildungsministerium nach Washington eingeladen. Und dort wird ihm feierlich die Donald-Trump-Medaille verliehen.

© Dr. Hans-Albert Wulf, Juni 2020.

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2020/06/02

Der Baum des Jahres 2020: Die Robinie


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Robinien im Berliner Stadtbild.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold am 9. Mai 2020.


Jedes Jahr wird in Deutschland ein Baum des Jahres ausgewählt, um auf die Schönheit und den Nutzen der Bäume aufmerksam zu machen. Dieses Jahr ist es die Robinie (Robinia pseudoacacia) aus der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae). Die Robinie wird im Volksmund auch Akazie genannt, was botanisch nicht stimmt, denn die Akazien bilden eine eigene Gattung. Die Robinie stammt aus den östlichen USA und ist in Deutschland eine invasive Art, das heißt sie breitet sich hier schon lange von selbst aus und verdrängt andere Pflanzen. Deswegen wird die Robinie von einigen Leuten angefeindet. Die Robinie soll erstmals im Jahr 1601 von Jean Robin, dem Gärtner der französischen Könige, in Frankreich eingeführt worden sein.

Die Robinie hat aber eine Reihe von Vorzügen, weswegen sie von anderen Menschen sehr geschätzt wird.
Erstens ist die Robinie ein sehr dekorativer Baum, da sie ein bizarres Aussehen mit Ästen in einer Art Zick-Zack-Struktur hat. Die Krone ist sehr licht, so dass viele Sonnenstrahlen auf den Boden durchgelassen werden. Dadurch ist der ganze Baum eine sehr freundliche Erscheinung. Wenn man dagegen unter Buchen steht, dann ist es zappenduster. Da die Robinie sehr widerstandsfähig gegenüber Umweltbelastungen ist, ist sie auch ein beliebter Straßenbaum. Sie kann bis zu 30 Meter hoch wachsen.
Zweitens ist die Robinie eine sehr gute Bienenweide, die ab Mai blüht. Die Blüte ist spektakulär, denn oft sind die Bäume vollständig mit weißen Blütentrauben bedeckt. Die Blüten der Robinie duften stark süßlich, so dass Straßen und Plätze parfümiert werden. Die Bienen lieben den reichlichen Nektar der Blüten und produzieren köstlichen Robinienhonig.
Drittens ist das Holz der Robinie sehr hart und witterungsbeständig. Es eignet sich etwa zum Bau von stabilen Klettergerüsten auf Kinderspielplätzen. Die Robinie gehört weltweit mit Pappeln und Eukalyptus zu den 3 Laubbäumen, die am häufigsten auf Plantagen angebaut werden. Sie wird auch zum Stopp der Bodenerosion angepflanzt.

Dr. Christian G. Pätzold.

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2020/05/31

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2020/05/27

Flower Power
Einen zitronengelb blühenden Rhododendron sieht man nicht so oft


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Fotografiert von © Ella Gondek in der Nähe von Berlin.


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2020/05/24

Susan Hill: The Giant's Head


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Skulptur in The Lost Gardens of Heligan, Cornwall, England.
Fotografiert 2004. Quelle: Wikimedia Commons.


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2020/05/21

Die Ermordung von Hans Paasche vor 100 Jahren


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Es begann mit den »Lettres persanes« von Montesquieu, die im Jahr 1721 erschienen. Darin schildern zwei in Europa reisende Perser in fiktiven Briefen ihre Erlebnisse, wobei die Kritik am französischen Absolutismus und am gesellschaftlichen Leben deutlich wird. Durch den Abstand, den Fremde haben können, werden die Verhältnisse mit ganz anderen Augen gesehen. Die Fremden können sich mit Satire und Spott äußern, was einem Eingeborenen aufgrund seiner Betriebsblindheit nicht möglich ist. Das Buch des Aufklärers Montesquieu soll damals noch von Amts wegen unterdrückt worden sein. Der französische König mochte es nicht, wenn man sich über sein Reich lustig machte.

Dasselbe Talent, etwas mit einem fremden Blick zu sehen und gründlich in Frage zu stellen, hatte Hans Paasche (1881-1920), der zur Kaiserzeit einige Jahre in Ost-Afrika als deutscher Kolonialoffizier verbracht hatte. Sein Buch »Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland« erschien zuerst 1912 in der Halbmonatszeitschrift Vortrupp. Darin lässt er den Afrikaner Lukanga, den er am Viktoriasee kennengelernt hatte, zu Wort kommen. Der in Deutschland reisende Afrikaner kritisiert etwa die europäische Umweltverschmutzung, den brutalen Kolonialismus und den westlichen Fortschrittsfetischismus. Hans Paasche war vor dem Ersten Weltkrieg ein Vordenker der bürgerlichen Jugendbewegung, des Wandervogels und des progressiven Teils der Lebensreform in Deutschland. Er ist vor allem als Pazifist in die Geschichtsbücher eingegangen, als jemand der sich traute, die brutale Kolonialpolitik des Deutschen Reiches zu kritisieren..
Leider wurde Hans Paasche schon am 21. Mai 1920 von rechtsextremen Reichswehrsoldaten auf seinem Landgut Waldfrieden in der Neumark erschossen, mit nur 39 Jahren. Er war gerade in Badehose beim Angeln, als sie ihn ermordeten. Als Todesursache gaben die Rechtsextremisten "auf der Flucht erschossen" an, das war die übliche Begründung für ihre Morde.

Kurt Tucholsky veröffentlichte in der Weltbühne Anfang Juni 1920 das folgende Gedicht für Hans Paasche:

"Wieder Einer./Das ist nun im Reich/Gewohnheit schon. Es gilt ihnen gleich./So geht das alle, alle Tage./Hierzuland löst die soziale Frage/ein Leutnant, zehn Mann. Pazifist ist der Hund?/Schießt ihm nicht erst die Knochen wund!/Die Kugel ins Herz!/Und die Dienststellen logen:/Er hat sich seiner Verhaftung entzogen./Leitartikel. Dementi. Geschrei./Und in vierzehn Tagen ist alles vorbei./-Wieder Einer. Ein müder Mann,/der müde über die Deutschen sann./Den preußischen Geist - er kannte ihn/aus dem Heer und aus den Kolonien,/aus der großen Zeit - er mochte nicht mehr./Er hasste dieses höllische Heer./Er liebte die Menschen. Er hasste Sergeanten/(das taten alle, die beide kannten)./Saß still auf dem Lande und angelte Fische./Las ein paar harmlose Zeitungswische.../-Spitzelmeldung. Da rücken heran/zwei Offiziere und sechzig Mann./(Tapfer sind sie immer gewesen,/das kann man schon bei Herrn Schäfer lesen.)/Das Opfer im Badeanzug... Schuss. In den Dreck./Wieder son Bolschewiste weg -!/Verbeugung. Kommandos, hart und knapp./Dann rückt die Heldengarde ab./Ein toter Mann. Ein Stiller. Ein Reiner./Wieder Einer. Wieder Einer."

Bereits der Vater von Hans Paasche, Hermann Paasche, war eine Berühmtheit in Deutschland. Er war Nationalökonom, nationalliberaler Politiker und Reichstags-Vizepräsident. Er ist noch heute bekannt für den Paasche-Index, einen Inflationsindex, den jeder Student der Wirtschaftswissenschaft kennt. Der Paasche-Index wird aber seltener verwendet als der Laspeyres-Index, der weniger aufwändig zu berechnen ist.

Als letztes in der Reihe der zivilisationskritischen Bücher kam das Buch »Der Papalagi. Die Reden des Südsee-Häuptlings Tuiavii aus Tiavea«. Es stammt von Erich Scheurmann (1878-1957), der eine kurze Zeit im polynesischen Samoa gelebt hatte, das damals noch von Deutschland besetzt war. Das Buch erschien zuerst 1920. Das samoanische Wort Papalagi bedeutet der Weiße, der Fremde. Auch dieses Buch enthält eine scharfsinnige Zivilisationskritik an Europa. Der Häuptling spricht:

"Das runde Metall und das schwere Papier, das sie Geld nennen, das ist die wahre Gottheit der Weißen. ... Du musst zahlen für alles. ... Ich habe nur eines gefunden, für das in Europa noch kein Geld erhoben wird, das jeder betätigen kann, soviel er will: das Luftnehmen. Doch ich möchte glauben, dass dies nur vergessen ist, und ich stehe nicht an zu behaupten, dass, wenn man diese meine Worte in Europa hören könnte, augenblicklich auch dafür das runde Metall und schwere Papier erhoben würde. Denn alle Europäer suchen immer nach neuen Gründen, Geld zu verlangen."

Der »Lukanga Mukara« und der »Papalagi« waren noch in der ökologischen Alternativbewegung der 1970er/1980er Jahre überaus beliebte Bücher und erreichten hohe Auflagen in Westdeutschland.

Dr. Christian G. Pätzold.

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2020/05/19

Rudolph Bauer
Corona Bildmontagen


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Corona Feudalism


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DGB am 1. Mai 2020


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Der Schrei

© Prof. Dr. Rudolph Bauer, Mai 2020.

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2020/05/16

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2020/05/12

15 Jahre Holocaust-Mahnmal in Berlin


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Das Holocaust Mahnmal in Berlin Mitte von Peter Eisenman.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold.


Das bedeutendste Mahnmal der an Mahnmalen reichen Memopolis Berlin ist sicher das Holocaust-Mahnmal des New Yorker Architekten Peter Eisenman direkt neben dem Brandenburger Tor. Zur Zeit des 3. Reiches stand auf dem Gelände die Stadtvilla von Joseph Goebbels. Und zur Zeit der Berliner Mauer (1961-1989) lag dort der von Pflanzen durch Herbizide freigehaltene Todesstreifen. Der Architekt Peter Eisenman wurde 1932 in Newark/New Jersey/USA in eine jüdische Familie geboren. Das Holocaust Mahnmal wurde vor genau 15 Jahren, am 12. Mai 2005, eröffnet. Es wird auch als "Mahnmal für die ermordeten Juden Europas" bezeichnet. Dem Holocaust fielen 6 Millionen Juden zum Opfer, sie waren die größte Opfergruppe in den KZs. Das große Mahnmal bedeckt einen ganzen Block.
Das Mahnmal geht auf die unermüdliche Arbeit der Journalistin Lea Rosh zurück und musste sich gegen Widerstände durchsetzen. Die 2.711 grauen Betonquader oder Stelen erinnern an Sarkophage auf Friedhöfen. Zwischen den Quadern, die teilweise höher als Menschen sind, kann man hindurchlaufen. Der gewellte Boden zwischen den Quadern soll ein Gefühl der Unsicherheit vermitteln. Hinzu kommt eine beängstigende Enge im Zentrum des Mahnmals. Die unpassenden Bäume innerhalb des Denkmals wurden auf Wunsch eines bekannten deutschen Bundeskanzlers gepflanzt. Wahrscheinlich wollte er das Mahnmal etwas aufhübschen. Unter der südöstlichen Ecke des Mahnmals befindet sch ein Informationszentrum mit vier Ausstellungsräumen, das kostenlos betreten werden kann.

In den letzten 15 Jahren hat das Mahnmal der künstlerischen Kritik standgehalten. Mit seinen klaren geometrischen Formen steht es in der Tradition der Bauhaus-Moderne. Nur die jugendlichen Besucher, die das Stelenfeld als einen Abenteuerspielplatz betrachteten und von Stele zu Stele hüpften, waren ein Problem. Dieses Verhalten war den Sarkophagen gar nicht angemessen. Die Jugendlichen mussten von Wachposten zu Ernst ermahnt werden. Wenn man die Sarkophage höher gebaut und weiter auseinander gerückt hätte, dann hätte es dieses Problem nicht gegeben.
Wie zu erwarten war, gab es dann doch noch Anfeindungen von rechten deutschen Kräften. Das Holocaust Mahnmal wurde als "Denkmal der Schande" bezeichnet und es wurde eine "Wende der deutschen Erinnerungskultur um 180 Grad" gefordert. Als Antwort darauf baute das Zentrum für Politische Schönheit im November 2017 vor dem Wohnhaus des Rechtspolitikers in Thüringen eine Miniaturausgabe des Mahnmals auf.

Dr. Christian G. Pätzold.

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2020/05/11

300. Geburtstag des Baron Münchhausen

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Baron Münchhausen: Der Ritt auf der Kanonenkugel.
Zeichnung von Gottfried Franz (1846-1905). Quelle: Wikimedia Commons.


Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen wurde vor 300 Jahren, am 11. Mai 1720, auf Gut Bodenwerder an der Weser, heute Niedersachsen, geboren. Er war ein Offizier und Jäger, dessen phantastische Reiseerzählungen und Kriegsabenteuer berühmt wurden. Im 18. Jahrhundert langweilten sich die Soldaten oft im Feld, wenn gerade mal eine Kriegspause eingetreten war. Zur Zerstreuung und Unterhaltung dachten sie sich Geschichten von ihren Kriegserlebnissen und Heldentaten aus. Am bekanntesten sind wohl die Geschichten des Baron Münchhausen, in denen er sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht und auf einer Kanonenkugel durch die Lüfte reitet. Diese Geschichten hörten sich zwar sehr beeindruckend an, waren aber aus physikalischen Gründen unmöglich und sorgten für viel Heiterkeit. Heute würde man Fake News dazu sagen. Seine gesammelten Geschichten erschienen bereits ab 1761 in Buchform. Seitdem werden amüsante Lügendichtungen als Münchhauseniaden bezeichnet. Münchhausen wurde auch der Lügenbaron genannt.

Dr. Christian G. Pätzold.

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2020/05/09

"Zu wenig Parfum, zu viel Pfütze"

Hans Baluschek zum 150. Geburtstag

Breslau 9. Mai 1870 - Berlin 28. September 1935
Die große Hans-Baluschek-Ausstellung im Bröhan-Museum in Berlin Charlottenburg
soll demnächst geöffnet werden


baluschek
Hans Baluschek: Hier können Familien Kaffee kochen, 1895.
Mischtechnik auf Pappe. Bröhan Museum.


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2020/05/08

75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus durch die Rote Armee

In diesem Jahr ist der Tag der Befreiung einmalig ein Feiertag in Berlin.
Aufgrund der Coronavirus-Pandemie finden aber keine Feiern statt.


stolpersteine
Stolpersteine in Berlin. Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, Februar 2020.


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2020/05/04

Rudolph Bauer: »China, die Welt und wir«

von Dr. Christian G. Pätzold

china1
Tian’anmen-Platz/Platz am Tor des Himmlischen Friedens in Beijing,
wo Mao Zedong 1949 die Volksrepublik China ausgerufen hat.
Quelle: Wikimedia Commons.


Die moderne Geschichte Chinas begann am 1. Oktober 1949, als Mao Zedong in Beijing die Volksrepublik China ausrief. Mao Zedong war bereits seit 1945 Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas. In den 1950er Jahren musste China die Verwüstungen aufarbeiten, die die japanische Okkupation während des Zweiten Weltkriegs hinterlassen hatte. Um den kommunistischen solidarischen Geist im chinesischen Volk zu stärken und den kapitalistischen egozentrischen Geist zurückzudrängen, starte Mao 1966 die Große Proletarische Kulturrevolution. Mao sah klar die Notwendigkeit einer permanenten Revolutionierung des Denkens und Verhaltens. Dabei stützte er sich vor allem auf die revolutionäre Jugend, die in der Roten Garde organisiert war. Das stieß natürlich auf Widerstand bei den Anhängern des kapitalistischen Weges. Vertreter der kapitalistischen Richtung wie Liu Shaoqi wurden entmachtet, er starb in der Haft 1969.
Die Kulturrevolution war allerdings nur vorübergehend erfolgreich. Nach dem Tod von Mao 1976 kam es zu Machtkämpfen innerhalb der Kommunistischen Partei, aus denen die kapitalistische Richtung um Deng Xiaoping siegreich hervorging. Von Deng ist der berühmte Ausspruch bekannt: "Egal ob die Katze weiß oder schwarz ist, Hauptsache sie fängt Mäuse." Damit wollte er den kapitalistischen Weg als ökonomisch erfolgreicher rechtfertigen. Er war der Ansicht, dass nur der Kapitalismus die Produktivkräfte entfalten und zu Wohlstand führen könne. Den Sozialismus dagegen hielt er für unfähig. Deng war ein kapitalistischer Denker durch und durch. Aktienspekulation und ausländische Kapitalisten wurden ins Land geholt, um die chinesischen Arbeitskräfte auszubeuten. In der Konsequenz befand sich China seit 1980 immer weiter auf dem Weg der kapitalistischen Entwicklung, der auch beibehalten wurde, als Deng 1997 starb.

Heute ist China eine kapitalistische Supermacht, die Werkbank der Welt, die ihre Industrieprodukte in alle Länder der Welt verkauft. Dabei sind viele Produkte durchaus High-Tech. In China gibt es heute mehr Dollar-Milliardäre als in den USA und kapitalistische Großunternehmen. Daher muss man China als kapitalistisches Land bezeichnen, auch wenn die Staatsmacht von der "Kommunistischen" Partei kontrolliert wird. Die führenden Köpfe des Ein-Partei-Staates haben enge Beziehungen mit den kapitalistischen Milliardären. Darüber hinaus entwickelt sich China zu einem imperialistischen Staat, wie der Bau von Häfen in Übersee und der Bau von riesigen Flugzeugträgern andeutet.
Seit 2012 ist Xi Jinping Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas. Er hat sich inzwischen zum "Obersten Führer" (chinesisch: Zuigao Lingdaoren) ernannt, einen Personenkult um sich installiert und beabsichtigt, bis an sein Lebensende an der Macht zu bleiben. Im Inland hat er den Kapitalismus weiter ausgebaut, einen digitalen Überwachungsstaat mit Punktesystem für jeden Einwohner eingerichtet und die Sinisierung von Xinjiang mit der Unterdrückung der Uiguren fortgesetzt. Das Recht der Völker auf Selbstbestimmung wird mit Füßen getreten. Bei den Tibetern ebenso. Das ist dasselbe, was die Amis mit den Indianern machen. Oder die Brasilianer mit den indigenen Völkern des Amazonas-Gebietes. Marginalisierung der Völker durch ökonomische Ausbeutung ihrer Länder. Außenpolitisch ist er mit dem Projekt der neuen Seidenstraße auf einen imperialistischen Kurs gegangen. Man kann daher Xi Jinping als einen der wichtigsten Kapitalisten und Imperialisten unserer Zeit bezeichnen.

Zu diesen Überlegungen regte mich das neue Chinaheft von Prof. Dr. Rudolph Bauer an, auch wenn der Autor vielleicht nicht mit meinen Einschätzungen übereinstimmen wird. Auf jeden Fall ist das Chinaheft lesenwert, wenn man mal wieder in die Traditionen und in die Entwicklungen in China eintauchen will. Leider endet das Heft um das Jahr 2000. Die Publikation umfasst nur 67 Seiten, bietet aber trotzdem viele Denkanstöße.
Zwei Themenbereiche habe ich allerdings in Rudolph Bauers Essay schmerzlich vermisst: Zum einen eine Darstellung der kapitalistischen Entwicklung Chinas in den letzten 20 Jahren, die sich auf ökonomische Daten stützt. Nur so kann die Bedeutung Chinas in der heutigen Weltwirtschaft richtig eingeschätzt werden. Es gibt krasse Gegensätze zwischen den vielen armen Menschen und den wenigen reichen Menschen in China. Und es gibt eine gigantische Umweltzerstörung aufgrund der kapitalistischen Produktion. Zum zweiten vermisse ich eine Überlegung zur quantitativen Dimension. China ist ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen, Deutschland im Vergleich hat etwa 80 Millionen Einwohner. Es ist doch klar, dass diese quantitativen Unterschiede zu ganz anderen qualitativen Ergebnissen führen müssen.

China ist heute zu wichtig für die Entwicklungen auf der Welt. Da lohnt sich ein Studium auf jeden Fall, zumal Rudolph Bauer längere Zeit in China gelebt hat. Zu den zahlreichen Erfahrungen von Rudolph Bauer mit China sei aus dem Anhang des Heftes zitiert:

"In Bremen war Bauer aktiv als einer der Gründer der GDCF (Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft). Er war GDCF-Vorstandsmitglied, zunächst der Bremer Gruppe und später bundesweit. Mehrmals besuchte er mit Reisegruppen sowie einer Delegation des GDCF-Bundesvorstands die Volksrepublik China. Dadurch wurde sein Interesse geweckt, die chinesische Sprache kennen zu lernen sowie das Leben und die Gesellschaft des Landes durch eigene Anschauung zu studieren. Dies wurde ihm durch eine Beurlaubung an der Universität Bremen und durch eine Einladung seitens der Chinesischen Botschaft in Bonn ermöglicht.

1979/80 lebte er für die Dauer eines Jahres als ausländischer Experte in China. Dort arbeitete er am Ersten Fremdspracheninstitut in Beijing als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe für "Das Neue Chinesisch-Deutsche Wörterbuch" (1. Auflage, 1.164 Seiten; Beijing 1985). Über seine Eindrücke berichtete er fortlaufend im "China Report", der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft zur Förderung freundschaftlicher und kultureller Beziehungen zur VR China (ÖGCF) sowie in der GDCF-Zeitschrift "China heute".

In China machte sich Rudolph Bauer vertieft mit der Kultur und Geschichte des Landes vertraut. Als ein Indikator der gesellschaftlichen Entwicklung in der Umbruchzeit 1979/80 entdeckte und sammelte er die in der Zeitschrift "Fengci Yu Youmo" veröffentlichten Karikaturen und Cartoons. Daraus entstand sein Buch "China lacht. Zeitgenössische Karikaturen" (288 Seiten; Wien, München, Zürich 1983). Ein weiterer Schwerpunkt seines Interesses und der Studien vor Ort galt der chinesischen Sozialpolitik, für die Bauer vom Wiener Ludwig Boltzmann Institut für China- und Südostasienforschung als Wissenschaftlicher Referent berufen wurde.

In der Zeit nach seiner Rückkehr verfolgte Bauer die Entwicklung der Volksrepublik weiterhin aus kritischer Distanz, nicht zuletzt unter dem Eindruck von DENG Xiaopings Politik der Vier Modernisierungen und der westlichen Berichterstattung über die Unruhen auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989."

Das Heft enthält ein umfangreiches, interessantes Literaturverzeichnis.

Rudolph Bauer: China, die Welt und wir. Bergkamen 2020. pad-Verlag. 67 Seiten.


Prof. Dr. Rudolph Bauer schreibt zu obiger Besprechung seiner Publikation:

"Lieber Christian,
ich finde es schade, dass Du über den Inhalt der Broschüre kaum etwas schreibst. Der "Kommentar" besteht in erster Linie aus Deiner Beurteilung der VRCh als imperialistisch und kapitalistisch. Dabei bleibt offen, was darunter zu verstehen ist; Du beschränkst Dich darauf, Parallelen zu ziehen zwischen China und den USA, zwischen China und der Russischen Föderation. Inwieweit diese Parallelen auch inhaltlich und empirisch etwas hergeben, bleibt offen. Ich persönlich finde, dass die Unterschiede Chinas zu diesen Staaten/Gesellschaften/Ökonomien hätten genauer beachtet werden müssen. Auch finde ich, dass die geopolitischen Konfrontationen manche der Angleichungen nachvollziehbar (nicht entschuldbar!) machen.
Um meine Zweifel an Deiner Beurteilung der VRCh zu unterfüttern, bitte ich Dich, Dir das Buch von Wolfram Elsner ("Das chinesische Jahrhundert. Die neue Nummer eins ist anders." Frankfurt/Main 2020) zu besorgen und zu studieren. Dort wird auf Seite 9 auf verschiedene "Gastbeiträge" verwiesen, die in einer gewissen Korrespondenz zu Elsners Studie stehen - u.a. auch auf meinen Beitrag, der unter dem Link www.westendverlag.de/china abrufbar ist.
Wegen der Verbindung mit dem Elsner-Buch führen meine Auslassungen nicht bis in die Gegenwart, die das Hauptthema von Elsners Arbeit ist. (Deine Kritik, dass meine Arbeit nicht bis in die Gegenwart führt, ist also zutreffend, aber aufgrund des angedeuteten Zusammenhangs wohl nachvollziehbar.)"


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2020/05/01

Sonnige Grüße zum 1. Mai !


puzzle


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2020/04/30

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2020/04/29

Blick nach Draußen aus dem Homeoffice:
Es ist Fliederzeit


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Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold.


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2020/04/28

wolfgang weber
go slow update


dies ist das Frühlings update 2020 des Songs / go slow / von Fela Kuti / Erfinder des Afro Beat / kraftvoll / energetisch / dynamisch / Weiterentwicklung des Highlife / Westafrika / Bläser Saxofone Posaunen Trompeten / Keyboards Piano Orgel Synthesizer / Gitarre Bass / Drums Percussion / Gesang viel Gesang / beeinflusst von James Brown / Soul Funk Groove / Miles Davis / Coolness Hipness / Reggae / Bob Marley / Black Power / Malcolm X

go slow go slow / politische Texte / Dissident / Präsidentschaftskandidat / ein Album hieß / Black President / Staatsfeind / verfolgt und tyrannisiert

go slow go slow / Inspiration für diesen Text / es geht um Verkehr in Lagos Nigeria / traffic jam / Verkehr kommt zum Erliegen / go slow go slow / rasender Stillstand / eingesperrt / wie im Gefängnis

Text im Original in Pidgin English und Yoruba / Version 1976 enthält nur diese beiden Slogans / go slow go slow / ole make e niyen! / Refrain ad infinitum / Album: upside down / Welt steht Kopf

die längere Version 1972 / Album: Roforofo fight / ins Deutsche gebracht / bearbeitet / einem update unterzogen:

go slow go slow /
Menschheit braucht Land / stimmst Du zu /
Menschheit braucht Arbeit / stimmst Du zu /
Menschheit braucht Nahrung / stimmst Du zu /
Chorus: ole make e niyen!

impossible / es geht nicht / impossibility / impossibilityism / keine Chance /
impossibilityismalogy / Unmöglichkeit / total unmöglich / nichts funktioniert /
nichts geht / rien ne vas plus / impossibilityismatologylogicalization /
impossibililityismatologylogicalization babe

go slow go slow / Staus Unfälle Stillstand Umwege /
Du kommst nicht nach hause / willst etwas erledigen /
nichts geht / traffic jam / eingeklemmt in der rush hour

Du bekommst Kopfschmerz / Nase läuft / Kehle zugeschnürt / keine Chance / unmöglich / Schüttelfrost / wie ein Blatt Papier / kalt wie Eis / go slow go slow

go slow go slow / Stillstand holt Dich ein / Auto Busse LKW Rad zu Fuß / egal /
Du bist auf dem Weg / plötzlich / aus dem Nichts / auf einmal /
endloser Stau / aus dem Nichts / go slow go slow / gaaanz laaangsaaam /
wie in Lagos / so auch hier / ole make e niyen! / eingesperrt

go slow go slow / rings um Dich / Lastwagen / Autos / Fahrzeuge / Lieferwagen / Busse / Motorräder / Taxis / e-bikes / Fußgänger / von links rechts hinten vorne / Hubschrauber Christoph 19 / über unseren Köpfen /

go slow go slow / Du fühlst Dich eingesperrt / wie im Gefängnis / nichts geht / ausgebremst / es geht nicht voran / go slow go slow / ole make e niyen! / gefangen in der Stadt / eingesperrt bei lebendigem Leib / go slow go slow / rasender Stillstand / wie gelähmt / Du kommst nicht weiter

go slow go slow / Leben steht still / kaum noch Staus auf Strassen / Busse Bahnen / leerer seltener / Geschäfte verschlossen bis / ja bis? / schönstes Frühlingswetter / Leben steht still / silent spring / go slow go slow / rasender Stillstand / eingeschlossen in den eigenen vier Wänden

keine Kultur / kein Ort für Kultur / fast nirgends / Bücher kaufen kann man / noch / wie lange noch / im Laden / Lebensmittel auch / leere Regale / Ware weggehamstert / Toilettenpapier etwa / manche sollten jahrelang auf dem Klo sitzen und sich schämen / go slow go slow / ole make e niyen!

© Wolfgang Weber, April 2020.

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2020/04/25

Markus Richard Seifert
Corona und die Folgen


Es gibt Zeiten, da zeigen die Staaten
... plötzlich ihr WAHRES Gesicht.
Und Puhlitika begehen Taten,
die sie halten für ihre Pflicht.

Zum Beispiel bei der Corona-Krise
... die sieht doch aus wie bestellt.
Ein Vorwand für Ermächtigungsgesetze
... die UNDEMOKRATISCH sind.

Dann reden "sie" von Quarantäne,
vor jedem Haus steht ein Puhlizist.
Und schlimmstenfalls, da hilft keine Träne
... SOGAR, WENN DU GESUND BIST.

Natürlich wird es Ausnahmen geben
... ARBEITEN, EINKAUFEN, ARZT.
Und vielleicht sogar ein Spaziergang,
wenn Du ihn NUR ZU ZWEIT wagst.

Doch die Schulen, die bleiben geschlossen.
Bibliotheken und Rathäuser auch.
Und vielleicht wird sogar bald geschossen -
auf Menschen, die "ohne Grund" außer Haus.

Und nur wer "systemrelevant" ist,
der DARF noch zur Arbeit geh'n.
Das sind die CORONA-Regeln.
Vielleicht nötig, aber NICHT SCHÖN.

Falsch oder falsch?

Die Regierungen der CORONA-Staaten haben es zurzeit nicht leicht. Denn was auch immer sie machen, später wird es heißen, sie hätten es falsch gemacht. Maßregeln sie die Menschen zu sehr, dann wird es heißen: Hilfe, die Diktatur naht! Halten sie sich aber zu sehr zurück, dann werden die Leute sagen: Seht her, die da oben, die tun ja nichts!
Und auch nachher wird es so weiter gehen: Wird die Wirtschaft mit milliardenschweren "Hilfspaketen" unterstützt, unter Inkaufnahme von neuer Staatsverschuldung und einer möglichen Inflation (wobei man inflationären Preisanstieg durch Gesetze verbieten könnte), dann wird das sehr schnell Kritik und Kritiker auf den Plan rufen. Hält sich der Staat aber zurück und stellt der Flut einer großen Pleite nichts entgegen, dann bekommen wir wieder eine Great Depression, wie die Welt sie schon 1929 erlebt hat - und wer kann das wollen?
Kurz gesagt: Die Politik hat offenbar nur die Wahl zwischen Skylla oder Charybdis, zwischen Pest oder Cholera. Aber wer möchte so eine Entscheidung wirklich treffen müssen? Bleibt die Gefahr, dass wenn die autoritären Maßnahmen "greifen" sollten, sich die Sympathisanten eines diktatorischen Regierens bestätigt fühlen werden. Und wir werden nicht mehr frei werden für eine lange Zeit. Aber wer kann das wirklich wollen?

© Markus Richard Seifert, April 2020.

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2020/04/22

Zum 150. Geburtstag von Lenin


lenin1
Lenin auf dem Roten Platz in Moskau, Mai 1919.
Quelle: Wikimedia Commons.


Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, wurde am 22. April 1870 in Simbirsk an der Wolga in Russland geboren. Er wurde zu einem führenden kommunistischen Politiker und zum wahrscheinlich bedeutendsten Revolutionär des 20. Jahrhunderts. Er gründete die Partei der Bolschewiki als Partei von sozialistischen Berufsrevolutionären. Mit der Oktoberrevolution von 1917 kamen die Bolschewiki in Russland an die Macht und gründeten einen riesigen sozialistischen Staat, die Sowjetunion. Seit 1920 setzte sich Lenin mit der Losung "Kommunismus - das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung" für die Elektrifizierung und Industrialisierung Russlands ein, das damals noch stark agrarisch geprägt war. Die politische Macht lag in den Händen der Sowjets, das heißt der Räte aus Arbeitern und Bauern.
Lenin ist auch als sozialistischer Theoretiker bekannt, der einige wichtige Bücher veröffentlicht hat. In »Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung« (Stuttgart 1902) entwarf er das Programm der bolschewistischen Partei. In dem Buch »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« (Petrograd 1917) untersuchte er den Übergang vom Konkurrenzkapitalismus zum Monopolkapitalismus, der durch Kapitalkonzentration und Zusammenschluss des Bankkapitals mit dem Industriekapital entstand. Ein weiteres wichtiges Werk von 1917 ist »Staat und Revolution. Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution«. Mit dem Begriff "Leninismus" wird die Weiterentwicklung der Theorien von Karl Marx durch Lenin bezeichnet.
Die sozialistische Utopie der Sowjetunion hat leider nur etwas mehr als 70 Jahre Bestand gehabt. In den letzten Jahrzehnten ihrer Existenz war der sozialistische Geist der Bevölkerung schon sehr geschrumpft und zu schwach, um die Gesellschaft und Wirtschaft am Laufen zu halten. Aber die sozialistische Gesellschaft der Zukunft wird sicher einige positive Erfahrungen der Sowjetunion übernehmen können. Immerhin hat die sowjetische Rote Armee den deutschen Faschismus besiegt.
Lenin starb bereits 1924 in Gorki bei Moskau. Nach ihm war die Stadt Leningrad benannt, die seit 1991 Sankt Petersburg heißt.

Dr. Christian G. Pätzold.

Seht bitte auch die Artikel vom 2017/08/14 und 2017/11/07 (Der Rote Oktober) auf kuhlewampe.net.

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2020/04/18

Buchtipp: »Utopie konkret«
Gedanken zu dem gleichnamigen Buch von Dr. Rudolf Stumberger

von Dr. Hans-Albert Wulf

utopie
Das Volk im Zukunftsstaat, Illustration von Friedrich Eduard Bilz, 1904.
Quelle: Wikimedia Commons.


Wenn Politiker in Sonntagsreden über die "Zukunftsfähigkeit" unserer Gesellschaft schwadronieren, so ist damit immer gemeint, dass wir uns den Imperativen der neoliberalen Ökonomie unterwerfen sollen. Und wenn dann einer meint, dass es auch einen anderen Weg geben könne, wird ihm sofort der Hinweis auf die "Alternativlosigkeit" um die Ohren geschlagen. Kapitalismus forever. Angesichts solcher Sackgassenideologie ist es an der Zeit, den Begriff der Utopie wiederzubeleben.
Dieses aus dem Griechischen stammende Wort heißt frei übersetzt "ein nicht-Ort". Ein Ort, den es schlechterdings nicht geben könne, "Das ist ja utopisch, das kann niemals sein. Das ist doch bloß ein Wolkenkuckucksheim." Gegen diesen affirmativen und negativen Utopiebegriff hat der Philosoph Ernst Bloch in seinem Opus Magnum »Das Prinzip Hoffnung«, den Begriff der "konkreten Utopie" gesetzt. Und dieser Begriff zielt auf die reale Möglichkeit einer radikalen gesellschaftlichen Umwälzung. Rudolf Stumberger knüpft an den Blochschen Utopiebegriff an und hat in seinem Buch mit dem Titel »Utopie konkret - und was daraus geworden ist« einen sehr informativen Überblick über die Geschichte gesellschaftlicher Utopien nachgezeichnet.

Der Begriff kann zweierlei bedeuten:
1. Zum einen den theoretischen Entwurf für ein alternatives Gesellschaftsmodell. Hierzu zählen beispielsweise die Modelle des Franzosen Charles Fourier (1772-1837) mit seiner Vision agrarischer Produktivgenossenschaften, der "Phalangen", in denen u.a. Verteilungsgerechtigkeit und die "freie Wahl der Dauer, Gattung und Art der Arbeit" verwirklicht sein sollten. (30)
2. Die praktische Umsetzung einer Utopieidee. Dies ist bei dem britischen Unternehmer Robert Owen der Fall, der zunächst in seiner Baumwollspinnerei im schottischen Lanark für seine Arbeiter halbwegs menschliche Arbeits- und Lebensbedingungen jenseits des Manchesterkapitalismus realisierte.

Rudolf Stumberger holt in seinem Buch über die Geschichte der Utopien weit aus. Er beginnt mit den frühen Klosterformen des 4.Jahrhunderts und der dort praktizierten asketischen Lebensweise und schlägt den Bogen bis hin zu den gegenwärtigen Modellen einer alternativ-ökologischen Gesellschaftsform. Insgesamt stellt Stumberger mehr als zwanzig Utopien dar. Bei 150 Seiten Text können die Darstellungen der einzelnen Utopieentwürfe natürlich nur knapp ausfallen. Allerdings belässt es Stumberger nicht bei den einzelnen Gestaltformen der verschiedenen Utopieentwürfe, sondern er befasst sich detailliert mit den einzelnen gesellschaftlichen Bereichen der Utopien:
1. Ehe und Sexualität
2. Wohnen, Kochen, Essen
3. Kleidung
4. Produktion, Arbeit und Lohn
5. Konsum und Geld
6. Eigentum und Privatbesitz
7. Technische Neuerungen
Nachzutragen wären noch Kultur und Bildung.
Jeweils daran anschließend prüft Stumberger, was "an der jeweiligen Utopie gescheitert und was noch gegenwärtig ist." (131)

Karl Marx und Friedrich Engels kommen in der Abhandlung von Rudolf Stumberger nur am Rande und nicht explizit bei der Darstellung der einzelnen Utopieentwürfe vor. Und dies hat einen Grund. Denn sowohl Marx als auch Engels haben ganz bewusst darauf verzichtet (anders als z.B. die Frühsozialisten Fourier, Saint-Simon), einen Entwurf einer sozialistischen oder gar kommunistischen Utopie auszupinseln. Denn die Strukturen und Merkmale einer neuen Gesellschaft sollten sich ja erst im revolutionären Prozess herausbilden.
Eine Ausnahme bildete damals lediglich August Bebel, der Führer der deutschen Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert. In seinem umfangreichen Werk »Die Frau und der Sozialismus« beschreibt er detailliert den sozialdemokratischen "Zukunftsstaat". Das umfangreiche Werk wurde bis 1929 etwa 200.000 Mal gedruckt und dies zeigt nachdrücklich, dass in der Arbeiterbewegung ein großes Bedürfnis nach einer utopischen Vision bestand.

Utopie ist der Traum von einer besseren Gesellschaft. Das größte realutopische Experiment war zweifellos der Versuch, den Sozialismus in der Sowjetunion aufzubauen. Aber um diesen Traum zu verwirklichen, mussten vor allem zwei Voraussetzungen gegeben sein: 1. eine Bevölkerung, welche die Umwälzung der Gesellschaft in Richtung Sozialismus vorantreibt oder zumindest unterstützt. 2. ein bestimmtes Maß der Entwicklung der Produktivkräfte. Gerade auf diesen zweiten Aspekt hatte Marx besonderen Wert gelegt. Den unmittelbaren Sprung von einer feudalistischen Agrargesellschaft in eine sozialistische Gesellschaft hielt Marx schlechterdings kaum für realisierbar.

Was bleibt nun aktuell vom "Geist der Utopie" (Bloch)? Es ist unübersehbar, dass die kapitalistische Profit- und Wachstumsgesellschaft immer stärker in eine fundamentale Krise gerät. Die Klimakatastrophe ist hierfür nur ein sichtbarer Ausdruck.
Aber es gibt auch starke gesellschaftliche Gegentendenzen. Die Bewegung "Fridays for Future" hätte man sich vor zwei Jahren noch nicht träumen lassen. Und in den gegenwärtigen Alternativ- und Ökologiebewegungen werden hoffnungsfrohe Ideen für eine menschenwürdige Gesellschaft formuliert und erprobt. Und hierbei kann die Besinnung auf die Geschichte der Utopien, wie sie Rudolf Stumberger in seinem Buch »Utopie konkret« beschrieben hat, ausgesprochen hilfreich sein.

Rudolf Stumberger: Utopie konkret und was daraus geworden ist. Aschaffenburg (Alibri Verlag) 2019. 155 Seiten.

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2020/04/15

Zum 100. Jubiläum der Internationalen DaDa-Messe in Berlin, 1920

Wolfgang Weber
dada pastiche


1: abba zabba dabba / zazete zaza zazoom / zoom

2: abracadabra / simsalabim / palabra / sasim

3: walk on guilded splinters / kon kon killy / kon kon / kon

4: yabba gabba zabba / yayete yaya yayoom / yoom

5: hocus pocus fidibus omnibus / dreimal schwarzer kater

6: babba dabba gabba / babete babba baboom / boom

7: walk on guilded splinters / gris gris on the floor / come back for more

8: abba yabba zabba / gabba babba dabba / yayete yaya yaya yayoom / yoom yoom

9: in a gadda da vida / gagete gagoom / goom

10: pappa ante portas / papete pappa papoom / poom

11: tapas antipasti / tapete tipitina tatoom / toom

12: simsalabim / krim klimbim isegrimm kim / simsalabim / dreimal schwarzer kater / was für ein theater

13: abba zabba yabba gabba / abba dabba babba / chubba hubba rubba stubba / zabba abba gabba yabba dabba

14: abracadabra / palabra / hocus pocus focus locus

15: local global viral / kolossal portal banal fatal / wartesaal

16: in a gadda da vida / wir trafen uns in einem garten / in hinterzarten / die meiste zeit verbrachten wir mit warten

17: dada dadete dadoom doom / da dada dadoom / dada doom

18: walk on guilded splinters / kon kon kon kon killy / kon kon killy killy / kon kon kon

19: dada voodoo doodoo doowop / how do you do / hoodoo doodoo voodoo voovop / bebop a lula / she’s my baby

20: somebody done hoodooed the hoodoo man / got my mojo working

21: dada dadete dadoom / zaza zazete zazoom / yayaya yayete yayoom / baba babete baboom / gabba gabba gabete gagoom / killy kon kon / abracadabra / simsalabim / hocus pocus / de gustibus non disputandum / wir trafen uns in a gadda da vida / voodoo chile / doodoo doowop / palabra parole parole parole

22: get yer ya-yas out

Inspiration, in der Reihenfolge des Textes:
• Don van Vliet aka Captain Beefheart & The magic band: Abba zabba
• Malcolm McRebennack aka Dr John (The night tripper): Walk on guilded splinters, später: Gris gris (Voodoo Amulett) und Tipitina (später: Name eines Nacht Clubs)
• Iron Butterfly: In a gadda da vida (im Garten des Lebens)
• Loriot: Film Pappa ante portas
• 2raumwohnung (Inga Humpe, Tommi Eckart): Wir trafen uns in einem Garten
• Gene Vincent: Be bop a lula
• Doo Wop: Gesangsstil des R&B der 50er und 60er
• Louis Jordan: Somebody done hoodooed the hoodoo man
• McKinley Morganfield aka Muddy Waters: Got my mojo working
• Jimi Hendrix: Voodoo Chile (child)
• Dalida: Parole parole (Worte Worte)
• The Rolling Stones: Live album: Get yer ya-yas out!

The Mighty Wolf: erweiterte Version der Dada bonus beats 05/2019, geschrieben zu:
• wohin, erschienen im Kunst Magazin Innen Welten Nr 3, 08/2018.

© Wolfgang Weber, April 2020.

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2020/04/12

Markus Richard Seifert
Die Ladenzeitung


werdi
Im Umsonst-Buchladen in der Werderstraße in Berlin Tempelhof, 2013.


War es in meinem 10. Schuljahr auch nicht zu einer Schülerzeitung gekommen, weil mein Mitschüler Georg B. in Wirklichkeit nur einen Presse-Ausweis haben wollte, so habe ich dann später doch noch die "Weihen" eines Redakteurs empfangen dürfen. Meinen dritten Einsatz in dieser schreibenden Funktion hatte ich als Mitarbeiter einer Sozialen Bücherstube mit dem Namen "Medienfreund" (oder so ähnlich). Wobei der Vollständigkeit halber gesagt werden muss, dass es eigentlich zwei Ladenzeitungen waren, an denen ich beteiligt war.
Ja, es fing wirklich ganz harmlos an. Die erste Ladenzeitung, von unserer damaligen Chefin (sprich: Projektkoordinatorin) Frau A. Ebert (ich weiß bis heute nicht, ob sie mit dem ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Friedrich Ebert verwandt war) ins Leben gerufen, war ein schlichtes Blättchen, gedruckt auf lachsfarbenem Papier (so wie die Financial Times Deutschland), eine doppelseitig bedruckte DINA4-Seite, die einmal im Monat erschien. Schreibberechtigt waren, wenn sie wollten, aber natürlich wollten nicht alle, die dreißig Mitarbeitenden unserer drei Berliner Süd-West-Filialen dieser Umsonst-Buch-Läden, also Schöneberg, Tempelhof und Steglitz - das heißt: Dreißig Menschen plus Chefin - und das auf nur zwei DINA4-Seiten. Man kann sich ausrechnen, wie "groß" da die Chance auf eine eigene Veröffentlichung gewesen ist.

Ich fragte an, ob auch Gedichte zugelassen wären. Sie antwortete mir freundlich, aber bestimmt mit einem eindeutigen "Nein", was der Markus zur Kenntnis nahm. Dennoch habe ich es immerhin einmal geschafft, dort einen Textbeitrag zu veröffentlichen, nämlich ein Gedicht auf unseren Verschenk-Buch-Laden, der gewissermaßen eine Parodie auf das berühmte Soldaten-Lied "Lili Marleen" gewesen ist, der wurde dann doch gedruckt. "Also doch Gedichte?", fragte ich dankbar die Chefin. "Aber das ist doch ein Lied", sagte sie mit einem freundlichen Schmunzeln.
Das war der Anfang. Das "Feigenblatt", so hieß diese kleine Publikation, wurde dann später "eingestellt", nämlich im Februar 2011, als unsere Förderung durch das zuständige Jobcenter vorläufig zu Ende war (bis Ende Mai desselben Jahres). Dann aber, im Zuge seiner Öffentlichkeitsarbeit, schuf unser kleiner Filial-Diktator namens H.H. (ein ehemaliger Radio-Moderator) unsere zweite Ladenzeitung, die er "Werdi" nannte, nach unserer Adresse in der Tempelhofer Werderstraße.

Die erste Ausgabe erschien im Februar 2012 (wir waren inzwischen wieder bezahlte Mitarbeitende in dieser Sozialen Bücherstube) und setzte von der äußeren Form her zunächst einmal die lachsfarbene Tradition des "Feigenblattes" fort, bestand auch nur aus einer DINA4-Doppelseite. Wobei diese Publikation ursprünglich als ein so genannter "Newsletter" geplant war. Aber aus Mangel an Veranstaltungen, die darin angekündigt oder besprochen werden sollten, wurde eine ganz normale Laden-Zeitung daraus. Mein Textbeitrag in der ersten Ausgabe war ein Gedicht mit dem Titel "Wenn ein Mensch dichtet", was ich im Nachhinein eher als eine Art von Finger-Übung betrachte. Aber damals freute ich mich doch über seine Veröffentlichung!
Bitter war allerdings, dass mein Beitrag nicht mit dem Namen des Autors (also mit meinem) gekennzeichnet war, nicht einmal mit einem Kürzel wie zum Beispiel HDK. In meinem Falle hätte es dann vielleicht MRS heißen können - also Markus Richard Seifert. Hätte, aber hat nicht. Denn ein NAMENLOSER Redakteur bin ich geblieben, vom ersten bis zum letzten Tage meines Schreibens für diesen "Werdi". Und als ich fragte, warum das so wäre, da antwortete mir unser kleiner Diktator namens H.H. (unser Chefredakteur) wortwörtlich: "Wenn’s Dir nicht passt, dann musst Du ja nicht mitarbeiten!" Ich aber wollte schreiben, und darum fügte ich mich in meine Namenlosigkeit. Übrigens schreibe er ja auch "namenlose" Artikel, sagte H.H. noch zu mir.
Aber das war doch etwas ganz anderes, denn im Gegensatz zu Markus bestimmte dieser Herr H.H. seine Namenlosigkeit selbst - weil er ja unser Chefredakteur war. Nebenbei bemerkt war diese Ladenzeitung namens "Werdi" ein freiwilliges Neben-Projekt unseres Verschenk-Buch-Ladens, was mit der Firma "Medienfreund" nicht direkt verbunden war. (Ich selbst durfte noch bis zur Mai-Ausgabe des Jahres 2013 weiter Mitglied des Redaktionsteams bleiben, obwohl ich bereits Ende Januar 2013 in dieser Sozialen Bücherstube aufgehört hatte zu arbeiten).

Der nächste Streit mit unserem Chefredakteur kam bereits mit der Mai-Ausgabe des Jahres 2012, worin der Markus einen Artikel über Manfred von Richthofen, den legendären "roten Baron" und Kampf-Flieger im Ersten Weltkrieg geschrieben hatte. Völlig eigenmächtigerweise und ohne den Autor gefragt zu haben verlängerte der kleine Diktator H.H. diesen Artikel um einen Zusatz, der einfach nur "unpassend" war. Daraufhin sagte der Markus zu ihm: "Jetzt bin ich aber froh, dass meine Artikel ohne meinen Namen gedruckt werden, denn sonst müsste ich ja auch Deine Ergänzungen mit verantworten und vertreten". Natürlich wurde der H.H. (empfindlich gegenüber Kritik wie alle Diktatoren) nun sehr böse und er schrie mich an (solche Leute schreien offenbar öfter als andere Menschen): "Was? Was? Du distanzierst Dich von unserer Zeitung?" Aber noch wollte ich mitmachen, denn ich schreibe gern - und meist gut.
Der nächste Konflikt wurde vermieden: Ich hatte für den "Werdi", Ausgabe Juli 2012, einen kleinen Artikel unter der Überschrift "Falsch einsortiert" verfasst, mit dessen letztem Satz ich meine redaktionelle Namenlosigkeit wenigstens einmal und indirekt zu "überwinden" hoffte: "Bleibt allerdings anzumerken, dass ich manche Bücher nie gefunden hätte, wären sie richtig einsortiert gewesen. Aber das ist natürlich kein Argument, meint jedenfalls der Mitarbeiter Markus vom Medienfreund Tempelhof". Ein Satz, der aber niemals gedruckt wurde, denn der kleine Diktator durchschaute offenbar dieses Manöver, meine Namenlosigkeit sozusagen indirekt zu überwinden.

Einmal hatte er einen Textbeitrag von mir verlängert, allerdings ohne mich zu fragen. Aber häufiger kürzte er, auch ohne zu fragen - aus Platzgründen, wie er behauptete. Einmal war ich über eine dieser Textkürzungen (zu welchem Thema, das habe ich vergessen) so erbost, dass ich der Kollegin Martina meine Langfassung zum Lesen gab - ausgedruckt, versteht sich. Das wiederum erboste unseren Chefredakteur, denn er meinte, die Martina sei nur eine "Kollegin im Ladendienst", aber für die Werdi-Zeitung eine "projektfremde" Person - so sprach unser kleiner Diktator. Auch durfte ich dem Ex-Kollegen Sigurd, der "in Ungnade" entlassen worden war, keinerlei Exemplare des "Werdi" per E-Mail mehr zukommen lassen, denn er könne damit (so H.H. wörtlich) "etwas Feindliches gegen unseren Bücherladen anstellen."
Und dann kam mein Ende, das heißt: Mein Rauswurf aus der Redaktion des "Werdi", natürlich durch unseren kleinen Diktator. Was war geschehen? Für die Mai-Ausgabe des Jahres 2013 hatte ich einen Artikel über den amerikanischen Kinofilm "House of Wax" mit Vincent Price in der Hauptrolle geschrieben. Aber nicht, weil ich diese Story "dufte" fand, durfte ich darüber schreiben, sondern weil dieser Film im Jahre 1953 der erste war, der in 3D-Format in deutschen Kinos "gelaufen" ist (Eintragung in das Guiness-Buch der Rekorde). Und das war 2013 nunmehr 60 Jahre her (denn der "Werdi" wählte seine Themen nach dem Kalender aus). Was weiter? Im Original umfasste mein Text eine DINA 4-Seite, was in dieser Zeitung drei Spalten waren. Aber H.H. kürzte mir meinen Beitrag um ein Drittel - und füllte den so gewonnen Platz mit dem "weltbewegenden" Thema "Joghurt, seit Mai 1963 im Plastikbecher". Ein typischer "Lückenfüller", wo eigentlich gar keine Lücke hätte sein müssen. Wogegen ich protestiert habe! Und damit war ich RAUS, raus aus dem "Werdi".

© Markus Richard Seifert, April 2020.

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2020/04/09

Markus Richard Seifert
Die Schülerzeitung


Mein Mitschüler Georg Birkhahn (Name leicht geändert) war ein sehr spezieller Jüngling. Denn einerseits war er so hochbegabt wie es früher nur der "Primus" der Klasse gewesen ist. Andererseits aber war er so linkisch und ungeschickt, dass viele ihn für leicht "behindert" gehalten haben. Außerdem soll er "gepetzt" haben, zum Beispiel wenn ein Mitschüler bei einer Klassenarbeit einen so genannten oder auch "Spickzettel" benutzt hat. Aber das habe ich nie selbst erlebt. Und auch dass er gelegentlich dafür "Klassenkeile" bekommen haben soll, das weiß ich nur vom Hörensagen.
Denn eigentlich war er gar kein "richtiger" Mitschüler, sondern er ging in eine Parallelklasse. Aber da unsere Schule eine Gesamt-Schule war, so hatten wir als Folge des dort üblichen Kurs-Systems trotzdem in mehreren Fächern gemeinsamen Unterricht. So auch im Fach Deutsch. Es war in der 10. Klasse beziehungsweise Jahrgangsstufe - und ich war damals offensichtlich der Jahrgangsbeste im Deutschen Aufsatz. Eine Tatsache, die allerdings ohne Auswirkungen geblieben ist und bei meinen Mitschülerinnen und Mitschülern auf keinerlei Interesse stieß. Was mir ganz recht war, denn ich hatte keine Lust, als Streber verprügelt zu werden. Aber damit war nicht zu rechnen. Denn die, die selber gute deutsche Aufsätze schrieben, waren natürlich nicht auf der Suche nach diesbezüglichen Vorbildern, von denen sie hätten lernen können. Und die anderen - und das war die weitaus größere Mehrheit - hatte spätestens nach dem Halbjahrs-Zeugnis Ende Januar innerlich mit dem Thema Schule abgeschlossen, denn wir waren nur wenige, die den Besuch der gymnasialen Oberstufe zum Ziel hatten.

Deutscher Aufsatz also. Und das war wohl auch der Grund dafür, dass dieser Mitschüler Georg Birkhahn (ich habe seinen Namen nie geschrieben gesehen), mich eines Tages in der Mittagspause (denn wir waren eine Ganztags-Schule mit Mittagessen und danach Hausaufgaben-Betreuung) angesprochen hat - von der Seite sozusagen. Eine Schülerzeitung wollte er "machen", vertraute er mir an. Und ob ich mitmachen wolle? Ich sagte ja. Woraufhin wir zu unserem Herrn Direktor gingen, das Projekt gewissermaßen ordnungsgemäß anzumelden. Ob das nötig war oder Vorschrift, das weiß ich bis heute nicht.
Unser Schulleiter, ein schlanker und mittelgroßer Mann in den besten Jahren, der meines Wissens nach fast nur mit "Verwaltungskram" beschäftigt war und selbst keinen Unterricht erteilte, ein gewisser Johann Peter Hellmann (Name ist echt) empfing uns beide mit jenem Wohlwollen, das in der Gleichgültigkeit seine Wurzeln hat. Und hörte meinem zukünftigen Chefredakteur eine Weile zu, wie dieser sein oder genauer gesagt: unser Projekt erläuterte. Schließlich schwieg mein Mitschüler Georg Birkhahn - und wir warteten auf Antwort. Die bekamen wir auch, die Antwort - und zwar in Gestalt des folgenden Satzes: "Na, wenn Ihr unbedingt wollt". Das war alles. Womit unsere Audienz beendet war.

Draußen bestürmte ich sozusagen diesen Burschen namens Georg mit Fragen, wie er sich unsere Zeitung nun konkret vorstelle. Er aber winkte ganz lässig ab und erwiderte nur ziemlich "cool": "Natürlich machen wir überhaupt keine Zeitung! Aber wenn ich mir (er sagte ich und nicht wir) von unserem Rektor eine Bescheinigung über unsere Schüler-Zeitung ausstellen lasse, dann bekomme ich (wieder nur er) vielleicht auch einen Presse-Ausweis. Und damit kommt "man" meist gratis und kostenlos in alle möglichen kulturellen und vielleicht sogar in politische Veranstaltungen rein. Und vielleicht reicht das sogar für einen Sitzplatz in der ersten Reihe", fügte er noch hinzu. "So wie ein Theaterkritiker, der für das Feuilleton einer Zeitung schreibt". "Ach so!", sagte ich, nun ziemlich ernüchtert. Womit auch dieses Gespräch zu Ende war.
Aber ob mein Mitschüler Georg Birkhahn damals dann wirklich einen Presse-Ausweis bekommen hat (man schrieb übrigens das Schuljahr 1983/84), das habe ich vergessen. Ich jedenfalls bekam keinen - weder damals noch später. Bleibt anzumerken, dass ich später dann doch noch für mehrere kleine Zeitschriften schreiben durfte und geschrieben habe. Zum Beispiel für die politische Jugendzeitung "Perspekt", zu Deutsch: Durchblick. Oder als Mitarbeiter einer Sozialen Bücherstube für unsere Ladenzeitung namens "Werdi", aber das wäre eine andere Geschichte.

© Markus Richard Seifert, April 2020.

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2020/04/08

Unconditional Basic Income

Für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) von 1.300 Euro im Monat für Alle !
(Stand 2020)

Grundeinkommen statt Hilfskredit in der Coronavirus-Krise !

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2020/04/06

Tagebuch 1973, Teil 40: Lahore

Dr. Christian G. Pätzold

lahore
Quadrangle of the Queens Palace of Mirrors, with the Badshahi Mosque in the background.
Lahore, West Pakistan.


27. September 1973, Rawalpindi - Lahore, Donnerstag

Im Kamran-Hotel haben wir die Rechnung bezahlt und sind zum Bahnhof von Rawalpindi gepilgert. Für die Studentenermäßigung mussten wir natürlich wieder zum Station Master und zwei Stunden warten, sagte der Beamte. Dagegen protestierten wir entschieden, da wir extra 1½ Stunden vor Abfahrt des Zuges an den Bahnhof gekommen waren. Wir bekamen dann auch den Zettel in zehn Minuten. Die 180 Meilen nach Lahore kosteten 4 Rupees.
Vom Zug aus haben wir Teile der Flut gesehen, die den Leuten schwer zu schaffen gemacht hat, die aber schon stark weggetrocknet war. Ein Fahrgast war nicht der Meinung, dass sich bei dem neuen Regime etwas geändert hat. Er sagte, dass die Leute Mr. Bhuttos PPP (Pakistan Peoples Party) aus Überredung gewählt hätten. Er meinte, die Flut hätte hier so schlimme Folgen gehabt, weil Indien sie nicht rechtzeitig über die großen Wassermassen informiert habe. Tatsache war vielleicht, dass die Dämme von Rattenlöchern zerfressen waren und dass das Geld für Reparaturen in den Taschen einiger Beamter verschwunden war.

Lahore, die Hauptstadt der pakistanischen Provinz Punjab, hatte 1973 über 2 Millionen Einwohner (heute 2020: Eine Megacity mit über 11 Millionen Einwohnern). Die Stadt liegt strategisch günstig zwischen den Tälern des Indus und des Ganges. Der erste moslemische König, der Lahore eroberte, war Mahmud von Ghazni im Jahr 1021. Das bedeutet, dass der Islam schon an die 1.000 Jahre in Lahore existiert. Ab 1524 regierten dort die Moguln, ab 1848 die Briten, wodurch der Punjab Teil des British Empire of India wurde. Rudyard Kipling, der Autor des »Dschungelbuches«, lebte in den 1880er Jahren als Zeitungsjournalist in Lahore.
Abends im Bahnhof von Lahore hatten wir ein Gespräch mit einem Bahnangestellten. Er sagte, jede Heirat hier gehe über die Eltern und nur mit ihrem Einverständnis, also gibt es keine Liebesheiraten. 50 Prozent würden sich nach der Heirat verstehen, 50 Prozent nicht und 10 Prozent ließen sich scheiden. Geheiratet werde oft in der Familie, zum Beispiel die Cousine ersten Grades. Er könne Pakistan nicht leiden, weil die Menschen nicht nett zueinander seien. Er wolle hier raus und habe schon viele Ausländer angesprochen, die dann aber im Ausland nicht mehr für ihn gebürgt hätten. Dadurch bekomme er keinen Pass. Er sagte, dass viele weg wollen.
Anschließend gab es einen Streit mit meiner Reisepartnerin, ich weiß aber nicht mehr warum, vielleicht wegen Müdigkeit oder weil das Land hier so nervös ist. Das war schon der 5. kritische Moment auf meiner Weltreise. Am nächsten Tag waren aber die Probleme wieder verflogen.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2020.

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2020/04/02

Tagebuch 1973, Teil 39: Islamabad

Dr. Christian G. Pätzold

islamabad
Moderne Moschee (Lal Masjid oder Rote Moschee von 1966) in Islamabad,
Hauptstadt von Pakistan.


25. September 1973, Islamabad, Dienstag

Wir sind nach Islamabad gefahren, der ab 1960 planmäßig neu gebauten Hauptstadt von Pakistan. Islamabad bedeutet wörtlich "Wohnsitz des Islam". 1966 wurde Islamabad offiziell zur Hauptstadt Pakistans erklärt. Islamabad grenzt direkt im Nordwesten an die Großstadt Rawalpindi an. Während die historischen pakistanischen Städte sonst eher voll, eng und chaotisch wirkten, machte das neue Islamabad einen modernen, aufgeräumten und weitläufigen Eindruck. Die Absicht des Neubaus der Hauptstadt war wohl auch, die Regierungsbeamten vor dem Volksunmut zu schützen, der in Pakistan angesichts der Armut öfter auftritt.

Zuerst waren wir bei der Deutschen Botschaft. Dann sind wir zum Ministry of Home Affairs zu einem Mr. Abdul G. gegangen. An der Reception sagte man uns erst, dass wir morgen um 9 Uhr wiederkommen sollten. Als dann der Sekretär des Ministers kam hieß es, dass wir ein paar Minuten warten sollten. Dann hieß es wieder, dass der Beamte für die Straßenerlaubnis gerade in einer Konferenz sei. Wir benötigten nämlich für die Weiterreise nach Indien eine Road Permission, weil die Lage zwischen Indien und Pakistan mal wieder sehr angespannt war.
Ich habe dann im Ministerium Krach geschlagen und mit jemandem am Telefon gesprochen, worauf Formulare kamen. Allerdings musste ich noch mal einen Aufstand machen, worauf wir vorgelassen wurden und die Straßenerlaubnis endlich bekamen. Die Zustände bei den Ämtern erschienen mir recht mittelalterlich. Scheinbar brauchte man persönliche Beziehungen, um an seine Papiere zu kommen, die Leute wurden erstmal grundsätzlich weggeschickt, mussten eventuell wochenlang warten, wenn sie nicht mit Schmiergeld nachhalfen, oder sie wurden einfach nicht zu den entscheidenden Beamten vorgelassen.
Aber dieses Verhalten der Bürokraten kannte ich tendenziell schon aus Deutschland. Das Volk ist grundsätzlich der Bittsteller und die BeamtInnen sind die Wohltäter, die widerwillig etwas gewähren.

Nach diesem schwer erkämpften Erfolg sind wir nach Rawalpindi zurückgefahren, wo wir im "Café Iran" einen Armeeangehörigen trafen, der uns ein Spanischlehrbuch, eine Landkarte und die "Newsweek" spendierte. In der Newsweek habe ich gelesen, dass Präsident Salvador Allende ermordet wurde, das war allerdings schon am 11. September passiert, aber jetzt gab es Fotos davon in der Newsweek. Ich war etwas überrascht, dass das chilenische Militär so brutal vorgegangen ist. Die chinesische Illustrierte "China im Bild" wurde übrigens hier auf der Straße verkauft. Pakistan kooperierte mit China, weil der Erzfeind Indien mit der Sowjetunion zusammenarbeitete.

Abends haben wir im Kino einen pakistanischen Film gesehen. Er hieß »Anmol« (auf Englisch Priceless, auf Deutsch etwa Wertvoll) von Regisseur Pervez Malik (1937-2008), der das Filmemachen an der University of Southern California in Los Angeles studiert hatte. Die Geschichte des Films war einfach gestrickt und für mich auch ohne Kenntnisse in Urdu verständlich. Die SchauspielerInnen spielten so melodramatisch, dass man den Film auch stumm verstanden hätte. Der Held des Films war der Sohn eines Landbesitzers, der von seinem Halbbruder und dessen Mutter ständig gequält und ausgepeitscht wurde. Er lernte aber eine Frau kennen, die alle Männer umlegte (mit einer Art pakistanischer Judo- und Karatetechnik) und ihm wieder Kraft einflößte, so dass er am Ende seinen bösartigen Bruder besiegte. Gesang spielte eine wichtige Rolle in dem Film, durch ihn wurden alle Gefühle ausgedrückt. Die schöne Moral des Films war, dass am Ende das Gute über das Böse siegte. Der Film war psychologisch sehr gut aufgebaut. Er zeigte, dass die Frau den Held am Ende liebt. Eine Liebesheirat schien hier in der Realität eher selten zu sein, weil die Eltern die Ehepartner aussuchten, aber es bestand wohl bei den jungen Leuten ein großes romantisches Bedürfnis nach Liebe. Für westliche Augen war die ganze Geschichte ziemlich kitschig, aber für die lokale Filmindustrie typisch.

26. September 1973, Rawalpindi, Mittwoch

Ein trostloser Tag. Nicht viel passiert. Ich war nur bei der United Bank Limited, um Geld zu wechseln. Ich musste mit dem Bankbeamten wegen der Bank Commission feilschen. Schließlich habe ich den offiziellen Betrag ohne Bezahlung von Gebühr erhalten.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2020.

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2020/03/31

vorschau04

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2020/03/29

Rudolph Bauer
März 1920. Acht Sonette


1. Sonett: Der Putsch

im märz des jahres neunzehnzwanzig
ein herr kapp zu regieren fand sich
es putschten preussische reaktionäre
dem hollenzoller wilhelm zur ehre

der hat sich nach holland verkrochen
von den ruhrindustriellen bestochen
besetzten freikorps der marinebrigade
die hauptstadt berlin sie zogen zu rate

armeegeneräle wie walter von lüttwitz
marschierten auf mit kanonengeschütz
hakenkreuz und faschistisch verrohten

mörderbanden um zu töten die roten
um auszulöschen die hoffnung auf die
neue proletarische demokratie

2. Sonett: Der Generalstreik

ein klassenbündnis hatten beschlossen
gewerkschaftskollegen und genossen
aus U.S.P.D. S.P.D. kommunisten
angestellten und werktätigen christen

selbst bürger begrüßten mutig nicht feig
die massenbewegung zum generalstreik
in den rheinisch-westfälischen industrien
in thüringen mecklenburg und in berlin

im kohlenpott auch unter den sachsen
ist die wut auf die reaktionäre gewachsen
die arbeiter stemmten sich ihr entgegen

der freikorps-putschismus war unterlegen
und die arbeitermassen siegten für die
neue proletarische demokratie

3. Sonett: Besiegung der Putschisten

in essen eroberten rebellisch aufbrausende
die feindeskanonen und an die zehntausende
in bochum westfalens eisenhüttenstadt
besiegten putschisten und den verrat

bekämpft wurden die verräter nicht
von den regulären truppen was ihre pflicht
beschönigend hieß es aus feldherrnsicht
"reichswehr schießt auf reichswehr nicht"

fünfzigtausend männer und sanitäterinnen
der roten ruhrarmee kämpften nahmen binnen
kurzer zeit sechshundert der feinde in haft

verschonten deren leben und wurden bestraft
dafür weil sie nicht blutgierig töteten für die
neue proletarische demokratie

4. Sonett: Die politische Konterrevolution

in schreck um den erhalt ihrer macht im staat
denn die arbeiter planten zentral einen arbeiterrat
befahl ängstlich nunmehr in dumpfer verwirrung
der reichswehr die flüchtige reichsregierung

auf jene arbeiter ohne rücksicht zu schießen
welche zuvor streiken und bluten sie ließen
welche erst gegen die putschisten aufgerufen
jetzt verjagt wurden von den marmorstufen

politischer macht arbeiter sollten wieder klein
sich unterordnen gehorchen und fleißig sein
nicht einfluss zu nehmen auf das regieren

war ihnen bestimmt sondern abzuschmieren
in demut und dank erhalten sollten sie nie die
neue proletarische demokratie

5. Sonett: Die militärische Konterrevolution

mitmörder an der reichswehr seite waren
auch freikorps-truppen die zuvor in scharen
den sturz der regierung in berlin proklamiert
die ihrerseits an deren mordinstinkte appelliert

hunderte von arbeitern und samariterinnen
wurden nun brutal und gnadenlos von ihnen
umgebracht es fanden standgerichte statt
massenerschießung galt dem proletariat

hingerichtet wurden zivilisten auch publico
wenn jemand schon verletzt war ebenso
als dies "gesetzwidrige verhalten" später

verboten war erklärten scheinheilig die täter
"erschossen auf der flucht" fangschuss für die
neue proletarische demokratie

6. Sonett: Der Verrat durch Ebert und Noske

die mörder der werktätigen männer genossen
die rückendeckung eines S.P.D.-genossen
des friedrich ebert des wahrlich horrenden
wirts sattlermeisters und reichspräsidenten

zuständig an eberts seite für das militärische
war minister gustav noske der luziferische
ebenfalls sozialdemokrat und missetäter
der sozialisierung rotbrauner verräter

der kapp-putsch wurde niedergeschlagen
von den arbeitermassen ?noch fragen
das militärmassaker an arbeitern hingegen

erfolgte mit sozialdemokratischem segen
so wurde die hoffnung gemeuchelt auf die
neue proletarische demokratie

7. Sonett: Die Rolle der Reichswehr

im märz des jahres neunzehnzwanzig
ein herr kapp zu regieren fand sich
es putschten preussische reaktionäre
dem hollenzoller wilhelm zur ehre

ein klassenbündnis hatten beschlossen
gewerkschaftskollegen und genossen
aus U.S.P.D. S.P.D. kommunisten
angestellten und werktätigen christen

bekämpft wurden die putschisten nicht
von den regulären truppen was ihre pflicht
beschönigend hieß es aus feldherrnsicht

"reichswehr schießt auf reichswehr nicht"
und so schaufelten das grab sie für die
neue proletarische demokratie

8. Sonett: Vom Ende der letzten Hoffnung

in schreck um den erhalt ihrer macht im staat
denn die räte planten zentral einen arbeiterrat
befahl ängstlich nunmehr in dumpfer verwirrung
der reichswehr die flüchtige reichsregierung

auf jene arbeiter ohne rücksicht zu schießen
welche zuvor streiken und bluten sie ließen
welche erst gegen die putschisten aufgerufen
jetzt verjagt wurden von den marmorstufen

politischer macht arbeiter sollten wieder klein
sich unterordnen gehorchen und fleißig sein
hunderte von arbeitern und samariterinnen

wurden brutal und gnadenlos von ihnen
umgebracht so starb die hoffnung auf die
neue proletarische demokratie

Vor 100 Jahren putschten Armeeteile gegen die parlamentarisch eingesetzte Regierung. Arbeiter und Angestellte haben daraufhin die militaristischen und nationalistischen Feinde der Republik mit den Mitteln des Generalstreiks bezwungen.
Auf das Vorgehen der Putschisten und den Generalstreik wird landläufig unter der Bezeichnung "Kappputsch" erinnert. Dass der Putsch in kurzer Zeit durch die streikenden und demonstrierenden Werktätigen beendet wurde, ist nur wenigen bekannt. Darüber schweigen die Geschichtsbücher. Nicht erinnert wird in der Bundesrepublik an die konterrevolutionäre Rolle des Militärs, der Industriellen und Agrarjunker sowie ihrer Parteien und ferner an die Rolle der sozialdemokratischen Führung. Die SPD-Führer Ebert und Noske gaben der Reichswehr den Schießbefehl gegen die revolutionären Werktätigen, nachdem diese zuvor durch den Generalstreik und kämpfend die Putschisten niedergerungen hatten.

Prof. Dr. Rudolph Bauer trägt die 8 Sonette auf YouTube vor:
https://youtu.be/YxIW78Iqjhs

© Rudolph Bauer, März 2020.

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2020/03/28

COVID-19
Corona Virus Disease 2019
Kleine Ursache, Große Wirkung:
Ein einziges winziges Fledermausvirus in Wuhan bringt die gesamte Weltwirtschaft
in die Krise und führt zu tausenden toten Menschen.
Zu wenig in die Wissenschaft investiert?


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2020/03/26

Beton City oder Garden City ?
Der Balina liebt det Jrüne

Dr. Christian G. Pätzold


gardencity
Gärten und Häuser in Berlin.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, Februar 2020.


»Befragt über sein Verhältnis zur Natur sagte Herr K.: Ich würde gern mitunter aus dem Hause tretend ein paar Bäume sehen.«
Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner.

Berlin muss sich entscheiden: Beton City oder Garden City? Wer die Betonköpfe sind, weiß man. Für die Gartenstadt sind die Kleingärtner. Und nach Umfragen die Mehrheit der Bevölkerung. Jetzt ist es noch möglich, sich für den richtigen Weg des Grüns zu entscheiden. Im Senat von Berlin gibt es allerdings aktuell Überlegungen, an die 1.000 Kleingartenparzellen platt zu machen und zu bebauen. Das wäre ein großer Verlust an grünem Boden, Sträuchern und Obstbäumen.
Tatsächlich fehlen in Berlin an die 100.000 Kleingärten, wie man aus den langen Bewerberlisten der Kleingartenkolonien ablesen kann. Das ist in etwa die Zahl an Parzellen, die in den letzten 50 Jahren vernichtet wurden. Die existierende Gartenstadt ist in Berlin an vielen Stellen in den letzten Jahrzehnten mutwillig zerstört worden. Ein erster wichtiger Schritt wäre, die weitere Vernichtung von Kleingärten in Berlin sofort zu stoppen. Die Stadt braucht zwischen den hohen Häusern und den asphaltierten Straßen grüne unversiegelte Inseln wie Parks, Wiesen, Plätze und Gärten, damit sich die Bewohner vom Metropolenstress erholen können. Urban Gardening ist weltweit ein großes Bedürfnis der Menschen. Bei den neu zu schaffenden Kleingärten denke ich in erster Linie an Obstgärten, die weniger arbeitsaufwändig sind als Gemüsegärten.

Schon vor 10 Jahren war absehbar, dass eine Hauptstadt mit einiger internationaler Bedeutung irgendwann einen Zuzug von Menschen und einen Bauboom erleben würde, der jetzt eingetroffen ist. Es kam zu Bodenspekulation, immer höheren Immobilienpreisen und teilweise wahnwitzigen Mietpreisen für Wohnungen und Gewerbeflächen. Die Reaktion der Politik war die "Nachverdichtung" der Stadt. Obwohl in dem Wort Dichtung vorkommt, war es gar nicht poetisch gemeint. Unzählige kleinere und größere Grünflächen wurden bebaut und damit der Boden versiegelt, Dachgeschosse wurden ausgebaut, Flachbauten aufgestockt. Ein freier Boden ist aber die Voraussetzung für Grün. Durch die Bodenversiegelung verlor die Stadt viele kleine grüne Oasen und Frischluftschneisen, die für die Naherholung und die Gesundheit der Bewohner sehr wichtig waren. Immer mehr Menschen wurden auf denselben Raum konzentriert, was natürlich zu mehr Stress führte. Es wurde einfach zu voll.
Die zunehmende Vernichtung von Grün in der Stadt hat auch zahlreiche Wildtiere aus der Stadt vertrieben, die früher noch einen Lebensraum hatten, wie Nachtigallen, Eichhörnchen, Füchse, Fledermäuse und viele andere Arten. Das Insektensterben auch in der Stadt ist ebenfalls bekannt, ein Beispiel dafür sind die bedrohten Wildbienenarten. Für die Artenvielfalt (Biodiversität) der Flora und Fauna sind Gärten unbedingt notwendig. Wenn man die Natur radikal aus der Stadt vertreibt, muss das negative Folgen für die Psyche der Menschen haben. Die Menschen müssen aus den finsteren Zellenkäfigen der Mietskasernen in Gärten kommen können.

Ein großer Nachteil der Betonstadt ist auch die Aufheizung im Sommer, die schon zu Hitzetoten geführt hat, weswegen das Berliner Parlament die Klimanotlage erklärt hat. Im Sommer ist es nicht mehr ungewöhnlich, dass in Berlin eine Hitzewelle auftritt, bei der die Temperaturen ein längere Zeit lang über 30 Grad Celsius erreichen. Eine Stadt ohne Grün kann sich im Sommer nachts nicht mehr abkühlen, weil die Häuser zu viel Wärme abstrahlen. In Berlin gibt es bereits sehr große Steinmassen, die Hitze speichern. Nur durch Gärten als Kaltluftschneisen kann frische Luft nachts in die Stadt gelangen. Der Hitzeschock hat gravierende gesundheitliche Probleme, die in den nächsten Jahren mit der Erdüberhitzung noch zunehmen werden. Um noch mehr Todesfälle und Krankheitsfälle zu verhindern, könnte man in jede Wohnung eine Klimaanlage einbauen, aber das wäre sehr teuer.
Meiner Meinung nach macht es keinen Sinn, das Wachstum einer betonierten Stadt ins Unendliche zu fördern. Eine Stadt mit 4 oder 5 Millionen Einwohnern ist schon groß genug. Eine Mega-City mit 10 Millionen oder 15 Millionen Einwohnern hat kaum noch Diversitätsvorteile. Stattdessen potenzieren sich die Umweltprobleme, die Abgasprobleme, die Verkehrsprobleme. Statt an einer Mega-City zu arbeiten, sollte man lieber dezentrale Städte fördern, die vielleicht 100.000 Einwohner haben und dabei noch viel Grün und Natur, denn die brauchen die Menschen für ein gesundes Leben.

Es gibt einen Gegensatz zwischen Stadt und Land, der sich nur tendenziell aufheben lässt, denn auf dem Land überwiegt die Natur, in der Stadt dagegen die gebaute Urbanistik. Dadurch haben Stadt und Land jeweils besondere Vorteile und Nachteile. Das heißt aber nicht, dass man die Natur vollständig aus der Stadt entfernen und jeden Quadratmeter Boden versiegeln sollte. Vielmehr sollte man sich an dem Vorbild der Gartenstadt orientieren, eine Idee, die schon über 100 Jahre existiert. Mit der Gartenstadt lassen sich die Vorteile des Landes mit den Vorteilen der Stadt kombinieren und gleichzeitig die Nachteile des Landes und die Nachteile der Stadt minimieren. Es entsteht eine Stadtlandschaft, die gleichzeitig Stadt und Landschaft ist. Bei der Gestaltung der Gartenstadt kann man sich an der alten Lebensreformbewegung orientieren und an solchen Vordenkern wie Ebenezer Howard (Garden-cities of To-morrow, 1902).
Weil es um das Leben der Menschen geht, sind Gärten eine wichtige politische Frage. Man kann die Gärten nicht als seltsames Hobby von ein paar Außenseitern betrachten. Natürlich gibt es auch unter den Gärtnern einige Menschen, die sich noch nicht zu einem richtigen ökologischen Denken entwickelt haben. Es werden oft noch Kunstdünger und Plastikteile in den Gärten eingesetzt. Aber das sind Probleme, die sich durch eine Aufklärung in Sachen Nachhaltigkeit mit der Zeit überwinden lassen.

Die Kleingärten sind aber nur eine Säule der Gartenstadt von morgen. Ebenso wichtig ist die 2. Säule der Volksparks, Parks und Friedhöfe. Daher sollte man auch in verbesserte und zusätzliche Volksparks und Parks investieren. Die 3. Säule der Stadtnatur sind die städtischen Forste, die gestärkt und erweitert werden sollten. Dann würde eine durchgrünte Metropole entstehen. Das Ziel müsste sein, Licht, Luft und Sonne in die Stadt zu bringen.
Zum Schluss noch ein Tipp für die Berliner Grünflächenämter: Es macht keinen Sinn, als Alibi Jungbäume anzupflanzen, die dann im Sommer vertrocknen, weil man keine Mitarbeiter zum Gießen einstellen will. Ein Jungbaum braucht im heißen Sommer 20 Liter Wasser am Tag.

Seht bitte auch den Artikel »Ebenezer Howard und seine Garden City« vom 2015/07/23 auf kuhlewampe.net.

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2020/03/23

lukesonnenglanz1

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2020/03/20

Heute ist Frühlingsanfang


fruehling
Zierquittenblüte (Chaenomeles).
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold am 5. März 2020.
Durch die Coronavirus-Epidemie ist die Stimmung in Berlin leider ziemlich eingetrübt.
Menschen mit Atemschutzmasken sind schon auf den Straßen zu sehen.
Die meisten Läden haben auf unbestimmte Zeit geschlossen.

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2020/03/18

Hamstereinkauf in Zeiten der Coronavirus-Pandemie (Covid-19)


hamstereinkauf
Fotografiert von Anonyma.
Nudeln sind ausverkauft, Tomatensoße ist ausverkauft, Dosenbohnen sind ausverkauft.

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2020/03/17

Bezahlbarer und sicherer Wohnraum für Alle !
Housing For All !
Wohnen ist ein Menschenrecht !
Wir haben eine Wohnungskrise !


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2020/03/14

Besoffen bei Leydicke

Dr. Christian G. Pätzold


leydicke
Ladenschild von Leydicke. Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold.

Nur wenige Kneipen in Berlin haben eine solche Aura. Leydicke ist eine Altberliner Schnapsdestille in der Mansteinstraße in Schöneberg, kurz vor den Yorckbrücken. Leydicke wurde 1877 von den Brüdern Emil und Max Leydicke gegründet. Neben der Kneipe umfasste das Unternehmen eine Fruchtsaftfabrik, eine Liqueurfabrik und eine Schnapsbrennerei. Likörstubenbesitzer war schon immer ein etwas besonderer Beruf, etwa so wie Operettenkomponist. Berufe, die nach Kaiserzeit klingen. Die Decke und die Wände der Kneipe wurden in den letzten 140 Jahren noch nie gestrichen, was als besondere Attraktion gilt.
Bei Leydicke war ich Mitte der 1960er Jahre einmal so vom Johannisbeerwein besoffen, dass ich seither Alkohol nur noch in homöopathischen Portionen zu mir nehme. Außerdem soll Alkohol nicht gut für die inneren Organe sein. 1968 war Leydicke für die Westberliner Studenten und für die Planung der Weltrevolution eine ganz wichtige Adresse. Betreut wurden die Studenten von der legendären Lucie Leydicke. Ich habe mal wieder ein Gläschen Persiko auf die alten Gebrüder Leydicke getrunken.
Bei Leydicke gibt es nichts zu essen, außer am Sonntag frische Buletten. Dafür darf man zum Glück rauchen. Das war jedenfalls noch 2015 so, als ich das letzte Mal bei Leydicke war. An Spirituosen gab es eine große Auswahl. Zitronenlikör, Pfefferminzlikör, Haselnusslikör, Zimtlikör, Ingwerlikör, Eierlikör. An Obstweinen gab es Brombeerwein, Kirschwein und Himbeerwein. Und der Wirt hatte noch einiges andere auf Lager. Die Getränkekarte war der Wirt persönlich. Gedruckt gab es so etwas nicht. Aber der Wirt wusste genau, was er im Keller zusammendestilliert hatte.
An den Wochenenden gab es Musikerauftritte. Vor 20 Uhr sollte man aber bei Leydicke nicht aufkreuzen. Leydicke hat noch seine Seele bewahrt. Insofern ist Leydicke ein besonderer Berliner Kulturschatz.

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2020/03/11

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2020/03/08

Zum Internationalen Frauentag


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Quelle: Wikimedia Commons.


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2020/03/05

Deutsche Panzer gegen Kurden


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Bildmontage von © Rudolph Bauer, 2020.
http://www.rudolph-bauer.de/instagram/


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2020/03/02

Ende Gelände


bildmontage1
Bildmontage von © Rudolph Bauer, 2020.
http://www.rudolph-bauer.de/instagram/


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2020/02/29

vorschau03

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2020/02/26

Tipp vom Bioobst-Gärtner: Zwetschen

Dr. Christian G. Pätzold


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Zwetschen. Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold im Juli.


Die Zwetsche (Prunus domestica) sollte in keinem Garten fehlen, denn sie ist ein anspruchsloser Baum, der jedes Jahr viele köstliche Früchte produziert. Tatsächlich ist der Zwetschenbaum neben dem Apfelbaum auch in sehr vielen Berliner Schrebergärten anzutreffen. Der Platzbedarf ist etwa 4 x 4 Meter. Der Zwetschenbaum gehört botanisch zur Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Die Zwetsche ist eine Pflaumenunterart, die es in vielen Sorten gibt. Ihre Früchte sind klein, blau und oval. Sie wird in Europa, Westasien, Nordamerika, Nordafrika und Südafrika angebaut.
Wenn die Zwetsche erstmal im Garten heimisch geworden ist, braucht man sich kaum mehr um sie zu kümmern. Na gut, einige Früchte haben Maden, die muss man aussortieren. Aber die meisten Früchte sind ok und schmecken süß und aromatisch, mit etwas Fruchtsäure. Für die Bekämpfung der Schädlinge sorgen die fleißigen Blaumeisen und Kohlmeisen. Die Bestäubung der zahlreichen weißen Blüten übernehmen die Bienen, von denen es zum Glück noch einige gibt. Dank an den Imker in der Kolonie!
Da man von einem Zwetschenbaum viele Kilo Früchte ernten kann, stellt sich die Frage, wohin mit dem vielen Obst? Einen Teil der Zwetschen kann man frisch essen, einen anderen Teil der Zwetschen kann man verschenken. Den größten Teil muss man irgendwie für später konservieren. Eine Möglichkeit ist, Pflaumenmus einzukochen. Eine andere Möglichkeit ist, die Zwetschen zu waschen, zu entkernen und im Gefrierfach des Kühlschranks einzufrieren für den Winter. Dafür gibt es besondere Behälter zum Einfrieren aus Kunststoff. Dann kann man auch im Winter den süßen Geschmack des Sommers genießen.
Das leckere Zwetschenkompott lässt sich im Winter sehr einfach herstellen: In einen großen Kochtopf etwas Wasser geben, die aufgetauten Zwetschen dazu, einmal aufkochen lassen, und fertig ist das Zwetschenkompott. Man braucht auch nicht mit Zucker zu süßen, da die Zwetschen viel Fruchtsüße haben. Die beim Kochen entstehende Flüssigkeit ergibt einen leckeren Zwetschensaft. Wenn man möchte, kann man beim Kochen auch Gewürze wie Zimtstangen und Nelken hinzugeben. Wer Alkohol mag, kann auch Rotwein oder Weißwein dazu geben.

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2020/02/23

Lektüre vor 100 Jahren:
Sigmund Freud: »Jenseits des Lustprinzips«, 1920


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Sigmund Freud (1856-1939). Fotografie von Max Halberstadt, 1921.
Quelle: Wikimedia Commons.


Sigmund Freud war ein jüdischer Psychologe in Wien, der die Psychoanalyse begründet hat. Genau vor 100 Jahren erschien sein wichtiger Aufsatz »Jenseits des Lustprinzips«, der einen Wendepunkt in seiner Triebtheorie markierte. Es lohnt sich, ihn mal wieder zu lesen. Sigmund Freud war nicht nur ein hervorragender Psychologe, sondern auch einer der besten Essayisten in deutscher Sprache.
Ursprünglich war Freud davon ausgegangen, dass die psychischen Vorgänge vom ökonomischen Lustprinzip gesteuert werden, dass die Menschen also die Lust maximieren wollen bzw. die Unlust minimieren wollen. Die direkte Lustgewinnung stößt in der Praxis allerdings oftmals auf Probleme, die eine größere Unlust produzieren. Daher wird das Lustprinzip vom Realitätsprinzip modifiziert. Freud schreibt:
"Wir wissen, daß das Lustprinzip ... für die Selbstbehauptung des Organismus unter den Schwierigkeiten der Außenwelt so recht von Anfang an unbrauchbar, ja in hohem Grade gefährlich ist. Unter dem Einflusse der Selbsterhaltungstriebe des Ichs wird es vom Realitätsprinzip abgelöst, welches, ohne die Absicht endlicher Lustgewinnung aufzugeben, doch den Aufschub der Befriedigung, den Verzicht auf mancherlei Möglichkeiten einer solchen und die zeitweilige Duldung der Unlust auf dem langen Umwege zur Lust fordert und durchsetzt."
Freud stellt dann die Frage, ob es auch Motive jenseits des Lustprinzips gibt. Er führt den kranken Wiederholungszwang der Neurotiker an, der dem Lustprinzip widerspricht und einen "dämonischen Charakter" hat. Dann kommt er zum Bereich der Triebe, "die Repräsentanten aller aus dem Körperinneren stammenden, auf den seelischen Apparat übertragenen Kraftwirkungen". Diesen Bereich der Triebe bezeichnet er als "das wichtigste wie das dunkelste Element der psychologischen Forschung". Im Trieb sieht er einen "organischen Wiederholungszwang", "ein dem belebten Organischen innewohnender Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes". Und dann kommt Freud zur neuen Annahme eines Todestriebes, eines Triebes, "zum Leblosen zurückzukehren".
Auch der Todestrieb spielt sich jenseits der Wirkung des Lustprinzips ab. Dem Todestrieb entgegen wirken die Sexualtriebe oder Lebenstriebe. Es entsteht so eine "dualistische Auffassung des Trieblebens".
Wenn man etwas über die sehr spekulativen Ausführungen von Freud nachdenkt, fallen einem vielleicht noch andere Ausdrucksformen des Todestriebes ein, wie Selbstmord, Amoklauf oder Nirwana. Wie dem auch sei. Es war auf jeden Fall ein Vergnügen, mal wieder Sigmund Freud zu lesen.

Dr. Christian G. Pätzold.

Ausgabe: Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips. Stuttgart 2013, 110 Seiten. Reclam.

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2020/02/20

Schon mal älter geworden?

Markus Richard Seifert


Nein, sechzig will ich nicht werden,
denn ich weiß, dass hier auf Erden
die sechzig sich nicht reimen lässt.
Das ist wohl wahr und das steht fest.

Drum bleib' ich lieber fünfzig
und sage mir für künftig:
Nein, ÄLTER werd' ich NICHT,
denn das passt in kein Gedicht.

Und darum auch nicht siebzig.
Doch ich fürchte, das ergibt sich
aus Leben, Lauf und Zeit.
Aber bitte nicht schon heut'!

Natürlich auch nicht achtzig.
Doch ich fürchte nur, das macht sich
und ist kaum aufzuhalten,
genau wie unsere Falten.

Und dann kommt schon "die neun"
soll'n wir uns drüber freu'n?
Dann sind "die andern" JUNG,
doch wir jetzt OHNE SCHWUNG.

Doch schließlich sind wir hundert
was uns doch sehr verwundert.
Denn wir sind noch nicht "so weit"
und trotzdem ALTE LEUT
(Was uns NICHT immer freut
mit Rheuma und Rollator:
Oh, Senex, Triumphator!)

© Markus Richard Seifert, Februar 2020.

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2020/02/17

Free Julian Assange Now !


assange
Bildmontage von © Rudolph Bauer, 2020.
http://www.rudolph-bauer.de/instagram/


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2020/02/14

Dr. Hans-Albert Wulf
Faul: Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft
Teil II


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Franz von Lenbach: Der rote Schirm, 1859. Quelle: Wikimedia Commons.


Was ist Faulheit?

Ob jemand ein Müßiggänger ist, das lasse sich wie bei einer Uhr ablesen: "Die Hände verhalten sich zur Seele, wie der Zeiger einer Uhr zum inwendigen Uhrwerke; dieser deutet auswendig an, wie viel es inwendig geschlagen hat. Steht der Zeiger still, so steht auch das Uhrwerk still. Auf gleiche Weise verraten müßige Hände eine verdorbene, tote Seele." (Thomas Wiser: Vollständiges Lexikon für Prediger und Katecheten, Bd.13, Regensburg 1858, S.391) Der radikale Faule hat demnach nur ein einziges Motto: "Wer Arbeit kennt, und danach rennt, und sich nicht drückt, der ist verrückt."
Das absolute Nichtstun erfährt noch eine Steigerung in den sog. Faulheitswettbewerben, die in der neuzeitlichen Literatur immer wieder auftauchen. Am Beginn dieses Kapitels habe ich ein solches Kuriosum vorgestellt. Wer der Faulste ist, wird zum König ernannt. In seinem "Lob des Müßiggangs" zitiert Bertrand Russell eine weitere Variante: Es lagen einst zwölf Bettler müßig in der Sonne und dösten vor sich hin. Da kam ein Reisender vorbei und sprach sie an:"Wer von euch der Faulste ist, dem schenke ich einen Gulden." Sofort sprangen elf der Bettler auf und streckten dem spendablen Passanten die Hand entgegen. Nur einer blieb reglos in der Sonne liegen und - wie konnte es anders sein - er bekam den Gulden geschenkt.
Faulheit, Müßiggang, Trägheit, Nachlässigkeit, Nichtstun, Schläfrigkeit. Diese Begriffe werden in ihrer geschichtlichen Entwicklung nicht trennscharf verwendet. Im Mittelalter war das Wort Trägheit verbreitet und entstammt dem Kampf der Mönche gegen die Todsünde der Acedia. Faulheit ist das Schimpfwort, das den Diskurs im 16. und 17. Jahrhundert beherrscht. Es ist unmittelbar auf Arbeit bezogen; wer nicht arbeitet, ist faul. Demgegenüber ist das Wort Müßiggang sehr viel weiter gefasst und wird geradezu inflationär für alle nur denkbaren Abweichungen vom "normalen" Verhalten gebraucht.

"Der Hang zur Ruhe ohne vorhergehende Arbeit ist Faulheit." konstatiert der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) (Kant, Werke Bd. VII, Berlin 1917, S.276). Dies ist freilich nur eine dürre und karge Definition. Kants Kollege, der Philosoph Christian Thomasius (1655-1728) hatte bereits 100 Jahre zuvor eine differenziertere Sichtweise. Er unterscheidet zwischen grobem und subtilem Müßiggang. Der grobe Müßiggang bedarf keiner weiteren Erklärung; es ist das offenkundige faule Nichtstun, die Vernachlässigung der verordneten Pflichten. Hier ein Beispiel: Helbling steht im Büro an seinem Schreibpult und die Arbeit ödet ihn wieder einmal unsäglich an. Die Zeit will einfach nicht vergehen. "Er bemüht sich, zu versuchen, ob es ihm möglich sei, den Gedanken zu fassen, dass er jetzt arbeiten müsse." (Robert Walser: Ein Vormittag. In: Fritz Kochers Aufsätze. Genf und Hamburg 1972, S. 219) Um Zeit zu schinden, verschwindet er auf der Toilette, wo er volle zwölf Minuten zubringt. Währenddessen stürzen die Kollegen an sein Pult, um zu sehen, was er denn nun in der letzten Stunde geschafft hat. Und mit Verblüffung stellen sie fest, dass da nicht mehr als drei Zahlen stehen - sowie eine Vierte im Ansatz! Komplizierter verhält es sich mit dem subtilen Müßiggang, der sich vordergründig fleißig gibt und äußerlich vom Arbeitseifer nicht zu unterscheiden ist. Thomasius gibt ein Beispiel: Ein Bauernknecht drischt fleißig auf der Tenne zusammen mit einer Magd Korn. Das tut er aber nur mit dem Hintergedanken, nach vollbrachter Arbeit die Magd im Heu zu verführen.
Mit solchen Definitionsklaubereien und Feinheiten gibt sich der Volksmund erst gar nicht ab, sondern geht drastisch zu Werke: Der Müßiggänger ist lebendig tot. Er ist ein Leimsieder, Trödelphilipp, Murmeltier, Bärenhäuter, Drückeberger, Pflastertreter, Asphaltspucker, Schlafhaube, Tagedieb. Der Müßiggang ist der Amboss, auf dem alle Sünden geschmiedet werden. Er ist eine Angel des Teufels, womit er die Seele des Menschen fängt. Er ist ein Kopfkissen und Polster des höllischen Geistes. Er ist ein lebendiges Grab des Menschen. Er ist ein Dieb und Räuber des himmlischen Groschens. Der Müßiggang ist ein Verführer der Jugend, ein Verschwender der Zeit, ein schädlicher Schlaf der Wachenden, ein Gift allen menschlichen Seelen, der angenehmste Gast der Hölle, ein weiches Kissen des Teufels, eine sanfte Lagerstätte von allem Übel. Er ist ein Urheber der Diebstähle und Morde, ein Zündstoff der Unzucht, ein Lockvogel der fleischlichen Begierden, ein Lehrer aller Leichtfertigkeiten, eine Schwindgrube aller bösen Gedanken und ungeziemenden Gelüste. Er ist der Tugend Stiefvater, des Teufels Faulbett, der Rost eines ehrlichen Gemüts, das Unkraut eines unbesäten Ackers, die Hauptstadt des Unheils, ein Lehrmeister alles Bösen und der Höllen Pfandschilling.

Kehren wir zur Wissenschaft zurück. Der Philosoph Peter Sloterdijk definiert Faulheit und Müßiggang als "Passivitätskompetenz". Aber auch dieser launige Begriff hilft nicht weiter; denn Müßiggang resp. Faulheit müssen ja nicht notwendig durch Passivität geprägt sein. Passiv ist, wer das, was er tun soll, unterlässt. Das faule Kind, das nicht lernen will, Dienstboten, die keine Lust zum Arbeiten haben, oder Menschen, die schlicht ihre Zeit vertrödeln. Müßiggang kann sich aber auch ausgesprochen aktiv geben. Extrem ist dies beim geschäftigen Müßiggang, beim frommen Müßiggang mit seinen übertriebenen Betorgien oder dem allseits umtriebigen wollüstigen Müßiggänger der Fall.
Mit der Frage, was genau Faulheit ist und welche Ursachen sie hat, haben sich auch die Psychologie und Pädagogik intensiv befasst. Dabei geht es meist um die Ursachen und Formen von Trägheit und Faulheit bei Schulkindern. Ein Dauerbrenner durch die Jahrhunderte. Ein kleines Taschenbuch aus den 1980er Jahren trägt den Titel "Faulheit ist heilbar" und suggeriert damit, dass es sich um eine Krankheit handele. Wenn ein Kind vom Lehrer öffentlich als faul bezeichnet wird, so kann dies sein berufliches Fortkommen nachhaltig beeinträchtigen. Vor einigen Jahren war in einer Berliner Boulevardzeitung als riesige Balkenüberschrift zu lesen: "Faul! Hartherziges Lehrer-Wort auf dem Zeugnis belastet berufliche Zukunft."
Dass ein Fauler bestraft wird, ist in einer Arbeitsgesellschaft nicht verwunderlich. Gibt es aber auch den umgekehrten Fall, dass ein arbeitsamer Mensch mit dem Gesetz in Konflikt geraten kann? Dies ist der Fall, wenn z.B. ein Gelehrter am Sonntag bei offenem Fenster forscht. Die Juristen sind hier sofort zur Stelle und verweisen auf die einschlägigen Paragraphen des Feiertagsrechts. Danach macht sich strafbar, wer öffentlich sichtbar am Sonntag arbeitet. So ist es jedenfalls in einem Buch über das Feiertagsrecht von 1929 zu lesen. (Otto Nass: Das Recht der Feiertagsheiligung, Berlin 1929, S.40) Dabei ist es nicht einfach - das geben die Juristen auch zu -, einem Gelehrten am Fenster den Gesetzesbruch nachzuweisen. Welches sind die Indizien? Vielleicht Schweiß auf der Stirn? Wie soll man aber folgenden Fall beurteilen? Es steht einer mit seiner Geige auf der Straße und hat einen Hut für Spenden vor sich hingestellt. Soweit so gut. Er leistet mit seinem Violinspiel eine öffentliche Dienstleistung, die er sich mit Spenden belohnen lässt. Was aber, wenn er gar nicht richtig spielen kann? Wenn er sich fortwährend verspielt? Dann handelt es sich, - so haben es die Juristen geregelt - um keine Dienstleistung, sondern schlicht um Faulheit und Bettelei. (vgl. S. 149).

Müßiggang ist mithin kein absoluter Begriff. Was als Müßiggang oder Faulheit kritisiert wird, hängt von den jeweils vorherrschenden Formen der Arbeit ab. So wurde z.B. in einer Gesellschaft, die von körperlicher Arbeit geprägt war, der Büromensch schnell zum Faulenzer, da sein Arbeiten ja nicht unmittelbar sichtbar ist. (S.186) Wer ist ein Müßiggänger? Der Angler, der bequem auf seinem Anglerstuhl sitzt? Die Katze, die vor einem Mauseloch lauert und auf ihre Beute wartet? Wie steht es überhaupt mit dem Warten? Ist es Müßiggang, wenn jemand in einer Einkaufsschlange steht oder im Wartezimmer eines Arztes sitzt? Gibt es jemanden, der gar nichts tut?
Worin besteht der Unterschied zwischen der Muße und dem Müßiggang. Vor einiger Zeit (2011) brachte der "Spiegel" hierzu eine Titelgeschichte und warf beide Begriffe heillos durcheinander. In der Tat, beide können sich äußerlich aufs Haar gleichen. Der Augenschein kann keinen Unterschied zwischen beiden, Muße und Müßiggang, erkennen. Und doch sind es grundverschiedene Welten. Der Müßiggänger verrichtet nicht das, was er tun soll. Er flieht seine Pflichten, um sich anderweitig die Zeit zu vertreiben, oder faul in der Ecke zu sitzen. Dagegen steht derjenige, der sich der Muße hingibt, unter keinerlei Zwang. Er tut, wozu er Lust und Laune hat. Für ihn gibt es keine äußere Instanz, die mahnend an irgendwelche Arbeitspflichten erinnert. In seiner historisch klassischen Form verweist der Begriff Muße insofern auf ein bestimmtes gesellschaftliches Verhältnis. Auf die Existenz einer privilegierten Klasse, die jenseits des lästigen Alltagskrams und frei von entfremdeter Arbeit tun und lassen kann, was sie will, ohne dabei zu verhungern oder bestraft zu werden. Heute wird das "altmodische Wort Muße" (Habermas) meist etwas unscharf und ungenau durch den Begriff Freizeit ersetzt; ungenau deshalb, weil Freizeit zwar Inseln der Muße ermöglicht, sie aber nicht automatisch zur Folge hat. Der seit etwa 150 Jahren wachsende Bereich der Freizeit hat die fremdbestimmte Arbeit zwar nicht beseitigt, schafft aber immerhin Voraussetzungen für Phasen selbstbestimmten Lebens.

© Dr. Hans-Albert Wulf, Februar 2020.

Der Text ist dem Buch entnommen:
Hans-Albert Wulf: FAUL! Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft, Norderstedt 2016.
ISBN 978-3-7392-0225-9.

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2020/02/11

Dr. Hans-Albert Wulf
Faul: Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft
Teil I


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Franz von Lenbach: Italienerknaben, 1859. Quelle: Wikimedia Commons.


Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Als er im Sterben lag, rief er sie zu sich und sprach: "Wer von euch der Faulste ist, soll mein Nachfolger werden." Da sprach der Älteste: "So gehört das Königsreich mir. Denn wenn ich schlafen will und es fällt mir ein Tropfen ins Auge, so bin ich zu faul, das Auge zu schließen." "Da bin ich doch noch viel fauler", entgegnete der Zweite. "Wenn ich am Ofen sitze und verbrenne mir dabei die Füße, so bin ich zu faul, sie zurückzuziehen." Darauf der Dritte: "Das ist doch noch gar nichts. Wenn ich aufgehängt werden sollte und hätte den Strick schon um den Hals und man gäbe mir ein Messer, um den Strick zu zerschneiden, so wäre ich dazu zu faul und würde mich lieber aufhängen lassen." Als der König dies hörte, sprach er: "Du bist der Faulste und sollst König werden." Und auch in dem berühmten Märchen vom Schlaraffenland tragen die Faulpelze den Sieg davon. "Jede Stunde Schlafen bringt dort ein Silberstück ein und jedes Mal Gähnen ein Goldstück. Wer gern arbeitet, der wird aus dem Schlaraffenland vertrieben. Aber wer nichts kann, nur schlafen, essen, trinken, tanzen und spielen, der wird zum Grafen ernannt. Und der Faulste wird König im Schlaraffenland."
Dass die Faulen belohnt werden, gibt es freilich nur im Märchen und in der verkehrten Welt des Schlaraffenlandes. In unserer arbeitsamen Gesellschaft steht Faulheit nicht eben hoch im Kurs. "Wer arbeiten will, der findet immer Arbeit. Und wer keine Arbeit hat, ist selbst dran schuld und nur zu faul." Generell wird unterstellt, dass Arbeitslose keine Lust zum Arbeiten haben und deshalb wird ein ganzes Arsenal an Maßnahmen aufgefahren, um Druck auszuüben. Das reicht von Kürzungen des Arbeitslosengeldes, wenn man z.B. eine Vorladung zum Jobcenter versäumt hat, bis hin zum Zwang, irgendwelche oftmals völlig sinnlosen Arbeiten zu verrichten. Und immer wieder bricht über die "HartzIV-Faulpelze" ein Mediengewitter unter der Anführung der Bild-Zeitung herein. Von einer "HartzIV-Sauerei" ist die Rede. "Stoppt die Drückeberger!" "Noch nie wurde so viel geschummelt!" So die seitenfüllenden Schlagzeilen der Bild-Zeitung. (11.04.2012) Und wenn die Arbeitslosen erst einmal als Müßiggänger abgestempelt worden sind, so ist es nicht mehr weit, sie als "Müßiggängster" zu diffamieren. "Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft" verkündete der frühere Bundeskanzler Schröder 2001 in einem Interview mit der Bild-Zeitung. (05.04.2001) Dass es sich lediglich um eine verschwindende Zahl von Arbeitslosen handelt, die sich nicht korrekt verhalten, wird dabei unter den Teppich gekehrt. Und auch bei diesen handelte es sich meist nur um Terminversäumnisse bei Vorladungen zu den Jobcentern. Die Debatten über faule Arbeitslose und die Verschärfung der Sanktionen folgen bestimmten politischen Konjunkturen. Das hat jedenfalls eine Forschungsgruppe am Wissenschaftszentrum Berlin herausgefunden. "Immer wenn Regierungen ein bis zwei Jahre vor der Wahl stehen und die Konjunktur lahmt, wird die Alarmglocke 'Faulheitsverdacht!' geläutet, auch wenn es keine objektiven Anhaltspunkte dafür gibt, dass die Arbeitslosen fauler geworden sind." (Frank Oschmiansky u.a., "Faule Arbeitslose?", in: WZB-Mitteilungen, Heft 93, September 2001)
All diese Vorschriften und Zwangsmittel haben eine lange Tradition. Bereits im 18. Jahrhundert wurde die staatliche Unterstützung von Arbeitslosen mit abschreckenden Repressalien verbunden. "Die Notdürftigen, die der Staat unterhält, müssen ein schlechteres und beschwerlicheres Leben führen als der große tagelöhnerische Haufen, der nicht dürftig ist; denn sonst würde sich niemand scheuen, bald oder spät dem Staat zur Last zu fallen. Überdies muss die Zucht der vom Staat unterhaltenen Armen, insonderheit für Faulheit und Verschwendung sehr strenge und also ihre Freiheit fast militärisch eingeschränkt sein, damit der die Freiheit und das Wohlleben liebende Mensch einen Abscheu vor der Notwendigkeit der Staatshilfe behalte." (Johann Bernhard Basedow, Anschläge zu Armen-Anstalten wider die Unordnung der Bettelei, Dessau 1772, S.34f.)
Gegen das gesellschaftliche Arbeitsdiktat sind in den letzten Jahren immer wieder Bücher und Aufsätze erschienen, die das "Lob der Faulheit" anstimmen oder die "Kunst des Müßiggangs" verkünden. Meist geht es dabei um die Frage, wie man der Alltagshektik, dieser allgegenwärtigen Sisyphos-Falle, entrinnen und wie man die Faulheit und den Müßiggang von ihrem schlechten Ruf befreien kann. Mit meinem Buch knüpfe ich an diese Diskussion an, allerdings aus einer anderen, bisher eher vernachlässigten Perspektive: Mir geht es um das Problem, wie dieser epidemische Arbeits- und Geschwindigkeitswahn, der in unserer Gesellschaft mittlerweile fast alle Lebensbereiche durchdrungen hat, in die Welt gekommen ist und wie er sich ausgebreitet hat.
Ich werde die Wurzeln und Traditionen der verschiedenen Faulheitsverbote in unserer Kultur beleuchten und darstellen, mit welchen Druckmitteln und Strafen der Faulheit und dem Müßiggang in den verschiedenen Epochen unserer abendländischen Gesellschaft zu Leibe gerückt wurde. Zumal seit der frühen Neuzeit werden Faulheit und Müßiggang zu universellen Kampfbegriffen. Sie entwickeln sich zu Chiffren einer negativen Didaktik, die den Teufel an die Wand malt, um ihn besser bekämpfen zu können.
Es geht mir darum zu dokumentieren, wie der Kampf gegen Trägheit, Faulheit und Müßiggang als wichtiges Instrument eingesetzt wurde (und wird), um den heutigen disziplinierten und angepassten Menschen zu modellieren. Bei alldem soll der Streifzug durch die Vorgeschichte und Geschichte der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft mit all ihren Faulheitsverboten dazu verhelfen, den Blick für ihre Überwindung zu schärfen.

Der Zwang zum Selbstzwang

In seinem Werk über den »Prozess der Zivilisation« hat der Soziologe Norbert Elias diesen gesellschaftlichen Wandel eindrucksvoll dargestellt. Er beschreibt "die Verwandlung der gesellschaftlichen Fremdzwänge in Selbstzwänge, in eine automatische, zur selbstverständlichen Gewohnheit gewordene Triebregulierung und Affektzurückhaltung." (Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation, Frankfurt am Main 1978, S. 343) Dies ist ein Prozess, der mit viel Zwang, Widerständen und großen Schmerzen über die welthistorische Bühne gegangen ist.
Eine wichtige Bedeutung spielte hierbei die Verinnerlichung der Zeitdisziplin. Denn die Differenzierung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung seit der Neuzeit konnte nur funktionieren, wenn die einzelnen Handlungsketten zeitlich exakt aufeinander abgestimmt wurden. Dies bedeutete, dass die innere Uhr des Menschen auf ökonomische Erfordernisse umgestellt werden musste. Waren bislang die Arbeitsabläufe von der Natur bestimmt, so tritt nun mit der Ausbreitung der kapitalistischen Ökonomie ein neues Zeitreglement an ihre Stelle. Der äußere Zwang der Fabriksirene wird Schritt für Schritt durch Elemente des Selbstzwangs ergänzt und schließlich auch ersetzt. Begünstigt und forciert wurde dieser Wandel durch die Uhrenentwicklung. An die Stelle der Fabriksirene tritt der häusliche Wecker, der gleichsam als Prothese des Selbstzwangs dient.
Bei den Selbstzwängen unterscheidet Elias zwei Varianten: 1. Die bewusste Selbstkontrolle; hierzu gehört auch das Gewissen, welches gleichsam als Buchhalter der Seele fortwährend Ist- und Sollwert des eigenen Verhaltens abgleicht und gegebenenfalls Korrekturen anmahnt. 2. Eine unbewusst arbeitende "Selbstkontrollapparatur", bei der die gesellschaftlichen Regeln und Verhaltensweisen in Fleisch und Blut übergegangen sind und sich so unwillkürlich wie ein Wimpernschlag zu automatisch funktionierenden Gewohnheiten herausbilden.
Im Laufe der Geschichte haben sich diese "Selbstkontrollapparaturen" immer mehr verfeinert und perfektioniert. In einem 1930 erschienenen Buch mit dem Titel »Sich selbst rationalisieren« wird dem Selbstzwang mit dramatischen Worten eine geradezu existentielle Bedeutung beigemessen: "Sich selbst nicht gehorchen, das ist eine Schande, das ist ein schleichendes Gift, das zermürbt Charakter und Willen sowie Energie, Ausdauer und Selbstachtung wie eine versteckte, unerkannte, schleichende, tückische Krankheit, die den Körper langsam zerstört." (Grossmann, S. 159) Und in einem kürzlich (11. April 2015) erschienenen Artikel der "Wirtschaftswoche" nehmen die Gymnastikübungen des Selbstzwangs geradezu groteske Züge an: "Auch die intelligente Führung der eigenen Person macht die gute Führungskraft aus. Heißt konkret: Sie handelt im Optimalfall stets bewusst, formt die Persönlichkeit und zahlt so auf die 'Marke Ich' ein."

© Dr. Hans-Albert Wulf, Februar 2020.

Der Text ist dem Buch entnommen:
Hans-Albert Wulf: FAUL! Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft, Norderstedt 2016.
ISBN 978-3-7392-0225-9.

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2020/02/07

Erinnerung an Hatun Sürücü
West-Berlin 17.1.1982 - West-Berlin 7.2.2005


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Vor 15 Jahren, am 7. Februar 2005, wurde Hatun Sürücü von einem ihrer Brüder in Berlin Tempelhof (Oberlandstraße Ecke Oberlandgarten) durch 3 Kopfschüsse ermordet. Es war ein so genannter Ehrenmord, begründet damit, dass sie sich nicht an die Vorschriften ihrer Familie halten würde und ein selbständiges freies Leben führen wollte. Hatun Sürücü war eine türkeistämmige Deutsche kurdischer Herkunft, die in Berlin geboren wurde und in Berlin Kreuzberg aufgewachsen war. Mit 16 Jahren wurde sie von ihren Eltern mit ihrem Cousin in Istanbul zwangsverheiratet. 1999 kam sie allein nach Berlin zurück, wo sie ihren Sohn zur Welt brachte, das Kopftuch ablegte und eine Lehre als Elektroinstallateurin machte. Mehrmals hatte Hatun Sürücü der Polizei von Morddrohungen gegen sich berichtet, hatte aber keinen Schutz erhalten. In Berlin Neukölln erinnert die Hatun-Sürücü-Brücke an sie.

Dr. Christian G. Pätzold, Quelle Wikipedia.


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Gedenktafel für Hatun Sürücü. Oberlandstraße Ecke Oberlandgarten in Berlin Tempelhof.

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2020/02/05

Hannes Wader, Volkssänger
Ein Sänger, der nicht stumm zu boykottieren war

Dr. Christian G. Pätzold


Für uns alte 68er (wir sind inzwischen alle schon alt beziehungsweise uralt) war der deutsche Volkssänger Hannes Wader eine große Unterstützung. Seine Arbeiterkampflieder haben uns Kraft gegeben. Er war ein echter Genosse mit einer phantastischen Stimme, kräftig und klar. Seine Lieder wurden so populär, dass sie sogar später im Musikunterricht der Schulen gesungen wurden. Seit den 1970er Jahren war ich ein Fan von Hannes Wader, ohne ihn live erlebt zu haben. Ich besaß nur eine Platte von ihm, sein Album "Volkssänger" von 1975. Obwohl sich Hannes Wader selbst Volkssänger nannte, sollte man ihn vielleicht besser einen Folk Singer nennen, denn Volk klingt so völkisch und nationalistisch, was er bestimmt nicht ist.
Das Terrain ist vermint, denn das Wort "Volk" wurde in der deutschen Sprache in sehr unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Da gab es die rechte faschistische Verwendung, in der "Volk" eine bestimmte ethnische und biologische Gemeinschaft bezeichnete, in Abgrenzung zu anderen Menschen, wie etwa in "Volksgemeinschaft" oder "Völkischer Beobachter". Und es gab die linke sozialistische Verwendung, in der "Volk" die breite Masse der Menschen bezeichnete im Gegensatz zu einer herrschenden Oberschicht, wie etwa in "Volksrepublik". Diese letztere Verwendung von Volk war überhaupt nicht nationalistisch gemeint. Hannes Wader war ein Volkssänger in diesem internationalistischen Sinn.
Hannes Wader wurde 1942 bei Bielefeld geboren. Sein erster Auftritt war 1966 beim Folkfestival auf der Burg Waldeck. 1968 war er im West-Berlin der Studentenbewegung und dort in der Liedermacherszene aktiv. Seit herauskam, dass Gudrun Ensslin von der Baader-Meinhof-Gruppe 1972 in seiner Hamburger Wohnung lebte, wurde er von Fernsehen und Funk boykottiert. 1977 trat er dann in die DKP (Deutsche Kommunistische Partei) ein, worauf sein Name in den westlichen Medien nicht einmal mehr erwähnt werden durfte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der DDR trat er 1991 wieder aus der DKP aus.
Eine Mitgliedschaft in der DKP haben sich damals nicht viele getraut. Denn Kommunisten waren in der BRD mit einem Berufsverbot belegt. Viele Linke hielten den sowjetischen Kommunismus auch für zu bürokratisch, so dass sie nichts mit der DKP zu tun haben wollten. Seit Hannes Wader aus der DKP ausgetreten ist, war er natürlich bei den DKP-Mitgliedern durchgefallen. Ja, die DKP gibt es immer noch. Aber für diese Altkommunisten zählten nur noch die Liedermacher Franz Josef Degenhardt (1931-2011) und Dieter Süverkrüp (geboren 1934), die in der Partei geblieben waren.
Ich wollte Hannes Wader dann doch noch im April 2015 live bei einem Konzert in Potsdam erleben. Nach so vielen Jahrzehnten war er mit seiner Gitarre immer noch auf Tour und auf den Bühnen, obwohl er im Juni 2012 schon 70 Jahre alt geworden ist. Leider war der Nikolaisaal in Potsdam mit 600 Plätzen schon frühzeitig ausverkauft, so dass ich keine Karte mehr bekommen habe.
Ich habe eine kleine Rechnung angestellt. Der Nikolaisaal in Potsdam hat über 600 Plätze. Und die Eintrittskarten kosteten 30 Euro. Das ergibt nach Adam Riese: Hannes Wader nimmt an einem Abend von 2 Stunden 18.000 Euro ein. Das ist schon ein ganz schönes Sümmchen für einen Volkssänger mit einer Gitarre unter dem Arm. Hannes Wader dürfte inzwischen eigentlich durch seine Tonträger und Auftritte Multimillionär geworden sein. Trotzdem würde ich ihn noch als Genossen bezeichnen, zumindest als Genosse Millionär.
Deutschland hat in den letzten 50 Jahren einige talentierte Barden gesehen wie Reinhard Mey, Konstantin Wecker oder Ingo Insterburg. Aber am höchsten schätze ich doch Hannes Wader wegen seiner politischen Stellungnahme, wegen seines Naturtalents und wegen seines Fleißes, denn er hat alle Arbeiterlieder gesungen und auf Platte aufgenommen. Er ist für mich der ultimative Folksinger in jeder Hinsicht.
Nachdem ich den Auftritt in Potsdam vermurkst hatte, hatte ich mir rechtzeitig eine Karte für seinen Auftritt in Rostock im Oktober 2015 besorgt. Da ich schon früh von Berlin mit dem Bus losgefahren war, konnte ich mir auch die schöne Hansestadt Rostock etwas ansehen. Denn ich war vorher noch nie in Rostock.
Der Veranstaltungsort in Rostock-Marienehe, die Moya Kulturbühne, war ein ziemlich hässlicher Bau in einer Art Gewerbegebiet. Aber innen war die Einrichtung schon besser und es gab im Konzertsaal eine Bar. Die Fans von Hannes Wader waren raumfüllend erschienen und überwiegend ältere Semester so um die 60. Ich habe in der ersten Reihe einen Platz erwischt.
Hannes Wader begann gleich mit seiner Erkennungsmelodie, seinem bekanntesten Lied »Heute hier, morgen dort«, von dem ich hier ein paar Zeilen zitieren möchte:

"Heute hier, morgen dort,
bin kaum da, muss ich fort,
hab mich niemals deswegen beklagt.
Hab es selbst so gewählt,
nie die Jahre gezählt,
nie nach gestern und morgen gefragt.

Manchmal träume ich schwer
Und dann denk ich, es wär
Zeit zu bleiben und nun
was ganz andres zu tun.

So vergeht Jahr um Jahr
Und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt,
wie es war."

Er hat schön von seiner Solidarität mit der Arbeiterklasse gesungen, aus der er selbst kommt. Er hat sogar auf Französisch, Englisch und Griechisch gesungen, wobei mich seine Aussprache nicht so ganz überzeugt hat. Von seinem großen Vorbild, dem Chansonnier und Anarchisten Georges Brassens (1921-1981), hat er »Les copains d’abord« (1965) gesungen.
Seine Stimme war noch immer unverwechselbar und stark. Er pickte auch noch ganz munter auf seinen Gitarren herum, die er nach jedem Lied auswechselte. Er hat das Lied vom Deserteur gesungen und ein Lied über Lampedusa. Es hat mich gefreut, dass Hannes Wader immer noch ein politischer Mensch ist. Und Carl Michael Bellman (1740-1795), den alten Schweden, berühmt für seine Sauf- und Liebeslieder, hat er auch gesungen. Auch das Volkslied »Die Gedanken sind frei« hat er angestimmt. Er hat jahrzehntelang Verschiedenes gesungen und er hat wirklich ein riesiges Repertoire.
Hannes Wader ist ein alter 68er und davon hat er auch gesungen, wie ihm vor dem Springer-Hochhaus in West-Berlin damals die Zähne von der Polizei ausgeschlagen wurden. Dann hat er noch verraten, dass er kurz vor seinem Tod in die NPD eintreten wird, damit ein Nazi stirbt, und nicht ein aufrechter Demokrat. Das war wieder typisch Wader. Zum Schluss hat er noch 3 Zugaben gegeben und zum Mitsingen »Sag mir wo die Blumen sind« angestimmt. Die Gäste meinten: "Es war ein schöner Abend".
Als Chansonnier oder Singer-Songwriter wird man natürlich mit solchen internationalen Größen wie Bob Dylan, Leonard Cohen, Pete Seeger oder Charles Aznavour verglichen. Ich finde, Hannes Wader brauchte sich da nicht zu verstecken. Er hat ein beeindruckendes Lebenswerk geschaffen. Am ehesten erinnert er mich wahrscheinlich an Joan Baez, die bis vor kurzem auch noch munter auf Tour um die Welt reiste.
Damals im Oktober 2015 kamen gerade die vielen syrischen Flüchtlinge am Rostocker Hauptbahnhof an. Rostock war für die Flüchtenden nur ein Zwischenstopp, sie wollten weiter mit der Fähre über die Ostsee nach Schweden. Ich habe dort die jungen deutschen Menschen gesehen, die als Freiwillige die Flüchtlinge mit Kleiderspenden, Schuhen und warmem Tee begrüßt haben, die ganze Nacht durch. Die Parole war: "Refugees Welcome".

Es gibt ein Buch von Hannes Wader, in dem er auch seine Lebensstationen beschreibt:
Hannes Wader Liederbuch, Herausgegeben von Beate Dapper, kunterbundedition, Mainz 2007 (4. Auflage).
Einige Platten, die ihn berühmt machten, waren:
1974 Plattdeutsche Lieder
1975 Volkssänger
1977 Hannes Wader singt Arbeiterlieder.

In den letzten 2 Jahren ist er nicht mehr auf Tour gegangen, sondern hat seine Autobiographie geschrieben, die jetzt veröffentlicht wurde:
Hannes Wader: Trotz alledem. Mein Leben, München 2019, 592 Seiten.

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2020/02/02

Das Zentrum für Politische Schönheit will die Asche von in Auschwitz ermordeten Juden vor dem Reichstagsgebäude in Berlin ausgestellt haben, an der Stelle, an der die bürgerlichen Parteien 1933 für das Ermächtigungsgesetz der Nazis gestimmt haben


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Aktion "Sucht nach uns!"
"Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann."
So wird der in Auschwitz ermordete Salmen Gradowski zitiert.

Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, 4. Dezember 2019.

Das Zentrum für Politische Schönheit wurde 2008 gegründet. Künstlerischer Leiter ist der Berliner Aktionskünstler Philipp Ruch.
Frühere Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit waren unter anderen:
Im Jahr 2012 die Aktion "Sarkophag Oberndorf": Ein Sarkophag aus Beton sollte nach dem Vorbild des Atomkraftwerks Tschernobyl über der "Todeszone" des Rüstungsunternehmens Heckler & Koch mit Sitz in Oberndorf am Neckar errichtet werden.
2016 die Aktion "Flüchtlinge fressen - Not und Spiele": Die geplante Verspeisung von Flüchtlingen durch Tiger in einem Käfig vor dem Maxim-Gorki-Theater in Berlin als Protest gegen das Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer.
Im Jahr 2017 folgte der Nachbau des Berliner Holocaust-Mahnmals vor dem Haus des thüringischen AFD-Chefs Björn Höcke in Bornhagen. Höcke hatte das Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" bezeichnet und "eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" gefordert.

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2020/01/31

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2020/01/28

Friedrich Pollock

von Dr. Jörg Später, Freiburg


Um 1930 herum traten sie, so erinnerte sich der junge Theodor Wiesengrund Adorno, als das verschworene "Freundespaar Lenin und Trotzkij" auf, Max Horkheimer und Friedrich Pollock, beides Unternehmersöhne um die 35 Jahre alt, die gegen das System rebellierten, das ihre Familien wohlhabend gemacht und ihnen, als deutsche Juden, den sozialen Aufstieg ermöglicht hatte. Pollock stammte aus Freiburg, wo sein Großvater Salomon das "Damenkonfektionsgeschäft S. Pollock" in der Eisenstraße 6 eröffnet hatte. Nach dessen Tod 1899 übernahm Friedrichs Vater Julius den Laden. Als die Familie 1914 nach Stuttgart übersiedelte, verkaufte er das Geschäft an seine Angestellte Adele Rüdenberg, die 1935 von den Nazis zum Verkauf gezwungen wurde und sich 1939 das Leben nahm.
Pollock und Horkheimer lebten seit Beginn der 1920er Jahre zusammen in Kronberg im Taunus in einer Wohngemeinschaft, waren Teilnehmer an der legendären "Ersten Marxistischen Arbeitswoche" am Pfingstwochenende 1923 in Jena mit Karl Korsch und Georg Lukács, zudem an der Gründung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung beteiligt. Während die Weimarer Republik nun ihre Dämmerung erlebte, wurde Horkheimer Direktor des ersten marxistischen Forschungsinstituts in Deutschland, und zwar als Nachfolger des schwer erkrankten Carl Grünberg, den sein Assistent Pollock zuvor interimsmäßig vertreten hatte.

Nach der Flucht vor den Nazis wurde Pollock neben Horkheimer geschäftsführender Direktor des zuvor evakuierten Instituts und versuchte, "das Goldschiff behutsam an allen bedrohlichen Klippen" vorbei zu lotsen, wie der argwöhnische Siegfried Kracauer kommentierte. Was nicht immer gelang, denn Pollock verspekulierte in New York einen großen Teil des von Hermanus Weil gestifteten Institutsvermögens. Aber nicht nur viel Geld, sondern auch der kämpferische Marxismus blieb angesichts der Erfahrungen von Flucht, Krieg und nicht zuletzt des Judenmords auf der Stecke. Pollock kehrte mit Horkheimer 1950 nach Frankfurt zurück, wo sie das Institut in der Senckenberganlage wiedereröffneten, und zog sich ein knappes Jahrzehnt später mit dem Freund ins Tessin zurück, wo er 1970 starb. Immer stand Pollock im Schatten Horkheimers, der ihm zusammen mit Adorno die »Dialektik der Aufklärung« gewidmet hatte - beteiligt war Pollock an dem Buch eben nicht, außer natürlich als betroffener Zeitzeuge in Sachen beschädigter Lebenserfahrung.
Doch der Ökonom mit politischem Hintergrund war nicht nur Geschäftsführer, sondern selbst Wissenschaftler. 1923 reichte er seine Dissertation zum Marx’schen Geldbegriff an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt am Main ein. Sie stand unter der Prämisse, dass die politische Ökonomie die einzige "universale Grundwissenschaft" sei, weil die "Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens" aller Kultur und allen Denkens vorausgehe. Die Differenz von Wesen und Erscheinung, verdinglicht im Phänomen des Geldes, das die Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse verschleiere, war für Pollock der Ausgangspunkt kritischer Wissenschaft, zeitgleich und ähnlich wie bei anderen materialistischen Ideologiekritikern wie Korsch und Lukács. In dieser Zeit bildete sich im deutschen Sprachraum das heraus, was man später den "westlichen Marxismus" (Maurice Merleau-Ponty) nennen sollte.

Jetzt werden Pollocks Schriften geborgen. Philipp Lenhard, wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München hat diese Aufgabe in Angriff genommen. Er selbst wird 2019 im Jüdischen Verlag, der zu Suhrkamp gehört, eine Biographie des Schattendenkers der "kritischen Theorie" veröffentlichen. Die Gesammelten Schriften, die im kleinen und linken Freiburger ça-ira-Verlag ohne großes Mäzenatentum erscheinen, sind auf sechs Bände angelegt, von denen der erste nun erschienen ist, nämlich die "Marxistischen Schriften" aus jenen 1920er Jahren, in denen das Freundespaar sogar die Aufmerksamkeit des Frankfurter Polizeipräsidenten auf sich zog, der sie einwandfrei als Kommunisten identifizierte. Zu dem Band gehört neben der erwähnten Dissertation auch eine Streitschrift gegen Werner Sombart, der einem faschistischen Ständestaat das Wort redend nicht nur die Grundlagen des Marxismus attackiert, sondern auch die Juden zu Hauptakteuren des Kapitalismus stilisiert hatte. Lenhard meint, die Sombart-Kritik von 1926 könne man als die erste faschismustheoretische Studie des Instituts lesen.
Die bekannteren Texte Pollocks über die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion, seine Habilitationsschrift von 1929, und seine Analyse des Nationalsozialismus als "Staatskapitalismus" von 1941, die für einen fruchtbaren wie aufschlussreichen Streit vor allem mit Franz L. Neumann sorgte, werden in den Bänden zwei (Planwirtschaft und Krise) und drei (Nationalsozialismus und Antisemitismus) aufgenommen werden. Der vierte Band umfasst die Schriften nach 1945 des Frankfurter Professors für Volkswirtschaftslehre und Soziologie zur Automation, der fünfte Vermischtes und der sechste - für Historiker der sicherlich spannendste - eine ausgewählte Korrespondenz.
Pollock galt vielen als "die graue Eminenz" des Instituts für Sozialforschung. Nun wird ein, wenn auch kleiner, Scheinwerfer auf ihn gerichtet, der ihn als Autor zeigt, was erst verstehen lässt, warum er ein kongenialer Partner Horkheimers werden konnte. Noch gespannter aber darf man auf die Biographie über diesen besonderen Zeitzeugen sein, der Auskunft über die Ursprünge des westlichen Marxismus, die Vertreibung der jüdischen Intelligenz aus Deutschland, ihr Wirken im Exilland Amerika und die Rückkehr ins Haus der Henker geben wird. Dann auch wird vielleicht das Rätsel gelöst werden, wer von den beiden Freunden einst Lenin war und wer Trotzkij.

© Dr. Jörg Später, Januar 2020.

Anmerkung: Die von Philipp Lenhard verfasste Biographie Pollocks ist inzwischen erschienen.

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2020/01/27

Holocaustgedenktag
International Holocaust Remembrance Day

Heute ist der 75. Jahrestag. Der 27. Januar ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust (des Nazi-Völkermords, im Hebräischen Shoa genannt), Er wurde von den Vereinten Nationen eingeführt, um an den Holocaust und an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 zu erinnern. Bei dem in Polen gelegenen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau handelte es sich um das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalfaschismus. Etwa 1,1 Millionen Menschen wurden hier von deutschen Nazis in Gaskammern ermordet. Insgesamt fielen über 5,6 Millionen Menschen, die meisten Juden, aber auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, politisch Andersdenkende und andere Verfolgte der NS-Diktatur, dem Holocaust zum Opfer. Erinnerung an die Gräuel der Nazis und an die aktuellen Gefahren des wieder erstarkenden Faschismus.


Bilder aus dem KZ Ravensbrück

Fotografiert von Manfred Gill

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Fritz Cremer: Müttergruppe im KZ Ravensbrück.
3 Frauen tragen eine zusammengebrochene 4. Frau.
Am Weg vom Bahnhof zum Lager, wo die Angekommenen unter den Augen der Anwohner
durch Fürstenberg/Havel getrieben und gestoßen wurden.

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2020/01/25

"All the world's a stage,
And all the men and women merely players.
They have their exits and their entrances,
And one man in his time plays many parts."

William Shakespeare, As You Like It.


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2020/01/22

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2020/01/19

Häuser, fotografiert von Luke Sonnenglanz


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2020/01/16

Tagebuch 1973, Teil 38: Taxila

Dr. Christian G. Pätzold

taxila
Buddhistische Füße in Taxila. Quelle. Wikimedia Commons.


24. September 1973, Taxila, Montag

Am Morgen sind meine Reisepartnerin, unsere neuen pakistanischen Freunde und ich mit dem Bus nach Taxila gefahren. Das Touristenbüro in Taxila konnte uns mehrere Prospekte geben. Wir haben dann eine Pferdekutsche für 15 Rupees für den ganzen Tag gemietet, der Kutscher wollte uns zu allen interessanten archäologischen Stätten fahren, die über ein größeres Areal verteilt sind. Taxila liegt etwa 30 Kilometer nordwestlich von Rawalpindi entfernt. Taxila war die Hauptstadt des großen Reiches Gandhara im Nordwesten von Pakistan, das von etwa 500 vor unserer Zeitrechnung bis etwa 500 nach unserer Zeitrechnung bestand. Die Stadt war nicht nur ein Handelszentrum, sondern hatte damals auch eine berühmte Universität. Die archäologischen Überreste der Stadt wurden im 20. Jahrhundert teilweise ausgegraben.
Alexander der Große nahm die Stadt im Jahr 326 v.u.Z. kampflos ein, aber die Herrschaft der Griechen endete schon 317 v.u.Z. Die Beziehungen zu Griechenland dauerten aber länger an. Zahlreiche Kulturen, die griechische, die buddhistische, die zarathustranische sind sich hier begegnet. Taxila war der historische Hotspot, an dem die antike europäische Kultur, die chinesische Kultur und die indische Kultur vor 2.000 Jahren aufeinander trafen. Die Ruinen liegen in einer pastoralen Landschaft, Trockengras mit mittelhohen, Schatten spendenden Bäumen.
Wir sind zuerst zu den Resten von zwei buddhistischen Klöstern mit Stupas gefahren. Stupas sind kegelförmige Grabstätten, relativ hohe Bauwerke, die zur Aufnahme von Reliquien Buddhas oder von Buddhas Asche dienten oder die einfach nur ein kultisches Denkmal darstellten. In Burma heißen die Stupas Pagoden. Die Form der Stupas hat sich aus der von Grabhügeln entwickelt. Die Stupas von Taxila gehören zu den ältesten, sie stammen aus der Zeit Ashokas aus dem dritten Jahrhundert v.u.Z. Der indische König Ashoka (304-232 v.u.Z.) bekannte sich nach großen Eroberungszügen zum Buddhismus und förderte dessen Ausbreitung durch das Entsenden von Missionaren.

Mr. Muhammad R. und sein Freund, die uns auf diesem Ausflug nach Taxila begleiteten, haben dann Essen besorgt und wir haben ein Picknick in der wunderschönen Landschaft veranstaltet. Der Wächter an der Stupa bei Mohra Muradu hat uns Wasser gegeben und den Brunnen gezeigt. Dann haben wir noch einen zoroastrischen Tempel gesehen, der griechische ionische Säulen hatte. Auch die Buddhafiguren, die in großer Anzahl gefunden wurden, sind durch die griechische antike Kunst beeinflusst. Von Taxila gelangte die Idee der griechisch beeinflussten Buddhafigur bis nach China und Japan. Es waren auch Hakenkreuzsymbole, Swastikas auf Schmuck, Fußbodenfliesen, Siegelringen und Münzen zu sehen.

Wir sind mit dem Zug nach Rawalpindi zurückgefahren. Im Punjab wird Punjabi und Urdu gesprochen, mit vielen englischen Wörtern dazwischen, was einigen Leuten nicht passt, denn sie wenden sich gegen allen englischen Einfluss und wollen stattdessen zum reinen Islam zurückkehren. Wir waren im Bazar, in dem wir im Teeladen noch Medizin gegen Mückenstiche gekauft haben. Außerdem haben wir Süßigkeiten gekostet. Wir haben auch die Spezialität Betel (Pan) gekostet, ein Blatt mit Kräutern, Samen, Ketchup oder so ähnlich zum Kauen und Ausspucken, was hier und in Indien sehr beliebt ist, weswegen überall rote Flecken auf dem Fußboden zu sehen sind. Die Leute im Bazar haben uns wieder als Attraktion umringt und waren sehr kontaktfreudig. Es war ein guter Tag.

Postskriptum Januar 2020:
Die archäologischen Stätten von Taxila sind seit 1980 Weltkulturerbe der UNESCO. Taxila lag geografisch günstig an der historischen Fernhandelsstraße Grand Trunk Road nach Indien und an der Seidenstraße nach China. Die Stadt Taxila wurde bereits in den indischen Epen Ramayana und Mahabharata erwähnt. Die gegenseitige gedankliche Bereicherung der Menschen lebte weiter in den Jahrhunderten, auch wenn die Stadt, in der das alles passiert war, längst nur noch aus ruinösen Steinen bestand.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2020.

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2020/01/12

Tagebuch 1973, Teil 37: Von Peshawar nach Rawalpindi

Dr. Christian G. Pätzold


22. September 1973, Peshawar - Rawalpindi, Sonnabend

Wir sind zur Bank marschiert und haben 30,- DM 1:4 gewechselt und haben die soldatenbewachte Bank wieder verlassen. Angesichts der Armut werden Banken hier anscheinend oft überfallen. Auch bei der Bank sind die jungen Männer wieder nahezu ausgeflippt angesichts meiner Reisepartnerin, da sie unverschleierte Frauen nicht gewöhnt sind. Nach erbittertem Handeln hat uns eine Pferdekutsche für 2 Rupees zum Bahnhof befördert, wo wir nach Ausfüllen etlicher Formulare zwei Studententickets 1. Klasse für 24 Rupees nach Rawalpindi bekommen haben.
Im Zug gab es vier Klassen sowie abgetrennte Frauenabteile. In der 1. Klasse gab es keine Glasfenster, nur Holzbretter zum Hochschieben, dafür aber zwei Ventilatoren und es war leer. Der Zug war ein Bummelzug und brauchte für die 160 Meilen von Peshawar nach Rawalpindi über 6 Stunden. Wenn er schneller gefahren wäre, wäre er wahrscheinlich bei diesem Schienennetz entgleist. An den Bahnhöfen unterwegs wurde unser Fenster von dichten Männertrauben umringt, die gafften. Hier bekam man den pakistanischen Islam ganz schön zu spüren. Die jungen Männer litten wahrscheinlich sehr unter dem Kontaktverbot mit Frauen. Außerdem waren viele von ihnen arbeitslos und hatten den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als auf der Straße nach etwas Interessantem Ausschau zu halten. Und ausländische Touristen waren etwas Besonderes für sie.
Ein pakistanischer Student, der im Zug arbeitete, hat uns zu sich in Rawalpindi eingeladen. Nach einigem Suchen haben wir in Rawalpindi ein gutes Zimmer für 27 Rupees pro Tag gefunden.

23. September 1973, Rawalpindi, Sonntag

Am Vormittag haben wir uns im Khamran-Hotel etwas erholt. Nachmittags sind wir mit einem klapprigen Bus für 50 Paisas zur Satellite Town, einem neuen Wohnbezirk mit Privathäusern, gefahren, um unseren neuen Freund Mr. Muhammad R. zu besuchen, den wir gestern im Zug kennen gelernt hatten. Sein Vater arbeitete als Bahnbeamter bei den Pakistan Western Railways. Die Familie schien relativ wohlhabend zu sein, besaß westliche Plüschmöbel und hatte ein Bild von Mr. Muhammad Ali Jinnah (1876-1948), dem Gründer von Pakistan, an der Wand des Wohnzimmers hängen. M. A. Jinnah, dessen Mausoleum sich in Karachi befindet, wurde auch als Größter Führer (Quaid-e Azam) und Vater der Nation (Baba-e Qaum) bezeichnet. Pakistan war vor der Unabhängigkeit im Jahr 1947 wie ganz Indien eine englische Kolonie.
Bei unserem Gespräch waren keine Frauen anwesend außer meiner Reisepartnerin, aber Männer kamen öfters herein, unter anderem Mr. Riaz A., der ein Degree in Politik und Ökonomie hatte, aber seit zwei Jahren keine Arbeit fand, wie viele Leute hier, oder Mr. Kazim N., Handelsreporter bei der Daily New Times, der gleich wissen wollte, ob wir Touristen sind. Die Alternative wären unsere Freunde, die Blumenkinder, gewesen. Er war beruhigt, dass wir Touristen waren. Denn die Hippies interessierten sich ja nicht für das islamische Pakistan, sondern wollten nur schnell durchreisen ins hinduistische Indien. Er wollte auch wissen, in welchem Hotel wir wohnten.
Unser neuer Freund Mr. Muhammad R. war recht schick mit einem Playboytouch. Er hatte das Government Intermediate College besucht, war Captain vom Hockeyteam und bester Sprecher in Englisch und Urdu etc. Er hatte schon gehört, dass in Europa mehr "sex-freedom and coeducation" existieren, und wir haben ihm auch gesagt, dass uns die Situation der Frauen hier im Islam ziemlich stört. Dann haben wir noch versucht, dem Ökonomen zu erklären, dass die Volkswirtschaft ohne Frauen nicht stark zu machen sei. China baute eine Textilfabrik bei Taxila, Deutschland einen Wasserdamm, aber er wusste nichts über die Bedingungen.
Dann kamen wir auf die Situation zwischen West-Pakistan und Ost-Pakistan zu sprechen. Nach der Unabhängigkeit 1947 bestand Pakistan aus 2 Teilen: West-Pakistan im Westen von Indien gelegen und Ost-Pakistan im Osten von Indien. Ost-Pakistan erreichte 1971 mit dem Namen Bangladesch seine Unabhängigkeit. Die Forderungen von Mr. Mujibur Rahman, dem Führer in Ost-Pakistan (Bangladesch), nach zwei Währungen, getrenntem Handel und zwei Armeen wurden dadurch unterstützt, dass zirka 25 Familien das ganze Land ausgeplündert und ihr Geld ins Ausland geschafft hatten. Mr. Zulfikar Ali Bhutto, der Führer in West-Pakistan, schob jetzt die ganze ökonomische Misere auf sie und hatte ihnen ein Ultimatum gestellt, ihr Geld wieder aus Europa und Amerika abzuziehen und nach Pakistan zu bringen. Das haben sie natürlich nicht getan, sondern lebten weiter in Pakistan und scheffelten Geld, weil Herr Bhutto nichts gegen sie unternahm, wie der Ökonom feststellte.
Mr. Muhammad R. begründete die Zusammensetzung der ehemaligen pakistanischen Armee fast ausschließlich mit Westpakistanis mit dem Größenunterschied zwischen Punjabis und Bengalis von angeblich 8 Inches (das wären 20 Zentimeter), was wohl nicht stimmt, und der größeren Tapferkeit der Punjabis. "Die Punjabis sind so tapfer, dass sie die ganze Welt besiegen können." Ich hatte den Eindruck, dass die Punjabis ein recht starkes Selbstwertgefühl hatten.
Mr. Mujibur Rahman hatte auch gefordert, dass Bengali Nationalsprache in Pakistan wird, was vor 1971 nicht der Fall war, obwohl die Bengalis in der Mehrheit waren. Alles deutete auf eine Unterdrückung von Ost-Pakistan durch westpakistanische Kapitalisten und Militärs hin. Die Unabhängigkeit von Bangladesch wurde von Mr. Muhammad R. als indisch-sowjetisch-amerikanisches Komplott zur Umzingelung Chinas hingestellt. Begründung von Mr. Muhammad R. für die Teilung des indischen Subkontinents 1947: "Für die Inder sind die Kühe Götter und wir essen sie."
West-Pakistan hatte vier Provinzen: 1 Punjab, Hauptstadt Lahore. 2 Sind, Hauptstadt Karachi. 3 N.W.F.P. (North Western Frontier Province), Hauptstadt Peshawar. 4 Baluchistan, Hauptstadt Quetta.
Wir bekamen noch einen kurzen Überblick über die politische Geschichte Pakistans seit der Unabhängigkeit 1947. Bis 1973 hatte Pakistan zahlreiche Premierminister, deren häufiger Wechsel ein Indiz für die insgesamt recht instabile Situation des Landes war.

Hier folgt ein Postskriptum, das ich Ende 1988 geschrieben habe:
Der damalige (September 1973) Premierminister Zulfikar Ali Bhutto wurde von seinem Nachfolger General Mohammed Zia-ul-Haq 1979 gehängt. General Zia-ul-Haq seinerseits, der wieder stark den Islam gefördert und die Sharia eingeführt hatte, ist im August 1988 bei einem Bombenanschlag mit seinem Flugzeug abgestürzt und umgekommen. Im Moment (Oktober 1988) sind die Verhältnisse in Pakistan verworren. Gerade bringen sich in Karachi die Sindis und die Moslems aus Indien gegenseitig um. Im Nachhinein erscheint mir Pakistan als ein Land, dessen Menschen besonders nervös und frustriert waren.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2020.

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2020/01/09

Zum 70. Geburtstag von Rio Reiser
West-Berlin 9.1.1950 - Fresenhagen/Nordfriesland 20.8.1996

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Ende der 1960er Jahre war ich der Ansicht, dass moderne Musik und deutsche Texte unmöglich zusammen passen. Es war die Zeit der Beatles und der Rolling Stones und zahlreicher weiterer englischer Musikgruppen, die die englische Sprache so wunderbar in Musik umsetzten. Im westberliner Radio spielte man bald nur noch englische Songs. Deutsche Schlager hörte ich kaum noch, die waren nur etwas für Hinterwäldler, Unterbelichtete und ewig Gestrige. Doch dann geschah 1970 ein kleines Wunder. Die Band »Ton Steine Scherben« wurde in West-Berlin gegründet und ihr Texter und Sänger Rio Reiser schaffte es, die deutsche Sprache und die moderne Rock-Musik zusammenzubringen. Kaum jemand sonst hat das damals geschafft, vielleicht noch in Ansätzen etwas später Udo Lindenberg, aber der bewegte sich in einer etwas anderen politischen Welt. Noch später in den 80er Jahren kamen dann die Neue Deutsche Welle und noch einige andere talentierte deutschsprachige SängerInnen.
Man sagt, es gibt Sängerinnen und Sänger, die das Telefonbuch vorsingen können, und sie klingen trotzdem fantastisch. Rio Reiser hatte so eine Telefonbuchstimme, eine existentialistische Stimme.
Bei den zahlreichen anarchoiden Demos der 1970er und 1980er Jahre in West-Berlin waren die Songs von »Ton Steine Scherben« der konstante Soundtrack, der über Lautsprecher gesendet zur aufgeheizten Stimmung der Hausbesetzerkämpfe passte. Hier sind die Titel einiger sehr berühmter Songs, die sich auf ihren ersten beiden Langspielplatten finden:

Macht kaputt was euch kaputt macht!
Die letzte Schlacht gewinnen wir!
Keine Macht für Niemand!
Rauch-Haus-Song (Hausbesetzer-Hymne)
Ich will nicht werden was mein Alter ist!
Der Kampf geht weiter!
Allein machen sie dich ein!
Schritt für Schritt ins Paradies.

Diese programmatischen Songs von Rio Reiser vom Anfang der 1970er Jahre haben einen doch psychisch etwas aufgerichtet. Sie können noch heute bei YouTube im Internet angehört werden. Der Bandname »Ton Steine Scherben« soll von Heinrich Schliemann stammen. Schliemann soll, als er Troja entdeckt hatte, gesagt haben: "Alles was ich fand waren Ton, Steine, Scherben." Später fand Schliemann allerdings noch den sogenannten Goldschatz des Priamos in Troja, der sich heute im Puschkin-Museum in Moskau befindet.
Rio Reiser wurde am 9. Januar 1950 in West-Berlin geboren. Sein richtiger Name war Ralph Christian Möbius. Den Künstlernamen Reiser hat er dem Roman »Anton Reiser« (1785) von Karl Philipp Moritz entlehnt.
Die Zeit der Band »Ton Steine Scherben« reichte von 1970 bis 1985. Danach machte Rio Reiser solo Musik und träumte davon, König von Deutschland zu werden. Er starb am 20. August 1996 auf seinem Bauernhof in Fresenhagen in Nordfriesland. Das sollte man anmerken, dass er schon 1975 von Westberlin aufs Land geflüchtet war. Damals begann die Ökobewegung und viele haben sich überlegt, aufs Land umzuziehen, um der Natur näher zu kommen. Auch er ist nicht in die DDR umgezogen, sondern nach Nordfriesland. Und seine Hausbesetzerzeit reichte nur von 70 bis 75.
Die Erinnerung an Westberlin und Kreuzberg in den 1970er Jahren kommt mit der Musik zurück. Ja Ja Ja, War gar nicht schlecht. Na ja, 68 war toller. Vergessene verrückte vergraute Mauerstadt der 70er. Die Reichen hatten schon ihr ganzes Geld nach Westdeutschland transferiert aus Angst vor den Kommunisten. Oder waren wenn möglich selbst nach Westdeutschland geflüchtet. Die ArbeiterInnen in Westberlin bekamen eine Zitterprämie. Viele Mietshäuser aus der Kaiserzeit standen leer und verfielen und wurden von Alternativen besetzt. In Ostberlin auf der anderen Seite der Mauer existierte der ebenfalls recht graue real existierende Sozialismus, ein anderer Kosmos, der schon bröckelte, als man Wolf Biermann hinauswarf.
Rio Reiser ist mit seiner Homosexualität immer offen umgegangen, auch das war ein Fortschritt der 70er Jahre. Dazu kann ich aber nichts sagen, weil ich nicht in der westberliner Schwulenszene unterwegs war.
Kurz vor dem Ende der DDR hat er es dann doch noch nach Ost-Berlin (Hauptstadt der DDR) geschafft. Anfang Oktober 1988 durfte Rio Reiser in der Werner-Seelenbinder-Halle 2 Konzerte singen, das war schon erstaunlich. An 2 Abenden kamen insgesamt 12.000 Besucher, Rio Reiser bekam 20.000 Westmark für die Auftritte. Die FDJ-Leitung wollte die ostberliner Jugendlichen durch Westbands bei Laune halten. Er sang auch das Lied "Der Traum ist aus", in dem es um ein Land geht, wie er es sich erträumt:

"Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiß es wirklich nicht.
Ich weiß nur eins, da bin ich sicher.
Dieses Land ist es nicht! Dieses Land ist es nicht!."

Das Publikum jubelte, aber das DDR-Jugendradio DT 64 hat das Lied aus der Übertragung herausgeschnitten. Den Song "Keine Macht für Niemand" durfte er von vorneherein nicht in Ost-Berlin singen, das war vereinbart.
Obwohl er der DDR 1988 mächtig einen vor den Bug geschossen hatte, ist Rio Reiser 1990 in die PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) eingetreten, die Nachfolgepartei der SED. Auch das war erstaunlich für einen Anarchisten. Das Ergebnis war, dass er daraufhin vom vereintdeutschen Radio boykottiert wurde.
Der Heinrichplatz an der Oranienstraße in Berlin Kreuzberg soll demnächst in Rio-Reiser-Platz umbenannt werden. Eigentlich ist es etwas schade, dass der historische Heinrichplatz verschwindet, wo dort so viel passiert ist. Aber ich finde Rio-Reiser-Platz auch nicht schlecht, zumal dort seine Songs so oft gespielt wurden. Es gibt noch viele Leute, die sich an die Musik von Rio Reiser erinnern.

Dr. Christian G. Pätzold.

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2020/01/07

Stillleben mit Kaffeekochern

stillleben
Der Kaffee kommt auch nicht von hier.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold.

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2020/01/04

Rudolph Bauer
Peace for Future: Klotzen statt Kleckern

Zum Großteil verantwortlich für Umweltverbrechen und Klimaschäden sind das Militär, die Armeen weltweit, Militärtransporte und Manöver, Rüstungswahnsinn und Waffenproduktion, die Kriege, die sog. Terrorbekämpfung und der Export von militärischen Mordgeräten. Ganz zu schweigen vom drohenden Einsatz der Atomwaffen - auch in Deutschland (20 Atombomben lagern in Büchel) und ausgehend von Deutschland!

Das Militär der USA ist beim Erdölverbrauch weltweiter Spitzenreiter. Es verbraucht pro Tag 48 Millionen Liter Öl. (Süddeutsche Zeitung vom 22. August 2019) Laut der amerikanischen Umweltjournalistin Johanna Peace ist die US-Armee für 80 Prozent beim amerikanischen Energieverbrauch verantwortlich. Dem CIA-Factbook zufolge verbrauchen nur 35 von 210 Ländern der Welt täglich mehr Öl als der Umweltvergifter Pentagon.
Allein in der Bundesrepublik sind 35.000 US-Soldaten in Kasernen stationiert. Für sie hat die deutsche Bundesregierung in den vergangenen sieben Jahren 243 Millionen Euro Steuergelder ausgegeben. Weitere 480 Millionen Euro wurden 2012 bis 2019 für militärische Baumaßnahmen der Nato, fast ausschließlich für die USA, verplant.
Mit ihrem Kriegsgerät und Manövern tragen die hier stationierten US-Militärs bei zur Landschaftszerstörung und Bodenvergiftung der Truppenübungsplätze. Die Air Base Ramstein bei Kaiserlautern ist die Flugleitzentrale für völkerrechtswidrige Drohneneinsätze. Sie ist europäische Drehscheibe für Fracht- und Truppentransporte der USA.
Wissenschaftler machen das US-Militär für den Klimawandel mitverantwortlich. Steve Kretzmann, Direktor der Organisation "Oil Change International", hat errechnet, dass amerikanische Streitkräfte während des Irakkrieges allein im Zeitraum 2003 bis 2007 an die 141 Millionen metrischer Tonnen an CO2 freigesetzt haben.
Die Stahlproduktion und die Herstellung von Beton bzw. Zement bedingen hohe CO2-Emissionen. Veit Noll berichtet in der Zeitschrift »Ossietzky« am 24. August 2019: "Für Krieg und Militär benötigt man 'besten' Stahl auch für Panzer, gepanzerte Fahrzeuge und Über- und Unterwasserschiffe. Für Start- und Landebahnen benötigt man Beton. Auch militärische Deckungen werden als Betonbunker gefertigt." In den Ausbau betonierter Verkehrswege nach Osteuropa werde neuerdings massiv investiert. "Der Transport des Militärs und dessen Ausrüstung in die Welt ist nicht CO2-neutral."
Für Greta Thunberg sind Kriege diejenigen Aktionen, welche die Umwelt am meisten zerstören. Sie vergiften die Luft, die Gewässer und den Boden, erst recht, wenn abgereichertes Uran eingesetzt wird. Kriege zerstören die Ressourcen und fügen den Menschen selbst unvorstellbares Leid zu. Das ist nicht erst in 30 oder 50 Jahren der Fall, sondern schon jetzt, aktuell. Die Armeen der USA und der NATO - die Bundeswehr einbezogen - sind die größten CO2-Erzeuger der Welt.
Jonathan Schell sowie die Herausgeber Paul J. Crutzen und Jürgen Hahn warnen seit den 1980er Jahren vor den Auswirkungen eines Atomkrieges auf Klima und globale Umwelt ("Schwarzer Himmel"), wobei Milliarden Menschen ums Leben kommen und viele Pflanzen- und Tierarten aussterben werden.
Der Arzt Dr. Lars Pohlmeier, Vorstandsmitglied der deutschen IPPNW, warnt eindrücklich vor der nuklearen Eskalation: Nach Erkenntnissen von Klimatologen hätte auch ein 'begrenzter' Atomkrieg - etwa zwischen Indien und Pakistan, oder seitens der israelischen Armee gegen den Iran - verheerende globale Folgen. Aufgrund der klimatischen Veränderung käme es zu ausbleibenden Ernten, und bis zu 2 Milliarden Menschen wären vom Hunger bedroht.

Was dagegen hilft, ist nicht Kleckern, sondern Klotzen.

Für Frieden, Abrüstung, Umweltschutz und Klimarettung - aber sofort! Es ist sonst zu spät.

Dieser Text erschien ursprünglich als Flugblatt des Bremer Friedensforums.

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2020/01/01

Willkommen in den ereignisreichen 20er Jahren !

Dr. Christian G. Pätzold

Vielleicht werden sich die Leute ja wieder so gedankenlos amüsieren wie damals in den Roaring Twenties vor 100 Jahren. Und dann kam der 2. Weltkrieg. Diesmal kommt der Klimakollaps. Es ist doch ganz egal, ob Deutschland irgendwelche Klimaziele einhält oder nicht. China, die USA, Russland, Indien, Indonesien, Brasilien, Australien etc. werden in den 20er Jahren so viele Abgase in die Atmosphäre pusten, dass es für den Zusammenbruch vieler Ökosysteme ausreicht. Das kleine Deutschland mit 1 % der Weltbevölkerung ist da ziemlich irrelevant. Aber trotzdem sollte man nicht aufgeben. Man kann zumindest ein gutes Beispiel abgeben und alles tun, was man kann. Auch wenn die Erfolgsaussichten minimal sind. Außerdem ist Europa als ganzes beim Treibhauseffekt durchaus von Gewicht. Man sollte auch mit dem Kulturbloggen weitermachen, denn etwas Freude braucht man ja auch noch.
kuhlewampe.net hat sich in den vergangenen 5 Jahren gut entwickelt und immer neue BesucherInnen verzeichnet und neue AutorInnen gewonnen, die mit facettenreichen Texten und Fotos weitere Kunstaspekte geöffnet haben. Im Jahr 2019 stand das 100. Jubiläum des Bauhaus, und damit Design und Architektur, sehr im Vordergrund. In diesem Jahr ist schon der 200. Geburtstag von Friedrich Engels im November als Highlight absehbar. Das wird ein politischer und ideengeschichtlicher Schwerpunkt. Wir sollten den immer größer werdenden Cyberspace nicht den Geschäftemachern und den Kriminellen überlassen, die unsere Daten stehlen und uns mit Fake-News überschwemmen wollen. Vielmehr sollten wir den Cyberspace mit Kultur, Kunst, Wissen und Bildung füllen, indem wir Texte, Bilder, Töne und Filme ins Netz stellen. Der Cyberspace ist eine komplett neue Welt, die im Entstehen ist, zusätzlich zur realen Welt.
Die Optik von kuhlewampe.net hat sich wieder etwas verändert. An der Stelle der Azaleenblüten vom letzten Jahr finden sich in diesem Jahr weiße Wildrosen im Mai als Hintergrundbild.
Ich möchte allen Kreativen danken, die kuhlewampe.net in 2019 so einzigartig gemacht haben: Jenny Schon, Art Kicksuch, Dr. Karin Krautschick, Markus Richard Seifert, Dr. Hans-Albert Wulf, Ella Gondek, Ingo Cesaro, Prof. Dr. Rudolph Bauer, Dr. Rudolf Stumberger, Peter Hahn & Jürgen Stich, Wolfgang Weber, Anna Gerstlacher, Sabine Rahe, Luke Sonnenglanz und Achim Mogge. Ich wünsche Allen erfolgreiche 20er Jahre! Bleibt wach und kritisch.

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