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im 8. Jahr
Herzlich Willkommen bei kuhlewampe.net. Ein Kultur-Literatur-Gesellschaftskritik-Blog im WWW
Gründer und Herausgeber: Dr. rer. pol. Christian G. Pätzold, Berlin
Kurator für Gesellschaftskritik: Dr. phil. Hans-Albert Wulf, Berlin
Wenn Ihr hier veröffentlichen wollt, schreibt bitte an: post(at)dr-paetzold.info
Kuhle Wampe ist ein Film von Bert Brecht, Slátan Dudow und Hanns Eisler aus dem Jahr 1932.


2022/05/24

Wangerooge in den frühen 60ern, Teil I

von Dr. Christian G. Pätzold


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Schuhmachermeister Manott mit Fischen in Wangerooge, Sommer 1965.


Als ich neulich eine Antwort auf eine Postkarte erhielt, die ich vor 60 Jahren geschrieben hatte, war ich einigermaßen erstaunt. Die Mail kam von einer Kindheitsbekannten vom Niederrhein, die ich während der Sommerferien auf Wangerooge kennen gelernt hatte, denn dort hatte man ja Strandkorbnachbarn aus ganz Deutschland. Im Zuge des Aufräumens hatte sie meine alte Postkarte mit ein paar belanglosen Zeilen und einem Foto der Berliner Kongresshalle gefunden. Leider hatte sie meine wertvolle Ansichtskarte sofort in ihrem Aktenvernichter geschreddert, da man ja nicht alles aufheben könne. Anschließend hat sie mich doch im Internet gegoogelt und dort tatsächlich meine E-Mail-Adresse gefunden. Mein Gedächtnis hat inzwischen anscheinend schon Lücken, denn ich konnte mich nicht mehr an die Postkarte erinnern. Aber dieser Anstoß hat bei mir dazu geführt, wieder mal gedanklich in die Kindheit zu schweifen.

Kindheitserlebnisse aus Wangerooge, einer Familienferieninsel, der östlichsten der ostfriesischen Inseln in der Nordsee. Mehrere Jahre in den Sommerferien im Juli und August war ich dort, so etwa zwischen 1958 und 1965. Es waren die frühen 60er Jahre, die späten Wirtschaftswunderjahre nach dem 2. Weltkrieg. Die Sommerferien waren für mich eine dringend benötigte Erholung vom alltäglichen Schulstress. Wangerooge war damals in den Sommerferien gut besucht, alle Strandkörbe waren belegt, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass die Insel überlaufen war. Es gab keinen Overtourism, wahrscheinlich auch, weil es keine großen Bettenburgen gab, sondern nur kleine Ferienunterkünfte der Einheimischen, die der kleinen Insel angemessen waren. Es gab auch keine Schickeria auf Wangerooge.

Besonders angenehm war, dass die Insel autofrei war. Daher konnte man gefahrlos überall herumlaufen. Da die Bewohner der Insel keine Autos haben durften, besaßen sie alle Fahrräder mit Anhänger, in denen sie Gepäck, Waren und Kinder transportieren konnten. Ja, damals in den autoverrückten 1960er Jahren gab es schon ein Land in Deutschland, in dem nur Fahrräder und Pferdekutschen fuhren. Da die Distanzen aber alle kurz waren, waren die Leute meist zu Fuß unterwegs. In Berlin wird erst heute gefordert, die Innenstadt innerhalb des S-Bahn-Rings autofrei zu machen.

Unsere Anreise von Berlin nach Wangerooge war ein gewisses Abenteuer, denn sie bestand aus Taxi, Flugzeug, Bahn und Schiff. Wir brauchten einen ganzen Tag dafür. Zunächst ging es mit dem Taxi von unserer Wohnung zum Flughafen Berlin Tempelhof mit der großen Empfangshalle und von dort mit dem Propellerflugzeug der Pan American Airways nach Hannover, denn West-Berlin war ja seit dem 13. August 1961 eine eingemauerte Stadt und nur Flugzeuge der West-Alliierten durften in West-Berlin landen und starten. Dann mit Bahn von Hannover bis zum Hauptbahnhof Bremen. Und schließlich die Überfahrt nach Wangerooge mit dem kleinen Schiff von Harlesiel. Vom Schiffsanleger ging es mit der Kleinbahn zum Bahnhof im Ortskern, wo sich in der Nähe unsere Unterkunft befand. Beeindruckt haben mich die Rückflüge nachts von Hannover nach Berlin, mit den Tausenden von blinkenden Lichtern der Stadt, die man beim Anflug auf Berlin Tempelhof aus der Vogelperspektive bewundern konnte. Während unserer Ferien in Wangerooge wurde unsere Wohnung in Berlin von meiner Großmutter gehütet. Wahrscheinlich wäre sie auch gern in Wangerooge in der Sommerfrische gewesen, aber irgendwer musste ja auf die Wohnung aufpassen.

In Wangerooge wohnten wir bei Schuhmachermeister Manott, Damenpfad 7. Das war nicht weit vom Strand entfernt. Wenn das Wetter mal nicht so gut war, habe ich oft in seiner Werkstatt neben ihm gesessen und ihm beim Flicken der Schuhe zugeschaut. Der süße Duft des Klebstoffes für die Sohlen ist mir noch in der Nase. Stark beeindruckt hatten mich damals die Stöckelschuhe mit den winzigen Pfennigabsätzen. Ich habe mich gewundert, wie man auf so kleinen Absätzen laufen kann. Herr Manott hat nebenbei auch Seesterne, Seeigel und Fische präpariert, die ich als Mitbringsel mit nach Berlin gebracht habe. Darunter auch so seltsame Fische, die ich noch nie gesehen hatte. Ich bin damals in Wangerooge immer barfuß mit Holzlatschen (Pappelholzsandalen) rumgelaufen. Ich glaube wir nannten sie damals Klapperlatschen, weil sie so ein klapperndes Geräusch beim Laufen auf dem Trottoir gemacht haben. Das war eigentlich nur ein Holzbrett mit einem Lederriemen über den Zehen. Waren sehr gesund für die Füße und außerdem waren sie unverwüstlich. Am Strand bin ich natürlich barfuß im feinen Sand gelaufen.

Endlose Sonnenstunden. Wir verbrachten viel Zeit am Strand und in unseren Strandburgen mit den gemieteten Strandkörben und dösten vor uns hin, umgeben von strahlender Sonne, gesunder Nordseeluft und Strandgeräuschen. Die Strandburgen waren rund, vielleicht 4 Meter im Durchmesser, mit hohen Sandwällen an den Rändern, die wir Kinder regelmäßig aufschippten. Auf den Sandwällen waren oft schöne Muschelverzierungen, die verschiedensten Muscheln wurden am Strand gesammelt. Um den Sand klebrig zu machen, war es notwendig, in kleinen Eimern Wasser vom Meer zu holen und mit dem Sand zu vermischen, so dass eine Pampe entstand.

Der Strandkorb, den man tageweise oder länger mietete, war ein besonderes Möbel. Er bestand aus einer Bank für 2 Personen, über der sich ein geflochtener Schirm gegen Wind und Sonne befand, der verstellbar war, so dass der Strandkorb etwa so hoch war wie ein erwachsener Mensch. Es gab außerdem ein kleines Brett, das aufgeklappt werden konnte und als Tisch diente. Unter der Bank befanden sich zwei Teile, die herausgezogen werden konnten. Darauf konnte man die Füße ausstrecken. Insgesamt war der Strandkorb eine sehr praktische Einrichtung, in der man vor sich hin dösen konnte.

Der Fotograf Becker von Wangerooge war eine Institution. Er lief oft zwischen den Strandkörben rum und rief laut "Hallo - ein Sonnenfoto !" Am nächsten Tag waren die Aufnahmen in seinem Schaukasten zu sehen. Man konnte die Fotos in Postkartengröße bei ihm kaufen. Sie waren in schwarz-weiß und scharf. Fotos waren damals noch etwas Besonderes. Die Leute hatten noch keine Smartphones, mit denen sie ständig Aufnahmen und Selfies machen konnten. Daher kaufte man gern ein oder zwei Fotos beim Fotografen, um sie als Souvenir vom Urlaub mit nach Hause zu nehmen. Ich habe heute nach über 60 Jahren immer noch die alten Fotos aus Wangerooge. Ich bezweifle, dass die heutigen Smartphone-Fotos so lange überleben werden.

© Dr. Christian G. Pätzold, Mai 2022.


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2022/05/21


Der Autobahnwahnsinn geht weiter:

Die deutsche Bundesregierung will die Berliner Stadtautobahn A100 von Treptow nach Friedrichshain und Lichtenberg weiter bauen und damit die Stadt weiter zerstören.


»Unsere Stadt braucht Grünflächen, bezahlbare Wohnungen und Platz für Kiezkultur, aber ganz bestimmt keine neue Autobahn mitten durch ein dicht besiedeltes Wohngebiet. Das ist ein rückwärtsgewandtes, völlig überteuertes Verkehrsprojekt aus dem letzten Jahrtausend und hat mit moderner Stadt- und Verkehrsplanung nichts zu tun. Dass der Weiterbau der A100 zudem gegen den erklärten Willen der Landesregierung erfolgen soll, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Wir lehnen den Weiterbau entschieden ab und werden alle Mittel und Wege nutzen, um diesen klima-, verkehrs- und stadtpolitischen Unsinn zu verhindern.«

Katina Schubert, Landesvorsitzende der Berliner Linken.


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2022/05/18


Die Inflation steigt:

Schon 7,4 % Preissteigerung im April 2022 gegenüber dem Vorjahresmonat.
Die Schnorrer fragen schon: "Haste ma 2 €uro ?"
Und der Döner kostet schon 5,- €uro !
Die Strom- und Gaspreise schießen in die Höhe.


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2022/05/15


Georg Scholz, 1890-1945
Kriegerverein, 1922


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Staatliche Kunsthalle Karlsruhe. Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/05/11


Karl Marx und der Kapitalismus
Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin bis 21. August 2022


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Karl Marx (Trier 1818 - London 1883)


Als ich im März zur Karl-Marx-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum fuhr, kam ich am Berliner Hauptbahnhof vorbei. Dort kamen gerade tausende Geflüchtete an, die dem Krieg in der Ukraine entkommen waren. Es waren vor allem Frauen mit kleinen Kindern, die von den freiwilligen Helfern empfangen wurden. Die Helfer hatten Tische mit Tee, Lebensmitteln, Kleidern, Spielsachen für die Kinder, Kinderwagen und weiteres aufgestellt. Es gab auch ein Zelt für die medizinische Versorgung und Matratzen auf dem Fußboden, auf denen sich Geflüchtete ausruhen konnten. Die Hilfsbereitschaft für diese armen Menschen war groß.

Es waren dieselben Bilder, die ich schon im Oktober 2015 im Hauptbahnhof in Rostock gesehen hatte, als die vielen syrischen Geflüchteten ankamen, um mit der Fähre über die Ostsee nach Schweden weiter zu reisen. Auch damals wurden die Geflüchteten mit warmem Tee und Lebensmitteln von freiwilligen Helfern versorgt. Die Parole damals war: "Refugees Welcome".

Beim Anblick der Situation im Hauptbahnhof kam mir der Gedanke in den Kopf, wie schön die Welt sein könnte, wenn die Menschen in Russland und in der Ukraine dem Internationalisten Karl Marx gefolgt wären, statt auf nationalistische Fanatiker herein zu fallen. Sie würden heute in einer blühenden Sowjetunion zusammen in Frieden leben. Stattdessen haben sie sich für den Kapitalismus entschieden und bringen sich in der Ukraine gegenseitig um. Das war eine schlechte Wahl.

Da es mal wieder an der Zeit ist, sich auf Karl Marx zu besinnen, kommt die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zur richtigen Zeit. Es ist zwar eine kleine Ausstellung, aber sie ist durchaus sehenswert. Die Basics zu Karl Marx und zum 19. Jahrhundert in Europa und in der Welt werden vermittelt. Es werden Veröffentlichungen von Marx zu seinen Lebzeiten ausgestellt, außerdem Manuskripte, Notizbücher, Briefe, Exzerpte. Besonders beeindruckt haben mich die originalen Handschriften von Marx, die ausgestellt werden. Das DHM spielt ja in der obersten Liga der Museen und hat daher die Möglichkeit, auch sehr wertvolle Exponate von internationalen Leihgebern auszuleihen.

Die Ausstellung ist in 7 Themenbereiche gegliedert: Religions- und Gesellschaftskritik, Judenemanzipation und Antisemitismus, Revolution und Gewalt, Neue Technologien, Natur und Ökologie, Ökonomie und Krisen, Kämpfe und Bewegungen. Zu allen Bereichen gibt es erstklassige Ausstellungsstücke zu sehen.

Leider ist der Eintrittspreis von 8 €uro ziemlich unverschämt für ein staatliches Museum. Wer kann, sollte im Internet ein Zeitfenster-Ticket für den eintrittsfreien Museumssonntag buchen. Kuratorin der Ausstellung ist Sabine Kritter. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

Dr. Christian G. Pätzold.

Seht bitte auch die Artikel "150 Jahre Das Kapital von Karl Marx" vom 2017/03/22 und "Zum 200. Geburtstag von Karl Marx" vom 2018/05/05 auf kuhlewampe.net.


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Blick in die Karl-Marx-Ausstellung im DHM.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold, März 2022.


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2022/05/08

Wolfgang Weber
Nipper

Textetisch 01.12.2021 Thema: Plattenspieler


nipper


Plattenspieler, spiel uns noch mal die alte Melodie, spiel sie mit dem Grammophon, aus dem Trichter. Spiel sie, spiel sie Nipper, das ist sein Name.

Maskottchen der Plattenfirma. HIS MASTER'S VOICE, Stimme seines Herrn, das Motiv wurde auch in der Vinyl-Ära weiter verwendet.

Nipper, der Hund, bellt den Mond an. Ja, es gab tatsächlich einmal Schallplatten mit Hundegebell. Aber wenn ich überhaupt Hunde bellen hören möchte, dann lieber in natura als auf Schallplatte oder CD.

Sind Plattenspieler nostalgisch? Unterdessen sogar wieder trendy.

Sind Grammophone nostalgisch? Gewiss. Sie spiegeln die Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz. Fragile that's what we are (STING). Zerbrechlich.

Im Grunde sind alle Ton & Bildträger zerbrechlich, verletzbar, wenn sie zu Boden fallen, versehentlich, gar aus Wut über die Darbietung.

Bringen solche Scherben Glück? Bruchstücke der Erinnerung.

Staub, der Feind eigentlich aller Tonträger: Schellack, Vinyl, CD, BluRay, Acetat, 8track, Musikkassette, Laserdisk, VHS, Spulentonbänder.

Nadeln, Saphire, Scheiben dürfen nicht springen, Staub mögen sie nicht, Kratzer auch nicht.

Es gibt allerlei Mittel: besondere Bürsten, Tücher, Sprays, um Staub von den Scheiben fernzuhalten. Manche spielen Schallplatten gar nass ab, höchst umstritten.

Die eigentlichen Schallplatten haben verschiedene Geschwindigkeiten: 16 / 33 / 45 / 78 rpm / revolutions per minute / upm / Umdrehungen per Minute.

Verschiedene Größen, Formen und Farben gibt es auch. 7, 10 und 12 Inch, veraltet 16 Inch, hier bekannt als 19, 25 und 30 cm. Singles, EPs, LPs, Alben, Boxen.

Ein Gimmick sind unrunde Scheiben, die vieleckig geformt sind, shape disks.

Scheiben können alle möglichen Farben annehmen, nicht nur die gebräuchlichste: schwarz. Sie können auch weiß, gelb, rot, grün, bunt sein.

Picture disks haben Muster auf der Scheibe, oft dem Motiv der Plattenhülle entnommen. Ob solche Platten auch gut abspielbar sind, ist wiederum umstritten.

Hüllen waren zunächst nur zweckmäßig, oft mit Mittelloch, aus Karton oder Papier, oft rein schwarz oder braun, später mit allgemeinem Aufdruck der Plattenfirma.

Auf den Scheiben der Vinyl-Ära finden sich oft großartige Kunstwerke oder Fotos, die in großen Formaten besser zur Geltung kommen als auf CD Hüllen, klein wie Briefmarken.

Viele Labels haben eine wiedererkennbare Covergestaltung, wie z.B. Blue Note oder Deutsche Grammophon.

Ein Plattenspieler ist einer, der immer noch oder wieder Schallplatten abspielt, auflegt, Liebhaber der Musik oder des gesprochenen Wortes.

Spiele Schallplatten, sei Dein eigener Plattenspieler!

Zurück zum Plattenspieler. Viele Jahre war die Nipper-Version Stand der Dinge, HIS MASTER'S VOICE.

Zum Aufnehmen versammelten sich die Musiker der frühen Jahre vor dem Trichter der Aufnahmetechnik. Abgespielt wurde das Ergebnis zuhause oder in besonderen Grammophonstuben vor den Trichtern der Grammophone. So schließt sich der Kreis.

© Wolfgang Weber, Mai 2022.


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2022/05/04


Baum des Jahres 2022: Die Rotbuche


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Rotbuchen im Berliner Stadtbild, Ende Oktober.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold.


Die Rotbuche (Fagus sylvatica) wurde zum Baum des Jahres 2022 in Deutschland gewählt. Die Rotbuche ist mit 15 % der häufigste Laubbaum in den deutschen Wäldern. Sie liebt eher ein atlantisches Klima, also höhere Temperaturen und eine feuchtere Luft. Im Allgemeinen ist die Rotbuche ein sehr robuster und gesunder Baum.

Die Rotbuchen sind abgesehen von erholsamen Spaziergängen im Buchenwald vor allem durch die Nutzung ihres Holzes bekannt. Das Buchenholz sieht sehr schön aus und ist sehr widerstandsfähig. Daher wird das Holz sehr gern für hochwertiges Fußbodenparkett in Wohnungen oder für Arbeitsplatten in der Küche verwendet. Außerdem wird das Buchenholz gern zum Räuchern von Fischen, Fleisch, Würsten, Schinken oder Gemüse eingesetzt. Das Räuchern mit Buchenholz ergibt ein kräftiges und angenehmes Raucharoma. In Deutschland ist das Buchenholz die beliebteste Holzart zum Räuchern.

Dr. Christian G. Pätzold.


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Rotbuche im Berliner Stadtbild, Anfang November.
Das Laub ist schon herbstlich rot gefärbt und die Buche hat schon einen großen Teil
ihrer Blätter verloren.
Foto von Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/05/01


Sonnige Grüße zum 1. Mai !


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Plakat zum Tag der Arbeit, 1946.


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2022/04/30


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2022/04/28


Am 24. Februar 2022 wurde der Krieg in der Ukraine von der russischen Regierung begonnen
Die Verlierer des Ukraine-Krieges


Den Ukraine Krieg haben alle verloren:

• Die toten russischen Soldaten
• Die toten ukrainischen Soldaten
• Die toten ukrainischen Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder
• Die toten Journalisten
• Die vielen Verletzten und Traumatisierten
• Die Millionen ukrainischen Geflüchteten
• Alle Deutschen, die sich vor einem Atomkrieg fürchten müssen.


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2022/04/26


Georg Weerth, 1822 - 1856
Die Winzer


An Ahr und Mosel glänzten
Die Trauben gelb und rot.
Die dummen Bauern meinten,
Sie wären aus aller Not.

Da kamen die Handelsleute
Herüber aus aller Welt:
»Wie nehmen ein Drittel der Ernte
Für unser geliehenes Geld!«

Da kamen die Herrn Beamten
Aus Koblenz und aus Köln:
»Das zweite Drittel gehöret
Dem Staat an Steuer und Zöll'n!«

Und als die Bauern flehten
Zum Himmel in höchster Pein -
Da klang es mit Hagel und Wettern:
»Ihr Bauern, der Rest ist mein!« -

Viel Leid geschieht jetzunder,
Viel Leid und Hohn und Spott.
Und wen der Teufel nicht peinigt,
Den peinigt der liebe Gott.


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2022/04/23


Würdest du diese niedlichen Küken schreddern, nur weil sie männlich sind
und keine Eier legen ?

Es ist etwas faul in der deutschen Landwirtschaft !


kueken


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2022/04/20

"Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten !"

Demospruch

Millionäre und Milliardäre, reiche Immobilienspekulanten und Gentryfizierer
vertreiben Mieter:innen aus ihren Wohnungen in Berlin !
Und die rot-grün-rote Landesregierung sieht tatenlos zu !
In dieser Stadt herrscht die Gewalt der Reichen !


verdraengte


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2022/04/16

Fotos aus Madras / Tamil Nadu

Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold, November 1973


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Häuserbau in Madras, mit Baugerüst aus Bambusstangen.


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Filmplakate in Madras.


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Schulmädchen an der Bushaltestelle in Madras.


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Die kommunistischen Hafenarbeiter von Madras marschieren am 56. Jahrestag der
Großen Sozialistischen Oktoberrevolution vor dem Sowjetischen Kulturhaus auf.


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Slumhütten in der North Beach Road in Madras.


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2022/04/13

Tagebuch 1973, Teil 57: Madras II

von Dr. Christian G. Pätzold


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Tanz in Madras


7. November 1973, Madras, Mittwoch

Erlebnisse in Madras: Es wurden Krokodillederhandtaschen für 100 bis 300 Rupees angeboten. Ein Schlangenlederbrieftaschenverkäufer wollte uns etwas verkaufen und ist von 10 Rupees pro Tasche auch 3 Rupees runtergegangen, aber wir hatten wirklich keinen Bedarf an Brieftaschen. Ein dänisches Paar ließ sich hohe Damenschuhe aus Schlangenleder für 100 Rupees anfertigen. Das waren so Souvenirs aus Indien.

An einer Häuserecke trafen wir auf einen alten Mann, der auf dem Boden saß und eine Flöte, einen Mungo und ein Körbchen bei sich hatte. Das war interessant. In dem Körbchen war eine Kobra eingesperrt. Der Schlangenbeschwörer führte uns seine tanzende Kobra vor sowie ein paar Zauberkunststückchen. Er hatte eine knallrote Zunge vom Betelnusskauen. Viele Inder kauten diese Betelnuss und hatten daher rot gefärbte Zungen.

Wir saßen am Strand, am Golf von Bengalen, und schauten aufs Meer und schauten den vorbei fahrenden Schiffen nach. Abends waren wir bei einer Tanzvorführung einer Filmschönheit, die viel mit den Händen ausdrückte. In den Bussen in Madras gab es Extraplätze für Frauen, Männer durften sich nicht daneben setzen. Das war als ein gewisser Schutz vor Belästigung gedacht. Belästigungen von Frauen in öffentlichen Verkehrsmitteln gab es nicht nur in moslemischen Ländern, sondern auch in einem hinduistischen Land wie Indien oder in einem katholischen Land wie Mexiko.


8. November 1973, Madras - Trivandrum, Donnerstag

Wir sind zur North Beach Road No. 1 gegangen, zum Madras Office der Communist Party of India Marxist (CPI-M). Während die CPI mehr zur Sowjetunion orientiert war, war die CPIM mehr nach China orientiert. Im Office hingen ein großes Leninbild und ein großes Stalinbild. Wir hatten Glück und konnten uns mit einem englisch sprechenden Genossen unterhalten. Er hatte Broschüren auf Englisch, zum Beispiel Lenins Schriften, herausgegeben vom Progress Verlag in Moskau. Wir haben ein paar Broschüren gekauft.

Abends sind wir von Madras nach Trivandrum, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Kerala, abgefahren. Einmal quer durch Süd-Indien, von der Koromandelküste zur Malabarküste, 620 Kilometer. Wir hatten einen Luxusbus für 44 Rupees genommen.

Der Bus war ganz neu und hatte 3 verschiedene gut funktionierende Huptöne und den stolzesten Busfahrer von ganz Indien. Meine Reisepartnerin war nach 2 Stunden von dem Krach ziemlich genervt, besonders in Gedanken an die noch bevorstehende Nacht im Bus. Daher bat sie einen englisch sprechenden Mitreisenden, den Busfahrer zu bitten, leiser zu hupen. Er übersetzte gleich für den ganzen Bus, worauf der ganze Bus anfing, schallend zu lachen, weil sie diese Bitte einfach zu komisch fanden. Der freundliche Busfahrer stellte entgegen seiner ganzen Natur tatsächlich das Hupen völlig ein, was nach ein paar Stunden zur Folge hatte, dass ein Laster den nigelnagelneuen Bus schrammte. Wir erwarteten ein Donnerwetter, aber nein, der ganze Bus amüsierte sich wieder köstlich.

Ein Mitreisender fragte uns, ob wir Kommunisten sind, weil er eine kommunistische Broschüre gesehen hatte, in der ich gelesen hatte. Er schenkte uns eine Lotusblüte aus Sandelholz.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2022.


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2022/04/10

Tagebuch 1973, Teil 56: Madras I

von Dr. Christian G. Pätzold


4. November 1973, Hyderabad - Madras, Sonntag

Wir sind über Nacht die etwa 600 Kilometer von Hyderabad nach Madras mit der Bahn gefahren, im 3-Tier-Sleeper, mit Student Concession. Im Zug trafen wir auf einen sehr netten pensionierten Bahnbeamten. Er bezeichnete sich als Atheisten und Verehrer von Bertrand Russell, der Philosoph und Nobelpreisträger für Literatur und aufgeschlossen gegenüber sozialistischen Ideen gewesen war. Wir unterhielten uns auch über Gandhi. Am nächsten Morgen waren wir in Madras angekommen, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu, an der Koromandelküste.


5. November 1973, Madras, Montag

In der Central Station angekommen, haben wir dort erstmal im Speisesaal gefrühstückt, es gab nur vegetarische Kost. Mit einem Motorscooter sind wird dann zum Touristenbüro gefahren, wo wir eine Unterkunft im christlichen "Victoria Hotel" für 20 Rupees an der Egmore Station vermittelt bekamen. Wir haben einen leckeren Obstsalat für 4 Rupees gegessen. 1 Kilo Salz kostete 20 Paise. Das Zimmer im Hotel war ziemlich laut von hupenden Bussen und heulenden Hunden in der Nacht. Wir haben trotzdem mal ausgeschlafen.


6. November 1973, Madras, Dienstag

Wir waren im Buchladen der Communist Party of India (CPI), wo wir uns nach Büchern umgeschaut haben und nach Anlaufadressen gefragt haben. Dort hat man uns zur kommunistischen Gewerkschaft der Hafenarbeiter von Madras (Harbour Union) geschickt. Wir bekamen den Tipp, dass sie heute den 56. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution im Kulturhaus der Sowjetunion feiern würden.

Dadurch hatten wir eine offizielle Einladung ins Haus der Sowjetischen Kultur in Madras. Die Kulturabteilung des Generalkonsulats der Sowjetunion in Madras veranstaltete eine Feier zum 56. Jahrestag der Oktoberrevolution. Anwesend war auch ein kommunistischer Gewerkschaftsbonze der Hafenarbeitergewerkschaft in Madras. Unsere Anwesenheit war ihm zuwider, obwohl wir noch gar nicht mit ihm gesprochen hatten. Er bezeichnete uns als Hippies und warf uns vor, dass "eure" Regierung Israel unterstütze. Das war alles unlogisch. Denn wenn wir echte Hippies gewesen wären, wären wir wohl nicht zur 56. Feier der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution erschienen. Eher hätten wir in einem buddhistischen Tempel meditiert. Und außerdem war die Regierung in Bonn nicht "unsere" Regierung, weit entfernt davon. Genau genommen lebten wir als West-Berliner in der selbständigen politischen Einheit West-Berlin unter der Herrschaft der West-Alliierten. Uns für die Handlungen irgendwelcher Regierungen verantwortlich zu machen, war abwegig.

Der indische Gewerkschaftsbonze konnte sich auch nicht gegen uns durchsetzen, denn wir wurden vom Kulturchef des sowjetischen Generalkonsulats in Schutz genommen. Er wollte keinen Skandal, hat sich bei uns entschuldigt und gesagt, heute wäre ein sowjetischer Nationalfeiertag und das wäre hier eine kulturelle Veranstaltung, was man daran sehen könne, dass der oberste Richter von Tamil Nadu gekommen war. Dieses Erlebnis zeigte jedenfalls, dass das Verhältnis zwischen westlichen Hippies und einigen Indern angespannt war. Für einige Hippies war Indien immer noch ein spiritueller Sehnsuchtsort, andererseits mochten einige Inder die Hippies nicht, weil sie sie für bürgerliche und relativ wohlhabende Nichtsnutze hielten. Da wir auch westlich und jung waren, wurden wir einfach auch von einigen in die Schublade Hippies gesteckt.

© Dr. Christian G. Pätzold, April 2022.


Postscriptum zum Namen Chennai, April 2022:

Die Namen Madras und Chennai gehen auf 2 lokale Ortschaften zurück: Madrasapattinam und Chennappattinam, wobei pattinam Stadt bedeutet. Der offizielle Name der Stadt ist seit 1996 Chennai, da der alte Name Madras zu sehr mit der britischen Kolonialherrschaft verbunden war. Aus demselben Grund wurden auch Bombay in Mumbai und Calcutta in Kolkata umbenannt. Chennai hat heute 11 Millionen Einwohner in der Agglomeration und ist damit eine Megacity.


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2022/04/07

Charles Fourier zum 250. Geburtstag
Besançon/Frankreich 7. April 1772 - Paris/Frankreich 10. Oktober 1837

von Dr. Christian G. Pätzold


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Charles Fourier. Quelle: Wikimedia Commons.


Charles Fourier (1772-1837) war einer der originellsten kommunistischen Theoretiker, der leider nie einen Förderer fand, der seine sozialistische Stadt, die Phalansterie, finanzierte. Er war der Sohn eines wohlhabenden Großhändlers. Zunächst machte er eine Lehre als Händler und arbeitete als Handelsangestellter, verachtete diese Tätigkeit aber wegen der damals üblichen Betrügereien und Schwindeleien zu Lasten der Kunden. Es war seine Absicht, die Gesetze des menschlichen Zusammenlebens zu entdecken und den Menschen den Weg zu ihrem Glück zu zeigen. Nach ihm hat die Menschheit verschiedene Stufen der Entwicklung durchgemacht, die er als Edenismus oder Zustand des primitiven Glücks, Zustand der Wildheit, des Patriarchats, der Barbarei und der Zivilisation bezeichnete. Die zukünftige höhere Gesellschaftsordnung nannte er Garantismus, universelle Harmonie oder Regime der industriellen Anziehung, in der das menschliche Glück verwirklicht sein sollte.

Er war der Ansicht, dass er den Weg zum Glück durch die Entdeckung der Gesetze der Attraktion der menschlichen Triebe gezeigt hatte. Diese Gesetze sollten auf alle menschlichen Arbeiten und Beschäftigungen angewendet werden. Kein menschlicher Trieb (oder keine Leidenschaft) sollte unterdrückt werden oder unbefriedigt bleiben. Als Krönung seiner Theorie der Leidenschaften nahm er vor allem drei soziale Leidenschaften an, die er Cabaliste (Streitlust, Trieb durch Intrige nach Vereinigung der Gleichstrebenden), Papillonne (Schmetterlingstrieb, Veränderungstrieb, Trieb nach Abwechslung, nach Kontrasten) und Composite (Trieb der Aneiferung, der Begeisterung, des Strebens nach Vervollkommnung) nannte.

Die von ihm entsprechend den Gesetzen der Attraktion entworfenen landwirtschaftlichen Gemeinschaften bezeichnete er als Phalansterien (Phalanstères). In diesen Ackerbaugenossenschaften, die etwa 1.800 Personen umfassen sollten, sollte die abstoßende Arbeit durch attraktive, anziehende Arbeit, die Freude macht, ersetzt werden. Die einzelnen Arbeiten sollten nur jeweils zwei Stunden (courtes séances) dauern, um Abwechslung zu gewährleisten. Die Anerkennung des Rechts auf Arbeit bezeichnet Fourier als das wahre Wesen der Freiheit. Er bestand darauf, dass das Volk ein Recht auf ein Existenzminimum habe.

In den USA entstanden in den 1840er Jahren eine Reihe von fourieristischen Gemeinschaften, die eher kurzlebig waren, wie die Fruitlands-Farm bei Concord/Massachusetts (1844/45), die North American Phalanx at Red Bank in New Jersey (1843-56) und das Brook Farm Institute of Agriculture and Education in der Nähe von Boston (1841-47). Die von Fourier propagierten Lehren werden als Fourierismus bezeichnet. Haupt der Schule war Victor Considérant (1808-1893), der von 1832 an das Organ Le Phalanstère herausgab. Fourier war vielleicht der originellste Theoretiker der Gesellschaft, den es je gegeben hat. Außerdem konnte er gut schreiben.

Das Modell eines existenzsichernden Bedingungslosen Grundeinkommens für jeden Bürger und jede Bürgerin wurde in Deutschland vor allem seit den 1980er Jahren diskutiert, die Idee ist aber schon wesentlich älter. Es ist wenig bekannt, dass das Grundeinkommen zuerst von dem französischen Denker Charles Fourier zu Beginn des 19. Jahrhunderts gefordert wurde. Fourier nannte das Grundeinkommen Minimum. In seinem Werk Theorie der vier Bewegungen von 1808 (Théorie des quatre mouvements et des destinées générales) schreibt Fourier:
"Ich verstehe unter sozialem Wohlstand einen abgestuften Reichtum, der selbst den Ärmsten vor Not bewahrt und ihm mindestens das Los sichert, das wir bescheidenen bürgerlichen Wohlstand nennen".

Die Idee des modernen Grundeinkommens geht davon aus, dass es über dem Niveau der herkömmlichen Sozialhilfe liegen sollte. Das Bedingungslose Grundeinkommen sollte vom Staat an jeden Bürger und jede Bürgerin gezahlt werden, ohne an Bedingungen geknüpft zu sein. Eine Bedürftigkeitsprüfung sollte nicht stattfinden. Das Grundeinkommen würde alle anderen Sozialzahlungen des Staates (Arbeitslosengeld, Rente, Sozialhilfe, Wohngeld, Bafög, Kindergeld) ersetzen und die entsprechenden Bürokratien mit ihren großen Kosten überflüssig machen. Dadurch würde das Grundeinkommen riesige Bürokratiekosten einsparen und gleichzeitig die jetzigen Schikanen und Kontrollen des Staates abschaffen.

Besonders interessant und wichtig ist bei Fourier der Trieb der Papillonne, der menschliche Trieb nach Abwechslung, nach Kontrasten. Diese Leidenschaft kann auch Schmetterlingstrieb, Veränderungstrieb oder Flatterlust genannt werden. Daher sollten in den von ihm entworfenen Gemeinschaften, in den Phalansterien, die einzelnen Arbeiten nur jeweils kurze Zeit ausgeübt werden. Die Arbeit werde dadurch keine Last sein, sondern im Gegenteil eine Lust und anziehend sein (travail attrayant). Die einzelnen Arbeitssitzungen (séances) in der Assoziation sollten nicht länger als zwei Stunden dauern, da sonst eine Ermüdung eintritt. Anschließend sollte zu einer anderen kontrastierenden Tätigkeit übergegangen werden. Der ständige Wechsel der Beschäftigungen führt nach Fourier zur höchsten Befriedigung, weil alle Triebe angewendet werden. Die Papillonne nannte er auch Alternant. Die anderen sozialen Leidenschaften, die er neben der Papillonne annahm, nannte er Cabaliste (Streitlust), Composite (Begeisterung) und Unitéisme (Trieb zur Harmonie).

Im Zentrum seiner gesellschaftspolitischen Bemühungen standen die Phalansterien (phalanstères), Dabei sollte es sich um sozialistische Ackerbaugenossenschaften handeln, die zwischen 1.800 und 2.000 Personen umfassen sollten. Die Mitglieder nannte er Harmoniens. Die Fläche sollte 2.300 Hektar betragen. Die Arbeit sollte in diesen Gemeinwesen völlig frei gewählt werden können, so dass die Arbeit anziehend würde. Dadurch sollten die menschlichen Triebe entfaltet und befriedigt werden. In den Phalansterien sollte die Arbeit in Gruppen und Serien organisiert sein. Für jede spezielle Tätigkeit bildet sich eine Gruppe, die neun Mitglieder haben sollte. Mindestens 24 Gruppen bilden eine Serie. Als Phalansterie wurde auch das Gemeinschaftsgebäude der Phalanx bezeichnet.

Wichtig für die heutige Diskussion ist auch Fouriers Recht auf Arbeit. Von Sozialisten wurde in der Vergangenheit angesichts der Arbeitslosigkeit öfter ein Recht auf Arbeit gefordert. Das Recht auf Arbeit war in den Verfassungen der sozialistischen Länder vorgesehen und beinhaltete den Anspruch auf einen konkreten Arbeitsplatz. In kapitalistischen Marktwirtschaften dagegen gibt es kein Recht auf Arbeit. Das Recht auf Arbeit findet sich zwar in den Verfassungen einiger deutscher Bundesländer, bedeutet aber keinen einklagbaren Anspruch der Bürger auf einen Arbeitsplatz. Damit wird lediglich die Absicht des Staates ausgedrückt, einen hohen Beschäftigungsstand zu fördern.

Das Recht auf Arbeit (frz. Droit au travail) findet sich zuerst 1808 bei Charles Fourier in seinem Werk Théorie des quatre mouvements. Dort bezeichnete er das Recht auf Arbeit als "das erste und das einzig nützliche Recht" (Charles Fourier, Theorie der vier Bewegungen, Frankfurt am Main 1966, S. 335). An anderer Stelle bezeichnete Fourier das Recht auf Arbeit als das Recht, das für den Armen allein wertvoll ist. In der Zivilisation sei kein Funke von Gerechtigkeit vorhanden, da sie trotz des Wachstums der Industrie den Armen nicht einmal die Möglichkeit garantiere, Arbeit zu erhalten.

Das Recht auf Arbeit (droit au travail) wurde dann besonders in der Revolution von 1848 in Paris gefordert. Es wurden Nationalwerkstätten (ateliers nationaux) zur Arbeitsbeschaffung eingerichtet, die jedoch ein Misserfolg wurden. Bekannt ist auch die Satire von Paul Lafargue, dem Schwiegersohn von Karl Marx, mit dem Titel Das Recht auf Faulheit. Widerlegung des Rechts auf Arbeit von 1848 (Le droit à la paresse. Réfutation du Droit au travail de 1848, zuerst erschienen in der Zeitschrift L'Egalité 1880). Darin macht sich Lafargue über die Forderung nach einem Recht auf Arbeit lustig, da diese Forderung im Kapitalismus eine Illusion sei und außerdem die kapitalistische Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht beende.

Hier 2 ältere Schriften, die immer noch lesenswert sind:
August Bebel: Charles Fourier. Sein Leben und seine Theorien, Stuttgart 1888 und spätere Auflagen.
Victor Considérant: Fouriers System der sozialen Reform, Leipzig 1906 und spätere Auflagen.

Charles Fourier hat schon vor über 200 Jahren die wichtigsten gesellschaftlichen Probleme gelöst. Leider wird er weiter ignoriert. Stattdessen werden lieber die Erde und die Menschen ruiniert, um die Profite von ein paar Millionären, Milliardären und Oligarchen zu erhöhen. Der Planet Erde wird bald umkippen, wenn man sich nicht auf Fourier besinnt.


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2022/04/04

Dagmar Sinn
Die Masken fallen


Wie war in Deutschland ehedem
der Tag mit Maske so bequem.
Ob Schüler, Rentner und Bekannte,
Junge, Alte, Anverwandte -
man begrüßt sich ungeniert -
und vor allem: stets maskiert.

Der Vorteil liegt doch auf der Hand:
das Grippevirus ist verbannt.
Doch mit Corona lebte man
und ach, die Zeit, sie wurde lang.
So, nach diversen Mutationen -
sie aufzuzählen wird nicht lohnen -
beschloss man zeitnah im April:
der Mensch kann leben wie er will.

Vergessen wir die Quarantäne,
und schnell, wir machen Reisepläne.
Laden uns zum Essen ein.
Oh wie schön kann Freiheit sein!
Doch Achtung, denn in Bus und Bahn
und Flieger bleibt die Maske an.
In Apotheke, Krankenhaus,
kommst du nicht ohne Mundschutz aus.

Verkehrte Welt, denn unterdessen
hat uns Corona nicht vergessen.
Doch von oben tönt es heiter:
Bedenken?, nein, lebt einfach weiter.

© Dagmar Sinn, April 2022.


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2022/04/03

Vor 300 Jahren:
Die ersten Europäer betreten die Osterinsel am Ostersonntag 1722

von Dr. Christian G. Pätzold


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Moai am Ahu Tongariki auf der Osterinsel. Quelle: Wikimedia Commons.


Am 5. April 1722, einem Ostersonntag, betraten die ersten Europäer die Insel, die sie Osterinsel nannten. Sie waren Mitglieder einer niederländischen Expedition. Im Polynesischen heißt die Insel Rapa Nui, im Spanischen Isla de Pascua. Die Osterinsel liegt sehr isoliert im Süd-Pazifik, 3.700 Kilometer westlich von Chile und 2.100 Kilometer östlich der Pitcairn-Inseln. Seit 1888 gehört die Osterinsel politisch zu Chile. Besonders bekannt ist die Osterinsel für ihre großen prähistorischen Steinköpfe, die Moai. Im Jahr 2017 hatte die Insel laut Volkszählung 7.750 Einwohner.

Leiter der europäischen Expedition im Jahr 1722 war der Niederländer Jakob Roggeveen (1659-1729) aus Middelburg. Im Auftrag der Niederländischen Westindischen Handelskompanie unternahm er in den Jahren 1721-1723 mit 3 Schiffen eine Weltumseglung, auf der er besonders nach dem sagenhaften Südland (Terra Australis incognita) suchen sollte. Dabei befuhr er den Pazifik in recht hohen südlichen Breiten und entdeckte die Osterinsel, die er Paasch Eyland nannte. Er entdeckte noch einige weitere Inseln in der Südsee, ansonsten hatte seine Reise aber keinen wirtschaftlichen Nutzen gebracht, weswegen die Holländer danach die Suche nach dem Südland aufgaben.

Die Osterinsel war einst dicht besiedelt. Die polynesische Kultur auf der Insel ist wahrscheinlich im 17. Jahrhundert wegen der Abholzung der Wälder zusammengebrochen. Millionen von Palmen wurden gefällt. Von den Einwohnern haben nur wenige überlebt. Mit den Europäern kamen zusätzlich Krankheiten (Grippe, Syphilis, Pocken) auf die Insel, gegen die die Bewohner keine Immunität hatten. Dadurch wurden die Einwohner noch weiter dezimiert. Die Geschichte der Osterinsel gilt als Beispiel dafür, was passiert, wenn ein begrenztes Ökosystem übernutzt und übervölkert wird. Was auf der Osterinsel passierte, könnte auch auf der Erde insgesamt passieren, wenn die natürlichen Ressourcen weiter so ausgebeutet werden wie bisher. Denn wie bei der Osterinsel gibt es bei der Erde keinen Ort, an den die Menschen auswandern könnten.


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2022/04/02

Dagmar Sinn
Ukraine, seine Freunde


Europa und die Welt stehn still
wenn Herr Putin das so will.
Umarmt nur liebe Freunde
in seiner Fangemeinde.

Wer nennt denn sowas Krieg?
Gewalt, Zerstörung, Sieg?
Nein, er bietet Freundschaft an.
Alarm! Und rette sich wer kann.

© Dagmar Sinn, April 2022.


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2022/04/01

Sabine Rahe
Vergessen


Vergessen ist der Frauen Lächeln.
Vergessen auch das seidene Haar.
Zu Staub zermahlen glanzvolle Jugend.
Zerschlagene Knochen und ein Massengrab.

Wie Schreckgespenster stehen Hausruinen
und die Theater - Bombenkrater
und stille Kinder weinen Tränen,
nur Frauen, Kinder und Familientiere dürfen fliehen.
Die Männer sollen in die Schlachten ziehen
in einen längst verlorenen Krieg.


© Sabine Rahe, April 2022.


Sabine Rahe liest "Lyrik und andere Zufälle"
am 30. April 2022, 19:00 Uhr
im Kulturhaus Schwartzsche Villa in Berlin Steglitz, Großer Salon
Special Guest: Dan K. Sigurd, der Mauerparkpoet.
Verkehrsverbindung: S- und U-Bahnhof Rathaus Steglitz.
Eintritt 10/7 Euro.


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2022/03/31

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2022/03/30

Alexandra Kollontai zum 150.
Sankt Petersburg 31. März 1872 - Moskau 9. März 1952


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2022/03/28

Reinhild Paarmann
Palmen im Bad, Teil III


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Karttikeya, hinduistischer Gott, Sohn von Shiva und Parvati.
Sein Reittier ist ein Pfau.
Fotografiert von © Karl-Heinz Wiezorrek.


In Tajore besuchen die Reisenden einen Tempel, dessen 80 Tonnen Schlussstein keinen Schatten wirft. Bettler gibt es in Nordindien mehr als im Süden. Der Hinduismus verbiete das Betteln. Kinder wollen von Touristen Kugelschreiber, Bonbons und Geld.
Cécile und Gordon fahren morgens zu einem Tempel in Gangaikondaholsvara aus dem 11. Jahrhundert. Sie dürfen auf den Turm klettern. Die Akustik in der Kuppel führt ein Brahmane vor, indem er "Om" intoniert. Vom Dach oben kann man im Wasser stehende Bäume erkennen. Außer ihnen und Frau Wendland sind keine Ausländer zu entdecken.
Ihnen wird ein Mädchen aus dem Dorf vorgestellt, das einen neuen Sponsoren sucht, da ihrer, der sie aus der Schweiz vier Jahre unterstützte, damit sie zur Schule gehen konnte, seine Gelder eingestellt hat.
Ein Abstecher führt sie zu einem Karttikeya-Tempel in dem Dorf Alagarhoil. Ein Fischverkäufer kommt gerade auf seinem Fahrrad von seiner Tour. Er erzählt, dass er alles verkaufte, was er für die Fische bezahlte und was er verdient habe. Die Dorfbewohner hören amüsiert zu, denn nun kennen sie die Verdienstspanne. Auf dem Boden vor den Häusern sind schöne Muster aus Kalk. Cécile darf als Frau den Tempel nicht betreten. Karttikeya beschützt die Junggesellen.
Während Cécile die Schuhe ihres Mannes bewacht, umringt sie eine staunende Menschenmenge, denn dieses Dorf liegt fernab vom Tourismus. Cécile sieht Frauen und Mädchen mit geschorenen Köpfen. Sie haben ihre Haare einem Gott geopfert, der ihnen einen Wunsch erfüllte.

Am Abend erwartet sie im Hotel von Pondicherry Bettwäsche mit Blutflecken, wie sie diese bisher nur in den Hotels von Raju gesehen haben. Gordon beschwert sich und verlangt saubere Bettwäsche. Das Zimmermädchen erscheint, bringt neue. Aber da sind auch Blutflecken drauf. Cécile und Gordon sind froh, am nächsten Morgen abreisen zu können, um den Ashram Auroville von Sri Aurobindo zu besuchen. Es regnet etwas. Im Gedenkraum stören bei der Meditation das Geraschel von Plastiktüten und die Gespräche von Indern. Die kleine Gruppe fährt zum Ashram von Sri Aurobindo. Die Ansiedlung von verschiedenen Menschen aus aller Welt hat nicht so funktioniert, wie sich der Meister das vorstellte. Die Einheimischen zerstörten die Häuser. Rucksacktouristen und Hippies werden in Indien nicht gern gesehen. Cécile denkt mit Schaudern daran, dass sie einmal ernsthaft erwog, mit ihren Kindern hierher zu ziehen. Zum Glück wollten ihre Kinder nicht.
Alleinreisende Frauen werden als sexuelles Freiwild angesehen, da in Sexfilmen weiße Frauen agieren. Es gibt viele weiße Prostituierte.
Raju erzählt ihnen folgende Geschichte: Ein junges Pärchen besuchte diese Gegend. Es fuhr mit einem Trucktruck (ein motorisiertes Dreirad-Auto ohne Fenster) abends herum. Der junge Mann sagte zu seiner Freundin, sie solle schon mal ins Hotel fahren, er habe noch etwas zu erledigen. Er stieg aus. Der Trucktruck-Fahrer brachte die junge Frau nicht ins Hotel, sondern fuhr mit ihr zur nächsten dunklen Ecke, wo er sie mit zwei anderen Indern versuchte zu vergewaltigen. Sie konnte sich wehren und wegrennen. Der Freund kam nicht zurück. Nachforschungen ergaben, dass er Rauschgift erwerben wollte, aber nicht den dafür geforderten Preis gab. Da wurde er von alkoholisierten Indern abgestochen. Er war tot.
Im Dorf Aurobindo war nur ein riesiger Banyan-Baum sehenswert.

Die Gruppe besucht nun Mahabalipuram und sieht sich das große Steinrelief an. In einem schönen Hotel am Meer übernachten sie. Abends bestellen sie auf Anregung von Frau Weiland Wein. Es ist ihr letzter Abend. Die alte Dame hat immer wieder versucht, Gordon als Stütze zu missbrauchen. Er sollte ihr Gepäck tragen. Anfangs ging Gordon darauf ein, dann nicht mehr, denn Cécile beschwerte sich. Er war länger bei Frau Weiland als bei ihr. Es erinnerte sie sehr an die Zeit, als Gordon ständig seine Mutter am Arm hatte. Nach Céciles Meinung ist der Reiseleiter dazu da, ihr zu helfen. Frau Weiland reagierte verstimmt. Raju übernahm dann die Rolle. Er kann sie überreden, einen teuren Teppich zu kaufen in einem "seiner" Läden, in die er die Gäste brachte. Eigentlich will die alte Dame nur einen Kokosläufer für ihr Haus kaufen. "Oh, nun muss ich mein Konto überziehen", jammert sie. Nun will sich Frau Weiland mit Cécile und Gordon am letzten Abend aussöhnen.
Immerhin hat sie erlaubt, dass Cécile zu "ihrem" Ort fahren konnte. Auf der Getränkekarte stehen nur zwei Weinsorten: ein roter und ein weißer. Sie bestellen den roten. Er schmeckt nach Himbeerwasser. 50,-DM kostet die Flasche durch die Luxussteuer, erfahren sie, als die Rechnung kommt. Sie finden es unerhört teuer. Aber durch drei geteilt, geht es.
Am nächsten Tag vor der Abfahrt will Cécile im Meer schwimmen. Auf einem Schild steht: "Bitte nicht schwimmen. Felsige Umgebung." Die Brandung ist beachtlich. Ein paar Inder stehen mit vollständiger Bekleidung im Wasser und werfen sich eine Frisbee-Scheibe zu. Als Gordon und Cécile sich in Badesachen nähern, kommt ein Inder aufgeregt auf sie zu und erklärt, sie sollten nicht hier schwimmen, weil es gefährlich wäre. Resigniert dreht das deutsche Paar eine Runde im Swimmingpool.
In einer Krokodil- und Schlangenfarm sieht Cécile zum ersten Mal, wie eine Schlange gemolken wird. Die Irolas, ein Stamm aus den Bergen, stehen in Gummistiefeln in den Gehegen und melken die Kobras. Vorher haben sie die Schlangen gefangen und gepflegt. Die Schlangen leben in Tontöpfen, auf denen sandgefüllte Tontöpfe stehen, damit sie nicht fliehen können. Die Irloas kennen eine Pflanze wie der Mungo, die ein Gegengift zum Schlangengift enthält. Aber sie verraten ihr Geheimnis nicht. Oft werden sie gebissen. Das Kobragift kann auch als Gegengift verwandt werden.
Gegen Geld kann man sich eine ungiftige Schlange um den Hals hängen. Wenn eine Schlange ein Jahr in Gefangenschaft ist, stirbt sie. Darum werden die Schlangen vorher frei gelassen. Cécile darf ein zweijähriges Krokodil in den Armen halten. Sein Maul ist zugebunden.

Die Reisegruppe fährt weiter nach Kanchipuram. Es ist heiß, als sie die vielen Tempel besuchen, die als Model gedient haben. Die Künstler des Hinduismus standen in Konkurrenzdruck zu denen des Buddhismus, die Höhlentempel bauten. Die hinduistischen Künstler glaubten, dass ihre Religion untergehen würde, wenn sie nicht ständig neue Tempel schufen.
Viele indische Touristen besichtigen die Experimentier-Tempel. Aber auch viele Pilger in ihrer schwarzen Bekleidung. Pilger verschulden sich meist, um diese Reise unternehmen zu können. Manchmal nehmen sie auch Kinder mit. Bei einem Tempel sehen Cécile und Gordon einen Heiligen mit leicht schielenden, nach oben gerichteten Augen. Er kommt ihnen, im Gegensatz zu anderen sogenannten "Heiligen", die ihnen auf der Reise begegneten und gegen Geld einen Tempel erklären wollten, "echt" vor.
Ein Lingam wird verehrt, wie das Paar das schon in anderen Tempeln sah.

Madras: Hier soll der heilige Thomas nach dem Tod Jesu angekommen sein. Cécile und Gordon besuchen "seine" Kirche, die neu errichtet wurde. Von der alten sind nur noch Steinreste in einem Museum zu bewundern. Interessant ist, dass die katholische Kirche hier den Pfau, das Reittier des Karttikeya, neben den Kreuzen übernommen hat. In der Kirche wird gerade eine Hochzeit gefeiert. Die Braut trägt einen Sari mit weißem Brautschleier.
Cécile und Gordon besuchen wieder einen Karttikeya-Tempel. Ja, auch hier am Meer, wo Cécile früher einmal lebte, stand der alte Tempel.

Zum Ende der Reise besuchen sie Raju zu Hause. Seine Frau hat ein dreigängiges Menü gekocht: Ananassuppe, Cashew-Gemüse-Reis, Tandoori-Huhn, Shrimps, Fischcurry, Salat (im Reiseführer wurde davor gewarnt) und zum Nachtisch eine kleine Reis-Gries-Kugel in Zimt und Zuckerwasser. Raju wohnt hier mit seinen beiden Kindern Radjkriya, der 7-jährigen Tochter, die gut Englisch spricht und zur Schule geht und dem 3-jährigen Sohn Radjukriyan, was "die Tat von Raju" bedeutet. Er besucht einen Kindergarten.
Im Wohnzimmer steht ein Fernseher, der einen indischen Film zeigt, in dem im Regen (was "Sex" bedeutet) getanzt wird. Wenige Stofftiere stehen auf dem Fensterbrett. Ein Wasseranschluss ist vor dem Haus und dem Holztor, das jenes Gebäude vor dem Straßenschmutz schützt. Das Wohnzimmer besitzt einen Marmorfußboden, es stehen ein paar Schränke, ein Esstisch mit vier Stühlen und eine Couchgarnitur drin. Rajus Frau isst nicht mit ihrem Mann. Das wäre ihre Entscheidung. Sie wolle auch nicht berufstätig ein, obwohl sie bis zur 12. Klasse eine Schule besuchte, was die normalen Pflichtschuljahre in Indien sind. Usha, so heiße seine Frau, übersetzt "Morgenröte". Sie koche leidenschaftlich gern drei warme Mahlzeiten am Tag. Ein junger Mann hilft ihr dabei. Um 5 Uhr stehe sie auf, um das Frühstück zuzubereiten. Ihre Küche ist offen, kein Fenster, dafür Gitter davor, was wie eine Gefängniszelle aussieht. Das Haus ist luftig gebaut.
Im ersten Stock befinden sich das Bad und ein Gästezimmer. Die Familie schläft immer auf dem Boden.
Im zweiten Stock wohnt eine Brahmanen-Familie, bestehend aus einer Mutter mit zwei Mädchen im College-Schulalter. Sie besitzen eine "Singer-Nähmaschine".
Im dritten Stock unterhält Raju eine Siebdruckerei, denn als Reiseleiter kann er nur neun Monate im Jahr arbeiten. Die Schwester von Raju ist das ganze Jahr dort beschäftigt. Erst habe sie sich gegen diese Arbeit gesträubt, bis Raju sie schlug und sagte: "Das kannst du!" Nun mache sie die Arbeit wunderbar. Raju hat kein Feeling dafür, dass wir sein Schlagen vielleicht nicht begrüßen könnten.
Oben auf dem Dach ist der Trockenboden für die Wäsche. Zehn Jahre muss Raju noch das Haus abbezahlen. Er zeigt seinen Gästen (natürlich bezahlten sie das Essen) ein Fotoalbum von seinen schweizer Pflegeeltern und seinen Aufenthalten in Deutschland.

Cécile fährt noch einmal zum Karttikeya-Tempel und opfert. Der Priester betet in ihrem Namen für sie. "Ihr" Tempel wurde von den Portugiesen zerstört. Aber sie hat die Spur ihres früheren Lebens gefunden, ist glücklich und dankbar dafür. Nebenan im Shiva-Tempel findet eine Hochzeit statt. Es ist dunkel. Dann gehen sie zum Basar, riechen an den Blumengirlanden aus Jasmin und indischen Nelken, die sich abends Frauen in das Haar stecken, wenn ihre Männer nach Hause kommen. Morgens hat Cécile auch viele Mädchen gesehen, die mit diesem Haarschmuck zur Schule gingen.
Mittags schließen die Läden, nachmittags werden sie wieder geöffnet.

Es ist der letzte Abend in Indien. Cécile sucht ein Elfenbein-Armband, weil ihres aus Thailand beschädigt ist. "Wissen Sie nicht, dass Elfenbein zu verkaufen verboten ist?", fragt sie der Reiseleiter. Im Flughafen ersteht sie einen Armreifen aus Kamelknochen, obwohl der Verkäufer behauptet, er sei aus Elfenbein.

© Reinhild Paarmann, März 2022.


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2022/03/25

Reinhild Paarmann
Palmen im Bad, Teil II


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Brahmane im Tempel.
Fotografiert von © Karl-Heinz Wiezorrek.


Eine weitere deutsche Touristin ist zu ihnen gestoßen. Ihr Freund hat sie versetzt. Er wollte nach Madras nachkommen. Zuerst lebte sie bei Rajus Frau, kaufte sich einen Sari und verhielt sich dort wie eine Inderin. Als der Freund nach einigen Tagen immer noch nicht kam, fragte sie Raju, ob sie mit uns reisen dürfe. Die Gruppe war einverstanden.
Die junge Frau schläft mit Raju, nicht mit der Gruppe, in einem billigen Hotel, weil sie nicht so viel Geld hat. Sie dürfte auf keinen Fall gegen Céciles Wunsch stimmen, so viel war sie sich sicher. Auf dem Weg nach Allepeya sehen sie Kautschukstücke auf einer Leine hängen, die wie Fensterleder wirken. Der Reiseleiter erzählt ihnen von Kerala, dass es ursprünglich eine matriarchalische Gesellschaft hatte. Marthanda Varma, ein Maharadscha von Trivancor aus dem 18. Jahrhundert, führte das Wahlrecht für Mädchen und Frauen (aktives und passives) ein.
In Kerala leben mehr Frauen (Mädchen) als Männer. Mädchen werden nicht mehr ausgesetzt. Es gibt eine besondere berufliche Förderung von Frauen. Frauen haben hier öfter mehr Bildung als Männer. Kerala ist dicht besiedelt. Man sieht kaum, wo ein Dorf anfängt oder endet. Die Lehrerin aus Hamburg hat Durchfall. Sie müssen halten. Es ist schwierig, für sie einen Busch zu finden, wo sie nicht beobachtet werden kann.
Die Gruppe fährt mit einem Boot durch das "Venedig" Keralas. Hier wird gebadet, gefischt und gewaschen. Auf dem Markt riecht es nach faulen Bananen.
Am Nachmittag erleben sie das Schlangenboot-Rennen. Cécile und Gordon dürfen auf dem Boot mitpaddeln zu den rhythmischen, dumpfen Schlägen an einem Baumstamm durch einen Antreiber. Cécile kommt sich wie auf einer Galeere vor und hat Mühe, im Takt zu paddeln. Sie kniet auf dem nassen Holzboden, ihr Rock rutscht hoch zur Gaudi der Inder.

Nachdem Cécile den wahren Grund für ihren Wunsch, nach Padmanabhapuram fahren zu wollen, geäußert hat, sind alle einverstanden, obwohl der Reiseleiter nicht an Reinkarnation glaubt. Frau Wendland aus Hamburg sagt: "Es gibt viel zwischen Himmel und Erde, was wir uns nicht erklären können." Wegen ihres Durchfalls wollte sie sowieso in Trivandrum bleiben. Der Reiseleiter gesteht nun, warum er den Wunsch von Cécile erst nicht erfüllen wollte, da er mit ihnen an die südlichste Spitze von Indien fahren wollte, weil er dort geboren wurde. Nun ist er bereit, darauf zu verzichten. Er fährt mit seinen Gästen in die ehemalige Hauptstadt Tranvancor (16.-18. Jahrhundert), die 53 km von Trivandrum entfernt liegt.
Unterwegs essen sie an einem Stand Palmenherzen, an einem anderen trinken sie einen köstlichen Gewürz-Tee, der hoch über einem Gefäß runtergegossen wird, zurückgeschüttet, bis alles gut vermischt ist.
Raju berichtet, dass am Montag der Palast dort geschlossen ist. Da Cécile aber kein anderer Tag zur Verfügung steht und sie damals mit diesem Palast nichts zu tun hatte, macht ihr das nichts aus. Trotzdem versuchen sie vergeblich, durch Geld die Wache zu bestechen, damit sie in den Palast kommen können. Cécile ist sicher, am richtigen Ort zu sein. Sie spaziert mit Gordon auf der Straße, bis sie zu einem Karttikeya-Tempel finden. Ein Brahmane liegt in Gebetshaltung auf der Umrandung, umgeben von Ziegen. Er wird wach, als sie erscheinen. Cécile gibt ihm eine Spende. Sie umwandern die Ruine des alten Palastes, sehen die Steinholme am Straßenrand, auf denen die Lastenträger ihre Waren vom Kopf nahmen, um sich kurz auszuruhen.
Sie besuchen danach einen Kindergarten, der wie ein Gefängnis aussieht. Nur eine Tafel ist im Raum, wenige Kinder und eine Erzieherin. Diese sagt, dass die Kinder hier mittags etwas zum Essen bekämen. In der Küche sieht Cécile keine Kochvorbereitungen, obwohl jetzt die Zeit dafür wäre.
Eine Schlange von Frauen steht vor einem "Office", wo die Bedürftigen kostenlos einen Sari bekommen sollen, weil das Erntedankfest "Pongal" beginnt. Die Frauen wissen nicht, wie lange sie schon warten, jedenfalls wäre der Beamte, der die Saris verteilen sollte, noch nicht erschienen. Die Bedürftigkeit müssen sie anhand eines Heftes mit den Eintragungen über ihre Einkünfte im Monat nachweisen. Eine Frau zeigt dem Reiseführer das Heft ihrer Schwiegertochter, die 100 Rupien im Monat verdient. Einige Frauen haben falsche Angaben eingetragen und fürchten, dass ihr Betrug herauskommt. Wie soll das überprüft werden?
Weggeworfenes Papier wird gesammelt und verkauft wie auch der übrige Abfall vom Straßenrand. Davon leben viele Arme. Monatlich bekommen diese Frauen unter Vorlage ihres Heftes Reis, Kerosin, Kokosnussöl und Zucker billiger als im Laden.

Nachmittags spazieren Cécile und Gordon, die zurück in Trivandrum sind, an dem angeblich schönsten Strand von Indien. Kloake fließt ins Meer. Sie würden hier nicht baden. Es leben im Meer giftige Schlangen, die viermal gefährlicher seien als andere. Diese leben auch in anderen Meeren der Welt. Sie schwimmen meist weg, wenn sich Menschen nähern, aber wenn sie zubeißen, stirbt man. Es gibt kein Gegengift. Viele Touristen baden hier - ahnungslos. Cécile und Gordon kommen an stinkenden Abfallhalden vorbei, wo Krähen mit blau gefiederten Brüsten ihr Galadiner halten. Misstrauisch beäugen sie die Touristen. Steine klopfende Frauen wollen sich nur gegen Bezahlung fotografieren lassen, wobei sie dann schnell Großmütter und Kinder vor sich stellen, die dann auch Geld haben wollen. Sonst lassen sich Inder auch kostenlos fotografieren, wenn man sie fragt. Als Tourist ist man für Inder auch ein beliebtes Fotomotiv.
Streifenhörnchen flitzen die Bäume herauf und runter, um dann in Steinspalten zu verschwinden.
Viele Keraler arbeiten in arabischen Ländern für zwei Jahre, kommen dann zurück und bauen sich vom ersparten Geld ein Haus.
Die meisten Frauen gehen unter einem schwarzen Schirm, damit ihre Haut nicht dunkler wird. Hell ist erstrebenswert. Cécile und Gordon sehen Sandelholz- und Rosenholzbäume. An Banyan-Bäume wird die Nachgeburt von Tieren drangehängt, was gut für diese sein soll. Mimosen-Bäume schließen abends ihre Blüten, weshalb sie auch Schlafbäume genannt werden. Wenn man sie berührt, wie der Reiseführer, schließen sie auch ihre Blüten. Dattelpalmen wachsen hier.
Mädchen müssen bei ihrer Heirat eine Mitgift erhalten, während die Söhne für ihre Eltern sorgen, wenn diese nicht mehr selbst für sich aufkommen können. Alte Leute, die Cécile sieht, wirken noch sehr rüstig. Raju erzählt von seiner Großmutter an der Südspitze von Indien, die 96 Jahre alt ist und immer noch Fische verkaufe. Sie habe 13 Kinder geboren und jedem ihrer Enkel eine goldene Kette geschenkt.

In Trivandrum erleben Cécile und Gordon den Abschluss des Elefanten-Marsches. Diesmal sind nur 50 Elefanten dabei, aber wieder in dem bekannten Goldornat, es werden mehr Tänze gezeigt, auch von moslemischen Frauen. In einem Hotel außerhalb des Ortes nehmen sie ihr Abendessen ein und sehen ein Feuerwerk. Es gibt leckere Milch mit Kokosflocken. Eine Familie kann hier gut von 10 Kokosnusspalmen leben. Die frischen Nüsse werden verkauft, aus denen man die Milch trinken kann (am Straßenrand stehen Stände, wo wohlschmeckende Kokosmilch verkauft wird). Die welken Blätter werden zum Decken von Häusern verwandt. Die Fasern der Schalen löst man, indem man die Kokosschalen drei Monate lang einweicht. Dann trocknet man sie und dreht Seile daraus. Eine Seilerei können Cécile und Gordon besichtigen. Aus den Schalen werden Kellen hergestellt mit einem Stil aus Teakholz. Wegen des Teakholzes waren die Portugiesen begierig, Indien zu erobern oder mit ihm Handel zu treiben. Teakholz verrostet erst nach 100 Jahren, ist also ideal zum Schiffsbau.

Grundstücke in Kerala sind teuer. Darum siedelt sich keine Großindustrie dort an. Inder streiken viel. Es vergeht fast kein Tag in Trivandrum, an dem nicht irgendeine Gruppe streikt. Teilweise waren die Forderungen übertrieben, sodass mancher Betrieb Pleite machte.
Raju erzählt ein Beispiel: Die Kofferträger streikten. Sie erhielten normalerweise 10 Rupien (das sind umgerechnet 5 Pfennige pro Einsatz). Sie forderten umgerechnet 5,- DM. Raju musste seine vorherigen Besucher auffordern, an den Streikenden vorbei mit den Koffern zum Bus zu rennen.
Cécile und Gordon sehen eine Rinderherde, die zu Moslems getrieben wird, um dort geschlachtet zu werden. Für Hindus sind Kühe, die keine Milch mehr geben, nicht mehr heilig, aber sie dürfen sie nicht töten.
Hindus mögen Moslems nicht, weil sie befürchten, dass diese mal die Mehrheit der Bevölkerung bilden könnten, denn ihnen sind mehr als zwei Kinder gestattet als den Hindus und mehrere Frauen erlaubt. Die moslemische Bevölkerung ist auf 15 % angewachsen. Einige von ihnen lagerten in Moscheen Waffen, wie bei Razzien festgestellt wurde, die dann bei Auseinandersetzungen benutzt werden. Die Spannungen zwischen Moslems und Hindus begannen, als diese Indien eroberten und vielen hinduistischen Göttern die Nasen abschlugen. Cécile und Gordon sehen in einigen Tempeln Götterskulpturen mit abgeschlagenen Nasen.
Die Reisenden werden vor frei laufenden Ochsen gewarnt, denn einer von ihnen habe mal einer Touristin die Hörner in die Beine gestoßen, sodass sie blutete und ins Krankenhaus musste.

In Trivandrum steht ein Portier vor einem Hotel mit weißen Gamaschen. Sie fahren nach Periyar in den Western Ghats. An der Grenze zum anderen Bundesstaat müssen sie eine offizielle und eine "unter der Hand" Gebühr bezahlen. Nun erreichen sie Tamil Nadu. Hier spricht man Tamil. In Kerala Malayalam. Sie sehen weite Landschaften und wenig Menschen. Bei einem der vielen Fotostopps schüttelt ein Inder Gordon die Hand und wünscht ihm "Happy New Year". Es ist der 9.1.
Bananenstauden und Mangobäume säumen den Weg. Hibiskus und Bougainvillea wetteifern in Rot und Violett. Die Verkehrspolizisten tragen hier runde Stoppschilder in den Händen. Kokosnussöl spielt genauso wie in Kerala eine große Rolle. Es wird zum Kochen verwendet. Raju schmiert es sich in die Haare, weil es die Kopfhaut vor der Hitze schütze. Es riecht gut. Mahlzeiten werden meist auf Kokosnuss- oder Bananenblättern serviert, dessen Chlorophyll sich in der Hitze, wie jetzt im Winter bei 35 Grad, löst und für Menschen gut ist.
Vor zehn Jahren mussten die Frauen der Unberührbaren noch mit freiem Busen herumlaufen. Nur ein Tuch zwischen den beiden Brüsten war ihnen erlaubt. Das bestimmten die Brahmanen. Unterdessen wurde es geändert. Als der Bus durch die Berge fährt, wird es kühler. Die Reisenden sehen einen Wald von Kautschukbäumen. Sie halten an, um sich die Plastikfolien, die den austretenden Kautschuk vor dem Regen schützt, anzusehen und die Rillen im Stamm zu ertasten, die zur Kautschukgewinnung geschnitten werden. Darunter hängen Kokosnussschalen, die den Kautschuk auffangen. Unter den Kautschukbäumen wächst Süßtapioka. Kakaobäume gedeihen in der Nähe. Indische Schokolade schmilzt nicht so schnell wie andere, da in sie ein Zusatzstoff kommt, wahrscheinlich der gleiche, der in die Schokolade für die Golfkriegssoldaten gemengt wurde.
Cécile und Gordon wird gezeigt, wo Pfeffer wächst. Er hängt an Kletterpflanzen, die sich an Betelnussbäumen hochranken. Zuerst erntet man den weißen Pfeffer, der nicht so scharf ist, dann den grünen und zuletzt den schwarzen.
Im Tempel kann man alles über die Götter und das Leben lernen. Darstellungen in Stein zeigen sämtliche Liebespositionen, wie sie Cécile aus dem "Kamasutra" her kennt.
Draußen liegt der "Goldene Lotos-See". Nur "gute" Bücher schwimmen auf seinem Spiegel, "schlechte" gehen unter. Literaturkritiker würden arbeitslos werden.
Zum Frühstück gibt es "Masala Dosa", das sind Reishäufchen mit Linsengemüse und frittierten Gebäckkringeln aus Linsen- und Reismehl, die aussehen wie Donuts und nach Fisch schmecken.
Im nächsten Tempel werden eine Kokosnuss, Blumen und Geld mit der rechten Hand übergeben, denn die linke sei unrein. Die Tempelwand leuchtet in weißen und roten Streifen wie ein Zirkuszelt. Weiß bedeutet der Tod und Rot das Leben. Cécile und Gordon sehen zwei Leichenzüge, bei denen die Leute freudig tanzen.
Das Erntefest "Pongal" ist gekommen. Es dauert vier Tage. Tiere werden dafür gebadet und dann bemalt. Sie bekommen gutes Fressen und brauchen einen Tag lang nicht zu arbeiten.
Stiere kämpfen gegen Männer, die keine Waffen tragen. 19 Verletzte gab es gestern dabei, stand in der Zeitung. Meist gewinnen die Stierkämpfer. Den Stieren passiert nichts im Gegensatz zu Spanien. Am letzten Tag des Festes besucht man Verwandte und Bekannte. Die Kinder haben schulfrei.
Cécile und Gorden sehen prächtige Häuser, die Inder vor 200 Jahren bauten, nachdem sie aus Burma, wo sie als Gastarbeiter lebten, zurückgekehrt waren.

© Reinhild Paarmann, März 2022.


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2022/03/22

Reinhild Paarmann
Palmen im Bad, Teil I


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Elephant March.
Fotografiert von © Karl-Heinz Wiezorrek.


1997: Cécile meditiert im Flugzeug über dem Reiseführer, um zu erfahren, wo sie in Indien schon einmal reinkarniert war. Padmanabhapuram. Aber wie sollte sie dahin kommen? Die Reiseroute sah diesen Ort nicht vor. Sie beschließt, den indischen Guide gleich nach der Ankunft zu bitten, sie dorthin zu fahren.

Mumbai, das früher Bombay in der Kolonialzeit genannt wurde. Vor vielen Jahren, als Cécile hier das erste Mal war, hoffte sie, den Ort ihrer Reinkarnation zu finden. Fehlanzeigen. Nun der zweite Versuch.
Im Hotel wird zum Wassersparen aufgerufen. Es riecht nach Mottenkugeln. Die "Bhagavadgita", heilige Schrift der Inder, in der Gandhi früher gern las, liegt auf dem Nachttisch.
Cécile, die mit ihrem Freund Gordon unterwegs ist, will zum Haji Ali's Tomb und Moschee. Der Taxifahrer bringt sie zur Jehangir Art Gallery, da er noch andere Kunden habe. Das deutsche Paar steigt in ein anderes Taxi. Bei der Moschee spuckt ein Gläubiger seinen roten Betelsaft aus. Im Hotel gibt es dafür Sandbehälter. Die Frauen müssen beim Grabmal einen anderen Eingang nehmen.
Auf dem Rückweg schüttelt eine Inderin die Hand von Cécile und sagt: "Peace".
Nachmittags haben Gordon und Cécile eine Reiseleiterin, die mit ihnen zu einer Wäscherei geht. Männer säubern mit Indigo und Seife, wodurch die Stoffe besonders weiß werden. Frauen bügeln mit Holzkohlebügeleisen.
Beim Gateway of India möchte ein Junge, dass seine Eltern von ihm mit Cécile ein Polaroid-Foto knipsen.
Gordon und Cécile besuchen das Prince of Wales Museum. Bei den Mongul- und Rajasthani-Miniaturen sehen sie, dass die Räume mit verschiedenen Farben gekennzeichnet sind. Die Bildgeschichten erzählen von links nach rechts.
Sie gehen mit der Reiseleiterin zu den "Hängenden Gärten", die über einem Brunnen angelegt wurden, damit nicht die Leichenteile, die die Geier in ihren Schnäbeln tragen, in das Wasser fallen. Die Geier fliegen auf den "Turm des Schweigens", dort legen die Parsen ihre Toten ab.
Die Parsen kamen nach Indien, da sie aus Persien vertrieben wurden. Der König wollte sie nicht aufnehmen. Aber die Parsen konnten ihn davon überzeugen, dass sie keine zusätzliche Belastung, sondern eine Bereicherung für Indien wären. "Ihr seid die Milch, wir der Zucker." Der indische König erlaubte den Parsen zu bleiben unter zwei Bedingungen: Sie dürften keine Inder heiraten und keine der 500 indischen Sprachen lernen. Die Parsen versprachen es.
In den "Hängenden Gärten" gibt es nur kleine Bäume, damit nicht so viel Wasser für sie vom Reservoir verbraucht wird, da es ganz Süd-Mumbai versorgt.
Danach besucht die Gruppe den Jain-Tempel. In der Kuppel sieht man den Mondkalender und neun Planeten. Der Jainismus entstand zur Zeit Buddhas. Er ist gegen die Tieropfer, wie es im alten Hinduismus üblich war. Unterdessen opfern deren Priester aber wieder Tiere, weil ihre Anhänger das wollen.
Die Reiseleiterin erzählt vom "Henkeldienst", den sie als berufstätige Frau (Deutschstudium im Goethe-Institut in Mumbai) auch in Anspruch nimmt. Morgens kocht sie für ihren Mann, der Henkeldienst bringt das Essen mittags zu ihm ins Büro. Analphabeten, die auf die Aluminium-Behälter Zeichen malen, befördern Distrikt für Distrikt mit Essen. Außerdem kann man für wenig Geld Essen kochen lassen. Die Reiseleiterin trägt eine Kette zum Zeichen, dass sie verheiratet ist. Ihr Mann sage: "Männer brauchen keine Ketten tragen. Man sieht ihnen an, ob sie verheiratet sind."

Am nächsten Tag fliegt die Gruppe nach Cochin. Frauen in Militär-Saris bewachen den Flughafen. Im Flugzeug sitzt ein Mann mit einem aufgeklebten Schmuckpunkt zwischen den Augenbrauen. Hier in Cochin werden sie von Raju, ihrem Reiseleiter bis Madras, empfangen. Cécile konfrontiert ihn gleich mit ihrem Wunsch, nach Padmanabhapuram zu wollen. Er lächelt höflich.
Der Swimmingpool des Hotels ist ohne Wasser. Es wird gerade ein Laufsteg darüber für eine Misswahl gezimmert.
Eine pensionierte Lehrerin aus Hamburg, die an einem Stock läuft, gesellt sich zur Reisegruppe. Was heißt Reisegruppe? Sie sind nur zu Dritt. Ein VW-Bus bringt sie zur Francis-Kirche, in der Vasco da Gama zuerst beigesetzt wurde, bevor er nach Lissabon überführt wurde. Vor der Kirche muss man, wie bei jedem Hindu-Tempel, die Schuhe ausziehen. Ein Straßenhändler will ihnen Filme verkaufen. Offenbar war er ein Hellseher, der wusste, dass die 14 Filme, die Gordon mitgenommen hatte, nicht reichen würden.
Die Lastwagen sind bunt bemalt mit den Aufschriften: "Vishnu" oder "Krishna" nach indischen Gottheiten, aber auch "Stalin", denn Kerala, so heißt der Bundesstaat, wurde früher kommunistisch regiert. Die Leute sind sehr arm. Ein Lastwagen ist mit dem Schriftzug "Jesus" verziert. Es gibt hier viele Christen. Sie besuchen das Judenviertel, in dem nur noch zwölf Juden leben. Als die Juden nach Cochin kamen, zerstörten sie einige der einheimischen Tempel und bauten eine Synagoge, die die Gruppe besichtigt. Sie hat chinesische blaue Kacheln. Cécile fiel sofort Rushdies "Des Mauren letzter Seufzer" ein.
Von dort fuhren sie zum Mattancherry-Palast mit seinen Wandbildern aus dem "Ramayana", das indische Heldenepos. Ein Detail daraus: Rama vertrat die Ansicht, dass man nur ein Frau, nicht mehrere, heiraten sollte. Ein Mann an einem Bügelbrett, den wir später sahen, erzählt, er habe zwei Frauen. Als der Reiseleiter scherzhaft Cécile als dritte Frau anbietet, antwortet er: "Nein, soviel Kraft habe ich nicht!"
Sie gehen zu einem kleinen Theater, wo sie zusehen dürfen, wie zwei Schauspieler sich für ihren "Kathakali-Maskentanz" schminken und einer davon zu einer Frau kostümiert, die eigentlich ein Dämon ist. Cécile ist müde. Eine nackte Glühbirne baumelt hin und her. Der Ventilator rotiert. Kurz vor dem Auftritt ziehen sich die Schauspieler zurück, um sich zu konzentrieren. Raju sammelt die Postkarten ein, die wir geschrieben haben, da das Hotelpersonal, wenn wir sie dort abgeben, die Briefmarken entfernen würde.
Raju erzählt, dass er gerade eine 13-stündige Bahnfahrt von Madras bis hierher hinter sich habe. Er ist genauso müde wie Cécile. Obwohl er eine Platzkarte hatte, lag er die ganze Zeit auf dem Boden, denn niemand nimmt Reservierungen ernst.
Am Abend fahren sie mit dem Schiff auf das Meer und sehen die Sonne, die wie ein Heißluftballon in den chinesischen Fischernetzen versinkt.

Am nächsten Morgen erreichen sie Trichur. Cécile erinnert Raju an ihren Wunsch. Er lächelt wieder undefinierbar. Cécile spricht mit der Lehrerin aus Hamburg darüber. Sie äußert sich nicht. "Wir bezahlen die Fahrt natürlich extra und verzichten dafür auf andere Besichtigungspunkte."
In Trichur erleben Cécile und Gordon die Feierlichkeiten zur Eröffnung des "The Great Elephant March", ein für Einheimische im März stattfindendes Ereignis. Es ist normalerweise zu dieser Zeit zu heiß. 101 Elefanten in festlichem Schmuck sind aufmarschiert, geführt von ihren Mahouts (Treibern), die teilweise auf den Tieren stehen und Fächer sowie Schirme nach dem Rhythmus von Fanfarenklängen heben. Die Elefanten kann man füttern. Es sind noch andere Touristen anwesend, aber nur wenige. Sie müssen nicht auf ihren Plätzen unter der Ehrentribüne bleiben, sie dürfen sich überall hinbewegen, auch zwischen die Tänzer, die maskiert und kostümiert auftreten. Karttikeya, der Kriegsgott, zur einen Hälfte weiblich mit Holzbusen, zur anderen männlich, tritt auf. Cécile kommt diese Gottheit irgendwie bekannt vor. Erregung steigt in ihr auf. Aber ihre Göttin war doch nicht zur Hälfte Mann! Karttikeya kann die Dämonen nur mit weiblicher Hilfe besiegen.
Shiva, der Gott, berührt vorsichtig die Brust seiner Frau Parvati, denn sie ist stärker als er. Auf Stelzen folgt Karttikeya ein Pfau, sein Reittier.
Tiger, gemalt mit ihren Gesichtern auf menschliche Bäuche, tanzen.
Eine Eidechse besucht Cécile und Gordon im Bad.
Nachmittags reitet das Paar auf einem Elefanten. Der Mahout setzt Cécile vor sich, hinter ihm nimmt Gordon Platz. Der Mahout drückt sich sexuell unangenehm von hinten an Cécile. Die Inder johlen wohl in der Hoffnung, dass ein Tourist vom Elefanten fällt. Es kamen nur wenige Besucher. Die Saison ist schlecht. Es folgen Karate-Vorführungen.
Am nächsten Morgen weckt sie ein Muezzin, wie anschließend noch öfter auf der Reise. Raju erzählt von einem Elefanten, der seinen Mahout bis zum Gefängnis folgte. Er wich nicht von der Stelle, bis sein Herr freigelassen wurde.
Zum Abendessen gibt es Tigergarnelen (Prawn).

An blühenden Wasserhyazinthenfeldern fahren sie am nächsten Morgen entlang nach Gurvayour. Dort sehen sie, wie die Elefanten für ihren Arbeitseinsatz geschult werden. Die Ketten schleifen hinter ihnen her. Die Elefanten wirken traurig, da sie von ihren Familien getrennt wurden. Manchmal werden sie verrückt, wenn zum Beispiel eine kleine Ameise in ihr Ohr krabbelt. Dann trampeln sie alles nieder. Mancher Mahout wurde dabei schwer verletzt. Ein Elefant kann schneller als ein Mensch laufen.
Nachmittags fahren Cécile und Gordon mit einem Boot durch die Wasserstraßen.
Abends wird es im Bus dunkel. Sie sehen die hinduistischen Öllampen, die vor den Häusern stehen. Diese sollen Lakshmi, die Glücksgöttin, anlocken. Zikaden zirpen. Das letzte Stück zur Hotelanlage, die auf einer Insel liegt, legen sie im Kahn zurück. Eine Schaukel bewegt sich leicht in der Eingangshalle. Kleine Häuschen stehen in einem Garten. Eins wird Cécile und Gordon zugewiesen. Das Schlafzimmer ist im 1. Stock, das Bad unten ohne Dach mit drei Palmen drin. Der Himmel zeigt keine Wolkenfalten, seine Glätte hat die Sterne hervorschlittern lassen.
Auf dem Weg zum Abendessen hören sie Geigen und eine Tabla. Eine Tänzerin verbeugt sich vor einer silbernen Shiva-Figur, denn Shiva ist der Gott des Tanzes. Ein Tempeltanz wird vorgeführt. Oh ja, daran erinnert sich Cécile. Früher war sie selbst mal Tempeltänzerin gewesen. Die silberne Figur ist sicher in ihrem Kern aus Bronze, wie sie dies am nächsten Tag bei Skulpturen bei einem Künstler sehen, der in einer kleinen Hütte in einem Dorf in der Nähe lebt. Er erklärt und zeigt, wie die Bronze in eine Form aus Gips und Ton gegossen wird, die hinterher zerschlagen wird, sodass alle Stücke Unikate werden. Die Figur des Ganeshas, des Elefantengottes, wurde für zwei Jahre in die Erde unten am Fluss vergraben, damit sie die typische Patina alter Kunstwerke annimmt.
Im Restaurant am Abend sind die Fensterrahmen mit Moskitonetzen bespannt. Ab und zu geht das Licht aus. Sie essen ein Möhren-Malva-Dessert. Hängematten schaukeln im Abendwind zwischen den Kokospalmen. Es beginnt zu tröpfeln.
Am nächsten Morgen sieht Cécile drei Eidechsen im Bad. Fremdartige Vogelschreie sind zu hören. Eigentlich wollte sie morgens in den Swimmingpool und hatte es gegenüber dem Reiseleiter angekündigt, aber sie bekam Tage und verzichtete deshalb darauf. Raju fragt sie später, warum sie nicht gebadet habe, er habe auf sie gewartet. Es berührt sie unangenehm.

© Reinhild Paarmann, März 2022.


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2022/03/20

Alles Gute zum Frühlingsanfang !


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Narzissen fotografiert von © Ella Gondek.


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2022/03/17

Baumfällungen


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Fotografiert von © Ella Gondek im Januar.


Auf dem Foto sieht man das Wäldchen, das jetzt einem Hundeauslaufplatz weichen muss. So werden mehrere Tausend Quadratmeter Naturidylle unwiederbringlich zerstört, obwohl es eigentlich ein Naturschutzgebiet ist. Es war ein riesiger Artikel in der MAZ drin. Ich habe zwar einen Brief an die Zeitung geschrieben, ob er veröffentlicht wird, keine Ahnung. Angeblich sollen nur kranke Bäume und solche, die gefährlich sind, gefällt werden, aber es wird trotzdem munter abgeholzt. Ist echt eine Schande. So wird vielen Tierarten, wie Igel, Feldhase, Dachs, Waschbär usw. ihr Lebensraum weggenommen. Auch das Wild, das immer wieder vorbei gelaufen ist, hat keine Chance mehr. Ebenso die vielen Bienen, die an den großen Brombeerstauden reichlich Honig sammeln konnten. Man ist so machtlos gegen so eine Sauerei.

Ella Gondek.


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2022/03/14

Utagawa Hiroshige, 1797-1858
Fasan auf einer mit Schnee bedeckten Kiefer, 1830er Jahre


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2022/03/11

Katsushika Hokusai, 1760-1849
Die große Welle vor Kanagawa


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Aus der Farbholzschnittserie "36 Ansichten des Berges Fuji", um 1830.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/03/07

Piet Mondrian zum 150. Geburtstag
Amersfoort/Provinz Utrecht/Niederlande 7. März 1872 -
Manhattan/New York City/USA 1. Februar 1944


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Piet Mondrian: Broadway Boogie Woogie, 1942/43.
Quelle: Wikimedia Commons.


Piet Mondrian, der eigentlich Pieter Cornelis Mondriaan hieß, war ein niederländischer Maler der Klassischen Moderne, der 1917 Mitbegründer der Künstlergruppe De Stijl war, zusammen mit so bekannten Künstlern wie zum Beispiel Theo van Doesburg, Georges Vantongerloo und Gerrit Rietveld. Die Künstler vertraten in den 1920er Jahren eine ähnliche moderne Philosophie wie die Künstler am Bauhaus in Dessau.

Mondrian ist besonders für seine vollkommen abstrakten Bilder bekannt, die aus rechteckigen Flächen in den Farben weiß, schwarz, grau, rot, blau und gelb bestehen. Die Flächen werden von schwarzen horizontalen und vertikalen Linien begrenzt. Vorläufer dieser Kunst war das berühmte suprematistische Gemälde "Das Schwarze Quadrat" von Kasimir Malewitsch aus dem Jahr 1915. Mondrian war mit seinen Bildern ein Vorbild für die spätere Farbfeldmalerei (Color Field Painting). Seine letzten Gemälde waren von dem rechteckigen Muster des New Yorker Stadtplans in Manhattan inspiriert.

1937 hatte Mondrian die Ehre, in München in der Ausstellung "Entartete Kunst" der Nazis als einer der wenigen ausländischen Künstler gezeigt zu werden. 1938 flüchtete er vor dem sich abzeichnenden 2. Weltkrieg zuerst nach London und dann nach New York City. Er muss geahnt haben, dass die deutschen Nazis bald die Niederlande überfallen würden.

Dr. Christian G. Pätzold.

Seht bitte auch den Artikel "100 Jahre De Stijl" vom 2017/06/16 auf kuhlewampe.net.


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2022/03/02

Ein politisches Gedicht


Zwei Wünsche hätte ich an ein politisches Gedicht:
1. sollte die Autorin/der Autor einen Gedanken haben.
2. sollte die Autorin/der Autor diesen Gedanken klar und deutlich ausformulieren.
Leider hapert es oft an diesen 2 Essentials, so dass einen viele Gedichte unbefriedigt lassen.
Und 3. Sollte ein politisches Gedicht progressiv ausgerichtet sein.
Wenn es dann auch noch Witz und sprachliche Eleganz hat, ist es große Klasse.
Mehr Wünsche habe ich nicht.

Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/02/28

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2022/02/25

Hannah Höch. Abermillionen Anschauungen
Ausstellung im Bröhan-Museum in Berlin Charlottenburg
16. Februar 2022 - 15. Mai 2022


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Hannah Höch: Garten mit Schmetterlingen, 1948.
Sammlung Karsch-Nierendorf, Berlin.


Hannah Höch (Gotha 1889 - West-Berlin 1978) wurde als Berliner Dada-Künstlerin bekannt. 1920 waren sie und Maud E. Grosz als einzige Frauen an der Ersten Internationalen Dada Messe Berlin beteiligt, neben George Grosz, Raoul Hausmann und John Heartfield sowie weiteren Künstlern, die später legendär wurden. Was machte Dada so populär? Einige Stichwörter: Ablehnung konventioneller Kunst und bürgerlicher Ideale, Revolte gegen die Gesellschaft, Zweifel an Allem, Individualismus, Zerstörung von Normen, Hass auf jede Art von Autorität, Publikumsbeschimpfung als Provokation der Bürger, Antikunst. Das alles muss man sich vor dem Hintergrund des mörderischen Ersten Weltkriegs mit Millionen von Toten vorstellen.

Zu Beginn wurde Hannah Höch durch ihre Dada-Foto-Collagen (Klebebilder) berühmt, eine Kunstform, die sie selbst erfunden hatte oder zu der sie durch ihren Partner Raoul Hausmann angeregt wurde. Die Fotografie war ja damals eine ganz neue Kunstform. Foto-Collagen hatten in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts dann eine große Bedeutung. Abermillionen Anschauungen: Hannah Höch hat in ihren Foto-Collagen die Idee des Wimmelbildes wieder aufgegriffen, die sich schon bei Hieronymus Bosch oder bei Pieter Bruegel d. Ä. finden lässt.

Charakteristisch für die meisten Dada-Künstler war der politische Ansatz, sich kritisch mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit, insbesondere mit dem Militarismus, auseinanderzusetzen. Hannah Höch hat sich selbst aber als weder links noch rechts bezeichnet. Nach Dada hat Hannah Höch die großen politischen Foto-Collagen bald aufgegeben, während John Heartfield mit seinen politischen Foto-Collagen weltberühmt wurde. Hannah Höch war nicht nur im Politischen undefiniert, auch ihr künstlerischer Standpunkt scheint recht verschwommen zwischen zahlreichen Stilen zu oszillieren.

Als Dada-Ikone ist Hannah Höch bis heute im Gedächtnis geblieben. Aber Dada war nur eine kurze Episode zu Beginn ihrer Laufbahn um 1920 herum. Leider sind ihre großen und berühmten Dada-Collagen nicht in der Ausstellung vertreten. Ihr bekanntestes Werk »Schnitt mit dem Küchenmesser DADA durch die letzte weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands« ist im Besitz der Neuen Nationalgalerie Berlin und wird dort gerade gezeigt. Die Ausstellung macht jedenfalls deutlich, dass sie später mehr zum Surrealismus (Max Ernst als Seelenverwandter), zur Esoterik und zur Fantastik hinneigte. Mit ihren surrealistischen Bildern kann ich weniger anfangen. Die Satire und die politische Aussage von Dada waren den Surrealisten vollkommen fremd. Vom Mythos der progressiven Dada-Künstlerin Hannah Höch bleibt in der Ausstellung gar nichts mehr übrig. Sie war auch mit Künstlern von De Stijl befreundet, wie Piet Mondrian und Theo van Doesburg, was aber keinen dauerhaften Einfluss auf ihr Werk hatte.

Ihr Werk besteht nicht nur aus Collagen, sondern Hannah Höch arbeitete auch in anderen künstlerischen Techniken wie Gemälden, und sie entwarf gelegentlich auch Plakate und Bucheinbände. Heute sind Collagen fester Bestandteil des Kunstunterrichts an allen Schulen. Sie lebte von 1917-1933 in der Büsingstraße 16 in Berlin-Friedenau, wo eine Gedenktafel für sie angebracht ist, und von 1939-1978 in ihrem Häuschen mit Garten in Berlin-Heiligensee, An der Wildbahn 33. In Berlin Friedenau wird demnächst ein Hannah-Höch-Weg nach ihr benannt. Die Innovationen von DADA strahlen jedenfalls bis heute aus.

Zur Nazi-Zeit war sie natürlich eine entartete Künstlerin und hatte Ausstellungsverbot. Während aber zum Beispiel Raoul Hausmann, George Grosz oder Piet Mondrian in der Ausstellung "Entartete Kunst" der Nazis an den Pranger gestellt wurden, blieb das Hannah Höch erspart. Hausmann, Grosz oder Mondrian mussten emigrieren, Hannah Höch blieb aber während der NS-Zeit in Deutschland.

In der großen Ausstellung des Bröhan-Museums werden über 120 Arbeiten von Hannah Höch aus fast allen Perioden gezeigt. Daher ergibt sich hier fast eine Würdigung ihres Gesamtwerkes, wenn man von den fehlenden Dada-Arbeiten absieht, die allerdings ihre wichtigsten Arbeiten waren. Es sind nationale und internationale Leihgaben zu sehen, die zum Teil noch nie ausgestellt wurden. Es muss eine Riesenarbeit gewesen sein, die vielen Werke aus zahlreichen Sammlungen auszuleihen. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Museum im Kulturspeicher, Würzburg. Kuratorin der Ausstellung ist Dr. Ellen Maurer Zilioli.

In der Ausstellung gibt es einen Raum mit einem offenen Collage-Atelier, in dem die Besucher:innen selbst Collagen anfertigen können, sehr schöne Idee. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Wienand Verlag erschienen. Im Moment ist es aufgrund der Stärke der feministischen Bewegung angesagt, Ausstellungen von Künstlerinnen zu veranstalten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es nötig war, diese Hannah Höch aus der esoterischen Mottenkiste zu holen.

Wegen der aktuellen Coronavirus-Pandemie ist es leider notwendig, den Ausstellungsbesuch gut zu planen. Das bedeutet: Vorher die Webseite des Bröhan-Museums besuchen und nachsehen, ob es aktuelle Mitteilungen gibt. Für den Zugang zum Museum reicht eine FFP2-Maske, ein Impfnachweis ist nicht mehr nötig. Ausgenommen hiervon sind Veranstaltungen wie z.B. Führungen. Hier gilt weiterhin 2G Plus. Tickets können sowohl im Internet als auch vor Ort an der Museumskasse erworben werden.

Dr. Christian G. Pätzold.

Seht bitte auch "Schnitt mit dem Küchenmesser DADA durch die letzte weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands" vom 2016/02/05 und "Erste Internationale DADA Messe in Berlin 1920" vom 2020/06/27 auf kuhlewampe.net.


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Nelly van Doesburg, Piet Mondrian und Hannah Höch
im Studio von Theo van Doesburg, April 1924.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/02/24

Der Frühling naht


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Junge Weidenkätzchen fotografiert von Anonyma.


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2022/02/21

Katsushika Hokusai, 1760-1849
Verschneiter Morgen bei Koishikawa


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Aus der Farbholzschnittserie "36 Ansichten des Berges Fuji", um 1830.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/02/17

Georg Weerth zum 200. Geburtstag
Detmold/Fürstentum Lippe 17.2.1822 - Havanna/Kuba 30.7.1856


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Georg Weerth, 1851.
Daguerreotypie von Carl Ferdinand Stelzner.
Quelle: Wikimedia Commons.


Georg Weerth war ein sozialistischer politischer Schriftsteller und Lyriker des Vormärz, er gilt als Begründer der proletarischen Dichtung in Deutschland. Nach einer kaufmännischen Lehre in Elberfeld in den Jahren 1836 bis 1840 wurde er Buchhalter in Köln und Bonn. In den Jahren 1843 bis 1846 hielt er sich als Kaufmann in einer Textilfabrik in Bradford/England auf. Er veröffentlichte Berichte aus England in der Kölnischen Zeitung. In England lernte er Friedrich Engels kennen und 1845 in Belgien Karl Marx, mit denen er sich anfreundete.

1847 wurde er Mitglied des Bundes der Kommunisten. Im Februar 1848 reiste er nach Paris, um sich an der Revolution zu beteiligen. Im April 1848 ging er mit Engels und Marx nach Köln, um bei der Gründung der revolutionären Neuen Rheinischen Zeitung mitzuarbeiten. Die Zeitung wurde von Marx geleitet, Weerth leitete das Feuilleton. In der Zeitung publizierte er 1848-1849 in Fortsetzungen seine Satire auf den Adel »Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski«, den ersten Fortsetzungsroman der deutschen Zeitungsgeschichte. Für diese Satire wurde er 1850 für 3 Monate im Kölner Arresthaus Klingelpütz eingesperrt.

Ein weiteres bekanntes Buch von Georg Weerth ist seine Satire: »Humoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben«.

In den Jahren 1852 bis 1856 reiste er im Auftrag einer Textilfirma durch Westindien und Südamerika. Im Juli 1856 erkrankte er in Haiti an Fieber. Seine Gehirnhautentzündung (zerebrale Malaria) war schon weit fortgeschritten. Am 30. Juli 1856 starb Georg Weerth im Alter von nur 34 Jahren in Havanna auf Kuba.

Georg Weerth bezeichnete Heinrich Heine als sein großes literarisches Vorbild. Zu seinen politischen Ansichten schrieb er: "Wir sind jetzt so weit in der Welt, daß man einsieht, die größte Not entsteht durch den Privatbesitz. Diesen lustig angegriffen, das ist den Nagel auf den Kopf getroffen." Er war der Ansicht, dass der Kapitalismus nicht zu preiswerten Nahrungsmitteln, vielen Jobs und hohen Löhnen führen werde. Über sich selbst schrieb er: "Ich gehöre zu den "Lumpen-Kommunisten", welche man so sehr mit Kot bewirft und deren einziges Verbrechen ist, daß sie für Arme und Unterdrückte zu Felde ziehen und den Kampf auf Leben und Tod führen."

Friedrich Engels bezeichnete 1883 Weerth als den "ersten und bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats" und meinte, dass "in der Tat ... seine sozialistischen und politischen Gedichte denen Freiligraths an Originalität, Witz und namentlich an sinnlichem Feuer weit überlegen" seien, und dass Weerth oft Heinesche Formen anwende, "aber nur, um sie mit einem ganz originellen, selbständigen Inhalt zu erfüllen".

Der gesamte handschriftliche Nachlass von Georg Weerth befindet sich im International Instituut voor Sociale Geschiedenis in Amsterdam/Niederlande. Die Sämtlichen Werke von Georg Weerth erschienen in 5 Bänden 1956/57 im ostberliner Aufbau-Verlag, herausgegeben von Bruno Kaiser.

Dr. Christian G. Pätzold.


Georg Weerth
Das Hungerlied
, 1844

"Verehrter Herr und König,
Weißt du die schlimme Geschicht?
Am Montag aßen wir wenig,
Und am Dienstag aßen wir nicht.

Und am Mittwoch mussten wir darben
Und am Donnerstag litten wir Not;
Und ach, am Freitag starben
Wir fast den Hungertod!

Drum lass am Samstag backen
Das Brot fein säuberlich -
Sonst werden wir sonntags packen
Und fressen, o König, dich!"


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2022/02/13

Utagawa Hiroshige, 1797-1858
Schneelandschaft II


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Utagawa Hiroshige: Trommelbrücke und Yuhigaoka von Meguro.
Aus der Farbholzschnittserie "100 berühmte Ansichten von Edo", 1856.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/02/10

Utagawa Hiroshige, 1797-1858
Schneelandschaft I


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Utagawa Hiroshige: Yabu Straße am Fuß des Berges Atago (Atagoshita yabukoji).
Aus der Farbholzschnittserie "100 berühmte Ansichten von Edo" (Meisho Edo hyakkei), 1856.
Quelle: Wikimedia Commons.


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2022/02/06

Buchtipp: »Prolog« von Sabine-Simmin Rahe


prolog


Sabine-Simmin Rahe: Prolog. Alltagslyrik.
Norderstedt 2021. Books on Demand (BoD).
Hardcover, fadengebunden, Leseband. 140 Seiten. 25,99 €uro.
ISBN 978-3-7557-5633-0.

Die Berliner Lyrik-Bloggerin Sabine-Simmin Rahe hat ein neues Buch herausgebracht, das 131 Gedichte versammelt, die sie im Lauf des Jahres 2021 auf ihrem Blog www.die-dorettes.de von Januar bis Dezember gepostet hat. Der Blog ist lesenswert, wobei zu betonen ist, dass es wirklich nicht so viele lesenswerte Blogs gibt. Neben Gedichten erscheinen dort auch Prosa, Musik und Fotos. Das Wort Blog ist eine Abkürzung für Web-Log, Netz-Tagebuch. Und tatsächlich ist der Blog von Sabine Rahe ein Tagebuch in Gedichtform. Der Untertitel des Buches: Alltagslyrik, trifft es also sehr gut. Den Leser:innen von kuhlewampe.net ist Sabine Rahe ja schon durch einige Gedichte bekannt, die hier erschienen.

Die Alltagsgedichte von Sabine Rahe sind im modernen Stil verfasst, also ohne Reime, oder nur zufällig gereimt. Reime werden ja heute nur noch selten verwendet, da sie zu altbacken klingen. Die Gedichte haben auch kein Versmaß und oft keine durchkomponierte poetische Struktur. Zum Glück verzichtet sie auf alberne Wortneuschöpfungen, die man bei manchen Poet:innen antrifft. Sie verwendet einfach die deutsche Sprache, allerdings mit einem umfangreichen Wortschatz.

Was sind die Gedichte von Sabine Rahe nicht? Keine avantgardistische Lyrik. Die avangardisten schreiben ja bekanntlich alle hauptwörter klein. Es ist auch kein Hauch von Dadaismus oder Satire zu finden. Die vorherrschende Lyrik der Jugend ist ja heute der Rap und der Poetry Slam. Auch davon ist sie nicht beeinflusst.

2021 war das Jahr der Corona Pandemie und da würde man erwarten, dass das Virus in den Alltagsgedichten eine größere Rolle spielt. Immerhin sind 2021 in Deutschland 80.000 Menschen an oder mit dem Virus gestorben. Aber das Wort Corona taucht in den 131 Gedichten nicht ein einziges Mal auf. Das macht deutlich, dass es Sabine Rahe nicht um die Beschreibung des normalen Alltags geht, sondern in erster Linie um die Beschreibung ihrer eigenen alltäglichen seelischen Verfassung, und die ist öfter traurig und blue. "Die Stimmung kennt nur eine Melodie / Melancholie", "Im grauen Aquarell des Winters / zerfließen die Tage", "Ich treibe ohne Sinn im Strom der Zeit / Es ist mir kein Ziel geblieben", "Es ist mir kalt in dieser kalten Welt, / wie einem aus dem Nest / gefallenen Vogel".

Ihr scheint die Lebensfreude an den alltäglichen Dingen oft abhanden gekommen zu sein und man möchte die Poetin ins Sonnenlicht retten, aber man weiß nicht wie. Sie blüht eigentlich nur in ihren zahlreichen Liebesgedichten etwas auf. Am besten gefallen hat mir ihr Gedicht "Die Kreuzberger Spatzen", das am 2021/09/05 auf kuhlewampe.net erschienen ist.

Übrigens, liebe Leserinnen und Leser: Sabine Rahe ist nicht nur Poetin, sondern auch Designerin. Falls ihr schon lange überlegt habt, auch ein Buch herauszubringen, Sabine Rahe kann euch bei der Buchgestaltung beraten.

Dr. Christian G. Pätzold.


Sabine-Simmin Rahe
Schwarzer See


Der See so schwarz, so tief und still.
Er gleicht der dunklen Erinnerung.
Nur Schweigen steigt herauf von seinem Grund.
Das Wasser schwer. Kein Lüftchen weht.

Der Wald um seine Ufer steht.
Vor seinem Horizont die grüne Wand.
Er ist mit meiner düsteren Phantasie verwandt.
Es zieht darauf kein Schwanenpaar.

Kein Froschgequak.
Nur schwarz und tief und still.
Und lautlos jagende Libellen.
Und Mückenwolken sirren.


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2022/02/02

Klaus Wagenbach gestorben


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Klaus Wagenbach (oben links) und Mitarbeiter.


Dr. Klaus Wagenbach ist am 17. Dezember 2021 in Berlin mit 91 Jahren gestorben. Geboren wurde er 1930 ebenfalls in Berlin. Er war von den 1960er Jahren bis heute eine unübersehbare Größe in der westdeutschen linken Verlagsszene, und daher eine interessante Persönlichkeit. Ich bin Klaus Wagenbach nur sporadisch begegnet und hatte keine persönliche Beziehung zu ihm. Aber er hat mich inspiriert, über Verleger und Verlegerinnen mal etwas grundsätzlich nachzudenken. In meinem Leben habe ich bisher etwa 5 Verleger näher persönlich kennen gelernt und es hat sich in meinem Kopf ein Bild von einer typischen Persönlichkeitsstruktur festgesetzt (die nicht zu mir passte, deshalb wollte ich auch nie Verleger werden).

Etwas holzschnittartig lässt sich vielleicht sagen: Unabhängige Verleger:innen sind oft Einzelgänger und Individualisten, die als Egozentriker ihren sehr persönlichen Verlag betreiben und sehr genau wissen, welche Bücher sie verlegen wollen und welche nicht. Da sie viele Manuskripte zur Veröffentlichung angeboten bekommen, müssen sie vielen Autor:innen Absagen erteilen, was diese natürlich schmerzt. Ständig Nein zu sagen, können nicht so viele Menschen. Verleger:innen (wie auch Buchhändler:innen) sind auch oft gescheiterte Schriftsteller:innen, die es nicht auf die Reihe bekommen, ein komplettes Buch zu schreiben. Daher ist der Verleger oft mit persönlicher Tragik verbunden.

Hinzu kommt beim Verleger im kapitalistischen Buchmarkt ein gewisses Geschmäckle der Ausbeutung, denn der Verleger lebt ja von der Kreativität seiner Autor:innen. Der Autor oder die Autorin verdienen das Wenigste an ihrem Buch. Der größte Teil des Preises eines Buches geht an den Papierhersteller, den Drucker, den Buchbinder, den Verleger und den Buchhändler. Für die Autor:innen bleibt dann nur ein Krümel übrig, wenn überhaupt. Es gibt auch Verleger, die sehr gern Autor:innen verlegen, die schon 70 Jahre tot sind, denn dann brauchen sie ja kein Autorenhonorar mehr zu zahlen. Klaus Wagenbach jedenfalls hat betont, dass er einen ordentlichen Batzen an seine Autor:innen bezahlt hat.

Ich will die Arbeit des Verlegers oder der Verlegerin gar nicht klein reden. Verleger:innen haben immer viel zu tun: Sie müssen viel lesen und Entscheidungen treffen, welche Manuskripte sie verlegen, sie müssen die Manuskripte von den Autor:innen einsammeln, sie müssen die Manuskripte lektorieren, an die Textverarbeitung und die Druckerei schicken, die Druckerei und die Buchbinderei über die Verarbeitung des Buches instruieren, die fertigen Bücher an den Buchgroßhändler schicken, die Buchhändler:innen animieren, dass sie die Bücher im Buchladen auslegen und empfehlen, und sie müssen das Publikum zum Kauf des Buches anregen. Außerdem müssen Verleger:innen ständig den Buchmarkt im Auge behalten, zu den Buchmessen fahren, die Bezahlung von Rechnungen kontrollieren und noch vieles mehr. Verleger:innen haben immer viel Arbeit, und die Mühe wird nie weniger.

Früher war es für Autor:innen oft schwer, einen Verlag für ihr Buch zu finden. Heute gibt es aufgrund der Digitalisierung glücklicherweise die Möglichkeit des Self-Publishing. Im Internet sind einige Self-Publishing-Verlage zu finden, die die Herstellung, den Druck und den Vertrieb im Auftrag der Autor:innen übernehmen. Dadurch kann jeder Autor und jede Autorin ihr Buch selbst auf den Buchmarkt bringen. Und das nicht nur in gedruckter Form, sondern heute auch als preisgünstiges E-Book. Dadurch hat sich die Abhängigkeit der Autor:innen von den traditionellen Buchverlagen erheblich verringert.

Diese Dinge fallen mir ein, wenn ich das Wort Verleger höre, und es bildet sich ein bestimmter Menschentyp heraus, der Homo verlegerianus. Der Verleger hat seine inhaltlichen und kommerziellen Interessen, andererseits bedient er den Buchmarkt, der eine besondere Nachfrage hat, und so lebt der Verleger in einem ständigen Spannungsverhältnis. Die Leser:innen kaufen bevorzugt Bücher aus den Verlagen, die sie schon kennen und die einen Namen haben.

Warum Klaus Wagenbach ein so erfolgreicher Verleger wurde, hatte wohl mehrere Ursachen. Sein Vater war Bankfachmann, und so ist er wahrscheinlich schon früh mit dem kommerziellen Denken in Berührung gekommen. Außerdem durchlief er zwei gründliche Ausbildungen, eine Buchhandelsausbildung und eine Verlagsausbildung. Darüber hinaus hat er sogar noch Literaturwissenschaft studiert und über Franz Kafka promoviert, 1957 an der Uni Frankfurt am Main. Der Titel seiner Dissertation lautete: »Franz Kafka. Eine Biographie seiner Jugend 1883-1912«. Über Franz Kafka hat er später auch Bücher veröffentlicht. Klaus Wagenbach war also ein kompletter Intellektueller, der denken konnte und praktische Erfahrung hatte, und außerdem war er noch mehr oder weniger links eingestellt, was sehr gut zum Zeitgeist der 1960er Jahre in West-Deutschland und zur Jugendrevolte von 1968 passte. All das fügte sich so gut zusammen, dass es nicht besser für ihn laufen konnte.

Dass er in Berlin geboren wurde und aufgewachsen ist, war vielleicht der Grund, warum er im Herbst 1964 in West-Berlin seinen eigenen Wagenbach Verlag eröffnete. Zu dieser Zeit der Mauer und des Kalten Krieges kam nämlich keine Maus nach West-Berlin, um irgendetwas zu eröffnen. Nur die Kriegsdienstverweigerer flüchteten nach West-Berlin, weil es hier unter den Alliierten keine Bundeswehr gab. Darum gab es damals in West-Berlin viele hübsche junge Männer, aber kaum Mädels. West-Berlin war eine eingemauerte Stadt. Die westberliner Unternehmer hatten schon längst ihre Schäfchen in West-Deutschland, in Bayern oder in der Schweiz ins Trockene gebracht. Denn sie hatten Angst, dass sie von den Kommunisten in Ost-Berlin mit Hilfe der Sowjetunion geschluckt werden könnten. (Nach Ost-Berlin ist Klaus Wagenbach damals nicht gegangen, wahrscheinlich war ihm der Sozialismus dort zu unlibertär. Im Sozialismus ist der Verleger auch eine ganz andere Persönlichkeit.)

Wahrscheinlich hat auch Klaus Wagenbach nicht damit gerechnet, dass 1968 kommen würde. Durch das Revolutionsjahr wurde der linke und politische Wagenbach Verlag schlagartig berühmt. Wagenbach wurde zu einem wichtigen Verlag (oder sogar Sprachrohr?) der Studentenbewegung und der APO. Damals wurden unglaublich viele Bücher gekauft und gelesen, es gab zahlreiche politische Buchläden, die florierten. Bei der jungen Generation bestand in den 1960er und 1970er Jahren ein riesengroßes Bedürfnis nach sozialistischer Literatur und nach Informationen über sozialistische Bewegungen in der Vergangenheit, und Klaus Wagenbach konnte dieses Bedürfnis mit seinen Büchern wunderbar bedienen.

Wagenbach verlegte sehr viele relativ preiswerte Taschenbücher zur Politik und zur Geschichte, außerdem Bücher über Franz Kafka, Gedichtbände von Erich Fried und eine Reihe von italienischen Schriftstellern. Dafür wurde er wahrscheinlich 1988 zum Ritter der italienischen Ehrenlegion ernannt. Vielleicht auch, weil er die Toskana-Fraktion in der deutschen Linken begründet hatte. Es gibt ein Foto von ihm auf seinem Anwesen in der Toskana, auf dem er als toskanischer Bauer verkleidet ist.

Warum er später auch zum Ritter der französischen Ehrenlegion geschlagen wurde, weiß ich nicht. Jedenfalls wollte sich wohl die BRD nicht lumpen lassen und verlieh ihm erst das Kleine Bundesverdienstkreuz und dann das Große Bundesverdienstkreuz. Beide Auszeichnungen hat er angenommen, was für einen ehemaligen Linken schon verwunderlich ist. Vielleicht wollte er sowohl zum kapitalistischen Establishment der Bundesrepublik Deutschland gehören (Großes Bundesverdienstkreuz) als auch zum Anti-Establishment (macht sich gut als intellektueller Freigeist). Sehr schwer zu verstehen.

Die erste Frau von Klaus Wagenbach war Katharina Wagenbach-Wolff. Sie ist die Tochter des Friedenauer Buchhändlers Andreas Wolff, dem Besitzer von Wolff‘s Bücherei. Ich erwähne das deshalb, weil ich 1967 bei dem alten Wolff in Friedenau mein erstes Lexikon gekauft habe, das dtv-Taschenbuch-Lexikon in 20 roten Bänden, das damals ein Bestseller war. Das waren noch die alten Zeiten ohne Wikipedia. Ich erinnere mich noch gut an den Blick des alten Wolff, der wie ein grimmiger Wolf aussah. Heute heißt die historische Buchhandlung am Friedrich-Wilhelm-Platz »Der Zauberberg«.

Zunächst war der Wagenbach Verlag studentenbewegt als Kollektiv organisiert, aber das ging nicht lange gut. Klaus Wagenbach trennte sich von zahlreichen seiner Mitarbeiter und führte den Verlag alleine weiter. Seine ehemaligen Mitarbeiter gründeten daraufhin 1973 den Rotbuch Verlag, der 20 Jahre lang als kollektiver Verlag existierte. Aber 1993 wurde der Rotbuch Verlag verkauft und ist seitdem kein unabhängiger Verlag mehr und auch nicht mehr relevant.

Klaus Wagenbach hat Anfang der 2000er Jahre seinen Verlag in die Obhut seiner Frau Susanne Schüssler-Wagenbach gegeben. Der Verlag Klaus Wagenbach ist bis heute unabhängig geblieben, was eine große Leistung ist. Klaus Wagenbach hat einmal das Geheimnis verraten, wie ein kleiner, unabhängiger Verlag überleben könne. Man müsse, wenn man mal einen Bestseller habe, alle Fenster und Türen aufsperren und das hereinfliegende Geld in einem großen Sack sammeln. Oben auf den Sack müsse man gute Manuskripte legen, um neue Bücher zu produzieren.

Gibt es heute noch einen Verleger, der mit Klaus Wagenbach vergleichbar ist? Da fällt mir Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag in Berlin Kreuzberg ein. Aber er hat ein Buch über Berliner Friedhöfe geschrieben. Da war Klaus Wagenbach doch etwas lebenslustiger.

Zu seinem 80. Geburtstag 2010 hat Klaus Wagenbach ein Buch mit eigenen Texten veröffentlicht:
Klaus Wagenbach: »Die Freiheit des Verlegers. Erinnerungen, Festreden, Seitenhiebe«. Berlin 2010. Wagenbach Verlag.

Im Jahr 2014 erschien ein umfangreiches Buch zu 50 Jahren Verlagsgeschichte:
»Buchstäblich. Wagenbach. 50 Jahre: Der unabhängige Verlag für wilde Leser. Mit einer Chronik, Textauszügen aus den Büchern, Photos, Gedanken über die Zukunft und einer Liste aller erschienenen Titel«. Berlin 2014, Wagenbach Verlag.

Im Jahr 2018 brachte Klaus Wagenbach anlässlich 50 Jahren 1968 einige Neuauflagen von Rudi Dutschke, Peter Schneider, Ulrike Meinhof, Erich Fried und Peter Brückner heraus.

Klaus Wagenbach war eine der schillerndsten Persönlichkeiten der westdeutschen Kulturszene und Verlagsgeschichte in den letzten 60 Jahren, so viel kann ich glaube ich sagen. Vielleicht wird der Name Wagenbach noch ein paar Jahre oder sogar Jahrzehnte auf Büchern stehen. Aber der Wagenbach Verlag war so sehr Klaus Wagenbach, dass man das ohne ihn eigentlich nicht fortsetzen kann.

Dr. Christian G. Pätzold.

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2022/01/31

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2022/01/28

Stellungnahme der Linken zu 50 Jahre Radikalenerlass


"Der 28. Januar 2022 ist der 50. Jahrestag des so genannten "Radikalenerlasses". An diesem Tag verabschiedeten die Ministerpräsidenten der Länder 1972 unter dem Vorsitz von Willy Brandt den "Extremisten"-Beschluss. In seiner Folge wurden ca. 3,5 Millionen Bewerber:innen für den öffentlichen Dienst überprüft. Wer vom Verfassungsschutz als "Radikaler" oder "Verfassungsfeind" eingestuft wurde, wurde aus dem öffentlichen Dienst entfernt oder erst gar nicht eingestellt. Bundesweit wurden 11.000 Berufsverbotsverfahren eingeleitet, 2.200 Disziplinarverfahren geführt, 1.256 Bewerber:innen abgelehnt und 265 Personen entlassen. Betroffen waren vor allem Kommunist:innen, andere Linke und Gewerkschafter:innen. Die Berufsverbote stehen im Widerspruch zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz und den Kernnormen des internationalen Arbeitsrechts, wie die ILO seit 1987 feststellt. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte 1995 die Praxis der Berufsverbote. Das Aussprechen von Berufsverboten hat die Berufsbiographien vieler Betroffener nachhaltig geprägt. Und auch heute gibt es noch immer gelegentlich Fälle, in denen junge Kolleg:innen unter Druck gesetzt werden, weil sie systemkritisch sind.

Deshalb gibt es den Aufruf von Betroffenen, an der bundesweiten Unterschriftenaktion teilzunehmen.

Es ist an der Zeit:
1. den "Radikalenerlass" generell und bundesweit aufzuheben!
2. alle Betroffenen voll umfänglich zu rehabilitieren und zu entschädigen!
3. die Folgen der Berufsverbote und ihre Auswirkungen auf die demokratische Kultur wissenschaftlich aufzuarbeiten."


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2022/01/27

Schnee in Berlin


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21. Januar 2022, 14:22.
Es gab sogar etwas Schnee in Berlin, wenigstens für ein paar Stunden.
Fotografiert von Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/01/24

Heinrich Heine, Dichter, 1797-1856


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Heinrich Heine. Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim (1800-1882).
Öl auf Papier, 1831. Kunsthalle Hamburg.
Quelle: Wikimedia Commons.


Heinrich Heine
Deutschland. Ein Wintermärchen (1844). Caput I


"Im traurigen Monat November war's,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew'gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder -
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!

Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe -

Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfließen in Flammenbächen -
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!

Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte -
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte."

Das Wintermärchen von Heinrich Heine besteht insgesamt aus 27 Capita.
Und ist alles im Internet nachzulesen.


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2022/01/21

Diverse Personalia:
Neue Staatsministerin für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt


Das Personalkarussell hat sich gedreht. Prof. Monika Grütters (CDU), das Kaiserschloss in Berlin gebaut (für 700 Millionen Euro), Heimstatt der Kolonialverbrecher und des Völkermords, die preußische Monarchie verherrlicht, glücklicherweise endlich weg vom Fenster. Und die CDU-Fraktion ist im Deutschen Bundestag mit den Sitzen nach Rechtsaußen gerückt worden.

Mit Claudia Roth (Grüne) als Staatsministerin für Kultur und Medien kann es eigentlich nur besser werden. Na ja vielleicht. Na wenigstens etwas, sie hatte ja mal zu Urzeiten was mit Ton Steine Scherben zu tun. Alles ist relativ. Oder gibt es wieder nur dasselbe in grün? Am ersten Tag in ihrem Amt hat sie das Gorki-Theater in Berlin und das KZ Buchenwald besucht. Die fortschrittlichen Künstler:innen in Deutschland könnten mal etwas Förderung gebrauchen, nach Jahren des Boykotts. Immerhin verteilt die Kulturstaatsministerin ja einige Milliarden Euro. Fragt sich nur: an wen?

Für die auswärtige Kulturpolitik im Außenministerium, und damit zum Beispiel für die 160 Goethe-Institute im Ausland, sind jetzt die Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) und die Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik Katja Keul (Grüne) zuständig. Die Goethe-Institute im Ausland haben aber weniger mit deutscher Kultur, sondern mehr mit der deutschen Wirtschaft zu tun. Die deutsche Wirtschaft braucht pro Jahr dringend 100.000 zusätzliche ausländische Fachkräfte, um die demografische Lücke zu füllen. Die Arbeitskräftebeschaffung besorgen die Goethe-Institute mit ihren Deutschkursen.

In der Berliner Landespolitik bleibt weiterhin Dr. Klaus Lederer (Linke) Senator für Kultur und Europa. Das ist ein wichtiges Amt, denn in Deutschland ist die Kultur ja vorwiegend eine Länderkompetenz. Klaus Lederer hat die fortschrittlichen Künstler:innen in Berlin in den letzten 5 Jahren nur marginal gefördert. Die großen Millionenbeträge hat er aber für feudalistische Opernaufführungen ausgegeben. Na ja, 68 war er noch gar nicht auf der Welt. Andererseits hat er den eintrittsfreien Museumssonntag 1x im Monat eingeführt, das ist doch immerhin etwas. Aber dafür hat er sich 5 Jahre Zeit gelassen. Der eintrittsfreie Tag kam erst kurz vor der Wahl. Dieses Manöver war so durchsichtig, dass es ihm keine zusätzlichen Wähler:innenstimmen gebracht hat. In seinem Wahlkreis in Berlin Pankow 3 ist er als linker Direktkandidat für das Abgeordnetenhaus durchgefallen. Hat er sich für die nächsten 5 Jahre als Senator irgendetwas Progressives vorgenommen? Man hat noch nichts gehört, außer ein paar kostenlose Open-Air-Konzerte im Sommer zur Volksbespaßung. Andererseits muss man Mitleid mit ihm haben, dass er mit SPD und Grünen koalieren muss.

In der Presserklärung der Linken hieß es: "Am 20. Dezember 2021 werden unsere Senator:innen offiziell nominiert und sie werden ihre Ressorts mit progressivem Gestaltungswillen entschlossen ausfüllen." Progression und Fortschritt hört man gern, aber man muss erst mal sehen, wohin sie fortschreiten. Ist der Fortschritt eine Schnecke? Die Regierende Bürgermeisterin von Berlin wollte schon mal nicht mit den Linken voran schreiten, sondern hätte viel lieber mit der FDP koaliert.

Dr. Christian G. Pätzold.


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2022/01/18

Reinhild Paarmann
Die Schutzflehenden
(Die Schutzbefohlenen)

nach Aischylos und Elfriede Jelinek


Schuldlos schuldig als Flüchtling,
Häuptling, Däumling, die ling, ling, lings.
"Ich bin kein Flüchtling",
sagt eine Kroatin.
"Ich bin ich!
Wie heißt die weibliche Form von Flüchtling?
Woher kommst du,
wurde ich gefragt.
Aus dem Schoß meiner Mutter!
Ich will nicht immer Flüchtling spielen.
Duldung, was ist das?
Wer duldet wen?"
Anna Netrebko singt,
Störgeräusche für die Pause.

Flüchtlingshelfer werden zu Schleppern,
der vielsprachige Chor,
fünfzig Töchter des Danaos flohen aus Ägypten,
das Mittelmeer wird jetzt zum zweiten Toten Meer,
angeknabberte Leichen,
ein kleiner Junge an Land gespült,
Lastwagen geöffnet,
70 Tote darin,
mir fallen die Autos der Nazis ein,
in denen Juden vergast wurden,
Asylantenheime brennen,
wir lassen die Brandstifter ein
wie bei Max Frisch in Biedermann und die Brandstifter.
Streiten darüber, ob wir ein Einwanderungsland sind,
beruhigen unser Gewissen mit Kleiderspenden.
"Wir wollen kein Mitleid,
nur unser Recht!
Ihr habt uns zerstört mit euren Waffenlieferungen
und der kolonialen Ausbeutung!"
Wer befiehlt den Schutz?
Ich lege einen Link an. Ausländer.
Ja, wir sind alle aus Ländern.

"Du sollst im Schweiße
deines Angesichts einkaufen",
sagt der Kapitalisten-Gott.

Die jungen Leute Algeriens begehen
kollektiven Selbstmord,
sagt Boualem Sansal, der Schriftsteller,
denn entweder gelänge die Flucht
oder die Fische hätten zusätzlich Futter.
Ich stelle mir vor,
wie sie 2084 so groß werden,
dass man auf ihren Rücken
über das Mittelmeer laufen kann.

© Reinhild Paarmann, Januar 2022.
www.Reinhild-Paarmann.de

Das Gedicht ist mit Erlaubnis der Autorin dem Buch entnommen:
Lyrik-AG des VS Berlin (Herausgeberin): Ihre Papiere bitte! Gedichte zur Zeit.
Berlin 2020. Hirnkost Verlag.


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2022/01/15

Hagebutten


hagebutten
Fotografiert von Anonyma im Oktober.


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2022/01/11

Wolfgang Weber
Die Konferenz

Textetisch 02.06.2021 Thema Quintessenz


konferenz


Das Thema der Konferenz in Koblenz, hoch oben über der Konfluenz von Rhein und Mosel, war ein höchst komplexes.

Nichts weniger als die Quadratur diverser Kreise, Scheiben, Globen, Planeten, Monde und Trabanten sollte hier versucht werden, also ein äußerst ambitioniertes Unterfangen.

Es wurde ein Spagat von philosophisch-abstrakten, aber auch alltagstauglich-konkreten Fragestellungen versucht, teilweise mit beachtlichem Erfolg.

Eine Tour de Horizon beabsichtigte, Anregungen nachzugehen, kreuz und quer, in assoziativ-sprunghafter Herangehensweise wie:
• Transparenz und Konsequenz unter Beachtung der Tendenz zur Ambivalenz der Sentenz von der Vermeidung des allzu Offensichtlichen
• Differenzanalyse von Koexistenz, Opulenz und Abstinenz
• Interdependenz oder Äquivalenz von Resistenz und Delinquenz

Kurz gesagt, es ging um den Begriff der Quintessenz, der summa summarum alles bis dahin und auch in Zukunft Gedachten, Gesagten, Erwogenen, Verworfenen und wieder Aufgegriffenen.

Die legendäre, sagenumwobene Tagung fand im Lenz jenes fernen Jahres statt, unter essentieller Assistenz von Kreszentia, besser bekannt als Zenzi.

Sie war, das muss leider so deutlich gesagt werden, berüchtigt wegen ihrer furchteinflößenden Tendenz zur Nutzung ihrer grandiosen Intelligenz bis zur letzten Konsequenz.

Manche sagten ihr auch unangenehme Impertinenz und Indolenz gegenüber Prominenz und Aszendenz nach, im Rückblick erscheint das jedoch als üble Nachrede.

Ihren Familiennamen kannte niemand, es sei denn Lorenz. Da versagt nach so vielen Jahrzehnten jegliche Reminiszenz. Böse Zungen glauben gar an Demenz.

Dieser Lorenz war der Butler, der die Konferenz zusammenhielt. Er stammte aus Bludenz und beeindruckte die versammelte Luminiszenz durch enorme physische und geistige Präsenz.

Er besaß eine Lizenz für Konferenzorganisation, ausgestellt damals schon von Egon Krenz, ja der Mann hatte, wenigstens für kurze Zeit, seine Fans.

Bereits zu dieser Frühzeit der technischen Entwicklung besaß Krenz eine Lizenz für eine Frequenz im noch nicht erfundenen Fernsehen, ausgestattet mit höchster Fluoreszenz.

Manche glaubten nicht an die Existenz dieser Lizenz von Krenz. Wie auch immer, der omnipräsente Lorenz sorgte für höchste Effizienz der Konferenz.

Der fulminante Erfolg dieser auch als Rhein-Mosel-Treffen bekannten Konferenz inspirierte viele Jahre später womöglich zur Gründung des als Kultusministerkonferenz bekannten Gremiums.

Jedenfalls, wenn man der Sentenz vertrauen kann, die ein Stenz aus Lienz namens Vinzenz in Umlauf brachte: Koblenz als Blaupause für Think Tanks.

Es kamen Delegierte angereist im Benz, Ford Model T, natürlich schwarz, und anderen edlen Gefährten aus Florenz, Kamenz, Erkelenz, Bregenz und einer bis heute geheimgehaltenen Residenz. Darunter zahlreiche Prominenz und Hunde jeglicher Provenienz.

Anwesend waren einige Magnifizenzen und Exzellenzen, graue Eminenzen aus Graudenz(en). Manche gaben spontan Audienzen, es gab keine Grenzen.

Selfies wurden damals auch gemacht, lange bevor das Wort erfunden. Bevorzugt in Form von Zeichnungen und Skizzen, denn das Entwickeln von Filmen dauerte damals noch viel zu lange.

Was sie besprachen, war von höchster Stringenz und Selbstreferenz, gepaart mit Eloquenz von höchster Präsenz und Kongruenz.

Die Differenz zwischen Ambivalenz und Dependenz, gegenübergestellt der Aszendenz der Kompetenz war Ausgangspunkt für eine virulente, wenngleich inkohärente Kontroverse voller immanenter Spannung gepaart mit inhärenter Dekadenz.

In den Pausen dieser hochdurchgeistigten Konferenz strömten die Influenzer jener Zeit, Koryphäen allesamt der wichtigsten einflussreichen Disziplinen dieser Epoche, die hier versammelt waren, in den neben dem Auditorium gelegenen Salon.

Dort gingen manche in aller Seelenruhe ihrer Korrespondenz nach. Andere umlagerten den transparenten Flügel und verfolgten gebannt die Improvisationen eines absoluten Tastenvirtuosen über Themen und Begriffe, die die Gäste des Salons ihm zuriefen. Seine ausufernden Kadenzen sorgten so manches Mal dafür, dass die Pause der Konferenz länger andauerte als eigentlich vorgesehen.

Mit Hilfe einer Zeitmaschine gelang einigen der Sprung in ein viel späteres Jahrzehnt, so dass es ihnen möglich war, eines der Konzerte einer Band namens Quintessence zu erleben, deren Musik zwischen Progressive Rock, indischen Klängen und Esoterik oszillierte.

Die ausgedehnten suitenartigen Stücke dieser Gruppe machten ihre Musik bei aller Differenz durchaus der rhapsodischen Art des Salonlöwen am Flügel vergleichbar.

Die Zeitreisenden kehrten erst mit großer Verspätung in den ehrwürdigen Saal zurück, wo alle anderen schon lange auf ihren Plätzen saßen.

Sie schlichen auf Zehenspitzen herein, hatten aber im Grunde nicht viel verpasst, denn der Doyen der Konferenz war noch immer bei seinem allerersten in Thomas-Mannesker Manier verschachtelten endlosen Satz.

Von großer Bedeutung für den Erfolg dieser Konferenz war der geballte Sachverstand der Experten für Jurisprudenz, Independenz, Latenz, Resilienz, Kongruenz, Konfluenz, Konsistenz, Adoleszenz, Delinquenz und Koinzidenz, mit einem Wort: Quintessenz.

Betrachtet durchs Glas der Reagenz hatten einige Teilnehmer einen gewissen Hang zur Korpulenz bei aller Effizienz und Fluoreszenz, verstärkt durch die Speisen beim opulenten Büffet. Die meisten hatten eine Präferenz für Hausmannskost aus deutschen Landen, angereichert durch exotische Einsprengsel.

Am Katzentisch saßen diejenigen, die kein reguläres Ticket zur Beobachtung der Konferenz ergattern konnten, auf unbequemen eigentlich schon ausrangierten Sitzgelegenheiten.

Blickkontakt mit dem Podium der Experten gab es hier nicht, nicht einmal mit einem Fernrohr.

Hier ging es hoch her, große Anteilnahme an den auf der Konferenz verhandelten Themen, die Koinzidenz von Vehemenz und Inkohärenz der Aussprache führte oft zu erregten Diskussionen am Katzentisch.

Hier saßen auch die zahlreichen Hunde in der Runde inmitten der Rotunde. Die Underdogs vom Katzentisch hielten auch begierig Ausschau nach Programmheften und anderen Memorabilia, die im Auditorium oft achtlos liegengelassen wurden, und schenkten ihnen oft mehr Beachtung als diejenigen, die sie mal erworben hatten.

Manche fragen sich, wer jener Pianist gewesen mit dem einnehmenden Wesen.

Die einen sagen, Vinzenz Xavier Reuchlin, auch bekannt als VX Reuchl, Schlossherr an der Mosel auf Schloß Reuchlin unweit von Koblenz.

Andere meinen, sie sei extra für das Event von weither angereist, keine geringere als Lydia Erna Victoria Quintessentia Transzendenzia, ihres Zeichens Klaviervirtuosin aus dem Baltikum. Aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen wurde sie dazu genötigt, in Männerkleidung zu erscheinen.

Wie auch immer, die Quintessenz von der Geschicht: Traue niemandem nicht, auch wenn er noch so vollmundig spricht.

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Addendum 10/2021: Es gibt keinen historischen Kontext zu dieser (vollkommen fiktiven) Konferenz. Während des Schreibens las ich: Kazuo Ishiguro, Was am Ende des Tages übrig blieb. Butler und Konferenzen darin haben nichts mit meinem Text zu tun.

© Wolfgang Weber, Januar 2022.

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2022/01/07

Tagebuch 1973, Teil 55: Hyderabad/Indien

von Dr. Christian G. Pätzold


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Häufig in Indien auf dem Land anzutreffen: Der Pfau (Pavo cristatus).
Die Pfaue haben einen zutraulichen Charakter, ähnlich wie Hühner.
Foto von Amanda Grobe. Quelle. Wikimedia Commons.


1. November 1973, Aurangabad - Hyderabad, Donnerstag

Tagsüber waren wir noch in Aurangabad. Morgens hatten wir ein Gespräch mit dem Manager des Holiday Camp über seine Lage. Er sagte uns, dass er 700 Rupees im Monat verdiene und davon mit Frau und Kind nur schlecht leben könne. Eine 1-Zimmerwohnung mit Küche und Bad koste im Neubau 200 Rupees im Monat. Die Lehrer in der Highschool verdienten 300 Rupees. Seine Frau wollte jetzt dafür noch ein Examen machen. Das Durchschnittseinkommen dürfte in Indien eher bei 70 Rupees im Monat gelegen haben, was 60 Pfennig am Tag entsprach.

Die Männer in Indien, mit denen wir uns unterhielten, haben uns meist sofort gesagt, wie viel oder öfter wie wenig sie verdienten. Die niedrigen Einkommen und der geringe Lebensstandard waren ein großes Problem in Indien. Oft reichte das Geld nicht für eine ausreichende Ernährung. Den Frauen in Indien ging es wahrscheinlich noch schlechter.

Über Nacht sind wir mit dem Zug 3. Klasse im 2-Tier-Sleeper die 560 Kilometer von Aurangabad nach Hyderabad gefahren, was 13,50 Rupees (etwa 4 DM) gekostet hat. Das war die indische Großstadt Hyderabad, auch in Pakistan gibt es eine große Stadt namens Hyderabad. Im indischen Hyderabad sprach man überwiegend die dravidische Sprache Telugu.

2. November 1973, Hyderabad, Freitag

Wir hatten jetzt Nord-Indien verlassen und waren in Süd-Indien angekommen. Die Grenze zwischen Nord-Indien und Süd-Indien verläuft etwa parallel zur Sprachengrenze. In Nord-Indien sprechen die Menschen indoeuropäische Sprachen, wie zum Beispiel Hindi, Bengali, Gujarati oder Marathi. In Süd-Indien dagegen sprechen die Menschen dravidische Sprachen, wie zum Beispiel Telugu, Tamil, Kannada oder Malayalam. Damit hatte ich jetzt zum ersten Mal auf meiner Weltreise die indoeuropäische Sprachenwelt verlassen. Bisher hatte ich es mit Sprachen zu tun, die für einen Europäer einigermaßen vertraut klangen. Aber in Süd-Indien klangen die Sprachen schon ziemlich exotisch. Das war aber kein Problem. Zum Glück war Englisch in ganz Indien die Lingua Franca, das war ein Relikt der englischen Kolonialherrschaft, so dass ich mich mit den Gebildeten überall unterhalten konnte. Mit Englisch bin ich Anfang der 1970er Jahre fast auf der ganzen Welt klar gekommen und konnte kommunizieren. Nur in Mittelamerika und Südamerika habe ich noch etwas Spanisch und Portugiesisch gelernt. Das war für mich nicht schwierig, da ich von der Schule schon Lateinkenntnisse hatte.

In Hyderabad sind wir vom Bahnhof von einem Rikshawala zur India Tourism Development Corporation gefahren worden und haben danach im Tourist Hotel ein Zimmer für 14 Rupees bekommen. Ich habe ein Comic-Strip-Buch über Mahatma Gandhis Leben gelesen, das ich mir angeschafft hatte. In den Restaurants arbeiteten viele Kinder. 1 Glas Tee kostete 25 bis 30 Paise (8 Pfennig), Kaffee 40 bis 60 Paise (10 Pfennig). In Hyderabad gab es eine Wasserrationierung, das heißt nur 2x am Tag gab es Wasser, da in den vergangenen 2 Jahren eine große Dürre herrschte, so dass die Wasserreserven zur Neige gingen.

3. November 1973, Hyderabad, Sonnabend

Die Benzinpreise stiegen gerade um 1 Rupie pro Liter und die Motorrikshawalas wollten alle 50 Paise mehr haben. Ich habe eine Stadtrundfahrt mitgemacht und habe die Osmania University von außen gesehen. Dann bin ich die 480 Stufen zum historischen Golconda Fort hoch- und runtergestiegen, ohne etwas nennenswert Interessantes entdeckt zu haben. Meine Reisepartnerin hatte inzwischen eine Lehrerin von einem College kennen gelernt, die wir abends besuchten. Anwesend waren neben der Lehrerin ihre Mutter und ihre beiden Schwestern. Sie hatten köstliches Essen für uns alle zubereitet. Die Lehrerin wollte gerne ins Ausland und erzählte, dass das Leben für Frauen in Indien sehr eingeschränkt sei. So durften sich Frauen zum Beispiel nicht mit fremden Männern unterhalten.

In Hyderabad und im gesamten Bundesstaat gab es gerade eine Präsidentenherrschaft, der Ausnahmezustand war erklärt, es gab Unruhen. Die Menschen wollten eine Aufspaltung des Bundesstaates in Telangana im Norden (inklusive Hyderabad) und Andhra Pradesh im Süden. Das hing wohl auch mit der Sprache zusammen. Die Andhras im Süden sprachen reines Telugu, während die Telanganas im Norden Telugu mit starkem Urdueinschlag sprachen, weil dort viele Moslems lebten.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2022.


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2022/01/04

Tagebuch 1973, Teil 54: Aurangabad

von Dr. Christian G. Pätzold


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Der Kailash Tempel in den Ellora Caves nahe Aurangabad/Indien.
Fotografiert von Vyacheslav Argenberg. Quelle: Wikimedia Commons.


29. Oktober 1973, Bombay - Aurangabad, Montag

Tagsüber waren wir noch in Bombay. Morgens sind wir zur Streikversammlung der Seidenarbeiter in Goregaon, einem Vorort von Bombay, gefahren. Dort befanden sich auch andere Industrieunternehmen. Die Streikenden waren interessiert, etwas über die Situation der Arbeitenden in Deutschland zu erfahren, und so habe ich etwas über die Arbeitsbedingungen und Streiks in Deutschland berichtet. Es wurde gefragt, ob es in Deutschland überhaupt einen unterschiedlichen Lebensstandard von Arbeitern und Unternehmern gäbe. Das deutete darauf hin, dass sie die Lebensumstände der Arbeiter:innen in Deutschland wahrscheinlich eher für paradiesisch hielten. Das war aber nicht der Fall: Ende der 1960er Jahre hatte es in West-Deutschland eine große Wirtschaftskrise mit vielen Arbeitslosen gegeben.

Hier in Bombay gab die Gewerkschaft keine finanzielle Streikunterstützung an die Arbeiter, nur politische Hilfe. Die Gewerkschaft ließ fast alle Entscheidungen bei den Arbeitern. Zum Schluss haben sie Parolen gesagt und uns die Fabrik von außen gezeigt, mit einem Pappunternehmer vor dem Tor. In der Fabrik stand ein Lastwagen mit Polizisten. Mit Streikbrechern wurde privat abgerechnet. Hier war kein Hauch von Gandhis Non-Violence zu spüren. Das monatliche Existenzminimum wurde von der Regierung auf 180 Rupees für Arbeiter bezeichnet, was etwa 50 DM entsprach.

Mit dem Reisebus sind wir über Nacht die etwa 360 Kilometer nach Aurangabad gefahren. Dadurch hatten wir schon mal die Übernachtungskosten für eine Nacht gespart. Außerdem war nachts weniger Verkehr auf den Landstraßen. Der Moghul-Herrscher Aurangzeb (1618-1707) benannte die Stadt nach sich Aurangabad und machte sie zu seinem Regierungssitz. Von dort beherrschte Aurangzeb fast ganz Indien. Aurangzeb war ein Sohn von Shah Jahan, der das Taj Mahal in Agra bauen ließ, seine Mutter war Mumtaz Mahal. Er war ein gläubiger Moslem, der den Koran auswendig wusste. Bevor er an die Macht kam, hatte er allerdings vorsichtshalber seine sämtlichen Brüder töten lassen und seinen Vater ins Gefängnis gesperrt.

30. Oktober 1973, Aurangabad, Dienstag

In Aurangabad haben wir im Government Holiday Camp ein Zimmer für 15 Rupees bekommen. Dann sind wir mit dem Bus zu den berühmten Ajanta Caves (Die Höhlen von Ajanta) gefahren, die etwa 100 Kilometer von Aurangabad entfernt liegen. Dort sind 29 alte und große buddhistische Tempelhöhlen in den Fels gehauen, in denen Wandmalereien und Buddhaskulpturen zu sehen sind, die teilweise über 2.000 Jahre alt sind. Die buddhistischen Mönche wohnten damals auch in den Höhlen. Ich muss zugeben, dass die Kunstwerke wegen ihres Alters und ihrer Qualität schon erstaunlich sind. Die alten Germanen haben vor 2.000 Jahren noch keine Götterbilder aus dem Fels herausgehauen. Aber letztlich haben mich die Kunstwerke doch nicht sehr interessiert. Diese Kunstwerke sind wahrscheinlich eher etwas für Buddhist:innen und für spezialisierte Kunsthistoriker:innen.

Bei den Ajanta Caves haben wir uns mit einer US-Amerikanerin unterhalten, außerdem mit einem argentinisch-österreichischen Pärchen, das mit seinem BMW durch Indien fuhr. Am Abend sind wir im vollen Bus nach Aurangabad zurückgefahren. Wir hatten noch ein Gespräch mit einem indischen Bauunternehmer, der sagte, dass er in Deutschland gearbeitet habe. Er erzählte uns, dass ihm das Leben vermiest werde, weil er keinen Stahl und keinen Zement bekomme. Er wolle aber trotzdem in Indien bleiben, weil es sein Heimatland sei. Außerdem hörten wir noch, dass die Roteltourleute, die wir schon aus der Sowjetunion kannten, etwa 10x im Jahr im Holiday Camp auftauchten. Die Stadt Aurangabad war also ein etabliertes Touristenziel in Indien.

31. Oktober 1973, Aurangabad, Mittwoch

Ich habe das Bibi-Ka-Maqbara-Mausoleum in Aurangabad besichtigt, das eine verkleinerte Kopie des Taj Mahal in Agra ist. Es soll von Aurangzeb oder seinem Sohn in Auftrag gegeben worden sein. Das Bibi-Ka-Maqbara-Mausoleum soll etwa 700.000 Rupien gekostet haben, während das Taj Mahal in Agra etwa 35 Millionen Rupien verschlungen haben soll. Das Taj Mahal wäre dann 50mal teurer gewesen und ich bin eigentlich der Ansicht, dass das Taj Mahal auch 50mal schöner ist als das Bibi-Ka-Maqbara-Mausoleum. Das wäre ein Argument dafür, dass es sich nicht lohnt, in der Architektur zu sparen.

Anschließend sind wir zu den ebenfalls sehr berühmten Ellora Caves (Die Höhlen von Ellora) gefahren, die etwa 30 Kilometer von Aurangabad entfernt lagen. Es handelte sich um an die 30 öffentlich zugängliche buddhistische, hinduistische und jainistische Höhlentempel, die in das Felsmassiv hineingehauen wurden. Sie stammten aus dem 5. bis 11. Jahrhundert unserer Zeitrechnung und enthielten aus dem Fels gehauene Skulpturen und Wandmalereien.

Besonders berühmt ist der Tempel Nr. 16, der Kailash Tempel, ein großer Shiva-Tempel, der nicht in den Fels hineingehauen wurde, sondern von oben aus dem Fels herausgehauen wurde. Er ist mit vielen Skulpturen und Reliefs geschmückt. (Der Berg Kailash im Himalaja (Tibet) ist 6.600 Meter hoch und gilt den Hindus als Wohnsitz des Gottes Shiva und seines Gefolges.) Der Touristenführer hat uns eine erotische Darstellung gezeigt, die anscheinend bei den Touristen sehr beliebt war. Tatsächlich gilt der Kailash Tempel als die größte monolithische Felsbearbeitung der Welt. Ich muss zugeben, dass es sich wahrscheinlich um sehr bedeutende Kunstwerke handelte, aber mir haben sie nicht besonders viel gesagt. Das lag vielleicht daran, dass ich mich nicht sehr für Religionen und Götter interessierte.

Im höllisch teuren Touristenrestaurant habe ich eine Tomatensuppe für 3,50 Rupees gegessen, obwohl das Kilo Tomaten allgemein nur 50 Paisas kostete. Die hohen Preise waren wohl dadurch bedingt, dass ich hier an einem internationalen Tourismus-Hotspot war.

© Dr. Christian G. Pätzold, Januar 2022.

Zum Taj Mahal in Agra seht bitte auch die Tagebuchnotizen vom 2020/10/08 und 2020/10/11 auf kuhlewampe.net.


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2022/01/01

Willkommen zum neuen Jahr mit kuhlewampe.net !

von Dr. Christian G. Pätzold


Das Coronavirus-Jahr 2020 war ein Jahr der Angst. Alle hatten Angst, auf der Intensivstation zu landen und dort jämmerlich zu versterben. Denn es gab keine Medizin gegen das Virus. Auch das vergangene Jahr 2021 stand in der ersten Hälfte ganz im Griff der Pandemie, da zu Beginn nur wenig Impfstoff vorhanden war. Dann kam der Sommer und das Virus hatten weniger Verbreitungsmöglichkeiten. Insgesamt sind in Deutschland bisher weit über 100.000 Menschen an oder mit dem Virus gestorben. Besonders betroffen waren auch Menschen im Kulturbereich, die 1½ Jahre nicht arbeiten durften und keine Einnahmen erwirtschafteten, da die Kultur in den Lockdown geschickt worden war. Sehr viele Menschen haben ihre ohnehin prekären Jobs im Kulturbereich ganz verloren.

Die Pandemie hat auch kuhlewampe.net zu spüren bekommen, denn es gab kaum Ausstellungen oder Aufführungen, über die wir berichten konnten. Wir haben die Leere mit anderen Beiträgen überbrückt. Im Netz gab es mit der Zeit immer mehr kulturelle und künstlerische Livestreams und Videos. Auch persönliche Treffen mit Menschen waren oft nicht möglich. Viele kulturelle Initiativen und Locations haben die Pandemie nicht überlebt. Aber glücklicherweise hat kuhlewampe.net dank des Einsatzes der kreativen Mitschreiber:innen zusammengehalten.

Es war auch schwierig, mit Menschen zu sprechen, die eine FFP-2-Maske auf hatten. Erstens wurde die Sprache durch die Maske undeutlich und vernuschelt, und zweitens konnte man die Mimik des Gesichtes nicht mehr erkennen. Das war alles sehr unbefriedigend. Inklusive zermürbenden Gesprächen mit Impfgegner:innen. Man kann die Regierung für vieles kritisieren, aber man sollte sie richtig kritisieren, und nicht falsch, indem einem Wissenschaft und Wahrheit egal sind. Im Moment rollt die 4. Delta-Welle und die 5. Omikron-Welle der Coronapandemie und es ist nicht absehbar, wann die Live-Kultur wieder auflebt, vielleicht erst in 2 Jahren, sagen die Virolog:innen.

Das Hintergrundbild von kuhlewampe.net hat sich wie jedes Jahr im Januar gewandelt. Im vergangenen Jahr war das Gemälde »Il Quarto Stato« von Giuseppe Pellizza da Volpedo zu sehen. In diesem Jahr blüht dort die Felsenbirne (Amelanchier lamarckii) aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae): Die Felsenbirne hat das ganze Jahr über viel zu bieten. Im Frühjahr ist sie übersät mit hunderten feinen weißen Blüten. Im Sommer hat sie süße leckere Früchte. Im Herbst hat sie ein leuchtend rotes, spektakuläres Herbstlaub. Und selbst im Winter erfreut sie uns durch ihren grazilen Aufbau.

Ich möchte allen Kreativen sehr danken, die im vergangenen Jahr etwas zu kuhlewampe.net beigetragen haben: Wolfgang Weber, Ingo Cesaro, Prof. Dr. Rudolph Bauer, Markus Richard Seifert, Dr. Hans-Albert Wulf, Ella Gondek, Dr. Wolfgang Endler, Dr. Rudolf Stumberger, Andreas Wehr, Sabine Rahe und Reinhild Paarmann. Bleibt gesund !.


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